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Am Saum des Unversäumten

30.11.2025

τῶν δ’ ὅς τις λωτοῖο φάγοι μελιηδέα καρπόν
οὐκέτ’ ἀπαγγεῖλαι πάλιν ἤϑελεν οὐδὲ νέεσϑαι,
ἀλλ’ αὐτοῦ βούλοντο μετ’ ἀνδράσι Λωτοφάγοισι
λωτὸν ἐρεπτόμενοι μενέμεν νόστου τε λαϑέσϑαι.

Aber wer da gekostet des Lotos Früchte, die süßen,
will nicht Kunde bringen davon, nicht heimwärts mehr kehren,
sondern dort bei den Lotosessern will er stets bleiben,
um den Lotos zu pflücken, der Heimkehr aber vergessen.

Homer, Odyssee, 9. Gesang, 94–97

 

In Träumen irrest bang du umher
an potemkinschen Fassaden
unbekannter Städte,
durch Nebel fremder Sprachen
tastest vergebens du dich,
dem Hauch deines Mundes mißtrauend.

Aus dem Schalter des Bahnhofs
ertönt die Stimme der Sphinx:
„Wohin geht denn die Reise?“

Doch du weißt es nicht.
Kennst ihn nicht mehr,
der Heimatstadt trauten Namen.

In Wahrheit lebst du ja
schon lang nicht mehr dort.
Die trübe Woge deines Epos
spie an fremdem Ufer dich aus.
Da harrte deiner nicht Nausikaa.

Und jener Name ist wie eine blasse
Vignette am Rand von Traumnotizen,
ein Wasserzeichen auf dem Brief,
dem Niemandsbrief an keinen,
das manchmal vage schimmert,
hältst du ihn ins Gegenlicht
des Sonnenuntergangs.

In Wahrheit wärst du dort auch fremd –
fremder als Odysseus’ Weggefährten
auf der Lotosesser-Insel,
die nicht mehr wissen,
was Heimat ist und Vaterland.

Fremd auch dort und dort und dort,
was immer du am Schalter nennen magst,
ob Meßkirch oder Ilmenau,
Rom, Paris, Berlin.

Setz dich zu den Alten auf die Bank
am Saum des Unversäumten.

Denk dir, du drehtest langsam
die Lotosblüte in der Hand.

Eine Dohlenfeder tät es auch,
ein Zigarrenstummel.

Sieh die Häuserfronten rings
gleich Traumfassaden
oder eines stümperhaften Bühnenmalers
hohles Pappmaschee.

Laß Nebel um dich wallen.

Dunst der Muttersprache
kondensiert gen Abend
zu Tropfen Taus
von rätselhaftem Glanz.

 

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