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Aus den geheimen Aufzeichnungen des Hieronymus Bosch II

13.02.2016

Übertragen aus dem lateinischen Original

Gemeinheit und Grausamkeit sind die Krähen im Saatfeld des Menschen. Was die eine krächzt, krächzt die andere ihr doppelt nach.

Reißt du ihnen die weiße Gaze der Angst von den Gesichtern herunter, blicken dich Fratzen von Tieren und Dämonen an.

Kaum ist ihr Rücken frei, spucken sie aus und kreuzigen die Unschuld.

Verpaßt du ihnen einen Aderlaß und läßt das Gift der Grausamkeit mit dem Blut verrinnen, werden sie schlaff und süßlich und wollen wie Kastraten mit Engeln singen.

Die Frömmler sind verhinderte Mörder.

Die Hohepriester Satans verkünden die unbegrenzte Freiheit des Menschen. Aber siehe, kaum hat der Sklave seine Schlinge abgetan, würgt er mit ihr seinen Bruder.

Die Dummheit der Humanisten läßt sich vom Glanz der Augen blenden, aus denen ihnen die höhere Bestimmung des Menschen entgegenzublicken scheint. Doch wie erglänzen die Augen des Wollüstlings und des gemeinen Diebs, wenn sie ihre Taten vollbringen!

Die Würde und die Sanftmut sind göttlicher Abkunft. Sie ruhen auf dem Antlitz des Mannes auf dem Kreuzweg. Seine Züge sind schön vom stellvertretenden Opfer erhellt, seine Augen sind geschlossen wie die Blumen, die sich in der Dämmerung verschließen, doch die Blumen dieser Augen belebt ein inneres Licht, denn sie blicken zum Vater.

Die Macht geht unter an der Ausschweifung.

Die Priester der neuen Menschlichkeit und die Theologen der neuen Gelehrsamkeit sinnen darauf, im Garten Gethsemane mit den untreuen Jüngern ein Picknick zu veranstalten und sie mittels Minne- und Bänkelsangs vor dem Einschlafen zu bewahren. Und sie erwarten, daß der Dulder, der soeben vom Kelche des Martyriums gekostet, es ihnen danke.

Wer nicht vom heiligen Geiste empfangen hat, kann keine Frucht bringen, die beseligt und sättigt.

Narren, die da wähnen, der Garten der Lüste sei das Paradies und das Paradies der Garten der Lüste.

Es gibt nur eine Gleichheit der Menschen, die Gemeinheit. Nach dem Edlen aber trachten die wenigen, die der Passion des Herrn nacheifern.

Als geschähen die Erlösung, die Apokalypse und das Gericht nach dem gemächlichen Zeitmaß ihrer Sanduhren und Turmuhren. Jetzt werden wir erlöst, jetzt bricht der Weltenbau entzwei, jetzt tasten die Engel und Heiligen nach den hingestreckten Händen der reuigen Sünder, jetzt tut sich der Schlund der Hölle auf für den großen Rest.

Sündhaft ist das prachtvolle Handwerk der Maler, die kostbare oder schmutzige Phantasien pinseln. Groß und demütig vor dem Herrn das Werk jener, die malen, was sie geschaut und erlitten haben, die malen, was sie erlitten, und unter dem leiden, was sie gemalt haben.

Das Gedärm ist das Labyrinth der Seele.

Als das schöpferische Wort das Licht hervorrief, rief es auch die Finsternis hervor, und ihre Dämonen huben zu singen und zu tanzen an.

Die Freiheit ist ein gefährliches Gut, nur diejenigen, die sich selbst beherrschen, gehen an ihrer Verführung nicht zugrunde. Doch sich selbst Einhalt zu gebieten, wer vermöchte es ohne den Beistand des Trösters?

Die leuchtendsten Farben versagen vor dem Blitz der Wahrheit.

Die Klugheit der Menschen reicht bis zur Schwelle des Grabes.

Nur das Licht des Kreuzes hebt uns aus dem Leichnam, den wir zu Grabe tragen.

Sie reichen dem Bettler das Brot, doch selber betteln sie um das Preislied auf ihre große Tat. Den Irrenden nehmen sie auf in ihre Gemächer, doch erwarten sie von ihm seine Bewunderung und sein neidisches Starren auf die delikate Ausstattung ihres Boudoirs und die Pracht ihrer Teppiche und Gemälde.

Ich will mein Werk abtun und vernichten um der Gnade willen, als bescheidener Diener an Jesu und der Jünger Tisch den Kelch zu reichen.

Ich will mein Leben abtun und verleugnen um der Gnade willen, der Esel zu sein, auf dessen Rücken Jesus wieder Einzug hält in Jerusalem.

Ich will mein Werk abtun und verleugnen, um der Gnade willen, die Tränen vom Antlitz Satans zu küssen, der Christus als den Herrn erkennt, der da wiederkehrt auf den Wolken.

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