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Fremde Heimat

20.11.2022

Es schienen die vertrauten Wege, und doch
war alles wie im Traume fremd. Der Glanz,
der ausging von den Dingen, von den Farben,
er strahlte auf, verlosch und strahlte wieder,
als wogte er von innen, nicht als warmer
Widerschein der alten Sonne. Ich aber
schritt wie auf gespannten Häuten, die seltsam
gleich den Planken eines Schiffes bebten,
und sie schluckten jedes Schrittes Hall.
Da starrten kahle Äste in die Leere,
verschränkte Finger, Blut troff von den Nägeln,
und Früchte glichen Tropfen dunklen Bluts
wie Trauben in der Dämmerung der Reben.
Der Himmel war ein purpurfeuchtes Linnen,
Turmspitzen stachen Löcher in den Taft,
da wehten Fahnen, Wappen mit Emblemen
monströser Fabeltiere, Mädchen-Echsen,
Sphinxen mit zerquetschter Brust, Mischwesen
aus Tier und Blume, mit Blüten wedelnd
Kraken, aus geplatzten Knospen äugend
Embryonen. Da schwebten Pavillons,
wo Weise ihre dürren Bärte zupften,
auf Knochenpfählen über grünen Sümpfen,
woraus metallisch-blaue Flossen blitzten.
Die Wabenhäuser klebten eins am andern,
statt Scheiben sprühten kristallne Facettenaugen,
wie zerstückelt im Kaleidoskop
vergaß man, wer man war und was man wollte,
aufs glücklichste sich selbst entronnen,
und alle waren eins geschwisterlich,
doch mit sich selber unbekannt,
dem andern Spiegelbild, sich selber blind.
Vorm Duft der Ferne, Sternenbotschaft schützten
Schindeln von Krötenpanzern, Affenschädeln,
aus Toren glotzten Mäuler wie von Fischen,
die den Passanten seufzend in das Innre
sogen, und in Blasen aus sich stülpten,
doch umgewandelt, alte jung, und junge
alt, ja, Männer Frauen, Frauen Männer,
Thersites ein Achill, Achill Thersites.
Ich trat auch in der hohen Weihe Haus,
im Becken war das Wasser parfümiert,
da stand statt des Altars ein Quaderstein
aus schwarzem Onyx, darauf schimmerten
nicht edlen Weines Kelch und nicht Monstranz,
ein Schädel aber, den Rachen aufgerissen,
eines Krokodils, und dem Gebiß
hat Zahn an Zahn man Rosen eingesteckt,
der Priester kam, im bunten Flickenkleid
ein Gnom, sein Amen war ein dunkles Grunzen.
Mich aber riß ein Sturm durch öde Gassen,
in denen sich Verwesungsdüfte seltsam
mit dem süßen Hauch von Veilchen mischten.
Und die vorübergingen, mimten Puppen,
von unsichtbaren Fäden hin und her
gezerrt, kaum wehte sie mein Atem an,
ergoß ein Lächeln sich auf ihr Gesicht,
ein Glanz aus Wachs wie einer zarten Maske
leicht ablösbares Blatt, und Feuchte quoll
in Augenhöhlen, angstumwimpert. Da eilte
ich, ans Ufer zu gelangen, ein Rauschen
zog mich hin wie heimatlichen Stroms.
Schon schwappte mir das Wasser bis zum Knie,
da nahm ein Kahn mich auf, der Fährmann nickte,
und langsam glitten wir auf schwarzen Wogen
an jener Stadt vorbei, die schon im Dämmer
versank, die Wappen blaßten und das Funkeln
der Kristalle war erloschen. Da schwoll
wie aus dem Mund der Muschel säuselnd ein
Gesang, sirenensüß, sich wie ein Schleier
breitend über dumpfen Daseins Schlaf.
Und plötzlich, aufgepflanzt wie ein Gespenst,
stand dort im Uferschilf der zarte Knabe,
in einer viel zu großen Lodenjacke,
mit einer Mütze, filzig-grau, die riß
er jäh vom Kopf und winkte mir damit,
und winkte wirbelnd, wie man Abschied winkt
von einem lieben Gastfreund, und er rannte,
dem Kahn zu folgen, der die Mitte schon
des Stroms gewann und wie im Dunst ein Schemen
entschwand. Dann stand er still, ich hörte noch,
wie seiner Knabenstimme Silberfaden
sich in den Nebelvorhang des Gesanges
wand, da sah ich, kannte ich ihn wieder,
ich war es selbst, der Knabe aus der Stadt
am Fluß, und mußte lange weinen, weinen,
bis fremder Heimat Traumgesang erstarb.

 

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