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Neun Arten des Entschwindens

08.12.2016

I.

In dein Lieblingsrestaurant gehen,
dich an deinen Lieblingsplatz am Fenster setzen,
bedächtig die Speisekarte zur Hand nehmen
und die Augen schließen.
Und schwebst hoch im Ätherblau
und siehst fern unter dir die Erde, das Land,
den Fluß, die Stadt, den Entrückten dort
wie schlafend starr im Sessel lehnen,
du weißt, er ist tot und du bist
anders tot, anders lebendig,
welches Erbarmen erfüllt dich
mit jenem einsamen Menschen.

 

II.

Dich in das hohe Ährenfeld des Sommers legen,
geschlossenen Auges das Herz schlagen hören,
das im Rhythmus der wogenden Halme schlägt,
den Schlag des Herzens nicht mehr vernehmen,
das Herz hat aufgehört zu schlagen,
während die Ähren in dir weiterrauschen.

 

III.

Du gehst den alten Gartenpfad,
der Herbst riecht faulig aus dem Gras,
da kommt ein Kind zwischen den Stämmen hervor,
es summt ein Abendlied,
es geht an dir vorbei,
du bist es selbst, das Kind,
und hörst und siehst nichts mehr.

 

IV.

Sie streichelt deine Hand,
ein Duft schwebt aus dem Flaumennacken,
sie spricht dir von der alten Piazza
und der goldenen Stille südlichen Abendlichts,
du hörst sie schon aus so weiter Ferne,
wie das Zwitschern einer Lerche,
die hoch im Blau des Himmels steht,
deine Lippen fühlst du sich rühren,
doch weißt du nicht mehr, was du sagst.

 

V.

Du sitzt in der Küche und der Hahn tropft,
doch das Geräusch quält nicht mehr,
grüne Dämmerung hat dich eingeschlossen,
die Tropfen rinnen durch deinen Kopf,
ein jeder weilend mit einem Silberstreif,
sie rinnen am Schädelinnern,
wie am Brunnen damals,
war es am Rhein oder an der Mosel,
war es an der schönen Garonne,
sie sammeln sich in einem kleinen Becken,
wie in einem stummen Gegenmund,
und er füllt sich, füllt sich
wie mit Schluchzen,
nun ist er gefüllt,
nun ist er gefüllt.

 

VI.

Wieder sitzt du am Ufer des Rheins,
kindlich den Kopf im Gras,
und die Wellen kommen,
die Wellen gehen,
es schweigen die Wellen,
es singen die Wogen,
und du weißt nicht,
wächst in dir das Schweigen,
ebbt in dir Gesang,
wenn die Wellen singen:

„O komm doch heim,
zu Bruder Aal,
zu Schwester Welle,
hier nur findest du den Reim
auf deine Qual,
o komme, komm doch heim!“

 

VII.

Du liegst auf der Kirchenbank,
da schlürfen noch und husten Beter,
ganz ferne klirrt ein Weihrauchfaß,
ein Seufzen stirbt,
als wärʼs von einer Orgelpfeife
vergessner Hauch,
dann ist es still, so still,
du hörst die Kerzen am Altare leise zischen,
es stirbt das blaue Licht im hohen Fenster,
das Singen einer weichen Flamme
wickelt sich um deinen Leib,
dein Leib wird kleiner, schwindet hin,
du bist so still und federfein,
als schwebte dort ein Lichtfleck auf der Kirchenbank.

 

VIII.

Dort am Laacher See ist es Abend,
ein Nebelstreif über dem Wasser,
ein Schleier, schon vom Halse der Nacht gesunken,
du stolperst den Uferweg entlang
oder liegst endlich,
allen Gedanken abhold,
im sich dunkel regenden Schilf,
gluckst da noch eins im Schlick,
das zu dir will,
du, wende dich ab,
es ist noch Ferne genug,
es sind, die Versinken künden,
abendrötlich,
die Glocken sindʼs,
die heilig-dunklen,
sie rufen aus der Tiefe des Sees,
sie rufen dich,
sie rufen,
und du,
o bete ihnen entgegen.

 

IX.

Hoch überm Rhein, am letzten Sommertage,
sitzt du auf der Bank, du siehst es nicht,
das Schimmern, des Lebens dunkles Licht,
es ist in dir, des Wassers stille Sage,
der Kuckucksruf durchbrach des Herzens Wand,
es schneien am dunklen Lebensrand
aus Liedern Sapphos dir noch Blütenpollen,
des Lebens Liebe ist verschollen,
verklungen ist die blaue Klage.

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