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Sesam öffne dich

04.01.2026

Assez de lumière pour les uns et assez d’obscurité pour les autres,
pour que les élus soient illuminés et que les réprouvés soient aveuglés.

Klarheit ist genug, um die Erwählten zu erleuchten,
Dunkelheit genug, um die Verworfenen zu blenden.

Blaise Pascal, Pensées, Frag. 440/441

 

Wer vor einer Scheintür wartet,
einer Tapetentür
(die nur Dekor, Attrappe, Illusion),
und sagt: „Er wird bald kommen!“ –

der Fromme meint:
der Retter und Erlöser
(oder Rächer für alles Unrecht
in der Welt, besonders, was man
ihm selber angetan);

die Liebende:
der Geliebte
(der ihr des Daseins Leere füllt,
die Last ihr von der Schulter,
das Dunkel von der Seele nimmt) –

Der Dichter:
der Magier
(den schiefen Sinn ins Lot zu bringen,
die Warze aus dem greisen Wort zu brennen,
den Staub des Trivialen von Venus Lenden abzuwaschen)

hat, wer dies blind behauptet,
Unwahres ausgesagt?

Kann einer Falsches sagen,
dem die Möglichkeit benommen,
Wahres zu verkünden?

Kann man warten, hoffen
auf etwas, das unmöglich ist?

Und täte unverhofft,
auf wunderbare Weise
sich die Pforte auf,
wer immer aus ihr träte,
ob herrscherlich,
ob lieblich lächelnd,
einen Schlangenkopf am Revers,

das Unrecht bliebe
schmerzlicher nur fühlbar,
das Dunkel würde
dunkler noch erscheinen,
das starre Schiefe würde brechen,
die Schöne löste sich im Waschtrog auf.

*

Im Zwielicht scheinen wir zu wandeln,
mit offnen Augen träumend,
und jedes lichte Wort
wirft einen Schatten.

*

Mitten im monotonen Quaken
vom fahlen Neon-Mond erregter Frösche
am Teich des Schöne-Welten-Parks
hörst du einen Klang
von sonnengoldner Bronze,
wie einer Glocke,
die hinabgesunken.

Erzähl sie nicht, die wunderliche Mär,
sie hielten dich für einen Narren.

Sie würden dich vielleicht
zum johlenden Pläsir
der Aufgeklärten
als primitiven Dichter-Affen
in einen Käfig stecken,
nicht weit von jenem Teich.

Nein, halt sie dir vom Leibe.

Geh hin und lob
den abgeschmackten Singsang
als Kantate,
Bachs würdig,
höchst erlesen.

*

Durch die Tapetentür
tritt keiner ein,
und kein Bedrängter kann
hoffnungsbang dran klopfen,
daß ihm gütig werde aufgetan,
dem Elend zu entkommen.

Nur Dichtung kennt,
Kunst und Musik
ein „Sesam öffne dich!“ –

und der rohe Fels,
die graue Wand der Wirklichkeit
tut, ist die Stunde dir denn hold,
sich eine schmale Spalte auf,
und du entschlüpfst
in einem bläulich-rosa
Grottendämmerlicht.

Hüte dich, die Frist ist kurz,
schon verklingt die schöne Melodie,
schon blassen zarter Nymphen Wangen,
daß du zum Ausgang sputend
nicht werdest jählings eingequetscht,
wenn mit einem dumpfen Hall
die Wand sich wieder schließt.

 

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