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Idiotenstadl

03.10.2019

Der evangelische Pastor liegt auf dem umgitterten Bett und erzählt dem Psychiater der Klinik, in die er soeben zwangsweise eingewiesen wurde: „Plötzlich sitzt ein Schwarzer in meiner Küche und sagt, er möchte eine Kartoffelsuppe mit Einlage. Wie ist er hereingekommen? Ich glaube, die neuartige Matrix, die glücklicherweise vor einiger Zeit vom zentralen Ethikrat der Regierung zur Entlarvung der Ungläubigen, Zweifler und Defätisten in Auftrag gegeben worden ist, ging vorgestern online, und der schwarze Eindringling war eine neuro-digital gesteuerte Materialisation meiner unbewußten Ängste und bösartigen Antriebe. Aber bin ich denn ein Ungläubiger, Zweifler und Defätist? Gott bewahre! Aber doch hatte ich den unkorrekten und verwerflichen Impuls, den ungebetenen Gast ohne Federlesens hinauszukomplimentieren und mir die Suppe pharisäerhaft-alleinherrlich schmecken zu lassen; so habe ich den Strom abgeschaltet und die Leitung zu meinem Provider gekappt – da hat sich die sinistere Erscheinung ins vorgöttliche Nichts aufgelöst. Und wirklich, ich muß es gestehen, ohne die hungerstarren, meine erbärmliche Existenz vertilgenden Blicke des Schwarzen hat mir die Suppe wie einem unkeuschen Heidenkind ganz köstlich gemundet. So bin ich am Ende wohl, der pädagogisch heilsamen Wirkung des amtlichen Traum- und Gedankensimulators sei Dank, als unwürdiges Glied der Gemeinde und dumpfer Rassist bloßgestellt! Ich harre der gebührend harten Bestrafung durch die diensthabenden Organe. Seltsam, mich überkam auch gleich die Angst, weil ich dem schmählichen Wunsch nach unvermischt-kulinarischer Einsamkeit nachgegeben habe, würden mich Schergen wie die aus Kafkas Prozeß schon am nächsten Morgen aus der Wohnung abholen.“ Darauf sagt der Psychiater: „Wir haben sie doch abgeholt!“

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Ein fetter Finanzbeamter in hellblauem Seidenhemd und einem kolossalen Adamsapfel, aus dessen Auf- und Absteigen seine Worte hervorzuquellen scheinen, sitzt in deinem Wohnzimmer und breitet seine verfänglichen Unterlagen aus. Er trägt ein Toupet aus nikotingelben Strähnen, sein Schmerbauch wölbt sich über dem Gürtel. Er nimmt von Zeit zu Zeit ungescheut einen Flachmann aus dem speckigen Jackett und setzt ihn an die zittrigen Lippen. Sein dicker Penis zeichnet sich in seiner engen Hose deutlich ab, wenn er sich gelegentlich zurücklehnt und ungehalten gähnt. Plötzlich blickt er dich aus unendlich dumm-verträumten, blau-wässrigen Augen an und indigniert dich mit dem schonungslosen, unverblümten Bekenntnis, er fühle sich eigentlich als Frau, genauer gesagt als ein schon etwas welkes Mauerblümchen und ältliche Jungfer, die noch nie einen Mann erkannt hat (so biblisch weiß er sein Intimsten an den Mann zu bringen), und er wolle von dir als eine solche angesehen und angesprochen werden. O nein, du darfst nicht lachen, grinsen, losprusten; du mußt an dich halten und ihn auf sein Geheiß „Gnädige Frau“ und „Meine Dame“ nennen, widrigenfalls droht dir eine Anzeige wegen machistisch-übergriffenen Verhaltens bei der zu neuen Ehren gekommenen Sittenpolizei, Abteilung „Gender und Phobien“.

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Nicht mehr der Jüngste, akademisch honoris causa halbseiden bestallt, schütteres Haar, kurzsichtig wie ein Maulwurf, der lesekrank die Seiten in einem Abstand vor sich hielt, als würde er sie lecken, war er dem Wallen und Wogen, dem ozeanischen Fluten und Ebben ihrer großen, von blassen Venen marmorierten Brüste verfallen, womit sie ihn wohin immer sie wollte lockte; in das dämmernde Wäldchen, wo sie die fatalen Dessous-Sprenger wie ungeheure Schneebälle aus dem Halter rollen ließ, aber in seinen klammen Händen mochten sie nicht schmelzen, in das Strandhotel, wo er die sündhaft teure Suite, in der sie trällernd ihr Höschen verlor, im voraus bezahlen mußte, weil der Rezeptionist dem einen zersplitterten Glas in seiner Brille, auf die sie aus Koketterie wie versehentlich getreten war, mißtraute, oder in den Konzertsaal, wo sie bei der Nocturne ihm ihr betautes Auge wie eine süße Frucht aus dem Garten Eden neigte. Weil er tiefer atmete, wenn sie hingegossen neben ihm lag, zumal wenn sie schlief und ihr Mund nicht ihn in ausweglose Rätsel stürzende, reizend-überreizende Zweideutigkeiten preisgab, glaubte er, ohne sie nicht leben zu können, und weil sie ausgelassener und höher hüpfte, je mehr er lahmte und zögernder schlurfend sich durchs Leben schleppte, ihr Fleisch praller schien, je mehr er sich vegane Suppen löffelnd verzehrte, war sein Glück dunkel wie die Ringe um ihre Augen, wenn sie geruhte, nach mit Wildfremden durchtanzter Nacht ihn morgens neckisch mit einem Kuß auf den erschrocken zuckenden Fuß zu wecken. – Aber als sie ihren lockigen, von alpiner Sonne gebräunten Liebhaber mitbrachte und ihn aus jener Fassung brachte, die ihm die letzte Würde gegeben hätte, ihr nicht beim Liebesspiel voyeuristisch erhitzt und masochistisch verquält zuzuschauen, biß er ihr unwillkürlich in die Zunge, die sie ihm beim diesmal offenkundig nicht vorgespielten Höhepunkt hechelnd entgegenstreckte. Da schnellte sie empor, rannte zum Fenster, riß es auf und ließ die Inkarnationen seiner paganen Anbetung daraus baumeln, aus Leibeskräften schreiend: „Me too, me too!“ – Nein, sie wollte schreien, doch sie lispelte, lispelte.

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Alte Frau, gebeugt, gelber Pullover, roter Lippenstift, metallisch glänzender Stock, der Griff ein krummer Vogelschnabel aus Elfenbein, mit dem sie dir mitten auf dem Gehsteig vor den Augen fuchtelt und greint: „Ich sagʼs allen, sag allen alles und das eine keinem, soll mir einer kommen, der kriegt was ab, soll mir keiner kommen, der was kriegen will, das Haus da, ein Scheißhaus, eine Kloake, die da wohnen, Scheißkerle, ich kenn sie alle, mich kennt niemand, die Kirche da, eine Latrine, die da knien und singen, haben alle Würmer im Bauch, und sie beten und singen, um die Qual ihrer Bisse zu betäuben, zur Wache gehe ich, wenn die wieder hier herumlungern und mit mir beten und singen wollen, zur Wache, die kennen mich schon, und hören die mir nicht zu, dann geh ich zu einer anderen Wache, bis sie mein Anliegen ernstnehmen und ein Löschkommando schicken, damit es die Kloake und die Latrine mit klarem Wasser ausschwemmt und reinigt, was erlauben die sich, mit mir, einzig und allein mit mir, das laß ich mir nicht länger gefallen, ich nicht! Keiner soll mir wieder kommen und sagen, er sei der Heiland, und wenn er auf meinen Kopf seine Sprüche herabsäuselt, soll er nicht so tun, als hörten die widerwärtigen Bilder von verkohlendem Fleisch auf, in meinem Kopf zu flackern und die Gedanken wie Messer von innen an der Hirnschale zu kratzen. O dieses Schrillen und Schrammen, dieses Splittern und Knirschen, als würde ich langsam von innen zersägt und zerschlitzt! Dieser hundsföttische Messias hatte eine Fahne und stank aus der Hose, ich habe ihm den Schnabel meines Stocks in den Anus gesteckt, doch der liebe Gott, sein Vater, ist der hiesige Anstaltsleiter, der mir eine Maske aus Chloroform umlegen ließ, in der das verkohlende Fleisch verdunstete und die Messer schmolzen. Aber das Kratzen und Sägen hörte nicht auf, hört nicht auf. Nie wieder halte ich den Kopf hin, nie wieder soll ein Großsprecher darauf spucken!“

 

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