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„Liebes Schwesterherz“

17.10.2011

Aus den Briefen von Victor, des ukrainischen Burschen des Lagerkommandanten Johannes Gutschmidt

Liebste Schwester, wenn ich abends den Major gebadet habe, sitze ich oft in meinem Versteck. Das ist ein verfallener Pferdestall. Die Pferde haben sie schon alle geschlachtet. Er liegt neben dem Lagerschuppen. Von dort höre ich immer wieder ein schreckliches Winseln, gar nicht menschlich, wie von einem Tier, einer Katze oder einem Wolf, das man quält oder langsam erstickt. Manchmal ist es wie Röcheln, als ob aus der schwarzen Erde Blut quillt. Dagegen singe ich dann an mit unseren alten Liedern. Erinnerst du dich, Schwesterherz, wie du damals mit dem Blütenkranz im Haar getanzt hast, und ich habe gesungen, und Mama hat vor Freude in die Hände geklatscht? So singe ich, aber in mich hinein, und halte mir die Ohren zu, aus Angst vor dem Winseln und dem Röcheln da draußen.

Es ist doch derselbe Mond, der jetzt mich wie ein Flüchtling mit großen brennenden Augen besucht, ein Flüchtling, und ich habe keine Herberge. Derselbe Mond, den jetzt deine Augen schauen, und der von ihm beglänzte Schnee bedeckt hier die russische und dort unsere gequälte ukrainische Erde. Bette, Liebe, sanft deine sanften Blicke auf dieses Leuchten und denke nicht, was darunter liegt.

Gestern gab es Schüsse. Ich bin beim Kommandanten, und er schickt mich in die Küche, zu sehen, was da los ist.Wachsoldaten mit Gewehren standen da, viele, sehr viele Gefangene in ihren zerrissenen Mänteln, mit Lumpen die Füße umwickelt, drängten und stießen und schrieen. Alles gierte nach den großen Kesseln, wo sie das Essen mit Kellen verteilen. Stell dir vor, jetzt haben sie nicht einmal Schüsseln für die armen Kerle – die müssen ihre Mützen hinhalten, und wenn der Brei in der Hast danebenfällt, werden sie weggestoßen. Ja, da sind welche mit Peitschen, die knallen sie auf die Hände und ins Gesicht, wenn der Andrang wie von vor Hunger wahnsinnigen Tieren wieder losbricht. Die Schüsse sind gefallen. Ich weiß nicht, ob sie getötet haben. – Das Elend ist so groß, kein menschliches Herz ist so groß, es ganz zu empfinden. Kann Gott, unser Herr Jesus, der so viel gelitten hat, es empfinden?

Wenn das Winseln aufhört, krame ich oft in meinem Versteck die lieben alten Fotos hervor: Da stehst du wieder mit dem bunten Kopftuch vor unserer strohbedeckten Kate, und es ist Frühling und deine Augen reden mir von Liebe. Oder Vater, wie er in seinem bunten Kittel den Panjekarren zieht –  wie ein Ochs. Was haben die Russen uns angetan, als sie Vater abholten! Erst die Russen und jetzt die Deutschen! Und wie hatten wir gehofft, sie würden uns nach dem Schrecken und dem großen

Hunger bessere Tage bringen! Ach, wir sind doch bloß ein schwaches kleines Bauernvolk, für die Großen nur ein Stiefelknecht, eine Schmeißfliege, die man verscheucht!

Mein liebes Schwesterherz, es gibt in der Wildnis auch ein Gärtchen: Heute habe ich einen Freund gefunden. Ein russischer Künstler. Er macht so schöne Zeichnungen, von Bauern aus dem Dorf, von dem neuen Küchenmeister hier in Kritschew, dem Konrad, hat er eine gemacht – und schau mal, auch von mir. Ja, staune, meine Gute, so sehe ich jetzt aus. Erkennst du noch dein Brüderchen? Bin wohl etwas mager geworden, und in den Rock gehe ich zweimal rein. Und siehst du auch, was ich um den Hals trage? Ja, es ist der Rosenkranz, den du mir beim Abschied in die Hand gedrückt hast.

Liebste Schwesterseele, ich liege im Stall und schaue durch eine Luke in das Glitzern der Nacht. So fern über uns ist ein geheimnisvolles Licht ausgestreut. Sind es gefrorene Tränen oder die leuchtenden Blüten einer anderen Welt, die rein ist, nicht besudelt von Schuld? Bin ich denn ein Sünder, der die Schönheit des höheren Lebens mit den Augen der Seele gar nicht betasten darf? Ich habe zu essen, Schwesterherz, sei ohne Sorge. Mir gibt der Major immer gute Bissen ab. Ich ja, aber die vielen, die so vielen, die allzu vielen, die Gefangenen, sie hungern, und weil sie hungern, fluchen sie, verfluchen die Schönheit, das Leben, Gott den Herrn.

Heute kamen Polizisten in langen schwarzen Ledermänteln ins Lager. Sie haben scharfe Augen. Sie sehen, wer du bist, keiner kann sich verstecken. Und wen sie erkennen, der zittert. Wen sie erkennen, den stoßen sie mit den Gewehrkolben aus der Reihe und führen ihn ab. Ich habe gesehen, wie sie draußen vor dem Lager auf der Wiese die Leute zwangen, sich nackt auszuziehen. Wie haben sie sich geschämt, wie haben sie gebibbert in der schneidenden Kälte. Der Kommandant sagte: Er kann nichts machen. Das sind Juden. Und wie schlägt mein Herz, wie vor einem schwarzen Abgrund: Mein Freund, der Künstler, den haben sie auch geholt. Gott sei ihren armen Seelen gnädig!

Liebes Schwesterherz, unser Herr sagt, leben werden, die schon gestorben sind. Aber hier sind, die leben, als wären sie schon gestorben. Und die Sonne, die liebe Sonne, ist jetzt eine Todesfackel. Und brennt auch weiter in der tiefsten Nacht. Der Tod frisst wie das böse Tier der Apokalypse an den Gliedmaßen der Lebenden. Der Tod frisst sich mit dem scharfen Frost durch die Hände und Füße der Gefangenen, und die Gliedmaßen faulen. Die Gefangenen liegen auf nacktem Boden, sie sind in ihren Erdlöchern vergraben. Da sind sie aufgebahrt und tun bloß so, als würden sie atmen. Erinnerst du dich an die Erdhöhle, die wir gruben, damals in der Sommernacht, neben dem Kirschbaum im Garten, und die Kirschen leuchteten im Sternlicht wie kostbare Tropfen Bluts? Da haben wir unser Heiligstes vergraben, unsere Ikone, unseren Glauben. Den Glauben an die Auferstehung. –  Heute hat man Leichen ausgegraben: denen waren die Weichteile herausgesägt. Jetzt suchen sie nach den Kannibalen. Der Kommandant sagt, die werden erschossen. –  Ich weiß gar nicht mehr, wer nährt sich von was? Das Leben vom Tod, der Tod vom Leben?

Schwesterherz, es wird ja Sommer und im Lager wird der Geruch von Krankheit und Verwesung süßlich mit den hereingeschneiten Blüten. Geh doch jetzt abends für mich in unseren Garten zu den Fliederbüschen und atme den wunderbaren Duft ein – und dann denke in die Ferne, ins Ungewisse, denke an mich.

Heute Nacht rief der Kommandant nach mir. Er konnte wieder mal nicht schlafen. Wälzt sich wohl immerfort zwischen den Wogen, die das Gewissen aufpeitscht. Er hat ja am Tag gesehen, wie sie das schöne Minsk in Schutt und Asche gelegt haben. Da musste ich ihm ukrainische Lieder singen. Und ich habe gesungen, alles was wir Kinder gesungen haben, auch die Osterlieder. Ich habe lange gesungen, für dich, für Mama, für Vater. – Und schließlich ist er eingenickt.

Heute ist Sonntag und ich konnte mich wegschleichen zu unserem Dnjepr. Da bin ich hinausgeschwommen und hörte im Rauschen und Glucksen des Wassers deine liebe Stimme, wie du nach mir riefst, Schwesterherz. Dann bin ich getaucht und es war so still, wie damals in unserer Stube, wenn wir abends das Licht vor der Ikone angezündet haben. –  Da stieß ich plötzlich an etwas Weiches und erschrak, tauchte auf und sah wie ein Gespenst die Leiche eines jungen Mädchens auf dem Wasser treiben. Sie war ganz aufgedunsen, die Augen waren aufgerissen und der Mund so schief. Wie hatte ich Angst, das könntest du sein, Schwester! Da bin ich schnell ans Ufer, lief durch das Schilf, dass es meine Beine blutig riss. Du, zünde doch eine Kerze an vor dem heiligen Bild, Liebe, und bete für uns, dass wir uns wiedersehen.

Heute habe ich den feisten Major gebadet und seinen Schädel glattrasiert. Sein Leib glänzt und bläht sich wie eine Made, die im Speck versinkt. Was habe ich nicht alles schon für ihn gekocht. Braten und Fisch, Palatschinken und Spargel, Wildbret und Bratkartoffeln und die vielen Torten und Kuchen – alles schlingt er in sich hinein. Gestern fuhr er nach Charkow und nahm für unterwegs eine Riesenkeule Schinken mit.

Schwesterherz, hast du es schon bemerkt: Jedes Schicksal hat sein Tier. Die Gefangenen haben ihre Läuse – giftige Läuse, viele, sehr viele bekommen Flecken und Ausschlag von dem Gift, im Fieberwahn irren sie durchs Lager und halbtot schon schreien sie noch letzte Flüche den Lebenden nach. - Der Major hat seine Mäuse, oft höre ich es nachts rumpeln auf seiner Stube. Es ist kein Gespenst, nein, der hohe Herr geht seiner Jagdleidenschaft nach. Am Morgen erzählt er mir stolz, wie viele seiner Erzfeinde er wieder erlegt hat.

Der Kommandant isst nicht, weil er Hunger hat, Hunger haben andere. Schwitzend und bis ihm Tränen kommen schlingt er. Der Major isst für Großdeutschland, als würde es nur groß bleiben, wenn er mehr und mehr Fett ansetzt. – Oder muss er doppelt schaufeln, für sich und den Gewissenswurm in ihm, der unerlösbar ist wie die Schlange des Paradieses? Die kann ja nur ein göttlicher Fuß zertreten.

Es kam die Nachricht, dass Konrad an Typhus verstarb. Eine gute Seele. Vielleicht bekomme ich seine Bibel. – Jetzt verstehe ich, dass die Läuse kein Vaterland achten und der Tod die wahre Internationale ist, die die Völker eint.

Gestern fand ich beim Aufräumen eine dicke Wanze im Bett des Majors. – Wenn alles zerfällt, mitten im Rasen der letzten Schlachten, haben es sich die wahren Sieger schon gemütlich gemacht.

Liebste Schwester, alles ging sehr schnell. Das Lager wird aufgelöst. Tag und Nacht hörte ich das Grollen der näher rückenden Front und wusste nicht, soll ich mich freuen oder fürchten. – Gestern habe ich Abschied genommen vom Kommandanten, er stand schon vor dem Flugzeug, mit dem sie ihn rausholten. Eigentlich wollte ich ihm zum Andenken den Biberpelz schenken, damit er den Frost dieser Zeit nicht vergisst. Es waren doch schwere Schicksalsjahre, die uns festhielten, er auf dem einen, ich auf dem anderen Ufer. Habe es aber doch nicht getan. Er schaute schon wie abwesend, aber seine Händedruck war fest und warm. – Werde ich dich bald umarmen? Gehen wir dann ein Stück Wegs zusammen? Aber wohin?

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Diese poetischen Texte in der Form von Fragmenten fiktiver Briefe entstanden im Zusammenhang mit der Produktion des Radiofeatures „Verlaufsprotokoll einer Katastrophe – Aus dem Tagebuch eines Lagerkommandanten“ für den WDR 3 im Jahre 2009, hergestellt von Anja Krug-Metzinger. Das Feature fußt auf den minutiösen Aufzeichnungen des Tagebuchs von Johannes Gutschmidt, eines einzigartigen historischen Dokuments über das Kriegsgeschehen vor Ort. Der Historiker Christian Hartmann vom Institut für Zeitgeschichte in München hat sich dieses Dokumentes angenommen und es gedeutet. Christian Hartmann stand der Produktion des Features beratend zur Seite.

Major Gutschmidt, kein Nazi, sondern ein alter kaisertreuer Offizier, organisierte während des Ostkriegs in Polen, Weißrussland und der Ukraine für die deutsche Armee sogenannte Durchgangslager, in denen die Heerscharen der sowjetischen Kriegsgefangenen gesammelt, registriert und versorgt wurden. Von hier aus wurden sie zu anderen Lagern oder zur Zwangsarbeit nach Deutschland weiterverbracht. Hunger, Durst, Erfrierungen, epidemische Krankheiten, Entwürdigungen: Das waren die alltäglichen Schrecken. Obwohl Johannes Gutschmidt alles Denkbare unternahm, seine Gefangenen zu versorgen und medizinisch zu betreuen und bei guter Versorgungslage sogar viel an die Bevölkerung der umliegenden russischen und ukrainischen Dörfer, vor allem an die Kinder, abgab, blieb sein guter Wille gegen die Macht des Schicksals letztlich ohnmächtig und sein ganzes Wirken als Offizier verstrickt in die Herrschaft des verbrecherischen Regimes.

Victor ist der Bursche des Majors, der für sein leibliches Wohl sorgt, ihn bekocht und badet, rasiert und wenn es sein muss sogar in den Schlaf singt. Die Figur ist historisch belegt: Er stammte aus der Ukraine, der Vater wurde unter Stalin in den Gulag verschleppt. Die Briefe an die Schwester sind fiktiv.

Der erwähnte Konrad ist Konrad Jarausch. Er war ein feinsinniger Humanist und evangelischer Religionslehrer, der während seines Kriegseinsatzes in ein Durchgangslager (Dulag 203) versetzt wurde, das von Major Gutschmidt verwaltet wurde. Hier erlag er 1942 dem Fleckfieber, das schon zahllose Mitgefangene dahingerafft hatte. Jarauschs Sohn gab im Jahre 2008 zusammen mit Klaus Jochen Arnold im Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn, die Feldpostkarten seines Vaters unter dem Titel „Das stille Sterben“ Feldpostbriefe von Konrad Jarausch aus Polen und Russland 1939– 1942 heraus.

Anja Krug-Metzinger hat im Jahre 2010 für ARTE eine Filmversion des Stoffes unter dem Titel „Tagebuch eines Lagerkommandanten“ produziert.

Zum Radiofeature siehe: http://www.krug-metzinger.de/site/Tagebuch.html

Zu Konrad Jarausch siehe: http://www.sehepunkte.de/2010/09/15225.html

Konrad H. Jarausch, Klaus Jochen Arnold (Herausgeber): „Das stille Sterben“. Feldpostbriefe von Konrad Jarausch aus Polen und Russland 1939– 1942. Ferdinand Schöningh, Paderborn, 2008

Zu Christian Hartmann siehe: http://www.ifz-muenchen.de/christian_hartmann.html

Zur Filmversion siehe: http://www.krug-metzinger.de/site/Verlaufsprotokoll-einer-Katastrophe.html

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