Mystischer Nihilismus
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Einer sendet uns wiederholt zwei Dateien mit der Bemerkung: „Ich sende Ihnen ein paar Dateien.“
Hier dürfen wir vermuten, daß es sich um den Fehlgebrauch des Mengenbegriffs „ein paar“ handelt; ein eingefleischter Verschreiber („ein paar“ statt „ein Paar“) deutete auf den Fehlgebrauch des Begriffs „Paar“ hin, denn als Paare bezeichnen wir zwei durch irgendein Merkmal verwandte Zweier-Gruppen (wie 2 und 4 oder 4 und 16, die jeweils aus einer geraden Zahl und ihrer Potenz bestehen).
Einer sendet uns zehn Dateien mit der Bemerkung: „Hiermit sende ich Ihnen ein Dutzend Dateien.“
Es handelt sich offensichtlich um den Fehlgebrauch des Mengenbegriffs „ein Dutzend“. Denn daß sich der Schreiber hier verzählt haben könnte, wäre recht unwahrscheinlich.
Der Umstand, daß einer sich verzählt hat, ist wie jener, daß er sich verrechnet hat, kein Hinweis auf eine systematische Lücke oder eine kategoriale Schieflage in seinem Zahlverständnis, auch wenn sich die Fälle häufen, sondern auf ein mangelndes mathematisches Training.
Die Unfähigkeit des Mitglieds eines Amazonasstammes, keine größere Anzahl als die Anzahl der Finger einer Hand angeben zu können, und seine mathematisch eingeschränkte Fähigkeit, alles über die Menge von fünf schlicht „viel“ zu nennen, deuten dagegen auf eine systematische Lücke im Zahlverständnis hin.
Ein Scheckbetrüger, der entwendete oder gefälschte Schecks mit dem Namen des Betrogenen unterzeichnet, unterliegt keiner psychotischen Störung seiner Identität, sondern tut dies mit kaltem nüchternen Verstand.
In ähnlicher Weise handelt ein Heiratsschwindler, der, von kleinbürgerlicher Herkunft, sich einen Adelsnamen zulegt, um vor der Betrogenen zu imponieren, mag er auch an einer schon ans Krankhafte gemahnenden Neigung zur Selbstüberschätzung leiden.
Anders der berühmte Dichter im Turm, der seine auf Wunsch des Besuchers wie im Traum skandierten Gedichte mit dem Namen „Scardanelli“ unterschrieb und sie mit imaginären Orts- und Zeitangaben versah.
Hier deuten wir hinter dem seltsamen sprachlichen Gebaren auf einen tiefgehenden Riß in der persönlichen Identität.
Wußte aber Hölderlin in solchen Momenten nicht (mehr), daß er der Verfasser des „Hyperion“ und der Übersetzer sophokleischer Tragödien war? Oder hat er angenommen, daß der Verfasser des „Hyperion“ und der Übersetzer sophokleischer Tragödien ein gewisser Scardanelli sei?
Der Name „Scardanelli“ war für Hölderlin kein Pseudonym, hinter dem er seine wahre Identität auf ironische oder humoreske Weise verborgen hätte. So verpuppte sich der Dichter Fernando Pessoa hinter einer ganzen Reihe von geliehenen Namen, ohne seine wahre Identität bei ihrer Verwendung völlig preiszugeben.
Von einer extremen Störung des Bewußtseins sprechen wir im Fall des Psychotikers oder des Dementen, der auf seinen eigenen Namen nicht mehr reagiert oder sich für eine Person hält, die ihrer Umwelt dermaßen entfremdet ist, daß sie sich an die Identität der Angehörigen nicht mehr erinnern kann.
Hölderlin aber erkannte seine Umgebung und auch die Identität seiner Besucher, auch wenn er sie auf groteske Weise manchmal mit überhöhenden Titeln ansprach.
Rechtgläubige Christen wähnen sich ganz im Sinne der Zwei-Reiche-Lehre des Augustinus und Paulus aufgrund der Taufe und der Annahme eines heiligen Namens als profane Bewohner der bürgerlichen Welt und zugleich als Anwärter einer Wohnung in der zukünftigen.
Der vom Küchen-, Parfüm- und Fäulnisdunst der bürgerlichen Welt benommene Psychiater freilich kann nicht umhin, sowohl Hölderlin als auch dem Frommen eine schizophrene Bewußtseinsstörung zu attestieren.
Das aus der bürgerlich-profanen Welt der Zahlen und Daten, Bilder und Medien, der biographischen und historischen Benennungen herausgerissene Bewußtsein ist dieser Welt gleichsam in einer namenlosen Jenseitssphäre abhandengekommen, einer imaginären Insel gleich, die von den Wogen des Nichtwissens umrauscht wird oder denen des Wissens, daß es alle und alles vergessen wird und selbst im Begriff steht, von allen vergessen zu werden.
Der wirkliche Autor des Hyperion, der einer hohen Mission für das Heil der Menschheit zu erfüllen glaubte, verwandelt sich in den imaginären Autor namens Scardanelli, der hinter den ephemeren Gebilden der Turmgedichte unsichtbar wird und schon im Namenlosen versinkt.
Der Humanismus der Lessing, Herder, Kant, Schiller, der Glaube der Klassik an den sittlichen Fortschritt der Menschheit, hat sich beim späten Hölderlin schon in einen mystischen Nihilismus aufgelöst, jenen Abgrund, der die großen Programme engagierten Denkens und Dichtens verschlingt.
Poésie pure, wie sie Baudelaire anzielt und Mallarmé als ephemeren Schaum auf der Woge des Gedichts beschwört, kreist um nichts, will nichts verkünden, nichts moralisch, pädagogisch oder politisch bewirken, den Abgrund des Schweigens nicht mit Phrasen und Parolen füllen, sondern ihn in jedem Wort, in jedem Kern und Mark des Sinnes offenlegen, schwarz, alogisch, namenlos.
Mystischer Nihilismus: Prediger Salomo, Meister Eckhart, Blaise Pascal – ohne Gott.
Die Sonne des Logos taucht in eine Abenddämmerung, an deren Rand geisterhaft der schwarze Schaum der Nacht hereinsickert, von keinem Stern, von keinem Mond beglänzt.
Gemurmel wie von Schatten, namenlosen, dringt aus dem Schilf des Ufers, wo die Flut schon steigt.
Sinnlos, inmitten des Untergangs von Saat zu reden oder Ernte, von der Arbeit im Weinberg, da Fäule der Rebe Blattwerk übergraut; Untergang, vom Zeitgeist unter den grellen Flaggen der Perversion gleisnerisch als Übergang zur einen Menschheit verklärt, und habe sie auch die geistige Physiognomie debiler Mischlings- und Transgenderfratzen.
Keine Traube des Dionysos, die noch im Schmerzverlies des Dichter-Dulders gekeltert würde.
Keine Antigone, die den blinden Seher noch zur Entsühnung und Entrückung zum Hain und Heiligtum nach Kolonos führt.
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