Narrativer Zwang, narrativer Schwang
„Habe ich dir schon die Geschichte von dem Jungen erzählt …?
Der eine besteht aus drei oder vier Geschichten.
Der andere aus einem oder mehreren Dutzend.
Sie erzählen sie immer wieder.
Sie wissen nicht mehr, wann sie wem welche Geschichte wie oft erzählt haben.
Wenn sie dir die eine Geschichte schon fünfmal erzählt haben, sei getrost,
mir haben sie die andere Geschichte schon zehnmal erzählt.
Variieren sie ihre Erzählungen nach dem Prinzip variatio delectat,
damit die Wiederholung durch neue Reize gewinne
oder die eine oder andere abgescheuerte Ecke mit dem einen oder andern Kübel papierner Blumen belebt werde?
Wie die sentimental-verlogene Geschichte von dem Negerjungen,
dem Heilsbringer von jenseits der Wüste, welcher der Oma,
die sich treuherzig um ihn kümmerte,
mit seinen großen dunklen Kinderaugen
die rassistischen Vorurteile wegschmolz –
und plötzlich wurde aus dem Negerjungen ein behindertes Kind oder
ein lustiger Zigeunerbursche, der mit Flammen trickste …
Oder die sentimental-alberne Geschichte von dem zugelaufenen Hund,
der auch noch hinkte, um den sich das vernachlässigte,
auch noch geschlagene, am Ende mißbrauchte Kind
treuherzig gekümmert hat
und es fand wieder Mut und Freunde in der Schule –
und plötzlich wurde aus dem Hund ein Kätzchen
oder eine aus dem Nest gefallene Schwalbe …
Es ist da auch die Rhetorik gestanzter Floskeln und ganz abgemagerter Topoi,
mit der sie die Geschichten umgarnen,
an den Nähten, wo sie aufzuplatzen drohen, stopfen,
mit der sie glätten, abrunden und aufrunden.
„Habe ich dir schon die Geschichte von dem Jungen erzählt …?“
„Wer hätte gedacht …“
„Wer hätte gedacht, dass sich sein Leben noch einmal um 180 Grad drehen würde …“
„Das Kind war, wie alle Kinder sind …“
„Als wir noch jung waren …“
„Ja, im Alter sieht man die Dinge anders …“
„Ist das nicht seltsam … merkwürdig … bizarr … verrückt …?“
Nach dem fünften Mal, nach dem zehnten Mal
können wir es nicht mehr hören,
sind wir der Geschichte überdrüssig,
schalten wir auf Durchzug,
sind wir gekränkt oder empört
über solch eine Mißachtung unseres Erinnerungsvermögens …
Und doch brauchen wir diese Geschichten wie unser täglich Brot,
so sentimental, verlogen, abstrus, geleimt und gekünstelt sie immer sein mögen.
Wir wittern hinter ihrem Nebel aus Selbstgefälligkeit und dem Tabakrauch der Fabelei
die im Phantastischen und Pleonastischen zu den Höhen des Pelikon oder Parnass
aufflatternde Seele des Menschen.
Wir vermissten etwas schmerzlich,
wenn wir von einem auf den anderen Tag nicht mehr hören dürften:
„Habe ich dir schon die Geschichte von dem Jungen erzählt …?
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