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Philosophische Konzepte: Gemütsbewegung (Teil II)

26.11.2017

Betrachten wir folgende Reihe von Sätzen, in denen einer Person Lächeln als Ausdruck einer Gemütsbewegung zugeschrieben wird:

1.1 Er lächelte fröhlich, weil sie ihn zur Begrüßung umarmte.
1.2 Sie bemerkte die Unordnung in seinem Zimmer und er lächelte verlegen.
1.3 Während seines schlecht vorbereiteten Referats lächelten die Kommilitonen spöttisch.
1.4 Als er augenscheinlich merkte, daß sie das von ihm geschenkte Parfum aufgetragen hatte, lächelte sie verführerisch.
1.5 Vor dem Lächeln der Mona Lisa stehen wir wie vor einem anziehenden Geheimnis.
1.6 Als er ihr zum Abschied die Blumen überreichte, lächelte sie unter Tränen.

Die Beispiele belegen die Tatsache, daß ein Ausdrucksgebaren wie das Lächeln nicht immer eindeutig als Ausdruck einer spezifischen Gemütsbewegung wie der Freude zuzuordnen ist. So sind die Moll-Tonarten nicht auf den Ausdruck trauriger Empfindungen und die Dur-Tonarten nicht auf den Ausdruck fröhlicher Empfindungen festgelegt.

Das Ausdrucksgebaren des Lächelns ist, könnte man sagen, auf die Grundtonart des Gefühls der Freude gestimmt, doch kann es vielfach auf andere Gefühlslagen hin moduliert werden. Wir können nicht nur fröhlich lächeln, sondern auch spöttisch, verlegen, geheimnisvoll und sogar unter Tränen.

Entscheidend für das Verständnis des Gefühlsausdrucks ist die kommunikative Situation, in der er auftritt. Auf diese Weise kann Lächeln die kommunikative Situation öffnen oder schließen, wenn wir einen Freund treffen und ihn begrüßen oder ihn an der Bushaltestelle verabschieden.

Das eigene Fehlverhalten veranlaßt uns, Scham zu empfinden und diejenigen, vor denen wir uns schuldig fühlen, gleichsam durch ein verlegenes Lächeln zur Milde oder Verzeihung zu bewegen. Das Fehlverhalten des anderen reizt uns zu spöttischem Lächeln oder gar hämischem Grinsen, Ausdrucksformen, durch die wir den anderen beschämen wollen.

Dagegen scheinen die Gesichtsausdrücke, die wir Gemütsregungen wie Ekel, Wut oder Erstaunen zuordnen, keine so reiche Palette an Variationen wie das Lächeln aufzuweisen, haben sie doch nicht einmal eigene Namen.

Wir haben aber Namen für die wesentlichen Gemütsbewegungen wie Freude, Angst, Wut, Ekel, Erstaunen, Scham, Neid, Eifersucht und Grauen.

Woran mag es liegen, daß es in unserer Welt diese und keine anderen oder diese und nicht mehr und nicht weniger Gemütsbewegungen zu geben scheint? Oder sagen wir vorsichtiger, daß ihre Palette auf weniger als zehn Grundfarben begrenzt ist, wobei es auf eine mehr oder weniger nicht ankommt, so können wir vielleicht Neugier und Bewunderung dazugeben, können aber keineswegs Grundfarben wie Freude und Angst außen vor lassen. Ebenso bemerkenswert scheint uns die Tatsache, daß wir die Grundfarben der Emotionen (oder wie wir ohne Unterschied sagen, der Gefühle) nicht beliebig mischen können. Denn könnten wir von einer Mischung von Freude und Angst oder Ekel und Erstaunen oder Wut und Scham sprechen? Dagegen mag sich ein Gran Angst oder Freude in das Erstaunen mischen, ein Tupfer Wut in den Neid, ein Tropfen Angst in die Eifersucht.

Dagegen können wir im Zustand der Trauer über den Verlust eines uns nahestehenden Menschen alle möglichen Gefühle hegen – weshalb wir die Trauer wegen ihrer zeitlichen Ausdehnung nicht zu den Affekten rechnen, die sich durch die relative Abruptheit ihres Auftretens und ihr relativ rasches Verschwinden oder Erlöschen auszeichnen. Wir werden im Zustand der Trauer wohl einmal Anlaß zur Freude finden oder lächeln, gerade wenn wir an erfreuliche Erlebnisse mit dem betrauerten Toten denken. Doch pflegen wir in der Trauer keine Anlässe der Belustigung zu goutieren oder Orte lauter Ausgelassenheit aufzusuchen.

Trauer und Schüchternheit sind seelische Zustände, die die Eigenschaft von Neigungen aufweisen, etwas zu tun oder zu meiden, wie der Traurige die Neigung hat, sich zurückzuziehen, und der Schüchterne die Neigung, bei kleinen Unebenheiten der Kommunikation verlegen zu werden oder sich selbst bei einem leicht verzeihlichen Fauxpas zu schämen. Diese Abgrenzung gilt auch für Wut und Haß: Das Kind tritt aufgebracht vor Wut nach dem Stuhlbein, an dem es sich gestoßen hat. Der Misogyne haßt die Frauen, und diese eingewurzelte Haltung zeigt sich in seiner Neigung, bei näherer Bekanntschaft mit Vertretern des weiblichen Geschlechts sich durch verächtliche und herablassende Gesten, zynische Bemerkungen oder schlicht durch Kontaktvermeidung wie vor einer stetig lauernden Gefahr in die sichere Bastion seiner Einsamkeit zu flüchten.

Weder Name noch Sache oder intentionaler Gehalt (denn jede Emotion hat ein ihr zugeordnetes internes Objekt) der Gefühle und ihrer körperlichen Zeichen sind willkürliche Erfindungen oder sprachlich-kulturelle Konstrukte des Menschen. Die Namen der Gemütsregungen, die wir in allen Sprachen finden, können nicht durch Kennzeichnungen oder mehr oder weniger ausführliche Beschreibungen ersetzt oder definiert werden, in denen der zu definierende Begriff nicht ausdrücklich oder versteckterweise auftauchte: Können wir „lächeln“ beschreiben oder definieren? Können wir den Gesichtsausdruck der Wut oder des Ekels beschreiben? Wir können auf ein reales Gesicht oder ein Bild (ein Gemälde, ein Foto) zeigen, das diesen Gesichtsausdruck vorweist, oder wir können den Gesichtsausdruck nachahmen, um zu zeigen, was wir meinen. Wir können sagen: „Sein Gesicht hellte sich auf, seine Augen glänzten, seine Lippen traten unwillkürlich auseinander, als ihn die Freundin mit einer Umarmung begrüßte.“ Aber haben wir damit beschrieben und gesagt, daß er lächelte?

Gefühle oder Emotionen und ihr unwillkürlicher Ausdruck in Mimik und Gestik sind uns vom Schicksal, so zu leben, wie wir leben, vorgegeben. Diese Tatsache erweist sich auch an dem Umstand, daß wir die grundlegenden Gemütsbewegungen weder aufeinander noch auf andere Phänomene ableiten oder zurückführen können. Wir können nicht sagen, Angst sei der Grundton oder das Existential unseres Daseins, alle anderen emotionalen oder stimmungsmäßigen Stellungnahmen zur Welt und zum Mitmenschen seien Formen ihrer Abwandlung oder müssten vor ihr zurück- und in den Schatten treten. Ebensowenig ist hienieden alles eitel Freude, denn die Freude währt kurz, Gründe, sich zu ängstigen oder zu ärgern, bleiben nicht aus.

Dagegen können wir eine Art Fadheit, Blässe, Gleichgültigkeit und Indifferenz des Gemüts und der emotionalen Gestimmtheit feststellen, die sich im Formenkreis affektiver und psychotischer Erkrankungen zur Apathie, Antriebslosigkeit oder Lustlosigkeit (Anhedonie) auswachsen. Wenn die emotionalen Grundtöne herabgestimmt sind oder ausbleiben, wird das Leben farblos und verblaßt oder geht in ein gefühlloses Grau in Grau über. Daraus ist leicht folgern, daß die wahren Farben des Lebens von der Palette der Affekte aufgetragen werden.

Wir wollen die Vermutung aufstellen, daß die Bedeutung und die mehr oder weniger begrenzte Anzahl der Gemütsbewegungen die grundlegenden natürlichen und sozialen Situationen widerspiegeln, in denen wir der Welt und den Mitmenschen begegnen. Um diese Annahme zu stützen, betrachten wir die schon erwähnte intentionale Struktur der Sätze über emotionale Reaktionsweisen.

2.1.1 Der Gast freut sich über den freundlichen Empfang.
2.1.2 Der Dichter freut sich am stillen Blau des Himmels.
2.2.1 Das Kind ängstet sich vor dem kläffenden Hund.
2.2.2 Das Kind hat Angst vor der Dunkelheit.
2.3. Michael Kohlhaas ist wütend wegen des ihm widerfahrenen Unrechts.
2.4.1 Der Mann ekelte sich vor dem schlampigen Aufzug seiner Freundin.
2.4.2 Der empfindsame Mensch ekelt sich vor dem Unrat und der Rohheit des Lebens.
2.5.1 Die Frau staunte, weil ihr Mann sie am Hochzeitstag mit einem Geschenk überraschte.
2.5.2 Der Philosoph staunt angesichts des Daseins der Welt.
2.6 Adam und Eva schämten sich ihrer Blöße vor Gott.
2.7 Die arme Putzfrau beneidet die Dame des Hauses um ihre Schönheit und ihren Reichtum.
2.8 Der unscheinbare Mann ist grundlos eifersüchtig auf seine elegante Frau.
2.9 Dem Kind graute vor dem Anblick des toten Vaters.

Diese Sätze und ähnliche dieser Art mit Verben der Gemütsbewegung haben folgende einfache semantische Form:

SG: V (NL, T) O

Dabei bedeutet SG den Satz über eine Gemütsbewegung, V das Verb, das eine Emotion ausdrückt, N denjenigen, der Träger der Emotion ist, und dem wir die Orts- und Zeitparameter L und T beifügen, um den situativen Ort des emotionalen Vorkommnisses eindeutig zu bestimmen. Schließlich bezeichnet O das intentionale Objekt der Gemütsbewegung, das sowohl eine Person als auch ein Weltgegenstand sein kann. Wir haben uns bemüht, wo möglich neben dem sozialen und kommunikativen Bezug einen objektiven Gehalt in die intentionale Struktur der Sätze einzubauen, die von unseren wesentlichen Gemütsbewegungen reden.

Es ist augenscheinlich, daß uns viele Sätze über Emotionen durch die Charakterisierung der Situation, in der sie auftreten oder hervorgerufen werden, und durch die Charakterisierung dessen, der Träger der Emotion ist, über den Grund informieren, der das emotionale Vorkommnis erklärt. So ist der freundliche Empfang der Grund für die Freude des Gastes, der bedrohliche Hund und die hereinbrechende Dunkelheit der Grund für die Angst des Kindes, das erfahrene Unrecht der Grund der Wut des Michael Kohlhaas in der gleichnamigen Erzählung von Heinrich Kleist oder die als Demütigung erfahrene Armut und sozial minderwertige Stellung sowie die Häßlichkeit der Putzfrau der Grund ihres Neides auf die schöne und reiche Dame des Hauses.

Wir sagen zusammenfassend: Die Situation konfiguriert den kommunikativen Rahmen und Grund, in dem wir den Ausdruck der Gemütsbewegung verorten und aus dem wir ihn verstehen können. Dabei kann es sich um ein natürlichen Verhältnis der Beteiligten handeln wie bei dem Verhältnis der erfreuten Mutter und ihrem lebhaften Kind, dem Sensiblen, der sich vor dem Unrat ekelt, dem Knaben, der sich vor dem Hund oder der Dunkelheit ängstet oder dem Jungen, den ein Grauen angesichts der Leiche seines Vaters erfaßt. Oder es handelt sich um ein soziales Verhältnis wie dem Verhältnis von Macht und Unterlegenheit wie bei dem Rächer verlorener Ehre Michael Kohlhaas, der neiderfüllten, armen und häßlichen Putzfrau oder dem unscheinbaren Mann, der sich aufgrund seiner dürftigen Physis oder seines neurotischen Minderwertigkeitsgefühl anderen Männern gegenüber unterlegen fühlt und daher auf seine elegante Frau grundlos eifersüchtig ist.

Wir können auch umgekehrt folgern: Anhand der grundlegenden Affekte und ihres Ausdrucks verfügen wir über ein Muster der Klassifikation, nach dem wir die wesentlichen natürlichen und sozialen Situationen auffinden und bezeichnen können, die unsere Lebensform bestimmen. Aus diesem Grund haben wir die übliche Auflistung der Grundaffekte um den Affekt des Grauens ergänzt, kennzeichnet er doch unser primitives Verhältnis zum Tod und zum Toten.

Wir könnten von einer gewissen Mechanik der Nähe und Ferne oder von funktionalen Bezügen unseres emotionalen Erlebens sprechen, wenn wir bedenken, daß die wenigen positiven Affekte wie Freude und Staunen und ihre Eignung, Haltungen wie Zufriedenheit oder Bewunderung zu befeuern, uns Situationen eröffnen und Dinge oder Mitmenschen näherbringen, während die negativen Affekte wie Angst, Ekel, Scham oder Neid uns gleichsam auf uns selbst zurückziehen und von den Mitmenschen abwenden und distanzieren lassen. Diesen Umstand führen wir auf die Urspannung allen Lebens zwischen Geborgenheit und Bedrohung, Sicherheit und Gefahr zurück.

Die von Angst genährte Sorge um unser eigenes Wohl und das Wohl und die Sicherheit unserer Lieben ist der affektgebundene Ursprung der Kultur. So gaben uns die Bedrohung durch die Unbill der Witterung und die Heimtücke, Frechheit und Angriffslust der Diebe, Räuber und Vagabunden, aber auch der Neid der Nachbarn und Anrainer gute Gründe, uns eine sichere Zuflucht in den heimischen Wänden zu errichten und sie bei Gefahr unter Einsatz des eigenen Lebens und unter Androhung der Vernichtung des Lebens des Heimsuchers zu verteidigen. Hier, könnte man sagen, bewaffnen sich die guten Gründe zur Abwehr von Gefahr und zur Verteidigung der Angehörigen und des materiellen und kulturellen Eigentums mit den Affekten der Wut und des Zornes, denn ohne sie blieben wir stumme und wehrlose Opfer von feindlicher Nachstellung. Widerwille und natürlicher Ekel vor keimbefallenem Abfall und dem die materielle, rituelle und moralische Ordnung des Lebens bedrohenden Chaos haben uns Sauberkeit, Hygiene und Pflichterfüllung gelehrt, auf daß wir den physischen Unrat außer Haus und den seelisch-geistigen Müll aus dem Kopf entfernen.

Doch gewiß führt uns auf der anderen Seite das Erlebnis der Freude, bricht im Frühling das neue Leben im Licht der Blüten und des blauen Himmels, im hellen Klang der Vogelrufe und der Auferstehungsglocken in die dunklen Höhlen und Verliese unserer Betrübnis und bangen Verlorenheit ein, in die Weite und den offenen Horizont des Glücks hinaus – wie den bis zur Verzweiflung und Verzweiflungstat verdüsterten Faust in Goethes Drama der Gesang des Glaubens an das wiedergefundene Leben aus der stickig-dunklen gotischen Studierstube in die grüne Flur lockt.

Die Urspannung des Lebens zwischen Tag und Nacht, Licht und Dunkel, Geborgenheit und Gefahr ist uns durch das Schicksal, auf dieser Erde zu leben, vorgegeben, wir können sie nicht überwinden, nur mittels kultureller Hervorbringungen mildern. Deshalb gilt es vor allen säkularen Heilslehren auf der Hut zu sein, die mittels Umerziehung oder Umprogrammierung des alten Adam zu einem neuen, befreiten Menschen ein Paradies auf Erden anstreben, in dem grundlegende Affekte und Gestimmtheiten wie Angst, Wut, Scham, Neid und Eifersucht auf der Müllhalde antiquierter Verhaltens- und Reaktionsweisen entsorgt worden sein sollen.

Wer die Fühlungnahme der Gefahr durch die Angst nicht kennt, kommt in ihr um. Wer sich seiner Vergehen und seines Fehlverhaltens gegen seine Mitmenschen nicht mehr schämen muß, wird sich zum asozialen Parasiten auswachsen. In einer mit dem Messer der Gleichheitswut kurzgeschorenen Welt, die keinen Anlaß zu Neid gäbe, wären alle gleicherweise arm und antriebslos. Und wer nicht aus gutem Grund eifersüchtig wird, wenn die Freundin mit anderen herumschäkert, ist bald ein hilflos zappelnder Hanswurst der Liebe.

Doch mit dem funktionalen Bezug der Affekte können wir ihre Bedeutung für unser Leben nicht erschöpfen. Wir sahen ja, daß die kommunikativen und sozialen Situationen, denen sie die Farbe der Leidenschaft verleihen, ihrerseits in mehr oder weniger stabile und dauerhafte Strukturen eingebettet sind. Die Mutter und das Kind, der Liebhaber und die Geliebte, der Mann und die Frau, die beiden Freunde, die Kameraden eines Vereins, die Mitglieder einer Gemeinde – sie führen uns die auf Dauer angelegten sittlichen Bande oder Institutionen vor Augen, innerhalb deren Gefühle ihre fördernde oder hemmende, ihre gestaltende oder niederziehende, kurz ihre bindende oder auflösende Rolle spielen.

Das Band zwischen Eltern und Kind durchweben die Fäden mancher Affekte. Hat das Kind genügend Anlässe, sich über das Dasein und Wirken der Eltern, ihre Zuneigung, Pflege, Förderung, ihre Geschenke und Wegweisungen zu freuen, hat es Grund, die Überlegenheit und Autorität der Eltern neidlos zu bewundern und sich an ihren Stärken zu orientieren, gewinnt es Selbstsicherheit durch das rückhaltlose Vertrauen auf den Sinn seines Daseins, das die Eltern ihm schenken, so können wir im günstigsten Falle von den Grundlagen einer glücklichen Kindheit reden. Bevorzugen die Eltern ein augenscheinlich hübscheres oder begabteres Geschwister, wird das Kind bald von Neid angefressen. Verwehrt ihm die vom Vater drangsalierte oder verlassene Mutter gar die lebensgedeihliche Zuneigung und liebevolle Fürsorge, wird es bald Groll in sich hegen, der gegen unschuldige, aber schwächere Opfer, Tiere und Gespielen, in Haß und Gewalttätigkeit ausbrechen kann. Doch können auch Schicksalsschläge wie Armut, körperliche und seelische Krankheiten sowie der Tod des Partners die Eltern hart angehen und zernagen, sodaß ihr Vorrat an Güte und Zuwendung für das Kind bald zugunsten der Eigenliebe erschöpft sein und das Kind in einen seelischen Winter verschlagen werden kann. Das Gefühlsleben von Eltern und Kind gleicht einem alten Küchenofen, der wohlig wärmt, wenn der achtsame Erwachsene darauf achtet, Holzscheite und Kohlen nachzulegen, und bald versiegt und erkaltet, wenn dies nicht geschieht.

In der Liebesbeziehung sind die Erotik und mehr und mehr die auf Vertrauen bauenden Gesten und Taten der gegenseitigen Förderung und Fürsorge eine Quelle der Freude und der sich vertiefenden Bindung. Das Staunen über das Dasein des anderen, die Bewunderung für seine Vorzüge und Talente, die Freude an seinem Wohlergehen oder seinen Fortschritten bei der Aneignung von Fertigkeiten können den nicht ausbleibenden Mißmut über seine Nachlässigkeiten und Unarten, den Ärger an seiner Unpünktlichkeit oder seiner schlechten Laune einigermaßen austarieren. Doch wenn die Quelle der Freude mehr und mehr von Unachtsamkeit und Unduldsamkeit getrübt, wenn sie von Gehässigkeit und grundloser Eifersucht vergiftet wird oder man kalt und teilnahmslos nebeneinanderher lebt, scheint der unwiderruflichen Entfremdung kein Halt mehr geboten werden zu können.

In der Paarbeziehung gewahren wir, wie die Urspannung unseres Lebens zwischen Geborgenheit und Bedrohung, Sicherheit und Gefahr den positiven und negativen Pol bildet, durch welche die grundlegenden Affekte ihre Spannung erhalten. Sind sich die Partner einander eine Quelle der Freude und Lebensermunterung, wächst aus dem Humus des Vertrauens gleichsam der mächtige Baumstamm der Geborgenheit, unter dessen Laubdach sie Zuflucht vor allerlei Unbill des Alltags finden können. Kulturell naherliegender ist uns freilich das Bild des Hauses, in das sich das Paar vor den Gefahren der Welt und Umwelt zurückzieht – und es kann dies auch ein unsichtbares Haus, eben das Haus der geteilten Affekte und Haltungen sein. Nun wissen wir, daß ein Haus manches Unwetter abwehren kann. Doch gegen den Brand, wenn einer von innen zündelt, ist es nicht gefeit. Die Gefahren, die der Liebes- und Paarbeziehung aus nicht bewältigten Anfechtungen wie körperlicher und seelischer oder geistiger Krankheit, Verarmung und Verlust, Trauerfällen und Nachstellungen von Anverwandten, Untreue und Eifersucht entstehen, füllen viele Seiten großer und trivialer Romane.

Indes, sich vor den lauernden Gefahren der Paarbindung sichern und immun machen zu wollen, indem man die bindende Gewalt tiefer Gefühle erst gar nicht aufkommen läßt oder das Liebesbegehren als antiquierten romantischen Kitsch und bürgerliche Gefühlsfessel verketzert und von sich abschüttelt, weil es dem selbstherrlichen Dünkel kühler Kontrolle über alle Regungen des Lebens im Wege steht, heißt den Teufel mit dem Beelzebub austreiben. Wer aus der Quelle der Lebensfreude schöpfen und trinken will, muß sich hinabbeugen und einen kräftigen Schluck nehmen – und wenn er das Pech hat, sich zu verschlucken, darf er darum die Quelle nicht verfluchen.

 

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