Seria und Buffa
Die Megäre, des Mannes Nacht, klappert mit der Schere, klipp-klapp, welchen Faden möchte sie, schnipp-schnapp, wohl gern zerschneiden? Es kann betörend wirken, dieses Geräusch, dem von Grillen nicht unähnlich, umschnattert es die auf dem Bett Ausgestreckte. Doch ist die Schere in Wahrheit – die Zunge.
Die Welten des Mannes und der Frau bleiben getrennt, wie ihre Geschlechtsteile, bei allen ekstatischen Verrenkungen, nicht verschmelzen können – es sei denn, sie vereinige auf Geduld und Zeit das Kind.
Wenn sie nicht Liebe und Fürsorge bindet, schweißt sie Angst und Verdächtigung zusammen wie Pech und Schwefel.
Welch ein Volk in welch einer Dunkelheit der Selbstverleugnung, das mit der Wolke humanitärer Lügen zwittrige Kentauren zeugt!
Sie tanzen in Tierfratzen um die kunstvoll aufgeschichteten historischen Fäkalien, an deren Gestank sie sich zu ihren großen Taten inspirieren.
Das Verbot, das Kanzleramt mit einem Mann zu besetzen, wird in die Verfassung aufgenommen – scheint dies doch die beste Garantie gegen des Schnauzbartes Wiederkehr.
Sie verachten alles kultisch Gebundene und zeremoniell Verdichtete. Daher ihr Degout noch vor den letzten Resten und Fetzen des römisch-katholischen Prunks. Daher ihre Vorliebe für die spirituell und rituell leere Moschee.
Die ethnisch vorwitzigen Nasen der Volksgenossen werden in den Riten der großen Kasteiung gestutzt.
Wenn nach einer guten Nacht oder dem Zuspruch geistiger Getränke die seltene Empfindung in dir emporschwebt, du habest Frieden mit dir gemacht, wirst du gleich eines Besseren belehrt, sobald du dem ersten Besten begegnest, der das scheue Täubchen mit der Windbeutelei seines Geschwätzes verscheucht.
Er machte beim Vernehmen des Wortes der Schande den Eindruck, einen Anfall ungeheuren Gähnens unterdrücken zu müssen.
Sie haben die Kronjuwelen und die Monstranzen verhökert, sie haben den Zaster im Bordell oder im Casino verplempert. Ihre Visagen leuchten vor grenzenloser Selbstgerechtigkeit.
Es kam dem Reisenden so vor, als sei dies das passende Bild seines Lebens: Es husche an ihm vorbei wie diese Bilder von Land und Leuten an dem rasenden Intercity. Kein Gedanke daran, jemals in einer dieser Stummfilm-Landschaften sich niederlassen, mit einem dieser Stummfilm-Menschen in Kontakt treten zu können. Und dabei saß ihm im Zugabteil lange Zeit diese schöne Dame gegenüber, die sich vergeblich bemühte, seinem Blick zu begegnen.
Die Seele stirbt vor dem Körper.
Betrachten wir es wie ein Fest, zu dem du eine Einladung erhalten hast. Mit freudiger Spannung und hohen Erwartungen machst du dich auf und findest im Gastgeber und den ausgesuchten Gästen Unterhaltung, Anregung, Vergnügen. Dich umschmeicheln bald die Girlanden schöner Musik, bald die weichen Arme der Frauen. Und erst die drolligen Späße des Harlekins oder die radschlagenden Allotria des Narren, wie stimmen sie dich heiter, wie kannst du gelöst um dich blicken und lächeln! So werden deine Erwartungen erfüllt und übertroffen. Zu vorgerückter Stunde, wenn im großen Saal nur noch ein einsames Paar über das Parkett sich verlangsamende Kreise zieht, nimmt dich der Gastgeber beiseite und führt dich in eine düstere Bibliothek, in der alte Bücher ins Vergessen zu dämmern scheinen. „Hier finden Sie Ihr Buch, und in Ihrem Buch Ihren Satz, und in Ihrem Satz Ihren Sinn!“, so der alte Herr, sagtʼs und ist schon verschwunden. So bist du allein mit dir. Jetzt ist alle Musik verklungen, der Garten scheint im Licht des Trabanten zu ertrinken. Ist denn dies der Höhepunkt des Fests, allein zu sein unter so viel Büchern und das einzige finden zu sollen, das dich betrifft? Und wie du bist, stürzt du dich in das ausweglose Unterfangen. Du suchst und liest und die Zeit vergeht. Sind nicht schon Jahre vergangen? Hast du nicht etliche Sprachen mühsam erlernt, denn die Bücher sind von Autoren verschiedenster Zeitalter und entlegenster Regionen verfasst. Dann endlich, am Abgrund deiner Kräfte, deine Augen sind schon ganz schwach und du musst die Zeilen dicht vor sie halten, scheinst du in einem bescheidenen Büchlein ohne allen Prunk und Schmuck tatsächlich deine Geschichte und ihren Sinn gefunden zu haben, denn du liest darin eben von einem Menschen, der sich auf einem ausladenden Fest prächtig unterhalten weiß, bis er von dem verschmitzten Gastgeber die paradoxe Aufgabe erhält, seine nur ihn betreffende Geschichte in einer Bibliothek der hunderttausend Bücher zu finden, und der Tor stürzt sich in dieses unlösbare Unterfangen, ohne die Möglichkeit zu erwägen, dass jener Gastgeber, der Meister der Zeit, der Tod in seiner besten Maske ist und ihn mit der Aufgabe eines absurden Rätsels die geringe Zeit seines Daseins mit eitlem Wahn und albernen Allotria vergeuden lässt. Und schon bricht der Tag an, dein letzter Tag, und du verlässt reumütig das Gasthaus, um am Strand zu schlafen.
Die Präferenz für scharfe Gewürze ist ein Symptom abgestumpfter Zungen, die Präferenz für das Perverse ein Symptom abgestumpfter Seelen.
Es scheint so, als wären die antiken Völker der Weisheit, die Juden und die Griechen, für uns darum in ihren Sentenzen, Gnomen und allegorischen Erzählungen verstummt, weil wir selbst, in einem Tohuwabohu der Tagesrandnotizen und Zynismen schwankend, diese Bojen einer heilbringenden Orientierung vorsätzlich ignorieren. Uns mangeln die goldene Ruhe eines Pindar und die grüne Zuversicht des Psalmisten. Wir haben einen grundständigen Vorbehalt sowohl gegen die Wertschätzung des in seiner Fragilität anmutigen und von Großherzigkeit geadelten Schönen wie gegen das kindliche Vertrauen in die Obhut und Treue eines Gottes, der seine Engel auszusenden versprach, wenn die Stunde naht. Unsere allzu verletzten Seelen heulen auf, wenn von den Rosen Aphrodites, von den Engeln des Herrn die Rede ist, sie schreien „Lug und Trug!“ oder „Talmi und Ekel!“ Erst wenn wir dazu begnadigt werden, die schlechte Gewohnheit des Negativen abzuwerfen wie eine schrumpelig gewordene Haut, werden wir in der freien Schule der gereinigten Wahrnehmung lernen, die alten Bildnisse neu zu sehen.
Das Vergangene ist ein imaginäres Feuer, das weder wärmt noch zerstört. Das Zukünftige ist so vage und durchschimmernd wie die Seifenblase auf dem Löffel des Jungen, die gleich zerplatzt. Das Gegenwärtige indes ist eine sich immer weiter wegschiebende Grenze aus Leere und Luft.
Uns Kleinen bleibt das Jahr als großes Bild. So staunen wir in die Iris des Frühjahrs, tun uns gütlich am Gold des Sommerabends und strecken die Hand nach der herbstlichen Frucht. Winters hüllen wir uns in Schweigen.
Wir entsagen in stiller Betrachtung und bleiben gleichmütig, was immer uns der erdige Strom vor die Füße spült, Muschel oder Schädel, Kamm oder Fisch.
Wenn wir leer sind und ausgeräumt, wenn wir die Gespenster der Wollust und Angst, der Entrüstung und des Überdrusses aus der Kammer verscheucht haben, fassen wir uns wieder bei der Hand und schlendern am Ufer entlang, sorglos, was wir sagen, was verschweigen.
Da kommt noch ein Männlein des Wegs, ein mit goldenen Schokoladenorden dekorierter, pensionierter Zirkus- und Jahrmarktbudenzwerg, in grünen Batist gehüllt, mit einer Schärpe aus purpurner Seide, es spielt auf der Mundharmonika ein grässlich quietschendes Stück – wie es winkt, da wir schon vorüber sind, lange noch, als hätte der Kleine uns wiedererkannt aus einem Dasein, das wir einmal gelebt, sehr fern von hier.
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