Splitter in der Wunde Einsamkeit
Aus einer Ars poetica parva
Im weichen Dunst Erinnerung
ein dunkler Fleck am Horizont,
wie eine tote Robbe aus der Schar
des Proteus, die dort liegenblieb,
als gischtend der Hexameter
die grüne Woge um ihn schlang.
Im Schneegefild die schiefe Spur
des angeschossenen Wilds.
So geistert durch den Traum,
gleich einem Hinke-Iambus,
der Schwellfuß eines Schatten-Ich,
das im Blätterrauschen
goldener Ode eine Sänfte wähnt.
Nur immer ferner tönt das Laub,
wird fahler nur und grauer,
je atemloser es ihm tastet nach.
Mönch am Meer, Splitter
in der Wunde Einsamkeit.
Abgeschnittenes Lid,
sobald er in den Spiegel blickt,
den sinnloses Gelalle trübt.
Kein Engel wird ihn gnädig ziehen
über wüster Urflut Schaum
ins sanfte Licht des Chorgesangs.
Vom schwarzen Dunst zermürbt
versinkt er in der Dünung Schnee.
Ei, gesprenkelt gelb und rot,
im Nest zurückgelassen,
dem ungesagten Amen gleich,
kein Psalm, der’s ausgebrütet.
Die Vögel flogen jählings auf,
von Wohlgeruch gelockt,
als wehte Traum von Eden.
So fault verwaist das Wort,
wenn auch der Seele Nest
verdorrt mit kahlen Ästen
im Silbermond elegisch
ächzend lang noch schwingt.
Anmerkung zur Zeile „Abgenschnittenes Lid“:
„Das Bild liegt mit seinen zwei oder drei
geheimnisvollen Gegenständen wie die
Apokalypse da, als ob es Youngs
Nachtgedanken hätte, und da es in
seiner Einförmigkeit und Uferlosigkeit,
nichts als den Rahmen im Vordergrund
hat, so ist es, wenn man es betrachtet,
als ob einem die Augenlider weggeschnitten wären.“
Heinrich von Kleist
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