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	<title>Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung &#187; Philosophie</title>
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	<description>Gedichte, philosophische Essays, philosophische Sentenzen und Aphorismen, Übersetzungen antiker und moderner lyrischer Dichtung</description>
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		<title>Kleine philosophische Lektionen VIII</title>
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		<pubDate>Sat, 20 Sep 2014 09:17:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[gute und schlechte Gründe]]></category>
		<category><![CDATA[Motive]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Ursachen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Intentionale Zustände: Glauben (4), gute und schlechte Gründe, Motive, Ursachen Wenn du glaubst, dein Nachbar sei böse und suche dir zu schaden, kannst du, befragt, weswegen du dich zu solchen unerhörten Anschuldigungen versteigst, Gründe für deinen Glauben anführen. Du könntest dich darauf berufen, wahrgenommen zu haben, dass der böse Nachbar etwas Abträgliches über dich einem [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/kleine-philosophische-lektionen-viii/">Kleine philosophische Lektionen VIII</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Intentionale Zustände: Glauben (4), gute und schlechte Gründe, Motive, Ursachen<br />
</em><br />
Wenn du glaubst, dein Nachbar sei böse und suche dir zu schaden, kannst du, befragt, weswegen du dich zu solchen unerhörten Anschuldigungen versteigst, Gründe für deinen Glauben anführen. Du könntest dich darauf berufen, wahrgenommen zu haben, dass der böse Nachbar etwas Abträgliches über dich einem weiteren Mitbewohner zugeraunt habe; dass der böse Nachbar den Mülleimer auf gegen dich verwendbare Hinweise und Informationen unter die Lupe genommen habe; schließlich dass der böse Nachbar einen despektierlichen und verleumderischen anonymen Brief an deine Freundin geschrieben habe – die Handschrift weise ihn als Verfasser aus.</p>
<p>Um die Wahrheit herauszufinden, hilft es uns, zwischen guten und weniger guten oder schlechten Gründen für eine Annahme zu unterscheiden. Sich auf Wahrnehmungen zu berufen, die der Täuschung unterliegen und zudem von Dritten nicht nachvollzogen oder überprüft werden können, bietet nicht gerade die besten Gründen – du könntest dich verhört haben und der Nachbar hat vielleicht wirklich getratscht, aber nicht über dich; du könntest dich getäuscht haben und der Nachbar hat in dem Mülleimer nicht nach gegen dich verwendbarem Informationsmaterial gewühlt, sondern mit seinem Müll versehentlich ein wichtiges Schriftstück weggeworfen, nach dem er nun suchte.</p>
<p>Somit bleibt der Brief, ein Objekt, das auch Dritte wie ich inspizieren und als Indiz oder Beweisstück analysieren können. Sollte falls möglich eine kriminaltechnische Untersuchung auf dem Brief die Fingerabdrücke des Nachbarn oder eine genetische Untersuchung die DNA des Nachbarn oder schließlich eine graphologische Untersuchung die Identität der Handschrift des Nachbarn bestätigen, sagen wir: Du hast guten Grund zu der Annahme, dass dein Nachbar böse Absichten hegt und dir zu schaden sucht. Sollten sich alle drei Sachverhalte bewahrheiten, sagen wir, du hast die besten Gründe zu dieser alles andere als angenehmen Annahme.</p>
<p>Sollte sich durch die Untersuchungen und Analysen herausstellen, dass dein Nachbar nicht der Verfasser des gehässigen Briefes sein kann, ist dein Verdacht ihm gegenüber nicht bestätigt, wenn auch nicht widerlegt und gänzlich aus der Welt geräumt, denn der werte Nachbar könnte auch einen Vertrauten angestiftet haben, den Brief zu verfassen und abzuschicken. Sollten wir auch diesen weiteren Verdacht ausschließen können, wäre dein Misstrauen gegen deinen Nachbarn vielleicht nicht ausgeräumt, aber doch herabgestimmt. Allerdings wärest du bei weitem nicht aus dem Schneider: Denn hat nicht dein Nachbar den bösen Brief verfasst und an deine Freundin geschickt (aufgrund dessen verleumderischer oder auch wahrheitsgemäßer Hinweise dich deine Freundin verlassen haben mag), muss es ja einen anderen Menschen geben, der ihn geschrieben und abgeschickt hat und ergo böse Absichten gegen dich hegt und dir schaden will.</p>
<p>Wir finden demgemäß Wahrnehmungen und Objekte wie Spuren, Zeichen oder Gegenstände als Mittel, um unsere Annahmen zu bestätigen, zu widerlegen oder anzuzweifeln. Wir sagen, dass wir aufgrund einer Beobachtung annehmen, der Nachbar sei heute früher nach Hause gekommen. Wir sagen, der Nachbar scheide als Verdächtiger aus, weil die Analyse der DNA-Spuren seine Identität nicht bestätigt hat. Wir halten unser Urteil in der Schwebe oder enthalten uns des Urteils, wenn unsere Wahrnehmungen weder eine Annahme noch ihr Gegenteil bestätigen.</p>
<p>Nehmen wir an, dein Nachbar sei ein alter Freund, mit dem du einige schöne Reisen und manche Abenteuer erlebt hast, ein Freund, der dir schon einige Male aus der Patsche geholfen und dir in finanziellen und persönlichen Nöten seinen Beistand nicht verweigert hat. Nie würdest du einen Verdacht wider ihn und seine uneingeschränkt positive Einstellung dir gegenüber aufkommen lassen – und wenn ich dir mit meinen Verdächtigungen komme und davon berichte, deinen Nachbarn ungut von dir reden gehört zu haben, wischst du solche Bemerkungen unwirsch vom Tisch.</p>
<p>Wir sagen, dein Glaube, der Nachbar sei dein Freund und dir uneingeschränkt zugetan, speise sich aus dem Motiv der Freundschaft, die euch schon viele Jahre verbindet. Motive, etwas zu glauben, sind keine Gründe, etwas zu glauben – ja, sie können im Gegenteil das Wahre zu glauben verhindern.</p>
<p>Motive sind Antriebe, etwas zu tun. Es gibt gute oder mehr oder weniger gute und schlechte oder mehr oder weniger schlechte Motive. Meistens sind die Motive gut, die dich antreiben, das Wahre anzunehmen und danach zu handeln, und die Motive schlecht, die dich antreiben, das Falsche anzunehmen und danach zu handeln.</p>
<p>Wenn du trotz der gegenteiligen Gründe, die ich dir aufgezählt habe, weiter der Annahme anhängst, dein Nachbar meine es gut mit dir, handelst du, wenn du ihm stets freundlich und arglos entgegenkommst, aus einem schlechten Motiv, weil du das Falsche annimmst und danach handelst. Wenn du meine Mahnungen beherzigst und dich eines Besseren besinnst, indem du in Zukunft dich vor deinem Nachbarn in Acht nimmst, handelst du aus einem guten Motiv, weil du das Wahre annimmst und danach handelst.</p>
<p>Wenn du glaubst, dein Nachbar sei böse und suche dir zu schaden, kannst du befragt, weswegen du dich zu solchen unerhörten Anschuldigungen versteigst, Gründe für deinen Glauben anführen, die in einem Maße unser allgemeines Verständnis des sozialen Lebens und der Welt verletzen, dass wir geneigt sind, sie sinnlos und widersinnig zu nennen. Wenn du mir sagtest, du hieltest deinen Nachbarn für ein schädliches Individuum, weil er ein Zauberer und Hexer sei, der über magische Kräfte dank eines Teufelsbundes verfüge, würde ich diese Angaben nicht als Gründe gelten lassen, sondern mich um deinen Geisteszustand sorgen.</p>
<p>Freilich, lebten wir in Gegenden des südlichen Afrikas, wo der Glaube an Hexerei, Zauber und Magie weit verbreitet ist und die Hetzjagd auf Hexer, Zauberer und Magier oft tödlich ausgeht, würde ich die von dir genannten Angaben wahrscheinlich als plausible Gründe akzeptieren. Wir beide wären dann in einer finsteren Weltanschauung befangen, die uns zu falschen Annahmen über unsere Mitwelt und zu üblen Handlungen gegen unsere Mitmenschen veranlasste.</p>
<p>Wenn du glaubst, dein Nachbar sei böse und suche dir zu schaden, kannst du, befragt, weswegen du dich zu solchen unerhörten Anschuldigungen versteigst, Gründe für deinen Glauben anführen, die in einem Maße die Prinzipien der Vernunft verletzen, dass wir geneigt sind, sie sinnlos und unvernünftig zu nennen. Wenn du mir sagtest, du hieltest deinen Nachbarn für ein gefährliches Individuum, weil er zwar dem Anschein nach ein friedsames und verträgliches Leben führe, sein bösartiger Doppelgänger aber des Nachts umherschleiche und auf Mord und Gewalttat gegen dich sinne, würde ich diese Angaben nicht als Gründe gelten lassen, sondern mich um deinen Geisteszustand sorgen.</p>
<p>Wenn eine psychiatrische Untersuchung und eine Magnetresonanztomographie deines Gehirns zu dem Ergebnis führten, dass du an einer Psychose erkrankt bist und signifikante Areale deines Gehirns vom Normalzustand abweichende Deformationen und Fehlfunktionen aufweisen, würden wir diese Ergebnisse als Hinweise auf die Ursachen deiner wahnhaften Annahmen zu deuten verstehen.</p>
<p>Vergiftungen, die Wirkung von Drogen und Medikamenten oder Gehirnerkrankungen sind physische Ursachen, die uns zu Annahmen über die Welt veranlassen können, die vollkommen unbegründet sind. Wenn eine Erkrankung eines bestimmten Hirnareals die kognitive Fähigkeit einschränkt oder zerstört, Farbnamen und Farbwahrnehmungen korrekt zuzuordnen, wissen wir, dass der Patient bei Fehlangaben der scheinbar von ihm wahrgenommenen Farben kein Motiv und keinen Grund hat, die Unwahrheit zu sagen und das Falsche zu behaupten oder uns zu belügen. Denn Ursachen, die zu mentalen Prozessen führen, welche wiederum das Urteilsvermögen einschränken oder zerstören, sind weder Motive noch Gründe, etwas zu glauben.</p>
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		<title>Kleine philosophische Lektionen VII</title>
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		<pubDate>Sun, 14 Sep 2014 09:45:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Menschenfeind]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Reductio ad absurdum]]></category>
		<category><![CDATA[Wahrheit und Lüge]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Reductio ad absurdum (2), Menschenfeindschaft, ethischer Grund der Wahrheit, Lüge Du setzt dich ans Lenkrad des Autos, das dein Freund dir geliehen hat; ohne Zögern betätigst du den Anlasser und gibst Gas, auch wähnst du dich nicht in der Gefahr, die Bremsen könnten versagen. Du vertraust darauf, dass dich dein Freund nicht einer Maschine überlässt, [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/kleine-philosophische-lektionen-vii/">Kleine philosophische Lektionen VII</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Reductio ad absurdum (2), Menschenfeindschaft, ethischer Grund der Wahrheit, Lüge<br />
</em><br />
Du setzt dich ans Lenkrad des Autos, das dein Freund dir geliehen hat; ohne Zögern betätigst du den Anlasser und gibst Gas, auch wähnst du dich nicht in der Gefahr, die Bremsen könnten versagen. Du vertraust darauf, dass dich dein Freund nicht einer Maschine überlässt, die voll gefährlicher Mucken und Tücken steckt; du zählst auf die Zuverlässigkeit des anderen. Wenn du alle Eventualitäten bei dem Gebrauch einer dir anvertrauten Maschine oder eines aus dem Markt erstandenen Werkzeugs durch minutiöseste und skrupulöseste Prüfungen auszuschalten für nötig erachtetest, würdest du keinen Meter vorankommen und schließlich unverrichteter Dinge vor dich hinstarren.</p>
<p>Du setzt beherzt den Fuß auf den Zebrastreifen, auch wenn in einiger Entfernung ein Wagen oder ein Fahrradfahrer sich der Kreuzung nähert; du zählst auf die Rücksichtnahme und rücksichtsvolle Aufmerksamkeit von Autofahrer und Fahrradfahrer. Wenn du alle Unwägbarkeiten deines nächsten Schrittes in Betracht zu ziehen dich genötigt fändest, würdest du keinen Schritt weiterkommen und auf dem Fleck erstarren.</p>
<p>Du vertraust auf die Echtheit des Geldes, das man dir herausgibt. Wärest du von unheilbarem Misstrauen hinsichtlich der Echtheit aller dir dargebotenen Scheine und Münzen vergiftet, müsstest du aus dem Markt der Güter und des Verbrauches ausscheiden und am Ende körperlich zugrundegehen.</p>
<p>Du zählst auf das Wort, das der andere dir gibt. Wärest du von unheilbarem Misstrauen hinsichtlich der Glaubwürdigkeit, Ehrlichkeit und Redlichkeit all deiner Mitmenschen vergiftet und sähest in jedem nur den Lügner, Betrüger und Aufschneider, müsstest du aus der Gemeinschaft der Rede ausscheiden und am Ende seelisch zugrundegehen.</p>
<p>Der Menschenfeind ist sowohl unvernünftig wie bösartig: Er verweigert aus Hass oder Trotz, aus Wut oder Verzweiflung die Teilnahme am menschlich-allzumenschlichen Sein, in dem uns die gemeinsamen Maßstäbe der Metrik und der Ethik bereitliegen – und durch treuhänderisch gepflegte Traditionen von Generation zu Generation übermittel werden. Sicher finden wir zu neuen Ländern neue Wege; indes müssen auch die neuen Maße zu den neu zu vermessenden Sachen passen wie der richtige Handschuh zur richtigen Hand.</p>
<p>Weil der Misanthrop aus missverstandener Ehre nicht alles selbstherrlich dekretieren kann und sich durch Maßgaben und Gebote gedemütigt fühlt, die er nicht selbst erschaffen hat, verwirft er alles menschliche Maß und den ethischen Grund der Wahrheit, er versteigt sich ins Dämonische und Übermenschliche – von wo man ihn am Ende als hilfloses Bündel voller Ängste und Wahnvorstellungen ärztlicher Fürsorge übergeben muss.</p>
<p>Wer lügt, muss vorgeben, die Wahrheit zu sagen. Darin zeigt sich der ethische Grund der Wahrheit.</p>
<p>Wer lügt und den Sprechakt der Lüge mit den Worten „Was ich jetzt sage, ist eine Lüge“ einleitete, würde die Absicht zu lügen zunichtemachen – denn ihm würde nicht geglaubt. Darin erweist es sich, dass das genuine Ziel der Rede darin besteht, den Hörer dahin zu bringen, das Mitgeteilte zu glauben – das Gehörte zu glauben aber setzt voraus, es als wahr anzunehmen.</p>
<p><em>Prämisse 1:<br />
</em>„Was ich im Folgenden sage, ist eine Lüge.“</p>
<p><em>Prämisse 2: </em><br />
„Ich kenne das todsichere Rezept für ein Glück ohne Reue.“</p>
<p><em>Folgerung:<br />
</em>„Ich behaupte, das todsichere Rezept für ein Glück ohne Reue zu kennen, kenne es aber nicht.“</p>
<p>Wenn Prämisse 2 aufgrund von Prämisse 1 unwahr ist, folgt daraus, dass der Sprecher im Gegensatz zu seiner Behauptung das, was er zu wissen vorgibt, in Wahrheit nicht weiß.</p>
<p>Lügen beruht demgemäß auf der absichtsvollen und also tückischen Verschleierung der Inkonsistenz der Annahmen des Lügners. Die Lüge ist moralisch verwerflich, weil sie das genuine Ziel der menschlichen Rede verwirft und verfehlt und den Hörer absichtsvoll in die Irre führt – dabei und dadurch kann er in vielfachem Sinne vom Wege abkommen.</p>
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		<title>Kleine philosophische Lektionen VI</title>
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		<pubDate>Wed, 10 Sep 2014 16:57:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[freier Wille]]></category>
		<category><![CDATA[Personbegriff]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Reductio ad absurdum]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Reductio ad absurdum (1), Personbegriff, freier Wille Die Reductio ad absurdum ist ein bewährtes und wirkungsvolles logisches Verfahren, die Gültigkeit und Wahrheit eines als plausibel, sicher oder wahr unterstellten Satzes zu prüfen, indem wir von ihm Sätze ableiten, die er logisch impliziert. Am Ende stoßen wir allerdings auf eine Schlussfolgerung, die offensichtlich falsch ist. Daher [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/kleine-philosophische-lektionen-vi/">Kleine philosophische Lektionen VI</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p><em>Reductio ad absurdum (1), Personbegriff, freier Wille<br />
</em><br />
Die Reductio ad absurdum ist ein bewährtes und wirkungsvolles logisches Verfahren, die Gültigkeit und Wahrheit eines als plausibel, sicher oder wahr unterstellten Satzes zu prüfen, indem wir von ihm Sätze ableiten, die er logisch impliziert. Am Ende stoßen wir allerdings auf eine Schlussfolgerung, die offensichtlich falsch ist. Daher sehen wir uns leider gezwungen, die Gültigkeit und Wahrheit des vorausgesetzten Satzes anzuzweifeln oder zu bestreiten.</p>
<p>1<br />
Wir gehen von der Gültigkeit und Wahrheit der scheinbar plausiblen (und von renommierten Philosophen wie John Locke als wahr unterstellten) Annahme aus, die Wirklichkeit des bewussten Ich und der ihrer bewussten Person sei eine Funktion des Gedächtnisses – denn wir wissen ja bekanntlich von uns nur, an was wir uns erinnern können, wahrgenommen und erlebt zu haben.</p>
<p>These A: „Ich bin die Summe der Inhalte, an die ich mich erinnern kann.“</p>
<p>Angeklagter: „Ich kann mich nicht erinnern, zur Tatzeit am Tatort gewesen zu sein.“<br />
Richter: „Der Angeklagte ist gemäß These A, die von namhaften Philosophen vertreten wird, freizusprechen.“</p>
<p>Da der Angeklagte freilich mittels DAN-Analyse und Aussagen glaubwürdiger Zeugen der Tat überführt worden ist, muss die Gültigkeit und Wahrheit der These angezweifelt oder bestritten werden.</p>
<p>Folglich ist der Begriff der Person kein rein subjektiver Zusammenhang wie etwa die Summe der bewusstseinsfähigen Erinnerungen.</p>
<p>2<br />
Wir gehen von der Gültigkeit und Wahrheit der plausiblen (und von vielen renommierten Philosophen als wahr unterstellten) Annahme aus, alle Ereignisse seien in einem geschlossenen Weltsystem die unmittelbare Folge vorausgehender Ereignisse, so dass wir bei Kenntnis der momentanen Zustände des Systems und der kausalen Gesetze neu eintretende Ereignisse im Prinzip voraussagen können.</p>
<p>These B: „Es gilt das Gesetz des vollständigen Determinismus für die Ereignisketten im System S.“</p>
<p>Angeklagter „Ich konnte nicht anders, als in diesem Moment dem Herrn auf der Straße in die Tasche zu greifen.“<br />
Richter: „Der Angeklagte ist gemäß These B, die von namhaften Philosophen vertreten wird, freizulassen.“</p>
<p>Nun wissen wir, dass der Angeklagten unter normalen Umständen durchaus in der Lage gewesen wäre, anders zu handeln. Dass wir kontrafaktische Bedingungen alternativen Handelns in die Waagschale legen können, ist uns Beweis genug, dass wir uns als mit freiem Willen begabte Lebewesen definieren und also These B anzuzweifeln oder zu bestreiten ist.</p>
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		<title>Auf den Spuren der Vernunft XI</title>
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		<pubDate>Fri, 08 Aug 2014 14:01:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Implikaturen]]></category>
		<category><![CDATA[Paul Grice]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Vernunft]]></category>
		<category><![CDATA[Vertrauen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Wer etwas oder sich selbst einem anderen anvertraut, muss damit rechnen, enttäuscht zu werden. Die Ungewissheit und das Risiko, dass der eingesetzte Vertrauensvorschuss nicht entgolten wird, gehört zum Begriff des Vertrauens. Mittels eingeforderter und eingebrachter Vertrauensbeweise suchen wir das Risiko, enttäuscht zu werden, zu minimieren; freilich wissen wir nicht, in welcher Haltung und welchem Maße [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/auf-den-spuren-der-vernunft-xi/">Auf den Spuren der Vernunft XI</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wer etwas oder sich selbst einem anderen anvertraut, muss damit rechnen, enttäuscht zu werden. Die Ungewissheit und das Risiko, dass der eingesetzte Vertrauensvorschuss nicht entgolten wird, gehört zum Begriff des Vertrauens. Mittels eingeforderter und eingebrachter Vertrauensbeweise suchen wir das Risiko, enttäuscht zu werden, zu minimieren; freilich wissen wir nicht, in welcher Haltung und welchem Maße an Redlichkeit und Aufrichtigkeit solche Beweise erbracht werden. Sind sie am Ende vorgetäuscht, erheuchelt, fingiert, um uns in die Irre zu führen und ins Bockshorn zu jagen? Es scheint nicht unvernünftig, Vertrauensvorschüsse vorsichtig, zögerlich oder sparsam zu vergeben und ganz vorzuenthalten, wenn sich der Kandidat in der zurückliegenden Zeit mehrmals schon als unsicherer Kandidat erwiesen hat.</p>
<p>Es ist indes gewiss vernünftig, solch einem Menschen zu vertrauen und etwas oder sich selbst anzuvertrauen, der seine Verlässlichkeit und Vertrauenswürdigkeit dadurch schon öfters unter Beweis gestellt hat, dass er ein uns gegebenes Versprechen eingehalten und erfüllt hat. Vertrauenswürdigkeit lässt sich am Einhalten von Versprechen bemessen.</p>
<p>Radikales Misstrauen, das sich auch gegen bewährte Erfahrungsquellen wie die eigenen Sinne oder die Auskunft von vertrauten Freunden sperrt, scheint uns ebenso unvernünftig zu sein wie blindes Vertrauen, das sich einer auserwählten oder charismatisch aufgehöhten Stellung eines Menschen unterwirft, ohne die Gebrechlichkeit und Irrtumsanfälligkeit alles Menschliches zu bedenken.</p>
<p>Manches von dem, was wir wissen, haben wir dem unmittelbaren und direkten Zeugnis unserer Sinne zu verdanken. Den Augen vertrauen wir als unter normalen Bedingungen ziemlich sicherer Informationsquelle und messen Aussagen vor Gericht den höchsten Grad an Glaubwürdigkeit bei, wenn sie von Augenzeugen vorgenommen wurden, deren Vertrauenswürdigkeit aufgrund ihres korrekten Lebenswandels einigermaßen gesichert scheint.</p>
<p>Aber dass der Mond sich in einem Abstand von 384.400 km in einer elliptischen Bahn um die Erde dreht, während diese sich in 24 Stunden einmal um sich selbst und in 365 Tagen ebenfalls in einer elliptischen Umlaufbahn um das Zentralgestirn dreht, hast du dir nicht aus den Fingern gesogen, sondern lernwillig in der Schule von deinem geschätzten Lehrer in Physik erfahren. Den Darlegungen dieses Lehrers warst du ein vertrauensseliger Ohrenzeuge, denn kraft seiner Amtes und dank seiner persönlichen Integrität erschien er dir und deinen Mitschülern eine vertrauenswürdige Quelle interessanter und erstaunlicher Informationen zu sein.</p>
<p>Und so geht es dir mit den meisten Dingen: Dein Wissen um ihre Existenz und ihre Eigenschaften ist ein geliehenes, geborgtes, bezeugtes, aber kein unmittelbares und sinnfälliges. Du wirst im Laufe deines Lebens gelernt haben, den Bestand deines Wissens gemäß der Wertschätzung und Vertrauenswürdigkeit derer, die es dir zugänglich gemacht oder bezeugt haben, hierarchisch nach Stufen oder Reihen zu ordnen: vorne das von den besten und bewährtesten Zeugen wie deinen Eltern, Freunden und Lehrern und den für ihre Seriosität bekannten Autoren überlieferte Wissen, dahinter all das, was man so in den Zeitungen, im Fernsehen und Internet aufschnappt, ohne die Echtheit und Integrität der Quelle nachprüfen zu können, und ganz hinten das Gerümpel all der Dinge, deren Authentizität aufgrund von Voreingenommenheit, Bestechlichkeit oder böswilliger Absicht ihrer Zeugnisgeber mehr als fragwürdig ist.</p>
<p>Hast du deine Bestände sorgfältig geprüft, wirst du vielleicht der Seltsamkeit und Extravaganz unserer Lage inne: Wir können nicht sprechen, ohne schon vorab den anderen in unser Vertrauen gezogen zu haben. Denn wenn wir reden, tun wir dies in der Einstellung, der Hörer möge darauf vertrauen, dass unsere Sprecherabsicht redlich, wahrhaftig und glaubwürdig ist.</p>
<p>Aus nichts wird nichts, wie aus Nacht nicht notwendig das Licht des Lebens und der Wahrheit steigt (das scheint einem höheren Willen anheimgestellt). Die reine Nacht des Misstrauens und Argwohns lähmt die Zunge und kann die Schwelle zur Sprache und Mitteilung des Wahren nicht übersteigen. Sagen wir es so schlicht wie angemessen: Vertrauen ist das normative Apriori sprachlicher Mitteilung und vernünftiger Verständigung.</p>
<p>Die normative Kraft der Vernunft zeigt sich darin, dass sie uns verpflichtet, mit immer wieder frischem Mut und Zutrauen in neue Kommunikationssituationen einzutreten und dem Sprecher, der sich in einer symmetrisch Verpflichtung zur Wahrhaftigkeit, Richtigkeit und Klarheit uns gegenüber befindet, mittels eines Vertrauensvorschusses unsere Dialogbereitschaft zu bezeigen. Freilich sind wir auch zu dem moralischen Rigorosum verpflichtet, dem notorischen Lügner und treulosen Brecher von Abmachungen, Versprechen und Verträgen vorläufig oder bei krimineller Widerspenstigkeit ein für allemal aus unserer Dialoggemeinschaft zu verbannen beziehungsweise unsere Mitmenschen vor ihm zu warnen beziehungsweise sie aufzufordern, mit dem unverbesserlichen Tunichtgut dasselbe zu tun.</p>
<p>Natürliche Phänomene lügen nicht, sie hegen überhaupt keine Absichten mit uns – sie sind, was sie sind. Offenbart der Rauch die Wahrheit über die Tatsache, dass es dort drüben brennt?</p>
<p>Deine Tränen gelten mir als Zeichen deiner inneren Erschütterung und sie sind mir umso kostbarer, je weniger du mit ihnen eine Absicht verbunden hast. In dem Maße, in dem du mit deinen Tränen die Absicht verbindest, mich von der Tiefe deines Gefühls zu beeindrucken oder mich zur Anteilnahme zu bewegen, in dem Maße wird mein Eindruck schwächer und kühlt meine Anteilnahme ab.</p>
<p>Wenn wir im Konzertsaal sitzen und du sagst „Mir geht es nicht so gut“ oder „Ich fühle mich schlecht“ und wir vertraulich miteinander umgehen, verstehe ich deine Äußerung, wenn ich deine Absicht verstehe, mich über dein ungutes Befinden in Kenntnis zu setzen. Ich verstehe, was du mit der Äußerung sagen möchtest, nämlich mir den Wunsch oder die Aufforderung mitteilen, ohne weitere Umstände das Konzert zu verlassen und nach Hause zu eilen.</p>
<p>Stünden wir auf weniger vertraulichem Fuße und hätte ich dich in das Konzert eingeladen, verstünde ich deine Äußerung, du fühlest dich schlecht, wenn ich deine Absicht verstünde, mir mitzuteilen, dass du dich nicht wirklich krank fühlst, sondern dass dir die Musik oder die Interpretation furchtbar auf die Nerven geht, du diese unschöne Wahrheit, höflich wie du bist, mir aber nicht unter die Nase reiben möchtest und mir deshalb mit jener unwahren Äußerung den Wunsch oder die Aufforderung mitteilst, ohne weitere Umstände das Konzert zu verlassen.</p>
<p>Die Vernunft der guten Verständigung ist, wie das Beispiel zeigt, nicht auf die unbedingte Beanspruchung und Geltendmachung der Wahrheit verpflichtet; sie lässt es dem höflichen Menschen gern durchgehen, wenn er aus Höflichkeit oder Zartsinn oder einem anderen Respekt das eigentlich Gemeinte hinter dem uneigentlich Gesagten verbirgt – und eben damit zugleich enthüllt.</p>
<p>Wüsste ich in keinem Falle die Absicht deiner Äußerung zu identifizieren und verpasste im schlimmsten Fall deine erstrangige Absicht der wörtlichen Mitteilung, nämlich mir mit dem Satz „Ich fühle mich nicht gut“ mitteilen zu wollen, dass du dich schlecht fühlst, geschweige denn dass mir die genannten zweitrangigen Griceschen Implikaturen aufgingen, nämlich dass du mit dem Gesagten den Wunsch oder die Aufforderung meinst, das Konzert zu verlassen, könnte man von mir annehmen, aus der Dimension vernünftiger Kommunikation herausgefallen zu sein.</p>
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		<pubDate>Sun, 27 Jul 2014 17:24:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Handlungsrationalität]]></category>
		<category><![CDATA[Paranoia]]></category>
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		<category><![CDATA[Psychose]]></category>
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		<description><![CDATA[<p>Im Fall einer akuten psychotischen Episode ist der Patient nicht frei, sein Urteil über das Erlebte einzuklammern, in Frage zu stellen oder zu revidieren. Die Differenz zwischen dem Bild, das sich ihm von der Wirklichkeit als absolut und unbedingt wahr aufdrängt, und dem tatsächlichen Ereignis oder den Varianten der Wahrnehmung und Beurteilung, die das Erlebnis [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/auf-den-spuren-der-vernunft-viii/">Auf den Spuren der Vernunft VIII</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Im Fall einer akuten psychotischen Episode ist der Patient nicht frei, sein Urteil über das Erlebte einzuklammern, in Frage zu stellen oder zu revidieren. Die Differenz zwischen dem Bild, das sich ihm von der Wirklichkeit als absolut und unbedingt wahr aufdrängt, und dem tatsächlichen Ereignis oder den Varianten der Wahrnehmung und Beurteilung, die das Erlebnis erlaubt, steht seinem Urteilsvermögen nicht zur Verfügung. Diese Differenz mittels empirischer Nachprüfung und nüchterner Abwägung im Falle der kritischen Realitätsprüfung zu öffnen oder im Falle der positiven Bestätigung – wenn auch nur vorläufig – zu schließen, gilt uns als wesentliches Kennzeichen des gesunden Menschenverstandes und der Vernunft.</p>
<p>Ein Patient, der unter einer Psychose mit paranoidem Leitwahn leidet, erblickt in der Putzfrau in seinem Büro eine „falsche Figur“ (Personenverkennung), die zwar so aussieht wie die echte Putzfrau, in Wahrheit aber eine von seiner Ehefrau beauftragte oder gesteuerte Person ist, die den geheimen Auftrag hat, ihn in seinem beruflichen Umfeld zu überwachen und seine Gedanken zu lesen, um ihrer Auftraggeberin von der Schwere seiner geistigen Erkrankung Bericht zu geben. Nach Abklingen der Episode und Bearbeitung des Erlebten in einer psychotherapeutischen Sitzung beginnt der Patient, von der Personenverkennung abzulassen, und kommt zur Realitätseinsicht, was ihre Identität angeht. Das bedeutet freilich nicht, dass er in toto von dem paranoiden Leit- oder Grundwahn, von Personen seines engeren Umfelds, insbesondere seiner Ehefrau, verfolgt und überwacht zu werden, abließe.</p>
<p>Wir sahen, dass die für psychotische Wahnerkrankungen typischen Gefühlsregungen und emotionalen Muster keineswegs pathologisch oder abnorm sind, sondern tief in den Strukturen unserer Lebensform wurzeln: Wir tun gut daran, in fremder Umgebung Vorsicht walten zu lassen, Unbekannten nicht blindlings zu vertrauen und auf abschüssigen Pfaden bei hereinbrechender Dämmerung furchtsam uns voranzutasten. Und bei einem sportlichen oder geistigen Überstieg über unsere Grenzen oder beim Glück zärtlich zugeneigter Liebe zu frohlocken oder die Füße tänzerisch zu heben, steht uns sehr wohl an.</p>
<p>Indes den ungebetenen Gast, den dunklen Schleicher oder den zudringlichen Schmarotzer rührselig zu bewillkommnen oder die Zuneigung echter Liebe durch frostiges Misstrauen und obsessiven Argwohn zu verbittern, heißt das Maß der Vernunft, an dem wir die Zuträglichkeit und Angemessenheit unseres emotionalen Engagements hinsichtlich seiner Objekte bemessen, willkürlich zerreißen.</p>
<p>Wenn Grenzen der Haut – auch die unserer Gefühle und Gedanken –, in denen wir uns oft vor den anderen verborgen wähnen, ebenso die Schwelle von Wohnung und Haus, Garten und Feld, Fluss und Pass, an denen wir als Einzelne oder als Gruppenwesen unsere Identität hängen, verletzt oder überschritten werden, wühlt dies urtümliche Ängste aus dem Innersten und Untersten unserer Natur auf und lässt uns oft rechtens die Hand erheben oder die Waffe zücken.</p>
<p>Patienten, deren akute Wahninhalte limitierende, das Leben einschränkende, beeinträchtigende oder schädigende Faktoren betreffen, verdächtigen Passanten, verleumderisch über sie zu reden, und Fahrgäste im Bus, ihre Gedanken zu lesen und über sie zu lachen; sie fliehen vor vermeintlichen Verfolgern in geschützte Umgebungen und Räume oder in die Arme von Angehörigen; sie bezichtigen Arbeitskollegen, sie ermorden zu wollen; sie ziehen von einer Wohnung in die andere, zunächst in ihrem Viertel, dann in der ganzen Stadt, dann fliehen sie gar vor all den Intrigen, Nachstellungen und Machenschaften in ein anderes Land; sie verdächtigen Arzt und Schwestern, ihnen vergiftete Medikamente und Speisen vorzusetzen; sie zerstören das Telefon oder den Fernseher im Glauben, ihre Verfolger würden sie damit ausspionieren; sie verbarrikadieren sich in der Wohnung und gehen nicht mehr auf die Straße; sie springen aus dem Fenster, weil sie die Zudringlichkeiten und Anschläge ihrer Feinde nicht mehr ertragen können.</p>
<p>Wir bemerken zunächst, dass all diese wahngetriebenen Reaktions- und Verhaltensweisen dem allgemeinen Schema von Handlungen gehorchen, die von der praktischen Urteilskraft und Vernunft geleitet werden: Handle so, dass du deinen Handlungszweck im Rahmen deiner aktuellen Überzeugungen über die Welt mit Mitteln und Methoden erreichst, die dem Zweck möglichst angemessen und förderlich sind.</p>
<p>Wir können das praktische Schema bekanntermaßen auch in ein Schema zur Erklärung von Handlungen umformen: Wer Z erreichen will und glaubt, dass p, wird M als Mittel wählen, um Z zu erreichen.</p>
<p>Wer sich von bösen, feindseligen Menschen beobachtet und verfolgt weiß, handelt nach diesem Schema gewiss nicht unvernünftig, wenn er den finsteren Gestalten, die nun einmal gemäß seinen aktuellen Überzeugungen über die Welt hinter der Wand lauern, aus dem Wege geht, ihre Intrigen aufdeckt und ihre Machenschaften durch Flucht oder Selbstwehr hintertreibt.</p>
<p>Fluchtreaktionen und Maßnahmen zur Selbstwehr dienen dem Schutz und der Sicherung von Leib und Leben, sowohl der eigenen Person als auch von Angehörigen und Freunden beim offenkundigen Vorliegen schwerwiegender Bedrohungen und Gefahren. Die Maßnahmen können auch eigenes und fremdes Gut mit einschließen. Reaktionen und Handlungen auf der Basis begründeter Überzeugungen vom Vorliegen schwerwiegender Bedrohungen und Gefahren wie Flucht oder Selbstwehr leiten wir aus der Struktur der menschlichen Lebensform ab: Sie sind insofern vernünftig zu nennen. Auch der bewaffnete Angriff zur Selbsterhaltung und Selbstwehr bis hin zur eventuellen Tötung des Aggressors ist im Sinne der individuellen und kriegerisch-kollektiven präventiven Feindabwehr lebensdienlich und sollte die Missachtung der Vernunft nicht fürchten.</p>
<p>Vernunft oder Unvernunft bemessen wir am Inhalt von Glaubensüberzeugungen und sagen: Es ist unvernünftig für eine Person anzunehmen, dass sie von ihren Nachbarn, ihrem Arbeitgeber, ihren Kollegen, dem Arzt oder den Schwestern verfolgt, ausspioniert oder feindlich behandelt wird, wenn wir Gründe haben anzunehmen, dass die Nachbarn, der Arbeitgeber, die Kollegen, der Arzt und die Schwestern dem Betroffenen wohlwollend und freundlich oder zumindest nicht feindlich beziehungsweise gefühlsmäßig indifferent gegenüber eingestellt sind.</p>
<p>Der Inhalt der Überzeugung, verfolgt, ausspioniert und bedroht zu werden, ist nicht prinzipiell unvernünftig, denn es gab und gibt und wird immer wieder Situationen geben, in denen diese Beschreibung zutrifft. Und auch die praktische Folgerung aus dieser Überzeugung, möglichst wirksame Anstalten zu treffen, den vermeintlichen Verfolgern zu entkommen und ihr Intrigenspiel aufzudecken und zu hintertreiben, ist nicht unvernünftig, sondern entspricht wie gezeigt dem bekannten Schema der Handlungsrationalität.</p>
<p>Wir nennen die paranoide Überzeugung und die daraus folgenden Reaktionen und Verhaltensweisen deshalb wahnhaft, pathologisch oder abnorm, nicht weil sie an und für sich unvernünftig wären, sondern weil sie in diesem speziellen Fall und unter diesen aktuellen Umständen nicht zutreffen beziehungsweise nicht angemessen sind.</p>
<p>Wir nennen die Handlungen der Patienten in akuten psychotischen Schüben unvernünftig, weil ihnen die Einsichten in die Gründe ihres Handelns und damit auch die eventuelle Berücksichtigung von Handlungsalternativen verschlossen sind. Gründe für das eigene Handeln in vernünftiger Rede oder vernunftgeleitetem Dialog anzugeben, impliziert, alternative Handlungsgründe in Betracht ziehen und gegebenenfalls die Entscheidung für die aktuelle Handlung revidieren zu können.</p>
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		<title>Auf den Spuren der Vernunft VII</title>
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		<pubDate>Thu, 24 Jul 2014 10:12:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Auf den Spuren der Vernunft VII]]></category>
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		<category><![CDATA[Wahninhalte]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Wir wollen den umgekehrten Weg gehen, gleichsam auf schmalen Stegen und überwachsenen Pfaden uns durch das morastige, bodenlose Gelände des Wahns auf den sicheren Grund der Vernunft vorantasten. Oder wäre dies schon ein allzu beschönigendes, utopisches Bild und entspräche es mehr unserer Lage, wenn wir sagten: Wir tasten uns auf schmalen Pfaden durch wildes, überwuchertes, [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/auf-den-spuren-der-vernunft-vii/">Auf den Spuren der Vernunft VII</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wir wollen den umgekehrten Weg gehen, gleichsam auf schmalen Stegen und überwachsenen Pfaden uns durch das morastige, bodenlose Gelände des Wahns auf den sicheren Grund der Vernunft vorantasten. Oder wäre dies schon ein allzu beschönigendes, utopisches Bild und entspräche es mehr unserer Lage, wenn wir sagten: Wir tasten uns auf schmalen Pfaden durch wildes, überwuchertes, sumpfiges Gelände voran, und diese schmalen Pfade, die hie und da abbrechen, da und dort zu erhabenen Aussichten führen, um sich wieder im trüben, versteppten Ödland zu verlieren­ – diese Pfade wären schon die langsam, stoßweise hervorgebrachten Sätze oder Zeilen unserer vernünftigen Rede und Schreibe?</p>
<p>Jemand erhält aus heiterem Himmel eine furchtbare Nachricht: Er ist fristlos entlassen worden. Seine Frau hat ihn mir nichts, dir nichts verlassen. Die Mutter liegt im Sterben oder ein naher Angehöriger ist verstorben. Der Arzt hat eine tödliche Krankheit diagnostiziert. Wir sehen, wie der Betroffene erbleicht, schlaff wird und sich aufstützen muss oder halb ohnmächtig sich auf einen Sessel zurückfallen lässt, wir sehen, wie ihm ohne dass er es merkt Tränen in den Augen stehen. Wir verstehen dieses Verhalten ohne Wenn und Aber, ohne weitere Besinnung oder Reflexion als Ausdruck seelischer Erschütterung der Trauer und Verzweiflung. Wir verstehen ebenso spontan und ohne zusätzlicher Hintergrundinformationen zu bedürfen, wenn einer einen Freudensprung macht, „Juchheißa“ ruft oder beseligt lächelt, nachdem er die freudige Nachricht erhalten hat, dass sein ihm feindlich gesonnener, querulatorischer Nachbar ausgezogen ist, er im Lotto gewonnen hat oder seine Frau von einem gesunden Kind entbunden worden ist.</p>
<p>Wir verstehen diese und tausend andere Reaktionen und Verhaltensweisen ohne weiteres, weil sie Lebensinhalte und Lebensthemen betreffen, die wir mit dem angemessenen Pathos als Leitthemen all der Dramen erachten, die Menschen als die Lebewesen, die sie nun einmal sind, zu durchleben und zu durchleiden haben. Die Themen betreffen Ereignisse, die das Leben des Einzelnen oder seine Gruppe fördern, stärken, erweitern (expandierende Faktoren) oder aber im Gegenteil beschädigen, schwächen, einschränken (limitierende Faktoren.) Wir finden all diese Themen leidenschaftlich präsentiert und in Fleisch und Blut übergegangen, wenn wir uns die Stücke der antiken Tragiker und Shakespeares oder Molières anschauen.</p>
<p>Wer ein gesundes und ausgeglichenes Naturell mitbringt, vom Glück gesegnet ist oder aus eigener Kraft dem Ziel seiner Wünsche nahekommt, findet sich leichter unter heiteren Masken wieder als der Hypochonder, der grundlos Eifersüchtige oder Misstrauische oder der Fanatiker, denen wir gerne die Schellenkappe überstülpen möchten. Dass Ressentiment und Eifersucht den Weltumgang einschnüren, während Wissensdrang und Abenteuerlust den Schrebergarten der Langeweile und des Vorurteils weit hinter sich lassen, gilt für ausgemacht.</p>
<p>Dass wir Ereignissen und Erlebnissen, die uns hemmen und einschnüren, uns beängstigen und verunstalten, gerne aus dem Weg gehen und schon ihre Aura uns übel in die Nase steigt, ist uns so natürlich und in Fleisch und Blut übergegangen, wie dass wir gerne nach schöneren, fruchtbareren Gefilden im materiellen und geistigen Sinne unter Inkaufnahme großer Mühen und Anstrengungen aufzubrechen geneigt sind, wenn in jenem Lande die goldenen Äpfel der Hesperiden zu leuchten scheinen. Selbst niedere Gesinnungen und faule Naturen recken sich gern nach Nachbars Äpfeln, weil sie so schön glänzen und mit einem süßen Geschmack, dem Geschmack des Verbotenen, locken, auch wenn die Gefahr besteht, eins auf die Finger zu bekommen.</p>
<p>Beeinträchtigungen, Limitationen und ihre Gefahren und ihr Gegenteil, expandierende und fördernde Faktoren, betreffen Leib und Leben, die Verfügung über nahrhafte beziehungsweise keimfreie Nahrung und Flüssigkeit, die Sicherheit und Unversehrtheit des eigenen Körpers, die Funktionstüchtigkeit der Organe, allen voran von Hirn und Sinnesorganen, den Schutzraum der Behausung und seine Reinlichkeit, aber auch die Integrität und Sicherheit der Familie, der Verwandten, Angehörigen und Nahestehenden.</p>
<p>Natürlich gelten für Intensität und Quantität der expandierenden und limitierenden Lebensinhalte und Lebensereignisse Grade und Gradabstufungen: Wir sind nun einmal mehr oder weniger gesund oder krank, reich oder arm, mit Familienanhang gesegnet oder vereinsamt, von Freunden umgeben oder von Feinden umlauert. Auf der zugigen Bühne all solcher Eventualitäten und Fragilitäten spielt sich das menschliche Drama nun einmal ab.</p>
<p>Es ist nur allzu plausibel, dass wir uns eher an unschöne, beeinträchtigende und limitierende Ereignisse erinnern oder von solchen in Träumen heimgesucht werden, als dass wir unentwegt von den Lustbarkeiten des Gartens Eden träumen. Wachsamkeit und Vorsicht, Vorsorge und Voraussicht sind nun einmal Haltungen und Einstellungen, die uns für die Bewältigung unseres Lebensalltags gut anstehen. Ein Fehltritt kann endgültig sein, während ein überhörter Scherz, eine verpasste kleine Lust nicht einmal den Schatten eines Schmerzes hinterlassen. Den Genuss auch der sublimen Dinge zu gewinnen wie das Kosen des Windes auf der Haut oder die visuellen Ekstasen beim Gang durch die herbstlich verglühende Landschaft bedarf es eines besonderen Talents oder einer verfeinerten ästhetischen Kultur, während uns der Schauer der Angst vor dem Abgrund und das Misstrauen im Dunkeln oder vor dem Unbekannten angeboren sind.</p>
<p>Jemandem freilich, der angesichts furchtbarer Nachrichten wie der vom Tode seiner Mutter oder eines nahen Angehörigen feixt und kichert, einem, der eine schlimme Diagnose vom Arzt erhält oder der erfährt, dass die Firma ihm fristlos gekündigt hat oder seine Frau ihn betrogen hat und der sodann nichts Besseres weiß, als sich ins Fäustchen zu lachen und diabolisch zu grinsen, würden wir rechtens ein abnormes, paradoxes, paramimisches Verhalten und die es bedingende psychotische Erkrankung unterstellen, wenn wir die Nebenbedingungen erfolgreich ausgeräumt haben, dass ihn seine Mutter oder der Verwandte in der Kindheit nicht bis aufs Blut gequält hat, er nicht schon vor einiger Zeit beschlossen hatte, aus dem Leben zu scheiden, er sich nicht längst von der öden Arbeitsstelle verbschieden wollte oder er die innere Bindung zu seiner Frau nicht schon lange verloren hatte.</p>
<p>Wir huldigen vernünftigerweise nicht den zweifelhaften Entzückungen eines surrealistischen schwarzen Humors und kennzeichnen pedantisch und humorlos als psychotisch und seelisch-abnorm solche Reaktionen, die den offenkundigen Ernst der Lage nicht nur ignorieren und verkennen, sondern ins Gegenteil verzeichnen. Aber auch die Überzeichnung und Verzerrung der normalen Lage infolge krankhaft paranoid übersteigerter Ängste wie der Angst, verfolgt, vergiftet, entführt, vergewaltigt, bestohlen, abgehört oder ermordet zu werden, wenn weit und breit niemand im Hinterhalt liegt, um solch wüste Absichten in die Tat umzusetzen, tragen wir keine Bedenken, als Symptome einer psychotischen Erkrankung einzustufen.</p>
<p>Wir bemerken, dass nicht die elementaren Inhalte wahnhafter Ideen Indikatoren für das Vorliegen einer Psychose bilden: Diese Inhalte wie die Angst um das leibliche Wohlbefinden oder die Sorge um das Wohlergehen der Anverwandten, der Neid auf den Präferierten und Bessergestellten, die Eifersucht des betrogenen Partners, der Hass auf den Eindringling und den Ehrabschneider oder die Liebe zu den Kindern und allem, was die Spuren der eigenen leib-seelischen Entäußerung trägt, gehören zum emotionalen Fundus und zur biologisch-sozialen Grundausstattung des Menschen. Es ist die Unangemessenheit der Reaktion zur gegebenen Situation, die uns zum Indiz oder Verdachtsmoment krankhaften Erlebens wird.</p>
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		<title>Auf den Spuren der Vernunft VI</title>
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		<pubDate>Tue, 22 Jul 2014 15:27:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Auf den Spuren der Vernunft VI]]></category>
		<category><![CDATA[Halluzination]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Psychose]]></category>
		<category><![CDATA[Wahn]]></category>
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		<description><![CDATA[<p>Die Begriffe „vernünftig“ und „Vernunft“ sind wie die Begriffe „wahr (Wahrheit)“, „sinnvoll (Sinn)“, „begründet (Grund)“, „folglich“ oder „gewiss (Wissen)“ Elementarbegriffe unserer natürlichen Sprache, die wir als Kriterien der Urteilsbildung an Beobachtungen und (geäußerte oder gedachte) Sätze anlegen, um zum Ergebnis zu kommen, dass der beobachtete Sachverhalt oder der Inhalt der Äußerung wahr oder falsch, sinnvoll [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/auf-den-spuren-der-vernunft-vi/">Auf den Spuren der Vernunft VI</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Die Begriffe „vernünftig“ und „Vernunft“ sind wie die Begriffe „wahr (Wahrheit)“, „sinnvoll (Sinn)“, „begründet (Grund)“, „folglich“ oder „gewiss (Wissen)“ Elementarbegriffe unserer natürlichen Sprache, die wir als Kriterien der Urteilsbildung an Beobachtungen und (geäußerte oder gedachte) Sätze anlegen, um zum Ergebnis zu kommen, dass der beobachtete Sachverhalt oder der Inhalt der Äußerung wahr oder falsch, sinnvoll (zweckvoll) oder sinnlos ist, sich auf Grund einer anderen Tatsache versteht oder scheinbar grundlos ist, logisch aus einer evidenten Annahme folgt oder aus keiner evidenten Annahme folgt oder ein Bestandteil unseres Wissens ist.</p>
<p>Wir folgen den Spuren der Vernunft, das heißt natürlich, der Art und Weise, wie wir die Begriffe „vernünftig“ und „Vernunft“ als Kriterien der Urteilsbildung der genannten Art in unserer täglichen Rede sinnvoll verwenden. Wir tun dies in der Absicht, den Vernunftbegriff zu klären oder das, was als unklarer Bestandteil an ihm haftet, zu sichten und auf diese Weise vielleicht mit einem warnenden Etikette zu versehen.</p>
<p>Um uns auf die Sprünge zu helfen, spielen wir das bisweilen heitere, bisweilen intrikate, allemal aber instruktive Begriffsspiel „Vernunft contra Wahnsinn“, weil wir uns durch die Engführung der Vernunft in den Labyrinthen des Wahnsinns Aufklärung über die grundlegenden Eigenschaften und Strukturen der Vernunft versprechen.</p>
<p>Wir gehen von folgender Basisannahme aus: Die Vernunft ist in der Lage, sich selbst und ihr Gegenteil, den Wahnsinn, zu verstehen, während der Wahnsinn nicht (einmal) in der Lage ist, sich selbst zu verstehen. Das schließt natürlich nicht aus, dass der Wahnsinn Methode hat und ein in sich sinnvoll aufgebautes, lebensgeschichtlich hoch personalisiertes System der Selbst- und Weltverständigung des Patienten darstellt – dem allerdings mindestens ein entscheidendes Merkmal in mehr oder weniger starkem Ausmaß fehlt: die Angemessenheit der wahnhaft konstruierten Konzepte an das, was wir rechtens für real, wirklich, echt und faktisch bedeutsam halten. Natürlich geht es uns bei unseren Betrachtungen nicht zuletzt um die Aufklärung auch der zuletzt genannten philosophisch dubiosen Begriffe von Wirklichkeit, Echtheit und Bedeutsamkeit.</p>
<p>Wir können beide Wege gehen: vom Wahn zur Vernunft und von der Vernunft zum Wahn. Nach beiden Wegstrecken möchten wir besser über das, was wir rechtens vernünftig und Vernunft nennen, unterrichtet sein.</p>
<p>Wahrnehmungen orientieren uns über die Tatsachen der Umgebung und die Selbstwahrnehmungen über unser Befinden und unsere Reaktionen auf das, was um uns herum geschieht. Je genauer Wahrnehmungen die Informationen aus dem Umfeld herausfiltern, die für unsere Orientierung relevant sind, umso besser. Wir gehen davon aus, dass wir Grund haben, uns im Prinzip und im Allgemeinen – nicht stets und in jedem einzelnen Falle – auf die Funktion unserer Wahrnehmungen verlassen zu können, uns mit den wichtigen Auskünften über das Weltgeschehen (um uns herum) in Kenntnis zu setzen.</p>
<p>Wer einwirft, dies sei doch wohl angesichts aller möglichen Sinnestäuschungen und systematischen Verzerrungen unserer Wahrnehmung durch unkontrollierbare Umweltbedingungen eine allzu optimistische Annahme, dem kommen wir insofern entgegen, als wir darauf hinweisen, dass das Vorkommen von Täuschungen und Illusionen nicht zu leugnen ist, aber als solches einzig und allein erklärbar auf dem Hintergrund all jener wahren und gut gesicherten Informationen, die uns eine ungetrübte und authentische Wahrnehmung bereitgestellt hat.</p>
<p>Wir sagen, dass wir uns im Prinzip durch die Wahrnehmungsleistungen unseres Sinnes- und Nervensystems gut aufgeklärt wissen, weil wir davon ausgehen, dass unsere Sensorik von genau jenen Tatsachen gesteuert und kausal stimuliert wird, deren phänomenaler Niederschlag in dem und als das Bewusstsein eben dieser Tatsachen sich darstellt.</p>
<p>Ich sehe, dass du eben die Kerze auf dem Tisch entzündet hast, aufgrund der Tatsache, dass du soeben die Kerze auf dem Tisch entzündet hast. Oder: Ich sehe, dass eine Kerze auf dem Tisch leuchtet, weil das Licht der Kerze kausal solchermaßen auf meine visuelle Sensorik einwirkt, dass ich sehe, dass eine Kerze auf dem Tisch leuchtet.</p>
<p>Wir bemerken, dass wir dank der Einwirkung von Photonen auf unsere neuralen Sinnesrezeptoren nicht nur eine Wahrnehmung von Licht empfangen, sondern ohne Wenn und Aber, ohne weitere Besinnung und Reflexion davon sprechen, dass wir eine brennende Kerze sehen – also ein wohlabgegrenztes und wohldefiniertes Objekt des Raum-Zeit-Kontinuums, die Kerze, identifizieren, der wir die Eigenschaft zusprechen, eben zu dem Zeitpunkt der Wahrnehmung zu brennen.</p>
<p>Wir bemerken ebenfalls, dass wir dank der Einwirkung von Photonen auf unsere neuralen Sinnesrezeptoren nicht nur eine Wahrnehmung von Licht empfangen, sondern immer etwas im Sinne einer Entität sehen, von der wir im günstigsten Falle geneigt sind zu sagen, dass sie eben das ist, was wir für wirklich oder real halten. Welche Arten von Entitäten wir nun im Einzelnen wahrnehmen, ist nicht in unser Belieben gestellt, sondern bildet eine Funktion des Schemas oder der Struktur unserer Erfahrung: Denn es sind neben diffus ausgebreiteten und verschieden dichten Massen wie Wolken, Wasser und Schnee vor allem zwei elementare Typen von Entitäten, die unsere Lebenswelt bewohnen: unbelebte Körper von Dingen wie Steine, Äpfel, Tische und Kerzen, oder belebte Körper von Pflanzen und Tieren auf der einen Seite und Menschen auf der anderen Seite, Leute wie du und ich.</p>
<p>Ich sehe, dass du es bist, der eben das Zimmer mit der Kerze in der Hand betreten hat und nun die Kerze anzündet. Ich weiß, dass du in der Küche warst, um die Kerze zu holen, und nicht aus dem Nirgendwo im Zimmer aufgetaucht bist. Ich weiß einzig aufgrund der Tatsache, dass du die Kerze angezündet hast, dass du die Kerze angezündet hast.</p>
<p>Dabei gehe ich selbstverständlich, ohne Wenn und Aber, ohne weitere Besinnung und Reflexion, davon aus, dass du die Kerze nicht ohne Grund, sondern deshalb angezündet hast, weil es jetzt allmählich dunkel wird, du aber statt des nüchternen elektrischen Lichts mit einem natürlichen Licht für romantische Stimmung sorgen willst. Und deshalb hast du eben aus der Küche die Kerze geholt und sie angezündet. Mit dem Wunsch, das Zimmer bei Anbruch der Dunkelheit nicht nur zu erhellen, sondern durch ein geeignetes Licht in ein gefühlsmäßig anregendes Halb-Dunkel zu tauchen, unterstelle ich dir intentionale Zustände, die dir mehr oder weniger bewusst, aber keineswegs gänzlich unbewusst sind; mit der Absicht, die gewünschten Lichtverhältnisse mittels einer brennenden Kerze herzustellen, unterstelle ich dir rationale Zustände oder ein gerüttelt Maß an Vernunft, mittels derer du zum erwünschten Ziel ein rational angemessenes Mittel der Zielerreichung ausgewählt hast.</p>
<p>Ich erachte dich auf der Ebene meiner unmittelbaren Wahrnehmung als intentionales und rationales Lebewesen – als einen Menschen wie mich selbst.</p>
<p>Wir bemerken, dass wir auf der Ebene der unmittelbaren Wahrnehmung zwischen unserem Wahrnehmungserlebnis („Ich sehe oder mir scheint aufgrund meines Seheindrucks, dass du die Kerze anzündest“) und dem unabhängig von unserer Wahrnehmung als autonome Entität im Raum-Zeit-Kontinuum wahrgenommenen Objekt („Du bist es, der die Kerze entzündet“) unterscheiden.</p>
<p>Wir heben hervor, dass wir nicht etwas wahrnehmen, gleichsam ein sensuelles Neutrum an farbigen Flecken, das wir dann als dies und das, etwa als Kerze oder Mensch interpretieren – denn wir sehen Kerzen und Menschen und manch anderes ohne jedwede Interpretation oder Deutung.</p>
<p>Wir heben weiterhin hervor, dass wir die Klassifikation des wahrgenommenen Objekts, zum Beispiel deiner Person, wenn du es bist, der eben aus der Küche kommend das Zimmer mit einer Kerze in der Hand betritt, anhand seiner Identität vornehmen: Weil du der N. N. bist, bist du als derjenige, der in der Küche war und dort eine Kerze gesucht hat, derselbe N. N. oder identisch mit der Person dieses Namens, die jetzt das Zimmer mit der Kerze in der Hand betritt.</p>
<p>Wenn du behauptest, die Farbe meines Pullovers erscheine dir im Widerschein der Kerze als Rot, ich aber halte dagegen, mich dünke sie Violett, drehen wir uns mit unseren unterschiedlichen Meinungen zwar im Kreis, aber im Kreise der Vernunft: Gehen wir am nächsten Tag ins Freie und definieren diese Situation als Standardsituation zur Bestimmung von Farbwerten von Pullovern und anderen Sachen: So werden wir klar sehen und uns auf einen Farbwert einigen.</p>
<p>Wenn ich aber behaupte, das Ding in deiner Hand, das du aus der Küche geholt hast, sei keine Kerze, sondern ein weiß schimmernder Knochen, könntest du günstigenfalls davon ausgehen, dass ich einer Wahrnehmungstäuschung erlegen sei: Immerhin verbleibe ich bei der Identifikation des wahrgenommenen Objekts in dem zugehörigen Bereich des Typus von materiellen Dingen unbelebter Natur, vertue mich aber gröblich bei der Individuierung des Dings – ein Knochen ist nun mal keine Kerze. Sicher kannst du mir durch Entzünden der Kerze über deren Identität das gehörige Licht aufstecken.</p>
<p>Wenn ich indes behaupte, das Ding in deiner Hand, das du aus der Küche geholt hast, sei keine Kerze, sondern eine weiße Schlange, deren Zunge wie eine Flamme züngelt, wirst du mehr als im gewöhnlichen, das heißt durch eine Täuschung hervorgerufenen Maße erstaunt und verblüfft sein: Handelt es sich hier doch nicht bloß um eine Fehlidentifikation innerhalb einer Kategorie von wahrnehmbaren Objekten, den materiellen Dingen unbelebter Natur, sondern um eine Verwechslung des Typus der Entität: Etwas, das wir unter normalen, übersichtlichen Standardbedingungen für differenzierende Wahrnehmungen unter der Kategorie der materiellen, unbelebten Körper klassifizieren, vielmehr unter der Kategorie belebter Objekte und also in diesem Falle als Tier zu identifizieren, scheint uns weit eher als auf einer Täuschung auf einer grundlegenden Sinnverwirrung zu beruhen – eine Sinnaberration, die wir in der Psychopathologie der psychotischen Erkrankung in der Form der Wahnwahrnehmung wiederfinden.</p>
<p>Wenn ich dir dafür danke, die aus der Küche geholte Kerze entzündet zu haben, um uns mit gefühlvoller Beleuchtung einzustimmen, du aber darauf hinweist, hier brenne keine Kerze, und dein Vater, der eben hinzugestoßen ist, diese Tatsache bestätigt, handelt es sich offensichtlich um eine visuelle Halluzination, ein typisches Symptom psychotischer Erkrankungen. Wir bemerken, dass Halluzinationen Wahrnehmungsüberzeugungen veranlassen, die denselben deskriptiven Gehalt wie jene Wahrnehmungsüberzeugungen haben, die von echten Wahrnehmungen veranlasst und kausal gesteuert werden – nur, dass aufgrund des Ausfalls des kausalen Nexus die Überzeugung falsifiziert wird.</p>
<p>Wir halten fest, dass wir Wahnphänomene wie Wahnwahrnehmungen und Halluzinationen als Durchlässigwerden oder Zerreißen jener Sinngrenzen auffassen können, die wir wie die ontologische Einteilung aller Entitäten in Dinge und Personen oder aller Dinge in belebte und unbelebte Dinge oder wie all unsere basalen Existenzannahmen mittels der Analyse unseres alltäglichen Vernunftgebrauchs als grundlegende Bedingungen und Formen unserer Erfahrung ausmachen können.</p>
<p>Die Bedingung aller Bedingungen, die gleichsam transzendentale Bedingung dafür, dass wir wirklich wahrnehmen, was wir wahrnehmen, ist natürlich, dass wir selbst es sind, die es wahrnehmen. Das Authentizitäts- und Echtheitssiegel der Wahrnehmung ist ihre Jemeinigkeit. Wenn du auf Nachfrage nicht bestätigen kannst, dir aufgrund deiner visuellen Wahrnehmung bewusst geworden zu sein, dass ich soeben das Zimmer betreten habe, gilt für ausgemacht, dass du gar nicht erst gesehen hast, dass ich soeben das Zimmer betreten habe.</p>
<p>Psychotische Störungen der Jemeinigkeit, Lockerungen oder Zerreißungen des Bandes, das unsere Wahrnehmungen mit dem lebendigen Fokus unseres Ichbewusstseins verbinden, finden wir zum Beispiel in den Erlebnisberichten von Patienten, wonach ihnen ihre Gedanken eingegeben, verfälscht oder entwendet werden.</p>
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		<title>Auf den Spuren der Vernunft V</title>
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		<pubDate>Tue, 15 Jul 2014 18:17:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[akustische Wahrnehmung]]></category>
		<category><![CDATA[Auf den Spuren der Vernunft V]]></category>
		<category><![CDATA[Hörsinn]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Psychose]]></category>
		<category><![CDATA[Wahnwahrnehmung]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Wir sagen: „Ich war ganz Ohr“ oder „Er spitzte seine Ohren“. Wir deuten an, dass jemand in einer unübersichtlichen Lage, wenn plötzlich sein Name fällt, aufhorcht oder hellhörig wird. Und einem, der für die nächstliegenden Argumente nicht zugänglich ist oder starrsinnig an einem Fehlurteil festhält, nennen wir harthörig und herrschen ihn an: „Du bist wohl [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/auf-den-spuren-der-vernunft-v/">Auf den Spuren der Vernunft V</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wir sagen: „Ich war ganz Ohr“ oder „Er spitzte seine Ohren“. Wir deuten an, dass jemand in einer unübersichtlichen Lage, wenn plötzlich sein Name fällt, aufhorcht oder hellhörig wird. Und einem, der für die nächstliegenden Argumente nicht zugänglich ist oder starrsinnig an einem Fehlurteil festhält, nennen wir harthörig und herrschen ihn an: „Du bist wohl taub auf beiden Ohren?“ oder „Wasch dir mal die Ohren!“</p>
<p>Den eindeutigen Sinn von „hellhäutig“ kannst du nicht doppelsinnig machen, indem du ein Analogon „hellhäutig<sub>2</sub>“ zu „hellhörig<sub>1</sub>“ bildest und „hellhäutig<sub>2</sub>“ jemanden nennst, der seine gesamte Aufmerksamkeit gleichmäßig intensiv über die ganze Oberfläche seiner Haut verteilt.</p>
<p>Die Variationen und Modulationen unserer Aufmerksamkeit merken wir dem Reichtum des Vokabulars an und ab, das wir zur Bezeichnung von Wahrnehmungsvorgängen verwenden. Der reichen Palette von Verben des Sehens wie erblicken, schauen, sichten, erspähen, beobachten, betrachten usw. steht eine relativ begrenzte Anzahl von Verben des Hörens gegenüber: hören, horchen, lauschen.</p>
<p>Wir erklären uns diesen semantischen Engpass auf dem Hörgebiet mit der Dominanz des visuellen Sinnes bei der Orientierung, der uns angesichts der etymologischen Herkunft des Wissensbegriffs (von der Wurzel von lat. videre) vor Augen geführt wird. Die Vorherrschaft des Sehens in den Regimen der Wahrnehmung beruht auf der Kraft der Diskriminierung, Identifikation und Unterscheidung von Gegenständen der Außenwelt: Wenn du nach dem gefragt wirst, was dir vor Augen liegt und über den Weg läuft, antwortest du spontan, ohne groß zu überlegen, gleichsam reflexionslos: „mein Schreibtisch“, „meine Kaffeetasse“, „mein Laptop“, „der Hund meines Nachbarn“, „meine Nachbarin“, „ein Müllauto“. Wegen des nisus ad visum, unserer Wahrnehmungsstärke durch das Augenlicht, ordnen und strukturieren wir unsere Welt als räumlich-zeitliche Struktur, in der uns physische Entitäten in komplexen Verknüpfungen und Abfolgen begegnen.</p>
<p>Wir wenden uns wieder dem Hörsinn zu und bemerken, dass er im Verhältnis zum Sehsinn stärker zeitlich geordnet ist: Alles, was uns ans Ohr dringt, hat einen Beginn in der Zeit, eine gewisse, wenn auch noch so kurze Dauer und endet schließlich mehr oder weniger abrupt oder ausklingend. Wir sind allerdings so vortrefflich auditorisch begabt, dass wir auch die Richtung, aus der der Schall uns trifft, mehr oder weniger präzise oder vage angeben können. In der Kooperation von Auge und Ohr, wenn es gilt, das von unserem Gegenüber uns Gesagte fein gegen das mimisch Ausgedrückte abzuwägen, haben wir es zu einer gewissen Meisterschaft gebracht.</p>
<p>Wir wissen, aus welchem Frequenzbereich unsere Ohren uns Informationen einfangen können und wo für uns das große Schweigen beginnt. Aber das, was unter 20 Hertz für sich und ohne uns dahergrummelt, ist für uns kein Bestandteil der Welt – und deshalb auch nicht eigentlich dem Raum des uns unzugänglichen Schweigens angehörig. Wir bemerken Schweigen und Stille nur als Abbruch oder Pausieren von Geräuschen und Stimmen, gleichsam intermedial, nicht hypo- oder hypermedial.</p>
<p>Wir hören alle möglichen Arten und Typen von Geräuschen, die von natürlichen oder künstlich-technischen Schallquellen ausgehen. Wir sind oft auch in der Lage, rein durch den Hörtest, die Art der Quelle, ob natürlich wie den Donner oder künstlich wie das Autohupen, zu bestimmen.</p>
<p>Hört unser Schoßhündchen den Donner? Gewiss hört es ein dumpfes Grollen und Grummeln in der Ferne. Aber versteht es dieses akustische Signal als Anzeichen des nahenden Gewitters? So wie wir den aufsteigenden Rauch als Zeichen eines offenen Feuers interpretieren, deuten wir das vor uns gehörte schrille Quietschen von Reifen und den unmittelbar folgenden blechernen Krach als Anzeichen für einen Verkehrsunfall.</p>
<p>Gewiss wird unsere Interpretation der akustischen Wahrnehmung erst verifiziert und ins Reich der banalen Gewissheiten aufgenommen, wenn wir unsere Ohrenzeugenschaft durch unsere Augenzeugenschaft ergänzt haben.</p>
<p>Unter allen akustischen Signalen sind die sprachlich artikulierten Laute oder Phonemsequenzen, die an unser Ohr dringen, für uns außerordentlich wichtig, aus der umgebenden Geräuschkulisse herausgehoben und emotional und epistemisch prägnant.</p>
<p>Wir nennen das, was wir durch das Hören eines Zurufs oder Satzes verstehen, den durch den Ruf oder Satz ausgedrückten und repräsentierten Gedanken. Den ausgesprochenen Satz hören wir, nicht den Gedanken. Freilich ist der Gedanke nur insofern und insoweit vorhanden, als er durch die geeignete Kette von Phonemen (oder Schriftzeichen, die wiederum Phoneme darstellen) repräsentiert wird.</p>
<p>Wir ahnen, zwischen der Abfolge von physikalischen Frequenzen und der Abfolge von bedeutungstragenden Phonemen liegt der Schnitt zwischen Materie und Semantik. Die kausale Quelle des Schalls, der auf unser Trommelfell einwirkt, können wir nicht hören, hören können wir nur das Ergebnis des komplexen physikalischen und neurophysiologischen Vorgangs, der die Schwingungen der Gehörknöchelchen und die Stimulation der Haarzellen des Mittelohrs in neurale Inputs transduziert, die im Thalamus und den auditorischen Zentren des Cortex verarbeitet werden.</p>
<p>Die Musik lief schon eine ganze Weile im Hintergrund, aber erst jetzt vernimmst du die leise Melodie, wirst dich ihrer bewusst – und unwillkürlich verbinden sich Erinnerungen an Kindheitstage oder süße Empfindungen in einem südlichen Land an das Gehörte. Wie ein Vexierbild schwebst du mit deinem Bewusstsein hinter dem Hör- und Klangbild. Ebenso wenig, wie wir verstehen, wie das Bewusstsein aus der Materie auftaucht, verstehen wir, wie wir mit dem Gehörten sinnvolle Gedanken verbinden.</p>
<p>Wenn du in geselliger Runde das Weinglas hebst und der Gastgeber, der gerade an eurem Tisch vorbeigeht, ruft „Prosit!“, verstehst du diese Klangfolge richtig, wenn du annimmst, der Gastgeber äußere den Wunsch, dass dir der Wein munde.</p>
<p>Der Wunsch ist der intentionale Gehalt, der Gedanke, den der Gastgeber äußert. Du kannst diesen Gedanken verstehen und dein Verständnis zum Beispiel zeigen, wenn du dem Gastgeber freundlich zulächelst, du kann den Gedanken nicht verstehen, weil er dir mangels Kenntnis der deutschen Sprache verborgen bleibt oder du kannst den Gedanken missverstehen, wenn du entgegen der wirklichen Sprecherintention annimmst, der Sprecher habe seine Äußerung ironisch gemeint und der unausgesprochene Gedanke laute: „Mein Freundchen, jetzt reicht es aber, du hast doch schon genug getrunken!“</p>
<p>Der Gedanke ist nicht identisch mit der Instanz seiner aktuellen akustischen Realisierung: „Prosit!“ heißt, was es heißt, überall und immer, wenn es zum gegebenen Anlass vom richtigen Sprecher zum erfreuten Gegenüber hin ausgerufen wird. Aber auch, wenn es undeutlich und gerade noch verständlich oder mit wer weiß welchen dialektalen Einsprengseln und Klangfarben hervorgebracht wird, es überträgt dieselbe Mitteilung.</p>
<p>In der Symptomatologie und Diagnostik der Psychose gilt das Auftreten von visuellen und akustischen Wahnwahrnehmungen als eindeutiger Indikator für das Vorhandensein der Erkrankung. Der Patient deutet das Lächeln seines Gegenübers als Zeichen dafür, dass er zur Erlösung der Menschheit berufen ist. Der Patient deutet den freundlich gemeinten Zuruf des Gastgebers „Prosit!“ als Hinweis darauf, dass er sterben muss, wenn er das Glas austrinkt. In letzterem Falle ist die Kompetenz des Patienten, den semantischen Gehalt des Zurufs zu interpretieren, nicht eingeschränkt, er weiß, was der Ausdruck unter gewöhnlichen Umständen besagt. Aber das pragmatische und kommunikative Netz, das die Verwendung der Verlautbarung normalerweise trägt, ist zerrissen, das Verstehen des intentionalen Gehalts der Äußerung ist nicht durch die Bezugnahme auf die reale Situation eingeschränkt und definiert, sondern durch Bezugnahme auf eine wahnhaft imaginierte Situation abgelöst.</p>
<p>Wenn man annehmen darf, dass im verständigen Hören das Ich-Bewusstsein gleichsam mitschwingt und sich ausfaltet, deutet die akustische Wahnwahrnehmung darauf hin, dass das Ich-Bewusstsein des Erkrankten in der aktuellen Situation nicht mehr mitschwingt und unausgefaltet bleibt.</p>
<p>Wenn wir die Leistung der Identifikation und Diskriminierung von sinnvollen Gedanken mittels des verständigen Hörens als Leistung der Vernunft betrachten, müssen wir das Auftreten von Wahnwahrnehmungen der genannten Art als Symptom einer zumindest vorübergehenden Ohnmacht der Vernunft auffassen.</p>
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		<title>Philosophieren XLIII</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xliii/</link>
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		<pubDate>Mon, 23 Sep 2013 14:58:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Bedeutung]]></category>
		<category><![CDATA[denken]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Unsinn]]></category>
		<category><![CDATA[Wahrheit]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Wenn du mir etwas mitteilst, will ich dir gerne unterstellen, es sei etwas Sinnhaftes und Bedeutungsvolles, was du mir sagen und bedeuten willst – schließlich bist du keiner aus jener Gilde der Philosophen, bei denen man mit allem rechnen muss. Du sagst zu mir zum Beispiel: „Schau mal, das Gewitter hat sich verzogen und der [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xliii/">Philosophieren XLIII</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn du mir etwas mitteilst, will ich dir gerne unterstellen, es sei etwas Sinnhaftes und Bedeutungsvolles, was du mir sagen und bedeuten willst – schließlich bist du keiner aus jener Gilde der Philosophen, bei denen man mit allem rechnen muss. Du sagst zu mir zum Beispiel: „Schau mal, das Gewitter hat sich verzogen und der Himmel ist blau.“</p>
<p>Gewiss wirst du den Satz unter den geeigneten und passenden Umständen äußern und nicht, wenn wir in einem Weinkeller unter geschlossen-düsterem Gewölbe hocken oder wenn der Himmel schwarz von Gewitterwolken ist. Ich unterstelle dir also auch, dass deine Wahrnehmungen gut funktionieren, wenn ich dir unterstelle, mir eine sinnvolle Mitteilung dieser Art gemacht oder ein richtiges Wahrnehmungsurteil gefällt zu haben.</p>
<p>Betrachten wir den Satz genauer und nehmen zunächst den Teil nach dem Komma unter die Lupe. Du siehst gleich, dass es sich eigentlich um zwei mittels der Konjunktion „und“ verbundene Einzelsätze handelt. Wir kürzen sie mit den Buchstaben p und q ab. Mit jedem Satz p und q hast du mir eine Tatsache mitgeteilt, einmal die Tatsache, dass sich das Gewitter verzogen hat, sodann die Tatsache, dass der Himmel blau ist. Wir nennen den Sprechakt, mit dem wir Tatsachen mitteilen, beurteilen oder kurz urteilen und das Ergebnis solcher Sprechakte schlicht und ergreifend ein Urteil. Urteile haben die interessante Eigenschaft, richtig oder unrichtig, wahr oder falsch sein zu können.</p>
<p>Wenn wir zwei Sätze mit den möglichen Wahrheitswerten wahr und falsch durch eine Kopula verbinden, kann der Fall eintreten, dass ein Satz wahr, ein anderer falsch, beide wahr oder beide falsch sind. Wenn es jetzt der Fall ist, dass der Himmel zwar blau ist, aber auch zuvor blau war und also sich kein Gewitter verzogen hat, ist der erste Satz falsch und der zweite wahr. Wenn es weder ein Gewitter gegeben hat und der Himmel durch die Abendröte rot erscheint, sind beide Sätze falsch. Es ist klar, dass die Summe beider Sätze in der Verknüpfung durch die Kopula nur wahr sein kann, wenn beide Teilsätze es sind, in allen anderen Fällen ist der Gesamtsatz falsch.</p>
<p>Nunmehr entdecken wir eine weitere Unterstellung, die wir vornehmen, wenn wir annehmen, du habest uns etwas Sinnvolles mitgeteilt: Wir unterstellen dir, dass du weißt oder zu wissen glaubst, kurz: davon überzeugt bist, dass deine Mitteilung richtig oder der von dir mitgeteilte Inhalt des Satzes wahr ist. Würden wir dir nämlich unterstellen, dass du davon überzeugt wärest, dass der Inhalt deiner Mitteilung, also einer der durch die Kopula verknüpften Teilsätze oder beide Teilsätze unwahr wären, müssten wir dir unterstellen, dass du uns nicht die Wahrheit sagen, sondern uns belügen wolltest. Auch wenn diese unschöne Unterstellung zuträfe, wäre der von dir geäußerte Satz sinn- und bedeutungsvoll, denn es wäre derselbe Satz wie der ursprüngliche Satz, den du geäußert hast, um uns eine Wahrheit mitzuteilen – und dieser galt uns ja als sinn- und bedeutungsvoller Satz.</p>
<p>Wolltest du den Satz „Schau mal, das Gewitter hat sich verzogen und der Himmel ist blau“ äußeren, um uns an der Nase herumzuführen und uns zu belügen, wäre vorausgesetzt, dass das Gegenteil oder die Negation der von dir mitgeteilten Sachverhalte in Wahrheit zuträfen, als Werteverteilung für die Teilsätze also „nicht p und q“ oder „p und nicht q“ oder „nicht p und nicht q“ beziehungsweise „nicht (p und q)“ in Frage käme. Das aber hieße, im Moment, da du den unwahren Satz äußertest, hätte es gar kein Gewitter gegeben und der Himmel wäre blau oder das Gewitter hätte sich verzogen und der Himmel wäre nicht blau oder weder hätte es ein Gewitter gegeben noch wäre der Himmel blau. Wir haben allerdings selbst Augen im Kopf und haben gesehen, dass es kein Gewitter gegeben hat und der Himmel blau strahlt, oder wir sehen, dass sich das Gewitter verzogen hat, aber der Himmel immer noch grau ist, oder wir sehen, dass es weder ein Gewitter gegeben hat und der Himmel sich in der Abenddämmerung rötet. Wir sehen also, dass was du behauptest nicht der Fall ist, und wissen augenblicks, dass du uns hast verballhornen wollen. Das Beispiel erweist en passant, dass Lügen allzu kurze Beine haben, wenn sie sich nicht unter gleichsam undurchsichtigen Umständen und Bedingungen verstecken können – jedenfalls schlecht funktionieren, wenn der Lügner und sein Gegenüber die gleichen Wahrnehmungs- und Urteilsbedingungen teilen.</p>
<p>Bleiben wir bei dem Normalfall einer trivialen Mitteilung von wahren Sätzen der genannten Art. Die Sätze „Das Gewitter hat sich verzogen und der Himmel ist blau“ können wir grammatisch in ein temporales oder ein kausales Gefüge transformieren, indem wir sagen: „Nachdem sich das Gewitter verzogen hat, ist der Himmel blau“ und „Weil sich das Gewitter verzogen hat, ist der Himmel blau“. Der Haupt- und Elementarsatz „Der Himmel ist blau“ spricht einem Gegenstand eine Farbe zu. Wir können diese Grundform des Urteils abkürzen mit der Formel Fx, womit wir dem Gegenstand x die Eigenschaft F zusprechen.</p>
<p>Die Fähigkeit oder das Vermögen, das du dadurch unter Beweis gestellt hast, dass du dem Gegenstand die richtige Eigenschaft zugeordnet hast, nennen wir Urteilsvermögen und Denkfähigkeit, denn natürlich ist urteilen zu können gleichwertig damit, denken zu können.</p>
<p>Wir nennen die Begriffe „blau, rot und schwarz“ Farbbegriffe und sagen, du habest dem Gegenstand den richtigen Farbbegriff zugewiesen. Somit gelangen wir auf die bündige Definition für die Tätigkeit des Urteilens oder Denkens: Urteilen oder denken heißt, einem Gegenstand einen Begriff zuordnen. Und richtig urteilen oder klar denken heißt, einem Gegenstand den richtigen Begriff zusprechen.</p>
<p>Wenn mir einer sagte: „Schau mal, das Gewitter hat sich verzogen und der Himmel ist eine Primzahl“, wäre ich ob dieses unerbetenen Hinweises mehr als konsterniert und würde meinem Gegenüber nicht unterstellen, er habe mit der Zuweisung dieser Eigenschaft von Zahlen knapp danebengelegen oder sich um ein Haar bei der Auswahl der Eigenschaft vergriffen. Ich müsste vielmehr annehmen, die Person wisse nicht, um was für eine Art von Begriffen oder um welche Kategorie es sich bei Begriffen wie den Primzahlen handelt. Ich würde nicht sagen, jener habe ein unrichtiges oder falsches Urteil gefällt, sondern würde sagen, er habe einen unsinnigen Satz geäußert und somit überhaupt kein Urteil getätigt.</p>
<p>Wir sagen: Weder kann der Himmel eine Primzahl noch eine Primzahl blau sein. Welche Eigenschaft unserer begrifflichen Struktur verbirgt sich hinter der Bestimmung „kann nicht“? Nun, es handelt sich hier nicht um eine empirische Grenze und Schwierigkeit, die durch den Einsatz kluger und gewitzter Mittel behoben werden könnte. Es handelt sich vielmehr um die gleichsam überempirische, apriorische Grenze unserer Sprache. So und nicht anders reden wir nun einmal, anders lassen sich die Dinge von uns und bei uns hierzulande und hienieden nicht sagen.</p>
<p>Wir sind demnach aufgefordert jenen, der den absurden Satz geäußert hat, zu korrigieren und auf seinen Kategorienfehler aufmerksam zu machen. Wenn er sich philosophisch versteift und darauf beharrt, für ihn selbst ergebe der uns unsinnig erscheinende Satz durchaus Sinn, weil er für sich die Sprachregel eingeführt habe, dass metereologische Gegenstände die Eigenschaft, Primzahlen zu sein, haben können, müssen wir ihn rügen und mit der Tatsache konfrontieren, dass wir zwar reden dürfen, wie uns der Schnabel gewachsen ist, nicht aber so, dass kein anderer Schnabel darauf kommen könnte, so etwas zu sagen. Die Grenze des Sagbaren ist eine soziale Grenze: Der Verkehr, in dem wir uns sprechend verständigen, wird durch Verkehrszeichen geregelt und verläuft auf Bahnen und Wegen, die vor dir schon Abertausende abgeschritten haben. Jedenfalls sind die sprachlichen Regeln, nach denen der Verkehr hierzulande und hienieden abläuft, nicht der privaten Willkür eines solipsistischen Sprachheimwerkers anheimgestellt.</p>
<p>Wir können also nur sagen, was andere auch sagen könnten. Um sprechen und denken zu können, muss ich voraussetzen, dass mindestens ein anderer schon gesprochen und gedacht hat. Ich wäre nicht in der Lage, als einsamer Robinson einen Gedanken zu fassen: Einen Gedanken zu haben setzt voraus, ihn in einem Satz äußern zu können und die Äußerung des Satzes der realen oder virtuellen Beurteilung mindestens eines anderen anheimzustellen.</p>
<p>Soll das heißen, unser Reden und das, was wir mit Wörtern tun, würden gleichsam von einer unsichtbaren grammatisch-logischen Kontrollinstanz reglementiert und unsere sprachliche und gedankliche Freiheit und schöpferische Ausdrucksmacht würden für immer in eine apriorische Zange genommen? Ganz und gar nicht: Die Grenzen der Sprache fließen, wenn auch gewöhnlich sehr langsam und unmerklich. Denn sie werden nicht willkürlich von Dudenredakteuren und logisch-propädeutischen Oberlehrern mit dem Lineal gezogen, sondern haben überhaupt keine zentrale Steuerungseinheit. Die Grenzen fließen mit den unsichtbaren und unserer Aufmerksamkeit entgleitenden leisen Verschiebungen oder lauten Erschütterungen der kollektiven Praxis unseres durch Regeln geleiteten Sprechens.</p>
<p>Wir wissen allerdings nicht und können nicht wissen, welcher Erschütterungen es bedürfte, die unser sprachliches Regelwerk dermaßen durchschütteln und -rütteln würden, sodass dermaleinst der uns heute unsinnig erscheinende Satz „Der Himmel ist eine Primzahl“ als sinnvoll akzeptiert werden würde.</p>
<p>Im Übrigen könnte unser Satz „Schau mal, das Gewitter hat sich verzogen und der Himmel ist blau“, unter geeigneten Umständen geäußert, auch etwas anderes bedeuten als eine Mitteilung über das Wetter und die Farbe des Himmels. Schreiben wir ihn mit Ausrufezeichen: „Schau mal, das Gewitter hat sich verzogen und der Himmel ist blau!“ Dann willst du mich mit dieser Äußerung vielleicht auffordern, mit dir die stickigen Seminar- oder Büroräume endlich zu verlassen und das Freie zu suchen.</p>
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		<title>Philosophieren XLI</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xli/</link>
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		<pubDate>Fri, 13 Sep 2013 15:30:23 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Determinismus]]></category>
		<category><![CDATA[mögliche Welt]]></category>
		<category><![CDATA[Negation]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Vorsehung]]></category>
		<category><![CDATA[Zufall]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Du hast nicht getan, was zu tun du vorhattest, und bist jetzt betrübt. – Kann ich daraus schließen, dass das, was du vorhattest, etwas war, das dich erheitert hätte? Oder kann ich daraus schließen, dass im Falle du deine Absicht verwirklicht hättest, du nicht betrübt, sondern im Gegenteil froh gewesen wärest? – Würden wir mit [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xli/">Philosophieren XLI</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Du hast nicht getan, was zu tun du vorhattest, und bist jetzt betrübt. – Kann ich daraus schließen, dass das, was du vorhattest, etwas war, das dich erheitert hätte? Oder kann ich daraus schließen, dass im Falle du deine Absicht verwirklicht hättest, du nicht betrübt, sondern im Gegenteil froh gewesen wärest? – Würden wir mit unseren Gedanken – oder mit den Sätzen, die sie ausdrücken und darstellen – die Wirklichkeit widerspiegeln, was spiegelten unsere Gedanken und Sätze dann wider, wenn wir denken und sagen, dass ein Sachverhalt oder eine Tatsache NICHT bestehe? – Ist die Negation wie ein Schatten, den der Sachverhalt oder die Tatsache in den Raum des Möglichen wirft? – Wir denken und sagen gerade so schnell, bequem und unbefangen „nicht p“ wie „p“.</p>
<p>Auch wenn der Satz „Der Schah von Persien sitzt auf dem Pfauenthron“, jetzt ausgesprochen, nicht wahr ist, weißt du doch, dass er einmal wahr war, und könntest ohne Widerspruch die Annahme wagen, dass er wer weiß? einmal wieder wahr sein könnte. Gilt dies auch für den Satz: „Ich bin zwar als Mann geboren, könnte aber genauso gut eine Frau sein“ oder „Ich bin zwar als Frau geboren, könnte aber genauso gut ein Mann sein“? Oder wäre eine solche Möglichkeit auszusinnen gleichbedeutend damit, sich vorstellen zu wollen, ein euklidisches Quadrat habe eine Winkelsumme von weniger oder mehr als 360 Grad?</p>
<p>Behaupte ich, wenn ich die Möglichkeit einer Tatsache negiere, die Möglichkeit einer Welt, in der es alles Mögliche gibt, nur diese eine Tatsache nicht? Impliziert die Möglichkeit deiner Nicht-Existenz die Möglichkeit einer Welt, in der es alles Mögliche gäbe und auch das, was eben jetzt hienieden geschähe, nicht aber dich? – Deine mögliche Nicht-Existenz setzt neben der Tatsache, dass dich deine Eltern nicht gezeugt hätten, eine Viel- oder Unzahl anderer Tatsachen voraus: In jener Welt ohne dich sind sich deine Eltern vielleicht niemals begegnet. Wenn sich deine Eltern nicht begegnet wären, wären ihre Lebensgeschichten anders verlaufen. Wären die Lebensgeschichten deiner Eltern anders verlaufen, wären auch die Lebensgeschichten ihrer Verwandten, Freunde und Bekannten anders verlaufen. Wären aber die Lebensgeschichten ihrer Verwandten, Freunde und Bekannten anders verlaufen, wären auch die Lebensgeschichten wiederum deren Verwandten, Freunde und Bekannten anders verlaufen – also die Lebensgeschichten ALLER Menschen.</p>
<p>Folgt daraus nicht, dass die Welt, in der deine Existenz gleichsam nicht vorgesehen wäre, in vielfacher, umfänglicher oder gar globaler Hinsicht anders aussähe als diese unsere Welt, in der du deinem frohen bis betrübten Dasein frönst? – Du könntest dich auch fragen, wie weit die Voraussetzungen und Bedingungen zurückgehen (kausal, naturgesetzlich, logisch), deren tausendmaschiges Netzwerk die einzigartige lokale Verflechtung hervorgebracht hat, die wir als „Marienbader Elegie“ kennen? Ist die Farbigkeit, die Mehrtönigkeit, die Obertönigkeit des Wortes „Liebe“, wie es Goethe gebraucht, ohne die Voraussetzungen und Bedingungen denkbar, deren tausendmaschiges Netzwerk Judentum, Christentum sowie antike Dichtung und Philosophie – um nur diese zu nennen – geflochten haben? Wie viele Generationen sind es von Moses – so du ihn als historische Figur dem 1300 Jahrhundert v. Chr. unterschiebst – bis zu Goethe? –</p>
<p>Was hieße es aber, sagen zu wollen oder zu können, die Möglichkeit deiner Existenz sei der logischen Valenz nach nicht der Möglichkeit deiner Nicht-Existenz gleichzustellen? Hieße das nicht, annehmen zu müssen, dass deine Existenz in dieser unserer Welt gleichsam vorgesehen war und ist und nicht die Rolle eines kontingenten Etwas spielte, das auch nicht hätte sein können? Dass du nicht zu einer betrachtenden und ästhetischen oder gröber und klarer gesagt: einer Eckensteher-Existenz verurteilt bist, sondern durch tätige Hingabe und mitfühlende Verantwortung gleichermaßen deiner einzigartigen Rolle gerecht zu werden hast? Frage dich, warum alle Welt diese Welt als Tollhaus des Zufalls, als Arena blutig-grotesker Turniere auf Leben und Tod, als Totenspiel somnambuler Narren beschwört, feiert oder verflucht? –</p>
<p>Die Möglichkeit deiner Nicht-Existenz bildet nicht so etwas wie ein kleines Loch, einen winzigen toten Punkt oder einen klitzekleinen schwarzen Fleck auf einem großen Genrebild von Pieter Brueghel d. Ä., in dem ein bösartiger Narr oder ein nihilistischer Mephistopheles eine püppchenzarte Figur im Hintergrund eines grotesken Menschengewimmels mit einer Nadel ausgestochen oder einer Rasierklinge ausradiert hätte – was aus einiger Entfernung nicht einmal auffiele. –</p>
<p>Deine Nicht-Existenz oder vielleicht die Nicht-Existenz der Stubenfliege, die sich gerade jetzt auf deinem Ärmel niederlässt, hätte zur Folge, dass das Bild der Welt, wenn wir es mit dem Genrebild Brueghels vergleichen, anders aussähe, eine andere Farbigkeit, eine veränderte Verteilung von Licht und Schatten, eine andere Anordnung der Sujets, ja andere Sujets aufwiese – am Ende überhaupt kein Genrebild mehr wäre, und sogar so verschiedenartig von dem Genrebild Brueghels ausfiele, dass es ein Maler wie Brueghel hätte überhaupt nicht malen können.</p>
<p>Wenn diese Welt (einschließlich deiner Existenz und der Existenz der Fliege auf deinem Ärmel) so sehr verschieden wäre von jener Welt (ausschließlich deiner Existenz und der Existenz der Fliege auf deinem Ärmel), wären sie dann so verschieden wie zwei Sprachen mit sehr unterschiedlicher Laut- und Wortbildung und anders strukturierter Grammatik wie das Deutsche und das Chinesische oder so verschieden wie ein klassisches Musikstück verglichen mit einem atonalen Musikstück? –</p>
<p>Oder wären diese Welt mit dir und jene Welt ohne dich so verschieden, dass sie überhaupt nicht mehr vergleichbar wären? Wo verläuft aber die Grenze, diesseits derer du sie vergleichen und jenseits derer du sie nicht mehr vergleichen kannst? Wann und wo beginnen alle Vergleiche, Bilder, Metaphern zu versagen? Sind wir hier an einer faktischen Grenze oder an einer begrifflichen Grenze angelangt? Jene nehmen wir mit dem Anlauf des Vergleichs, des Bildes, der Metapher spielend, bei dieser beginnen wir zu stottern. –</p>
<p>Ist es wie mit der Grenze zwischen unserer Welt und jener Welt, in der das Leben nicht auf organischen Kohlenstoffverbindungen, sondern auf Siliziumverbindungen aufgebaut wäre? Oder wäre dies die Grenze zwischen einer Welt wie der unseren und einer Welt, in der die Wesen, die wie Lebewesen aussähen und agierten, in Wahrheit tote Automaten wären? –</p>
<p>Die Modulation erfolgte nach Moll, nicht nach Dur beziehungsweise nach Dur und nicht nach Moll, wie du vielleicht erwartet hast. – Ist es so mit der herausragenden Tat, wenn der eine einem anderen das Leben gerettet oder der andere den anderen ums Leben gebracht hat, als würde vom Licht oder dem Schatten dieser einzigen Tat eine neue, wesentliche oder endgültige Deutung auf die Summe des bisherigen Lebens fallen? – Hätte der Lebensretter der Mörder oder der Mörder der Lebensretter sein können? Oder gehören sie zwei getrennten, weil strukturell verschiedenartigen Welten an? –</p>
<p>Und umgekehrt: Du hast in jungen Jahren ein Gelübde abgelegt und wolltest christlicher, buddhistischer, hinduistischer oder taoistischer Mönch oder christliche, buddhistische, hinduistische oder taoistische Nonne werden oder du fühltest dich zu außerordentlichen Taten der Nächstenliebe berufen und hast dann sinistren Verführungen und sinntötender Zerstreuung nachgegeben oder wurdest einfach müde und matt, und dein Ideal sank dahin – ist es hier wie mit dem Lebensretter und dem Mörder bestellt, nur nicht post festum, sondern ante festum, und das Licht der Tat, das Schuld, Sünde, Müdigkeit oder Langeweile verdunkelten, wirft sich als Schatten auf die vertane Lebensfrist? Wäre dies die Providenz der Hölle, von der Augustinus gemutmaßt hat? –</p>
<p>Oder gibt es hienieden die Möglichkeit der Möglichkeit, die Möglichkeit der Umkehr, des Richtungswechsels, des Neubeginns? Gibt es hienieden die Möglichkeit in potentia, indes nur im Raum der Gnade? Und ist der Raum der Gnade kein abgezirkelter Bereich, sondern ein Licht, in dem du stehst oder nicht stehst?</p>
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		<title>Philosophieren XL</title>
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		<pubDate>Fri, 06 Sep 2013 10:20:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Absicht]]></category>
		<category><![CDATA[Gehirn und Geist]]></category>
		<category><![CDATA[Lob und Tadel]]></category>
		<category><![CDATA[Person]]></category>
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		<description><![CDATA[<p>Du siehst auf deine Armbanduhr, vergleichst ihren Zeigerstand mit dem Zeigerstand der digitalen Uhr neben dem Eingang der Apotheke und stellst fest, deine Uhr geht falsch. – Immer wenn du morgens aus dem Haus gehst, kommt dir pünktlich wie nach der Uhr dein Nachbar entgegen. – Du stellst fest, dass dein Taschenrechner bei jeder Eingabe [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xl/">Philosophieren XL</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Du siehst auf deine Armbanduhr, vergleichst ihren Zeigerstand mit dem Zeigerstand der digitalen Uhr neben dem Eingang der Apotheke und stellst fest, deine Uhr geht falsch. – Immer wenn du morgens aus dem Haus gehst, kommt dir pünktlich wie nach der Uhr dein Nachbar entgegen. – Du stellst fest, dass dein Taschenrechner bei jeder Eingabe von Zahlen und Funktionen denselben Wert anzeigt, und schließt daraus, dass die elektronische Mechanik des Rechners kaputt und unbrauchbar geworden sei. – Du bist als Tourist in der fremden Stadt unterwegs und fragst einen Einheimischen nach dem Weg zu der berühmten Kathedrale, er weist ihn dir mit der Hand, doch du gelangst bald in ein ödes Brachland.</p>
<p>Du bindest mit den Händen die Schlaufe am Schuh. Du rechnest die Multiplikation ohne Zuhilfenahme von Papier und Bleistift im Kopf aus. Warum ist es merkwürdig und befremdlich zu sagen: „Ich rechne die Rechenaufgabe nicht nur im Kopf, sondern mit dem Kopf aus“ oder „Ich rechne die Rechenaufgabe mit meinem Gehirn aus“? Was macht hier den Unterschied zwischen Hand und Gehirn?</p>
<p>Wenn deine Armbanduhr Bewusstsein hätte und du bemerkst mittels des Vergleichs mit der öffentlichen Uhr, dass sie falsch geht – könntest du ihr dann nicht die Absicht unterstellen, nicht die richtige Zeit anzeigen und dich hinters Licht führen zu wollen? Wenn du aber davon ausgehen könntest, dass deine Armbanduhr dir in Treue und unbedingt ergeben sei, wäre die Tatsache, dass sie die falsche Zeit anzeigt, nicht die Folge dessen, dass sie absichtsvoll einen Fehler begangen hätte, sondern wahrscheinlich die Folge der Tatsache, dass beispielsweise die Batterie ihren Geist aufgegeben und sie das Bewegen der Zeiger hätte aufgeben müssen.</p>
<p>Die Absicht hegen zu können, zu täuschen und sich zu verstellen, sowie die Disposition, Fehler zu begehen, gehörten demnach zu untrüglichen Zeichen dessen, was wir bewusstes und seiner selbst bewusstes Leben nennen, so wie wir es führen und sind.</p>
<p>Dein Nachbar kommt stets pünktlich zur selben Minute und Stunde dir entgegen – als wolle er dir mit diesem Verhalten sagen: „Siehst du, du kannst dich auf mich verlassen, ich bin immer pünktlich zur Stelle!“ – Warum kannst du nicht zu dir selbst des Morgens, wenn du wieder wie stets zur selben Zeit erwachst und gleichsam zu dir findest, sagen: „Siehst du, du kannst dich auf mich verlassen, ich bin immer pünktlich zur Stelle!“?</p>
<p>Dein Taschenrechner funktioniert nicht mehr, er spuckt bei jeder Eingabe denselben Wert aus. – Ist es dasselbe mit deinem Mund, wenn er plötzlich, gleichgültig was immer du eigentlich äußern möchtest und dir zu sagen vorgenommen hättest, denselben Satz oder dasselbe Wort artikulierte? – Ist es dasselbe mit deinem Kopf, wenn du mit einem Mal unter den Bann einer Zwangsidee gerietest und gezwungen wärst, denselben Gedanken immerfort zu wiederholen?</p>
<p>Der Einheimische hat dich düpierten Touristen in die falsche Richtung geschickt. Woher weißt du aber, dass er dich mit Absicht in die Irre geführt hat? Könnte er nicht der falschen Überzeugung sein, dass die Richtung, in die er dich wies, die richtige sei? Wie kannst du das herausfinden? Nun, wenn du beobachten könntest, dass derselbe Mann einen anderen Touristen, mit dem er sich augenscheinlich angefreundet hat, bei Nachfrage in dieselbe falsche Richtung weist.</p>
<p>Wir wissen nunmehr: Nur ein Lebewesen wie wir, dem wir unterstellen, wahre und falsche Überzeugungen zu haben sowie Absichten zu hegen, mittels der Äußerung von Sätzen und der Durchführung von Handlungen Ziele zu erlangen, gilt uns als seiner selbst bewusstes Lebewesen. Das Gehirn, mittels dessen wir wahre oder falsche Überzeugungen bilden, oder der Mund und die Sprechwerkzeuge, mittels derer wir Sätze artikulieren, und die Hand, mittels deren wir Handlungen ausführen, gelten uns für Teile oder Momente der Person oder personalen Ganzheit, die Überzeugungen hat, Sätze äußert und Handlungen vollführt, nicht aber für die Ganzheit selbst, so dass es falsch wäre zu sagen: „Dein Hirn glaubt, die Erde sei eine Scheibe“ und „Dein Mund hat mich nach der Uhrzeit gefragt“ oder „Deine Hand hat die Schlaufe zu fest gezurrt“.</p>
<p>Die Uhr zeigt den falschen Zeigerstand an. Es ist sinnlos zu fragen, ob sie nicht auch den richtigen Zeigerstand hätte anzeigen können. Wenn du dagegen dich bei der Multiplikation vertust und ein falsches Ergebnis an die Tafel schreibst oder in die Rechnung einträgst, kann ich dich getrost fragen, ob du nicht das richtige Ergebnis hättest errechnen und aufschreiben können. Denn wenn du in der Lage bist, Fehler zu begehen und dich zu verrechnen, kann ich dir auch die Fähigkeit unterstellen, keinen Fehler zu machen und auf das richtige Ergebnis zu kommen.</p>
<p>Wenn du die Rechnung ausführst und es unterläuft dir ein Fehler, passieren doch in deinem Hirn zigtausend Dinge – wir sehen es ja auf dem Bildern der bildgebenden Hirn-Scan-Verfahren, wo Hirnaktivität stattfindet und wo nicht, wir haben gute Annahmen über die neuronale Repräsentanz der mentalen Aktivitäten, die wir mehr oder weniger bewusst ausführen, und sprechen vom Input und Output und der Informationsverarbeitung durch die neuronalen Netze und Schaltkreise unseres Gehirns. Warum sollten wir denn nicht annehmen, dass in einem solch komplexen Netzwerk wie dem des Gehirns ein Fehler auftreten könne?</p>
<p>Du kannst mit Kaffee und Tee, von anderen Stimulantien zu schweigen, deine Hirnaktivität auf Trab bringen, schneller rechnen und deine Aufmerksamkeit so weit steigern, dass du Fehler vermeidest, die dir im ermüdeten Zustand unterlaufen wären. Aber die Fehler, die du vermeidest, und die Fehler, die du begehst, sowie die richtigen Rechenergebnisse, auf die du Schritt für Schritt kommst, entstehen nicht aufgrund von Pannen und Systemausfällen beziehungsweise dank reibungsloser Funktionsabläufe der großen Maschine namens Hirn, sondern aufgrund eines Versehens wie einer falschen Annahme und irrtümlichen Anwendung von Formeln und Kalkülen beziehungsweise der richtigen Annahme und korrekten Anwendung von Formeln und Kalkülen – im ersten Falle hast du zum Beispiel einfach addiert, wo du hättest subtrahieren sollen, oder du hast die binomische Formel falsch angewandt.</p>
<p>Wenn dein Rechenapparat unterhalb der Kalotte eine Panne hat, verrechnest du dich natürlich genauso wie im Falle des Fehlers, den du begangen hast. Doch über die Panne bist du verdutzt, erschrocken oder verzweifelt und weißt dir keinen Rat – zur Not musst du als Schlaganfallpatient schnellstmöglich in die Notaufnahme der nächsten Klinik. Über den Fehler, den du nicht das erste Mal bei der Rechnung hingelegt hast, ärgerst du dich – doch kannst du dir mit einiger Mühe klarmachen und erklären, wie er zustande kam. Alsdann gibst du dir einen Stoß und beginnst die Rechnung erneut, mit heikler Aufmerksamkeit an der Stelle, wo es wieder einreißen könnte.</p>
<p>Außerdem pflegen wir dir keinen Vorwurf daraus zu machen und dich deswegen zu tadeln, weil du die Rechnung fatalerweise aufgrund eines plötzlichen Hirnschlags hast nicht korrekt ausführen können, sondern fehlerhaft stehen lassen musstest. Im Gegenteil, wir werden, solltest du uns nahestehen, Anteil an deinem Schicksal nehmen und dich bemitleiden. Dagegen pflegen wir zumindest den Schüler, der sich nicht ausreichend auf den Hosenboden gesetzt und die Aufgaben wiederholt hat, zu tadeln, weil er uns wieder mit demselben Fehler kommt. Dieses Mal gedenken wir ihn dafür zu strafen und ihn mit einer zusätzlichen Übungsaufgabe vom Spiel im sonnigen Nachmittag fernzuhalten. Pannen und Störungen kausaler Natur werden nicht zugerechnet, bedürfen keiner Rechtfertigung oder erklärenden Begründung. Fehler werden zugerechnet und können getadelt, ihr Vermeiden kann belobigt werden.</p>
<p>Wir sagen, der Schüler könne die Rechenaufgabe durchaus lösen, er sei zwar dazu in der Lage, aber nicht willens, es zu tun, es fehlten ihm der gute Wille und Antrieb. Auch dieses Verhalten pflegen wir zu tadeln, doch handelt es sich dabei nicht um einen zurechenbaren Fehler aufgrund mangelnder Übung oder mangelnden Fleißes, sondern um ein moralisches Versagen aufgrund einer Charakterschwäche, die ungenügende oder verfehlte Erziehung auf dem Gewissen haben mag.</p>
<p>Mentale Pannen haben Ursachen organisch-neurologischer Natur, die wir uns nicht recht erklären können und für die wir uns nicht zu verantworten oder zu rechtfertigen haben. Fehler gehen auf unser Konto, wir können ihre Entstehung meist gut nachvollziehen und rekonstruieren, vor allem aber müssen wir für sie geradestehen – seien es Rechenfehler oder moralische Vergehen. Unseren Fehlern sei Dank – sie zeigen uns: Wir sind nicht die Sklaven unserer Hirnaktivitäten, sondern unter den gemischten Bedingungen dieses sublunaren Daseins bewusste und unserer selbst bewusste Lebewesen, die Wahres von Falschem, Richtiges von Unrichtigem und Sinnvolles von Unsinnigem unterscheiden und mit Absicht tun oder lassen können, was immer wir tun oder lassen wollen.</p>
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		<title>Philosophieren XXXIX</title>
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		<pubDate>Thu, 05 Sep 2013 13:49:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Gehirn und Geist]]></category>
		<category><![CDATA[Identität]]></category>
		<category><![CDATA[Person]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Wahrheit]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Deine Freundin führt deine Hand, mit der du sie innig gestreichelt hast, an ihren Mund und schaut dir zärtlich in die Augen. – Das Kind wirft wütend den Stuhl um, an dem es sich gestoßen hat. – Sein Leichnam wurde in der Leichenhalle aufgebahrt. – Wir haben ihn gestern beerdigt. – Der Arzt diagnostiziert in [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xxxix/">Philosophieren XXXIX</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Deine Freundin führt deine Hand, mit der du sie innig gestreichelt hast, an ihren Mund und schaut dir zärtlich in die Augen. – Das Kind wirft wütend den Stuhl um, an dem es sich gestoßen hat. – Sein Leichnam wurde in der Leichenhalle aufgebahrt. – Wir haben ihn gestern beerdigt. – Der Arzt diagnostiziert in deinem Knie einen Bänderriss. – Der Demente erkannte sich im Spiegel nicht wieder.</p>
<p>Deine Freundin küsst wohl deine Hand, aber sie schaut nicht deine Hand dankbar an, sondern dir zärtlich in die Augen. – Das Kind handelt so, als sei der Stuhl ein lebendiges Wesen, dem man Absichten und gerade auch böse Absichten zu unterstellen pflegt – es handelt im Prinzip richtig, nur en detail falsch. – Wir zögern beim pietätvollen Umgang mit den Toten, an welcher Stelle wir sie gleichsam im Persönlichen festhalten oder ins Unpersönliche abgleiten lassen wollen. – Der Arzt weist uns auf das Verständnis unseres verkörperten Seins hin, indem er nicht sagt: „Ihr Knie ist krank“, sondern etwa: „Sie sind am Knie erkrankt“ oder schlicht „Sie leiden an einem Bänderriss am Knie.“ Der Arzt sagt nicht: „Ich werde ihren Magen operieren“, sondern „Ich werde Sie am Magen operieren.“ – Der Demente erkennt seinen Körper im Spiegel nicht mehr als seinen Körper, weil er seinen Körper nicht mehr als den seinen wahrnimmt.</p>
<p>Dein Bekannter hält dich am Ärmel fest, zeigt mit der Hand auf die andere Straßenseite und sagt: „Schau mal, ist dies nicht Frau P.?“ Zeigt er dabei auf die Stelle, die mit der Verwendung des Demonstrativums „dies“ bedeutet und gemeint ist? Welche Stelle könnte das sein? Ist es die Raumstelle, die von dem Körper der Frau P. vollständig ausgefüllt wird? Aber dann könnte man die Ausdrücke „dies“ und „dieser Körper“ schlicht gegeneinander austauschen und dein Bekannter könnte genauso gut sagen: „Schau mal, ist dies nicht der Körper der Frau P.?“</p>
<p>Warum klingt diese Frage so merkwürdig, bizarr und ungelenk in unseren Ohren? Warum finden wir auf Anhieb keine rechte Normalverwendung für einen solchen Satz? Oder würden wir etwa mit dem Wissen, da drüben wandle Frau P. am hellichten Tage wieder einmal im Schlaf, etwa sagen „Schau mal, ist dies nicht der Körper der Frau P.?“ Nicht einmal in einem solchen Ausnahmefall würden wir dies wohl über die Lippen bringen.</p>
<p>Warum lassen sich die Personalpronomina ich und du und er und sie nicht einfach ersetzen durch die Ausdrücke „mein Körper“, „dein Körper“, „sein Körper“ oder „ihr Körper“? Etwa weil das mit den Personalpronomina Gemeinte, also die jeweilige Identität der angesprochenen Personen, ein unkörperliches Etwas, ein im Körper verborgenes rätselhaftes Wesen genannt Seele oder Geist wäre, das sich von außen und von den anderen nicht erfassen lässt, sondern auf intime und unmittelbare Weise nur dem „Inhaber“ zugänglich und verständlich wäre?</p>
<p>Wir fragen uns weiter in die Irre: Ist dieses ominöse Etwas nicht das, was in uns denkt – sind doch auch die Gedanken körperlos, ortlos, zeitlos? Wie ist dieses Ego Cogito bloß mit dem singulären Körper verbunden, wenn es unräumlich ist, also eigentlich keinen Raum einnehmen und keinem Körper einwohnen kann? Steht es dennoch einem bestimmten Organ besonders nahe, etwa der Milz, der Leber, dem Herzen oder dem Gehirn?</p>
<p>Oder sollen wir, abgestoßen von all dem metaphysischen Gespensterdasein und verführt durch die knallharten Fakten der Neurowissenschaften, in die entgegengesetzte Irre gehen und den vom Ego Cogito heimgesuchten Körper zum alten Eisen werfen und die Identität der Frau P. zum Produkt der neuronalen Leistungen ihres Gehirns erklären? Würde dein Bekannter denn nunmehr auf die andere Seite der Straße zeigen und ausrufen: „Schau mal, ist dies nicht das Gehirn der Frau P., das mit ihrem Körper spazieren geht?“</p>
<p>Worauf dein Bekannter zeigt, wenn er mit dem Finger auf Frau P. weist, ist weder ein Körper, dem wir eine zentral steuernde, denkende Instanz namens Seele oder Geist andichten und verpassen müssten, noch ein von der steuernden Instanz des Gehirns die Straße entlang geführter Körper (Woher wüssten wir denn in diesem Falle, dass es eben der Körper der Frau P. ist?), sondern die Person Frau P., die als vollständig verkörpertes Lebewesen von ihrem lebendigen, empfindenden, fühlenden, denkenden Organismus unabtrennbar ist – und diese Weise, vom Körper nicht abtrennbar zu sein, hat nicht den Rang einer Tatsache, sondern stellt eine begriffliche Grenze dar. Wir sagen etwas unbeholfen: Der Begriff der Person kann nicht ohne den Körper gedacht werden, den wir mit dieser Person allenthalben verbinden. Verkörpert zu sein ist so etwas wie die notwendige Eigenschaft von Personen.</p>
<p>Und wenn du gar nichts mehr fühlst und denkst, ohne tot zu sein, sondern dich im Tiefschlaf befindest oder ohnmächtig bist, bist du dann nicht bloß ein Körper und nichts ist auffindbar, was du da wohl verkörperst? Ich würde immer noch sagen: „Mein Freund ist in Tiefschlaf versunken“ oder „Mein Freund ist ohnmächtig geworden“ und nicht „Der Körper meines Freundes schläft oder ist ohnmächtig“. Denn die Möglichkeit, dass du aus dem Tiefschlaf oder der Ohnmacht erwachst, gehört zu dem Repertoire an Möglichkeiten, die dein selbstbewusstes Leben als Person ausmachen, auch wenn du in solchen virtuellen Schrumpfstufen des Daseins deiner selbst gerade nicht bewusst bist. Dies gilt auch für die Fälle psychiatrisch klassifizierbarer Abweichungen vom normalen Verhalten und Bewusstsein. Der Faden kann gleichsam abbrechen und seine Enden eine Weile in der Luft baumeln – solange die Möglichkeit besteht, dass eine gute Fee oder eher wohl die Verabreichung antipsychotischer Medikamente die losen Enden wieder verbindet, geben wir die Zuschreibung des Personseins an den Betroffenen nicht auf.</p>
<p>Das bewusste Leben der Person ist ein Kontinuum mehr oder weniger intensiver oder schwacher Empfindungen, mehr oder weniger deutlicher oder verschwommener Gefühle und mehr oder weniger präziser oder diffuser Gedanken, das sich von der Geburt bis in den Sterbeprozess hinzieht. Ich spreche dir nicht bloß in den Fällen ein leib-beseeltes Dasein zu, in denen es mir leichtfällt, deine Empfindungen, Gefühle und Einstellungen aus deinem Benehmen und Gebaren zu ersehen, wie dass du glücklich bist aus deiner entspannten Haltung und deinem sanften Lächeln oder dass du unglücklich bist aus deiner verkrampften Haltung und deinem stieren Blicken. Auch wenn du in eine katatonische Starre fielest und ich nicht einmal zu ahnen vermöchte, was in dir vorgeht, bleibst du die Person von vorhin, wie sich nach Beendigung des Anfalles herausstellen wird.</p>
<p>Dein Bekannter hat dich auf Frau P. hingewiesen, und da ihr euch kennt, gehst du gerne auf sie zu und befragst sie nach ihrem Befinden und momentanen Vorhaben. Sie wird vielleicht antworten, sie müsse eine Besorgung machen, zum Beispiel sich in der Apotheke durch Vorlage eines Rezepts ein ihr verordnetes Medikament besorgen. Frau P. hat dir damit ihre Absicht mitgeteilt, die dir zur Erklärung ihres Verhaltens, nämlich über die Straße gegangen zu sein, vollkommen hinreicht. Natürlich wirst du Frau P. für die richtige und erfolgreiche Ausführung ihrer Absicht mittels des beobachteten Verhaltens die wahre Überzeugung unterstellen dürfen, dass es notwendig sei, mit dem Rezept bewaffnet die Wohnung zu verlassen und da sie keine Flügel hat sich ihrer Beine zu bedienen und sich auf der Straße in Richtung Apotheke zu begeben. Die Wahrheit dieser Überzeugungen ist wiederum verknüpft mit der Wahrheit der Überzeugungen, dass Frau P. die Öffnungszeiten der Apotheke zu beachten hat, dass sie das Rezept vor Ort aus der Tasche ziehen und dem Apotheker überreichen muss. Und die Wahrheit all dieser Überzeugungen ist gleichsam unterirdisch oder auf der Rückseite des Teppichs mit basalen Wahrheiten der Art verknüpft, dass Frau P. getrost den Fuß auf den Bordstein setzen kann ohne dank des Wirkens der Gravitationskraft Gefahr zu laufen, in die Lüfte zu entschweben.</p>
<p>Der semantisch geknüpfte Teppich aus Überzeugungen und Absichten ist das, was Lebewesen als Personen beseelt. Das fortgesetzte Knüpfen, aber auch das stellenweise Wiederauflösen und Neuknüpfen des semantischen Teppichs geschieht ein Leben lang und umfasst das, was wir das intentional-bewusste Leben der Person nennen. Die Ausführung deiner Absicht kann scheitern, vielleicht aus dem einfachen Grund, weil dich eine falsche Überzeugung in die Irre geführt hat, und du wähntest, das Medikament in der Apotheke ohne Rezept erhalten zu können.</p>
<p>Und wenn du nicht nur mit einer Überzeugung falsch lägest, sondern mit vielen oder gar mit allen? Und wenn du, wieso dann nicht auch ich, und wenn du und ich, wieso dann nicht alle? Lebten wir dann nicht in einer Scheinwelt oder Traumwelt, in der alles wie in einem Film sich abspielte, für den es kein Skript und keinen Plot gäbe, den nicht einmal ein verantwortlicher Regisseur gedreht hätte? Wäre dies aber so, und alle deine Überzeugungen wären falsch, wähntest du beispielweise, über die Brüstung des Balkons deiner Wohnung im 5. Stock gelehnt, du könntest fliegen – und lebtest also nicht mehr.</p>
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		<title>Philosophieren XXXVIII</title>
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		<pubDate>Tue, 03 Sep 2013 16:01:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Gegenstand]]></category>
		<category><![CDATA[genereller Terminus]]></category>
		<category><![CDATA[individueller Terminus]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Struktur der Erfahrung]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Wenn wir uns der Gepflogenheit eines mehr oder weniger anspruchsvollen Gespräches anbequemen, suchen wir uns frei, nach Laune oder Gusto den Gegenstand aus, der uns zum gefälligen Thema dienen soll – für eine mehr oder weniger kurze oder lange Weile. Du kannst auch sagen, der Gegenstand begegne uns unterwegs, auf unserem Spaziergang, bei unserem Einkaufsbummel: [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xxxviii/">Philosophieren XXXVIII</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn wir uns der Gepflogenheit eines mehr oder weniger anspruchsvollen Gespräches anbequemen, suchen wir uns frei, nach Laune oder Gusto den Gegenstand aus, der uns zum gefälligen Thema dienen soll – für eine mehr oder weniger kurze oder lange Weile. Du kannst auch sagen, der Gegenstand begegne uns unterwegs, auf unserem Spaziergang, bei unserem Einkaufsbummel: Er fällt uns auf, gerät in unseren Blickwinkel, drängt sich uns auf.</p>
<p>Die Institution oder die Konvention oder die Gewohnheit des Dialogs gibt uns die Spielregeln vor: Eine wichtige Regel schreibt dir vor, das mitzuteilen, was du selbst für wahr hältst, von dessen Existenz und der Existenz seiner von dir ihm zugesprochenen Eigenschaften du überzeugt bist. Die höhere Regel könnte vielleicht lauten: Führe deinen Partner nicht in die Irre, an der Nase herum, täusche ihn nicht – vorsätzlich nicht die Wahrheit zu sagen, also zu lügen, wäre ein Fall der Täuschung und Irreführung.</p>
<p>Du zeigst deiner Freundin das Haus, in dem du geboren wurdest und deine Kindheit und Jugend verbracht hast. An diesem Haus habt ihr einstweilen einen bedeutenden Gegenstand, der sich als ergiebiges Thema eures Gesprächs erweisen könnte. Du wirst bei den zu erwartenden Fragen und Nachfragen deiner Freundin den Teufel tun und dich vor ihr mit phantastischen Hochstapeleien über den angeblichen Reichtum oder die hohe soziale Stellung deines Vaters oder die mit Orden ausgezeichneten Ruhmestaten deines Großvaters spreizen. Sondern du bleibst hübsch bei der Wahrheit, denn die ruhmredigen oder geckenhaften Lügen würden dich deiner Freundin auf lange Sicht wie in einem Zerrspiegel präsentieren – du aber willst mit ihr nicht als karikaturhafte Scheinexistenz, sondern als waschechter Kerl zusammensein.</p>
<p>Das Haus deiner Eltern und Großeltern birgt der Geschichten und interessanten Tatsachen viele – doch wirst du deine Freundin nicht mit der Angabe der Anzahl der Fliesen im Hausflur überraschen noch sie mit der Tatsache traktieren wollen, dass die Simse der Fenster aus dem hierzulande stark abgebauten Basalt bestünden. Du sichtest und sondierst die Informationen nach dem Grad ihrer Wichtigkeit und Relevanz, den sie zur Befriedigung des Informationsbedürfnisses deines Gesprächsteilnehmers und zur angemessenen Fülle und Breite bei der Darlegung deines biographischen Hintergrundes mitbringen.</p>
<p>Du unterhältst dich also mit deiner Freundin über dein Elternhaus, indem du denkwürdige Geschichten, Anekdoten und Schnurren zum besten gibst, die mit diesem Gegenstand eures Gesprächs verbunden und verwoben sind. Ist es immer so, dass wir gesprächsweise uns über etwas unterreden? Einem etwas diese und jene Eigenschaft zusprechen? Und dass wir rechtens einem Gegenstand diese, aber nicht jene Eigenschaft zusprechen, wenn er in der Tat diese, aber nicht jene Eigenschaft hat? Und dass wir nicht das Wahre, sondern das Falsche sagen, wenn wir vorsätzlich oder irrtümlich dem Gegenstand jene, aber nicht diese Eigenschaft zusprechen, wo er doch in Wahrheit diese, aber nicht jene Eigenschaft hat?</p>
<p>Aber du kannst auch noch anders in die Irre gehen. Du kehrst mit deiner Freundin in deine Vaterstadt zurück, in der du so viele Jahre nicht gewesen bist. Ihr geht durch die Straße, an der dein Geburtshaus steht und die dir von Kindesbeinen an so vertraut ist, weil du auf ihr unzählige Male zur Schule oder in die Kirche gegangen bist. Du siehst die vertraute Straßenlaterne, die immer noch am rechten Platz steht, und weist auf das Haus neben ihr als auf dein Geburtshaus. Doch in Wahrheit ist dies nicht dein Geburtshaus, sondern das etwas unscheinbare Haus gleich daneben. In diesem Falle hast du nicht dem richtigen Gegenstand fälschlicherweise eine ihm nicht zustehende Eigenschaft zugesprochen, sondern den falschen Gegenstand erwischt – kurz, dich in der Identifizierung des Gegenstandes geirrt.</p>
<p>Was ist nun der Gegenstand, dessen wir bedürfen, um unser Gespräch ins Laufen zu bringen? Ist es das Haus oder ein Haus? Nein, es ist genau dieses und nur dieses eine Haus, auf das du deine Freundin mit der demonstrativen Geste des ausgestreckten Zeigefingers hinweist.</p>
<p>Was besagt aber der sprachliche Ausdruck „dieses Haus“? Er ist die abgekürzte Form des vollständigen Satzes „Dies ist ein Haus“, bei dem sich das Demonstrativpronomen „dies“ auf den eigentlich gemeinten Gegenstand bezieht, dem mit dem generellen Terminus „Haus“ die Eigenschaft zugesprochen wird, ein Haus zu sein. Wie sollte man aber mit einer bloßen Zeigegeste einen wohlbestimmten Gegenstand aus dem Wahrnehmungsfeld der Gegenstände herausgreifen können, ohne zu wissen, um welche Art von Gegenstand es sich dabei handelt? In der Tat, dies ist unmöglich, und deshalb können wir die Eigenschaft, ein Haus zu sein, so etwas wie eine notwendige Eigenschaft nennen, die der Gegenstand „Haus“ hat und ohne die er gleichsam seine Identität verlöre.</p>
<p>Hier werden uns die Form und die Struktur unserer Erfahrung deutlich, wie sie sich in der Dichotomie von Gegenstand und (Menge der) Eigenschaften oder der Einteilung von individuellem Terminus und generellem Terminus erschließen. Wäre dein Geburtshaus die bekannte Mühle am Waldrand und trüge den Namen „Die Mühle zur schönen Müllerin“, erfassten wir die allgemeine Form der Verknüpfung von individuellem und generellem Terminus in dem Satz, der einen Eigenname mit einer allgemeinen Eigenschaft verbindet: „Die Mühle zur schönen Müllerin ist ein Haus.“</p>
<p>Wir begegnen nun einmal auf Schritt und Tritt Gegenständen, die wir Körper nennen und mit unserer hauseigenen Sensorik oder technologisch fortgeschritteneren Instrumenten mit Raum-Zeit-Koordinaten versehen. Ja, wir selbst sind Körper dieser Art, wenn auch mit der merkwürdigen Eigenschaft des Bewusstseins und Selberwissens. Körper wiederum sind raumzeitliche Materialisierungen der Eigenschaften, die sie besitzen: Die genannte Mühle ist ein Haus bestimmter Größe mit Wänden, Böden, Decken, einem Keller, einem Dach, mit Türen, Fenstern, Zimmern, aus bestimmten Bausteinen und Baustoffen, mit einer mehr oder weniger ausgewogenen Statik. Die Eigenschaft, ein Haus zu sein, zerfällt demgemäß in wiederum nicht absehbare viele Eigenschaften, die wiederum wie die Eigenschaft „aus Holz“ oder „hölzern“, wenn es um die alten Decken des Hauses geht, in andere Eigenschaften wie „hart“, „organischen Ursprungs“ oder „brennbar“ zerfallen und so weiter ad infinitum.</p>
<p>Wir können uns natürlich den ganzen Wust und Ballast tausendfacher Eigenschaften und ihrer nicht zählbaren Verwirklichungen hienieden vom Halse schaffen, indem wir sagen: „Aller Erfahrung liegen die physikalische Struktur letzter Elemente genannt Quarks und ihre Zustandsänderungen gemäß den vier fundamentalen physikalischen Kräften zugrunde.“ Nur: Wir nehmen keine Quarks wahr, und von den Kräften indirekt etwa die Gravitation im Falle herunterfallender Tassen. Unsere Erfahrung stößt immer nur auf Gegenstände wie Häuser, Bäume, Hunde oder Menschen. Und unser Sinnen und Trachten, unser Reden und Tun dreht sich um nichts anderes als die Eigenschaften, die diese Gegenstände aufweisen.</p>
<p>Sollen wir nun sagen: Weil wir so geartet und gebaut sind, weil wir mit eben dieser Sensorik auf die Welt kommen, nehmen wir die Welt so wahr, wie wir es tun, wenn wir sie einer fundamentalen Dichotomie von Gegenständen und ihren Eigenschaften unterziehen? Oder sollen wir sagen: Weil wir mit dieser grammatischen Struktur unserer Sprache ausgestattet sind, ob wir sie nun ausgehend von ererbten Dispositionen erlernen oder ob sie uns per DNA gleichsam eingeschrieben ist, teilen wir die Welt mittels der Dichotomie von individuellen Termini und generellen Termini in Gegenstände und ihre Eigenschaften ein? Oder gehören Fragen dieser Art zu den Fragen, die man nicht stellen sollte, weil sie nicht zu beantworten sind? Aber wie könnte es denn Fragen geben, auf die es keine Antwort gäbe?</p>
<p>Oder gehe das Ding so an – sage dir: Der Handschuh liegt dicht um meine Hand an, weil meine Hand genau hineinpasst. Oder mach es umgekehrt und sage: Meine Hand passt genau in den Handschuh, weil der Handschuh dicht um meine Hand anliegt.</p>
<p>„Es regnet.“ Was ist jetzt wohl der Gegenstand und welche seiner Eigenschaften springt dir ins Auge?</p>
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		<title>Philosophieren XXXVII</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xxxvii/</link>
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		<pubDate>Mon, 02 Sep 2013 10:12:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Common Sense]]></category>
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		<description><![CDATA[<p>Als käme am Ende alles zutage. Als würde sich der Horizont zuletzt noch lichten. Als lebten wir hier wie unter Schatten, aber am Ende zeigte sich uns das wahre Gesicht der Dinge. Als könnten wie jetzt bloß die Oberfläche der Dinge ertasten, dann aber streiften sie die verhüllende Haut ab und zeigten ihr echtes, unverfälschtes [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xxxvii/">Philosophieren XXXVII</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Als käme am Ende alles zutage. Als würde sich der Horizont zuletzt noch lichten. Als lebten wir hier wie unter Schatten, aber am Ende zeigte sich uns das wahre Gesicht der Dinge. Als könnten wie jetzt bloß die Oberfläche der Dinge ertasten, dann aber streiften sie die verhüllende Haut ab und zeigten ihr echtes, unverfälschtes Wesen. Als wäre dies Leben ein Traum, das wahre Leben aber läge jenseits der Schwelle des endlichen Erwachens.</p>
<p>Nun kennen wir uns schon eine Weile. Und noch eine gute Weile braucht es, damit wir uns noch besser kennenlernen. Ist dies nicht der gewöhnliche Lauf der Dinge, dass wir mit der Zeit, in Windungen und Wendungen, mal ungehindert, mal über Stock und Stein, unser Wissen ansammeln, unsere Erfahrungen machen? Gewiss gehört dazu, eine scheinbare Erkenntnis, wie dass du aus Norddeutschland stammtest, wie ich deiner akzentfreien Aussprache wegen annahm, zu revidieren, nachdem wir zufällig im Gespräch auf Orte deiner wahren Herkunft aus dem Rheinland gekommen sind.</p>
<p>Freilich, jedes Ding hat zwei Seiten, oder vielmehr viele. Und gewiss, Fassaden können täuschen und blenden, doch wir lassen uns keinen Bären mehr aufbinden und schauen nicht nur auf die aufgehübschte Vorderseite, sondern inspizieren auch den verdreckten Hinterhof.</p>
<p>Wir müssen Zeit aufwenden und Geduld, um allmählich hinter die Dinge zu kommen. Es ist nicht damit getan, in einem Husch und Nu auf ein auffälliges Gesicht zu glotzen und wie die Kinder auszurufen: „Schau mal, ein Chinese!“</p>
<p>Wir treffen uns jetzt schon geraume Zeit und haben bereits etliche Einzelzüge unserer Art, zu reden und zu handeln, Einzelzüge unserer Art, auf Äußerungen und Situationen zu reagieren, also das, was man Charakterzüge nennt, kennengelernt. Du bist geduldig, wenn es darum geht, meinen langatmig dozierenden Ausführungen über Gott und die Welt anzuhören. Du bist von sanfter, nachgiebiger, aber dafür auch sehr empfindlicher Natur und reagierst leicht pikiert, wenn du den Eindruck hast, die dir gebührende Aufmerksamkeit würde dir auf ungeziemende Weise entzogen. Sicher muss ich darauf gefasst sein, in Situationen erhöhter Spannung oder Gefahr auf Züge deines Charakters und auf Verhaltensweisen zu stoßen, die bisher unter der Decke deines gewöhnlichen Benehmens verhüllt waren.</p>
<p>Aber sollte ich annehmen, dass du am Ende der Tage dir die Maske vom Gesicht reißen und dein wahres Gesicht zeigen wirst? Und wie sollte dies aussehen? Könnte es denn völlig verschieden sein von den mir bisher bekannten Zügen und Mienen der Aufmerksamkeit, der besorgten Teilnahme, des träumerischen Nachsinnens, der freundlicher Zuneigung und der lächelnder Beglückung?</p>
<p>Wir erwachen, schütteln den Schlaf von uns ab und knüpfen mehr oder weniger eben und gelenkig unseren alltäglichen Lebensfaden an der Stelle an, an der wir ihn gestern lose in den Schlaf haben gleiten lassen. Wir stillen unsere Bedürfnisse nach Reinlichkeit, Wärme, Nahrung. Die Tasse, die wir dummerweise haben fallen lassen, schwebt nicht an die Decke, sondern geht am Boden zu Bruch. Die Wolken ziehen hoch oben, das Gebirge blaut in der Ferne. Wir weichen dem Fahrradfahrer aus, denn wir vermeiden den Aufprall schwerer Gegenstände auf unser fragiles Leben. Einige Kollegen sind schon an ihren Arbeitsplätzen im Büro, du begrüßt den einen oder die andere und wünschst einen schönen Tag, und auch du fährst jetzt den PC hoch und checkst deine E-Mails.</p>
<p>Dass wir bedürftige Lebewesen sind, die ihr Leben auf den sozialen Zusammenhalt stützen, dass natürliche Gesetze unser Dasein determinieren und daher schwere Dinge zu Boden fallen oder uns bei einem Unfall gefährden, dass wir eine zeitlang hienieden weilen, dann aber nicht mehr – all das und noch viel mehr wissen wir, haben wir erfahren, haben wir uns gemerkt. Es ist ein metaphysischer Unsinn zu wähnen, dass all unsere Erfahrungen auf einer systematischen Täuschung und einem diabolischen Schwindel beruhten, der am Ende der Tage von einem apokalyptischen Ereignis beiseitegefegt werden würde.</p>
<p>Dies gilt auch im Kleinen: Die Sachen und Menschen und Ereignisse tragen keine Masken, die ihr Dasein zu dem von bloßen Phänomenen herabstufen würden, hinter denen sich ihr eigentliches Wesen verbürgte. Alles in allem genommen, nehmen wir die Dinge so wahr, wie sie sind. Und in allem ist die Zeit die große Lehrmeisterin. Denn Wahrnehmen, Lernen, Einsehen sind Prozesse, die von vielen Einzelzügen des Aufmerkens und Erinnerns, des erneuten Beobachtens und Revidierens begleitet werden.</p>
<p>Wie, das verborgene Wesen der Dinge besteht aus chemischen Elementen, aus Molekülen oder Quarks? Wie, das wahre Wesen von Wasser besteht nicht aus diesem trinkbaren Nass, sondern aus der Synthese der chemischen Elemente Wasserstoff und Sauerstoff? Wie, das wahre Wesen des Menschen besteht aus einem ungeheuer langen helixförmig verdrehten Doppelstrang, auf dem in systematischer Reihenfolge die Basen Adenin und Thymin oder Guanin und Cytosin angeordnet sind, mit denen das Programm des Aufbaus des menschlichen Organismus gesteuert wird? Wie, wenn wir mit unserer bescheidenen natürlichen Sensorik nicht in der Lage sind, ohne Hilfsmittel oder theoretische Annahmen chemische Elemente oder Moleküle oder Quarks oder Stücke der DNA zu identifizieren und aufzudecken, können wir das Wesen der Dinge nicht wahrnehmen, nehmen sie also nur als Oberflächenphänomene wahr?</p>
<p>Wie, wir kleinen Alltagsmenschen müssen uns mit den Phänomenen abspeisen lassen, während die Gelehrten, die Experten, die Wissenschaftler am Ding an sich werkeln, experimentieren und orakeln? Ist dieser Rüffel wider den Common Sense und die schlichte Wahrheit unseres Erlebens nicht vergleichbar der Pseudo-Folgerung, die manche aus der Tatsache des berechneten Termins des Untergangs der Erde und dieses Sonnensystems auf die Nichtigkeit und Eitelkeit all unseres Trachtens und Sinnens hienieden zu ziehen verleitet werden?</p>
<p>Wenn der Mond aus Käse wäre und das Innere der Dinge aus Rosinen oder Murmelsteinchen bestünde oder die Dinge bloße Windbeutel wären, geschnürt um ein Quentchen Vakuum – was machte dies für einen Unterschied? Gesetzt den Fall, die europäischen Lande wären seit der Renaissance nicht vom Glück gesegnet gewesen, die Blüte und die ungeheuren Erfolge der Naturwissenschaften zu erleben, wären wir dann darum zu bedauern, dass uns der Einblick in das Wesen der Dinge versagt geblieben wäre?</p>
<p>Müssen wir zu guter Letzt verstummen oder eine neue Lingua Scientiae erlernen, in der wir endlich die Dinge bei ihrem wissenschaftlich erklärten und abgeleiteten, also richtigen Namen nennen dürfen? Und müssen wir uns, weil die Wissenschaftlicher im naturalen Background unserer Absichten und Überzeugungen nicht fündig werden, einander mit Schweigen abspeisen? Muss ich deine Handbewegung, mit der du mir das geliehene Geld überreichst, als neuromechanisch generierten Akt hinnehmen, als einen Akt, der rein gar nichts bedeutet, weder das Einlösen deines Versprechens, mir das Geld heute zurückzugeben, noch als absichtsvolle Handlung, von der du voraussetzen kannst, dass ich das mit ihr Gemeinte verstehe?</p>
<p>Um zu verstehen, was du mit deiner Geste sagen willst, muss ich dir die Absicht unterstellen, dein Versprechen einzulösen und mir das geliehene Geld zurückzugeben. Du bist der Überzeugung, dass du dein Versprechen einlöst, wenn du mir das Geld zurückgibst. Um dich und deine Handlungsweise zu verstehen, muss ich dir beides, deine korrekte Absicht und deine wahre Überzeugung, unterstellen. Denn deine Überzeugung, dass du mit dieser Handlung jene Absicht verwirklichst, ist wahr.</p>
<p>Die Möglichkeit der Wahrheit oder Falschheit unserer Meinungen und Überzeugungen sowie die Möglichkeit von Erfolg oder Misserfolg bei der Verwirklichung unserer Absichten bilden das Rahmenwerk unserer alltäglichen Situationen gemeinsamen Redens und Handelns. Dieses Rahmenwerk besteht unabhängig davon, ob der Mond aus Käse oder unsere DNA aus Basen besteht. Innerhalb dieses Rahmens oder im Rahmen unseres alltäglichen Lebens erkennst du in hinreichenden Ausmaß meine Absichten, zu reden und zu handeln, unterstellst du mir rechtens die Wahrheit meiner alltäglich-trivialen Überzeugungen und nimmst du alles in allem die Dinge so wahr, wie sie sind.</p>
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		<title>Philosophieren XXXV</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xxxv/</link>
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		<pubDate>Tue, 27 Aug 2013 18:33:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
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		<category><![CDATA[Heiland]]></category>
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		<category><![CDATA[mystische Vereinigung]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Satan]]></category>
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		<description><![CDATA[<p>Wir sind als der Akte unseres Lebens bewusste Aktoren in die Verantwortung für die gemeinsamen Situationen unseres Redens und Handelns gestellt. Wenn du mich nach dem Wege fragst oder nach meiner Meinung über deine Berufswahl, bin ich nicht nur gehalten, deiner Erwartung auf eine Antwort zu entsprechen, sondern darüber hinaus, deine Erwartung mit einer ehrlichen [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xxxv/">Philosophieren XXXV</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wir sind als der Akte unseres Lebens bewusste Aktoren in die Verantwortung für die gemeinsamen Situationen unseres Redens und Handelns gestellt. Wenn du mich nach dem Wege fragst oder nach meiner Meinung über deine Berufswahl, bin ich nicht nur gehalten, deiner Erwartung auf eine Antwort zu entsprechen, sondern darüber hinaus, deine Erwartung mit einer ehrlichen und wahren Antwort zu erfüllen. Was wir Ethos oder Moral nennen, erweist sich als ein implizierter Teil der von unseren Handlungen im Reden und Tun aufgebauten Institutionen.</p>
<p>Auch wenn ich wegen einer deiner üblichen aversiven Anwandlungen heute nicht so gut auf dich zu sprechen bin, du mich aber in einer dir wichtigen Angelegenheit um meine Meinung und meinen Rat fragst, bin ich aufgefordert, die Hürde meiner Missstimmung zu überspringen oder das Haar der Ranküne in der Suppe zu übersehen und dir frank und frei und klipp und klar Rede und Antwort zu stehen. Moralische Unreife nennen wir die Schwäche des Charakters, aufgrund derer ich meinem kindlichen Drang nach Vergeltung, Herabsetzung oder aber ungerechter Bevorzugung Vorrang vor dem Anspruch der Vernunft auf die Wahrung der Reziprozität der beiderseitigen Erwartungen und somit auf die Erfüllung deines Anspruchs auf Antwort geben würde.</p>
<p>Die Ansprüche der Teilnehmer an der Situation des Redens und Tuns erwachsen aus dem institutionellen Charakter oder dem vernünftigen Anteil der jeweiligen Institution. Wenn die Teilnehmer weiterhin ihre Ansprüche geltend machen und befriedigt sehen wollen, sind sie genötigt, die Existenz der Institution zu bejahen und fortlaufend zu bestätigen, widrigenfalls sie Gefahr laufen, das kleinere oder größere Dach der Vernunft zum Einsturz zu bringen.</p>
<p>Du hast mir versprochen, das dir geliehene Geld an dem und dem Termin auf Heller und Pfennig zurückzuzahlen. Du tust dies, auch wenn es dir schwerfällt und du dir vergnüglichere Alternativen genug vor Augen rücken magst, wie du die Summe verjubeln könntest. Natürlich ist dir klar, dass du von mir keinen weiteren Kredit mehr erhieltest, solltest du dein Versprechen der pünktlichen Rückzahlung nicht halten. Aber nicht aus einem solchen sogenannten utilitaristischen Grund entziehst du dich der Pflichterfüllung nicht, sondern weil das Versprechen als solches genügend institutionellen Druck auf dein schwaches und verführbares Gemüt ausübt, so dass es dir unangenehm wäre, ihm nicht nachzugeben. Der Volksmund heißt dies schlechtes Gewissen und er tut gut daran.</p>
<p>Wenn die Vorstellung dich anfliegt, dich selbst nicht mehr gerne im Spiegel sehen zu wollen, und du ein schlechtes Selbstgefühl oder ein schlechtes Gewissen bei dem Gedanken empfindest, eine Zusage verworfen, ein Treuegelöbnis missachtet, ein Versprechen gebrochen zu haben, bist du ein halbwegs anständiger Mensch oder auf dem besten Wege, ein solcher zu werden.</p>
<p>Auch als Teilnehmer der gemeinsamen Situation des Redens und Handelns, ob als Teilhaber eines Liebesbunds, als Freund, als Kollege, als Vereinsmitglied oder als Staatsbürger, bleibst du unter dem ethisch-institutionellen Druck oder dem Dach der Vernunft der Einzelne, dem bei aller Nähe des Gegenübers ein Gran Fremdheit Zögern oder leise Traurigkeit einflößt oder ein lichter Schatten irisierende Flecken auf die helle Wand der Gegenwart werfen mag.</p>
<p>Wie innig, treuherzig, intensiv auch immer du den Geliebten küsst, den Freund umarmst, dem Kollegen und Vereinskameraden die Hand reichst und dem Staat als Soldat dienen magst: Immer musst du die Spannung einer gewissen mehr oder weniger großen Distanz anerkennen und mit deinem Fühlen und Verlangen nach größerer Nähe oder tieferer Vereinigung zum Ausgleich bringen. Gewiss hat die leidenschaftliche Liebe die tiefsten und innigsten Momente der Nähe und Vereinigung bis zur erotischen Verzückung bereit. Wärme und brüderliches Mitfühlen gibt dir der Freund, der Kamerad Schutz und Stütze, der Verein gehegte und gepflegte Muße bis zur Langeweile. Der Staat ist die emotional fernste Institution, die im Extremfall dir aber mit der Verpflichtung zum Einsatz von Gut und Leben am empfindlichsten auf den Leib rücken kann.</p>
<p>Jenen Grad der Nähe oder Vereinigung, den wir mystisch oder ekstatisch nennen und in dem du für selige Momente das Bewusstsein der Vereinzelung oder das Bewusstsein, der allen Dingen gegenüberstehende Einzelne zu sein, verlierst, erlangst du nicht unter dem Dach der Vernunft oder unter dem ethisch-institutionellen Druck der mit anderen geteilten Situation des Redens und Tuns. Hier berühren wir die Grenze, die verantwortlichem Reden aus Vernunft gezogen ist, und können uns daher nur in wenigen Andeutungen ergehen.</p>
<p>Die mystische Vereinigung geschieht dir jenseits der Vernunft aus Gnade des Heilands, der sich selbst dargereicht und hingegeben hat zur Einheit mit den Erwählten seiner Kirche. Die Kirche ist als Institution dem Ethos der Vernunft verpflichtet, indes zeigt die hohe Kuppelwölbung ihres Daches statt des Schlusssteins eine runde Öffnung: Durch sie strömt, was Licht der Liebe heißt und die Finsternis der Welt und unserer Herzen durchdringt. Das Licht der Welt wird dir zur innigsten mystischen Vereinigung in der Gestalt des geweihten Altarsakramentes dargereicht. Die Kommunion wird geglaubt als reale Übersteigung der Einzelheit des Bewusstseins in der Gegenwart liebender Umfassung durch die Gemeinde und doch gleichsam als ein Vorgeschmack der endgültigen Vereinigung mit dem ewigen Licht und den himmlischen Mächten, die von den bösen Überraschungen und Intermezzi unseres alltäglichen Lebens mit all seinen Mühen, seiner Langeweile, seiner Grausamkeit oder Tollheit nicht mehr unterbrochen werden soll.</p>
<p>Diese Überwindung der Einzelheit des Bewusstseins gleichsam durch ihre Öffnung ins obere Licht im Glauben wird notwendig konterkariert durch die dämonische Auslöschung der Einzelheit des selbstbewussten, verantwortlichen Lebens in der schwarzen Mystik gewaltsam-totalitärer Verschmelzung – von der uns, bezeugt von allzu reichlichen pikanten, degoutanten und erschreckenden Belegen und Dokumenten, satanische Praktiken eine religiös-sexuell pervertierte Version und kollektive Verschmelzungsszenarien und Unterwerfungsorgien eine politisch pervertierte Version geben.</p>
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		<title>Philosophieren XXXIV</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xxxiv/</link>
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		<pubDate>Sun, 25 Aug 2013 15:10:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Schicksal]]></category>
		<category><![CDATA[Vernunft]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Betrachten wir staunend die einzigartige Tatsache deiner Existenz. Diese einzigartige Tatsache wird weder mit einem Gattungsbegriff wie „Lebewesen“ noch einem Artbegriff wie „Homo sapiens“ erfasst: Auch wenn du ein eineiiges Zwillingsgeschwister hättest, wäre dein Dasein singulär, denn nur du wärest dir in diesem Falle deiner selbst bewusst, während dein Zwillingsgeschwister wiederum sich seiner selbst bewusst [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xxxiv/">Philosophieren XXXIV</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Betrachten wir staunend die einzigartige Tatsache deiner Existenz. Diese einzigartige Tatsache wird weder mit einem Gattungsbegriff wie „Lebewesen“ noch einem Artbegriff wie „Homo sapiens“ erfasst: Auch wenn du ein eineiiges Zwillingsgeschwister hättest, wäre dein Dasein singulär, denn nur du wärest dir in diesem Falle deiner selbst bewusst, während dein Zwillingsgeschwister wiederum sich seiner selbst bewusst wäre, nicht aber deiner. Natürlich wäre es richtig zu sagen, du seiest als Lebewesen der Art Homo sapiens zugehörig. Doch die Vertreter der Spezies Homo sapiens sind in bestimmten Hinsichten füreinander einsetzbar und austauschbar: Deine Organe und insonderheit dein Gehirn funktionieren im Prinzip wie meine Organe und mein Gehirn, du wohnst wie ich in einer Straße, einer Stadt, einem Land, auf einem Kontinent, auf dem um die Sonne rotierenden Planeten Erde, der mit den anderen sieben Planeten um das Zentralgestirn namens Sonne kreist und mit diesen und anderen kosmischen Bestandteilen das Sonnensystem bildet, in der Galaxie namens Milchstraße, in der ungeheuren Ansammlung von Galaxien, die wir Kosmos oder Universum nennen. All dies ist erstaunlich genug, doch macht es nicht den Unterschied für die Einzigartigkeit unserer Existenz, die wir abkürzend mit der Bestimmung, einzeln oder Einzelne zu sein, erfassen können.</p>
<p>Die Tatsachen, dass du den Planeten Erde im Sonnensystem der Milchstraße bewohnst, männlichen oder weiblichen Geschlechts und mehr oder weniger schlau und pfiffig bist, dir ein ausgleichender oder zuspitzender, sanfter oder schroffer, schlaffer oder straffer, heiterer oder düsterer Charakter zu eigen ist, hier und zu jener Zeit und nicht woanders und zu einer anderen Zeit geboren worden bist und somit einer bestimmten Klimazone, einem bestimmten Land, einer bestimmten Nation und einer bestimmten Kultur und Gesellschaft mit ihrer Sprache und Überlieferung, ihren Bildungseinrichtungen, sozialen, ökonomischen und technologischen Daseinsbedingungen angehörst, all dies sind elementare Tatsachen, die deiner Willkür, Entscheidungsmacht und Verfügbarkeit ganz oder zum größten Teil entzogen sind. Deshalb tun wir gut daran, sie mit dem zu Unrecht in Verruf geratenen, grundlos außer Gebrauch gekommenen Begriff Schicksal zusammenzufassen.</p>
<p>Solcherart sind die Ringe des Schicksals, die sich um das Wachstum deines Lebens legen: Du bist von robuster oder schwächlicher Konstitution, strotzend vor Gesundheit oder kränklich, hast als Folge einer DNA-Schädigung, einer ansteckenden Krankheit deiner mit dir schwangeren Mutter oder einer Kinderkrankheit eine minder schwere oder schwere Behinderung wie Down-Syndrom, Bluterkrankheit, Anlage einer Psychose, Kinderlähmung, Stottern oder Leseschwäche. Du hast die schweren Kriegstraumata deiner Mutter im Luftschutzkeller oder auf der Flucht und deines Vaters an der Front und in russischer Kriegsgefangenschaft als Kind mit der Muttermilch aufgesogen, so dass du noch heute Albträume von schrecklichen Ereignissen hast, die du selbst nicht erlebtest. Du wurdest als Knabe seelisch überfordert und gequält, weil du die neurotischen Ängste deiner Mutter teilen oder die Abwesenheit des Vaters trotz hilfloser Ohnmacht ersetzen solltest. Du wurdest als Mädchen seelisch überfordert und gequält, weil du die Zurückweisungen und Enttäuschungen des Vaters in der Arbeit oder bei seiner Frau trotz hilfloser Ohnmacht ersetzen solltest.</p>
<p>Dass du als Junge auf die Welt kamst und das Tauziehen zwischen Kopf und Hoden über den Anteil an Lust und Angst, Siegen und Versagen, Wollen und Sich-Trollen unabgeschlossen-unabschließbar dir die Norne zugespult und zugewirkt hat – wie anders als Schicksal, Fatum, Aisa willst du es nennen? Oder weißt du, holder Knabe, ohne Schoß zu haben und zu sein, von den Wonnen und Verlorenheiten, dem Erfüllt- und Leersein, das Empfängnis oder Nicht-Empfängnis, Geburt oder Tot-Geburt, die Milch gebende oder versagende Brust gewähren und entziehen? Nie wirst du erfahren, wie es ist, eine Frucht im Leib heranwachsen zu fühlen, ein Kind auszutragen und in innigster physisch-psychischer Symbiose, die sich denken lässt, mit einem anderen Menschen in Verbindung zu stehen. Das hat dir das Schicksal verwehrt.</p>
<p>Du trägst nicht nur das individuelle Schicksal deines Körpers, deines Charakters, der Struktur und Kapazität deiner Aufmerksamkeit und Intelligenz, nicht nur das Schicksal deiner Familie und Herkunft ist dir aufgebürdet, auch das kollektive Schicksal des Landes, des Volkes, der Nation und des Staates, dem du angehörst, lastet auf dir: Die Verbrechen unserer Väter, Großväter und Urgroßväter im Zweiten Weltkrieg und bei der Ermordung der Juden sind deutsches Schicksal, dem du durch keine Verstellung oder rhetorischen Winkelzüge entkommst.</p>
<p>Dass du zu jener Stunde in guter Stimmung an der Feier teilgenommen hast und die Frau auf dich aufmerksam wurde, die heute an deiner Seite ist, Schicksalsfügung auch dies. Dass dir dein Lehrer durch das klare Profil seiner Persönlichkeit und die lebendige Anschauung seines Vortrags imponierte, hat dich innerlich dazu bestimmt, dieses und nicht ein anderes Fach zu studieren und also diesen und nicht einen anderen Berufsweg einzuschlagen. Gute Fügung, dass dir in deinem Professor an der Universität oder in deinem Meister in der Werkstatt ein Förderer und Fürsprecher begegnete, der deiner Karrierelaufbahn den Teppich ausgebreitet hat. Schlechte Fügung, dass du deiner angeborenen antisozialen Neigung willensmäßig nicht genügend Widerhalt entgegensetzen konntest und wegen Diebstahl, sexueller Belästigung oder schwerer Körperverletzung schon mehrfach Gefängnisstrafen auf dich nehmen und schließlich die Hoffnung auf ein normales Leben aufgeben musstest.</p>
<p>Sterben ist unser aller Teil, und doch bestehst nur du es als singuläres Erleben, weil du es wie alles bewusste Erleben als Einzelner auf dich zu nehmen hast. Wir haben nur Bilder vom Vorgang des Sterbens und beziehen den Vorgang auf das, was wir gegebenenfalls am Sterbeverhalten unserer Verwandten und Freunde bemerken und beobachten. Daraus können wir allerdings für das, was es heißt, selbst zu sterben, das Entscheidende nicht entnehmen. Wir können allerdings dem Sterbenden nahe sein, ihn trösten, ja manchmal noch erheitern. Auch können wir ihm diese oder jene Last von den Schultern nehmen, auf dass er leichter, versöhnter Abschied nehmen kann.</p>
<p>Aus dem Stotterer wurde am Ende noch ein berühmter Redner. Du hast deiner schwächlichen Veranlagung durch fleißiges Training und eiserne Disziplin ein Schnippchen geschlagen. Statt zu resignieren und dich deinem Schicksal zu fügen, hast du deine Querschnittslähmung als Herausforderung angenommen und spielst mittlerweile mit Gleichgesinnten erfolgreich im Handballverein. Du hast dich bemüht, die dir von den Eltern aufgebürdete traumatische Erblast nicht deinerseits an dein Kind weiterzugeben oder abzuladen, sondern sie durch regelmäßigen Austausch mit in gleicher Hinsicht Betroffenen in den Griff zu bekommen.</p>
<p>Keiner verlangt von dir im Hochsprung Glanzleistungen zu erbringen, wenn du nun einmal unter einer Kinderlähmung zu leiden hast. Doch kannst du Begabungen auf anderen Gebieten entdecken und als guter Handwerker, Techniker, Designer oder Computerspezialist ein beruflich erfolgreiches und einigermaßen zufriedenes Leben führen. Wenn du einfach nicht genügend Grips mitbringst, um die Weihen der Höheren Mathematik zu erlangen, wirst du dich nicht lächerlich machen und es trotzdem versuchen, sondern Vernunft walten lassen und dir ein Gebiet suchen, das deinen Begabungen entspricht.</p>
<p>Mit der Kraft der Vernunft und dem praktischen Urteilsvermögen, das uns zu vernünftigen Entscheidungen führen kann, sind wir in der Lage, die natürlichen Tatsachen zu verstehen, zu gewichten und Modelle und Methoden zu entwerfen, wie mit ihnen umzugehen, in welchem Ausmaße sie rückhaltlos anzunehmen und in welchem Ausmaße sie zu unseren Gunsten zu modifizieren seien. So lernen wir mittels klugen und umsichtigen Einsatzes von Techniken, wissenschaftlichen und technologischen Verfahren, Anwendungen und Mitteln aus den Bereichen Medizin, Pharmakologie, Chemie, Physik und Mechanik die natürlichen Tatsachen unseren Bedürfnissen so weit wie möglich anzupassen und auf diese Weise das Schicksal zu meistern.</p>
<p>Immer wird als letzte Bastion des Schicksals die Tatsache unserer singulären Existenz und unseres singulären bewussten Erlebens bleiben. Wir können sie nicht abtreten oder an andere delegieren, denn damit würde unser bewusstes Dasein ausgelöscht. Wir können uns nicht durch andere in den wesentlichen Lebensvollzügen unseres biologischen und sozialen Daseins vertreten lassen, denn du kannst nicht an meiner Statt essen und schlafen, reden und träumen, Freude und Trauer empfinden, arbeiten und faulenzen, lieben und heiraten, gesunden und sterben. Es ist dieses Schicksal, bewusst leben zu müssen in allen Situationen unseres Redens und Tuns, das uns zu hoher Aufmerksamkeit, sensibler Geistesgegenwart und verantwortlichem Umgang mit ihnen verpflichtet – auch wenn unsere leidenschaftliche Natur und die Verstrickungen in die großen und kleinen Dramen des menschlichen Lebens uns oft Vorwände liefern, die Zügel der Besonnenheit schleifen zu lassen und die Bürde der Verantwortung abzuschütteln.</p>
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		<title>Philosophieren XXXIII</title>
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		<pubDate>Sat, 24 Aug 2013 10:27:21 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
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		<description><![CDATA[<p>Ein Dach ruht sicher auf vier tragenden Wänden. Nimmst du eine weg, bleibt die Sache noch stabil, auch wenn es ungemütlich werden kann. Bei zwei Wänden könnte das Dach noch halbwegs getragen werden, aber dann steht dir von vorn und hinten oder von links und rechts die Unbill von Wind und Wetter ins Haus. Was [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xxxiii/">Philosophieren XXXIII</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Ein Dach ruht sicher auf vier tragenden Wänden. Nimmst du eine weg, bleibt die Sache noch stabil, auch wenn es ungemütlich werden kann. Bei zwei Wänden könnte das Dach noch halbwegs getragen werden, aber dann steht dir von vorn und hinten oder von links und rechts die Unbill von Wind und Wetter ins Haus. Was geschieht, wenn nur eine Wand noch hält, müssen wir uns nicht ausmalen.</p>
<p>Nimm in diesem Bild das Dach als den Sinn und Zweck gemeinsamen Redens und Tuns, die uns in so unterschiedlichen Formen wie einer harmlosen Unterhaltung, in Struktur und Management eines Unternehmens oder im Aufbau und der Verbreitung einer religiösen Gemeinschaft entgegentreten. Das Dach ist das merkwürdige, scheinbar luftig-abstrakte und dennoch so unheimlich wirksame Etwas, das entsteht, wenn du und ich oder wir und ihr uns zusammentun, um zu heiraten und eine Familie zu gründen, eine Kirche zu stiften, eine Firma oder eine wissenschaftliche Forschungseinrichtung aufzubauen.</p>
<p>Das Dach ist die verkörperte Vernunft der durch unser gemeinsames Reden und Tun begründeten Institution. Die Mauern sind die vier elementaren Komponenten und Faktoren der Grundsituation des Redens und Tuns: Abgegrenztheit des Gegenstands, auf den sich unser Reden und Handeln bezieht, Reziprozität und Transparenz der beiderseitigen Erwartungen, Eindeutigkeit der Situation und Bestimmtheit und Festigkeit unserer Absichten, zu reden und zu handeln.</p>
<p>Bekanntlich kann man das Bild vom Dach und den Mauern auch umkehren und sagen, im Falle von Institutionen trage das Dach die Mauern: Nur in ihrer wechselseitigen Verknüpfung finden die elementaren Komponenten der Situation gemeinsamen Redens und Tuns den Raum ihrer vollen Entfaltung. So etwa, wenn wir beide eine kleine Firma gründen, sagen wir eine Zoohandlung mit ein paar Haustieren wie Vögeln und Nagern, zur Hauptsache aber Artikeln für den Bedarf des Haustierhalters wie Nahrung, Streu, Sand, Spielzeug für Tiere, Käfige usw. Mit dieser Begriffsbestimmung haben wir bereits den Gegenstand, auf den sich unser gemeinsames Reden und Tun bezieht – unsere erste tragende Wand –, klar abgegrenzt: Handel mit Artikeln für den Bedarf von Haustierhaltern. In dieser Form erscheint der Gegenstand auch in der Satzung der Firma als Unternehmenszweck und in der Urkunde, die wir beim Notar beglaubigen, der das neue Unternehmen am Registergericht der Stadt und Kommune eintragen lässt.</p>
<p>Nun könntest du mit mir an einen Schlawiner und kleinen Gauner geraten sein, der die Firma nur als Vorwand nutzen will, um mit dem GmbH-Vertrag wedelnd und dem Geschäftsführergehalt auf dem neuen Konto bei der Bank mit einer solchermaßen leicht erschlichenen Bonität einen möglichst großen Kredit zu ergattern – und mit dem abkassierten Geld das Weite zu suchen. Ich hätte dich darin getäuscht, dass mein Begriff des Gegenstandes unseres gemeinsamen Redens und Tuns derselbe wäre wie dein Begriff – aber das war nicht der Fall, denn ich verfolgte einen anderen Zweck mit ihm als du. Solltest du meinen geheimen Absichten auf die Schliche kommen, bevor es zu spät wäre, tätest du gut daran und handeltest vernünftig, mich wegen des Betrugsversuchs vor die Tür zu setzen. Der Sinn und Zweck unseres gemeinsamen Redens und Tuns wäre damit verlorengegangen, das Dach der Vernunft über der Institution Firma hat ein Loch bekommen.</p>
<p>Was ist nun im rechten Falle der Gegenstand, der Begriff, das Unternehmen? Sind es wir beide als Unternehmer, sind es der Verkaufsraum und das Büro, die Verkaufsartikel oder das Geld in der Kasse und auf der Bank? Keins von alledem und auch nicht alles zusammen. Das Unternehmen ist das einigende Band aller Teilmomente, das nur dadurch zustande kommt, dass wir, die sprechenden und handelnden Aktoren, uns gegenseitig bestätigen, dass dieser ominöse, abstrakte Gegenstand namens Firma tatsächlich existiert. Wenn wir es tun und danach handeln, tun es auch unsere Kunden, unsere Lieferanten und unsere Hausbank. Sobald einer der wichtigen Aktoren sein Veto einlegt und die Existenz der Firma bestreitet oder leugnet, betreibt er ihren Untergang: Kunden gehen bekanntlich nicht zu Läden, deren Existenz sie leugnen, Lieferanten beliefern nichtexistente Abnehmer nicht mit Waren und Banken versehen nichtexistente Klienten nicht mit günstigen Krediten.</p>
<p>Wenn die Sache mit rechten Dingen zugeht, erwartest du von mir, was ich von dir erwarte – die zweite tragende Wand: dass wir uns um den Fortbestand der Firma kümmern, pünktlich unser Termine wahrnehmen, die Verwaltungsarbeiten sorgfältig und akkurat erledigen, die Buchhaltung regelmäßig überprüfen und mit dem Steuerberater abgleichen, die rechtlich verordneten Bestimmungen über Hygieneschutz, Impfmaßnahmen und Sauberkeit einhalten und die Lager- und Verkaufsräume von einem Beamten des Gesundheitsamts überprüfen und abnehmen lassen, gut ausgebildete und qualifizierte Fachkräfte in Vorstellungsgesprächen auswählen, die neuen Angestellten mit ihrem Arbeitsumfeld vertraut machen, Lehrlinge und Azubis ausbilden, wenn wir ausbildungsberechtigt sind, beziehungsweise eine Ausbildungsberechtigung bei der IHK und dem Arbeitsamt erlangen, auf arbeitsrechtliche Bestimmungen wie Sicherheitserfordernisse und Urlaubsansprüche achten, uns um Werbe- und POS-Maßnahmen kümmern, die Lieferanten mit Bestellungen neuer Artikel beauftragen, den Verkaufsraum reinigen und dekorieren und mit neuen Artikeln versehen und die Kunden freundlich und fachlich engagiert bedienen. Wir tun gut daran, unsere beiderseitigen Erwartungen zu harmonisieren und genau aufeinander abzustimmen, zu synchronisieren und zu vertakten und zum Beispiel auf einem Monatsplan präzise festzuhalten, was wer wann zu tun und zu erledigen hat.</p>
<p>Liegen wir mit unseren reziproken Erwartungen quer und überkreuz und bürdest du mir Arbeit auf, die eigentlich du zu erledigen hättest und umgekehrt, ist der Wurm in der Sache und auf unserem Unternehmen ruht kein Segen. Die Saat des Streits und aufreibender Auseinandersetzungen ist ausgestreut, sobald sich die beiderseitigen Erwartungen in Bezug auf das, was es gemeinsam zu bereden und zu tun gibt, widersprechen, auslöschen oder neutralisieren.</p>
<p>Hinsichtlich der geforderten Eindeutigkeit der Situation – die dritte tragende Wand – können wir, sollte man meinen, schlecht in die Irre gehen, handelt es sich doch schlicht und ergreifend um die Gründung und Führung einer Firma in der Rechtsform einer GmbH mit genau abgestecktem Unternehmenszweck und Unternehmensgegenstand. Sollte ich oder du nicht völlig darüber im Klaren sein, um welche Situation es sich handelt, wäre ich oder du entweder so furchtbar dumm oder so unrettbar verrückt, dass ich oder du geistig nicht in der Lage und völlig überfordert wäre, eine Firma zu gründen, geschweige denn vernünftig zu führen, oder ich oder du müsste wegen geistiger Beschränktheit oder Demenz für unzurechnungsfähig erklärt werden, was zur Folge hätte, dass ich oder du die Berechtigung verlöre, eine Firma zu gründen und zu führen.</p>
<p>Hinsichtlich der geforderten Bestimmtheit der Absichten der beteiligten Aktoren – die vierte tragende Wand – kann die leider allzu verbreitete Janusköpfigkeit menschlicher Affektlagen auch in unserem so hoffnungsfroh begonnenen Unternehmen ein- und durchschlagen. Wenn du mir heute noch nachträgst, dass die Frau, die wir vor vielen Jahren beide begehrt und geliebt haben, sich schließlich für mich entschieden und mich geheiratet hat und dir trotz guten Willens und bester Absichten, mit mir eine Firma aufzubauen, immer wieder die böse Absicht in die Quere kommt, dich wegen der damaligen Zurücksetzung schadlos zu halten und zu rächen, wirst du die für das Gelingen unseres gemeinsamen Unternehmens nötige Bestimmtheit und Festigkeit der Absicht, die Firma mit mir vernünftig zu führen, am Ende nicht durchhalten und beherzigen, sondern früher oder später das schmale Dach ökonomischer Vernunft über uns zum Einsturz bringen.</p>
<p>Wir sprechen von Vernunft und meinen keine Sache in deinem oder meinem Kopf, auch wenn man öfters einmal Köpfchen haben muss, um Vernunft walten zu lassen. Die Vernunft ist eine in Institutionen und Einrichtungen wie Liebe, Freundschaft, Kameradschaft, Ehen und Familien, Unternehmen und Verwaltungen, Kirchen und Gemeinden verkörperte Struktur reziprok abgestimmter Erwartungen und Absichten hinsichtlich des Aufbaus und der Erhaltung einer gemeinsamen Situation des Redens und Tuns.</p>
<p>Aber ist Liebe nichts Irrationales, eine Gefühlsgeschichte bar jeder Vernunft, wirst du vielleicht fragen. Das ist das romantisch verkürzte Verständnis des Begriffs, nach dem sich zwei Liebende in die Eremitage einer Passion des gegen- und wechselseitigen Redens und Tuns einschließen. Die zur Vernunft offene Liebe ist ein Bündnis oder Pakt auf der Grundlage des Versprechens, einander dafür Sorge zu tragen, die im Spiele befindlichen beiderseitigen Erwartungen und Absichten auf die geteilte Grundsituation des Redens und Tuns abzustimmen. Das erfordert gelegentlich den Einsatz erhöhter Aufmerksamkeit füreinander, das Überwinden und Umgehen von eingetretenen Hindernissen oder von Herzen kommende Hinweise auf erfreuliche, erheiternde, beglückende Blickachsen und Aussichten. Je näher sich die Liebe an der intimen Passion ansiedelt und je ferner der öffentlich deklarierten Ehe, desto fragiler und durchlässiger für die Unbill der Witterung ist ihr schmales Strohdach der Vernunft. Oft genügt ein Funke des Missverstehens, des bösen Willens oder bloßer Laune, und es steht in hellen Flammen.</p>
<p>Die Vernunft von Ehe und Familie ist im Kind verkörpert, das Kind ist der eigentliche Sinn und Zweck der Grundsituation gemeinsamen Redens und Tuns, um die es dabei geht. Das Kind bedarf der Hut und Pflege, der Ernährung und Erziehung, mit einem Wort der Verantwortung der Erwachsenen. Für einen Schwächeren und Anlehnungsbedürftigen Verantwortung tragen heißt, seine Lebensbedürfnisse wahrzunehmen und zu befriedigen, sein Verlangen nach Aufmerksamkeit, emotionale Nähe und Bestätigung zu erfüllen und ihm die Gelegenheiten und Möglichkeiten der Entfaltung und Reifung seiner Persönlichkeit mit einem Weitblick und einer klugen Voraussicht in Aussicht zu stellen, über die das Kind noch nicht verfügt. Die Abstimmung der beiderseitigen Erwartungen und Absichten und die Definitionsmacht über die Grundsituation liegen bei den Eltern, die sich darüber zu verständigen haben, dass und wie sie das geteilte Thema Erziehung gemeinsam schultern. Wenn ein Elternteil den Bund bricht und die Erwartungen des anderen enttäuscht und andere Absichten als die vernünftig ausbedungenen und erforderten im Schilde führt, handelt er unvernünftig, gleichgültig was ihm die Leidenschaft insinuiert und ins Ohr flüstert. Schließlich pflegt auf diese Weise das Dach der Vernunft über dem Haus der Ehe und Familie abgetragen zu werden.</p>
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		<title>Philosophieren XXXII</title>
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		<pubDate>Thu, 22 Aug 2013 12:43:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Deixis]]></category>
		<category><![CDATA[Erwartung]]></category>
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		<description><![CDATA[<p>Wenn, was du sagen willst und sagen kannst, vollständig durch die Abgegrenztheit des Redegegenstandes, die Transparenz der Erwartungen deines Gesprächspartners, die Eindeutigkeit der Redesituation und die Bestimmtheit deiner Redeabsicht determiniert ist, wird deine Äußerung klar und unmissverständlich sein. Du hast einen Arzttermin, weil du seit Tagen von einem Unwohlsein betroffen bist und leichte Schwindelanfälle dich [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xxxii/">Philosophieren XXXII</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wenn, was du sagen willst und sagen kannst, vollständig durch die Abgegrenztheit des Redegegenstandes, die Transparenz der Erwartungen deines Gesprächspartners, die Eindeutigkeit der Redesituation und die Bestimmtheit deiner Redeabsicht determiniert ist, wird deine Äußerung klar und unmissverständlich sein.</p>
<p>Du hast einen Arzttermin, weil du seit Tagen von einem Unwohlsein betroffen bist und leichte Schwindelanfälle dich beunruhigen. Dein Hausarzt begrüßt dich freundlich, heißt dich Platz nehmen und fragt dich nach deinen Beschwerden. Du hast sie ihm geschildert, der Arzt nimmt eine Routineuntersuchung vor, wobei er auch den Blutdruck mittels eines Blutdruckmessgerätes misst. Er konstatiert einen ziemlich überhöhten Blutdruck und zieht aus diesem Befund die Schlussfolgerung: „Sie leiden unter Bluthochdruck. Ihre Schwindelanfälle gehen auf diesen Umstand zurück. Ich verordne Ihnen ein blutdrucksenkendes Mittel.“</p>
<p>Die körperlichen Symptome, unter denen du leidest, sind der abgegrenzte Gegenstand der Rede. Du erwartest vom Arzt eine korrekte Diagnose und ein Therapieangebot, zum Beispiel in Form der Verordnung eines Medikaments. Der Arzt erwartet von dir die möglichst genaue Angabe und Beschreibung der in Rede stehenden Symptome. Die Erwartungen beider Redepartner sind füreinander transparent. Die Redesituation ist eindeutig umrissen und determiniert: Es handelt sich um einen Arzttermin und eine ärztliche Konsultation. Deine Absicht, mit dem Arzt zu reden, besteht aus zwei Teilen oder Momenten: der Erwartung einer Aufklärung über die Herkunft oder Ursache deiner Beschwerden und der Hoffnung, eine Therapie oder ein Medikament verordnet zu bekommen, das sie lindert oder beseitigt. Die in diesem Falle getätigten Äußerungen sind auf beiden Seiten klar und unmissverständlich.</p>
<p>Der Gegenstand der Rede ist abgegrenzt, wenn du mit einer Zeigegeste, einer Deixis, darauf hinweisen kannst und deinem Gesprächspartner mittels Benennung des Gezeigten zu verstehen gibst, was du meinst. Auf dein Unwohlsein und deine Schwindelgefühle kannst du allerdings nicht zeigen, um dem Arzt vor Augen zu führen, worüber du mir ihm reden willst. Indes macht das nichts, wie unsere Redesituation erwiesen hat: Unsere Sprache ist mächtig genug und verfügt über ein reichhaltiges Vokabular, das auch Namen und Begriffe für nicht zeigbare, nicht wahrnehmbare oder abstrakte Gegenstände umfasst wie schwarze Löcher, Zahlen, Aktiengesellschaften und die meisten anderen Institutionen oder eben dein Unwohlsein und andere Gefühle.</p>
<p>Kann man auf Schmerzen zeigen? Du kannst dem Arzt sagen „Ich leide unter Bauchweh, Kopfschmerzen, Gliederreißen“ und dabei jeweils auf das Körperteil zeigen, in dem du Schmerzen verspürst. Aber auch wenn du deine Schmerzen nicht lokalisieren kannst und du dich in einem Zustand völliger Erschöpfung und Zerschlagenheit fühlst und etwa sagst „Mir tut alles weh“, wird dein Gesprächspartner die Absicht deiner Mitteilung, ihn über deine körperliche Verfassung ins Bild zu setzen, nicht verfehlen. Demnach können wir Schmerzen klar und unmissverständlich bezeichnen und sie unter die abstrakten Gegenstände rechnen, auch wenn sie dir im Konkreten so sehr auf den Leib rücken.</p>
<p>Wenn du mir sagst, dass du am Portikus auf mich wartest, gehe ich nicht davon aus, dass du vor der ersten Säule stehst, wenn ich zu dir stoße. Gleichgültig vor oder hinter welcher Säule oder zwischen welchen Säulen du immer dich aufhalten magst, meine Erwartung wird nicht enttäuscht, wenn du hinter der zweiten Säule stehst, auch wenn ich dich hinter der dritten vermutete. Angaben über Orte und zeitliche Dauern haben oft nicht den genauen Wert der Abgrenzung von Gegenständen, auf die wir zeigen oder die wir durch ein Appellativum mit Demonstrativum wie „dieser Tisch“ aus der Umwelt herausgreifen können. Dennoch funktionieren Mitteilungen dieser Art ganz gut, so dass wir auch solche Angaben zu den abgegrenzten Gegenständen der Rede zählen können. Deine Absicht, mich am Portikus zu treffen, scheitert jedenfalls nicht an der Vagheit der Ortsangabe.</p>
<p>Sie könnte allerdings daran scheitern, dass du meine Erwartungen nicht überblickst oder sie verkennst: Du weißt vielleicht nicht oder hast vergessen, dass mir der Portikus ein ominöser Ort ist, den ich wegen daselbst mir widerfahrener Erlebnisse, die ich gerne hätte missen mögen, meide. Auch wenn der Gegenstand der Rede, der Ort unseres Treffens, abgegrenzt, die Redesituation eindeutig eine Verabredung und deine Absicht, dich mit mir zu verabreden, klar bestimmt ist, könnte in diesem Falle die Verwirklichung deiner Absicht daran scheitern, dass unsere gegenseitigen Erwartungen nicht transparent füreinander sind.</p>
<p>Wäre ich ein schlichtes Gemüt, dränge ich nicht weiter in dich, sondern setzte meine Missgefühle bezüglich des Portikus hintan, um dennoch ein mir liebes Treffen mit dir zu ermöglichen. Also sagte ich etwa: „Nichts tue ich lieber, als mich mit dir zu verabreden. Nur lass uns einen anderen Ort für unser Treffen finden!“</p>
<p>Nun liegt mein Gemüt aber in vielen Falten und kitzelt manchmal Erwartungen und Befürchtungen aus mir heraus, die über das Ziel hinausschießen, oder insinuiert mir Erwartungen und Befürchtungen hinsichtlich Dingen, die wiederum tief in den Falten deines Gemüts verborgen liegen. So könnte ich denken: „Sie hat den ominösen Ort absichtlich oder unwillkürlich gewählt, um mich hinsichtlich der Tiefe und Stichhaltigkeit meiner Neigung zu ihr auf die Probe zu stellen. Halte ich stand und schlage ein, wertet sie dies als gutes Zeichen dafür, dass meine Neigung zu ihr meine Abneigung gegen den bösen Ort überwiegt. Sträube ich mich und komme ihr mit einem Gegenvorschlag, wertet sie dies als schlechtes Zeichen und zählt meine Neigung zu ihr zu den Leichtgewichten oder Umfallern vor jeder mittleren Böe. Also tue ich ihr die Liebe und verbeiße meinen Widerwillen. Aber wird sie nicht meine Verbissenheit mir leicht anmerken, wenn wir uns wirklich an dem ominösen Ort sehen? Wird sie dann nicht meine Unaufrichtigkeit geradezu riechen? Also ist es am Ende doch besser, das Risiko einzugehen und einen Gegenvorschlag zum Ort unserer Verabredung zu machen!“</p>
<p>Wir sind am Endpunkt dort angelangt, wo das schlichte Gemüt längst schon ist – und mit welchen Windungen und Umwegen! Du erwartest, dass du deine Absicht, mich am Portikus zu treffen, ohne Einreden und Bedenklichkeiten meinerseits in die Tat umsetzen kannst. Meine Erwartung hinsichtlich deiner Absicht, mich an diesem Ort zu sehen, ist zwiespältig. Unsere beiderseitigen Erwartungen sind füreinander nicht so hinreichend transparent, dass einer Erfüllung deiner Absicht nichts im Wege stünde, sondern sie überkreuzen sich derart, dass ein Scheitern deiner Absicht nicht ausgeschlossen werden kann. Denn wenn wir uns am Ende nicht am Portikus, sondern woanders treffen, blieb deine Absicht, mich am Portikus zu treffen, ohne Erfüllung.</p>
<p>Wäre indes meine Abneigung gegen den Ort, an dem mir Übles widerfuhr, längst zergangen und von besseren Erlebnissen daselbst überwuchert worden, säßest du einem Missverständnis auf, wenn du glaubtest, mich mit dem Vorschlag, uns am Portikus zu treffen, auf die Probe stellen zu können. Mein zag- und fragloses Einschlagen könntest du als Höchstmaß an Neigung für dich deuten, die alles Widrige längst aus dem Weg geräumt hätte. Dann lägest du mit der Wertung meiner neuen Unbefangenheit als Zeichen großer Leidenschaft falsch und deine Erwartung läge überkreuz mit meiner Erwartung. Aber siehst du, jetzt könnte ich auch bei nur geringer Neigung zu dir, mir nichts dir nichts mich mit dir an diesem Ort treffen. Deshalb wäre es mir gleichgültig, ob wir uns an diesem oder einem anderen Ort sehen. Und weil mich der Hafer sticht, schlage ich dir unverblümt vor, uns an einem anderen Ort zu treffen. Wieder waren unsere beiderseitigen Erwartungen füreinander nicht transparent genug, um deine Absicht, mich an einem bestimmten Ort zu treffen, ins Werk zu setzen.</p>
<p>Wenn du bei deinem Hausarzt dich darüber beklagst, dass dein Telefon abgehört wird und aus dem Fernseher dir Stimmen Befehle zu widerwärtigen Taten zuraunen, wirst du deine Absicht, einem Arzt deine Beschwerden mitzuteilen und aufgrund einer korrekten Diagnose Hilfe in Form einer Therapie oder der Verordnung eines Medikamentes zu erhalten, nicht erfolgreich in die Tat umsetzen können, weil er dich stante pede mit einer Überweisung zum Facharzt für psychiatrische Erkrankungen schicken wird. Erst dort kommt der geregelte Lauf der Dinge in Gang. Hier handelt es sich um das Verfehlen der richtigen Redesituation.</p>
<p>Wenn du bei unserem nächsten Treffen wie aus der Pistole geschossen einen kaltschnäuzigen Ton anschlügest, mir mit schamlosen Anspielungen die Hölle heiß machtest oder lauthals gähnend und Löcher in die Luft guckend meiner Rede folgtest, käme ich hoffentlich bald darauf, dass einer von uns oder wir beide uns in der korrekten Einschätzung der gegebenen Redesituation geirrt haben müssen. Ich würde annehmen, dass meine bisherige Einschätzung unserer Situation als Annäherung an eine leidenschaftliche Liebe entweder falsch war oder wenn sie richtig war, jetzt nicht mehr richtig ist und sich dein Sinn und deine Haltung schlagartig gewandelt haben. Ich würde weiterhin grübeln, inwiefern und durch welche schwerwiegende Tat der Grenzverletzung und Versehrung deiner Integrität ich mir diesen argen Sinneswandel eingebrockt haben könnte und ob es irgend möglich sei, die entstandene hässliche Beule durch sanfte, schonende und liebevolle Behandlung auszubügeln.</p>
<p>Wenn du aber mit deinem sonderbaren Betragen nicht dies von mir erwartest, sondern dir etwa gesagt hast: „Rein mit Küssen und Schöntun ist es nicht getan, damit wird er mir nicht vollends weich und zugetan. Also kehren wir den Teppich um und zeigen mal die Krallen des schnurrigen Kätzchens: Wenn er diese Lektion schluckt, gehört er mir mit Haut und Haar!“, dann lägen auch in diesem Falle unsere beidseitigen Erwartungen überkreuz und wären füreinander nicht transparent genug, mit der leidigen Folge, dass du deine Absicht, unsere Verbindung durch solch exotische Maßnahmen zu vertiefen, nicht mit Erfolg verwirklichen könntest.</p>
<p>Wenn der Prediger von der Kanzel Flüche ausstößt, der Arzt den Patienten um Rat fragt, der Vater sich vom Sohn über Erziehungsprinzipien belehren lässt, der Lehrling den Meister anweist, der Lehrer sich vom Schüler Zensuren einholt, die Kassiererin die angezeigte Summe nicht fordert, sondern herausgibt, die Geliebte das Liebesgeständnis des Liebhabers mit Zynismen quittiert – bei all diesen Formen der „verkehrten Welt“ handelt es sich um Missverständnisse, durchkreuzte Erwartungen und vereitelte Absichten, die sich aus der Verkennung, Verwechslung oder Pervertierung der Redesituation ergeben.</p>
<p>Wenn es für deinen Partner unklar ist, was du willst, welche Absichten du hegst, was du im Schilde führst, wenn es dir also an Bestimmtheit der Absicht mangelt, droht dir wiederum die Gefahr, missverstanden oder überhaupt nicht verstanden zu werden. Du möchtest spazieren gehen und sagst etwa: „Schau mal, die Sonne scheint!“ oder „Ist es nicht schön geworden“, statt deine Absicht explizit zu machen mit Worten wie: „Schau mal, wie schön ist es geworden, lass uns ein wenig spazieren gehen!“ Ein Hinweis auf das schöne Wetter erregt bei deinem Gegenüber nicht ohne Weiteres den Wunsch spazieren zu gehen. Wenn du deine Absicht nicht mit genügender Bestimmtheit zum Ausdruck bringst, kann es nicht ausbleiben, dass du sie nicht in die Tat umsetzen kannst.</p>
<p>Wir sind beschränkte, irrtumsanfällige, verführ- und verwirrbare Lebewesen, für die eine Schwächung des Wahrnehmungs-, Erkenntnis- und Erinnerungsvermögens, des Willens, der Moral oder der seelischen Kraft die Verzerrung und Verzeichnung, Störung und Zerstörung der genannten wesentlichen Faktoren der Grundsituation unseres Redens und Tuns nach sich zieht.</p>
<p>Eine Schwäche oder Verzerrung der Wahrnehmung kann den anderen daran hindern, das von dir Gezeigte und Gemeinte zu erkennen. Ein Irrtum lässt den anderen glauben, was du nicht beabsichtigt hast. Er glaubt, der Portikus liege auf der anderen Mainseite, und schon wartest du vergeblich. Er hat deinen Geburtstag vergessen, und die Enttäuschung ist vorprogrammiert. Ihre alte Schwäche, die Gesten seiner Neigung und Zärtlichkeit nicht ganz ernst zu nehmen, konnte sie mit bloßer Willensanstrengung nicht beheben. Er hatte nun mal dieses Elternhaus, da blieb nichts übrig, als seinen Hang zum Liederlichen, zur Unordnung, zum Schlendrian oder zur Unverbindlichkeit hinzunehmen oder ihn sich vom Leibe zu halten.</p>
<p>Die seelischen Störungen und Verstörungen sind gravierend hinsichtlich der Entstehung von Missverständnissen, wenn der offensichtlich vorliegende und gut abgegrenzte Gegenstand der Rede verkannt und falsch benannt oder seine Existenz in Abrede gestellt wird, wenn die Absicht des anderen abgeleugnet oder missdeutet wird und seine explizit gemachte oder implizit deutliche Erwartung willentlich oder zwanghaft enttäuscht wird, die jetzt relevante Situation des Redens und Tuns verwechselt oder mit einer anderen traumatisch an die Tür des Bewusstseins klopfenden überformt wird, wenn du schließlich deine wahre Absicht aus Scham und Furcht oder böser Lust, dein Gegenüber zu verwirren und zu quälen, so im Unklaren, Nebelhaften und Vagen belässt, dass es sie unmöglich verstehen und erraten kann oder gänzlich in die Irre und hinters Licht geführt wird.</p>
<p>Gute und schlechte Gefühle, abstrakte Gegenstände der Rede, wie wir wissen, gutes oder schlechtes Selbstgefühl können verkannt, falsch benannt oder verleugnet werden. Du sagst nicht „Ich fühle mich nicht gut, wenn du so etwas sagst oder tust“, sondern willst der unangenehmen Situation aus dem Wege gehen, indem du sagst „Es ist schön geworden, gehen wir spazieren!“. Du sagst nicht „Es tut mir leid, dass ich das getan habe“, sondern aus falscher Scham und Angst um deine Profilierung sagst du etwa „Qui sera, sera, lass uns nicht alte Wunden wieder aufreißen“. Am ärgsten treibst du es, wenn du schlicht leugnest, das und das gesagt oder getan zu haben. Es in Wahrheit gesagt oder getan zu haben und obendrein in Abrede zu stellen, es gesagt oder getan haben, zählt als doppelter Schuldposten und wird von deinem Gegenüber durch Entzug von Aufmerksamkeit, Achtung oder Liebe doppelt bestraft.</p>
<p>Do ut des ist auch das Gesetz, das den seelischen Haushalt der Erfüllung und Enttäuschung von beidseitigen Erwartungen regelt. Wenn du fortgesetzt die Erwartungen deines Partners nicht erfüllst, sondern sie entweder ignorierst oder sabotierst, wird er dir rechtens über kurz oder lang mit gleicher Münze heimzahlen. Du sagst „Es ist schön geworden, gehen wir spazieren“, während dein Gegenüber erwartet, ihr würdet die aktuelle Situation des Redens und Tuns fortsetzen, wie eine DVD anschauen, Geschichten erzählen, ein Spiel spielen oder intime Zärtlichkeiten austauschen. Es könnte passieren, dass dein feinfühliger Partner spürt, dass du mit deiner Äußerung eine Situation, die dir ungelegen oder gar unangenehm ist, beenden möchtest, ohne es direkt sagen zu wollen oder zu können, indem du es durch die Blume gesprochen andeutest. Während du die Erwartung deines Partners verleugnest, es euch weiterhin zwischen den weichen Kissen gütlich zu tun, könnte auf der anderen Seite dein Partner wiederum deine eigentliche Absicht, der dir ungelegenen oder unangenehmen Situation auszuweichen, verkennen und die von dir geäußerte Absicht, spazieren zu gehen, für bare Münze nehmen.</p>
<p>Wenn einer Aufmerksamkeit und Achtung, Hinwendung und Zuneigung ohne ein gerüttelt Maß aversiver Giftstoffe nicht freisetzen und zum Ausdruck geben kann oder umgekehrt eine aversive Grundhaltung zwanghaft mit attrahierenden oder erotischen Feinstoffen versetzen muss, sprechen wir von einer neurotischen Verbiegung der Persönlichkeit, die sich in der Redesituation durch Zweideutigkeit und ironische oder zynische Färbung des Geäußerten kundtut. Wenn du die zärtliche Geste des anderen gleichsam gähnend annimmst oder als Vorgesetzte den verhassten Kollegen zurechtweist und gleichzeitig den obersten Knopf deiner Bluse aufknöpfst, wenn du das geneigte Ohr deines Gegenüber mit Schmeichelworten streichelst und gleich danach mit Bösartigkeiten ätzt oder das scheue Gemüt deines Liebhabers mit obszönen Anekdoten von Abenteuern mit anderen gleichzeitig stimulierst und kastrierst, wirst du keine der Absichten, die du mit deinem Reden und Tun verknüpfst, wahr machen, weil sie sich in die Quere kommen, gegenseitig auslöschen oder neutralisieren.</p>
<p>Liebesleute sollten durch geheime Abreden, vertrauliche Abmachungen oder öffentliche Kundgabe die Situation ihres Redens und Tuns deklarieren, definieren und postulieren, auf dass nicht der eine denkt, es handle sich um Freundschaft, während der andere sich in Leidenschaft verzehrt, oder der eine meint, es handle sich um ein süßes Abenteuer, während der andere auf treue Bindung aus Liebe setzt. Wenn aber einer die deklarierte, definierte und postulierte Situation gemeinsamen Redens und Tuns durch Wiederholung einer traumatischen Situation der Vergangenheit wider Willen oder mit einer willensmäßiger Eigenmacht entzogenen Absicht überformen muss, wird er nicht umhin können, sein Gegenüber zu verletzen oder es so herauszufordern, dass sein kranker Wunsch, verletzt zu werden, in Erfüllung geht.</p>
<p>Einer verhehlt seine wahre Absicht aus Scham oder Furcht, wenn ihm der direkte Ausdruck und die ungescheute Verwirklichung der Absicht peinlich sind. Du engst deine Absicht, Intimität mit deinem Gegenüber aufzubauen und ihm näher zu kommen, auf die sexuelle Variante ein und redest ohne Scheu oder schlüpfrig daher, weil du dich deiner Gefühle und deiner Herzensneigung schämst und befürchtest, sie ungescheut deinem Gegenüber zu Füßen zu legen, könnte auf Ablehnung stoßen und dich verletzen. Damit verhehlst du nicht nur deine wahren Absichten, sondern verwirrst den anderen, indem du dich irritiert, nervös und gereizt zeigst, wenn er tut, was du zu erwarten vorgibst, nämlich auch seinerseits die Intimität des Gefühls abzubinden und fortzuscheuchen. So führst du dein Gegenüber durch Zweischneidigkeiten und Zweideutigkeiten hinters Licht und in die Irre, allwo er eines Tages auf Nimmerwiedersehen verschwinden wird.</p>
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		<title>Philosophieren XXXI</title>
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		<pubDate>Sun, 18 Aug 2013 16:06:52 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Analogie]]></category>
		<category><![CDATA[Identität]]></category>
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		<description><![CDATA[<p>Du glaubst, den Schlägersänger heute Mittag wiedererkannt zu haben, den du vor drei Wochen in der Fernsehshow hast auftreten sehen. Du bist dir sicher, jener Typ, den du heute auf der Straße gesehen hast, muss derselbe sein, an den du dich gut erinnern kannst. Hast du etwa, um diese Behauptung aufstellen zu können, das aktuelle [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xxxi/">Philosophieren XXXI</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Du glaubst, den Schlägersänger heute Mittag wiedererkannt zu haben, den du vor drei Wochen in der Fernsehshow hast auftreten sehen. Du bist dir sicher, jener Typ, den du heute auf der Straße gesehen hast, muss derselbe sein, an den du dich gut erinnern kannst. Hast du etwa, um diese Behauptung aufstellen zu können, das aktuelle Bild, das du auf der Straße von dem Mann aufgeschnappt hast, mit dem älteren Bild, das in deinem Gedächtnis gespeichert ist, verglichen und Punkt für Punkt abgeglichen oder wie eine Skizze auf Transparentpapier das aktuelle Bild über das bestehende Bild gelegt, um dich der Übereinstimmung oder Nicht-Übereinstimmung beider versichern zu können?</p>
<p>Du kannst den wiedergesehenen Schlagersänger im strengen Sinne nur dann als denselben wie den Mann auf deinem Erinnerungsbild ansprechen, wenn die Identität der beiden Bilder vollständig wäre und Detail mit Detail von der Anzahl und Lage der Kopfhaare bis zur Feinstruktur der Augenfältchen kongruierte. Du wirst demgemäß immer wieder ein Fehlersignal von deiner Gedächtnisfunktion erhalten, wenn du gleichgültig welches aktuelle Sehbild mit einem älteren im Gedächtnis abgespeicherten desselben Gegenstandes vergleichst, um die Identität der abgebildeten Bildinformationen zu ermitteln. Körperliche Entitäten bewegen sich durch die Raum-Zeit und sind vielen Faktoren der Beeinflussung und Veränderung interner Natur wie dem Altern oder Krankheitsprozessen und externer Natur wie den Folgen von Haarfärbeaktionen und anderen kosmetischen Eingriffen oder Unfällen ausgesetzt.</p>
<p>Wir müssen also bei der Anwendung des Adjektivs für die Identität auf einen Gegenstand der Raum-Zeit etwas anderes im Sinne haben als bei der Anwendung des Identitätsbegriffs auf abstrakte Entitäten wie Zahlen, Buchstaben oder artikulierte Sprachlaute. Egal welche Sauklaue dem geplagten Deutschlehrer bei der Lektüre der Hausaufgaben vor Augen flirrt, ihm wird auch bei schlechter Lesbarkeit der Unterschied der Buchstaben m und l nicht entgehen. Ebenso wenig, dass Schüler Klaus den Buchstaben g nur so hingeschmiert hat, während Schülerin Claudia denselben Buchstaben in Schönschrift hingemalt hat. Wir sagen, der Lehrer erkennt und identifiziert den Typus (Type) des Buchstabens g am Token seiner konkreten Realisierung.</p>
<p>Der Japaner gibt sich viel Mühe, seinen Vortrag über japanisches Recht auf Deutsch vom Blatt abzulesen. Auch wenn du dich zunächst daran gewöhnen musst, dass in seinem Artikulationsspektrum uns unentbehrlich dünkende Laute wie r nicht vorkommen, kannst du den Mangel bald kompensieren und dem Geäußerten einen gewissen Sinn abgewinnen. Dasselbe gilt im Falle des neuen Nachbarn, dem du nicht unhöflich kommen solltest, nur weil er erheblich nuschelt: Gib dir Mühe und du verstehst ihn. Auch in diesen Fällen bist du in der Lage, den gemeinten Lauttypus gleichsam hinter seiner aktuellen Realisierung durch den Sprecher, das heißt dem Token der aktuellen Lautbildung, einigermaßen zu identifizieren, obwohl diese ihn mit einer Menge Geräusch oder akustischer Fehlinformation verschmutzt.</p>
<p>Klein Hänschen krakelt sein 1 mal 1 mit Buntstift aufs Blatt, der Mathematikstudent bedient sich des neuesten digitalen Taschenrechners mit leichter Hand, während er gleichzeitig der Vorlesung lauscht. Trotz der ziemlich unterschiedlichen Form und Art der Realisierung, handelt es sich im Prinzip in beiden Fällen um das Vorkommen derselben natürlichen Zahlen: Einige Typen der natürlichen Zahlen werden hier so und dort anders realisiert. Heißt dass, die Zahlen an sich schauen als erdentrückte Wesen aus einem reinen Himmel geistiger Wesenheiten auf uns herab, während wir uns bemühen, ihrer abstrakten Natur durch immer präzisere Verfahren der Abbildung gerecht zu werden? Keineswegs. Denn es gibt kein abstraktes Wesen der Zahl, genauso wenig wie abstrakte oder ideale Sprachlaute, die zu realisieren wir als hehres Ideal eigentlich anstreben müssten, um uns endlich ohne sinnbedrohenden Geräuschanteil ausdrücken zu können. Versuche einmal, einen deutschen Satz mittels Verlautbarung reiner Lauttypen zu bilden! Da versagt dir die Stimme.</p>
<p>Es genügt für unseren Hausgebrauch anzunehmen, dass wir das abstrakte Wesen oder den Typus der Zahl auch mit mehr Bodenhaftung erreichen, wenn wir sagen: Wir nehmen immer wieder dieselben Verfahren des Zählens und Rechnens mit Entitäten vor, die wir Zahlen nennen. Dabei ist es gleichgültig, wie wir uns Zahlen vorstellen oder realisieren, ob mit römischen oder arabischen Ziffern, mit den digitalen Elementen 1 und 0 oder mit grafischen Formen wie einem Punkt und einer Klammer. Du sagst „1“ und meinst damit: „Ich habe jetzt 1 gezählt“ oder „Ich habe jetzt die Grundeinheit unseres Zählens und Rechnens einmal genannt, präsentiert, gezählt“. Wenn ich aufzähle „1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9“, könntest du sagen, ich habe die Reihe der natürlichen Zahlen in aufsteigender Größenordnung hergezählt, die ich durch folgendes Verfahren konstruiere: Ich nehme die Grundeinheit und füge ihr eine weitere Einheit hinzu, mit der so gebildeten Zahl 2 mache ich DASSELBE usw.</p>
<p>Was für Zahlen, Buchstaben und Sprachlaute gilt, dass wir ihren Typus jeweils mehr oder weniger gut mittels eines Token verwirklichen, gilt nicht bei den Gegenständen der Raum-Zeit oder den Körpern. Über dir schwebt kein Idealbild deiner Person in einem Himmel idealer Gegenstände wie Bäume, Enten oder Kaffeetassen, an denen wir die realen Gegenstände des Alltags in ihrem Sosein allererst bestimmen und identifizieren könnten. Wir sind uns neulich begegnet und du hast mich gleich wiedererkannt, obwohl doch einige Jahre seit unserem letzten Treffen vergangen sind. Du hast nicht etwa verdutzt dreingeschaut und zu dir gesagt: „Also mit diesen grauen Haaren und den Falten um die Augen entspricht er zwar nicht dem Idealbild, das ich von ihm hatte, als wir damals so lebhafte Diskussionen geführt hatten, und dennoch ist er derselbe Kerl.“ Das wäre seltsam und lächerlich!</p>
<p>Wir können die Identität von materiellen Körpern, die sich vom Zeitpunkt ihrer natürlichen Entstehung und ihrer Herstellung oder ihrer Erzeugung und Geburt bis zum Zeitpunkt ihrer Vernichtung, ihrer Zerstörung oder ihres Todes in der Raum-Zeit von A nach B fortbewegen, und damit die Semantik des Gebrauchs von „derselbe“ empirisch festlegen. Und weil alle Personen wie du und ich verkörpert sind, damit auch die Bedeutung des Ausdrucks festlegen „dieselbe Person hier und jetzt, die ich vor ein paar Wochen an jenem Ort gesehen habe“. Damit kommen wir Sinn und Zweck dessen auf die Spur, was wir tun, wenn wir das Adjektiv „derselbe“ auf diesen hier befindlichen augenblicklich wahrgenommenen Gegenstand anwenden, den wir dort zu jenem Zeitpunkt wahrgenommen hatten.</p>
<p>Um die Identitätsvoraussetzungen von Körpern und Personen bei ihrem Weg durch die Raum-Zeit zu klären und festzulegen, verwenden wir das kartesische Koordinatensystem mit den drei Raumachsen x, y, z und ergänzen es um die zusätzliche Dimension t, die wir mittels eines jeweiligen Vektors an dem Punkt darstellen, der unseren Gegenstand in der Raum-Zeit repräsentiert: Wir verfolgen so, wie der Gegenstand von den Koordinaten 2-4-4 zu den Koordinaten 4-8-8 seines neuen Standortes wechselt. Wir setzen dabei voraus, dass der Positionswechsel durch Anlegen des determinierenden Vektors zustande kam. Dabei sollte uns der Gegenstand nicht entwischen, auch wenn wir in diesem Falle mittels diskreter Einzelschritte und Schrittfolgen gleichsam kleine Zeitsprünge machen müssen. Mit der Anwendung von Integral- und Differentialfunktionen, die uns die kontinuierliche Abfolge in der Zeit darstellbar machen, können wir das Manko ausbügeln.</p>
<p>Eine technische Methode oder vielmehr ein technisches Modell, das uns die Möglichkeit der empirischen Festlegung der Bedeutung von „derselbe“ bei der Anwendung auf Körper und Personen vor Augen rückt, bestünde in ihrer jeweiligen Ausstattung mit einem kleinen Sender, der uns zu jedem Zeitpunkt und für jeden Aufenthaltsort die GPS-Daten und damit das vollständige Kontinuum seiner Bewegungen von seinem ersten erfreulichen Weltauftritt bis zu seiner mehr oder weniger starren Endstation beziehungsweise seinem letzten Seufzer und seiner eher unerfreulichen Endstation übermittelt.</p>
<p>Unsere Überlegungen kommen zu dem Ergebnis, dass und weshalb die Veränderungen der materiellen Beschaffenheit des Körpers und der Person aufgrund interner oder externer Einflüsse und Ursachen wie Altern und Krankheitsprozessen oder kosmetischer Eingriffe und Unfällen für die korrekte Anwendung des Begriffs „derselbe“ keinerlei Relevanz haben: Auch der zerbrochene Teller ist derselbe wie der gerade noch ganze Teller und der tote Hund ist derselbe, der dich vielleicht eben noch umschwänzelt hat.</p>
<p>Du kannst dir also auf der Grundlage alltags- und tagestauglicher Methoden niemals vollständig sicher sein, dass jener Typ, den du vor drei Wochen in der Fernsehshow als Schlagersänger hast auftreten sehen, derselbe ist wie der, den du heute Mittag auf der Straße gesehen zu haben glaubst. Sicherheit und Gewissheit erlangtest du nur, wenn du die eben besprochenen Bedingungen zur empirischen Festlegung und Bestimmung der Identität von Körpern und Personen auf diesen Fall hättest anwenden und auf diese Weise das Kontinuum der Bewegungen des Schlagersängers durch Raum und Zeit hättest abbilden können, angefangen von seinem Verlassen der Bühne des Fernsehsenders vor drei Wochen bis zum Augenblick heute Mittag, als du ihn wiederzuerkennen glaubtest. Aber das ist im normalen Falle nicht möglich! So sind wir also darauf abgestellt und darauf verwiesen, unserem anfälligen Gedächtnis, unseren verwackelten Wahrnehmungen und schlichten Intuitionen zu vertrauen – und meisten ist es ja noch mal gut gegangen!</p>
<p>Den strengen und harten Sinn von Identität in den weichen Übergängen unseres alltäglichen Sehens und Handelns zu befolgen, übersteigt unsere normalsterblichen Fähigkeiten. Begnügen wir uns mit dem unsicheren Begriff der Analogie und lassen wir uns durch die Tatsache nicht ins Bockshorn jagen und beunruhigen, dass wir immer wieder liebend gerne ähnliche Körper und Personen sehen und vergleichen, ja so verflixt ähnliche, dass wir sie gerne als dieselben behandeln und begrüßen.</p>
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		<title>Philosophieren XXX</title>
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		<pubDate>Fri, 16 Aug 2013 15:18:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Absicht]]></category>
		<category><![CDATA[Begründung]]></category>
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		<category><![CDATA[Lüge]]></category>
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		<category><![CDATA[Wahrheit]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Der Mathematiklehrer hat an die Tafel geschrieben: 5x – 52 = x. Weil du ein aufgewecktes Mädchen bist, hast du die Lösung gleich im Kopf ausgerechnet, denn du brauchst ja nur das x auf der rechten Seite der Gleichung mit einem Minusvorzeichen versehen und auf die linke Seite schieben. Genauso machst du es mit der [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xxx/">Philosophieren XXX</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Der Mathematiklehrer hat an die Tafel geschrieben: 5x – 52 = x. Weil du ein aufgewecktes Mädchen bist, hast du die Lösung gleich im Kopf ausgerechnet, denn du brauchst ja nur das x auf der rechten Seite der Gleichung mit einem Minusvorzeichen versehen und auf die linke Seite schieben. Genauso machst du es mit der ganzen Zahl, der du ebenfalls ein Minusvorzeichen verpasst, und weil sie schon im Besitz eines solchen ist, überführst du sie demgemäß als positive Zahl auf die rechte Seite der Gleichung. Jetzt bleiben dir links 4x übrig und schon hast du mittels Division durch 4 das Endergebnis.</p>
<p>Ausgerechnet in dem Moment, als du glücklich die Zahl dem Lehrer zurufen willst, löst sich die vermaledeite Spange in deinem vollen Haarschopf und dein Gesicht ist augenblicks von Haaren verdeckt und du rufst verärgert: „Verflixte Dreizehn!“ Was ist hier passiert? Hast du nun die richtige Lösung genannt und ausgerufen, auch wenn du ein ärgerliches „verflixt“ davorgesetzt hast? Denn die richtige Lösung ist ja die Zahl 13.</p>
<p>Du hast die richtige Zahl genannt und doch hast du nicht das Wahre geäußert. Du hattest wohl die Absicht, das Wahre zu äußeren, doch dann kam dir der bekannte Ausdruck des Ärgers über die Lippen, der dir reflexhaft im Affekt dazwischenfunkte. Du hättest dir mit dem Ausruf auch einen Scherz erlauben können und damit hättest du das Wahre gesagt, denn dann hättest du die Absicht gehabt, das Wahre, eingekleidet in Scherzform, zu sagen.</p>
<p>Wenn wir eine wahre Aussage machen, müssen wir die Absicht haben, eine wahre Aussage zu machen. Haben wir nicht diese Absicht, sondern eine andere oder gar keine, sagen wir nicht das Wahre. Leider geht es nicht umgekehrt: Um das Wahre zu sagen, genügt es nicht, die Absicht zu haben, es zu sagen. Sonst wäre dem Schüler in der Klausur, der brütend auf die Gleichung mit zwei Unbekannten stiert, schnell geholfen.</p>
<p>Wenn wir das Wahre sagen, ohne zu wissen, wie wir darauf gekommen sind, und ohne die Gründe auflisten zu können, die uns berechtigen, es zu sagen, raten wir. Wie wenn du bei der genannten Gleichung nicht nachgerechnet hättest, sondern blindlings „13“ ausgerufen hättest. Damit hättest du zufällig das Wahre getroffen, aber nicht aus Gründen.</p>
<p>Solltest du genügend gute Gründe parat haben, zum Beispiel ein Thermometer an der Wand oder eine Uhr am Arm, um mit ziemlicher Treffsicherheit auf die Frage nach der momentanen Zimmertemperatur oder der Zeit das Wahre sagen zu können, brauchst du nur die Einschränkungen „unter normalen Bedingungen“ und „bei voller Funktionsfähigkeit des verwendeten Messinstruments“ hinzufügen, um auf Nummer sicher zu gehen. Denn das Thermometer könnte beschädigt sein und die Uhr auf osteuropäische Zeit kalibriert sein. Nicht auszudenken, wenn wir in einem Raumschiff mit einer Geschwindigkeit nahe c durchs All flögen!</p>
<p>Solltest du hingegen genügend gute Gründe parat haben, zum Beispiel eine eingerissene Eintrittskarte für den Nachtclub und Lippenstiftflecke auf deinem Unterhemd, um mit ziemlicher Treffsicherheit auf die Frage nach deiner Abendunterhaltung am gestrigen Tag das Wahre sagen zu können, und weil deine Freundin oder Frau es dich fragt, sagst du trotz besseren Wissens das Wahre nicht, lügst du.</p>
<p>Lügen setzt das Wissen um den wahren Sachverhalt ebenso voraus wie Raten das Nichtwissen um eben diesen Sachverhalt. Vom Lügen gilt wie vom Sagen der Wahrheit, dass du die Absicht haben musst, zu lügen, um wirklich zu lügen. Wenn du auf die Frage deiner Freundin nach deinen Abendvergnügungen das Wahre damit zu sagen glaubst, dass du bei einem Freund zu Besuch gewesen seist und mit ihm Schach gespielt habest, lügst du nicht, wenn du von diesem unzutreffenden Sachverhalt auf Grund einer geistigen Erkrankung glaubst, es sei der wahre Sachverhalt. In diesem Falle sagst du weder die Wahrheit noch lügst du das Unwahre, sondern du irrst dich.</p>
<p>Sich zu irren und irrtümlich das Unwahre zu behaupten setzt durchaus die Absicht voraus, das Wahre zu sagen: Nur bist du aufgrund einer Täuschung, einer falschen Information oder einer Wahnerkrankung daran gehindert, diese redliche Absicht in die Tat umsetzen zu können. So viele Gründe, das Wahre zu behaupten, so viele Gründe, sich zu irren. Die Sonne blendet dich kurzsichtigen Menschen und du liest die falsche Ziffer vom Thermometer ab. Du hast versehentlich die Uhr verkehrt herum angelegt und liest, weil du nach der aktuellen Zeit gefragt wurdest, statt 14 Uhr 45 die falsche Zeitangabe 8 Uhr 15 oder 20 Uhr 15 ab. Weil der Passant, der keine deutschen Touristen mag, dich auf den Arm nehmen wollte, nachdem du ihn nach dem Weg zur Kathedrale in der fremden Stadt gefragt hattest, und dich in die falsche Richtung schickte, wirst du wider Willen dasselbe tun, solltest du deinerseits gleich anschließend von einem Touristen mit dieser Frage festgehalten werden. Du belügst den Touristen nicht noch willst du ihn mit Absicht in die Irre führen. Weil du selbst einer falschen Information aufgesessen bist, erweist du dich als miserablen Informanten.</p>
<p>Hier bemerkst du die Bedeutung der Zuverlässigkeit der Informationsquelle für die Stichhaltigkeit deiner Begründungen, die du auf die Frage anführst, ob du denn das Wahre sagst. Informanten gelten uns als einigermaßen verlässliche Wahrheitszeugen, wenn sie Augen- und Ohrenzeugen des Geschehens waren, um das es geht. Wenn du selbst gesehen hast, dass und wie der bekannte Schlagersänger seine Freundin auf offener Straße auf brutale Weise geohrfeigt hat, bist du bei einer staatsanwaltlichen oder richterlichen Vorladung der richtige Mann. Wenn du aber nur glaubst, den Schauspieler erkannt zu haben, dir letztlich aber nicht sicher bist, dann nicht und du solltest schweigen.</p>
<p>Wir kennen die Bedeutung der Zuverlässigkeit oder Unzuverlässigkeit der Quellen als ein zentrales Methodenproblem der historischen Forschung. Um wahre Aussagen über die Kirchenpolitik Karls des Großen machen zu können, müssen das Siegel auf der Schenkungsurkunde für die Gründung eines neuen Klosters auf seine Echtheit überprüft, die Handschrift als zeitgemäß und identisch mit derjenigen anderer Manuskripte derselben Zeit aus dem Umkreis des Hofs zu Aachen identifiziert und, um eine Fälschung zugunsten des Ordens auszuschließen, die Urkunde mit anderen Dokumenten derselben Zeit oder späterer Epochen verglichen werden, die die Klosteranlage als eben diese Schenkung Karls des Großen bezeugen.</p>
<p>Wie, dieses grauenhafte Verbrechen geschah erst vor drei Jahren? Und du dachtest, es wäre viel länger her. Habe ich den seltsamen Mann nach längerer Zeit vor vier oder fünf Tagen zufällig auf der Straße wiedergesehen? Und die frühen Erlebnisse deiner Kindheit, besteht bei ihnen noch Hoffnung auf wahrheitsgemäße Erinnerung und untrügliche Zeugenschaft? Wohl kaum. Oder erinnerst du dich noch an die Farbe und das Muster der Kacheln im Flur in Großmutters altem Bauernhaus, auf denen du als kleines Kind herumgerutscht bist, auf denen du Klötzchen hin- und hergeschoben und die du mit Kreide bemalt hast? Und welche Augenfarbe hatte dein Großvater?</p>
<p>Erinnerung trügt. Hier hilft nur die dokumentarische Aufzeichnung mittels Papier und Bleistift, Tastatur und Laptop, eigenhändiger Skizze oder besser noch Foto- und Filmdokumenten. Ein Foto des Schauspielers in flagranti oder eine Filmsequenz auf deinem Smartphone, und die Sache ist spruchreif. Mit Tagebüchern wiederum sind wir vorsichtig: Die meisten legen Goldgrund hinter die ärmlichen Kulissen trivialer Ereignisse oder behauchen anämischen Stillstand mit dem Rosarot romantisch aufgewühlter Erlebnisse. Ein schulisches oder berufliches Versagen wird als Versehen bemäntelt und schlechter Witterung, schlechtem Gesundheitszustand oder gleich dem bösen Willen von Lehrer und Vorgesetztem in die Schuhe geschoben. Es gibt auch säuerliche Zeitgenossen, die den Teer ihrer schäbigen Erlebnisse als Negativkitsch zum Kochen bringen. Masochistische Wundenlecker zeihen sich seitenlang übler Vergehen, die zu begehen sie viel zu feige sind, oder bezichtigen sich kapitelweise ehrloser Taten, die sie aus Filmen oder Comics aufgeschnappt haben.</p>
<p>Die Täter großer Taten sehen sich gerne mittels selbst errichteter Monumente zur Ehre geschichtlicher Größe erhoben. Skeptisch geworden angesichts all der triumphalen Gesten, die uns von Podesten, Säulen und Bögen herabwinken und entgegenjubeln, vermuten wir auch in klassischen Berichten wie den Res Gestae des Augustus, dem Bellum Gallicum Caesars oder den Annalen des Tacitus die Tendenz zu Beschönigung und Heroisierung oder zu krittelnder Verdüsterung und rankünebeladenen Schattenspielen. Deshalb müssen wir tiefer graben und mit neuen Methoden und Instrumenten anderer Wissenschaften wie der Archäologie unsere Wissensbasis verbreitern. Dann finden wir in der Erbfeindin des Augustus, der letzten ägyptischen Pharaonin Kleopatra, das neue Bild einer entscheidungsklugen Herrscherin, anstelle der Barbarisierung der Kelten durch Caesar erschließen wir in der frühen keltischen Keramik den Beweis des Handels mit den Ländern des nahen Ostens und einer erstaunlichen Höhe der zivilen Kultur und anstelle des hasenfüßigen, eitlen und karikaturhaften Tiberius bei Tacitus die lichteren Züge eines gebildeten Souveräns.</p>
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		<title>Philosophieren XXIX</title>
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		<pubDate>Thu, 15 Aug 2013 15:10:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
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		<category><![CDATA[Gruppe]]></category>
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		<category><![CDATA[menschliches Drama]]></category>
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		<description><![CDATA[<p>Du hast gesehen, wie soziale Beziehungen auf der horizontalen Achse gemäß der Steigerung der Adverbien nahe und fern vermessen und gewichtet werden können: Deine Freundin liegt dir sehr am Herzen und steht dir sehr nahe, deine Kollegen stehen dir weniger nahe, aber auch nicht so fern wie der zufällige Sitznachbar im Bus. Du hast ebenso [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xxix/">Philosophieren XXIX</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Du hast gesehen, wie soziale Beziehungen auf der horizontalen Achse gemäß der Steigerung der Adverbien nahe und fern vermessen und gewichtet werden können: Deine Freundin liegt dir sehr am Herzen und steht dir sehr nahe, deine Kollegen stehen dir weniger nahe, aber auch nicht so fern wie der zufällige Sitznachbar im Bus. Du hast ebenso erfasst, dass alle Größen oder Vektoren auf der horizontalen Achse der sozialen Beziehungen direkt proportional zu den Größen oder Vektoren auf der vertikalen Achse der Machtpositionen und der Überlegenheits- und Unterlegenheitsgefühle schrumpfen oder wachsen: Wenn dein Verdacht sich erhärtet, dass deine Freundin intimen Umgang mit anderen Männern pflegt, steigt ihre Position auf der vertikalen Achse rapide an, denn dein Unterlegenheitsgefühl wächst proportional zu ihrer gewachsenen tatsächlichen oder vermeintlichen Überlegenheit. Denn es spielt dabei keine Rolle, in welchem Ausmaß deine Gefühle auf Fiktionen und Projektionen beruhen: Der eigentlich unbegründete Verdacht der Untreue hat dieselbe Wirkmacht wie der begründete Verdacht, wenn er nur mit genügend emotionaler Energie behaftet ist. Genau um das Maß, in dem deine Freundin auf der vertikalen Skala nach oben geschossen ist, wirst du dich auf der horizontalen Skala von ihr entfernen.</p>
<p>Wenn deine intellektuelle Überlegenheit neben der etwas verdrucksten und mausgrauen Erscheinung deiner Freundin glamourös erstrahlt, wird sie diesen vektoriellen Vorsprung auf der vertikalen Achse vielleicht gemeinerweise dadurch auszugleichen suchen, dass sie ihre natürliche sexuelle Überlegenheit als Frau mittels mehr oder weniger feiner Nadelstiche und Anspielungen ins Spiel bringt. Wenn sie Pech hat, sinkt dadurch das Thermometer deines Überlegenheits- und Selbstwertgefühls in die unteren Bereiche, so dass sich die Größenverschiebung von oben nach unten bald in einer Entfernung deiner Person von ihrer Person auf der horizontalen Achse umsetzt und umschlägt.</p>
<p>Durch die beständigen Wechsel des atmosphärischen sozialen Drucks auf das Thermometer, das die Abstände der sozialen Beziehungen misst, geht es bei uns hierzulande und hienieden recht bunt, betriebsam und aufgeregt zu, denn die Vektoren auf der horizontalen Achse rasen ständig hin und her. Deshalb leben wir in einer Welt der mehr oder weniger großen, aufregenden, bedeutsamen Dramen. In einer Welt, in der die vertikale Achse der ungleichen Machtpositionen gleichsam abgebrochen ist, kommen die Positionswechsel auf der horizontalen Achse schnell zur Ruhe und gleichen sich auf regelmäßige, geringfügige Abstände aus. Diese Welt ohne Dramen, Tragödien und Komödien, ohne Entwicklungsschübe und erfindungsreiche Neuerungen ist die Utopie des radikalen Egalitarismus, in der sich alle aufs Höchste gelangweilt ebenbürtig und Aug in Aug auf den Zehen stehen.</p>
<p>Institutionen wie Freundschaft, Liebe und Ehe sind Einrichtungen, die dem Zweck dienen, die aufgrund biologischer und sozialer Veränderungen wie Schwangerschaft, Krankheit und Altern oder Karrieresprung und Entlassung unausweichlichen Positionswechsel auf den Achsen der sozialen Beziehungen auf das Erträgliche, Förderliche und Angemessene einzudämmen und zu hegen: Wenn ihr einen Liebensbund miteinander geschlossen oder euch im Ehegelöbnis zugesprochen habt, auch im dramatischen Auf und Ab des Lebens, soweit es eure Kräfte erlauben, füreinander einzustehen, musst du nicht gleich befürchten, dass dich deine Freundin mit einem anderen betrügen oder verlassen wird, wenn du einmal krank daniederliegst und auf Pflege und Betreuung angewiesen bist – auch wenn ein solches Drama natürlich nicht auszuschließen ist.</p>
<p>Wir haben schon gesehen, wie uns das System der Personalpronomina ich, du, er/sie/es, wir, ihr, sie und der Demonstrativa dieser und jener sowie hier und dort ein Netzwerk von Relationen der Nähe und Ferne aufspannt und an die Hand gibt, das wir nun mit den Koordinaten der sozialen Beziehungen verschmelzen und vereinheitlichen können.</p>
<p>Ich stehe hier und du stehst dort, während er da drüben sitzt. Wir bleiben hier, ihr geht dorthin, während sie da hinten auf uns warten. Wenn ich und du, wir und ihr in Institutionen wie die Ehe, ein Unternehmen, eine Behörde, einen Club eingebunden sind und diese repräsentieren, geben uns die jeweiligen Entfernungspositionen auf der vertikalen und horizontalen Achse der sozialen Beziehungen einen Maßstab für die Über- und Unterordnung und die inkludierende Nähe oder exkludierende Ferne der Institutionen an die Hand, in denen wir Mitglieder sind.</p>
<p>Sofern und solange du atmest, bist du Teil der Menge oder Ganzheit der atmenden Lebewesen. Diese Ganzheit umfasst alle Lebewesen, die über Lungen oder Kiemen ihren Sauerstoffgehalt im Blut regulieren. Weil du atmest, bist du Teilnehmer oder Teilhaber dieser Menge. Die Menge derjenigen, die mittels der eingeatmeten Luft für die Verständigung geeignete und bedeutsame Laute artikulieren können, sind eine kleine Untermenge der ersten Menge. Als Teilnehmer oder Teilhaber der Menge der Sprecher einer syntaktisch strukturierten und semantisch unterfütterten Sprache bilden sie das Ganze der Menschheit. Die Menge derjenigen, die durch direkte Abstammung ein natürliches Verwandtschaftsverhältnis zueinander haben, ist eine Schnittmenge aller Mengen von Arten, die eben diese Eigenschaft aufweisen. Die genannten Mengen oder Ganzheiten sind natürliche Arten, die Teilnahme und Teilhabe an ihnen wird nicht durch Konventionen wie die formalisierte oder informelle Aufnahme eines Individuums in eine Menge oder Ganzheit dieser Art geregelt.</p>
<p>Anders bei Institutionen. Sie sind Mengen und Ganzheiten, an denen teilzunehmen und teilzuhaben es der Erfüllung konventionell festgelegter Bedingungen der Aufnahme oder der Inklusion und des Ausschlusses oder der Exklusion bedarf. Wenn du unsere Sprache nicht verstehst und nicht sprichst, kannst du ins Innere und in die Arcana unserer Kult- oder religiösen oder kulturellen Gemeinschaft nicht vordringen. Wenn dir die Bedeutung und die Funktion der Symbole, Siegel, Wappen, Riten und Zeremonien, derer wir uns bei unseren Abmachungen, Mitteilungen und Zusammenkünften bedienen, um die Identität unserer Gruppe zu bekräftigen, fremd sind, kannst du unser Mitglied nicht sein. Wenn du die Lieder, Legenden, Mythen oder Märchen, an denen wir uns bei unseren Zusammenkünften ergötzen und die unser Gemeinschaftsgefühl heben, nicht von Kindesbeinen an erlernt oder später eifrig eingeübt hast, wirst du die Gefühle, Einstellungen und Vorstellungen, die wir teilen und die wir uns beständig neu erwecken und mitteilen, nicht verstehen und beherzigen können.</p>
<p>Wenn du dich indes aufrichtig und lebhaft zu unserer Gemeinschaft und ihren Werten hingezogen fühlst und mit Hilfe eines Freundes fleißig unsere Sprache erlernt und unsere Zeichen, Geschichten und Zeremonien dir eifrig eingeprägt hast, wenn du endlich bei den Befragungen und Aufnahmeprüfungen, deren wir dich unterziehen, um die Echtheit und Breite deiner neuen Kenntnisse auszuloten, mit Bravour bestanden und hinreichend unter Beweis gestellt hast, dass du ein würdiger Adept unserer Gemeinschaft geworden bist, sind wir geneigt, dich als Mitglied in unserer Mitte aufzunehmen.</p>
<p>Solltest du indes dich auf heimtückische und arglistige Weise in unsere Mitte eingeschlichen haben, um unsere Interna, unsere Arcana oder Geschäftsgeheimnisse auszukundschaften und verstohlen nach außen zu tragen und sie Unbefugten und Uneingeweihten oder unseren Feinden auszuplaudern oder solchen Elementen Stoff und Anregungen für despektierliche, verleumderische oder blasphemische Entstellungen unsere Ansichten und Symbole zu liefern, oder wenn du dich in der tückischen Absicht uns genähert hast, eines unserer Mitglieder durch üble Insinuationen und Verleumdungen unserer Gruppe abspenstig zu machen und unserer Mitte zu entfremden, wenn wir dich eines oder einiger von diesen Vergehen oder aller zusammen mittels gerichtlicher Verfahren der Überprüfung und Beurteilung überführen konnten, sind wir rechtens gewillt und gehalten, dich aus unserer Mitte auszuschließen und für immer zu entfernen sowie die weltlichen Gerichte für eine weitere Strafermittlung anzurufen, soweit eine solche in Frage kommt.</p>
<p>Die Institutionen überlagern und umfassen einander in hierarchischer Folge oder in überlappender Weise: Du bist ein Angehöriger der deutschen Nation und damit Einwohner eines Bundeslandes und eines Ortes in Deutschland. Wenn du als Gläubiger der römisch-katholischen Kirche angehörst und verheiratet bist, bist du getauft, gefirmt und mit dem Ehesakrament betraut. Wenn du als katholischer Militärpfarrer deinem seelsorgerischen und pastoralen Auftrag nachgehst, bist du deinen Kameraden, deiner Heeresabteilung und der obersten Militärbehörde auf der Hardthöhe verpflichtet. Zugleich musst du die hierarchische Abstufung auf säkularer Ebene mit der hierarchischen Abstufung auf kirchlicher Ebene, bei der du deinem Militärbischof und deinem Orts-Bischof verpflichtet bist, zum Ausgleich bringen. Sollte es zu einem Konflikt zwischen den hierarchischen Linien kommen, weil du ein Vergehen begangen hast, das das Militärgericht zwar als moralisch bedenklich, strafrechtlich aber als geringfügig einschätzte, als dass es beruflich nachteilige Folgen für dich nach sich zöge, die letzte von dir angerufene Instanz in Rom allerdings die Sache anders einschätzte und dir eine Strafe zumäße, die mit der Versetzung von deiner bisherigen Position oder gar dem Ausschluss aus dem Priesterkollegium einherginge, gälte für dich: Roma locuta causa finita.</p>
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		<title>Philosophieren XXVIII</title>
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		<pubDate>Tue, 13 Aug 2013 16:36:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[kulturelle Werte]]></category>
		<category><![CDATA[natürliche Werte]]></category>
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		<description><![CDATA[<p>Wertvoll scheinen dir die Stoffe und Dinge, die dein Leben erhalten. Wenn du nach Wasser lechzt, bedarfst du keines Champagners der Luxusklasse. Wenn du aber die Freunde aus eurem Musikclub zum monatlichen musikalischen Stammtisch einlädst, geht es mehr als um die Befriedigung von natürlichen Bedürfnissen wie Hunger und Durst: Du hast über den Tisch eine [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xxviii/">Philosophieren XXVIII</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wertvoll scheinen dir die Stoffe und Dinge, die dein Leben erhalten. Wenn du nach Wasser lechzt, bedarfst du keines Champagners der Luxusklasse. Wenn du aber die Freunde aus eurem Musikclub zum monatlichen musikalischen Stammtisch einlädst, geht es mehr als um die Befriedigung von natürlichen Bedürfnissen wie Hunger und Durst: Du hast über den Tisch eine bestickte Tischdecke geworfen und darauf einen hübschen Strauß Blumen in einer gläsernen Vase gestellt. Ihr labt euren Gaumen an einem edlen Tropfen, während ihr euch ausgewählte Stücke eurer Lieblingskomponisten auf der digitalen Audioanlage zu Gemüte führt. Ihr hört Stücke von Bach, Mozart und Beethoven nicht zur Zerstreuung, und während ihr hört, ist allen dareinzureden untersagt. Ja, einige von euch sind fachlich so ausgebildet, dass sie die Partituren einsehen, während die Musik erklingt. Ihr fachsimpelt auch über Rang und Qualität der unterschiedlichen Interpretationen ein- und desselben Stücks durch verschiedene Solisten, Orchester und Dirigenten.</p>
<p>Du würdest sagen, dass dir eure regelmäßigen Zusammenkünfte wertvoll erscheinen und du manches zu tun bereit wärest, diese schöne Tradition und diese schöne Institution zu erhalten. Neben natürlichen Werten stoßen wir demzufolge auf kulturelle Werte, die sich in Gepflogenheiten und Institutionen verkörpern und deren Pflege und Weitergabe von Woche zu Woche, Monat zu Monat, Jahr zu Jahr und von Generation zu Generation durch auf diese Pflege und Weitergabe verpflichtete Mitglieder einer Gruppe oder Gemeinschaft wir Tradition nennen.</p>
<p>Werte erhalten ihre Bedeutsamkeit und Relevanz, weil sie in der Form von Gütern, Dienstleistungen und Institutionen wie Nahrung, Geld, Unternehmen oder Kulten den biologisch erzeugten oder kulturell hervorgebrachten Bedarf von Individuen und Gruppen befriedigen. Dabei spielt es keine Rolle, ob die in Gütern, Diensten und Institutionen verkörperten Werte mehr oder weniger große fiktive Momente und Anteile wie Mythen, Legenden, Erzählungen, Bilder, Klänge, Tänze oder Zeremonien mit sich führen.</p>
<p>Elementarwerte oder natürliche Werte sind Stoffe und Gebrauchsgüter, welche die physischen Bedürfnisse von Menschen befriedigen wie Esswaren, Heizungs- und Brennstoffe, Kleiderstoffe und daraus gefertigte Kleidungsstücke, Baustoffe und damit errichtete Wohnhäuser, Speicher oder Ställe, Abwehrmittel wie Feuer gegen wilde Tiere, Wasser zum Löschen von Bränden, Waffen zur Abwehr von Feinden und Medikamente zur Abwehr von Bakterien und Viren.</p>
<p>Gebrauchsstoffe und Gebrauchsgüter, welche die natürlichen Bedürfnisse befriedigen, genießen eine hervorragende Wertschätzung, weil sie für die Lebenserhaltung unentbehrlich sind und ihre Auffindung, ihre Herstellung und ihr Konsum die Voraussetzung für die Herstellung und den Konsum der kulturellen Güter darstellen. Gegenstände und Einrichtungen, die nicht denselben Grad der Dringlichkeit bei der Lebensfristung aufweisen wie die natürlichen Werte, aber dennoch hochgeschätzt werden können, sind Luxusgüter und Einrichtungen des gehobenen Lebensstils wie Dekorationen, Gemälde, Wandbehänge, Plastiken, Zierpflanzen, Ornamente oder Vasen mit Blumen, die das Haus oder die Wohnung schmücken.</p>
<p>Der Unterschied zwischen Gütern und Einrichtungen mit keinem oder geringerem Anteil an Fiktion und Gütern und Einrichtungen mit höherem Anteil markiert keinen Unterschied in der Dringlichkeit bei der Bedarfsdeckung: Kulte, Gebete, Musik können denselben Grad an Nutzen und Wert erlangen wie Wasser und Brot. Nur mittels der Pflege und Weitergabe der Tradition eures Musikclubs, der wiederum die ungeheuer reiche und vielfältige Tradition der deutschen klassischen Musik zur Voraussetzung hat, existiert eure schöne Institution. Sie zu missen und auf den Austausch mit deinen Freunden in heiterer geselliger Runde verzichten zu müssen, würde dich hart angehen.</p>
<p>Um dich in den Besitz von materiellen Werten zu bringen, die deiner Lebenserhaltung diesen, oder dich mit kulturellen Werten umgeben zu können, die zur Hebung deines Lebensstils und der Verfeinerung deines Komforts beitragen wie eine digitale Audioanlage, musst du Leistungen erbringen, die dir in der Form von Optionen auf den Kauf von Waren wie in Form von Geld entgolten werden.</p>
<p>Du gelangst in den Genuss kultureller Güter und kannst dich der Pflege und Weitergabe kultureller Einrichtungen widmen, wenn du als Kind durch Geburt und Verfügung deiner Eltern oder als Erwachsener Mitglied einer kulturellen Gemeinschaft geworden bist. Für diese Form des Gebrauchs und der Pflege kultureller Werte musst du meist eher geringfügige Kosten in Form von Beiträgen und Steuern zahlen. Wesentlicher für den Erhalt und die Weitergabe der kulturellen Werte ist deine Verpflichtung auf die Erfüllung und Einhaltung der dir von der Gemeinschaft auferlegten formalen und informellen Regeln, Vorschriften, Gebote und Verbote, die in Listen, Mitgliederbestimmungen, Registern oder Beichtspiegeln aufgezeichnet werden.</p>
<p>Wenn du die monatliche Tagung eures Musikclubs wieder und wieder verschwitzt oder dich trotz wiederholter Aufforderung schon wieder nicht oder nur ungenügend durch Lektüre der Partitur darauf vorbereitet hast, wenn du gegen Mitglieder des Clubs lästerst und Verleumdungen in die Welt setzt, die jeder Grundlage entbehren, läufst du Gefahr, mit Sanktionen der Clubmitglieder gegen deine Person bis hin zur schärfsten Sanktion, dem Ausschluss, rechnen zu müssen.</p>
<p>Außerdem solltest du beherzigen, dass viele Mitgliedschaften in kulturellen Gruppen und Gemeinschaften in der Regel exkludierenden Charakter haben: Sicher kannst du zugleich Mitglied in eurem Musikclub und darüber hinaus Mitglied im Handballverein sein. Doch kannst du nicht gleichzeitig Mitglied der römisch-katholischen und der evangelisch-lutherischen Kirche sein. Ebenso wenig kannst du zugleich Mitglied der römisch-katholischen Kirche und der Synagogengemeinde deines Stadtteils sein. Noch weniger darfst du zugleich Mitglied der römisch-katholischen Kirche und der kriminellen Gang deines Stadtviertels sein. Solltest du die elementaren Werte, die dir von deiner Gemeinschaft mitgegeben und mitgeteilt wurden, nicht mehr mittragen und mitteilen, solltest du gröblich gegen die Sitten und Bräuche deiner Gruppe verstoßen, musst du darauf gefasst sein, mittels formaler oder informeller Verfahren rechtens aus der Gemeinschaft und der Gruppe ausgeschlossen zu werden. So geschieht es auf religiösem Gebiet den Abtrünnigen und Häretikern.</p>
<p>Der Gebrauch bestimmter kultureller Güter und die Nutzung bestimmter kultureller Einrichtungen definieren, wer und was du bist: Ist für dich der wertvollste Kult die Heilige Eucharistie, bist du Katholik, ist es die Vorlesung aus der Thora, bist du Jude. Die kulturellen Werte, die du mit allen Mitgliedern deiner Gemeinschaft zu teilen aufgegeben ist, wurden dir mittels Unterricht, Nachahmung oder Katechese, meist von Kindesbeinen an von den Eltern und Verwandten, mitgegeben und mitgeteilt.</p>
<p>Dein vernunftbezogenes Leben besteht darin, deine alltäglichen Absichten im Lichte von natürlichen und kulturellen Werten zu betrachten, ihren aktuellen Nutzen und ihre weitergehende Bedeutsamkeit abzuwägen und vernünftig zu gewichten, um zu Entscheidungen für dein Tun und Lassen zu kommen, die dir ein Licht aufstecken, dich im Gleichgewicht halten und deinen Lebensweg einigermaßen gut ausrichten und orientieren können. Wenn du als Katholik den Wert des Sakraments der Ehe oder als gläubiger Jude den Wert der monogamen Ehe hochschätzt, solltest du den natürlichen Wünsch nach billiger Zerstreuung und flüchtiger sexueller Befriedigung, die dir ein loses Abenteuer gewähren könnte, gegen den höheren Wert deines seelischen Gleichgewichts oder „Seelenheils“ abwägen und dich für die keusche Variante entscheiden. Wenn dir eine auf geteiltem Fühlen und geteilten Werten beständig aufruhende und harmonisch wachsende Gemeinschaft mit deiner Freundin oder Frau wertvoller ist als folgen- und belanglose Zerstreuung bei flüchtigen Genüssen in knapper Freizeit, solltest du dich von dieser Frau, der eher an Letzterem gelegen ist als an Ersterem, fernhalten.</p>
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		<title>Philosophieren XXVII</title>
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		<pubDate>Mon, 12 Aug 2013 14:23:42 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Absicht]]></category>
		<category><![CDATA[freier Wille]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Vernunft]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Was du tun willst, musst du tun können. Was zu tun du nicht in der Lage bist, kannst du vielleicht zu tun wünschen oder phantasieren, dass du es tätest, aber du kannst nicht wollen, es zu tun. Du kannst lernen zu tun, was zu tun du wünschest, wenn es lernbar ist. Was du nicht lernen [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xxvii/">Philosophieren XXVII</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Was du tun willst, musst du tun können. Was zu tun du nicht in der Lage bist, kannst du vielleicht zu tun wünschen oder phantasieren, dass du es tätest, aber du kannst nicht wollen, es zu tun. Du kannst lernen zu tun, was zu tun du wünschest, wenn es lernbar ist. Was du nicht lernen kannst, ist dir von der Natur zu tun verwehrt. Einen konstitutionellen Mangel kannst du in etlichen Fällen durch medizinische Eingriffe oder Medikamente kompensieren, in vielen Fällen musst du dich mit dem Mangel und Manko abfinden und damit leben. Wenn du tun willst, was du weder erlernen noch durch kompensatorische Maßnahmen erlangen kannst, bist du unvernünftig und zu tadeln. Wenn aber dein Wollen eine verkehrte Richtung einnehmen kann, wenn dein Wollen insofern getadelt werden kann, musst du auch in der Lage sein, den Kurs deines Wollens zu korrigieren und dann das Richtige zu wollen lernen. Denn ich kann dich nicht für ein Tun und Wollen tadeln, das du nicht unterlassen kannst. Wenn du das Richtige tun willst und auch erlangst, ist dein Wollen und Tun nicht zu tadeln, sondern zu loben. Ein Tun und Wollen, das Lob und Tadel verdienen kann, ein Tun und Wollen, dessen Ausrichtung und Ausführung korrigierbar sind, nennen wir in gewisser Weise frei.</p>
<p>Als die Wespe dir empfindlich nah ans Auge flog, hast du reflexartig die Hand erhoben und heftig um dich geschlagen. Dabei hast du versehentlich und wider Willen die Vase auf dem Tisch heruntergestoßen, sodass sie zu Boden fiel und das Glas zersprang. Was du reflexartig, versehentlich und ohne Absicht tust, tust du wider Willen und bist dafür weder zu loben noch zu tadeln. Wenn du indes während einer heftigen Auseinandersetzung mit deiner Freundin, bei der die Fetzen fliegen, wütend die Vase mit einer vehementen Bewegung des Arms vom Tisch stößt und sie am Boden in tausend Scherben zerspringt, lag deinem Handeln eine Absicht zugrunde und du hast nicht widerwillig, sondern sogar böswillig gehandelt. Wenn du willentlich und in voller Absicht einen Fehlgriff tust, bist du dafür zu tadeln. Wenn wir dich wegen eines Fehlers tadeln, setzen wir voraus, dass du auch anders, nämlich richtig, hättest handeln können. So machen wir wieder die Voraussetzung, dass dein Wollen und Tun unter gewissen Bedingungen deiner bewussten Kontrolle unterliegen.</p>
<p>Er beobachtete, wie die Wespe um ihn kreiste und ihm jetzt empfindlich nahe ans Auge flog. Da schlug er scheinbar reflexartig um sich und erwischte scheinbar absichtslos und wider Willen die Vase auf dem Tisch seiner Gäste, sodass sie zu Boden fiel und das Glas zersprang. Unser kleiner Unhold hat simuliert und vorgetäuscht, dass seine Armbewegung reflexhaft und wider Willen erfolgte, sodass er wegen des erfolgten Schadens nicht zu tadeln wäre. In Wahrheit hat er die böse Absicht gehegt, seinen Gästen zu schaden, und diese Absicht geschickt hinter dem Vorhang einer absichtslosen Reflexbewegung kaschiert. Dafür ist er natürlich zu tadeln, denn seine böse Absicht unterlag unter diesen Bedingungen seiner Kontrolle und seinem Willen.</p>
<p>Du bist mal wieder aus rein gesellschaftlicher Verpflichtung bei diesen unmöglichen Leuten zu Gast, denen du schon lange einmal eins auswischen und ihre gehässigen Anspielungen und ihr arrogantes Betragen heimzahlen willst. Du betrachtest die Kristallvase auf dem Tisch, an dem sich die Runde eingefunden hat. Du weißt, die Gastgeberin schätzt das edle Teil ganz besonders, weil es ein Geschenk ihres Mannes zum Hochzeitstag ist. Dich überkommt die Phantasie, wie du die Vase packst und zu Boden schleuderst, aber du bist natürlich viel zu gut erzogen, so etwas in die Tat umzusetzen. Da schwebt angelockt vom Kuchen diese lästige Wespe heran und schwirrt dir plötzlich gefährlich nahe ans Auge. Während du noch mit heißem Wollen und Wünschen an die Absicht denkst, die Vase zu packen und auf den Boden zu schleudern, machst du eine reflexhafte Bewegung mit dem Arm, triffst die Vase und das kostbare Stück fällt wirklich zu Boden und das Glas zerspringt. Du hast in der Tat die Absicht zu einem Tun gehegt, das du auch ausgeführt hast. Doch werden wir dich nicht tadeln, denn die Verknüpfung deiner Absicht mit dem Ereignis, dass die Vase zu Bruch ging, war keine kausale Verknüpfung, sondern eine zufällige Verknüpfung, die das Ereignis nicht wirklich verursachte. Obwohl du die bösartige Absicht hegtest, die durch deine Armbewegung zur Realität wurde, wollen und können wir dich nicht tadeln, denn nicht deine bösartige Absicht stand am Nullpunkt der Kausalkette, an deren Endpunkt die zerbrochene Vase auf dem Boden lag, sondern die Reflexbewegung deines Arms.</p>
<p>Der Schüler steht an der Tafel und kann die Gleichung mit zwei unbekannten Variablen nicht lösen. Er stiert auf die Formel und zerbricht sich den Kopf. Vergebens. Wir wollen dem Schüler nicht unterstellen, dass er mutwillig oder böswillig handelt und die Lösung aus Trotz oder rebellischem Widerspruchsgeist nicht aufschreiben will. Der Schüler möchte die Lösung aufschreiben, er hegt gewiss die Absicht, sie endlich an die Tafel zu zaubern, er kann es aber nicht. Obwohl er wider Willen und ohne die Absicht, sie nicht an die Tafel zu schreiben, handelt, wird er dennoch dafür getadelt und erhält am Ende eine schlechte Note. Was wird aber in diesem Falle getadelt und ist zurecht tadelnswert?</p>
<p>Tadelnswert ist der fehlende oder geringe Wille des Schülers, sich zu Hause auf den Hosenboden zu setzen, den Stoff über die Lösungen von Gleichungen mit zwei unbekannten Variablen zu repetieren und sich auf diese Weise ordentlich für die Mathematikstunde zu präparieren. Die Absicht, sich auf den Unterricht vorzubereiten, unterlag der willentlichen Kontrolle des Schülers und war unter solchen Bedingungen frei, sie auszuführen verdiente Lob, sie erst gar nicht zu hegen Tadel. Ich kann dich nicht für etwas tadeln, das du jetzt zu tun nicht in der Lage bist. Ich kann dich aber dafür tadeln, dass du jetzt die Gleichung nicht lösen kannst, weil du verabsäumt hast, deine Schulaufgaben zu machen.</p>
<p>Wir unterscheiden Wollen, Beabsichtigen und Handeln oder Wille, Absicht und Tat, wobei die Tat die Verwirklichung der Absicht ist, der Wille aber die Instanz, die die Absicht gewichtet und gleichsam nach genehmigter Einlass- beziehungsweise Auslasskontrolle mit dem Anteil an Kraft und Energie ausstattet, der zur Umsetzung in die Tat nötig ist. Wenn du Hunger verspürst und die Absicht hegst, etwas zu essen, achtest du darauf, ob die Ausführung deiner Absicht hier und jetzt angemessen und vernünftig ist: Du hast zwar ein Pausenbrot, in Papier eingewickelt, in deiner Box in der Aktentasche bereitliegen, aber du hütest dich, es hier und jetzt während der Geschäftsbesprechung, der Präsentation beim Kunden, der Disputation oder der Gerichtsverhandlung auszupacken und beherzt hineinzubeißen. Das würde einen denkbar schlechten Eindruck hinterlassen und dir den Abschluss des Kaufvertrags, den Beifall des Kunden, den Zuspruch der Prüfungskommission und deine Rolle als glaubwürdiger Zeuge vor Gericht verderben und untergraben. So siehst du die Lage, bleibst vernünftig und verschiebst die Verwirklichung deiner Absicht, etwas zu essen, auf später.</p>
<p>Was wir leichthin Wille nennen ist der volitive Anteil an der Vernunft, deren rationaler Anteil der Verstand oder das Denkvermögen darstellt. Beide Anteile kommen im günstigsten Falle bei der Gewichtung und Beurteilung sowie der Ausführung der Absicht ins Spiel: Du beurteilst die Angemessenheit der Absicht und ihrer Verwirklichung hier und jetzt und du bekräftigst deinen positiven Entscheid zur Ausführung der Absicht mit der Aktualisierung der Energie, die für eben diese Ausführung nötig ist. Aber du bekräftigst auch deinen negativen Entscheid, insofern ein Energieaufwand nötig ist, um die Ausführung der Absicht zu hemmen, aufzuschieben oder zu unterdrücken, wie dies in unserem Beispiel mit dem Pausenbrot der Fall war.</p>
<p>Wir sagen: Es wäre unvernünftig von dir, deinem natürlichen Hungerimpuls durch die Verwirklichung der Absicht, etwas zu essen, hier und jetzt nachzugeben, weil du dir mit dieser Tat Nachteile einhandeln und dir selbst schaden würdest. Dein Verstand ist klar und wach und hat die Lage überschaut und wieder einmal mittels Anwendung des konditionalen Satzgefüges mit dem irrealen Konjunktiv auf die Wenn-Dann-Folge hin abgetastet: Wenn ich hier und jetzt meinem Hungerimpuls nachgäbe, würde ich mir Nachteile einhandeln und mir selbst schaden. Also, schlussfolgerst du im Indikativ des Präsens, gebe ich meinem Impuls nicht nach und packe das Pausenbrot erst nach Beendigung der Besprechung, der Präsentation, der Disputation oder der Gerichtssitzung aus.</p>
<p>Mit der Verwendung des konditionalen Satzgefüges im Irrealis machen wir die Vernunftprobe auf das Bedingungs- und Folgegefüge der Verwirklichung unserer Absichten. Sollte die Probe ergeben, dass die erwogenen Folgen unseres Handelns mit den übergeordneten Gründen, Zwecken und Werten unserer Lebensordnung und der Lebensordnung der Gemeinschaft, in der wir leben, harmonieren und kongruieren, nennen wir unsere Absichten angemessen und richtig und ihre Verwirklichung klug und vernünftig. Unklug und unvernünftig sind Absichten und Taten, die dazu beitragen, unser Leben und unsere Lebensgemeinschaft zu schädigen oder zu zerstören.</p>
<p>Sollte einer nicht in der Lage sein, seine Absichten zu handeln im Lichte der geteilten Werte seiner Gemeinschaft und der biologisch basierten Zwecke zur Erhaltung der Unversehrtheit, Gesundheit und Integrität der eigenen Person mittels vernünftiger Überlegungen zu beleuchten, zu gewichten und zu beurteilen, mit vernünftigen Gründen zu akzeptieren oder abzulehnen, ist sein Vernunft- und Urteilsvermögen eingeschränkt und wir nennen ihn mental behindert, wenn es sich dabei um einen überschaubaren Kreis von Absichten handelt, also die Einschränkung der Absicht, sich gesund zu ernähren, aufgrund von Magersucht oder Fresssucht, die Einschränkung der Absicht, sich mittels Anwendung bekömmlicher Genussmittel Wohlgefühle zu erwecken, aufgrund von Drogensucht. Sollte einer nicht in der Lage sein, irgendeine seiner Absichten zu handeln im Lichte vernünftiger Gründe zu gewichten, die zulässigen und zuträglichen zu akzeptieren und die unzulässigen und schädlichen zu verwerfen, nennen wir ihn geisteskrank und tun gut daran, ihn im eigenen Interesse zu entmündigen und die vernunftbezogenen sozialen Beziehungen wie Geld- und Bankgeschäfte, Einkäufe oder Eigentums- und Mietangelegenheiten einem Vormund zu übertragen.</p>
<p>Leute, die bestreiten, dass wir über ein willensbezogenes Vernunftvermögen verfügen, halten dich demgemäß für einen von neurochemischen Prozessen gesteuerten Automaten, der nicht wirklich weiß, was er tut, und der eigentlich entmündigt und einem Vormund unterstellt werden sollte. Aber nach dieser Annahme kann es ja keinen Vormund geben, denn wenigstens diesem müssten wir ja unterstellen, er verfüge über einen gesunden Menschenverstand. Dass diese Leute indes, sollte ihre Annahme stimmen, auch nicht wissen könnten, was sie tun, wenn sie die Wahrheit ihrer Annahme behaupten, sie nicht darüber befinden könnten, ob die Annahme wahr oder falsch ist, zeigt, dass sie schlicht nichts behaupten, wenn sie einen Unsinn dieses kolossalen Ausmaßes in die Welt setzen.</p>
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		<title>Philosophieren XXVI</title>
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		<pubDate>Sun, 11 Aug 2013 15:22:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Karstadt]]></category>
		<category><![CDATA[Klassifikation]]></category>
		<category><![CDATA[Ordnung der Dinge]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Preisbildung]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Wir besteigen nicht das Hochgebirge der Philosophie, da uns die dünne Luft da oben nicht bekommt und wir den Sonderlingseinfällen und Delirien des einsamen Höhenwanderes misstrauen. Schlendern wir also wie immer gemütlich, aber wachen Sinnes über die weite Ebene des Tuns und der Tätigkeit, die wir gar nicht unbescheiden Philosophieren nennen. Du musst also nicht [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xxvi/">Philosophieren XXVI</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wir besteigen nicht das Hochgebirge der Philosophie, da uns die dünne Luft da oben nicht bekommt und wir den Sonderlingseinfällen und Delirien des einsamen Höhenwanderes misstrauen. Schlendern wir also wie immer gemütlich, aber wachen Sinnes über die weite Ebene des Tuns und der Tätigkeit, die wir gar nicht unbescheiden Philosophieren nennen. Du musst also nicht am Schreibtisch hocken und verzagt auf die weiße Fläche der Word-Datei starren. Machen wir wie immer unsere kleinen Exkursionen und halten die Augen auf, was auf der Straße, im Kaufhaus, bei der Arbeit im Büro alles so passiert, spitzen wir die Ohren, wenn merkwürdige oder kauzige, durchschnittliche oder distinguierte Zeitgenossen am Nachbartisch des Cafés plaudern und diskurrieren. Du hast ja stets dein kleines schwarzes Schreibheft dabei und kannst die frischen Impressionen rasch, bedenkenlos, hemmungslos zu Papier bringen. Zu Hause streichst du den rohen Klumpen aus Sense Data und Gedankenfetzen glatt, schneidest ihn in feine dünne Scheiben und hältst das Mikroskop der grammatischen Analyse darüber. So machst du es gut, wenn du die feineren Distinktionen und begrifflichen Tüpfelchen beim Übertrag auf den PC nachholst.</p>
<p>So hast du schon manches erfahren und erschlossen: dass wir herauskriegen, wer und was wir sind und wie es hierzulande und hienieden zugeht, wenn wir fragen, wer was wem wie sagt oder wer was wem (mit wem, gegen wen) wie wo und wann tut. Wir waren so frei, den Redesinn als höherstufigen Sinn in die Reihe der Sinne aufzunehmen, und haben gesehen, dass allererst die adverbiellen Bestimmungen der Elementarausdrücke für unser sinnfälliges Tun und Lassen wie sehen und hören, stehen und gehen, reden und schweigen uns die Welt, in der wir tatsächlich leben, zugänglich und verständlich machen.</p>
<p>Du blickst etwas skeptisch und gibst zu bedenken, dass wir uns doch all den Vordenkern und all dem Vorgedachten gegenüber dankbar zu erweisen haben und erst dankbar erwiesen, wenn wir uns sagen wir mal Platons Schrift über den Staat, die Politeia, vorknöpften und zu Gemüte führten – immerhin ist auch zu dir das Gerücht gedrungen, alles, was post festum zu akademischen Würden aufgestiegen ist, könne als Fußnote zu jenem Meisterwerk angesehen werden. Warum also nicht unsererseits noch ein kleines, bescheidenes Fußnötchen hinzufügen und dann zufrieden in Urlaub fahren oder die Rente beantragen?</p>
<p>Platons Werk gehört eigentlich zum Genre der „Philosophical Fiction“, ist es doch die dialogisch zerklüftete Planskizze einer übersichtlichen Organisation des urbanen Lebens und einer rigiden Ordnung der generierbaren und konsumablen Dinge, wobei zu letzteren neben Sklaven auch Frauen und Kinder gehören. In diesem wenig idyllischen Städtchen passen platonisch dressierte Gedankenpolizisten auf, dass der Bauer nur isst, was er kennt, der halsstarrige und stolze Adel sich unter den Rohrstock des Schulmeisters duckt, Künstler ihre Werke mit dem Gelbstich puren Moralins verdüstern und versäuern und ihre Medien mit schwarzen Propagandafetzen stopfen, während in die verquatschte und entscheidungslos bleibende Ratssitzung der Philosoph nach Einnahme einer Droge namens Theorie mit dem Hammer dreinschlägt und verkündet, was Sache ist – kurz ein utopischer Ort, wo alles blitzblank, ordentlich und hochgeschlossen zugeht und wir nicht leben möchten.</p>
<p>Wir aber, meine Liebe, verschmähen die Fiktion und halten uns lieber an das, was es gibt – und davon gibt es ja bekanntlich reichlich. Ich schlage also vor, anstatt dich in die fiktive WAHRstadt Platons zu flüchten mit mir ein wenig durch die wirklichen Straßen dieser wirklichen Stadt zu flanieren und uns beim Warenhaus KARstadt einzufinden, um die Ordnung der Dinge, die Ordnung unserer Dinge, unsere Ordnung der Dinge, hierzulande und hienieden, kennenzulernen und zu ergründen.</p>
<p>Verwenden wir wieder einmal die uns schon geläufige konditionale Fügung mit dem Irrealis des Verbs, um an einem Teilbereich ein Gegenmodell mit umgekehrten Vorzeichen aufzustellen, dessen Negation uns Sinn und Bedeutung dieses Teils der realen Konsum- und Warenstadt ermessen lässt: Wenn alle bei Karstadt feilgebotenen Kleidungsstücke, sowohl die für Männer und Frauen als auch die für Kinder, ungeordnet in einem riesigen chaotische Haufen und Knäuel durcheinandergeworfen und aufgehäuft wären, du aber heute an keinem anderen Gegenstand als einem Damenschlafanzug mit kleinem Blumenmuster Interesse hegtest, könntest du auch nach tagelangem Suchen das Gewünschte in dem ungeheuren Durcheinander nicht finden. Damit dein Wunsch baldmöglichst in Erfüllung geht, sind alle im Kaufhaus angebotenen Kleidungsstücke geordnet und sortiert, nach den Zugehörigkeiten zu Geschlechtern (Mann, Frau) und Altersstufen (Kinder, Young Fashion), nach Themenbereichen wie Tag- und Nachtwäsche, Bademode, Freizeit oder Sport und last but not least nach Marken, Größen und Farben passend zusammengestellt.</p>
<p>Wenn du das Kaufhaus Karstadt auf der Zeil in Frankfurt (oder einer anderen deutschen Stadt) betrittst, vermittelt dir ein großer Etagenplan im Eingangsbereich oder jeweils an der Rolltreppe die Übersicht über alle auf sieben Etagen verteilten Waren- und Serviceangebote. Der Etagenplan von Karstadt gibt uns unmittelbar Einblick in die wesentlichen Belange und Lebens-, Handlungs- und Funktionsräume, um die und in denen sich hierzulande und hienieden alles dreht.</p>
<p>Die vorwaltenden Ordnungsschemata, denen gemäß wir die Dinge aufreihen und sortieren, einordnen und klassifizieren, sind keineswegs willkürlich gewählt, sind keineswegs ins Belieben einer ohne Bodenkontakt vagierenden Imagination gestellt und ebenso wenig von kulturspezisch-lokalen Vorlieben determiniert: Die Einteilung nach den Geschlechtern Mann und Frau beziehungsweise Altersstufen wie Erwachsenen und Kindern sind allen Unkenrufen zum Trotz hienieden allenthalben der biologisch gezeugte und erzeugte Normal- und Regelfall, und da der Planet Erde sich während seiner Jahresreise um die Sonne im 24-Stunden-Tag-und-Nacht-Rhythmus um die eigene Achse dreht, bedürfen wir der Kleidung für den Tag wie der Kleidung für die Nacht, in der wir uns in der wohlig-weichen und bunt gemusterten, frisch duftenden Bettwäsche räkeln und schlafen, die wir jüngst in der dritten Etage erstanden haben.</p>
<p>Unseren Wach- und Schlafrhythmus, dem wir als natürliche Wesen zwangsläufig unterliegen, passen wir tunlichst dem Tag- und Nachtrhythmus da draußen an. Denn am Tage gehen wir hoffentlich seriösen Beschäftigungen nach und erbringen im Büro, an der Werkbank, hinter dem Katheder Leistungen, deren Nutzen mit dem entsprechenden Entgelt quittiert wird. Am Abend und im Urlaub, den wir zwecks Regeneration unserer Kräfte nötig haben und mit wohltuendem Nichtstun oder unterhaltsamen Sport- und anderen Spielen oder beim Wandern, Golfen, Skaten oder Bergsteigen verbringen, tragen wir die bunte und funktionale Sport-, Urlaubs- und Freizeitkleidung und benutzen die Fitness- und Sportgeräte, die wir bei Karstadt gefunden und gekauft haben.</p>
<p>Wir sind keine Barbaren und schlingen die uns nötigen Speisen nicht roh hinab. Mit den Tischsitten, die uns Karstadt dank feinster Tischdecken und Servietten, erlesenen Ess-, Kaffee- und Teerservice aus bemaltem, vergoldetem, figürlich gebranntem Porzellan nebst silbernem Besteck für alle Gelegenheiten vom Braten bis zur Torte, von der Geburtstags- bis zur Hochzeitsfeier ermöglicht, steigen wir auf den Gipfel der Zivilisation und genießen bei gefälliger Tafelmusik aus der digitalen Musikanlage unter dem jüngst von dir an der Wand befestigten leuchtenden Deko-Stoff aus der Abteilung Heimtextilien unser Mittagsmahl, plaudernd und leise-vornehm mit den Gabeln und Löffeln klappernd.</p>
<p>So finden wir im Kaufhaus nicht nur uns nützliche oder unterhaltende Dinge, sondern die Stoffe und Utensilien zu unserem sozialen Umgang und geselligen Leben. Wenn du deine Frau zum Hochzeitstag mit einem Geschenk beglücken willst, schau dich in der Schmuckabteilung um. Wenn du deinen Mann zum Geburtstag überraschen willst, nichts wie hin in die Abteilungen Herrenbekleidung, DVDs, Radsport oder Golf. Wenn du deinen Freund mit einem verführerischen Duft bezaubern oder die Blicke des attraktiven neuen Kollegen mittels einer schicken neuen Frisur oder einem erfrischten und gestrafften Teint auf dich ziehen möchtest, wirst du in der Parfümerie, beim Friseur und in der Beauty-Lounge des Kaufhauses ausgezeichnet bedient.</p>
<p>Es erscheint bemerkenswert, dass gewisse Lebens-, Handlungs- und Funktionsbereiche von der Klassifikation und Einteilung der Dinge im großen Warenhaus ausgeklammert werden: Särge und einen Bestattungsservice findest du hier beispielsweise nicht, obwohl das Sterben und der Tod zu den nicht gerade unbedeutenden Themen des Lebens gehören. Der Gepflogenheit gemäß, den Leichnam zu verbrennen oder mit Erde und einem schweren Stein zu bedecken, nicht nur, um das Leben vor Fäulnis und üblen Dünsten zu bewahren, sondern vor allem auch, um dem Verstorbenen die Würde des Hinscheidens und uns den für den Abschied und das Weiterleben nötigen Abstand zu verschaffen, wird der Bestattungsservice diskret von den anderen Lebensdimensionen abgeschirmt. Wir wollen in der Parfümerie nicht an Fäulnisgerüche denken, wenn in der Nachbarabteilung Särge feilgeboten würden. Das Leben, solange wir leben, von unnötig bedrückenden, hemmenden und verdüsternden Gedanken wie den Gedanken an den Tod frei zu halten, sei uns vergönnt. Die Lebensfreude und der Wunsch nach Erheiterung unseres so fragilen und leicht niederzuziehenden Lebens, auch sie sind in der Ordnung der Dinge, wie sie Karstadt offenlegt, einbeschrieben.</p>
<p>Das Entgelt für unsere Leistungen und nutzbringenden Tätigkeiten am Arbeitsplatz ist das Geld, das wir für die Bezahlung des Preises der im Kaufhaus ausgesuchten Waren benötigen und an der Kasse mittels Bargeld oder Scannen der EC- oder Kreditkarte einlösen. Dass du für dein verwöhntes Dasein auch noch zahlen sollst, ist ja allerhand! Doch wir philosophieren ja und bleiben also ruhig. Gewinnen wir wieder einmal mittels Verwendung des konditionalen Satzgefüges im Irrealis ein Gegenmodell zur leider vorhandenen kostspieligen und schweißtreibenden Arbeits- und Warenpreiswelt und schauen, was uns da blüht: Endlich, die Philosophen oder die Kinder (der Unterschied verschwimmt bei solchen Sachlagen und Engagements) haben die Macht errungen und per Erlass die Abschaffung des Geldes und der ärgerlichen Preise von Waren und Dienstleistungen deklariert. Jetzt aber nichts wie hin zu Karstadt! Was geschähe, würden die bei Karstadt gelagerten, hübsch aufgereihten und sortierten Waren plötzlich kostenlos von der Stange und aus dem Regal geholt und nach Hause getragen werden können? Würden die Waren verschenkt, würden die Hersteller und Lieferanten der Waren für ihre Leistungen kein Entgelt erhalten und ihre Angestellten und Arbeiter kein Gehalt und keinen Lohn ausbezahlt bekommen. Würden die Hersteller und Lieferanten kein Entgelt für ihre Leistungen erhalten, würden sie die Produktion der Güter und Dienstleistungen sofort einstellen – denn welchen Anreiz hätten sie noch, in Leistung und Mühewaltung dieser Art zu investieren?</p>
<p>Wenn nichts etwas kostete, dann erhieltest du auch kein Entgelt für deine Arbeitsleistung. Erhieltest du kein Entgelt für deine Arbeitsleistung, gingest du erst gar nicht mehr zur Arbeit, denn welchen Anreiz hättest du, früh dich aus dem warmen Bett zu schälen und den lieben Kollegen acht Stunden mit deinem Pokergesicht Paroli zu bieten? Gingest du und alle anderen nicht mehr zur Arbeit, würden binnen Kurzem die Wirtschaft, der Verkehr, die Versorgung des Landes, kurz das ganze zivile Leben, zusammenbrechen – und aus wärʼs mit dem schönen Warenangebot von Karstadt für dein bequemes Leben.</p>
<p>Die Preise unterliegen in der Regel (wenn nicht per Preisabsprache gemogelt wird) dem Kreislauf von Angebot und Nachfrage: Steigt die Nachfrage, steigt der Preis entsprechend, was auf Hersteller dieser Produkte den Reiz erhöht, in die Produktion gerade dieser lohnenden Güter zu investieren. Dadurch werden mehr Güter und Waren der Sorte auf den Markt geschwemmt und bald übersteigt das Angebot die Nachfrage. Infolgedessen sinkt der Preis in entsprechendem Maße und die Hersteller passen die Menge der produzierten Waren dem tatsächlichen Nachfrageniveau an. Der Preis pendelt sich auf das alte Niveau ein oder liegt leicht darunter.</p>
<p>Die Preisbildung richtet sich in der Regel (wenn auch hier nicht gemogelt wird) nach dem Wert der Ware, die auf den Markt gelangt, das heißt nach der Summe aller Investitionen, die zu ihrer Auffindung oder Entwicklung, ihrer Testung und Erprobung, ihrer Freigabe und Lizensierung, ihrer Herstellung und Lieferung, schließlich ihrer Wartung und Versicherung erforderlich sind. Nur die erfolgreichen und gelungenen Investments können sich am Markt amortisieren. Würde ein Pharmahersteller bei der Entwicklung oder der kontrollierten Testung eines neuen Medikamentes schlampen und sich ein paar millionenschwere Investitionen „sparen“, schlüge sich das in der minderen Qualität des Produkts nieder. Geringere Qualität ist ein Absatzhemmnis, folglich wären die Verordnung und der Abverkauf des Medikamentes geringer als erwartet und kalkuliert, jedenfalls aber geringer als die in die Entwicklung und Herstellung des Produkts investierten Summen: Das Unternehmen schriebe Verluste und wäre gezwungen, das neue Medikament schleunigst vom Markt zu nehmen – falls die „Schlamperei“ nicht längst von einem Mitbewerber mit der Gabe scharfer Beobachtung entdeckt und bei den gerichtlichen Instanzen angezeigt worden wäre.</p>
<p>Hast du bemerkt, dass Karstadt ein Netzwerk und Kreuzungspunkt vieler Kulturen ist? Bei etlichen Branchen wie Mode, Schmuck und Parfums findest du Angebote von Markenherstellern, die in den großen urbanen Zentren und Metropolen der USA, Europas und Japans beheimnatet sind. Das bedeutet, auch wir, die wir uns gerne des reichen Angebots so vieler Länder bedienen, demonstrieren mit dem Konsum dieser Produkte das hohe zivilisatorische Niveau einer weltweit sich behauptenden und vergrößernden, mehr oder weniger gebildeten, mehr oder weniger wohlhabenden Mittelschicht.</p>
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		<title>Philosophieren XXV</title>
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		<pubDate>Fri, 09 Aug 2013 16:15:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[adverbielle Bestimmungen]]></category>
		<category><![CDATA[Feindschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Freundschaft]]></category>
		<category><![CDATA[Hass]]></category>
		<category><![CDATA[Intimität]]></category>
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		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Über- und Unterordnung]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Die grundlegenden Adverbien für die Spezifikation der Ausdrücke, mit denen wir unsere sozialen Beziehungen beschreiben, sind „nah“ und „fern“ beziehungsweise „oben“ und „unten“. Insofern wir mit den Steigerungsformen dieser Adverbien wie „näher“ und „ferner“, „höher“ und „tiefer“ Modulationen und Fluktuationen der sozialen Beziehungen auf der horizontalen Achse der Nähe und Ferne beziehungsweise der vertikalen Achse [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xxv/">Philosophieren XXV</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Die grundlegenden Adverbien für die Spezifikation der Ausdrücke, mit denen wir unsere sozialen Beziehungen beschreiben, sind „nah“ und „fern“ beziehungsweise „oben“ und „unten“. Insofern wir mit den Steigerungsformen dieser Adverbien wie „näher“ und „ferner“, „höher“ und „tiefer“ Modulationen und Fluktuationen der sozialen Beziehungen auf der horizontalen Achse der Nähe und Ferne beziehungsweise der vertikalen Achse der Über- und Unterordnung markieren, erschließen wir uns die kleinen und großen Dramen des menschlich Lebens – und zwar sowohl von Personen im Intimbereich von Liebe und Freundschaft wie von Quasi-Personen wie Unternehmen und Staaten im wirtschaftlichen und historischen Ereignisfeld.</p>
<p>Alles, was deine Person und dein Leben, deine Lebensumstände und dein Schicksal angeht, liegt mir nahe, interessiert und besorgt mich. Ich habe daran lebendigen Anteil. Die Lebensumstände und Schicksale deiner Kollegin liegen mir fern, sie interessieren mich nur insofern, als sie wiederum dein Leben tangieren. Ich erkundige mich nach deinem Ergehen, nicht nach dem Ergehen deiner Kollegin. Als wir uns noch nicht begegnet waren, waren wir uns so fern, dass ich nicht einmal den Gedanken habe hegen können, mich nach deinem Ergehen zu erkundigen. Was mir jetzt so nahe liegt, war mir ehedem so fern und gleichgültig. Das gereicht mir nicht zum Vorwurf, weil das Unmögliche nicht eingeklagt werden kann.</p>
<p>Den höchsten, stärksten, intensivsten Grad der Anteilnahme nennen wir Liebe und sagen etwa: „Du stehst mir in meinem Leben am nächsten.“ Oder: „Was dich freut, freut auch mich, was dich bekümmert, bereitet mir Sorge.“ Wir können konstatieren, dass Liebe die sozialen Beziehungen sowohl zwischen nahe Verwandten und hier vorzüglich zwischen Eltern und Kindern in beiderlei Richtung als auch zwischen nicht verwandten Liebesleuten umfasst.</p>
<p>Wir wissen ja genau, was Liebe ist, weil wir sehen, wie Eltern ihre Kinder herzen und versorgen, wickeln, ernähren und erziehen, wie Kinder ihre Eltern umarmen, mit Spielen und Geschenken erfreuen, im Haushalt und Garten helfen, im Alter unterstützen und pflegen. Wir wissen genau, was wir mit Liebe meinen, weil wir sehen, dass Liebespaare nicht nur Händchen halten und sich küssen, sondern füreinander einstehen, einander helfen und stützen. Wir begreifen, dass mit Liebe nicht ein bloßes Gefühl oder eine Passion gemeint sein kann, sondern ein soziales Band von Verbindlichkeiten und gegenseitiger Verpflichtung. Die schönen Zeichen der Liebe sind gewiss Blumen und Geschenke, die von Herzen kommen, die besten Zeichen aber sind Taten. Wenn ich dich auf deinen ausdrücklichen Wunsch hin nicht besuchen komme, obwohl du zu Hause krank im Bett liegst, dir nichts zu essen bereite oder mitbringe und dir zu deiner Unterhaltung nicht aus deinem Lieblingsschriftsteller vorlese, sondern solches Mühewalten für unbequem erachte und ihm einen Besuch im Kino oder ein Spiel mit meinen Schachkumpanen vorziehe, ist sonnenklar erwiesen, dass hier von Liebe nicht die Rede sein kann.</p>
<p>Es kennzeichnet die Verwendung von adverbiellen Bestimmungen für Ausdrücke sozialer Beziehungen, dass sie einer Metrik nicht nur der Richtungskoordinaten Ordinate (der Vertikalen) und Abszisse (der Horizontalen) einbeschrieben sind, sondern auch der Orientierung von Plus und Minus wie im kartesischen Koordinatensystem. Die Negation von Liebe ist Hass, die Negation von Freundschaft ist Feindschaft. Die Negation von Feindschaft ist entweder Freundschaft oder Indifferenz. Die Negation von Hass ist entweder Liebe oder Freundschaft oder Indifferenz.</p>
<p>So wollen und können wir nicht verhehlen: Am Ergehen der Person, die dir einen nicht unbeträchtlichen physischen oder seelischen Schaden zugefügt hat, nimmst du ähnlich intensiven Anteil, wie am Leben der Person, die dir physischen Genuss und seelischen Reichtum beschert hat. Da du kein Heiliger bist, kannst du nicht umhin, dich insgeheim zu ergötzen, wenn dir eine Nachricht über einen jener verhassten Person entstandenen Verlust zu Ohren kommt, wie du dich offenherzig freust, wenn du erfährst, die geliebte Person habe im Lotto gewonnen, einen Preis verliehen bekommen oder bei der Prüfung exzellent abgeschnitten. Interessanterweise ist Hass ein reines Gefühl und ein ziemlich lästiger oder schwer erträglicher affektiver Zustand, nicht aber wie Liebe ein echtes soziales Band von Verbindlichkeiten und gegenseitiger Verpflichtung.</p>
<p>Hier erfassen wir auch, was wir meinen, wenn wir einem Menschen ein krankhaftes und pathologisches Verhalten und Fühlen in seinen sozialen Beziehungen attestieren: Dieser Mensch ist weder in der Lage, die wahre Größenordnung von Nähe und Entfernung auf der horizontalen Achse der sozialen Beziehung noch die wahre Größenordnung der Über- und Unterordnung auf der vertikalen Achse einzuschätzen, zu gewichten und zur Richtschnur seiner Einstellung, seines Gefühls und seines Verhaltens zu nehmen. Vielmehr täuscht der Kranke sich darin, eine scheinbare Nähe wie die bloß zufällige Berührung oder den beiläufigen Blick für Zeichen echter Nähe zu deuten und solcherweise zutraulich oder zudringlich sich aufzuführen, dass ihm Einhalt geboten werden muss. Oder umgekehrt, der Kranke versteht echte Zeichen von Fürsorge und freundlicher, freundschaftlicher oder liebevoller Nähe als Formen verletzender und verwirrender Übergriffe und Einschüchterungen. Das Naheliegende deutet der Kranke als das Fernliegende, das Fernliegende als das Naheliegende, die liebevolle Annäherung als böswilligen Angriff, den böswilligen Angriff als liebevolle Annäherung.</p>
<p>Auch die Begriffe von Oben und Unten haben sich unserem Patienten verwirrt: Dem Lehrer und Arzt, dem Priester und Richter, dem Techniker, Handwerker und Wissenschaftler fühlt er sich, der keine Lehre abgeschlossen, kein Examen bestanden, keine Ausbildung durchgehalten hat, unendlich überlegen und verhält sich ihnen gegenüber auch demgemäß: herablassend, rebellisch, unverschämt. Den in Hinsicht auf Leistung und Ausbildung weit über ihm stehenden Personen gegenüber beansprucht der Kranke eine die Grenzen des Anstands überschreitende Nähe und vulgäre Vertraulichkeit.</p>
<p>Ein anderer fühlt sich trotz seiner erwiesenen hervorragenden Leistungen auf beruflichem, wissenschaftlichem oder sportlichen Feld jedem dahergelaufenen Dreckspatz und Gassenjungen unterlegen, der ordentlich auf die Pauke hauen, sein freches Mundwerk laufen lassen und den schüchternen Menschen mit deftigen Witzen und Obszönitäten unflätig anhauen kann. Der Kranke ist unfähig, den ihm gebührenden Abstand von Zudringlichkeiten der gemeinen Art mittels Entfernung der eigenen und nötigenfalls der anderen Person entschieden und beherzt in die Tat umzusetzen.</p>
<p>Der Kranke sieht sich auch nicht in der Lage, der wahren oder vorgeblichen Größe für die Nähe oder Ferne seiner sozialen Beziehung auf der horizontalen Skala einen eindeutigen Richtungswert zuzuordnen – vielmehr wechselt er beständig von Plus zu Minus und Minus zu Plus oder versteigt sich zur paradoxen Behauptung der gleichzeitigen Existenz beider Werte. So unterliegt er dem krankhaften Zwang, den zu hassen, den er liebt, und den zu lieben, den er hasst. Er ist misstrauisch gegen den, der ihm gut will, und vertraut blindlings dem, der ihn hinters Licht führt und übers Ohr haut.</p>
<p>Wir wollen an dieser Stelle nur andeuten, dass die kleinen und großen Dramen des menschlichen Lebens in der Tat mittels der Steigerungsformen der adverbiellen Bestimmungen der Ausdrücke für soziale Beziehungen wie näher und ferner erfasst werden: Gestern standen wir uns noch fern, dann kamen wir uns unter einer glückbringenden Konstellation immer näher, heute liegen wir uns in den Armen. Wehmütig gedenkst du der verflossenen Tage des Sommers, als du mit deinem Liebsten glücklich Hand in Hand gingst. Dann legte sich oft und öfter ein schmaler Schatten der Entfremdung oder der herannahenden Figur eines Dritten zwischen euch und wurde größer und größer. Heute empfindest du die Entfernung zwischen euch als so trostlos weit wie die Entfernung des Mondes zur Erde. Ihr wart euch sehr zugetan, da spielte euch das Schicksal einen dummen Streich und fast ließet ihr die Hände voneinander abgleiten und sinken. Doch die Wärme und Zuversicht eurer Liebe und die Hochherzigkeit eurer gegenseitigen Zusagen blieben siegreich und vertrieben die Schatten.</p>
<p>Freundschaft ist das Gegenteil von Feindschaft und verbindet die Freunde in einem sympathetischen Umgang gegenseitiger Achtung. Ihr trefft euch regelmäßig zu Konzert- oder Museumsbesuchen, zu Kaffee und Kuchen, ihr tratscht vergnügt über die Malaisen von Nichtanwesenden, nehmt aber gehörigen Anteil am beiderseitigen Schicksal und unterstützt euch in Notlagen nach Billigkeit und Angemessenheit. Freundschaft kann eng sein und dir einen Packen von Verbindlichkeiten aufbürden, von der Intimität und Intensität der Liebe entfernen sie aber die geringere Nähe und Dichte von Emotion und Obligation.</p>
<p>Feindschaft hat denselben Grad der Nähe wie Freundschaft, nur mit umgekehrtem Vorzeichen. Wir unterscheiden Feindschaft von Hass und setzen den Unterschied darin, dass Hass auf die Schädigung oder gar Vernichtung der gehassten Person aktiv oder passiv aus ist, während Feindschaft die Persönlichkeit des Feindes würdigt und nicht in Frage stellt, aber seine Absichten und Zwecke, seine Gesinnungen und Werte ablehnt. Du hütest dich vor dem Feind, weil er Interessen und Absichten verfolgt, die den deinen entgegengesetzt sind und mit ihnen konfligieren. Du gehst ihm aus dem Weg oder ergreifst Abwehrmaßnahmen wider seine unlauteren Absichten. Doch kannst du zwischenzeitlich durchaus Aug in Aug ihm gegenübertreten und mit ihm gleichsam einen Waffenstillstand verabreden: eine Zeit des Interimsfriedens, in der ihr euch gelassen verschmäht, ohne euch zu schmähen.</p>
<p>Wir spezifizieren die Ausdrücke für soziale Beziehungen nicht nur mittels der adverbiellen Bestimmungen nahe und fern beziehungsweise näher und ferner und markieren damit den Grad ihrer Nähe, gleichsam von links nach rechts und von rechts nach links Abstände bildend. Wir spezifizieren unsere Ausdrücke für soziale Beziehungen auch mittels der adverbiellen Bestimmungen oben und unten beziehungsweise höher und tiefer und markieren damit den Grad der Ober- und Unterordnung oder der Dominanz und Unterlegenheit der beteiligten Personen und Partner. Die kontinuierliche langsame oder schnelle Verschiebung oder der abrupte Wechsel der Werte auf der vertikalen Ordnungsskala erschließen uns neue Gründe für die kleineren und größeren Dramen des menschlichen Lebens – und das sowohl im intimen Umfeld von Liebe oder Freundschaft wie im komplexen Rahmen von Unternehmen oder Staaten.</p>
<p>Wir achten auf das Zusammenspiel der Verschiebungen auf der Horizontalen und der Vertikalen: Ich kann mich von dir entfernen, indem ich den Weg nach links einschlage und ebenerdig zwanzig Meter zurücklege. Ich kann mich ebenso weit von dir entfernen, wenn ich die Treppe hier hinaufsteige, während du unten an der Tür stehenbleibst.</p>
<p>Du hast es durch fleißiges Lernen und den Besuch der Abendschule oder von Fortbildungskursen dahin gebracht, schnell die Karriereleiter emporzuklettern. Mit der dünnen Luft der Chefetage hast du neue Lebensformen und das Highlife von Luxus, feinen Anzügen, edlen Schuhen und raffinierten Cocktails in der Bar des Tennisclubs kennengelernt. Deine alten Freunde haben sich einer nach dem anderen leise von dir entfernt, während du auf der Segelyacht des Vorstandsvorsitzenden deiner Firma und in den VIP-Lounges der internationalen Flughäfen Bekanntschaft mit den Happy Few geknüpft hast. Natürlich entspricht das neu erworbene Loft in bester Westendlage und das flotte Sportcoupé nunmehr deinem Style of Life. Während alledem ist deine Frau die alte geblieben, sie räkelt sich gelangweilt auf der teueren Ledercoach und lackiert ihre Fingernägel, um sich für die Party schick zu machen. Doch eigentlich sind ihr die neuen Gesichter dort mit ihrem undurchdringlichen Dauerlächeln und ihrem ewig gleichen Singsang auf die teure Sorglosigkeit eines sinnleeren Luxuslebens zuwider. Sie vermisst die alten Freunde, mit denen man unbefangen scherzen und auch mal Neun gerade sein lassen konnte. Es kommt, wie es kommen muss. Deine Frau hat sich in dem Maße innerlich von dir entfernt, wie du äußerlich aufgestiegen bist. Die einst geteilte intime Nähe von Liebe und Freundschaft hat sich gleichsam in dem kühlen Dunst aufgelöst, der dir aus der Klimaanlage deines Chefzimmers entgegenweht. Mach dich darauf gefasst, dass dich deine Frau bald verlassen wird.</p>
<p>Beschränken wir für unseren Hausgebrauch die Funktion von Unternehmen, Vereinen, Organisationen, Nationen beziehungsweise der sie repräsentierenden Staaten auf eine Rolle als Quasi-Personen, können wir ihnen wie allen Personen Absichten und Zwecksetzungen unterstellen, die ihr Handeln begründen und verständlich erscheinen lassen. Unternehmen zum Beispiel sind Organisationen mit dem Zweck der Entwicklung, Herstellung und Vermarktung von Produkten und Dienstleistungen, die am Markt durch Wachstum und mittels ständiger Verbesserung und Innovation ihrer Leistungen expandieren wollen. Ihre Nähe und Ferne zu anderen Unternehmen ist durch den Wettbewerb um Kunden und Absatzmärkte oder durch Filiationen wie Konzernbildung oder Zweckabsprachen wie bei der Preisbildung definiert. Unternehmen, die gestern noch als Konkurrenten auf einem Marktsegment um denselben Kundenstamm gekämpft haben, werden von einem dritten ihnen in Hinsicht auf die schiere Größe, die Produktentwicklung und das Produktdesign, die finanziellen und technischen Ressourcen weit überlegenen Unternehmen übernommen und partizipieren nunmehr dank einer sinnvoll angepassten und komplettierten Kooperation gemeinsam am Verkaufs- und Markterfolg.</p>
<p>Hier beobachten wir, dass bei bestimmten Größenordnungen und Komplexionsgraden der beteiligten Partner die Werte auf der Abszisse der Beziehungsentfernung um die Über- und Unterordnungsstufen der Werte auf der Ordinate zu ergänzen sind: Die beiden gleichermaßen unterlegenen Unternehmen, die früher harter Wettbewerb voneinander entfernte, operieren jetzt auf Augenhöhe in kooperativer Nähe.</p>
<p>Staaten stehen sich auf der horizontalen Koordinaten als durch Bündnisverträge eingeschworene Partner nahe oder als Feinde fern, wenn sie hart um dieselben Energieträger und Absatzmärkte ringen und kämpfen. Die Feindschaft zwischen Staaten kann sich bis zu bewaffneten Konflikten oder Kriegen steigern. Staaten, die aufgrund ihrer schieren Größe oder Überlegenheit an Know-how, Waffentechnik und Ressourcen ihre Anrainer dominieren, betrachten wir als Regional- oder Mittelmächte, während wir Staaten als Großmächte oder Imperien ansehen, die ebenfalls aufgrund ihrer Größe und ihres technologischen Know-hows sowie des Reichtums an Ressourcen ganze Kontinente und deren Staaten und Nationen beherrschen.</p>
<p>Die Konflikte zwischen Staaten und Mächten können aus kulturell-religiösen Quellen genährt werden wie die Konflikte zwischen den sunnitisch und den schiitisch dominierten Ländern des Nahen und Mittleren Ostens. Die von Großmächten dominierten Völker können sich erheben und ihre natürlichen Feinde durch Rebellionen und Revolutionen in die Defensive drängen oder durch Zermürbung, hohen Blutzoll von Attentaten und Terrorangriffen sowie Störungen und Zerstörungen in Industrie und Verkehrsanlagen durch Partisanenangriffe oder durch reguläre Kriege zur Aufgabe zwingen wie die Völker des Balkans zuerst das Osmanische Reich und später das Reich der Habsburger.</p>
<p>Nach dem Zerfall des Sowjetischen Imperiums sind die alten Konfliktlinien der einst gemeinsam unter Moskaus Stiefel gedrückten Nationen wie die Konfliktlinien zwischen Balten und Russen, Polen und Russen, Ukrainern und Russen oder Polen und Ungarn wieder aufgerissen, während noch ältere Konfliktlinien wie die zwischen Frankreich und Deutschland nach Jahrzehnten vertraglicher und touristischer Annäherung beinahe in Vergessenheit gerieten. Die Voraussetzung für diese Annäherung auf der horizontalen Linie war freilich die grausame und blutige Verschiebung der Größenordnung auf der vertikalen Linie infolge des Zweiten Weltkriegs, wodurch Deutschland seine hegemoniale Rolle in der Mitte Europas verloren hat.</p>
<p>Zwecks Analyse der Verhältnisse zwischen Staaten und der sozialen Verhältnisse zwischen Personen können wir die gegebenen Größen der Über- und Unterordnung auf der vertikalen Achse wie die gegebenen Größen der Annäherung und Entfernung auf der horizontalen Achse addieren und subtrahieren und gleichsam eine neue Lage und Ordnung der Dinge berechnen.</p>
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		<title>Philosophieren XXIV</title>
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		<pubDate>Thu, 08 Aug 2013 14:26:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[adverbielle Bestimmungen]]></category>
		<category><![CDATA[Ausdrucksbewegungen]]></category>
		<category><![CDATA[moralische Eigenschaften]]></category>
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		<category><![CDATA[soziale Situation]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Was wir sind und wer wir sind, wie wir uns hier und heute befinden und wie es hierzulande und hienieden um uns bestellt ist, erkunden wir über die Analyse und Betrachtung der Verwendung der Adverbien und adverbiellen Bestimmungen, mit denen wir die generischen Ausdrücke für unsere sensomotorischen Aktivitäten, also Verben wie sehen und reden, hantieren [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xxiv/">Philosophieren XXIV</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Was wir sind und wer wir sind, wie wir uns hier und heute befinden und wie es hierzulande und hienieden um uns bestellt ist, erkunden wir über die Analyse und Betrachtung der Verwendung der Adverbien und adverbiellen Bestimmungen, mit denen wir die generischen Ausdrücke für unsere sensomotorischen Aktivitäten, also Verben wie sehen und reden, hantieren und gehen, spezifizieren. Dabei werden wir einer Verknüpfung oder synthetischen Leistung inne, die unser Tun und Lassen, unser Handeln und Wandeln stetig begleitet: Jeder Bewegungsausdruck ist eine Ausdrucksbewegung.</p>
<p>Die Ausdrücke für sensomotorische Bewegungen und Aktivitäten umfassen die Ausdrücke für den Gesichtssinn, den Hörsinn, den Tastsinn, den Geruchssinn, den Geschmackssinn, den Schwere- und Gleichgewichtssinn und die Empfindungen für Wärme und Kälte. Verständigen wir uns darauf, den Redesinn, das Sprech- und Sprachvermögen, in die ehrwürdige Reihe unserer Sinne aufzunehmen – wenn auch als höherstufigen Sinn, da ja zumindest der Hörsinn und der Gesichtssinn ihm in gewisser Weise hierarchisch untergeordnet sind: Du hörst, was der andere sagt, und du hörst, was du selbst sagst. Du siehst, wie der andere auf deine Äußerung mimisch-gestisch reagiert. Diese acht Sinne sind einerseits biologisch geprägt, andererseits dienen sie perfekt unserem gemeinsamen Tun und Handeln im sozialen Raum. Die acht Elementarausdrücke zur Bezeichnung der sieben Elementarsinne heißen: sehen, hören, tasten (fühlen), riechen, schmecken, stehen (gehen), sich warm (gut) fühlen oder überhitzt sein beziehungsweise frieren, reden.</p>
<p>Adverbien und adverbielle Bestimmungen heben hervor, wie du tust, was du tust. Sie sind mehr als verbaler Dekor, den wir um die eigentlich wichtigen Verbalstämme der Ausdrücke für primäre Bewegungen und Aktivitäten winden würden: Es gibt die Verwendung dieser Ausdrücke nicht ohne irgendeinen Bezug auf die Situation, in denen sie verwendet werden. Du siehst nicht einfach in die Welt hinein, sondern erblickst etwas, siehst nach vorn, rückwärts, geradeaus, vor dich hin, du tastest die Fläche mit Blicken ab. Du weichst deinem Nachbarn mit Blicken aus. Deinem wachsamen Auge entgeht der plötzliche Aufflug des Vogels. Der Schüler glotzt gelangweilt oder blöde vor sich hin. Angesichts der indezenten Geste runzelst du die Stirn und rollst unwillig die Augen. Der unter starke Sedativa gesetzte Patient stiert brütend vor sich hin. Bei dem unerwarteten Wiedersehen hast du verdutzt dreingeschaut. Als dich die Erinnerung überkam, hat sich dein Blick verschattet.</p>
<p>Dass elementare Bewegungsarten und -muster wie Suchen, Aufspüren, Verfolgen, Ergreifen und Aufraffen oder Verlieren, Fallen- und Liegenlassen, Verstecken und Tarnen leicht identifizierbar und wiedererkennbar sind, sollte dich nicht wundern, gehören sie doch zur festen Ausstattung des Überlebensrucksacks von sozialen Lebewesen, wie wir es nun einmal sind. Die Elementarsinne werden mittels selbststeuernder sensorisch-nervöser Regelkreise miteinander verknüpft: Du schaust auf deine Hand, während du mit dem Stift die Zeilen schreibend entlangfährst oder mit deinen Fingern auf die Tasten der Tastatur des PCs schlägst, und zugleich betrachtest du abwechselnd das Ergebnis deines Handelns auf den auf dem Blatt oder dem Screen sich darstellenden Schriftzügen. Dadurch registriert dein wachsames Auge die Fehler, die du gemacht hast, und du gehst zu der betreffenden Stelle zurück, um sie auszubügeln und zu korrigieren.</p>
<p>Auch unser Redesinn ist wie alle Sinne in einen komplizierten sensorisch-motorischen und nervösen Regelkreislauf von Input und Output, Aktion und Reaktion, Kontrolle und Fehlerkorrektur eingebaut, der dir erlaubt, absichtsvoll und zweckgerichtet zu reden, sich des Gesagten bewusst zu machen und auf Fehler oder Unklarheiten hin zu kontrollieren und eventuelle Versehen richtigzustellen. Der selbststeuernde Regelkreis bezieht natürlich auch deinen Gesprächspartner mit ein: Du beobachtest an seinem Gesichtsausdruck, wie er deine Äußerung, dir beim Umzug behilflich zu sein, aufgenommen hat. Du entnimmst seiner ausweichenden Antwort, addiert mit der Wahrheit seiner Mimik, dass er eigentlich nicht willens ist, dir zu helfen. Du korrigierst deine Redeabsicht, deinen Bekannten um Hilfe zu bitten, mit der Einsicht in ihre Vergeblichkeit und insistierst nicht weiter. Umgekehrt hat dein Bekannter an deinen dringlich bittenden Blicken, mit denen du dein Hilfeersuchen an ihn komplettiert hast, die Intensität deines Wunsches oder das Gewicht der Bitte an ihn erkannt, aber auch, was mit seinem Entgegenkommen impliziert wäre: eine Annäherung, die aus eurer Bekanntschaft am Ende eine Freundschaft machen könnte. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil ihm an einer noch stärkeren Annäherung und Intensivierung der Beziehung mit dir nicht gelegen ist, hat dein Bekannter dich abschlägig beschieden. So hat er dir höflich lächelnd geantwortet, wobei er wie teilnahmslos in die Ferne schaute.</p>
<p>Du hörst nicht einfach, was da an Schallwellen aus dem sinnfreien Kosmos dein Ohr trifft. Du hörst genau hin, was dein Freund dir rät. Die Fragen, die dir der Prüfer in der mündlichen Prüfung stellt, saugst du förmlich in dich ein. Das leise Knabbern in deinem eichenen Schlafzimmerschrank gibt dir zu denken. Du lauschest erwartungsvoll auf die Geräusche des erwachenden Morgens. Du überhörst geflissentlich die unschönen Bemerkungen des Kollegen über einen anderen Kollegen. Du neigst dein Ohr den schmeichelhaften Einflüsterungen des fliegenden Händlers. Du bist ganz Ohr, wenn in den Nachrichten ein großer Anschlag vermeldet wird. Du spitzt die Ohren, wenn du auf das akustische Signal wartest, das dir das Eintreffen einer wichtigen E-Mail ankündigt.</p>
<p>Du bückst dich nach vorn und überblickst aufmerksam den Fußboden in der nächsten Umgebung des Fahrscheinautomaten, der dir soeben eine Euromünze ausgespuckt hat, die dir in einem Augenblick der Unaufmerksamkeit aus der Hand glitt. Sogleich beginnst du aufgeregt und mit verdoppelter Aufmerksamkeit nach dem Geldstück zu suchen. Nach scharfer Bemusterung des Bodens entdeckst du die silbrig schimmernde Münze und raffst sie hastig auf. Der Bogen der bewussten und zielgerichteten sensomotorischen Aktivität beginnt mit den tastend-wachsamen Suchbewegungen der Augen und schließt sich mit dem Auffinden des gesuchten Objekts und seiner Bergung.</p>
<p>Unser generischer Ausdruck für die sensomotorische Aktivität des Sehens, also „sehen“, wird mittels adverbieller Bestimmungen präzisiert und spezifiziert: Du siehst nicht einfach ins Allgemeine hinein oder auf die Welt, ohne dass dein Sehen in der singulären Situation mit spezifischen Merkmalen verbunden wäre. Andernfalls käme nichts Besseres als ein dummes Gaffen und dämliches Glotzen zustande. Du siehst auch nicht ziellos um dich – als ließest du unmotiviert und müde die Blicke schweifen. Du siehst auch nicht schlicht auf den Boden – als stiertest du vor dich hin. Vielmehr tastest du den Boden gezielt mit Blicken ab. Der Bewegungsausdruck, der beschreibt, wie du tastend und wachsam mit Blicken einen Gegenstand suchst und eine Fläche oder einen Rauminhalt abtastest, wird spontan mit der Ausdrucksbewegung verknüpft und synthetisiert, gemäß welcher du auf mich einen nervös-erregten und unruhig-suchenden Eindruck machst.</p>
<p>Ich bin nicht genötigt zu sagen: „Deine hastigen, nervösen Bewegungen in der Nähe des Fahrkartenautomaten sehe oder interpretiere oder deute ich als dein Suchen nach einem verlorenen Geldstück.“ Ich bin nicht genötigt zu sagen: „Aus deinen hastigen, nervösen Bewegungen in der Nähe des Fahrkartenautomaten schließe ich auf deinen inneren, mir direkt nicht zugänglichen Bewusstseinszustand, den ich als deine Absicht erschließe, ein verlorenes Geldstück zu suchen.“ Weil jeder Bewegungsausdruck eine Ausdrucksbewegung mit sich führt, sehe und verstehe ich sofort und unmittelbar, was du da treibst. Jedenfalls sehe und verstehe ich, dass du aufgeregt bist und etwas suchst. Und weil du um den Fahrkartenautomaten herum suchst, gehe ich natürlich davon aus, dass du ein verlorenes Geldstück suchst. Solltest du indes eine aus dem Auge gefallene Kontaktlinse suchen, läge ich zwar unrecht mit der Annahme, du suchtest nach einer Münze, aber recht in der Annahmen, dass du überhaupt nach etwas suchst.</p>
<p>Wenn du einer älteren Dame vor dem Fahrkartenautomaten ansichtig wirst, die irritiert und verwirrt ob der ihr unverständlichen Bedienungsanweisungen den Kopf schüttelt und hilfesuchend um sich schauend einen freundlichen Menschen, wie du es bist, erblickt, was wirst du wohl tun? Gewiss doch der Dame deine Hilfe anerbieten, wenn sie dich mit bittenden Blicken darum ersucht. Wir versehen zurecht den generischen Ausdruck für das Sehen, hier „blicken“, mittels der adverbiellen Bestimmung „bittend“ mit einer spezifischen Information, die uns die Augen für die nunmehr konstituierte soziale Situation öffnet.</p>
<p>Wir können mittels der adverbiellen Bestimmungen der generischen Ausdrücke für das Sehen und Reden alle bedeutsamen sozialen Situationen erschließen. Aber auch der angeblich dem unmittelbaren Verstehen verschlossenen Erlebnis- und Bewusstseinszustände unserer Gesprächspartner und Lebensgenossen können wir mittels adverbieller Bestimmungen der Ausdrücke für ihr Sehen, Reden oder Fühlen ohne weiteres inne werden. Auch die verborgenen und verhehlten Absichten, die heimlichen Wünsche und verhüllten Scham- und Schuldgefühle zeigen sich und werden uns als modifizierende adverbielle Spezifikationen unserer generischen Ausdrücke greifbar. Denn in demselben Maß, in dem du dich unbefangen, verständig und offen gebärdest, dein Tun und Reden freisinnig und freundlich sind, zeigen sich im umgekehrten Falle dein Tun und Reden hinterhältig und misstrauisch, gebärdest du dich befangen, verlegen und schamhaft. Dies zu sehen und zu verstehen und mittels korrekter Verwendung unserer adverbiellen Bestimmungen für die generischen Ausdrücke des Tuns und Handelns zu spezifizieren, bedürfen wir keiner speziellen sogenannten Hermeneutik oder Interpretations- und Seelenzergliederungskunst. Jeder Gassenjunge versteht es ja.</p>
<p>Du blickst deinem Gegenüber ruhig und entschlossen in die Augen. Du blickst verlegen und beklommen, beschämt oder schuldbewusst weg, in eine andere Richtung oder zu Boden. Du schaust dich bang und ängstlich um, als ob einer dir folge oder dir nachblicke. Sie blickt spöttisch oder höhnisch auf den entlarvten Scharlatan herab. Als unvermutet ihr Name bei Tisch fiel, wurdest du puterrot, verhaspeltest dich und redetest nur dummes Zeug daher. Selbstbewusst, keck oder siegessicher blickt der Prüfling in Richtung Prüfungskommission. Unterwürfig und kriecherisch-schmeichelnd schlägt der ertappte Dieb die Augen nieder. Dreist, hoffärtig und hochmütig blickt der Erpresser, der Heiratsschwindler oder Erbschleicher auf sein Opfer. Verzückt und beseligt schaut der Verliebte seiner Angebeteten nach. Der Dichter geht frei und einsam seines Wegs und hält inne vor einem verlorenen Kinderhandschuh, einem unleserlich gewordenen Papierschnipsel, einer zerknüllten Zigarettenschachtel einer alten Marke – er schaut träumerisch, vielsagend, geheimnisvoll vor sich hin.</p>
<p>Du hast stockend, leiernd oder hastig geredet. Deine Rede ging dir flott und flüssig von den Lippen, du hast dich nicht verhaspelt oder gestottert und gelispelt. Er trug seine Thesen vollmundig, großsprecherisch und triumphierend vor. Sie brachte leise, bedächtig und umständlich künstliche Einwände vor. Als er auf seine Urlaubserlebnisse angesprochen wurde, sprudelte es nur so aus ihm hervor. Er sprach manieriert, ausufernd, ohne Punkt und Komma. Er hat seine Fehler offen und freimütig einbekannt. Bei trivialen Sachen wurde er langatmig, bei hintergründigen lapidar. Auf sein Vergehen angesprochen, wurde er einsilbig und wortkarg. Auf der Karriereleiter frisch aufgestiegen, redet er nunmehr von oben herab mit dir und befleißigt sich eines schneidenden und klirrenden Tones. Weil er etwas zu verbergen hatte, bediente er sich eines gleisnerischen und mysteriösen Tonfalls. Er rutschte verlegen auf seinem Hosenboden hin und her, und was aus seinem Munde kam, war das Gegenteil von zungenfertig: Es war verdruckst und voll rätselhaft-verquälter Anspielungen.</p>
<p>Du erblickst die alte, etwas gebrechlich wirkende Dame, wie sie vor dem Fahrkartenautomaten aufgeregt die Bedienungsanweisung liest, ihre Geldbörse öffnet, kein passendes Münzgeld findet und zu einem 10-Euro-Schein greift, den in den saugenden Schlitz einzuführen ihr auch tatsächlich gelingt. Im Hintergrund ertönt schon die Ansagestimme mit dem Hinweis auf den einfahrenden Zug. Hastig entnimmt die alte Dame die Fahrkarte aus dem Automaten und eilt in Richtung Bahngleis, ohne Gedanken an das jetzt herabklimpernde Wechselgeld. Nun, du bist ein anständiger Mensch und alten, etwas gebrechlichen Damen zugetan. Also schüttest du rasch die herabgekollerten Münzen in die Hand und rennst der Alten hinterher, holst sie ein und überreichst der freudestrahlenden und vor Dankbarkeit dahinschmelzenden das vergessene Geld. Nachdem du die Frau noch höflich bis zur Tür der S-Bahn geleitet hast, schreitest du zufrieden lächelnd und hochgemut blickend von dannen.</p>
<p>Wäre ein anderer weniger netter, ein bösartiger Kerl an deiner Stelle gewesen und hätte die Situation mit der alten Dame aus gebührender Entfernung mit verstohlenen Blicken argwöhnisch beobachtet, hätte er das vergessene Wechselgeld betrügerisch an sich gerissen und damit einen gemeinen Diebstahl begangen. Von der bestohlenen Dame wären ihm keine Dankesworte und kein liebreizendes Lächeln zugeflogen und zuteil geworden. Der gemeine Kerl schliche sich, hinterhältig um sich schauend und feige vor sich hinblickend in die dunklen Winkel seines verkommenen Lebens zurück.</p>
<p>Wir beziehen uns demnach mit den adverbiellen Bestimmungen der generischen Ausdrücke für unser sinnfälliges Tun und Handeln nicht nur auf Erlebnisinhalte des Bewusstseins wie aufgeregt, leidenschaftlich oder fad und lau. Wir erschließen uns mit dieser erprobten sprachlichen Technik auch Merkmale sozialer Eigenschaften wie hochmütig, beschämt und dankbar. Auch die Zuweisung moralischer Eigenschaften wie anständig und moralisch verwerflich können wir mittels der Verwendung der Adverbien und adverbiellen Bestimmungen für moralische Qualitäten wie offenherzig, höflich, hilfreich oder feige, hinterhältig und durchtrieben mit Rücksicht auf die Bedürfnisse unseres Alltagslebens ausgezeichnet regeln und ordnen.</p>
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		<title>Philosophieren XXIII</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xxiii/</link>
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		<pubDate>Mon, 05 Aug 2013 12:00:37 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Goethe Wanderers Nachtlied]]></category>
		<category><![CDATA[Metrik des Empfindens]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitempfindung]]></category>
		<category><![CDATA[Zeitwahrnehmung]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Unsere sinnlichen Eindrücke lassen sich mittels angemessener Ausdrücke auf Skalen des Mehr oder Weniger, des Stärker oder Schwächer, des Größer oder Geringer, des Höher oder Tiefer abtragen. Denn es ist der sinnlichen Erfahrung eigentümlich, eine Empfindungs- oder Gefühlsqualität wie dunkel und licht, weich und rauh, süß und sauer, hoch und tief, erhaben und flach mit [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xxiii/">Philosophieren XXIII</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Unsere sinnlichen Eindrücke lassen sich mittels angemessener Ausdrücke auf Skalen des Mehr oder Weniger, des Stärker oder Schwächer, des Größer oder Geringer, des Höher oder Tiefer abtragen. Denn es ist der sinnlichen Erfahrung eigentümlich, eine Empfindungs- oder Gefühlsqualität wie dunkel und licht, weich und rauh, süß und sauer, hoch und tief, erhaben und flach mit einem quantitativen Maß zu spezifizieren.</p>
<p>Dieser Kaffee schmeckt bitterer als der, den du mir gestern gebraut hast. Diese Kirschen schmecken sauer, der säuerliche Geschmack ist aber bei weitem nicht so intensiv wie der einer Zitrone. Diese Iris changiert in den Farbwerten ihrer Blütenblätter von einem rötlichen Blau bis zu einem bläulichen Violett. Das Gemälde zeigt eine südliche Landschaft im Abendlicht – die Dämmerung sinkt hernieder, der blass durchschimmernde Mond ist von Dunst umhüllt, die eigentliche Nacht aber ist noch fern.</p>
<p>Jene Passage in der Sinfonie von Bruckner klingt wegen des Vibratos der Geigen weich, doch dieser Eindruck des Weichen und Sanften wird vor dem Hintergrund der plötzlich einbrechenden schroffen und schnellen Staccati in den Blechbläsern erschüttert. Das Trompetensignal in der Sinfonie von Mahler macht mir einen so unabweisbar-triumphierenden, herrisch-strahlenden Eindruck der Intensität, als könne er durch keinen intensiveren Eindruck übertroffen oder ausgelöscht werden – es scheint mir der intensivste Eindruck dieser Art, den ich je hatte.</p>
<p>Wir nuancieren und raffinieren unsere Ausdrücke für sinnliche und ästhetische Eindrücke, indem wir sagen: Deine Hand ist kühl im Vergleich mit der Sommerhitze, das Bier ist eiskalt, der Wein hat Zimmertemperatur, die Suppe ist lauwarm, die Nudeln sind brühwarm, die Esse ist glühendheiß. Das Stillleben macht einen unterkühlten Eindruck, der Schauspieler hat keine Miene verzogen und gab den eiskalten Charakter des Mörders gut wieder, das Kitschgemälde mit Motiven aus der Welt der Zigeuner verströmt die schwülen Dünste vulgärer Sinnlichkeit.</p>
<p>Mit Hilfe der grammatischen Funktionen der Bildung des Komparativs, des Superlativs und des Intensivums der Adjektive und Adverbien können wir unsere Ausdrücke für sinnliche und ästhetische Eindrücke in Hinsicht auf ein Mehr oder Weniger, Höher oder Tiefer, Lauter oder Leiser, Wärmer oder Kälter, Intensiver oder weniger Intensiv auf sinnfeldbezogenen Skalen einer relationalen Metrik der Empfindung und des Gefühls ein- und abtragen.</p>
<p>Du hörst, dass dieser Ton höher klingt als der zuvor gehörte, du hörst dass der dritte der Reihe höher klingt als der zweite, der nächste Ton aber, hörst du, klingt von den vier Tönen der Reihe am höchsten. Du kannst nicht nur den Höhenunterschied der Töne hören, sondern auch feststellen und schlussfolgern: Wenn der jetzt gehörte Ton höher klingt als der zuvor gehörte, muss der nächstfolgende Ton, der höher klingt als sein Vorgänger, auch höher klingen als der zuerst gehörte Ton. Wir können deine Höreindrücke und die Richtigkeit der Verwendung der Ausdrücke für deine auditiven Eindrücke überprüfen, indem wir die Töne von einem Tontechniker mittels elektronischer Tonaufzeichnungsgeräte auf dem PC-Screen auf einer Tonskala objektivieren und urteilen, ob du richtig oder falsch lagst mit deinen Zuschreibungen.</p>
<p>Wenn du die vier Töne hintereinander hörst und hörend ihre Tonabstände und Höhenunterschiede ermisst, hörst du nicht nur eine willkürlich anmutende Reihe von Tönen, sondern eine Melodie oder den Anfang einer Melodie. Das rührt daher, dass du den Bogen des Hörens als zeitlichen Vorgang und als Einheit eines zeitlichen Vorganges sinnlich wahrgenommen hast – und Melodien sind als Zeitverlauf gehörte Töne. Spontan vermögen wir einer beliebigen Abfolge von Tönen den Charakter einer scheinbar künstlerisch gewollten Melodie zu verleihen, indem wir die Reihe der Töne als Zeitgestalt wahrnehmen.</p>
<p>Alle sinnlichen Eindrücke und alle ästhetischen Eindrücke sind in einen Zeitverlauf eingebettet und nehmen eine Zeitgestalt an. Hier kannst du dem Ursprung des menschlichen Zeitempfindens und des subjektiven Zeitbegriffs nachspüren. Du hältst Kühlung suchend die Hand in den Bach. Die heranströmenden Tropfen üben eine mehr oder weniger starke Druckempfindung auf deiner Haut aus, die du mit dem Tastsinn erfasst. Der in sehr kleinen Zeitabständen fluktuierende Wechsel dieses Mehr oder Weniger der Druckempfindung gestaltet sich dir spontan als mitempfundener Zeitverlauf. Der visuelle Eindruck der Bewegung von Wolken oder im Wind bewegten Wipfeln der Bäume, von einer sich intensivierenden oder abschwächenden Lichtquelle wie bei der Morgen- und Abenddämmerung, vom Auf und Ab der Meereswellen und vom Kommen und Gehen der Tiede, von den zu- und abnehmenden Phasen des Mondes oder der Scheinbewegung der Sonne haben wir je schon in Zeitgestalten von kurzen oder langen Dauern, von Tag und Nacht, Monat und Jahr eingebettet.</p>
<p><strong>Wanderers Nachtlied</strong><br />
<em>Johann Wolfgang von Goethe</em></p>
<p>Über allen Gipfeln<br />
Ist Ruh,<br />
In allen Wipfeln<br />
Spürest du<br />
Kaum einen Hauch;<br />
Die Vögelein schweigen im Walde.<br />
Warte nur, balde<br />
Ruhest du auch.</p>
<p>Der ästhetische Eindruck eines Gedichts wie des Goetheschen „Wanderers Nachtlied“ muss gewiss anhand der verwendeten sprachlich-poetischen Techniken und Formen wie der metrischen Einheiten, Reimformen, Lautverwandschaften oder der symbolischen Werte der gebrauchten Begriffe im Einzelnen analysiert und überprüft werden. Dabei gilt es indes, die Einheit der dichterischen Töne in der Zeitgestalt mit zu bedenken und zu ermessen. Die Zeitgestalt wird determiniert durch die Zeitformen der verwendeten Verben. Hier zeigt sich: Alle Zeitformen des Goetheschen Gedichts determinieren die unmittelbare Gegenwart, außer den beiden letzten. Die neutrale Aussage der ersten beiden Verse stellt dir unvermittelt die Situation vor Augen: Es ist Abend, du bist hochgestiegen, du hast den Gipfel der Wanderung, des Tages, des Lebens erklommen. Im vierten Vers wirst du unmittelbar auf dein aktuelles Gefühl angesprochen, dieses Spüren wird dir unmittelbar unterstellt und suggeriert. Was du spürst, ist ein Weniger an Intensität des Erlebens, des Hörens und Sehens, des Fühlens und Leidens, als es der gewesene Tag, das verdämmernde Leben dir abverlangt hat. Was du in der Ruhe des Entrücktseins vom Lärm des Tages und von den bunten Melodien des Lebens noch spürst, ist weniger laut, weniger stark, weniger intensiv als ein bloßer Windhauch. Mit dem folgenden Vers wird im Äußeren vorweggenommen, was dir geschieht, wenn das Weniger als ein Hauch zu nichts weniger als einem verhauchten Stummsein wird, wenn die Stille und das Schweigen vollkommen werden. Die beiden letzten Verse sprechen dich wiederum unmittelbar an: Gesteigert von der feststellenden Aussage zur persönlichen Aufforderung und Beschwörung: zu warten, dass bald auch du zur dir dann ganz anheimgefallenen, innerlich gewordenen Ruhe finden wirst. Das Raffinement des Gedichts zeigt sich darin, dass die mittels der Zeitformen evozierte Zeitgestalt gleichsam nach oben unabgeschlossen ist und nach hinten oder vorne eine Öffnung hat: Du wirst aufgerufen zu warten, auf dass auch du bald Ruhe fändest. Die dichterische Zeitgestalt mündet also in die Erwartung, gewährt deinem Spüren gleichsam eine Mündung in die nächste Zukunft, die dir gnädig bereitet ist: die gefühlte, schon greifbare, nahe und nächste Erfüllung.</p>
<p>Wir sind auch darauf geeicht, den Anfangs- und Endpunkt einer Bewegung in einer Zeitgestalt zu verknüpfen und zu verdichten: Du stehst auf einer hohen Terrasse und kannst Front und Hinterhof des gegenüberliegenden Hauses einsehen. Ein auffallend elegant gekleideter, junger, dunkelhäutiger Mann, mit Glacéhandschuhen und breitkrempigem Hut, einen scheckigen Dalmatiner an der Leine, betritt das Haus durch den vorderen Haupteingang. Dann siehst du, wenige oder einige Zeit später, den elegant gekleideten Mann mit dem Dalmatiner das Haus durch den Hinterausgang verlassen. Du sagst dir, es müsse derselbe Mann sein, der vor Kurzem das Haus betrat, und er müsse eine gewisse Zeit gebraucht haben, um den Weg vom Ein- zum Ausgang zurückzulegen. Wie immer du an letzter Gewissheit bei der Angabe der Identität des Mannes zurückbleiben magst (du kannst von deinem entfernten Beobachtungsposten aus nicht mit letzter Gewissheit ausmachen, ob es sich um den denselben Mann handelt, dazu bedürfte es genauerer Beobachtungs- oder Messverfahren) – um die Gewissheit der Annahme des Zeitverlaufs ist dir nicht bange, denn: Wenn derselbe Mann den Eingang betritt, der auch später den Ausgang nimmt, muss er eine Zeit gebraucht haben, um den Weg zu gehen. In solchen Fällen musst du demnach, um das ganze Stück der Zeitgestalt in Händen halten zu können, die spontane Verknüpfung der sinnlichen Eindrücke des Anfangs- und Endpunktes einer Bewegung mittels der Hypothese der Identität des Gegenstands ergänzen.</p>
<p>Die Nuancierung, Differenzierung, Abschattung unserer sinnlichen Eindrücke führen uns in den Intimbezirk der sinnlich-ästhetischen Qualifizierung: Du hörst jeden einzelnen Ton als Element einer aktuell mitgegebenen Obertonreihe, aber auch als Element einer virtuell mitgegebenen Tonreihe, die präzise Gestalt annimmt, wenn du mindestens drei Töne der Reihe vernommen und in die Zeitgestalt einer harmonischen Reihe eingebettet hast: Dann nämlich bist du in der Lage, den zuerst gehörten Ton einem Tongeschlecht, einer Tonart wie A-Dur oder g-Moll, zuzuordnen.</p>
<p>Auf der Leinwand siehst du auf durchgehend schwarz grundierter Fläche nur da und dort, wie absichtslos hingestreut, winzige Lichtpunkte oder helle Tropfen aus dem Hintergrund aufschimmern. Das Gleichgewicht kippt, wenn du des purpurn-gelblich schwelenden Flecks in der rechten oberen Bildecke gewahr wirst. Auge, Tastsinn und Gleichgewichtssinn sind gleichzeitig und gleichsinnig aufgerufen, das Dargestellte zu decodieren, und so gelingt es dir. Du erfährst, dass die scheinbare Gleichsinnigkeit und Ruhe der Tröpfchenwelt immerdar oder gerade jetzt ins Ungleichgewicht oder in Gefahr gebracht wird durch eine schmutzig-magische Sonne, ein Licht der Unruhe, der Ungewissheit und der Schmerzen. Dabei bildest du spontan die Zeitgestalt eines zunächst ruhigen Dahingleitens, wenn du von links nach rechts das Bild mit Blicken abtastest, und eines plötzlichen stürzenden Ablaufs, wenn du in die Nähe des feindseligen Gestirnes kommst. – Wir sehen jeden Farbtupfer als Element auf der Skala ihm mehr oder weniger ähnlicher Farbwerte und zugleich auf der Folie der Kontrast- und Komplementärfarben.</p>
<p>Das Bonmot, Architektur sei gefrorene Musik, hält näherer Betrachtung nicht stand. Wenn man sagte, Architektur sei sichtbare Musik, käme man der Wahrheit vielleicht näher. – Du siehst gleichsam ertastend an dem tragenden Pfeiler der romanischen Basilika die drückende Last, die ihm der Rundbogen des Daches aufbürdet, du ertastest mit Blicken die Spannungskräfte, die der Pfeiler von oben nach unten und von unten nach oben weitergibt und austauscht. Du siehst mit dem Auge und zugleich mit dem Tastsinn. Und mehr noch: Die Säule meistert mit ihrer wuchtigen Form gleichsam die Aufgabe, unter den erschwerten Bedingungen des Spannungs- und Lastenausgleichs aufrecht und gerade zu stehen. Du siehst also nicht nur mit dem Auge und dem Tastsinn, in den sinnlichen Eindruck des Gesehenen ist gleichsam auch der laufende Kommentar des Gleichgewichtssinns mit eingeschrieben und einverwoben. Ja, noch mehr: Am besten ertastet du mit Blicken die Elemente der Architektur wie Säule, Bogen und Kuppel, wenn du dich um die Dinge herumbewegst, wenn du die unsichtbaren Druck- und Spannungsfelder der tragenden Elemente und die luftig-graziösen Gesten der getragenen gleich sichtbar und fühlbar gewordene Auren der Dinge wahrnimmst. Dabei kann es dir geschehen, dass du angesichts der unter Spannung stehenden, unter Druck ausharrenden Säule innerlich einen Klang zu vernehmen wähnst, der sich aus der Übertragung des Stimulus des visuellen Systems ins auditive System spontan gebildet hat. Du siehst, was du siehst, nicht nur, sehend hörst du es auch.</p>
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		<title>Philosophieren XXII</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xxii/</link>
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		<pubDate>Sat, 03 Aug 2013 09:26:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[ästhetischer Eindruck]]></category>
		<category><![CDATA[ästhetisches Etikett]]></category>
		<category><![CDATA[Mozart]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Du sagst, in deinen Ohren klinge jene Passage bei Mozart lieblich, und ich kann nicht umhin, deinen Eindruck zu bestätigen. Wir können demnach Eindrücke, die sensorischen Reizungen eines spezifischen Sinnes, wie des Auges, des Ohrs, des Tast- und Geruchssinns, des Gleichgewichtssinnes sowie der Wärme- und Kälteempfindung, qualifizieren, indem wir ihnen Ausdrücke wie lieblich und rauh, [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xxii/">Philosophieren XXII</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Du sagst, in deinen Ohren klinge jene Passage bei Mozart lieblich, und ich kann nicht umhin, deinen Eindruck zu bestätigen.</p>
<p>Wir können demnach Eindrücke, die sensorischen Reizungen eines spezifischen Sinnes, wie des Auges, des Ohrs, des Tast- und Geruchssinns, des Gleichgewichtssinnes sowie der Wärme- und Kälteempfindung, qualifizieren, indem wir ihnen Ausdrücke wie lieblich und rauh, weich und hart, dunkel und licht, grell und finster, schrill und dünn, dürr und überladen, pathetisch und schwülstig, seelenvoll und barbarisch anheften.</p>
<p>Einen Gutteil ästhetischer Geschmacksbildung haben wir uns tastend und erprobend dadurch angeeignet, dass wir die sinnlichen Ausdrücke für sinnliche Eindrücke als ästhetische Etiketten für unsere Eindrücke von Kunstwerken verwenden.</p>
<p>Der Witz der Sache kommt ans Licht, wenn du merkst, dass die Etiketten gleichsam quer über die Sinnesfelder wandern, sich kreuzen und wechselseitig vertreten: Du benennst oder etikettierst eine gehörte Tonfolge, also den sinnlichen Eindruck des Hörsinns, als weich oder hart, mit Ausdrücken für sinnliche Eindrücke des Tastsinns. Hier wohnst du der Geburt der Technik oder des Kunstgriffs bei, den man etwas umständlich und missverständlich Metaphorik nennt: Austausch und wechselseitige Repräsentation von Eindrucksetikettierungen.</p>
<p>Ausdrücke für sinnliche Eindrücke lernen wir von Kindesbeinen an, deshalb gehen sie so flott von den Lippen. Was ist einleuchtender als der Gebrauch des Ausdrucks „hart“ für den Eindruck, der dir schmerzlich bewusst wird, wenn du dir als Kind den Zeh an einem Stein gestoßen hattest? Was einleuchtender als der Gebrauch des Ausdrucks „weich“ für den wunderbaren Eindruck, der dich überkam, wenn du als Kind, vom Wandern und Spielen ermüdet, in die weichen Kissen sankest?</p>
<p>Ein dicker Brocken Evidenz beim Gebrauch von Ausdrücken für unsere sinnlichen Eindrücke ist gleichsam herübergerollt auf das Feld des Gebrauchs von Etiketten für unsere ästhetischen Eindrücke. Würde ich deinen Eindruck, jene Passage bei Mozart sei lieblich, bestreiten und dagegenhalten, sie sei geziert, manieriert oder gar gekünstelt, würdest du mich mit Recht an den langen Eselsohren ziehen und bis vor die Partitur schleppen und meinen Kopf ganz nah an die besagte, scheinbar umstrittene Stelle beugen, wo ich mit mildem Blick gleich gewahre, welche Ausdrucksbezeichnung der Meister notiert und vorgegeben hat: „amoroso“.</p>
<p>Ich hätte mich demzufolge mit meiner Etikettierung besagter Stelle geirrt und wäre gut beraten, meinen Eindruck und meine Eindrucksetikettierung zu revidieren. Der Gebrauch unserer Ausdrücke für sinnliche Eindrücke im engeren Sinne wie weich und hart, dunkel und hell scheint relativ stabil, wohlgeordnet und wenig revisionsbedürftig. Dagegen ist der Gebrauch unserer Ausdrücke für ästhetische Eindrücke einesteils einleuchtend und unbedenklich, so bei Ausdrücken wie piano und pianissimo oder forte und fortissimo, wo es um die unter normalen Bedingungen leicht identifizierbaren akustischen Eindrücke von Lautstären und auf ihnen aufruhenden Klangqualitäten geht. Anderenteils kann der Gebrauch von ästhetischen Etiketten anfällig für Irrtümer oder Fehlgriffe und insofern kritikwürdig und revisionsbedürftig sein, wie das Beispiel mit dem Ausdruck „lieblich“ oder „amoroso“ gezeigt hat.</p>
<p>Die verbreitete Meinung, phänomenale Bewusstseinszuständen – und sinnliche und ästhetische Ausdrücke bezeichnen ebensolche Zustände – seien sozusagen ein hortus conclusus und für „Außenstehende“ nicht zugänglich, erweist sich als Irrtum. Ich weiß ziemlich gut, was du meinst, wenn du mich darauf hinweist, dass dieses Kissen sich weich anfühlt und jene Passage bei Mozart lieblich klingt.</p>
<p>Die Kultur des ästhetischen Geschmacks bleibt nicht bei einfachen Querverbindungen und wechselseitigen Repräsentationen von Ausdrücken für ästhetische Eindrücke stehen. Über eine andere Tonfolge, mag sein aus Mozarts Requiem, sagst du vielleicht: „Das klingt in meinen Ohren wie eine weiche Dunkelheit, die alles Grelle, Schrille, Aufdringliche des Tages gnädig verhüllt. Zugleich scheint mir aus dem Inneren dieser Dunkelheit wie auf dem schwarzen, glattpolierten Marmor eines nächtlichen Sees ein Licht, ein Stern, ein Auge zu leuchten, das darauf hofft, mich zu berühren, mich zu sehen, das darauf hofft, von mir berührt, von mir gesehen zu werden.“ Ich bin geneigt zu sagen, dein Eindruck habe einen Einschlag ins Mystische.</p>
<p>So gelangen wir von der simplen Zuweisung sinnlicher Ausdrücke zu sinnlichen Eindrücken über die Querverbindung von Ausdrücken über verschiedene Sinnesfelder hinweg zu komplexen, manchmal widersprüchlich anmutenden Überlappungen, Verdichtungen und Kreuzungen unserer Etiketten für ästhetische Eindrücke wie weich und dunkel, nah und fern, dunkel und licht.</p>
<p>Aber solch seltsame, abgehobene Etiketten wie pathetisch und schwülstig oder gar seelenvoll und barbarisch, wie kannst du diese noch mit sinnlichen Eindrücken gleichsam einlösen und abgelten?</p>
<p>Schwulst nennen wir ein hohles, verlogenes, falsches Pathos. Die Lymphe des Ausdrucksverlangens ist gleichsam bis zum Platzen angeschwollen – doch darin befindet sich nichts als trübes, süßliches Wasser. Einer redet geschwollen daher, wenn er die eigene Geistesblöße mit dem üppigen Velours oder der knisternden Seide hochtrabender oder betulicher Phrasen verdecken will. Dann erkundigt er sich bei dem Azubi im Supermarkt nach Frühstückscerealien statt nach schlichten Brötchen. So nehmen wir vom sinnlichen Eindruck geschwollener und aufgeplatzter Haut und aufgedunsenen Fleisches den spezifischen Anteil des Unschönen und Ungesunden und leimen uns daraus ein ästhetisches Etikett.</p>
<p>Pathos nennen wir den echten, unverfälschten Ausdruck schweren, aber erduldet-hingenommenen körperlichen und seelischen Leidens. Echtes Pathos ist nicht so leicht zu haben wie Schwulst. Du kannst aber gut den Ausdruck des Pathos auf den sinnlichen Eindruck von einem Menschen zurückleiten, dessen Antlitz von geduldiger Hingabe und hoher Erwartung leuchtet, dessen Lippen sanft erbeben, dessen Stirn in Falten gelegt ist, dessen Augenlider verschattet und dessen Blicke in eine unbestimmbare Ferne gerichtet sind – dorthin, wohin sein Schicksal oder seine Berufung ihn zieht, dorthin, woher sein Retter ihm zu nahen dünkt.</p>
<p>Wenn aber ein ausdrucks- und eindrucksarmer Möchtergernkünstler Krach schlägt, krakeelt und aus vollen Rohren ballert, um sich endlich auch einmal Gehör zu verschaffen, wenn sein Machwerk grelle Lichter reiht, schrille Töne häuft, dank Schmutzflecken, Blutlachen und Urinecken ungut riecht, unter Tränenströmen und anderen Gefühlsergüssen unterzugehen droht, wenn solch ein Flick- und Schundwerk dich mit giftigen Stacheln und stechenden Dornen gesuchter Rätsel und okkulter Bezüge reizt und ritzt, wenn dieses Feuerwerk, dieser Jahrmarkt, dieser Budenzauber der Gefühlsnötigung und gewaltsamer Eindruckschinderei deine Sinne verstört, zugleich blendet und benebelt, aufreizt und lähmt, deinen Geist zugleich foltert und verblödet, dann stempelt das Etikett „barbarisch“ die Sache rechtens ab. Aber nenne auch getrost barbarisch, wenn ein Möchtegernkünstler dich im Gegenteil mittels Aussageverweigerung und Sinnzerstörung, mit Paradoxien und Absurditäten verblüffen, leimen, hinters Licht führen will, wenn er tollwütig das Netz mühsam geflochtenen Sprachsinns zerschlitzt und zerreißt, wenn er die Einheitssoße und Kollektivtunke eines modischen Jargons, eines urinwarmen Lyrismus über alle Grenzen und Ordnungen von Genres und Gattungen, Textsorten und Redesituationen hinweg vergießt und ausschüttet.</p>
<p>Wenn dir nach einem schweren Gang, einem mühsamen Werktag, einem großen seelischen Kampf einer naht und legt dir die Hand auf die Schulter oder auf das Haupt, und die Hand ruht nachdrücklich auf dir und du fühlst, die Wärme eines Zuspruchs, einer Hingabe, einer Liebe fließt über zu dir – wenn auf solche Weise ein Vers, eine Melodie dir nahegeht, dich anhaucht, dir durch ein Erinnern an ein einst geahntes Schönes eine Träne entpresst und sie sogleich mit dem Finger mütterlicher Lossprechung abwischt – nenne du solchen Eindruck, wie du willst, ich nenne ihn seelenvoll.</p>
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		<title>Philosophieren XIX</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xix/</link>
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		<pubDate>Tue, 30 Jul 2013 16:21:59 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Brevier]]></category>
		<category><![CDATA[Katechismus]]></category>
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		<category><![CDATA[Stundenbuch]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>„Du erkühnst dich, solch ehrwürdige und heikle Dinge, wie es die religiösen Angelegenheiten nun einmal sind, gleichsam ohne Handschuhe, mit rauhen Händen und nackten Blicken anzugehen und zu berühren. Braucht es nicht die Handschuhe der theologischen und philosophischer Begriffe, wenn du dich nicht an deinem Gegenstand vergreifen willst?“ „Wie bei allen Sachen, scheint es mir [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xix/">Philosophieren XIX</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>„Du erkühnst dich, solch ehrwürdige und heikle Dinge, wie es die religiösen Angelegenheiten nun einmal sind, gleichsam ohne Handschuhe, mit rauhen Händen und nackten Blicken anzugehen und zu berühren. Braucht es nicht die Handschuhe der theologischen und philosophischer Begriffe, wenn du dich nicht an deinem Gegenstand vergreifen willst?“</p>
<p>„Wie bei allen Sachen, scheint es mir vernünftiger, von dem auszugehen, was wir bereits kennen, verstehen und gebrauchen, uns die Namen und Redewendungen vorzuknöpfen, die auf die Sachen zutreffen und sie richtig aufs Korn nehmen. Warum etwas erfinden, wenn doch alles da ist und vor Augen steht? Warum nach Luft haschen, wenn einfaches Atmen genügt?</p>
<p>Schau dir an, wie die Leute über Religion reden, und du findest heraus, was es damit auf sich hat. Wende dich an die einfachen Menschen und die Laien, dann führe dir den Sprachbestand, die Grammatik und sprachliche Logik der Gebete, Lieder und Legenden zu Gemüte. Schließlich begutachte das hochentwickelte Vokabular und die sich in Bildern, Vergleichen, Metaphern und Allegorien ergehende Sprachkunst der Katechismen, der Breviere und Stundenbücher, der Predigten und Traktate, der Mönchsregeln und Beichtspiegel, des neuen und des Alten Testaments.</p>
<p>Du musst natürlich auch genau hinschauen und herausfinden, wie die Gläubigen das, was sie sagen und singen, am heiligen Ort zur heiligen Zeit, wie in der Osternacht vor der Schwelle des Haupteingangs der Kirche zu nächtlicher Stunde, einbetten, einfließen lassen und einfügen in das, was sie tun, am heiligen Ort zur heiligen Zeit – wie wenn sie in der Lichtfeier der Osterliturgie nach der Weihe und Entzündung der Osterkerze am Osterfeuer vor der Kirche dem Priester folgen, der ihnen mit der hochgehaltenen Osterkerze in das geheimnisvoll-unheimlich dunkle Kirchenschiff vorausschreitet und dreimal in jeweils höherer Tonlage in die finstere Leere ruft „Lumen Christi“, und ihm in jeweils höherer Tonlage antworten „Deo gratias“, während sich allmählich das Kircheninnere erhellt, denn alle Kinder und Eltern und Großeltern entzünden ihre mitgebrachten Kerzen am neuen Osterlicht, bis endlich in die Helle dieser tiefsten Nacht die Orgel mit großer Wucht das Gloria in excelsis Deo anstimmt.“</p>
<p>„Und all die großen Begriffe, mit denen metaphysischer Eifer solch schlichtes folkloristisches Brauchtum, solch schlichte Volksfrömmigkeit in die ätherischen Höhen ontologischer Gottesbeweise und furchteinflößender Theodizeen gezogen hat, all diese Geistes- und Gottesschätze soll ich für dein armes Denken dahinfahren lassen?“</p>
<p>„Wer durch hohen Schnee den Pfad sucht, wirft die ihm aufgebürdete Last von Scheitern von der Schulter. Und wohin gerätst du, wenn die metaphysischen Vorhänge lange genug über den religiösen Dingen geweht haben? Am Ende verbleiben dir solch schlaue Fragen, was Gotte wohl vor der Schöpfung der Welt tat und wie er sich die Langeweile der Ewigkeit vertrieb oder wie lang wohl sein Bart seit dem ersten Tag der Schöpfung gewachsen sein muss.“</p>
<p>„Du meinst also, ich solle den Leuten aufs Maul schauen und betrachten, was sie dabei tun und hantieren, das sei die ganze Weisheit, das ganze Geheimnis? Gut, ich habe ja vernommen und gelesen, wie die Menschen das ihnen Heilige und das diesem Entgegengesetzte benennen: heilig eben und unheilig, fromm und widergöttlich, erbauend und verwirrend, sakral und profan, inspiriert und erkünstelt, rein und unrein, erlöst und verdammt – und ich habe auch öfters mitangesehen, wie sie ihre Gotteshäuser bauen, einrichten und weihen, wie sie bei der Taufe dem Bösen eine Abfuhr erteilen und den Täufling segnen, ich weiß, wie sie sich von ihren Sünden rituell entlasten und ihre Toten in geweihter Erde feierlich bestatten. Wenn ich dermaßen meine Nase auf der flachen Gegenwart plattdrücke, wie gewinne ich den nötigen Abstand, dessen es bedarf, um all die Dinge begrifflich zu bestimmen? Weiß ich, was fromm ist, wenn ich von Hinz und Kunz vernehme, wie sie zu diesem sagen, er sei fromm, und zu jenem, er sei es nicht?“</p>
<p>„Ja, wenn du neben Hinz und Kunz den Diakon, den Kantor, den Priester und den Bischof, meinetwegen auch den einen oder anderen deiner Theologen, ebenso gut aber auch die religiös inspirierten Dichter und Komponisten stellst und auch diese befragst und ihre Werke als Zeugen mit aufnimmst. Lerne, der Fülle des Vorhandenen recht zu geben!</p>
<p>Dann kannst du selbst zu reden beginnen. Wie wenn du sagtest, in der Osterliturgie und durch die Lichtfeier der Osternacht werde der Erfahrung eines gnadenhaften Neubeginns symbolhaft Ausdruck verliehen, dem Geschenk des Wiederlebenkönnens nach hoffnungslos scheinender Erstarrung, dem Geschenk des Wiederredenkönnens nach hoffnungslos scheinendem Verstummen, dem Geschenk des Wiederhandelnkönnens nach hoffnungslos scheinender Ermattung: Nein, du wirst sagen, nicht nur werde dieser Erfahrung in der heiligen Handlung am heiligen Ort zur heiligen Zeit symbolhaft Ausdruck verliehen, sondern diese plötzlich in tiefste Nacht einbrechende Helle, dieses Rufen nach dem heiligen Licht, dieses strahlende Klingen aus der Höhe, sie seien der Neubeginn, sie seien das neue Leben, sie seien das neue Sagen, sie seien das neue Handeln!</p>
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		<title>Philosophieren XVIII</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xviii/</link>
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		<pubDate>Sun, 28 Jul 2013 11:47:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Eucharistie]]></category>
		<category><![CDATA[heilige Zeit]]></category>
		<category><![CDATA[heiliger Ort]]></category>
		<category><![CDATA[Heiliges Jahr]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Religion]]></category>
		<category><![CDATA[religiöse Erziehung]]></category>
		<category><![CDATA[rituelle Handlung]]></category>
		<category><![CDATA[Sakrament]]></category>
		<category><![CDATA[Tefellin]]></category>
		<category><![CDATA[Thorarollen]]></category>
		<category><![CDATA[Ziborium]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Die geweihten Hostien werden in einem Ziborium genannten goldenen Gefäß aufbewahrt, das mit einem verzierten Deckel verschlossen wird, auf dessen Kuppel ein Kreuz ragt. Das Ziborium wird zum Zeichen seiner Heiligkeit mit einem edlen und kostbar bestickten Tuch, dem Ziboriumvelum, verhüllt. – Wenn du die Kirche betrittst, gehst du ans Weihwasserbecken, tauchst deine Finger hinein [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xviii/">Philosophieren XVIII</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Die geweihten Hostien werden in einem Ziborium genannten goldenen Gefäß aufbewahrt, das mit einem verzierten Deckel verschlossen wird, auf dessen Kuppel ein Kreuz ragt. Das Ziborium wird zum Zeichen seiner Heiligkeit mit einem edlen und kostbar bestickten Tuch, dem Ziboriumvelum, verhüllt. – Wenn du die Kirche betrittst, gehst du ans Weihwasserbecken, tauchst deine Finger hinein und bekreuzigst dich. – Vor dem Altar angekommen bist, beugst du das Knie und schlägst das Kreuzzeichen. – Jetzt müssen wir alle still sein, das Heilige Sakrament wird vorübergetragen. – Du darfst als getaufter Mann nach gewissenhafter Prüfung deiner Berufung und nach intensiven Studien und asketischen Übungen die Priesterweihe empfangen, die Weihe vornehmen darf nur der Bischof. – In diesem geweihten Kelch wird der Wein für die Einsegnung aufbewahrt, in jener Schale das Öl für die Letzte Ölung, in dieser Schale wiederum das Öl für die Priesterweihe.</p>
<p>Die Thorarollen werden in einem heiligen Schrein der Synagoge aufbewahrt, der die Mitte der Wand durchbricht, die gen Jerusalem zeigt, und von einem prachtvollen Vorhang verhüllt wird, auf dem heilige Zeichen und Bilder in Gold oder anderen kostbaren Stoffen prangen. – Die Thorarolle darfst du nicht mit bloßen Händen anfassen. – Die Gesetzesrolle dürft ihr nicht wie schlichten Müll entsorgen, sie gilt in gewissem Sinne als ein Lebewesen und muss rituell bestattet werden, wenn sie außer Gebrauch gekommen ist. – Bei nur einem Schreibfehler verliert die Rolle ihren Wert und muss vernichtet werden. – Am Sabbatabend muss das Kind den Vater, der die Zeremonie leitet, nach den Geschehnissen im Land der Ägypter fragen, als Moses die Juden aus der Gefangenschaft führte. – Beim Mahl zum Gedenken des Exodus dürfen nur ausgewählte Speisen und Getränke verzehrt werden, wie Matze genannte salzlose Brote und Bitterkräuter, die an die Umstände der Flucht erinnern. – Der Vorleser des Tagesabschnittes der Thora bindet sich, bevor er die Synagoge betritt, die Tefellin genannten Lederriemen mit Gebetskapseln für Stirn und Oberarm um, auf dass seine Aufmerksamkeit auf den heiligen Text befördert und gesteigert werde.</p>
<p>Wie werden die Vorschriften zum Umgang mit geweihten Gegenständen des religiösen Kults, wie die den Laien und einfachen Gläubigen vorgeschriebenen Gebete und zeremoniellen Bewegungen während der liturgischen Feier und wie die Regeln für die anderen rituellen Handlungen weitergereicht und ins Gedächtnis geprägt? Wer sagt und tut was wie an einem heiligen Ort zu einer heiligen Zeit? Wem, welchen Einzelnen, welcher Gemeinschaft, gelten welche Gegenstände, welche Handlungen, welche Orte und welche Zeiten als heilig? Wer ist befugt, Gegenstände, Orte und Zeiten durch welche rituellen Handlungen zu heiligen? Wie verhält sich die heilige Zeit an heiligem Ort zur profanen Zeit an säkularem Ort? Wie steht es um dich, wenn du die Schwelle zum heiligen Ort überschritten hast?</p>
<p>Die zum Umgang mit den heiligen Stoffen und Dingen sowie der Ausführung heiliger Handlungen amtlich-institutionell bestallten und beauftragten Personen wie Priester und Bischöfe, Rabbiner und Kantoren werden zu ihren frommen Diensten erst zugelassen, wenn sie etliche Schulbänke gedrückt haben, um das von der vorigen und vorvorigen Generation angesammelte und weitergereichte Wissen über die religiösen Angelegenheiten sich ihrerseits erfolgreich anzueignen. Und auch sie selbst werden ihr Wissen und Können an die folgenden Generationen weitergeben.</p>
<p>Die Laien lernen den Umgang mit religiösen Stoffen und Dingen wie dem Weihwasser und dem Rosenkranz und die korrekte Ausführung zeremonieller Bewegungen wie Kniebeugen oder Kreuzzeichen sowie die liturgisch gebrauchten Gebete und Lieder als Kinder durch Nachahmung des elterlichen Vorbilds und mittels der Befolgung der Anweisungen der Eltern. Religion ist das Ergebnis kulturellen Lernens und kultureller Überlieferung. Das Kind hört vor den gemeinsamen Mahlzeiten die Großen das Tischgebet sprechen und allmählich spricht es die Worte mit, auch wenn es sie nicht oder nicht zur Gänze versteht – dies ist auch nicht vonnöten, es dringt auch so in die Atmosphäre und die Aura des Religiösen vor. Es spürt, anders als bei Märchen und Puppenspielen weht um das Religiöse ein heiliger Ernst, hinter dem sich eine fordernd-prüfende, aber auch liebend-vergebende Macht verbirgt. Das Kind wird spielend in den Kreis der Feiern des Heiligen Jahres mit einbezogen: Es freut sich an der Gestaltung und den Gestalten der Krippe, singt zum ersten Mal ein Weihnachtslied, hält zum ersten Mal aufgeregt die Osterkerze. Später wird es im Religionsunterricht und in der Katechese gründlicher in die Inhalte und Formen des Glaubens eingeführt. Das Kind sollte nicht zu argwöhnischem Befragen und Bekritteln der dargebotenen Glaubensinhalte verleitet und verführt werden. Und wenn es fragt, können ihm Geschichten und Legenden, Lieder und Andachtsbilder die entstandene Lücke leicht füllen. Im Umgang mit dem Unverständnis, dem Spott und der Häme atheistisch-bösartiger Zeitgenossen wird es später genügend Eigensinn, Mut und Tapferkeit zur Selbstbehauptung aufbringen müssen.</p>
<p>Dinge wie Kerzen und Räuchergefäße, Kelche und Schalen, Tücher und Vorhänge, Gewänder und Stolen, Stoffe wie Öl und Narde, Weihrauch und Wasser werden am heiligen Ort zur heiligen Zeit von dazu durch eigene Weihe berufenen Personen wie Priestern und Bischöfen geweiht. Um ihres Dienstes am Heiligen willen sind die Dinge und Stoffe kostbar, edel, exquisit: Schon ihr Anblick, ihr Duft, ihr Schimmer und Glanz vermögen dich über die Schwelle alltäglicher Laxheit und Lauheit in die Schärfe und Wachheit außeralltäglicher Wahrnehmung und Wachheit zu heben. Der Umgang und das Hantieren der berufenen Personen mit solchen Dingen und Stoffen im Vollzug heiliger Handlungen wie der Segnung der Gemeinde oder der Weihe eines Priesters durch den Bischof verlangen ein Höchstmaß an Sorgfalt und den skrupulösen Sinn des Jongleurs auf dem Hochseil für die außerordentliche Gefahr der Grenzverletzung.</p>
<p>Die geweihten Dinge und Stoffe dienen dem Vollzug ritueller Handlungen, deren Ablauf und Gestaltung durch den Festkalender des Heiligen Jahres und ihren Bezug auf den jeweiligen rituellen Inhalt wie die Eucharistie, die Marienandacht, die Taufe, die Firmung oder die Letzte Ölung festgeschrieben sind. Der Sinn der Ausrichtung des eigenen Lebens am Rhythmus des Heiligen Jahres und der religiösen Rites de Passage ist die Durchkreuzung und Überwindung der profanen Zeit durch die Zeit des Heiligen. Die Geburt wird durch die Taufe durchkreuzt und überwunden, die Tischgemeinschaft der Familie durch die Gemeinschaft der Eucharistie, der Eintritt in die Gemeinschaft von Volk und Nation durch die Bekräftigung der Zugehörigkeit zur universalen Gemeinschaft der Kirche bei der Firmung, die rechtliche Verpflichtung im weltlichen Ehegelöbnis durch das sakramentale Ehegelöbnis, der Tod durch die Macht der Letzten Ölung als Wegzehrung für den Weg zu einem anderen Ort.</p>
<p>Der Vollzug der Weihehandlung, der Ritus, verlangt den langen, den langsamen Atem, das wache, staunende Herz, das kühne Stehen wie im Mittelpunkt der Welt, das weiche Knien wie auf dem Gipfel der Zeit. Verhüllten Angesichts, verhalten und bedachtsam führt der Priester den Kelch in die Höhe und psalmodiert die Wandlungsworte. Der Ministrant schwingt das Weihrauchbecken im Hochamt mit lässiger, groß ausladender Geste aus dem Handgelenk. Es genügt, über einen einzigen Vers der Psalmen, des Hohelieds, des Korintherbriefes zu sinnen und zu meditieren, um das leidende Gemüt zu kühlen und den Geist zu befeuern.</p>
<p>Was du an einem heiligen Ort zu einer heiligen Zeit sagst und tust, unterscheidet sich von dem, was du zu Hause, auf der Straße, in der Schule, auf der Universität, im Büro oder bei der Fußpflege zu sagen und zu tun pflegst. Zu Hause oder bei deiner Freundin redest du frei von der Leber weg, wie dir der Schnabel gewachsen ist, du fläzt dich auf der Chaiselongue, ziehst wegen der Hitze dein T-Shirt aus und gähnst gedankenlos vor dich hin oder klopfst dir angesichts einer gelungenen Pointe in deiner Lieblingsfernsehserie lauthals lachend auf die Schenkel. Wenn dein Bekannter dich auf der Straße grüßt, würzt du ihm seinen kurzen Aufenthalt augenzwinkernd und wild gestikulierend mit einer Klatschgeschichte. In der Schule stürmen die Kinder brüllend und johlend aus den Klassenräumen, sobald es heißt: „Hitze frei!“ Während der Vorlesung tuschelt dir dein ewiger Nachbar kichernd eine Story über das angeblich sexuell abweichende Verhalten des Referenten ins Ohr. Im Büro wettert deine Kollegin wieder unflätig gegen die Arroganz des Chefs. Bei der Fußpflege rätselt man über den Namen des neugeborenen englischen Thronfolgers.</p>
<p>Das Meiste von dem, was und wie wir alltäglich daherreden, das Meiste von dem, wie wir uns alltäglich verhalten und gebaren, was wir mit Gesten und Grimassen darstellen, ist dir zu heiligen Zeiten an heiligen Orten untersagt, ausdrücklich oder unausdrücklich verboten. Du darfst dich nicht spontan äußern, nicht reden, was du denkst oder was dir gerade in den Sinn kommt. Was du zu sagen hast, deine Meinung, deine Ansicht über dies und das, über Hinz und Kunz, über Gott und die Welt zählen hier nicht, sie sind gleichgültig und belanglos, sie sind nicht gefragt. Du kannst deine Ansichten und Meinungen, deine Redegewohnheiten und Redewendungen, deine billigen Witze und deine sublimen Geistesblitze getrost zu Hause lassen und dich ihrer für die heilige Zeit am heiligen Ort entledigen, dich von ihnen entlasten. Was zur heiligen Zeit am heiligen Ort gesagt und getan wird, sind nicht deine Worte, nicht deine Handlungen, sondern Worte und Handlungen alter Überlieferung, weitergegeben als kostbarstes Erbe vom Vater auf das Kind und Kindeskind – du hast ihnen nur dein Ohr ganz zu leihen, dein Auge ganz zu öffnen, um dich ihrer würdig und wert zu erweisen. Das, was am heiligen Ort gesagt werden darf und gesagt zu werden pflegt, Wort heiliger Überlieferung, sind Gebete, Auszüge aus heiligen Schriften und Worte ihrer Ausdeutung aus berufenem Munde. Du brauchst dir des vollen Sinns der Sätze, die dir im Gebet von den Heiligen, Erwählten und Propheten aus der Tiefe der Geschichte auf die Lippen gehoben werden, nicht zur Gänze, nicht in allen Stücken bewusst zu sein. Es ist dir genug an Gnade aufgespart, auf dass du dich von ihnen wie auf Flügeln des Engels eine Zeit lang, die heilige Zeit am heiligen Ort, tragen und über die Spitzen und Ritzen und Zähne deines Wollens und Wünschens und Träumens hinwegheben lassen darfst.</p>
<p>Eben deine Wünsche und dein ganzes Wollen, das deinen Alltag rechtens mit Absichten und Gedanken füllt, bedrängt oder versüßt, verblassen und entwirklichen sich am heiligen Ort zur heiligen Zeit wie überschneite Gegenstände im Mondlicht. Der Gedanke, dass du krank oder alt oder hässlich bist, oder dass du jung und gutaussehend und attraktiv bist, die Absicht, deinen Berufsabschluss voranzutreiben, deinen Partner zu überraschen, zu den Stätten der alten Griechen zu reisen – Gedanken und Absichten des Alltags verlieren ihr Gewicht, werden angesichts dessen, was am heiligen Ort zur heiligen Zeit gesagt und getan wird, unscheinbar, durchsichtig, geringfügig wie die Gedanken und Absichten eines Fremden. Aber die widersprüchlichen, einander jagenden und auslöschenden Gedanken und die feindseligen, dir und anderen Schaden bringen wollenden Absichten würden dein Ohr ganz verstopfen, dein Auge ganz blenden, dein Herz ganz verstocken für das, was am heiligen Ort zur heiligen Zeit gesagt und getan wird. Deshalb musst du die unreinen Gedanken und die unreinen Absichten durch Akte und Übungen der Reue und Buße von dir abgetan haben und mit dir ins Reine gekommen sein, bevor du den heiligen Ort zur heiligen Zeit aufsuchst.</p>
<p>Und ebenso sind dein Tun und Leiden, dein Handeln und Unterlassen, die in deinen Alltag unentwegt die Muster deines Lebens sticken, dir leiser und unwirklicher entronnen als fernes Brandungsrauschen um den hohen Fels des heiligen Orts. Was du tust, steht nicht in deiner Absicht, du schuldest es dem vorgeschriebenen Zeremoniell, du dankst es dem von Kindesbeinen an eingeübten Ritual. Die alten Gebete kommen dir gemeinsam mit den anderen Gemeindegliedern über die Lippen, gemeinsam mit den anderen beugst du das Knie und gemeinsam schlägst du das Kreuz. Du hast nicht Besonderes, Eigenes, Eitles zu sagen und zu tun, dein Besonderes, Einziges, Eitles zergeht in der vollkommenen Schlichtheit und schlichten Vollkommenheit heiliger Worte und ritueller Gesten. Das Rohe, Laute, Animalische, das in Lachen und Johlen, Spotten und Spucken, Schlingen und Saugen aus dem Grund- und Brackwasser unserer Primärwünsche aufspringt und aufspritzt, wird in der heiligen Feier außer Kraft gesetzt, muss gleich einem kläffenden Köter draußen angebunden warten. Also wirst du dich am heiligen Ort gesittet und züchtig betragen und deine Blöße nicht enthüllen. Deine Haltung wird nicht erschlaffen, sie ist gestrafft und in das Geschehen gereckt und geweckt, deine Gesten willfahren und schmiegen sich den Verfügungen und Fugungen des Zeremoniells an.</p>
<p>So ist die heilige Feier am heiligen Ort zur heiligen Zeit weder Arbeit noch Muße. Arbeit ist die absichtsvolle Aufwendung von Kraft und Ressourcen, um gemeinsam mit den Arbeitskollegen des Teams ein vorgestecktes Ziel zu erreichen. Der Zweck der Arbeit und der einzelnen kooperativ abgestimmten Arbeitsschritte liegt außerhalb des Kreises der Arbeit und Herstellung: Das Auto fährt vom Band, die es hergestellt haben, werden es in der Regel nicht besitzen und fahren. In den Mußestunden suchst du in Spaziergängen oder sportlichen Aktivitäten Erholung und Regeneration der durch Arbeit verbrauchten Kräfte. So liegt auch der Zweck der Muße, dem Anschein entgegen, da du gerne spazieren gehst (aber du kannst auch gerne deiner Arbeit nachgehen), außerhalb des Kreises der müßiggängerischen Beschäftigungen.</p>
<p>Die heilige Feier, das, was am heiligen Ort zur heiligen Zeit gesagt und getan wird, hat keinen Zweck außerhalb des Kreises dessen, was hier und heute, dort und dann gesagt und getan wird – gemessen an den Maßstäben von Arbeit und Muße ist sie reine Zeitverschwendung. Dein Alltag wird ohne Unterlass und ohne Gnade von der Allmacht des Schicksals in Richtung Zukunft gezogen: Morgen hast du dies und das zu erledigen, übermorgen fährst du in die Ferien, nächstes Semester machst du Examen, im kommenden Jahr blickst du deiner Pensionierung entgegen, und dann wirst du früher oder später für immer Abschied nehmen müssen. Die animalisch-spirituelle Sorge und die Angst in und vor der Welt bleiben mahnende, aber stumme Schatten, das letzte Wort wird ihnen entzogen, sobald du die Schwelle zum heiligen Ort überschreitest: Die Zeit steht still, eine andere Zeit hebt an, in der das Einzigartige, das Außerordentliche wiederholt wird und es die Ordnung deines Lebens sich anverwandelt. Das Geschrei und das grelle Tageslicht versinken hinter dir, die Dinge des Alltags verlieren das Zudringliche, Schattenlose, Wimpernlose ihres Daseins, ihres nackten Anspruchs auf deine Lust und deine Vergänglichkeit.</p>
<p>Im bunten Dämmer des heiligen Orts sind die Dinge des Alltags unter dem Licht stiller Kerzen der Schärfe ihrer Umrisse benommen und gleichsam ausgehöhlt und entleert von der schweren Substanz ihres Anspruchs auf deine Aufmerksamkeit, deinen Gebrauch und deine Unterwerfung. In der Betrachtung heiliger Gegenstände und heiliger Handlungen betrachtest du dich selbst wie einen Wanderer, den Schatten eines Wanderers, der in hoher Mondnacht leichte, leicht verwehte Spuren im Schnee hinterlässt. So wirst du angesichts der ewigen Heiligkeit des Heiligen gleichmütig gegen die Wirklichkeit deiner Existenz, wie du gleichmütig wirst gegen die Möglichkeit deiner Nicht-Existenz.</p>
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		<title>Philosophieren XVII</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xvii/</link>
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		<pubDate>Thu, 25 Jul 2013 08:48:17 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Ding]]></category>
		<category><![CDATA[Körper]]></category>
		<category><![CDATA[Phänomen]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Wahrnehmung]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Wer oder was befindet sich (liegt, steht, hängt) wie wo (an, auf, über, hinter, vor, in wem, zwischen wem und wem)? Wer oder was bewegt sich wie wo woher wohin? Das Buch liegt auf dem Tisch. Über dem Tisch hängt auf halber Höhe zur Decke ein Spiegel. Neben dem Tisch befindet sich zwischen dem Sofa [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xvii/">Philosophieren XVII</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wer oder was befindet sich (liegt, steht, hängt) wie wo (an, auf, über, hinter, vor, in wem, zwischen wem und wem)?<br />
Wer oder was bewegt sich wie wo woher wohin?</p>
<p>Das Buch liegt auf dem Tisch. Über dem Tisch hängt auf halber Höhe zur Decke ein Spiegel. Neben dem Tisch befindet sich zwischen dem Sofa und der Anrichte ein Regal mit Vasen, bunten Kieseln, Muscheln, Versteinerungen. In der Anrichte werden ein Tee- und ein Kaffeeservice aufbewahrt. Oben an der Decke schwebt eine Leuchte. In der Ecke steht vor einem Ficus ein Aquarium, in dem Zierfische mal im Wasser stehen, mal blitzschnell hin- und herflitzen. Eine Pumpe hält das Wasser in Bewegung, es sprudelt. Während du in Ruhe all das betrachtetest, senkte sich die Dämmerung herab, die Umrisse der Dinge wurden unscharf.</p>
<p>Unter Verwendung eines ganzen Sets von Präpositionen kannst du den Gegenständen die Stellen und Örter im Raum zuweisen, an denen sie sich aufhalten. Du kannst damit ebenso die räumlichen Beziehungen bezeichnen, die die Dinge untereinander unterhalten. Welcher Art diese Gegenstände sind, erfahren wir mittels ihrer Klassifikation: Wasser ist ein Stoff, Kiesel sind Dinge. Muscheln und Versteinerungen Dinge, die das Relikt oder den Abdruck lebendiger Organismen darstellen. Tische, Spiegel, Sofas, Vasen, Anrichten, Tee- und Kaffeeservice, Leuchten, Aquarien und Pumpen sind von Menschen entworfene und hergestellte Dinge zu zweckdienlichem Gebrauch. Fici sind Pflanzen, Zierfische sind Tiere, und du bist ein Mensch. Und was ist Licht, die Dämmerung, kannst du es sagen?</p>
<p>Soll man sagen, wie viele meinen, da wo du bist, gibt es die räumliche Ordnung der Dinge, wenn du im Raum verweilend Sätze wie die genannten hersagst? Aber auch wenn du fern weilst, bleibt das Buch auf dem Tisch liegen, der Spiegel an der Wand hängen, die Sachen im Regal und in der Anrichte, die Leuchte an der Decke, der Ficus und das Aquarium in der Ecke, die Fische im Aquarium. Auch wenn du fern weilst, stehen die Fische mal im Wasser, mal flitzen sie hin und her.</p>
<p>Du könntest fragen: Und das sprudelnde Geräusch des Wassers im Aquarium, ist es noch da, wenn keiner es hört? Das Geräusch ist freilich verschwunden, aber die Luftwellen, verursacht vom Sprudeln des Wassers, sind und bleiben im Raum, sie sind und bleiben hörbar, vorausgesetzt es gibt Organismen wie uns mit guten Lauschern. Die Schallwellen könnten jederzeit gehört werden, auch wenn sie jetzt, da du fern bist, nicht gehört werden und nicht gehört werden können.</p>
<p>Die Realität der Dinge ist grundlegend verschieden von der Realität ihrer Bilder und Repräsentationen: Wenn du aus dem Radius trittst, innerhalb dessen die von dir ausgehenden Lichtwellen im Spiegel reflektiert werden, verschwindet dein Bild im Spiegel. Das Bild, die Zeichnung, die Fotografie der Katze kann verloren gehen, geknickt oder verbrannt werden, die Katze bleibt derweil ungerührt auf dem Sofa liegen, ihr geschieht nichts dergleichen.</p>
<p>Die Dinge und die Ordnung der Dinge sind also auch keine Phänomene, wenn ein Phänomen das ist, was die Weihen der Existenz ausschließlich dem verdankt, der es wahrnimmt. Man kann demnach nicht sagen, die Dinge sind Phänomene und darüber hinaus noch etwas mehr, etwas anderes, etwas, das wir nicht kennen und das uns für immer verborgen bleiben wird wie die von der Erde abgewandte Seite des Mondes.</p>
<p>Die Dinge sind uns bekannt, soweit wir sie wahrnehmen, mit ihnen umgehen, sie herstellen und gebrauchen. Was sie sonst noch sind, sagt uns die Wissenschaft, zum Beispiel, dass Wasser nicht nur der wohlbekannte durchsichtige, nasse, Durst und Feuer löschende Stoff ist, der in unserer Küche aus dem Wasserhahn fließt, sondern zusammengesetzt ist aus Wasserstoff und Sauerstoff, chemischen Elementen, die wahrzunehmen unser Wahrnehmungsvermögen nicht ausreicht.</p>
<p>Die Dinge sind uns bekannt, weil wir sie benennen und als Steine, Möbelstücke, Gebrauchsgegenstände, Pflanzen und Tiere klassifizieren können. Dinge, die uns jetzt nicht bekannt sind, können wir morgen entdecken oder erfinden. Die Ordnung, in der sich die Dinge befinden, gruppieren, situieren, die Ordnungsschemata, mit denen wir die Dinge in einer Ordnung positionieren, gruppieren, situieren, ist nicht beliebig und willkürlich, denn das Buch liegt tatsächlich auf dem Tisch, der Ficus steht wirklich in der Ecke und die Fische schwimmen ganz bestimmt im Aquarium.</p>
<p>Wir können natürlich unserem philosophischen Spieltrieb nachgeben und spaßeshalber an den großen ontologischen Stellschrauben drehen, die uns die Ordnung der Dinge vor die Nase setzen. Drehen wir ein bisschen an „g“ und murksen an der Gravitationskonstante herum. Da kann es dann sein, dass das Wasser aus dem Aquarium in die Höhe schwebt und nicht mehr sprudelt, sondern gluckst, dass in spiritistischer Anmutung das Buch über dem Tisch, der Tisch über dem Boden, das Sofa an der Decke schwebt. Das Porzellan in der Anrichte ist zerdeppert, die Fische in der Luft krepiert. Kein Ort, an dem wir uns länger aufhalten wollen. Allerdings zeigt uns das Szenario, dass diese Ordnung nicht mehr unsere Ordnung ist, aber unsere altgedienten Ordnungsschemata sind unter gewohnter Verwendung unserer altgedienten Präpositionen zäh und widerstandsfähig genug, es mit dieser befremdlichen Welt aufzunehmen und die dortigen Dinge zu beschreiben, wie sie sind.</p>
<p>Das Wasser bewegt sich und sprudelt aufwärts und wieder hinab. Die Fische stehen still oder flitzen hin und her. Die Dämmerung senkt sich herab. Mit den Fischen tun wir uns nicht schwer: Sie sind singuläre Wesen, die in der Raum-Zeit hin- und herflitzen, und die wir unter Verwendung singulärer Dingwörter wie eben „Fisch“ gut zu packen kriegen. Doch dass sie erst hin- und dann herflitzen oder umgekehrt, macht uns stutzig: Es ist ja nur sinnvoll zu sagen, etwas bewege sich hin oder her, wenn du in der Mitte der Feststellung thronst und der Fisch sich hin zu dir oder her zu mir bewegt. Heißt das, die Fische flitzen nicht mehr hin und her, wenn du aus dem Zimmer gegangen bist!</p>
<p>Genau das heißt es! Relativbewegungen wie das Hin- und Herflitzen der Fische im Aquarium haben den Sprecher zum perspektivischen Mittelpunkt. Indes bewegen sich die Fische in deiner Abwesenheit durchaus weiter, wenn sie auch nur im übertragenen Sinne hin- und herflitzen. Diese Bewegungen kriegen wir auch in und trotz deiner Abwesenheit zu fassen: Wir behandeln das Zimmer als cartesischen Käfig und malen ihm auf dem Boden und an den Wänden Koordinaten auf, wobei sich die 3 Raumkoordinaten in der Zimmerecke kreuzen, in der das Aquarium steht. Die Koordinaten markieren wir in regelmäßigen Abständen mit Strichen und Zahlen. Wir sagen jetzt: Fisch A hat sich vom Ort 5-7-11 zum Ort 10-7-11 in gerader, dem Boden paralleler Richtung bewegt. Wir können es mit unserer Lust an der Exaktheit auch noch bunter treiben und sagen dann: Fisch A hat sich vom Ort 5-7-11 zum Ort 10-7-11 in gerader, dem Boden paralleler Richtung in dem Moment bewegt, als du in den Spiegel schautest. Oder wenn schon, denn schon: Fisch A hat sich vom Ort 5-7-11 zum Ort 10-7-11 von 15.33.13 Uhr bis 15.33.17 Uhr MEZ in gerader, dem Boden paralleler Richtung bewegt.</p>
<p>Mit Wasser und Dämmerungen haben wir eher philosophische Berührungsängste. Wenn sie herabsprudeln oder sich herabsenken, stehen wir als Mittelpunkt der Wahrnehmung und als perspektivischer Ort der Aussage gern stramm. Aber in unserer Abwesenheit: Was sagen wir dann? Wir bekommen, wie das bei in der Raum-Zeit vagabundierenden Stoffen so zugeht, mit singulären Ausdrücken nichts zu packen. Deshalb müssen wir umständlich werden und die Suppe gleichsam verteilen: Hier ein Löffelchen, da ein Löffelchen, wobei zum guten Schluss in ein Löffelchen ein Wassermolekül oder ein Photon gehört. Dann machen wir uns wieder unseren cartesischen Käfig zurecht und legen los. Nur Spaß! Wir wissen ja, dass wir Photonen auf die gute alte cartesische Tour nicht aufspüren und verorten können.</p>
<p>Während du all das betrachtetest, senkte sich die Dämmerung herab. Bevor sich die Dämmerung herabzusenken begann, warst du nicht in dem Zimmer. Nachdem sich die Dämmerung herabgesenkt hatte, warst du nicht mehr in dem Zimmer. Du verweilst so lange in dem Zimmer, wie sich die Dämmerung herabsenkt. Wenn sich die Dämmerung ganz herabgesenkt haben und die Nacht hereingebrochen sein wird, wirst du nicht mehr in dem Zimmer sein. Zwischen dem Moment, als du dich im Spiegel betrachtetest, und dem Moment, als dir das Geräusch des sprudelnden Wassers bewusst, du seiner gewahr wurdest, hatten sich die Fische im Aquarium zwanzigmal hin- und herbewegt.</p>
<p>Wir erzählen von dir als einem, der sich zu einem unbestimmten Zeitpunkt der Vergangenheit in dem beschriebenen Zimmer aufgehalten hat. Durch die Erwähnung der Tatsache, dass du all die Dinge betrachtetest, im narrativen Tempus des Präteritums geraten die vorangestellten Beschreibungen der Dinge in ein neues Licht: Die Aussagen werden jetzt als Aussagen im historischen Präsenz erkennbar.</p>
<p>Eine Handlung oder ein Ereignis, das sich zeitlich vor dem im Präteritum erzählten Geschehen abspielt und im Moment des Eintritts des im Präteritum erzählten Geschehens abgeschlossen ist, pflegen wir im Tempus der Vorvergangenheit, dem Plusquamperfekt, zu beschreiben. Eine Handlung oder ein Ereignis, das vor einem in der Zukunft stattfindenden Geschehen abgeschlossen sein wird, beschreiben wir im Tempus der vollendeten Zukunft, dem Futur II.</p>
<p>Wie wir den räumlichen Bezug der Dinge mittels der Verwendung der lokalen Präpositionen ziemlich gut und genau angeben können, so wenn wir darauf hinweisen, dass ein Ding zwischen einem anderen und noch einem anderen liegt, können wir auch die Handlungen und Ereignisse in ihrem zeitlichen Bezug ziemlich gut und genau mittels der Verwendung von Satzgebilden aus Hauptsätzen und Nebensätzen angeben, die mit temporalen Konjunktionen wie während, als, bevor, nachdem, solange, bis eingeleitet werden. Wir setzen in diesen Sätzen die Verben in die verschiedenen Zeitstufen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, so wenn wir darauf hinweisen, dass ein Ereignis vor dem Eintritt eines anderen Ereignisses geschehen ist oder dass eine Handlung geschehen sein wird, wenn eine andere Handlung auf sie folgt.</p>
<p>Wir können noch mehr, nämlich auf Ereignisse und Handlungen oder eine Reihe von Ereignissen und Handlungen Bezug nehmen, die im Rahmen eines sie zeitlich einschließenden Ereignisses oder einer sie zeitlich einschließenden Handlung von größerer Dauer ablaufen, wie darauf, dass du dich während der Lektüre dieses Textes in unterschiedlichen Zeitabständen an die Stirn gefasst, in der Nase gebohrt und die Brille geputzt hast.</p>
<p>Wie wir als verkörperte Wesen uns mit den Spezifika körperlicher Existenz unter anderen Körpern im Raum herumzuplagen genötigt oder zu verlustieren geneigt sind, sind wir als zeitliche Wesen in dem Rahmen von früher und später eingetretenen und eintretenden Ereignissen und Handlungen eingehaust oder zu Hause. So laufen die Dinge hier ab. Alle Ereignisse ordnen wir nämlich Zeitpunkten zu, die sie als früher oder später als andere Ereignisse einstufen. Das zeitliche Geschehen lässt sich ebenso wenig auf Akte der Zeitwahrnehmung reduzieren wie die Körperdinge auf bloße Phänomene der Dingwahrnehmung. Es ist schlicht wahr zu sagen, dass du gestern an jenem Ort warst und heute hier bist. Und dass du morgen zu unserem Treffpunkt kommen wirst, ist sehr wahrscheinlich.</p>
<p>Sollen wir großes Aufheben um die schlichte Tatsache machen, dass wir Zeitlinge die Zeitlichkeit des Daseins von Katz und Maus, von Hinz und Kunz auf dem Schirm haben oder dass wir unserem endgültigen Hinschied ins Auge zu sehen haben? Sollen wir uns jetzt noch länger in unserem Zimmer langweilen oder um die Langeweile zu vertreiben uns existentiell ein bisschen erregen mit Formeln falschen Pathos wie der Formel vom Sein zum Tode oder mittels Trivialitäten wie des Unterschieds zwischen vorhandenen und zuhandenen Dingen, Dingen der natürlichen und Dingen der künstlich-kulturellen Ordnung, zwischen Stein, Fisch und Vase und den unterschiedlichen Auren des Sinns, die sie vorgeblich ausdünsten? Es reicht für unseren Hausgebrauch allemal hin, den Unterschied zu sehen. Dann verlassen wir leise vor uns hinsummend das Zimmer und vertreten uns draußen in der anregenden Atmosphäre der sich herabsenkenden Dämmerung noch ein wenig die Beine.</p>
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		<title>Philosophieren XVI</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xvi/</link>
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		<pubDate>Wed, 24 Jul 2013 11:27:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Sekundärwunsch]]></category>
		<category><![CDATA[Verpflichtung]]></category>
		<category><![CDATA[Versprechen]]></category>
		<category><![CDATA[Wille]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Du tust, was du willst. Du tust nur das, was du willst. Was du nicht willst, könntest du vielleicht tun, tust es aber jetzt nicht. Du tust nicht, was du nicht willst. Du kannst nicht tun, es ist dir nicht möglich zu tun, was du ein für alle Mal nicht willst. Du gibst deinem Freund [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xvi/">Philosophieren XVI</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Du tust, was du willst. Du tust nur das, was du willst. Was du nicht willst, könntest du vielleicht tun, tust es aber jetzt nicht. Du tust nicht, was du nicht willst. Du kannst nicht tun, es ist dir nicht möglich zu tun, was du ein für alle Mal nicht willst.</p>
<p>Du gibst deinem Freund die Geldsumme, die er dir freundlicherweise ausgeliehen hat, zum vereinbarten Zeitpunkt nebst den ausbedungenen Zinsen zurück. Du gibst das Geld zurück, weil du es deinem Freund versprochen hast, weil du es ihm hoch und heilig gelobt hast. Auch wenn es dir nicht leichtfällt, obwohl du die Summe gerade jetzt gut gebrauchen könntest, brichst du dein Versprechen nicht, sondern löst es ein.</p>
<p>Wenn du das Geld nur ungern, widerwillig, wider Willen zurückgibt, wider Willen zwar, aber getreu deinem Aug in Aug zugesagten Wort, wider Willen, aber pflichtbewusst – dann tust du etwas, was du eigentlich gar nicht willst, und wäre es dir freigestellt, wärest du in einer Welt, in der das gegebene Wort, das gegebene Versprechen nicht zählten – nicht in deiner Welt –, dann würdest du deinem eitlen Willen freien Lauf lassen: „Was schert mich mein Geschwätz von gestern!“</p>
<p>Aber dir gilt: Gesagt, getan. Versprochen ist versprochen. Also musst du dein Versprechen einlösen wollen, soll weiterhin das Gesetz gelten: Natürliche Organismen werden durch natürliche Ursachen und Antriebe wie Bedürfnisse und Wünsche oder durch physikalisch-chemisch-biologische Mechanismen zu Handlungen determiniert, welche sich für den Betroffenen als Bedürfnisse und Wünsche bemerkbar machen. Wenn du aber, wie du sagst, dein Versprechen eigentlich nur widerwillig einlöst, müssen wir annehmen, dass die Macht des Versprechens die Macht des natürlichen Willens zu überformen und sich unterzuordnen in der Lage ist. Die Macht des Versprechens, des Gelobens, des Treueschwurs oder der Verpflichtung setzt sich gleichsam an die Stelle unserer primären Wünsche, sodass du fähig bist zu wünschen, was du auf einer anderen Ebene eigentlich nicht wünschst.</p>
<p>Du windest dich morgens aus den Laken und machst dich schließlich trotz deines Unbehagens oder Widerstrebens auf in die Schule, die Universität, zur Arbeit. „Wenn ich mich morgens nicht mehr rausquälen würde, um zur Schule, zur Universität, zur Arbeit zu gehen, würde ich über kurz oder lang riskieren, von der Schule zu fliegen, mein Examen zu vermasseln, entlassen zu werden.“ Du willst sagen: Weil diese dir zweifellos drohenden größeren Übel das geringere Übel des morgendlichen Unbehagens übersteigen, siehst du peinlich darauf, sie durch dein Handeln zu vermeiden.</p>
<p>Ist es nicht auch so beim Versprechen? Löst du es nicht ein, könntest du Gefahr laufen, schlecht beleumundet zu werden, an Ansehen und Ehre einzubüßen, bei Freund und Feind verschrien als Betrüger und hundsgemeiner Schuft, dem nicht zu trauen ist, mit dem man keine Geschäfte machen, keine Freundschaft pflegen sollte. Also entgehst du mittels des geringeren Übels, nämlich das Geld auf den Tisch zu zählen, dem größeren, nämlich sozialer Ächtung und Isolierung.</p>
<p>Doch nehmen wir an und übertreiben wir ein wenig der Deutlichkeit und Klarheit des Gedankens zuliebe, du bist willens, dein Versprechen nicht einzulösen, möchtest aber den unangenehmen Folgen dieses Betrugs wie bösem Leumund und sozialer Ächtung entgehen und ziehst deshalb weit weg in eine andere Stadt, ein anderes Land, nimmst einen anderen Namen an und gedenkst, so ein unbeschwertes Leben zu führen. Aber die Tatsache, dass du dort hingezogen bist, weil du deinem Freund nicht mehr ins Gesicht sehen kannst, bleibt bestehen und sie besteht fort in dir, solange du dich daran erinnerst. Und diese Erinnerung ist nicht süß, sie hat einen bitteren Beigeschmack, der von dem herrührt, was wir schlechtes Gewissen nennen.</p>
<p>Können wir indes nicht annehmen, dass du dir gleichsam selbst versprochen hast, die Schule und die Universität zu besuchen und erfolgreich abzuschließen, um einen deinen Fähigkeiten angemessenen und deine Neigungen zufriedenstellenden Beruf ausüben zu können? Können wir nicht annehmen, dass du in dieser Form der Selbstverpflichtung dir ein berufliches Engagement gesucht hast, das dir ermöglicht, ein angenehmes und anständiges Leben zu führen? Dann wäre es am Ende die Macht der Verpflichtung und Selbstverpflichtung, die es dir nicht leicht, aber möglich macht, deinem Primärwunsch, liegen zu bleiben und dir noch eine Mütze Schlaf zu genehmigen, nicht nachzugeben, sondern ihn durch den mittels Selbstverpflichtung mobilisierten Sekundärwunsch zu überformen und zu ersetzen, Laken und Schlaf abzuschütteln und pünktlich in der Schule, der Universität, der Arbeit zu erscheinen.</p>
<p>Wenn dich aber aus dem Hinterhalt eine Krankheit packt, wie die mentale Erkrankung, die bewirkt, dass du paranoide Ängste vor deiner Lehrerin, deinem Professor, deinen Kollegen entwickelst, wird die finstere Macht dieser Krankheit allmählich oder rasch die lichte Macht deines Sekundärwunsches, deiner Selbstverpflichtung, deiner Lebenswahl unterspülen und unterminieren: Du bleibst morgens einfach liegen, du stehst tagelang nicht mehr auf. Alles, was du dir selbst, deinen Liebsten, deinen Freunden magst versprochen haben, verliert seine Macht und wird ohnmächtig. Und rechnen wir nicht die Unfähigkeit, Versprechen, Gelöbnisse, Eide und Schwüre einzuhalten und einzulösen, zu den Symptomen der Geisteskrankheit, an deren Endpunkt die Entmündigung steht, die amtliche Beglaubigung der Tatsache, dass der Betroffene keinen bürgerlichen Amtsgeschäften mehr nachgehen, kein Konto führen, keine Verträge schließen darf, Handlungen, die die Macht der Sekundärwüsche über die Primärwünsche, die Macht der Verpflichtung und Selbstverpflichtung voraussetzen?</p>
<p>Oder du stellst nach jahrelangem Studium der Germanistik, nach jahrelangem treuen und engagierten Dienst als Deutschlehrer an der Gesamtschule fest (infolge seltsamer Erlebnisse, aufregender Erfahrungen), dass du einen falschen Weg, einen Holzweg, gegangen bist: Jetzt erst, spät, aber nicht zu spät entdeckst du deine eigentliche Begabung, deine tiefe Neigung zu einer handwerklichen Tätigkeit wie dem Kunstschreinern, Töpfern oder Glasmalen – an diesem Zeitpunkt verwirfst du deine einstige Selbstverpflichtung und erklärst sie für null und nichtig. Nunmehr setzt du eine andere an ihre Stelle, das neu entdeckte Kunsthandwerk so gut, gründlich und sorgfältig dir anzueignen, dass du eine neue Profession daraus machen kannst, die ihren Mann (und deine Frau, deine Kinder) ernährt.</p>
<p>Wir können also wohl sagen: Du kannst dir einerseits die Gründe zu handeln klarmachen, indem du mit dem bewährten konditionalen Satzgefüge auslotest, was geschieht oder unterbleibt, wenn du tust, was du zu tun geneigt bist, oder unterlässt, was dir nicht in den Kram passt. Schwänzt du in einem fort die Schule, gerätst du auf die schiefe Bahn. Um nicht auf die schiefe Bahn abzurutschen, kriechst du morgens wenn auch widerwillig aus dem warmen Bett. In solchen Fällen konditionieren wir unseren Willen, indem wir den Primärwunsch durch den Sekundärwunsch überformen und ersetzen.</p>
<p>Anders bei den Formen der Verpflichtung: Schule, Universität und Büro sind Einrichtungen an konkreten Orten, die ihre Zeit unabhängig von deinem Wollen und Nichtwollen, deinem Tun und Lassen existieren und dauern, denen du den Rücken zudrehen und entlaufen kannst. Dein Versprechen, den Kredit bei deinem Freund dann und dann abzulösen, ist als soziale Tatsache einzig in der Welt kraft der Bewegungen und Artikulationen deines Mundes, mit denen du das Versprechen in die Welt gesetzt hast. Du hast ja mit deinem Versprechen allererst die hinreichende Bedingung für die geldliche Transaktion, die Übergabe des Geldes zu deinen Gunsten, hergestellt. Schule, Universität, Arbeitsstelle kannst du wechseln, dein Versprechen bleibt als solches an dir kleben.</p>
<p>Formulieren wir es vorsichtig: Verpflichtungen und Selbstverpflichtungen im Rahmen institutioneller Akte wie Versprechen, Geloben, Schwören haben kraft ihrer ontologischen Form, ihre Existenz einzig dem Akt zu verdanken, durch den sie ausgesagt werden, eine den Willen nötigende ethische Macht, die sich von der sozialen Macht unseres selbst oder durch andere konditionierten Willens unterscheidet. Gegebenenfalls ist die ethische Macht der Verpflichtung so stark, dass sie der äußeren sie fördernden Stimuli und Stützen wie beruflichen und privaten Erfolgs oder ihre Verletzung ahndender Risiken wie Ächtung und sozialer Isolierung entbehren zu können scheint.</p>
<p>Du hast vor Jahren vor den Beamten des Amtsgerichts und den anwesenden Zeugen deiner Frau das Ehegelöbnis ausgesprochen, das beglaubigt und ins Amtsregister eingetragen wurde. Das Versprechen der Treue und des Beistandes in allen Lagen war dir ernst und du hast es beherzigt. Du hast fleißig gearbeitet und eine berufliche Karriere aufgebaut, die es euch ermöglichte, ein nettes Häuschen anzugehen, die beiden Kinder wohl zu versorgen und auf gute Schulen zu schicken und euch da und dort schöne Urlaubstage zu gönnen. Nun, vorgerückten Alters, die Kinder sind aus dem Haus, musst du zu deinem Leidwesen erfahren, dass dich deine Frau vor langer Zeit über Jahre mit einem anderen Mann betrogen hat. Das gibt dem Rückblick auf dein Leben einen bitteren Beigeschmack und lässt dein einstiges Eheversprechen in einem fahlen Licht erscheinen. Du fühlst dich verraten, dein Lebenswerk scheint zu wanken.</p>
<p>Immerhin, könnte man sagen, sind da die Kinder. Immerhin geht es nicht um das Eheversprechen deiner Frau, das sie freilich gebrochen hat, sondern um das deine, und das hast du ja unversehrt gelassen. Wenn dein Versprechen an die Bedingung geknüpft war, dass deine Gefühle gegenüber deiner Frau die Frische und Kraft der Bejahung behielten, die sie hatten, als es dir über die Lippen kam, wäre dein Ehegelöbnis nicht unbedingt und aus eigener Vollmacht, sondern bedingt und aus fremden Motivquellen gespeist gewesen.</p>
<p>Bist du nicht kirchlich getraut, lässt das bürgerliche Gesetzbuch mittels des Scheidungsverfahrens in der Tat einen Widerruf des Eheversprechens zu, während das im Falle des katholischen Ehesakraments nicht möglich ist: Die Kirche sieht hier mit großer Klarheit und Bestimmtheit die ethische Macht des Versprechens und den autonomen Willen des Menschen, der zwar als gefallene Kreatur immerdar unter das Joch der Primärwünsche gebeugt bleibt, aber sie mittels der institutionellen Macht der Verpflichtung und der sakramentalen Macht des Gelöbnisses oder der Weiheformeln überformen und ersetzen kann.</p>
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		<title>Philosophieren XV</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xv/</link>
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		<pubDate>Tue, 23 Jul 2013 14:08:20 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
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		<description><![CDATA[<p>„Du siehst ja, mein Lieber, ich muss erst den Kleinen versorgen, dann kümmere ich mich um dich!“ – „Warte noch ein Weilchen, die Spaghetti sind bald fertig!“ – „Ab ins Bad und Hände waschen, was soll unser Gast denn denken!“ – „Der Reihe nach, bitte, jeder kriegt etwas vom Kuchen!“ – „Jetzt sitzen wir ganz [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xv/">Philosophieren XV</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>„Du siehst ja, mein Lieber, ich muss erst den Kleinen versorgen, dann kümmere ich mich um dich!“ – „Warte noch ein Weilchen, die Spaghetti sind bald fertig!“ – „Ab ins Bad und Hände waschen, was soll unser Gast denn denken!“ – „Der Reihe nach, bitte, jeder kriegt etwas vom Kuchen!“ – „Jetzt sitzen wir ganz still und falten die Hände! Großmutter ist jetzt im Himmel und schaut auf uns herab!“</p>
<p>Die Institution des Eigentums, haben wir gesehen, ist eine machtvolle Quelle des Rechts. Die Institution der Familie, sehen wir nun, ist die Pflanzstätte und die Volks- oder Elementarschule des Anstands. Anständig verhältst du dich, wenn du ohne zu jammern und zu nörgeln wartest, bis die Mutter deinen kleinen Bruder gewickelt hat und sich dann dir zuwendet. Auch auf das Essen ohne zu plärren oder zu mäkeln geduldig warten übt den Anstand. Dem Gast Achtung zollen, indem du ihm dein sauberes Pfötchen hinstreckst und dich manierlich bei Tisch beträgst, erhöht letztlich die Achtung vor dir selbst.</p>
<p>Du bist ja schon groß und kannst dich in Geduld üben, um dem Kleineren und Schwächeren den Vortritt zu lassen. So lernst du die Erfüllung eines noch so heißen Wunsches für eine kleinere oder größere Zeitspanne aufschieben. Den Aufschub erfährst und trainierst du zunächst, wenn es um die Bevorzugung des anderen geht: Der Sessel gebührt Großvater als Ehrenplatz bei seinem Besuch, da wirst du dich so lange nicht breitmachen und rekeln. Heute bekommst du Mamas altes Handy, später kannst du dir von deinem eigenen Einkommen ein tolles Smartphone leisten – jedes Familienmitglied mit dem neuesten Schnickschnack, den schicksten Markenklamotten, den angesagten Computerspielen einzudecken, gibt die Haushaltskasse nicht her.</p>
<p>Weil du fleißig im Garten, auf dem Feld, in der Werkstatt mitgeholfen hast, weil du Großmutter die Einkaufstasche getragen und Mutter beim Geschirrspülen geholfen hast, bekommst du ein Eis, eine Tafel Schokolade, darfst du heute länger aufbleiben. Weil du deiner Schwester die Murmeln weggenommen, deinen Bruder in der Schule verpetzt, deine Hausaufgaben gar nicht oder schlampig erledigt hast, darfst du heute kein Eis essen, das Fußballspiel nicht angucken, nicht ins Freibad gehen. Die Erfüllung der Anstandspflicht ist zu loben, die Verfehlung zu tadeln und abzustrafen – und dies auf angemessene, einfühlsame Weise, sodass der Größenordnung der Pflichterfüllung die Größe der Belohnung, der Größenordnung der Verfehlung die Härte der Strafe entspricht.</p>
<p>Werden diese Proportionen nicht gewahrt, züchten wir uns den verwöhnten, lebensuntüchtigen Querulanten und Kriminellen oder den verängstigten, feindseligen Unglücksraben heran. Zu viel Lob, zu üppige Belohnungen für eine läppische Bemühung, die sich eigentlich von selbst versteht, wie dass der Pimpf aufzustehen hat, wenn ein Älterer oder Gebrechlicher einen Sitzplatz benötigt, oder gar den Hosenscheißer mit Geschenken zu überschütten, der bloß faul in der Ecke liegt oder mit schmuddeligen Kindern aus dem Hof wieder Schabernack treibt: Damit füttern wir Maßlosigkeit der Ansprüche, Leistungsscheu und kriminelle Gier nach fremdem Gut sowie Schamlosigkeit im Betragen. Zu viel Tadel, zu harte Strafen für eine geringfügige Verfehlung oder gar ein unbeabsichtigtes Versehen, wie dass der strebsame Bursche eine schlechte Note nach Hause bringt, weil er wegen Krankheit die schulischen Übungen für die Klassenarbeit versäumt hat, oder aus lauter Spaß an der Freude im Schwimmbad in den Schwimmerbereich sprang und von dir herausgezogen werden musste: Damit verängstigen wir das Kind, hemmen seine fröhlich sich ausgestaltenden Neigungen, verdüstern seine Lebensfreude. Am Ende schleicht ein misstrauischer, neidischer und mürrischer Einzelgänger durchs Leben, der seine Anlagen brachliegen ließ, seine Wünsche und Lebensträume verriet, ein unglücklicher Mensch.</p>
<p>Im Kreise der Familie überformst du Gefühle der Unlust, Trauer und Niedergeschlagenheit zur komplexen sozialen Reaktion der Scham, Gefühle der Lust, Freude und Heiterkeit zur komplexen sozialen Reaktion des Stolzes. Wirst du als Kind rechtens einer Verfehlung, eines Verstoßes gegen die guten Sitten, einer lästerlichen Geste geziehen, ertappt dich die Mutter beim verbotenen Naschen, kommt dir der Vater bei einer hundsgemeinen Lüge auf die Schliche, schimpft dich die große Schwester, weil du hinter ihrem Rücken der Tante die Zunge rausgestreckt hast, dann läufst du rot an, stotterst irgendeine Entschuldigung vor dich hin und beugst verlegen den Kopf: Du bist beschämt. Wirst du für eine gute Tat gelobt, heimst du für eine besondere Leistung vor versammelter Mannschaft Applaus ein, wirst du für eine edle Handlung ausgezeichnet, lobt dich der Großvater dafür, dass du ihm die Leiter gehalten hast, der Vater für das glänzende Zeugnis, dankt dir die Mutter für die Pflege der Großmutter, strahlst du und reckst dich empor: Du bist stolz.</p>
<p>Scham und Stolz hervorzurufen und zu empfinden dient dem Haushalt der familiären Kommunikation: Scham dämmt antisoziales Verhalten ein und Stolz kittet und festigt das Wir-Gefühl. Denn weil Scham mit dem Gefühl der Unlust und Trauer verknüpft ist, wird deine Tochter alles daransetzen, Handlungen zu vermeiden, die ihr Tadel zuziehen und für die sie sich schämen muss. Ebenso wird dein Sohn, weil Stolz mit dem Gefühl der Lust und Freude verknüpft ist, alle Gelegenheiten nutzen, bei denen er sich mit guten, wertvollen und edlen Handlungen hervortun und für sie Lob und Belobigung einheimsen kann. Indes solltest du dein Kind nicht wegen eines geringfügigen Vergehens oder gar eines unbeabsichtigten Versehens beschämen – sonst gerät es dir bald unter der Hand zu einem eingeschüchterten, lebensuntüchtigen Trauerkloß. Und ebenso gilt für den Stolz: Übertreibe es nicht mit den Auszeichnungen, verleihe den Lorbeer nur sparsam, und juble nicht jedes Mal, wenn der Bursche mal den Müll rausgetragen hat, sonst gerät er dir zu einem asozialen Besserwisser, Besserkönner und Alleswoller.</p>
<p>Die Eltern tragen Verantwortung für das Wohlergehen und die Erziehung ihrer Kinder, die Kinder sind den Eltern und den Eltern der Eltern zu Dank, Gehorsam und Ehrerbietung verpflichtet. Die Familie ist der Ort, an dem die wesentlichen Regularien des Handelns, für jemanden und für etwas verantwortlich zu handeln beziehungsweise zu etwas verpflichtet zu sein und pflichtgemäß zu handeln, eingeübt und ausgeübt werden. Die Verantwortung der Eltern wird ihnen von den Schultern genommen, wenn ihr Vergehen, ihr Versagen oder ihr geistig-moralisches Unvermögen sie die Erziehungsberechtigung kosten. Die Kinder bleiben den Eltern ihr Leben lang verpflichtet, auch wenn sie sich ihnen teilweise oder vollständig entfremden.</p>
<p>Die Familie ist der Ort, an dem sich die wesentliche Inhalte des menschlichen Lebens vollziehen: heiraten und zeugen, gebären und nähren, spielen und lernen, wachsen und reifen, arbeiten und der Muße pflegen, plaudern und beten, Abschied nehmen und sterben. Um diese Lebensinhalte oder Sinnhorizonte unseres Hierseins keimen und erwachsen, wie Moos und Flechten um die Felsenquelle, die Moralia oder Ethica, die Gepflogenheiten und Bräuche, mit denen wir sie pflegen und hegen: Wir begehen Hochzeit und Geburt sowie die folgenden Geburtstage mit einer Feier. Wir sitzen gemütlich bei Kerzenschein, am Kamin, in der guten Stube, und Vater liest vor, Großvater erzählt eine seiner Schnurren, wir führen das frisch eingeübte Volkslied, den Popsong, das Streichquartett auf. Zum ersten Schultag erhältst du eine bunte Tüte mit Leckereien. Zur ersten Kommunion erhältst du ein Gnadenbild und einen Sinnspruch, zur Firmung einen Rosenkranz. Ihr feiert bald die goldene Hochzeit. Du bastelst für deinen Enkel zum Geburtstag, zum Namenstag, zur Einschulung einen Drachen. Du schneiderst für deine Enkelin zu ihrer Hochzeit, dem Faschingsball, ihrem ersten Konzertauftritt als Klaviersolistin ein hübsches Kleid. Morgen zeigst du dem Enkelsohn im Garten, wie man die Hecken, die Büsche, die Rosen beschneidet. Morgen zeigst du der Enkeltochter, wie man an der Töpferscheibe den Ton zur Vase formt. Die Kinder waren tapfer und mit ganzem Herzen bei der Pflege der Großmutter. In drei Tagen nehmen wir in einem Trauergottesdienst Abschied von der Großmutter und gestalten die Beerdigung still im Familienkreis. Wir haben im Gasthof das Hinterzimmer reserviert, um im Anschluss an die Beisetzung ihr Leben mit Anekdoten und Histörchen und sogar lustigen Geschichten Revue passieren zu lassen. Heute Abend vor dem Abendessen am großen Esstisch, wo ihr Platz leer bleibt, falten wir gemeinsam mit den Kleinen die Hände und gedenken ihrer im stillen Gebet.</p>
<p>Die Institution der Familie bewahrt und tradiert die Zeichen des Lebens: Urkunden, Symbole, Wappen. Etliche prägt und schöpft sie selbst, andere sammelt sie ein von den Gruppen, Institutionen und Organisationen wie Ämtern, Schulen oder Vereinen, die ihre Mitglieder durchlaufen, und präsentiert sie gerne den staunenden Gästen. Die Geburtsurkunde des neuen Weltenbürgers fügst du ins Stammbuch. Die Zeugnisse der Kinder hebst du auf wie ihre Bilder und Kritzeleien. Du nähst und heftest das Sportabzeichen, das Pfadfinderwappen, das Schul- oder Hochschullogo ans Revers, auf das T-Shirt, an den Beutel. Die Geburts-, Hochzeits- und Todesanzeige schneidest du aus und legst sie ins Album. Den Totenschein heftest du zu den letzten Fotos.</p>
<p>Du weißt um die Bedeutung der großen, führenden, geschichtsmächtigen Adels- und Kaufmannsfamilien, die über Siegel und Wappen mit den Insignien, allegorischen Bildnissen und Zeichen verfügten, die ihre Hausmacht, ihren Anspruch auf Herrschaft und politischen Einfluss, ihr Mäzenatentum symbolisch überhöht zum Ausdruck brachten. Diese zur Elite des Landes gehörenden Familien waren untereinander in der Eintracht des Handels und in der Zwietracht materieller, finanzieller und kultureller Konkurrenz verbunden, die sich bis zur Fehde und zu blutigen Händeln steigern konnte. Auf den Burgen und Schlössern wurde dann nicht mehr gefeiert, von den Türmen und Zinnen wurde geschossen. Die Konkurrenz um den größten Reichtum, die schönsten Frauen, die edelsten Pferde und die kostbarsten, sublimsten Kunstwerke, aber auch die Kräfte, Geld, Ressourcen verzehrenden Kämpfe und kriegerischen Auseinandersetzungen führten zum Untergang manch einer Sippe, aber auch zu Aufstieg und Sieg und zur Alleinherrschaft der mächtigsten, ehrgeizigsten, intrigantesten Familie: der Familie des Königs.</p>
<p>So wird die Aristokratie, die Herrschaft der großen Familien, abgelöst und überformt von der Monarchie, der Herrschaft der königlichen Familie, im neuen Zentrum der Macht, dem Hof. Hier entwickelt sich ein neues Ethos, das Ethos des Staates, das die zentrale Machtausübung, die Souveränität, mit den höfisch-höflichen Sitten der Diplomatie verbindet.</p>
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		<title>Philosophieren XIV</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xiv/</link>
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		<pubDate>Mon, 22 Jul 2013 15:54:01 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Gefühle]]></category>
		<category><![CDATA[Konditionierung]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Sinne]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>All unsere Regungen sind natürliche Vorgänge. All unsere Empfindungen und Gefühle sind natürliche Regungen, sind Leistungen und Funktionen eines natürlichen Organismus. Dein Herz rast, dein Puls flattert, dein Atem ist flach: Du hast Angst. Das Herz geht langsam und gleichmäßig, dein Puls ist ruhig, dein Atem tief: Du fühlst dich sicher und wohl. Die sensorischen [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xiv/">Philosophieren XIV</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>All unsere Regungen sind natürliche Vorgänge. All unsere Empfindungen und Gefühle sind natürliche Regungen, sind Leistungen und Funktionen eines natürlichen Organismus. Dein Herz rast, dein Puls flattert, dein Atem ist flach: Du hast Angst. Das Herz geht langsam und gleichmäßig, dein Puls ist ruhig, dein Atem tief: Du fühlst dich sicher und wohl.</p>
<p>Die sensorischen Funktionen des Sehens, Hörens, Tastens und Riechens, die Empfindung für Wärme und Kälte, die Empfindung für Trockenheit und Nässe – sie eröffnen uns die Primärwelt unserer Sinne aus farbigen, leuchtenden, beschatteten Stoffen und Dingen, aus flüsternden, rufenden, leiernden, gellenden Stimmen, aus kratzenden, raschelnden, quietschenden, murmelnden Geräuschen. Wir erfühlen das weiche, kühle, saubere Kissen, das seidig strömende Wasser, schnuppern gerne nach dem Geruch von Kuchen und Schokolade, werden verführt und verlockt vom Duft der Astern, Rosen, Reseden des Gartens, spüren das heiße Züngeln der Flamme, die behaglich knisternden Scheite, das klitschnasse Fell des Hunds, die wohlige Trockenheit aufgewärmter Socken.</p>
<p>Die Gefühle sind den Empfindungen und sinnlichen Wahrnehmungen gleichsam sinnreich aufgepfropft und betten die Wahrnehmung in das Raster bedeutsamer Affekte ein. Die Gefühle wiederum tun ihren Dienst als Angeln an den Pforten der Bewegung: Du zuckst bang zusammen, wenn dich plötzlich eine Hand von hinten packt, ein schriller Ton lässt dich unwillkürlich den Kopf einziehen, das Gurgeln und Quellen von Wasser auf dem Moorweg lässt deine Schritte zagen und verhalten, der blendende Schnee erblühter Apfelbäume berauscht dich und zaubert dir ein Lächeln aufs Gesicht, ein Liebeslied auf die Lippen.</p>
<p>Das Kindergesicht wärmt dein Herz und besonnt dein Gemüt, die grüßend offene Hand, das Lächeln des Freundes beim Wiedersehen erfreuen und ermutigen dich, das finstere Gesicht des Nachbarn, sein böser Blick und sein Schnauben schüren dein Misstrauen, verursachen dir Unwohlsein und schlechte Träume. Gerne bleibst du bei der Frau mit dem Kinderwagen stehen, gerne triffst du dich wieder mit dem Freund, dem Nachbarn aber gehst du aus dem Weg. Sensation, Emotion und Motion, Empfindung, Gefühl und Bewegung bilden geschlossene Schaltkreise und Rückkopplungsschleifen, die unseren Lebensweg offen und licht halten, uns mit guten Orientierungen und angemessenen Handlungsimpulsen auf das hin versehen, was in unserer Umgebung los ist.</p>
<p>Du schrickst vor dem Schatten, dem Abgrund, dem Steinschlag zurück – das natürliche Gefühl des Schreckens und der Angst steht im Dienst der motorischen Reaktionen und Aktionen, die dich der Gefahr entkommen lassen, dich vor Verletzung und Tod schützen und bewahren. Du schüttelst dich vor Ekel und spuckst den Happen der Stulle mit der verdorbenen Fleischwurst aus. Du breitest Arme und Beine auf der Wiese aus, nachdem dich die Wanderung ermüdet hat. Das Gefühl der Sicherheit und Geborgenheit schenkt dir Ruhe und den Raum, deinen stillen Beschäftigungen und Gedanken, deinen Hobbys oder der Pflege deiner Kontakte nachzugehen. Das Gefühl der Frische und des Tatendrangs führt uns an den Schreibtisch, auf das Feld und den Garten, in Wiese und Wald, zu Tanz und Gesang, vom Gefühl der Erschlaffung und Müdigkeit übermannt suchen wir uns den Rastplatz, das heimelige Bett, das sichere Nest.</p>
<p>Gefühle wie Freude, Lust, Frische und Mut beflügeln uns und motivieren oder begleiten Bewegungen nach vorn in Raum und Zeit über die Schwelle der Wohnung und des Hauses, über die Grenze der Stadt und des Landes hinaus. Gefühle wie Angst, Ekel, Trauer und Niedergeschlagenheit lassen unser Aktionsfeld schrumpfen, stoßen uns in die enge, aber sichere Behausung der Wohnung und das wärmende Nest der Nahbeziehungen zu Eltern und Verwandten zurück.</p>
<p>Empfindungen erschließen uns die Umwelt und beleuchten unseren Weg, Gefühle sind die Wegmarken, die uns ins Licht, aber auch ins Dunkle und in die Irre führen können. Angst fühlen, wo keine Gefahr ist, hemmt und lähmt. Tatendrang, Mut und Übermut, wo der Weg scharf am Abgrund entlangführt, ist töricht und gefährlich. Dem Feind, der dunkle Drohungen raunt, aus Menschenliebe Menschenliebe unterstellen ist dumm und gefährlich. Dem Freund, der dir seine Neigung durch Rat und Tat bezeugt hat, zu unterstellen, er verberge wie der Fuchs im Schafspelz hinter seinem freundlichen Gesicht finstere und gehässige Motive, ist nicht nur unangemessen und verfehlt, sondern paranoid und ehrenrührig. Auf diese Weise brechen soziale Beziehungen nach und nach zusammen, Freundschaften gehen auseinander, Ehen scheitern.</p>
<p>Wenn wir bestimmten Wahrnehmungen nicht mehr die angemessenen Gefühlsregungen zuordnen, könnte das auf ein Durcheinander in unserem Gedächtnis deuten. Elementare Reaktionen wie das Zurückschrecken und der plötzliche Ekel laufen instinktiv ab und brauchen nicht durch das primäre Lernen der Konditionierung mit ihren sensorischen Auslösern verknüpft zu werden. Andere Reaktionen sind konditioniert und fußen auf der angemessenen Verknüpfung von sensorischem Auslöser und Handlung. Wenn es blitzt und donnert und du treibst dich auf freiem Felde herum, überkommt dich Furcht und du suchst dir ein bergendes Dach. Wenn früh Dunkelheit einbricht, heißt es für den Wanderer und den Bergsteiger, dem Gefühl der Unsicherheit und Ungeborgenheit mit dem Auffinden eines sicheren Unterschlupfs zu entraten.</p>
<p>Wenn du an paranoidem Misstrauen leidest, lösen die sensorischen Reize des Lächelns, der herzlichen Wärme, der guten Gaben von Kuchen und Plätzchen, die dir dein Freund mitbringt, weder die zugehörigen und angemessenen Gefühle der Freude, der Lust und der Sicherheit noch die entsprechenden Impulse zu Handlungen wie dich zärtlich zu nähern und Zärtlichkeit zu empfangen sowie Haltungen wie Vertrauen, Freundlichkeit und Gelassenheit aus. Andere, antagonistische Gefühle wie Unlust, Angst, Scham und Hass, andere, antagonistische Impulse zu Handlungen wie zu fliehen und dich zu verstecken sowie Haltungen wie argwöhnische Verstelllung, beißende Ironie und zynische Spottlust kommen dir in die Quere oder verwickeln sich mit den normalen Reaktionen zu einem unauflöslichen Knäuel ambivalenter Gefühle. Das mag durchaus daran liegen, dass du als Kind durch peinliche oder traumatisierende Erlebnisse auf eine ungute, schädliche und deinen Lebensweg mit großen Brocken verstellende Verknüpfung konditioniert worden bist. Ein böser Kerl hat dich mit süßem Lächeln und lieblichen Tönen zu sich gelockt, und dann geschah dir Übles.</p>
<p>Wir können falsche, schädliche und pathogene Verknüpfungen von sensorischen Stimuli und Gefühlen und Handlungsimpulsen durch ein geduldiges Verhaltenstraining rekonditionieren und mittels positiver Verstärkungen neue, gute, förderliche Verknüpfungen aufbauen. So lernst du allmählich, mühsam, trotz Rückschlägen, mittels immer neuer Aufbrüche und Annäherungen dem Menschen, der dir wohlwill, die Hand reichen, und dem Menschen, der dir übelwill, den Rücken zeigen.</p>
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		<title>Philosophieren XIII</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xiii/</link>
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		<pubDate>Mon, 22 Jul 2013 09:55:26 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Ruhe]]></category>
		<category><![CDATA[Scheinfragen]]></category>
		<category><![CDATA[Scheinprobleme]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Philosophieren heißt ruhig werden. Philosophieren heißt Ruhe finden und all den künstlichen Aufregungen und Erregungen entkommen, die aus verfehlten Fragen, irregeleiteten Zwangsgedanken und zeit- und kraftzehrenden Scheinproblemen erwachsen. Mit manchen Überlegungen gerätst du in eine Zwickmühle, hemmst und versperrst du den Weg deines Handelns, zergrübelst du deine Kraft in ineinander verbissenen Paradoxien. – „Wenn ich [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xiii/">Philosophieren XIII</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Philosophieren heißt ruhig werden.</p>
<p>Philosophieren heißt Ruhe finden und all den künstlichen Aufregungen und Erregungen entkommen, die aus verfehlten Fragen, irregeleiteten Zwangsgedanken und zeit- und kraftzehrenden Scheinproblemen erwachsen.</p>
<p>Mit manchen Überlegungen gerätst du in eine Zwickmühle, hemmst und versperrst du den Weg deines Handelns, zergrübelst du deine Kraft in ineinander verbissenen Paradoxien. – „Wenn ich das schicke Sakko anziehe, hält sie mich für einen Snob. Wenn ich die zerschlissene Jeans trage, denkt sie vielleicht, ich sei ein Freak.“ – Hier kommst du leicht raus. Denn die Wenn-Sätze stellen keine vollständige und erschöpfende Alternative dar: Du bist nicht gezwungen, zwischen Sakko und Jeans zu wählen – zieh doch das grüne Shirt und die hellbraune Marken-Cordhose an!</p>
<p>Du gehst nach dem Regen den umlaubten Pfad durch die Gärten und gelangst unversehens an eine große Pfütze, die du mit einem Schritt nicht nehmen kannst. Also wendest du dich ein paar Schritte zurück, nimmst Anlauf und überwindest die Hürde. Du machst weiter deinen Weg, indem du auf diese Weise scheinbar den Rückweg antrittst. Du kommst ebenfalls weiter, wenn es dir gelingt, Hindernisse mittels Umwegen zu umgehen.</p>
<p>Du bist mal wieder spät dran und musst zur Arbeit. Wenn du die frühe Bahn noch erreichen willst, musst du dich sputen und hetzen. Wenn du dich abhetzt, könnten dein Herz und dein Kreislauf verrückt spielen, so wie kürzlich. Und wenn das passiert, kannst du die Fahrt zur Arbeit ganz vergessen. Wenn du dich indes in aller Ruhe und Gelassenheit fertig machst und die nächste Bahn nimmst, kommst du garantiert zu spät – und das nicht zum ersten Mal in diesem Monat. Dir könnte daraufhin eine Abmahnung drohen. – Nun, aus dieser Zwickmühle schlüpfst du ins Freie, indem du eine Güterabwägung anstellst: Es liegen jeweils hier das Gut Gesundheit, dort das Gut Arbeitsplatz in den Waagschalen. Da aber Gesundheit das primäre Gut ist, da du als kranker Mensch deiner Arbeit nicht mehr nachgehen kannst, neigt sich die Waage auf der Seite „Gesundheit“. Also bleibst du ruhig und nimmst in aller Gelassenheit das Risiko einer Abmahnung in Kauf. Solltest du abgemahnt werden, böte dir dies die Chance, über einen neuen Arbeitsplatz nachzudenken, an dem du immer frühzeitig erscheinst, weil er deinen Fähigkeiten und Neigungen besser entspricht oder wo dich freundlichere Kollegen begrüßen.</p>
<p>Du fürchtest dein Gesicht und dein Ansehen zu verlieren, wenn du vor den Blicken deiner Mitschüler, deiner Lehrer, der Prüfungskommission, deiner Freunde, deines Partners eine bestimmte Leistung nicht erbringst oder in nur eingeschränktem Maße erbringst, bestimmten Ansprüchen nicht genügst oder nur in eingeschränktem Maße nachkommst. – Anstatt dich über längere Zeit vergeblich abzustrampeln, ohne deine Ziele zu erreichen, weil du ihnen am Rande deiner Kräfte und Möglichkeiten hinterherhechelst, solltest du überlegen: Ein Ziel, das zu erreichen oder in befriedigendem Maße zu erreichen deine Kräfte und Fähigkeiten nicht ausreichen, solltest du nicht länger zum Mittelpunkt deiner Absichten machen. Also wechselst du die Schule oder das Studium und erlangst bessere Noten und die ersehnte Anerkennung. Wenn dir deine Freunde oder dein Partner das von dir gewünschte Maß an Aufmerksamkeit, Nähe und Zuwendung entziehen, weil du ihren Ansprüchen und Erwartungen nicht genügst, streiche ihre Namen und Adressen aus deinem Telefon- und Adressbuch! Suche dir Freunde und Partner, bei denen Erwartung und Erfüllung, Anspruch und Zuspruch ins Gleichgewicht gelangen.</p>
<p>Nichts ist weniger ohne Sinn und Funktion als die Tatsache, dass wir weite Strecken unseres Lebens uns unserer Zustände, Erlebnisinhalte und Absichten bewusst sind. Nichts ist weniger sinnlos als die Tatsache, dass wir uns täglich und stündlich Gedanken machen über unsere Lage, unsere Möglichkeiten, unsere Grenzen sowie die eigenen Ziele und Absichten und die Ziele und Absichten der anderen.</p>
<p>„Wenn ich jetzt dies tue, bewirke ich dann jenes.“ „Wenn ich jetzt dies tue, erreiche ich irgendwann jenes.“ „Wenn ich jetzt dies unterlassen, laufe ich Gefahr, jenes zu verpassen oder zu verlieren.“ Mit solchen Fragemustern und Musterfragen kommen wir weiter. „Wenn ich jetzt eine Pause an der Raststätte einlege, kann ich mich vom Stress etwas erholen und vermindere das Unfallrisiko.“ „Wenn ich diesen Job annehme, habe ich für die nächste Zukunft ausgesorgt.“</p>
<p>Weil du Gedanken dieser Art bilden kannst, darfst du es dir leisten, ohne Fesseln des Instinkts – gleichsam frei – herumzulaufen. Denn du kannst dir bewusst machen, vorstellen, imaginieren, was passieren würde, wenn du dieses tust oder jenes lässt. Zwar wird dir schwindlig, wenn du zu hoch steigst, aber leider nicht, wenn du zu hoch mit faulen Derivaten spekulierst, auf lahme Gäule wettest oder blind auf den falschen Partner, Freund, Kompagnon setzt. „Wenn ich in der Gesellschafterversammlung einen Antrag auf Aufnahme eines neuen Kredits stelle, könnte mir mein Geschäftspartner das Misstrauen aussprechen.“ Mittels des konditionalen Satzgefüges machen wir uns alternativer Abläufe in Ereignisreihen und Handlungsketten bewusst, die uns die Entscheidung für das risikoärmste oder risikoärmere, das erfolgversprechendste oder eher erfolgversprechende Handeln ermöglichen oder erleichtern.</p>
<p>Leute und insbesondere Philosophen, die fragen, weshalb sich „die Natur“ eine so kostspielige, aufwendige „Investition“ wie das menschliche „Bewusstsein“ leiste, stellen mit dieser Frage und Fragen dieser Art unter Beweis, dass es sich bei ihrem Bewusstsein in der Tat um einen überflüssigen Luxus handelt. Natürlich werden in der Natur keine Investitionen getätigt, das zu tun ist allein Menschen im Rahmen zivilisierter Institutionen wie Geld, Banken und Märkten möglich.</p>
<p>Philosophieren heißt ruhig werden und beunruhigende, aber irregeleite Fragen auflösen. – „Alles hat seine Zeit, alles hat einen Anfang in der Zeit – und die Zeit selbst?“ Hier beißt sich die Katze in den Schwanz, die Schlange verschlingt sich selbst, und dem verirrten Frager gelingt es nicht, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf seiner selbstgegorenen Aporien zu ziehen.</p>
<p>Wie es zu unserem Begriff der Person gehört, verkörpert zu sein, und zu unserem Begriff des Körpers, Raum einzunehmen, so gehört es zu unserem Begriff der Zeit, Anfangspunkt, Verlauf und Endpunkt eines Ereignisses oder einer Handlung zu bezeichnen. Der Begriff der Person ist keine Person, der Begriff des Körpers ist kein Körper und der Begriff der Zeit hat keinen Anfangspunkt, keinen Verlauf und keinen Endpunkt.</p>
<p>„Was machte Gott, bevor er die Welt schuf?“ „Die Ruten, mit denen er am Jüngsten Gericht die Leute züchtigen wird, die solche Fragen stellen!“</p>
<p>Unlösbar scheinende Fragen sind falsch gestellte Fragen. Unlösbar scheinende Probleme sind Scheinprobleme.</p>
<p>Es gibt immer ein mehr oder weniger offener, mehr oder weniger lichter Horizont möglicher Antworten, wahrscheinlicher Alternativen. Wenn der Horizont sich wie aufeinander gepresste Lippen endgültigen Schweigens verengt, wenn am Horizont die ewige Nacht aufzieht – lass das Ruder deines schwanken Lebenskahnes fahren dahin, lehne dich weit zurück und nähre deine Blicke zum letzten Mal mit dem Licht der langsam verlöschenden Sterne, verströme Dankbarkeit noch mit deinem letzten Atemzug.</p>
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		<title>Philosophieren XII</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xii/</link>
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		<pubDate>Sun, 21 Jul 2013 10:12:40 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Grund]]></category>
		<category><![CDATA[Intention]]></category>
		<category><![CDATA[Körper]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Raum]]></category>
		<category><![CDATA[Zeit]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Es ist doch klar, dass du hier nicht hineinpasst. Es scheint mir offenkundig, dass du annimmst, es werde bald regnen, weil du einen Regenschirm mitnimmst. Du glaubst, Wasser habe immer und überall dieselbe chemische Zusammensetzung. Ich glaube, ein gewisses Nass wäre kein Wasser, wenn es nicht aus Wasserstoff und Sauerstoff bestünde. Auf der Grundlage einer [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xii/">Philosophieren XII</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Es ist doch klar, dass du hier nicht hineinpasst.<br />
Es scheint mir offenkundig, dass du annimmst, es werde bald regnen, weil du einen Regenschirm mitnimmst.<br />
Du glaubst, Wasser habe immer und überall dieselbe chemische Zusammensetzung.<br />
Ich glaube, ein gewisses Nass wäre kein Wasser, wenn es nicht aus Wasserstoff und Sauerstoff bestünde.<br />
Auf der Grundlage einer DNS-Analyse wurde der Nachweis erbracht, dass er der Mörder war.<br />
Auf der Grundlage einer DNS-Analyse konnte die Annahme bekräftigt werden, dass er mit einiger, hoher, sehr hoher Wahrscheinlichkeit der Mörder war.</p>
<p>Es ist doch klar, dass du hier nicht hineinpasst. – Dass gewisse Gegebenheiten und Begebenheiten auf der Hand liegen, sonnenklar, offensichtlich, augenscheinlich und evident sind, drücken wir dadurch aus, dass wir den Sachverhalt in einen schlichten Satz packen und mit Zusätzen garnieren wie „Das ist doch sonnenklar, offensichtlich, augenscheinlich, evident!“</p>
<p>Wir können uns leicht eine Situation des Alltags denken, in die der genannte Satz gut hineinpasst, so wenn du im Kaufhaus eine neue Hose anprobieren willst, die dir augenscheinlich zu eng ist und deine Begleitung dich darauf aufmerksam macht. Sollen wir hier noch weiter fragen und grübeln?</p>
<p>Überlassen wir das dem Philosophen, der gerne auf den harten Fels letzter Wahrheiten stößt. Die letzte Wahrheit ist hier, dass du als eine körperbehaftete Entität Eigenschaften aufweist, die nun einmal Körper an sich haben: eine gewisse Größe zu haben zum Beispiel, die einem Körper in eine Öffnung zu passen erlaubt oder nicht, ein bestimmtes Gewicht, eine bestimmte Dauer in der Zeit, in der derselbe Körper wieder auftaucht, auch wenn er dir aus deinem Gesichtsfeld hinter einer Wand oder vielen Wänden und Gebäuden und Gegenden entschwunden ist, als derselbe Körper, auch wenn er durch natürliche Verwitterungs- und Alterungsprozesse dir bis zur Unkenntlichkeit verändert erscheint. Auch du bist solch ein Körper mit der interessanten Eigenschaft, nur in Aspekten sichtbar, wahrnehmbar und erschließbar zu sein: Ein Körper ist ein kompaktes Ding in unserem Wahrnehmungsfeld, das sich bewegt oder stillsteht, gemessen an deinen Bewegungen, ein Ding, das du von vorn, von hinten und von den Seiten betrachten kannst, aber nur nacheinander, nicht gleichzeitig von allen Seiten. Der Körper ist ein Komplex von Teilen, Atomen, Molekülen, Quarks – hineinschauen können wir schlecht und gründlich nur mit komplizierten Apparaten, und Atome und Moleküle sind für das bloße Auge unsichtbar, Quarks als theoretische Entitäten ebenso. Hinten hast du keine Augen, und was du vor dir von deinem Körper sehen kannst, ist ein seltsames Zerrbild des Körpers, den du aus dem Spiegel kennst.</p>
<p>Wir können sodann an diesen wie an alle anderen Körpern die wissenschaftlichen Verfahren der Vermessung anlegen und damit eine metrische Objektivierung unserer Aussagen über Zeit und Ort seines Aufenthalts vornehmen und seine verschlungenen Bewegungen durch Straßen und Gassen, Viertel und Städte und Länder auf Land-, Wasser- und Luftwegen von der Entstehung, Herstellung oder Erzeugung bis zu seiner Auflösung oder seinem Tod ziemlich genau nachzeichnen. Der Messtechniker hat seine Freude an den mit modernster GPS-Technik gewonnen Daten.</p>
<p>Der Philosoph lernt einsehen und hinnehmen, dass seine letzten Wahrheiten ein trockenes Bündel trivialer Aussagen sind, die sich gegen unsere weiterbohrenden Fragen gleichsam spröde und abweisend verhalten: Warum haben wir einen Körper? Ja, weil es zu unserem Begriff der Person gehört, verkörpert zu sein, denn Personen sind wie alle Gegenstände Bestandteile des Raum-Zeit-Systems. Unkörperlichen Seelen und Gespenstern können wir zur Begrüßung nicht die Hand schütteln, nicht ermutigend auf die Schulter klopfen oder zum Abschied auf die Wange küssen. Ein Schatten zeugt mit einem Schatten keinen Schatten. Warum haben Körper Größe und Gewicht, warum sind Körper nur in Aspekten zugänglich? Ja, weil es zu unserem Begriff des Körpers gehört, Größe und Gewicht zu haben, und aus Teilen zu bestehen, die nicht zur Gänze und auf einen Schlag in unser Gesichts-, Merk- und Forschungsfeld treten.</p>
<p>Es scheint mir offenkundig, dass du annimmst, es werde bald regnen, weil du einen Regenschirm mitnimmst. – Aufgrund der Beobachtung deines Verhaltens kann ich dem auf die Spur kommen, was du denkst und glaubst, was du beabsichtigst und vorhast. Ich schließe aus deinen Bewegungen und Verrichtungen auf das, was du willst, auf das, was du denkst. Ein sicheres Wissen kann ich mit einer solchen Methode nicht erlangen – ich könnte einem Fehlschluss aufsitzen, wenn es sich herausstellt, dass du bei jedem Wetter die Marotte pflegst, deinen Regenschirm mitzunehmen: Dann liege ich zwar richtig mit der Annahmen, dass du spazieren zu gehen beabsichtigst, nicht aber mit der Annahme, dass du glaubst, es werde bald regnen. Auch wenn es tatsächlich zu regnen begänne, kaum dass du deinen Fuß ins Freie gesetzt hättest, rechtfertigte diese Tatsache nicht meine Annahme, dass du vermutest hast, es werde bald regnen. Hier komme ich nur weiter, wenn ich dich frage.</p>
<p>Du glaubst, Wasser habe immer und überall dieselbe chemische Zusammensetzung. Ich glaube, ein gewisses Nass wäre kein Wasser, wenn es nicht aus Wasserstoff und Sauerstoff bestünde. – Um eigene oder Überzeugungen und Annahmen anderer zu benennen, stellen wir einem dass-Satz (einem indirekten Aussagesatz) beziehungsweise dem entsprechenden erweiterten Infinitiv einen Ausdruck des Meinens voran.</p>
<p>Du hast den Inhalt deiner Überzeugung, nämlich die chemische Zusammensetzung von Wasser, einem Lehrbuch der Chemie entnommen oder bei eurem Experiment im Chemieunterricht, bei dem ihr Wasser je in ein Teil Wasserstoff und zwei Teile Sauerstoff aufgelöst habt, ad oculos vorgeführt bekommen. Es handelt sich bei diesem Inhalt also um eine durch wissenschaftliche Verfahren der Analyse und Synthese erhärtete, nachgewiesene Annahme. Dennoch kannst du deine mit der Annahme aller Wissenschaftler harmonierende Überzeugung nicht als Weisheit letzten Schluss ausgeben und ihre letztgültige Gewissheit bekräftigen – es könnte sich ja einmal erweisen, auch wenn es äußerst unwahrscheinlich ist, dass ein neues Experiment durch den Nachweis einer winzigen Spur eines dritten Elements die Hypothese umstürzt.</p>
<p>Hartnäckig fest- und hochgehaltene Annahmen wie die Bewegung der Sonne um die Erde oder der Antrieb der Organismen zu Vermehrung, Wachstum und Entwicklung durch einen élan vital haben sich als unhaltbar erwiesen, und zwar aufgrund genauerer Beobachtungen mittels genauerer Instrumente und aufgrund der Einbettung der neu ermittelten Beobachtungsdaten in ein neues theoretisches Rahmenwerk, mit dem die Fehlannahmen der alten Theorie erklärt und bessere und weitreichendere Annahmen abgeleitet werden können.</p>
<p>Wir können mit der konditionalen Satzfügung unter Verwendung des irrealen Konjunktivs Weltentwürfe skizzieren, die sich zu den hierzulande vorfindlichen und üblichen Bedingungen konträr oder kontradiktorisch verhalten. „Wenn auf einem fernen Planeten ein gewisses Nass nicht aus den chemischen Elementen bestünde, aus denen bei uns Wasser besteht, das aber ansonsten nach Aussehen, Geruch, Geschmack und den landläufigen Aggregatzuständen ganz unserem Wasser gleicht, wären wir berechtigt, es dennoch Wasser zu nennen oder nicht?“</p>
<p>Diese bekannte Frage läuft darauf hinaus, die Genauigkeit und Widerstandsfähigkeit unserer Verwendung von Begriffen auszuloten. Wir müssen davon ausgehen, dass wir auf Gegenstände wie Dinge und Personen einigermaßen genau Bezug nehmen können, weil sie raum-zeitlich ein festes Kontinuum der Vergegenwärtigung ausfüllen, das wir mit unseren Instrumenten wie Augen, Ohren und GPS-Sonden gut abmessen können. Anders steht es um in der Raum-Zeit zerstreute und vagabundierende Stoffe wie Wasser, Sand oder Müsli: Hier können wir den genauen Bezug nur rechtfertigen, wenn wir eine Etage tiefer gehen und uns ihrer chemischen, organischen und anderweitigen Zusammensetzung als Mittel der Identifizierung annehmen – wobei wir uns die Sache durch Querulanten-Fragen wie „Sind 5 Körner schon ein Häuflein Sand?“ oder „Ab wie vielen Flocken sprichst du denn von Müsli?&#8221; nicht madig machen lassen. Also, schließen wir hier: Wäre jenes ominöse Nass anders als Wasser zusammengesetzt, wären wir schlecht beraten und nicht gerechtfertigt, es Wasser zu nennen.</p>
<p>Auf der Grundlage einer DNS-Analyse wurde der Nachweis erbracht, dass er der Mörder war. – Auf der Grundlage einer DNS-Analyse konnte die Annahme bekräftigt werden, dass er mit einiger, hoher, sehr hoher Wahrscheinlichkeit der Mörder war. – In beiden Aussagen wird behauptet, eine Tatsache bestehe aufgrund des Bestehens einer anderen Tatsache – die gewöhnlichste Form der Begründung. Eine DNS-Analyse kann die Identität eines Menschen erweisen und damit die Identität dessen, der an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit gehandelt hat, zum Beispiel einen anderen Menschen ermordet hat. Sie kann aber nicht zum Nachweis verwendet werden, dass sich ein bestimmter Mensch zu einer bestimmten Zeit genau an diesem Ort aufgehalten hat, an dem der Mord stattfand. Folglich ist die erste Aussage ohne zusätzliche Angaben und Nachweise nicht zu rechtfertigen, während man an der zweiten solange festhalten kann, bis das Gegenteil bewiesen wird.</p>
<p>„War es denn so? Hat es sich so und nicht anders abgespielt? Könnte es nicht sein, dass der Verdächtige nicht der Täter ist, weil er zwar am Tatort gewesen ist, aber zu einer anderen Zeit als der Tatzeit?“ Mittels der Anwendung des konditionalen Satzgefüges erschließt du dir ein alternatives Modell für den Tathergang, das die Bedingungen des Geschehens um den entscheidenden Faktor Zeit erweitert.</p>
<p>„War es denn so? Hat es sich so und nicht anders abgespielt? Könnte es nicht sein, dass der Verdächtige, dessen DNS-Spuren zwar am Tatort gesichert worden sind, der aber zur Tatzeit an einem anderen Ort von mehreren Zeugen gesichtet worden ist, dennoch hinter der Tat steckt, weil er den Mörder gedungen hat?“</p>
<p>„Er ging zum Kühlschrank, weil er durstig war.“ „Er ging zum Kühlschrank, weil er etwas trinken wollte.“ Wir erklären Ereignisse und Handlungen, indem wir unsere Aussagen mit Hinweisen auf sach- und ereignisbezogene Ursachen oder intentionale Handlungsgründe versehen. „So und so viele Photonen schossen in seine Iris und verursachten über die Weiterleitung der neuronalen Stimuli über den Sehnerv in das Sehzentrum ein visuelles Bild.“ „Er blickte sie fragend an.“</p>
<p>Wissenschaft entsteht aus dem Nachdenken über die Verwendung des kausalen „weil“. Unser Alltagsverständnis, die Fähigkeit, uns selbst und die anderen zu verstehen, erwächst aus der Verwendung und dem Nachdenken über die Verwendung des intentionalen „weil“. Weil uns das Deutsche hier mit einer einzigen Konjunktion knapp hält, solltest du, um den intentionalen Grund klar von der sach- und ereignisbezogenen Ursache unterscheiden zu können und diesen Unterschied anzuzeigen, statt der Konjunktion „weil“ die Konjunktion „damit“ oder „auf dass“ oder den finalen Infinitiv „um zu“ verwenden. Forme also den Satz „Er ging zum Kühlschrank, weil er etwas trinken wollte“ um in die Sätze: „Er ging zum Kühlschrank, damit (auf dass) er etwas trinke“ oder „Er ging zum Kühlschrank, um etwas zu trinken“.</p>
<p>Wissenschaftliche und alltägliche Erklärungen widersprechen sich nicht, sondern verhalten sich komplementär zueinander. Die wissenschaftliche Psychologie sucht unser Verhalten durch Antriebe, Motive und Konditionierungen zu erklären, die sie aus natürlichen Quellen und sozialen Umwelten ableitet. Wir kennen das Durstgefühl gut, und es anzuführen genügt uns, eine Handlung zu verstehen. Die Neurobiologie untersucht die sensorischen Stimuli und ihre Verarbeitung in den neuronalen Netzwerken. Wir wissen, was es heißt dumm aus der Wäsche zu schauen oder neugierig, lüstern oder enttäuscht, wissend oder fragend zu blicken.</p>
<p>Unsere Erklärungen sind auch dann nicht schlecht oder sogar zufriedenstellend, wenn es uns gelingt, das zu erklärende Phänomen mittels begrifflicher oder technischer Hilfsmittel wie Bleistift und Papier, eines Fotoapparats, der Videofunktion des Smartphones oder einer Software zur 3-D-Darstellung von eingegebenen Daten zu imitieren, zu modellieren und zu simulieren. Du machst gleich ein Foto von der Unfallstelle, um einen Nachweis zu erhalten, wie sich der Unfall zugetragen hat, dass nämlich der Unfallverursacher von links einbiegend die Vorfahrt missachtet hat. Die Wissenschaftler der NASA untersuchen das Mars- oder Mondgestein, um ein Modell der Entwicklung des Planeten zu entwickeln oder das in der wissenschaftlichen Community anerkannte Modell zu untermauern oder in Zweifel zu ziehen. Evolutionsbiologen simulieren am PC mittels 3-D-Techniken anhand weniger paläontologischer Spuren von Knochen und Gebiss Organismen ausgestorbener Arten und von Vorläufern heute lebender Arten, um etliche Aufschlüsse über ihre Bewegungs-, Ernährungs- und Lebensweise zu erhalten.</p>
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		<title>Philosophieren XI</title>
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		<pubDate>Fri, 19 Jul 2013 15:21:15 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Absicht]]></category>
		<category><![CDATA[Entscheidung]]></category>
		<category><![CDATA[Handlung]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Handeln ist die Verwirklichung deiner Absichten und Zwecke mit geeigneten, angemessenen Mitteln: Mit den über das zentrale Nervensystem gesteuerten Muskelkontraktionen und -laxationen deiner Arme, Beine und Hände, und vor allem deines Mundwerks, nimmst du Einfluss auf das große Weltgeschehen inmitten deiner kleinen Lebensprovinz. Willst du die geeigneten Mittel wie Kleidung, Deo oder Blumen zu einem [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-xi/">Philosophieren XI</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Handeln ist die Verwirklichung deiner Absichten und Zwecke mit geeigneten, angemessenen Mitteln: Mit den über das zentrale Nervensystem gesteuerten Muskelkontraktionen und -laxationen deiner Arme, Beine und Hände, und vor allem deines Mundwerks, nimmst du Einfluss auf das große Weltgeschehen inmitten deiner kleinen Lebensprovinz.</p>
<p>Willst du die geeigneten Mittel wie Kleidung, Deo oder Blumen zu einem vorgegebenen Zweck wie einem Rendezvous oder aus der Reihe dir gleichzeitig sich anbietender Zwecke wie eines Rendezvous, des Besuchs des Vortrags deines Doktorvaters und der Teilnahme an der Sitzung einer berühmten Wahrsagerin, die nur an diesem Nachmittag in der Stadt gastiert, den für deine gegenwärtige und künftige Situation passendsten und eher zuträglichen, eher förderlichen auswählen und diesen Zweck zu deiner Absicht erklären, solltest du dich in vernunftgeleiteten Erwägungen ergehen.</p>
<p>Die Mittelwahl gelingt dir diesmal auch bei herabgedimmtem Verstand: Beim Friseur warst du, gebadet hast du, die Kleidung stimmt und ein letzter Blick in den Spiegel sagt dir: Viel Glück bei deinem Date!</p>
<p>Anders ist es um die begründete Wahl des Zwecks aus der vorliegenden Reihe von Zwecken bestellt: Hier musst du auf der Grundlage von Güterabwägungen und der Abschätzung von Wahrscheinlichkeiten zur guten oder richtigen Entscheidung kommen. Das Rendezvous könnte den Beginn einer tragenden Verbindung darstellen. Den Vortag deines Doktorvaters solltest du nicht verpassen, sonst könnte er düpiert sein, und das könnte dir bei deiner momentanen Leistungsbilanz übel ausschlagen. Und wenn du ein Astro-Fan bist und den Glauben an die Sterne von allen vernünftigen Gegenargumenten abgeschottet hast, zieht es dich magisch zur Sitzung der berühmten Wahrsagerin.</p>
<p>Nur wenn in deinen Gedanken aufgrund eines überzeugenden Kalküls oder wegen gefühlsmäßiger Aufwallung eine der drei Optionen Oberwasser bekommt, wirst du handeln. Wenn alle drei oder zwei sich mit gleicher Schwere gegenseitig blockieren, kannst du entweder würfeln oder musst zu Hause bleiben.</p>
<p>Du überlegst so: Wenn mein Rendezvouspartner mehr als oberflächliches Interesse an mir hat, wird er bereit sein, eine plausible Entschuldigung zu akzeptieren und das Rendezvous zu verschieben. Damit ist diese Option freigestellt und nichts ist verloren. Meinem Doktorvater sende ich eine freundliche Mail und teile ihm mit einem Ausdruck des Bedauerns mit, dass ich wegen Krankheit leider um den Genuss seines Vortrags komme. Das wird das Risiko, seinen Unmut in der Bewertung der Dissertation oder während der Disputation zu spüren zu bekommen, verringern oder ganz beseitigen. Also gehe ich zur Wahrsagerin! – Erhoffst du dir von dieser doch klare Auskünfte und gute Ratschläge für deinen weiteren Lebensweg – und eben dies scheint dir der passendste, eher zuträgliche und eher förderliche Zweck in deiner augenblicklichen Lage zu sein.</p>
<p>So hast du mit guten Gründen und plausiblen Erwägungen eine Entscheidung für eine Sache getroffen, die die meisten für uns als irrational und obskur abtun dürften. Und doch ist es gerade solch ein Weg der Überlegung und Entscheidung, den wir oft mit all unserer Verstandeskraft und mit allen guten Geistern oder auch von allen guten Geistern verlassen beschreiten, auch wenn er uns am Ende in Teufels Küche führt.</p>
<p>Also versuche es noch einmal. Du taxierst zunächst die Risiken nach dem Schweregrad der Bedrohung, die sie für dich haben: Risiko, den Partner fürs Leben zu verpassen (80 Punkte), Risiko, deine Promotion zu vermasseln und dadurch beruflich ins Abseits zu geraten (80 Punkte), Risiko, aufgrund der verpassten Ratschläge einer berühmten Wahrsagerin dich auf deinem Lebensweg zu verirren (20 Punkte). Dann bewertest du die Wahrscheinlichkeit, mit der jedes der genannten Risiken tatsächlich eintreten dürfte: Partnerverlust 50 Punkte, berufliches Scheitern 60 Punkte, Verpassen der Wahrsagerin 100 Punkte. Dann multiplizierst du die zugehörigen Punkte (4.000, 4.800, 2.000), um zu sehen, welche Größe dir das zu vermeidende Risiko anzeigt, und kommst zum Ergebnis, dass es klüger und ratsamer ist, das Rendezvous und das Treffen mit der Wahrsagerin sausen zu lassen und dem Besuch des Vortrags deines Doktorvaters den Vorzug zu geben.</p>
<p>Das Ergebnis scheint dir plausibel. Denn die Promotion zu vermasseln wiegt in deiner gegenwärtigen Lebenssituation am schwersten. Das Argument, dein Rendezvouspartner werde, wenn es ihm denn ernst ist, sich auf die Verschiebung eures Treffens einlassen, gilt weiterhin. Und die Bedrohung, die aufgrund nicht erteilter Ratschläge einer Wahrsagerin über dir schwebt, ist doch eher gering zu veranschlagen.</p>
<p>Steigen wir kurz auf die Gipfel der Zeit und schnuppern die Höhenluft historischer Entscheidungen. Als Cäsar den Rubikon überschritt, verfolgte er die Absicht, mit seinen Truppen auf Rom zu marschieren. Als Cäsar mit seinen Truppen auf Rom marschierte, verfolgte er die Absicht, die Macht des Senats zu stürzen und den Feldherrn Antonius, hinter den der Senat sich verschanzt hatte, zu warnen. Als Cäsar mittels des Einmarschs in Rom die Macht des Senats stürzte, verfolgte er die Absicht, eine neues Machtgefüge und eine neue Staatsform in Rom zu etablieren.</p>
<p>So weit können wir die ineinander geschachtelten Absichten des großen Feldherrn ans Licht ziehen. Tatsächlich etablierte sich in der Folge von Cäsars absichtsvollem Handeln und dem darauf entfesselten Bürgerkrieg eine neue Staatsform in Rom, das augusteische Kaisertum. Dies absichtsvoll herbeiführen zu wollen können wir dem Handeln Cäsars allerdings nicht entnehmen. Die Errichtung des Kaisertums in Rom ist eine indirekte Konsequenz von Cäsars Handeln, die nicht im bewussten Fokus seiner damaligen Absichten lag und liegen konnte.</p>
<p>Du bist also brav zum Vortrag deines Doktorvaters gegangen. Indes ging die Sache nicht gut aus: Dein Rendezvouspartner, dem du per Mail eine plötzliche Erkrankung als Vorwand nanntest, um euer Treffen zu verschieben, erschien doch tatsächlich auf der Veranstaltung, da er um die Tatsache deines Promotionsverfahrens bei dem Referenten wusste und dir gerne, soweit es in seinen Kräften stand, Bericht davon geben wollte. Von Stund an haben sich eure Wege getrennt: Diese unbeabsichtigte Folge deines absichtsvollen Handels musst du in den Kauf nehmen und ertragen lernen.</p>
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		<title>Philosophieren X</title>
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		<pubDate>Fri, 19 Jul 2013 09:57:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Eigentum]]></category>
		<category><![CDATA[Markt]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Recht]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Was ist wem wo seit wann zu eigen? Was dir zu eigen ist, gehört dir, sind deine Eigenschaften oder dein Eigentum. Eigenschaften wie die Eigenschaft, so und so groß und so und so alt zu sein, Mann oder Frau zu sein, der weißen oder gelben Rasse anzugehören, einen großen oder geringen Verstand zu haben, mutig [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-x/">Philosophieren X</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Was ist wem wo seit wann zu eigen? Was dir zu eigen ist, gehört dir, sind deine Eigenschaften oder dein Eigentum. Eigenschaften wie die Eigenschaft, so und so groß und so und so alt zu sein, Mann oder Frau zu sein, der weißen oder gelben Rasse anzugehören, einen großen oder geringen Verstand zu haben, mutig oder feige, jähzornig oder kaltblütig zu sein, sind natürliche Eigenschaften, die überhaupt nicht oder nur in geringem Maße deiner Willkür unterliegen. All das, worüber du ansonsten noch verfügst, sind Fähigkeiten und Kenntnisse wie die Fähigkeit, Fahrrad oder Auto zu fahren, oder die Fähigkeit, neben deiner Muttersprache andere Sprachen zu beherrschen, oder Kenntnisse über höhere Mathematik. Diese Fähigkeiten und Kenntnisse hast du dir angeeignet, und du kannst sie zur Verwirklichung deiner Absichten unter Wahrung der gesetzlichen und rechtlichen Rahmenbedingungen nutzen: Fahre also mit dem Auto, wohin du willst, doch bei uns bitte auf der rechten Fahrspur!</p>
<p>Aneignungen sind die Basisfunktionen des Lebens wie der Kultur. Du musst, das Leben zu fristen, deinen Hunger und deinen Durst stillen und alles Nötige unternehmen, dir Nahrung zu bereiten oder zu verschaffen. Du vertilgst die Nahrung, schluckst das Wasser, und dein Magen und dein Darm erledigen über die verwickelt-kunstvollen Verfahren der Verdauung und des Metabolismus die Aneignung und Assimilierung der Nährstoffe, deren deine Fortexistenz bedarf. Am Ende gelangen aufgefrischte Blutzellen zu allen Organen deines Körpers und versorgen sie mit Energie. Und du setzt ein zufriedenes, vielleicht etwas dümmliches Lächeln auf.</p>
<p>Das Unbekömmliche und Unverdauliche pflegen wir auszuscheiden, zu entsorgen und unschädlich zu machen. Wir spülen, wir betätigen die Spülung. Wir müssen auch mit uns selber ins Reine kommen. Und das, was uns an Dingen und in der Begegnung mit Personen nicht zuträglich oder unzumutbar, ja verderbenbringend und vergiftend ist, von uns fernhalten oder entfernen. „Die höhere Mathematik hast du wohl nicht verdaut!“</p>
<p>Dadurch, dass du dir etwas aneignest, und durch das, was du dir aneignest, erfährst, erlebst, erlernst du, wer und was du bist. Etwas ist dir zu eigen, wenn und solange wir, die Gemeinschaft, die dich trägt und birgt oder ausstößt und unschädlich macht, die Familie, die Sippe, der Staat, es dir zueignen, das heißt als dir eigentümlich oder als dein Eigentum dir zusprechen. Wenn du rechtens erworben hast, was dir zu eigen und was nun dein Eigentum ist, untersteht es deinem Willen, steht es dir zur freien Verfügung, kannst du damit schalten und walten, solange wir es dir zueignen und zusprechen. Für deinen Anspruch auf das, was du die rechtens angeeignet hast, für deinen Anspruch auf dein Hab und Gut erhältst du unseren Zuspruch.</p>
<p>Wir entziehen dir unseren Zuspruch und bestreiten oder setzen deinen Anspruch auf dein Hab und Gut außer Kraft aufgrund der Tatsache, dass du es dir widerrechtlich durch Formen der Missachtung und des Verstoßes gegen unsere Gesetze, durch Hehlerei, Veruntreuung, Erbschleicherei, Erpressung, Diebstahl und Raub, angeeignet hast.</p>
<p>Das Eigentum als Institution, die einen Anspruch anmeldet und einen Zuspruch findet, ist die Grundlage unseres zivilen, halbwegs befriedeten sozialen Lebens und der Ursprung aller kulturellen Entwicklungen. Den Garten, den du von den Großeltern geerbt hast, pflegst du, schon aus Pietät und Hochachtung den Verstorbenen gegenüber. Du willst ihn nicht den natürlichen Prozessen der Verwilderung aussetzen, denn es ist dein Garten. Du bist stolz darauf, dass er deine Mühen, dein Jäten und Säen, dein Pflanzen und Düngen mit reicher Ernte von Obst und Beeren, mit schöner Blüte und angenehmen Düften belohnt. Während dort drüben der alte Garten von Unkraut strotzt, denn der Eigentümer ist verstorben und ein Nachfolger oder einer, der sich verantwortlich fühlte und sich der Sache annähme, außer Sicht. Du aber wirst erfinderisch, darauf aus, den Geschmack des Apfels zu versüßen, die Farbe der Rose aufzuhellen, und übst dich in der Auslese der Sämlinge und in der Kunst des Propfens. Freche Eindringliche oder Parasiten, seien es Schnecken, seien es Läuse, weißt du unschädlich zu machen. Bösen Buben und Dieben schlägst du auf die garstigen langen Finger. Deine Kinder und Enkel haben in deinem Garten ein Paradies der Spiele und Lustbarkeiten. Und den Jüngsten, der so anstellig mit dem Rechen umgeht und eine grüne Hand zu haben scheint, ihn hast du als Erblasser zum Erben bestimmt. Das sind die Ansprüche, die dein Hab und Gut dir freistellt und uns freigibt: Hege und Pflege, Schönheit und Ordnung, Recht und Gesetz.</p>
<p>Schönheit und Ordnung, Perfektion und Glanz, Erfindungsgabe und Kunstsinn – all dies wächst und gedeiht in der Atmosphäre der Institution des Eigentums wie der Efeu am alten Stamm der Eiche. Dein Haus mit einem komfortablen Bad auszustatten, deinen Wagen mit einer High-Tech-Musikanlage, dein Büro mit einem superschnellen Rechner – diese Investitionen vergrößern nicht nur den Wert deines Eigentums und erhöhen nicht nur den Komfort deines Lebens und die Effektivität deines Arbeitens – sie sind auch eingebettet in den Kreislauf des Marktgeschehens, in dem die Nachfrage nach besseren Gütern den Erfindungsgeist und die technischen Finessen der Hersteller im Wettbewerb um die Gunst des Käufers weckt und beflügelt: Handwerkliche Perfektionierung, wissenschaftlicher und technischer Fortschritt sind eine Funktion und ein Folgeeffekt der Institution des Eigentums.</p>
<p>Häuser, die allen gehören und keinem, wie bald hausen Ratten oder Landstreiche und anderer Pöbel darin, aufgegebene Wingerte, brach liegende Flächen, wie bald überwuchert sie hässliches Kraut. Die verschworenen Gegner der Institution des Eigentums sind die Totengräber der Zivilisation und die Götzendiener des Chaos, der Unordnung, der Unvernunft.</p>
<p>Um die Wohnung in Ordnung und sauber zu halten, musst du dem natürlichen Prozess der Verwahrlosung und zunehmender Unordnung Einhalt gebieten und wieder Ordnung und Sauberkeit in die Bude bringen: Das geht nur durch Aufwand an Mühe und Energie, durch Wischen und Putzen. Bei der Verschönerung der Fassade deines Hauses und der Vermehrung der Blumenpracht deines Gartens lohnt sich die Mühe doppelt: Dein Gut bleibt in einem tadellosen Zustand und du kannst deinen Nachbarn beeindrucken und ausstechen.</p>
<p>Hast du großen Reichtum angehäuft, ist dir nicht nur daran gelegen, ihn durch geregelte Erbfolge zu erhalten, sondern in Teilen der Gemeinschaft zu stiften, die mit ihren Gesetzen und Ordnungsmächten dein ziviles Leben und deine Aneignungen möglich gemacht und behütet hat: So freuen wir uns, dich als Stifter und Mäzen beim Besuch des Museums, des Theaters, der Hochschule in bester Erinnerung behalten zu können.</p>
<p>Wenn ich deinen Füllfederhalter, dein Handy, dein Handtuch benutzen will, sollte ich dich schon aus Höflichkeitsgründen fragen, ob du es mir erlaubst. Die Nutznießung ist wie alle Formen der Veräußerung und Umwandlung von Eigentums- und Besitztiteln ein Regular unseres zivilen Lebens, das wie die Erbschaft, Kauf und Verkauf, die Leihgabe, die Vermietung und Verpachtung oder der Kredit auf Basis von Zins und Zinzeszins unser Sprech- und Aktionsumfeld mit all den Fäden gegenseitiger Verpflichtung und Verantwortung durchflicht und verwebt, die uns von aufreibenden Streitgesprächen, verlustreichen Händeln und blutigen Raufereien entlasten.</p>
<p>Dein Haus und deine Firma sind dir von Väterseite zugesprochen und vererbt. Du willst sie deinem Sohn, deiner Enkelin weitererben, damit sie in gute Händen gelangen, unter wachem Blick verantwortungs- und pflichtbewusst gewartet und geführt werden: Eigentum bindet und flicht das Band der Generationenfolge immer neu – auch wenn es natürlich infolge Entartung der Enkel zerspleißen und rissig werden kann.</p>
<p>Wir sind als Geist der Gemeinschaft der Hüter des Eigentums. Dazu dient uns die Instauration der Herrschaft und allem voran die Herrschaft des Gesetzes. Wir ahnden die Übertretung der Gesetze, die das Eigentum hüten, durch empfindliche Strafen oder wir machen die Übeltäter, die Betrüger, die Diebe, Räuber und Raubmörder, dingfest und unschädlich.</p>
<p>Wer für uns sein Eigentum, sein Hab und Gut, sein Leben hingegeben und geopfert hat, auf dass du und ihr vor Gefahren bewahrt wurdet, in der Not ein Auskommen und Rettung fandet, euer Acker zu neuen Ernten gedüngt wurde, diesen Edlen, diesen Heiligen verehren wie als Heros des Opfers: wie den Helden von Golgatha, der sein Leben für das Heil und die Rettung der vielen hingegeben hat.</p>
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		<title>Philosophieren IX</title>
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		<pubDate>Thu, 18 Jul 2013 16:17:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[konditionales Satzgefüge]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Raum]]></category>
		<category><![CDATA[Wahrnehmung]]></category>
		<category><![CDATA[Zeit]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Was tat (hat) wer wem (mit wem, für wen, gegen wen) wie wann und wo (getan)? Was tut wer jetzt (heute)? Was wird wer morgen (in der Zukunft) tun? Den Orts- und Raumbezug, den wir zur Orientierung in der Welt, das heißt auf der Straße, unterwegs, in fremden Gebäuden, Städten und Landschaften, benötigen, stellen wir [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-ix/">Philosophieren IX</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Was tat (hat) wer wem (mit wem, für wen, gegen wen) wie wann und wo (getan)? Was tut wer jetzt (heute)? Was wird wer morgen (in der Zukunft) tun?</p>
<p>Den Orts- und Raumbezug, den wir zur Orientierung in der Welt, das heißt auf der Straße, unterwegs, in fremden Gebäuden, Städten und Landschaften, benötigen, stellen wir dadurch her, dass wir die räumlichen Entfernungen auf die Nullkoordinate der Position beziehen, die wir mit unserem Körper einnehmen. „Komm her zu mir!“ heißt: „Komm näher an den Ort, den ich mit meinem Körper einnehme!“</p>
<p>Du schaust von der Höhe des Bergs auf den tief im Tal fließenden Strom und rufst aus: „Wie klein die Schiffe und die Menschen sind!“ Freilich sind sie nicht wirklich klein, jedenfalls nicht kleiner als gewöhnlich – du nimmst sie allerdings aufgrund der Struktur deines Sehorgans in dieser Entfernung so und nicht anders wahr. Soll man also sagen: „Du täuschst dich, in Wahrheit sind die Dinge viel größer?“ Aber auch ganz in der Nähe betrachtet, sehen die Dinge und Menschen so groß oder klein aus, wie du sie aufgrund der Struktur deines Sehorgans nun einmal wahrnimmst.</p>
<p>Allerdings machen wir uns einen festen Maßstab wie das Metermaß, messen das Ding und den Menschen daran ab, und sagen: „Diese Frau misst genau 164 cm, egal aus welcher Entfernung du sie betrachtest.“ So fangen wir mit unseren Messkünsten und Messverfahren an und schreiten dann voran auf den Gebieten der Topographie, Geographie, Geodäsie und hören nicht auf, bis wir die Ausdehnung des Universums bestimmt haben.</p>
<p>Den Zeitbezug, den wir zur Orientierung in der Welt, das heißt zur Übersicht über die Einteilungen und die Dauer des Tags, der Woche, des Monats, des Jahrs, deiner und meiner Lebenszeit, der Lebensdauer unserer Wir-Gruppe in Gestalt der Familie, der Sippe, der Nation benötigen, stellen wir dadurch her, dass wir die zeitlichen Abstände mittels der kulturell erworbenen und erlernten Kalender- und Epochengliederungen auf die Nullposition unseres Gegenwartsbewusstseins beziehen, das heißt auf die Gegenwart deines Erlebens, in der du augenblicks handelst und sprichst und die du so durchgehend Augenblick für Augenblick als „jetzt“ ansprichst.</p>
<p>Einige haben angenommen, analog zum Sehorgan für die räumliche Orientierung von einem Zeitorgan für die zeitliche Orientierung sprechen zu können. Indes scheint der wache Sinn für den schmalen Horizont der Gegenwart und all das, was in ihm abläuft, vom Kurzzeitgedächtnis kontrolliert und abgebildet zu werden. Diese aktuelle Erlebniszeit begleitet die lange Zeit unseres Lebens und Erlebens, die vom Langzeitgedächtnis kontrolliert und abgebildet wird wie der Schatten den Körper oder wie der aktuell sich schreibende Algorithmus den Prozessor.</p>
<p>Dieses an das Kurzeitgedächtnis geknüpfte bewusste Zeiterleben ist der letzte Horizont unserer persönlichen Zeiterfahrungen und Zeitabschätzungen. Von diesem Nullpunkt des Zeitbezugs aus reden wir von gestern, heute und morgen, von unserer Kindheit oder der Zeit, die wir in dieser Stadt oder in jenem Land verlebten, von der vergehenden und der kommenden Zeit. Es ist dieses Gegenwartserleben, das sich mit den bekannten merkwürdigen oder außerordentlichen psychologischen Zuständen mischen und aufladen kann: die ewig sich in Erlebnisfülle und -dichte dahinziehenden Sommertage der Kindheit oder das Erlebnis des alternden Menschen, die Zeit verlaufe schneller und schneller, die Langeweile des allen sozialen Erwartungen und Beanspruchungen entlaufenen Bohemiens und Verbrechers, das Erlebnis des Kairos durch den historischen Menschen, der eine Zeitenschwelle überschreitet.</p>
<p>Als natürliche Wesen mit sich nur in Grenzen regenerierenden Organismen, anfällig für Krankheiten, Verletzungen und Unfällen ausgesetzt, gelangen wir unversehens vom Kindsein zum Jugendalter und blicken ungläubig von der hohen Warte des reifen Erwachsenen auf die ferne Ebene des Alters: Schicksalhaft dem Prozess des Alterns preisgegeben, sehen wir unserem endgültigen Verfall und Untergang entgegen. Das Wissen um dieses tödliche Faktum führt zwar bei schweren pathologischen Fällen zu Lähmungen der Antriebskraft und des Lebenselans – im Normalfall bleiben uns ein tragisches Lebensgefühl oder ein schwermütiges Starren aufs Grab (das berüchtigte Sein zum Tode) erfreulicherweise erspart. Jedenfalls hindert uns die Gewissheit unseres dermaleinstigen Hinschieds nicht daran, weiterhin unsere Absichten für die nähere oder fernere Zukunft zu hegen und mit den Menschen und Mitteln zu verfolgen, die wir dafür als geeignet ansehen.</p>
<p>Wir synchronisieren mein und dein Gegenwartserleben im Wir-Erleben kollektiver Gegenwart des Festes, des Wettkampfes, des Spiels, des Rituals, des Krieges. Löst sich die kollektive Umklammerung der einzelnen Erlebniszentren, fallen ich und du wieder in die Einzelrhythmen und Einzelzyklen unseres kleinen Dahinlebens zurück.</p>
<p>Auf dem historischen Hintergrund der großen Gründungen und Stiftungen unseres Kulturkreises säkularer und religiöser Art waren und sind unsere Erlebniszeiten eingebettet und synchronisiert in epochal ausstrahlende Epochen-, Monats- und Jahresregister, wie bei der Jahreszählung nach der Gründung Roms (ab urbe condita) und der Annuität der Senatorenfolge oder den Regierungszeiten der Kaiser sowie nach der jüdischen Offenbarung datierend von der Erschaffung der Welt oder nach der christlichen Offenbarung datierend von der Geburt Christi.</p>
<p>Erzählungen über Personen, die uns interessieren, knüpfen wir an Erzählungen über Ereignisse, in denen sie verstrickt waren, in denen sie sich zum Beispiel tapfer behaupteten und das Ihre verteidigten oder feige davonliefen und alles preisgaben. In solchen Geschichten treten ihre besonderen Begabungen, Persönlichkeitsmerkmale und Charaktereigenschaften zutage: Mut und Feigheit, Besonnenheit und Leichtsinn, Ausdauer und Schwäche, Klugheit und Torheit. Wir erzählen solche Anekdoten, Histörchen und Geschichten im narrativen Erzähltempus des Präteritums (Imperfekts). „Es war ein schöner Sommertag, er ging in der Lindenallee spazieren.“ Das Erzähltempus erlaubt uns, ohne genaue Angabe des Zeitpunkts auf Ereignisse und Zustände der Vergangenheit Bezug zu nehmen, die eine gewisse Dauer für sich beanspruchen.</p>
<p>„Nachdem er seinen Bruder Remus ermordet hatte, hat Romulus die Stadt Rom gegründet.“ Mit der Verwendung der vollendeten Gegenwart (Perfekt) nehmen wir auf ein reales oder fiktives Geschehen der Vergangenheit Bezug, dessen Auswirkungen und Konsequenzen für unsere Gegenwart beziehungsweise die Gegenwart des Sprechers Relevanz und Bedeutung haben oder zu haben beanspruchen.</p>
<p>„Ich werde dich morgen früh in der Lindenallee abholen.“ Wir sind handelnde Wesen, auf der hügeligen Vulkanlandschaft unserer gleichsam erloschenen, vergangenen Handlungen sind wir guter Dinge, weiterhin Absichten zur Ausführung zukünftiger Handlungen hegen zu dürfen. Um die zukünftige Aktion glücklich in den Hafen zu fahren, betasten wir fragend den Zukunftshorizont: „Wirst du morgen auch Zeit haben und rechtzeitig zur Stelle sein&#8221;? „Passt dir die Lindenallee oder sollen wir einen Treffpunkt wählen, der dir lieber ist?“ Wir klopfen mit Fragen und Wenn-dann-Behauptungen im futurischen Tempus die Vektoren und Faktoren, die als Bedingungen des Eintretens des gewünschten oder als Bedingungen der Vermeidung des unerwünschten und gefürchteten Ereignisses vorliegen, auf die Wahrscheinlichkeit eben dieses Eintretens ab. „Wenn du den Frühzug nimmst, kann du noch rechtzeitig zum Beginn der Veranstaltung da sein.“</p>
<p>&#8220;Wenn du das und das tätest, würdest du dadurch das und das erreichen.“ „Wenn du das und das getan hättest, hättest du das und das erreicht.“ Die konditionale Fügung im Möglichkeits- und Unmöglichkeitsmodus des Coniunctivus irrealis stellt uns Gedankenmodelle zur Verfügung, mit denen wir unseren Möglichkeitssinn auf die Probe stellen und mögliche Handlungen und Ereignisse auf die Wahrscheinlichkeit ihres Eintretens oder Nichteintretens abtasten können: „Wenn du den Frühzug verpassen würdest, könntest du nicht rechtzeitig zum Beginn der Veranstaltung da sein.“ „Wenn du mehr Engagement zeigen würdest, könntest du bald beruflich aufsteigen.“</p>
<p>Der offene Horizont der Zukunft ist unser eigentlicher Lebensbezug – solange wir leben. Die Ereignisse der Vergangenheit, die wir mit anderen und andere neben und vor uns erlebt und in Gang gesetzt haben, beziehen wir über die Mündungsspitze unserer aktuellen Erlebnisgegenwart auf das mehr oder weniger offene Delta der Zukunft. Um die vergangenen Handlungen in das konditionale Satzgefüge einzupassen, das uns erlaubt, sie in Hinsicht auf zukünftige Möglichkeiten zu bewerten, bilden wir Wenn-dann-Sätze im Möglichkeits- und Unmöglichkeitsmodus des Coniunctivus irrealis: „Hättest du damals mehr Engagement gezeigt, wärest du bald beruflich aufgestiegen.“ Daraus leiten wir hoffnungsfroh und motivierend den Satz im realen Futur ab: „Wenn du mehr Engagement zeigen wirst, wirst du bald beruflich aufsteigen.“</p>
<p>Die Zukunft ist der mehr oder weniger weite Horizont all der Ereignisse, die wir erhoffen, die wir befürchten oder die uns gleichgültig sind. Was uns angeht und interessiert, unsere ureigenen Lebensinteressen berührt, sind nützliche, förderliche, segensreiche oder schädliche, hemmende, feindselige Dinge, Ereignisse und Personen. Was uns angeht, sind gute Erwartungen oder schlimme Drohungen, gute Ernten oder Parasitenbefall, Kindersegen oder Kindstod, glückliche Tage oder verweinte Nächte.</p>
<p>Das konditionale Satzgefüge bietet uns die sprachlichen Mittel und Techniken, Nutzen und Schaden, die Taxierung der Wahrscheinlichkeit des Eintritts von nützlichen oder verderblichen Ereignissen und die Taxierung der Wahrscheinlichkeit der Vergrößerung oder Minimierung von Risiken darzustellen: „Wenn wir die Filiale unseres Unternehmens in Flussnähe am Ober- oder Mittelrhein gründen würden, wären wir einem erhöhten Hochwasserrisiko ausgesetzt. Betriebsausfälle aufgrund von eingetretenen Hochwasserschäden könnten unseren Absatz vermindern und dem Ruf unseres Unternehmen schaden.“ „Wenn wir die riskanten und umstrittenen Zusatzstoffe dem neuentwickelten Medikament entzögen, könnten wir das Produkt besser vermarkten und unser Unternehmensimage aufpolieren.“</p>
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		<title>Philosophieren VIII</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-viii/</link>
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		<pubDate>Wed, 17 Jul 2013 10:25:33 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Sprechen]]></category>
		<category><![CDATA[Zeigen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Wir atmen ein und lassen den Atem kontrolliert wieder ausfließen, wobei wir mit verschiedenen Öffnungsgraden des Munds und mit absichtsvollen und gezielten Berührungen von Zähnen und Gaumen durch die Zunge Geräusche hervorbringen, die zum Grundbestand unserer artikulierten Verlautbarungen gehören. Warum so und nicht anders? Zunächst einmal bleiben wir mit dieser Art der Artikulation sozusagen zu [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-viii/">Philosophieren VIII</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wir atmen ein und lassen den Atem kontrolliert wieder ausfließen, wobei wir mit verschiedenen Öffnungsgraden des Munds und mit absichtsvollen und gezielten Berührungen von Zähnen und Gaumen durch die Zunge Geräusche hervorbringen, die zum Grundbestand unserer artikulierten Verlautbarungen gehören.</p>
<p>Warum so und nicht anders? Zunächst einmal bleiben wir mit dieser Art der Artikulation sozusagen zu Hause und müssen keine äußerlichen Mittel zur Hand nehmen, die uns am Ende im Wege stehen könnten. Probieren wir es einmal mit Klatschen, da sind unsere Hände nicht einmal ganz äußerliche und von unserem Körper getrennte Mittel: 1x klatschen heißt „O. k.“, 2x klatschen „Gehen wir!“, 3x klatschen „Kehren wir zurück!“ – wie oft aber musst du klatschen, um sagen zu können: „Der Aufwand an Investitionen steht im umgekehrten Verhältnis zum Grad des mit ihnen erzielten Wachstums.“</p>
<p>Das Beispiel zeigt: Mit einfachen Mitteln und Techniken der Signalgebung wie Pfeifen, Zeigen mit Flaggen oder bemalten und bezifferten Schildern können zwar einfache Hinweise und primitive Befehle, Aufforderungen und Warnungen mitgeteilt werden, komplexe Informationen dagegen überschreiten ihr Fassungs- und Ausdrucksvermögen.</p>
<p>Der Aufwand an Energie bei der Artikulation sollte ökonomisch sein. Sprachen wie das Chinesische haben hier optimale Lösungen gefunden: Mit einem Vokal verknüpfte Konsonanten wie ta, mi, fu reichen zusammen mit den bedeutungsvariierenden Lautstärken und -höhen sowie der Positionierung der bedeutungsvollen Laute in der vollständigen Lautkette für die gesamte Ökonomie der sinnvollen Verlautbarung aus.</p>
<p>Wenn wir reden, hören wir uns unmittelbar und unser Brustkorb und unser Schädel fungieren dabei als Resonanzkörper. Auf diese Weise merken wir uns das von uns Gesagte und Gemeinte auf der Stelle, denn die Sensorik und Motorik unserer Artikulationsorgane wird von eben dem neuronalen Netzwerk aus gesteuert, das auch die Speicher und Verarbeitungsregister für das von uns Gesagte und Gemeinte zur Verfügung stellt.</p>
<p>Du atmest ein und bildest beim Ausatmen in absichtsvollen und kontrollierten Bewegungen mit Mund und Zunge artikulierte Laute, die bedeutungstragende Einheiten darstellen und deren sinnvolle Verkettung dir Sätze und Reihen von Sätzen liefern. Dabei synchronisierst du Input und Output beim Sprechen: Was du sagst, wird mit passenden Inhalten aus dem Gedächtnis befrachtet, was du hörst, an den passenden Stellen deiner Informationsspeicher abgelegt.</p>
<p>Dein Zuhörer ist derjenige, der nach deiner Äußerung reagieren und das Wort ergreifen wird. So redet ihr miteinander. Und praktischerweise stehen die Mittel der Verlautbarung nicht als äußerliche Hindernisse zwischen euch: Ihr steht oder geht frei und ungehindert Seit an Seit oder tête-à-tête, so dass ihr euch im Auge behalten und die Reaktionen des anderen auf die Anrede in seinem Mienenspiel mit ablesen könnt.</p>
<p>Aus dir und mir bildest du ein Wir, indem du mich mittels des Gesprächs in eine gemeinsame Arbeit oder die gemeinsame Bewältigung einer Aufgabe hineinziehst und engagierst. „Kannst du mir helfen?“, fragst du mich und darfst auf meine Hilfsbereitschaft setzen, weil wir befreundet sind. Du sagst: „Schichte die Holzbalken auf den Karren!“, und: „Nicht so, sondern anders herum!“ Wir ziehen den Karren gemeinsam wohin. Dorthin, wo du dir eine kleine Hütte im Garten bauen willst. Und wenn ich als Mitglied in unserem kleinen Gesprächs- und Aktions-Wir dir auch bei dem Bau der Hütte helfe, erwerbe ich das Recht, ab und an in der Hütte zu hausen.</p>
<p>Unser Sprechumfeld ist also zugleich immer Aktionsumfeld, wir reden, um zu handeln, und handelnd reden wir. Wir blicken uns beim Sprechen an oder zeigen dem anderen den Gegenstand im Zeigefeld, über den wir eine Aussage machen. In der Wechselrede schreiten wir den Weg der Rede ab, bei dem sich Frage und Antwort, Antwort und Frage abwechseln. Ebenso wechsele ich die Rolle des Sprechers und werde Hörer in genau der Reihenfolge, in der du von der Rolle des Hörers zu der des Sprechers wechselst. Oder du tust das, was ich dir sage, und ich tue das, was du mir sagst und aufträgst, empfiehlst oder anweist. Wenn du unsicher bist, was genau oder wie genau du tun sollst, was zu tun ich dir rate oder auftrage, fragst du mich. Und wieder hebt das Wechselspiel von Frage und Antwort, Antwort und Frage an.</p>
<p>Worüber reden wir, was können wir zum Bezugshorizont unseres Dialoges machen? Alles, worüber sich reden lässt. Und worüber ließe sich nicht reden? Alles, das heißt genau: Personen, Sachen und Ereignisse. Reden wir also über Personen, die Sachen und Ereignisse folgen im Schlepptau, denn wir charakterisieren ja Personen durch die Sachen, die ihnen gehören, die sie begehren und für die sie sich interessieren, die sie befürchten. Zu den materiellen und rechtlichen Sachen zählen Grund und Boden, Häuser und Wohnungen, Speicher mit Korn und Saaten, Weiden und Ställe mit Vieh, Geld und Schmuck, aber auch Söhne und Töchter als potentielle Heiratskandidaten. Und wir rücken uns wichtige Personen in den Mittelpunkt von Geschichten, die wir über sie erfahren und die wir über sie erzählen (und dies im Erzähltempus des narrativen Präteritums), von Ereignissen, in die sich verstrickten oder in denen sie sich bewährten.</p>
<p>Reden wir also über die anderen, bekennen wir mutig: Klatsch und Tratsch sind der Hauptzweck unserer Unterhaltungen. Personen, die unseren Weg gekreuzt haben und für unsere Lebensinteressen eine nicht unbedeutende Relevanz hatten und haben und haben werden (hier kommen wir der Funktion und dem korrekten Gebrauch der Tempora verbi schon nahe), sind wichtige Spielfiguren im Wechselspiel unseres Redens. Und über Abwesende lässt sich bekanntlich unbefangener plaudern. Sinn und Zweck unseres Klatsches ist ein anthropologisch gesehen tiefer und schwerwiegender: Wir wollen gemeinsam und mittels der Erfahrungen unseres Gesprächspartners ausloten, in welche Kategorie, zu welchem Typus wir den Kandidaten einzuordnen haben: (potentieller) Freund, Verbündeter, Feind oder neutrale Person. Klatsch hat insofern eine moralische Funktion, als er darauf abzielt den, über den geklatscht wird, moralisch zu qualifizieren.</p>
<p>Kann er unseren Zwecken dienen? Sollen wir ihm eine so wichtige Sache anvertrauen? Wird er Wort halten? Wird er zu uns stehen, obwohl er anderen gegenüber die Treue gebrochen hat? Erzähl uns die Geschichte seines Verrats, seines Treuebruchs! Wird er unsere neuen Waffensysteme, unser Art zu wirtschaften, unser Wissen um die Orte von Quellen und Brunnen, Bodenschätzen und Tierweiden, unseren Geheimcode, all das, was er, einmal in unsere Nähe gelassen, auskundschaften kann, den Gegnern und Feinden verraten? Gehört er nicht zur Sippe, der Verwandtschaft, dem Clan, der einst unsere Vorfahren, unsere Ahnen bedroht, verleumdet, verfolgt hat? Erzähl uns die Geschichte, die Legende, den Mythos von der alten Feindschaft zwischen ihrem und unserem Zweig!</p>
<p>Ist also Argwohn geboten oder sind über die Jahre die Wogen geglättet und ein Vertrauensvorsprung unsererseits harmlos und unbedenklich? Hat er die Willensstärke und Kraft, die Kenntnisse und Fertigkeiten, um mit uns bei der Bewältigung der anstehenden Aufgabe erfolgreich kooperieren zu können? Ist er ausdauernd und geduldig bei der Arbeit, bei der Sache, oder wird er leicht ungeduldig und bricht die Arbeit schnell ermüdet oder missmutig ab? Ist er tapfer, beißt er sich auf die Lippen, wenn es mal hart auf hart kommt, oder ist er ein Jammerlappen, der gleich losheult und die Flinte, die Sense ins Gras wirft? Erzähl uns die Geschichte von der Schlacht, in der er sich heldenhaft geschlagen hat, in der er den Schild feige weggeworfen hat und zum Feind übergelaufen ist! Oder war es sein Vorfahr, über den die alte Ballade von Verrat und Feigheit erzählt? Sag uns die Ballade auf, sing uns die Ballade vor!</p>
<p>Können wir mit dem und jenem, mit diesen und jenen gemeinsam leben und arbeiten, Kriege führen, Kolonien gründen – eignen sie sich als Bündnispartner für solche Vorhaben oder können wir mit ihnen wie mit Freunden unter vier Augen sprechen? Werden sie den Beeinflussungen und Bestechungsversuchen unserer Gegner widerstehen? Oder sind sie schwach, niederträchtig, gemein? Können wir mit solchen Leuten ein Abkommen, einen Vertrag, ein Bündnis schließen? Werden sie die Abmachung auf Dauer einhalten oder nachdem sie ihren Vorteil eingestrichen haben sich arglistig davonschleichen? Und was soll mit jenem geschehen, der uns geschadet, betrogen, verraten hat? Der böse Absichten hegt und uns schaden, betrügen, verraten will? Wie wappnen wir uns, wie bleiben wir wehrhaft, wie hüten wir den wertvollen Wir-Kern unserer Lebens- und Überlebensgemeinschaft?</p>
<p>Wie nehmen wir auf den abwesenden Dritten Bezug? Wir fragen: Wer und was ist er? Mit seinem Eigennamen, seinem Ehrentitel oder seinem Spitznamen ziehen wir ihn in die Gegenwart unseres Redens, mit dem Gedächtnisbild seines Gesichts belebt er unsere Unterhaltung. Unsere hervorstechende Begabung, uns die Gesichter so vieler Personen merken zu können, befruchten wir mit all den Anekdoten, Histörchen, Geschichten, die sich um sie ranken, die wir vom Hörensagen kennen, die kluge Ratgeber uns offenbart oder falscher Verleumder uns eingeflüstert haben, und verknüpfen, konterkarieren oder korrigieren sie mit all den Erzählungen über dieselbe Person, die unser Gesprächspartner uns freigebig mitteilt.</p>
<p>Moralische Qualifizierungen von Personen und Moral in diesem guten Sinne sind kein mentaler Luxus, sondern lebens- und überlebenswichtig, damit du und damit wir uns mit Leuten umgeben, die uns nicht schaden, verraten und unglücklich machen, sondern mit guten Charakteren, die uns langfristig nutzen und unterstützen, uns ermutigen und erheitern, mit wertvollen Personen, die mit ihrem Wohlwollen und all ihrem Können und Wissen unsere Gemeinschaft beleben, bereichern, verschönern.</p>
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		<title>Philosophieren VII</title>
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		<pubDate>Tue, 16 Jul 2013 16:13:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Handeln]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Pronomen]]></category>
		<category><![CDATA[Sprechen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Mittel und Medien der Bezeichnung, der Kundgabe und Verlautbarung müssen geeignet sein, ihren Zweck möglichst reibungslos und energiesparend zu erfüllen. Das heißt: Sie müssen den wiederzugebenden Inhalt klar, verständlich und so weit reichend wie erforderlich transportieren. Der Adressat der Botschaft muss mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln die übertragene Information identifizieren und interpretieren (lesen) [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-vii/">Philosophieren VII</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Mittel und Medien der Bezeichnung, der Kundgabe und Verlautbarung müssen geeignet sein, ihren Zweck möglichst reibungslos und energiesparend zu erfüllen. Das heißt: Sie müssen den wiederzugebenden Inhalt klar, verständlich und so weit reichend wie erforderlich transportieren. Der Adressat der Botschaft muss mit den ihm zur Verfügung stehenden Mitteln die übertragene Information identifizieren und interpretieren (lesen) können.</p>
<p>Deinem Partner, Kollegen, Freund oder Gegner in der Umwelt stehen die sensorischen und mentalen Mittel zur Aufnahme und Deutung deiner Nachricht zur Verfügung, über die prinzipiell auch du zur Verpackung und Absendung deiner Botschaft verfügst. Dies sind die Sinnesorgane und die Verarbeitung der von ihnen übermittelten Informationen in den ihnen angeschlossenen Interpretationsregistern.</p>
<p>Deshalb kann die Wahl oder Auslese des materiellen Zeichenträgers nicht wie gerne postuliert völlig arbiträr sein. Mit Händen und Füßen ginge und geht es auch oder mit Pfeifen oder Händeklatschen. Die Indianer gaben Rauchzeichen, die römischen Soldaten Trompetensignale von ihren Wachtürmen. Flaggenzeichen haben sich bewährt. Das Morsealphabet ersetzt das römische Alphabet ohne Abstriche. Das digitale System kommt mit zwei Werten aus, deren Verkettung die Wörter der natürlichen Sprache und alle Zahlen und Zahlarten und ihre operationellen Verknüpfungen vollständig abbilden.</p>
<p>Kriterien für die Auswahl des Zeichenträgers sind die Deutlichkeit und Prägnanz, die Reichweite und die Differenziertheit oder Nuancierung, womit er mit seinem Material und dessen Verformbarkeit die Informationen wiederzugeben vermag. Denn es sieht schlecht aus, wenn du im Nebel stochern musst und weder den Typ des Zeichenträgers identifizieren noch die dargebotenen Zeichen erkennen und lesen kannst.</p>
<p>Was kennzeichnet das von uns ausgewählte und durch uns ausgelesene und perfektionierte System der Mitteilung mittels lautlicher Artikulationen? Vor allem die Vielzahl, Unterschiedlichkeit und feine Nuancierung der mit Konsonanten und Vokalen bildbaren Phoneme. Einzig der Längenunterschied, aber dieser in ausreichendem Maße unterscheidet die Wörter „Mus“ und Muss“, während der unverkennbare Wechsel der Konsonanten die Wörter „Laus“ und „Maus“ unverwechselbar macht.</p>
<p>Die gelingende Kommunikation setzt voraus, dass du dich angesprochen fühlst: Dir gilt die Botschaft und dies hast du zu vergegenwärtigen, damit deine Aufmerksamkeit die Schwelle wacher Wahrnehmung und scharfer Selbstvergegenwärtigung überspringt. Gewöhnlich erfolgt dieser Weckruf im täglichen Umgang mit dem Ausruf deines Namens oder mit einer direkten Ansprache wie „Herr Wittgenstein, würden Sie mir bitte folgen!“</p>
<p>Wer bewegt etwas mit wem (für wen, gegen wen) wie womit wohin wann wie lange?</p>
<p>Mit dieser Strukturformel erschließen wir uns die Welt unseres Lebens mit den Koordinaten von Ort und Zeit, den Typen von Akteuren, die gemeinsam für oder gegen andere handeln, und dies mit Mitteln, Techniken und Methoden, welche die Handelnden zur Fristung ihres Daseins und zur Erleichterung ihrer Daseinsbedingungen erfunden und umgesetzt haben.</p>
<p>Durch die grammatische Untersuchung der Funktionsweisen von Personal- und Demonstrativpronomina und der adverbiellen Bestimmungen von Ort und Zeit ziehen wir die Grundlinien der Ontologie menschlichen Daseins.</p>
<p>Wer bist du? Woher kommst du? Kommst du von hier oder von dort oder von da? Wohin gehst du? Bleibst du hier oder gehst du dorthin oder dahin? Willst du zu uns, zu diesen oder zu jenen? Gehst du mit mir? Hilfst du mir tragen, bauen, ernten? Gehst du mit mir zu euch oder zu ihnen? Wie lange bleibst du? Wann kommst du zurück? Wo treffen wir uns und wann?</p>
<p>Die Grammatik der Pronomina und Adverbien des Ortes und der Zeit gewährt uns den Einblick in die ontologischen Strukturen, gemäß denen wir in näheren, mittleren und ferneren Beziehungen und Dimensionen zueinander wohnen, arbeiten, leben.</p>
<p>Die symmetrisch zugeordneten Pronomina „ich“ und „wir“ werden von den Adverbien „jetzt“ und „hier“ in unsere Orts- und Zeitregister eingegliedert. So erhalten wir als ontologisch basale Sätze die Aussagen. „Ich tue etwas (spreche) jetzt hier“ und „Wir tuen etwas (sprechen) jetzt hier.“</p>
<p>Die symmetrisch zugeordneten Pronomina „du“ und „ihr“ werden von den Adverbien „jetzt“ und „dort“ in unsere Orts- und Zeitregister eingegliedert. So erhalten wir als ontologisch basale Sätze die Aussagen. „Du tust etwas (sprichst) jetzt dort“ und „Ihr tut etwas (sprecht) jetzt dort.“</p>
<p>Die symmetrisch zugeordneten Pronomina „er/sie/es“ und „sie“ werden von den Adverbien „jetzt“ und „da“ in unsere Orts- und Zeitregister eingegliedert. So erhalten wir als ontologisch basale Sätze die Aussagen. „Er tut etwas (spricht) jetzt da“ und „Sie tuen etwas (sprechen) jetzt da.“</p>
<p>Wir wohnen hier in diesem Haus, ihr wohnt dort als unsere Verwandten und Freunde im Nachbarhaus oder als Verbündete im angrenzenden Viertel, sie wohnen da als zu uns indifferente und neutrale Individuen und Gruppen oder als unsere Feinde jenseits der Grenze unseres Hofes, unseres Viertels, unseres Dorfes, unserer Stadt, unseres Landes.</p>
<p>Ich kann in eurem Auftrag handeln oder sprechen, du kannst in unserem Auftrag handeln oder sprechen, er kann nicht in unserem Auftrag sprechen (es sei denn, er wird durch ein besonderes Auswahlverfahren dazu legitimiert). Ich und du müssen nicht eigens zu diesen Formen der Stellvertretung oder Arbeitsteilung legitimiert werden, denn wir stehen in einem freundschaftlichen Nahverhältnis zueinander, das stellvertretende, arbeitsteilige und andere Hilfsmaßnahmen einschließt.</p>
<p>Die Nah- und Fernbeziehungen, die durch die Verwendung von Pronomina und Adverbien kartiert werden, können fluktuieren, sich spannen oder zerreißen. Wenn ihr Treuebruch begeht und euch mit unseren Feinden gemein macht, rückt ihr in ein Fernverhältnis des Misstrauens und der Angriffsbereitschaft. Wenn sie sich um unser Wohl verdient gemacht haben, steigen sie in unserer Gunst und rücken vom Fernverhältnis der neutralen Gruppe näher zu uns in das Nahverhältnis des Verbündeten.</p>
<p>„Ich gebe dir das Ding, ich leihe dir die Sache, ich transportiere mit dir gemeinsam die Dinge.“ Der neutrale Charakter der 3. Person Singular und Plural der Personalpronomina zeigt sich auch darin, dass mit ihnen neben den ferner stehenden Personen auch schlicht auf unpersönliche Dinge, Sachen und Sachverhalte Bezug genommen werden kann.</p>
<p>Zu den Grundlinien der Ontologie unseres Hier- und Jetztseins gehört also die Tatsache, dass mit den symmetrisch zugeordneten Pronomina ich und wir sowie du und ihr auf ein Nahverhältnis der Verwandtschaft, Freundschaft oder Intimität Bezug genommen wird, während die Verwendung der ebenfalls symmetrisch zugeordneten Pronomina er/sie/es und sie auf ferner liegende Verhältnisse und soziale Formen wie Bündnis, Partnerschaft, Vertrag, Union oder soziale Formen wirtschaftlicher und kultureller Konkurrenz und Feindseligkeit hinweist. So sind wir soziale Tiere geartet: Wir scharen uns zur Daseinsfristung und Lebenserleichterung in Kern-Gruppen, denen andre Gruppen näher oder ferner stehen. Mit diesen mischen wir uns, treiben wir Handel, tauschen wir Produkte, Werkzeuge, Waffen, Instrumente, Schmuck und Kunstwerke, mit anderen sind wir verfeindet und führen Handelskriege oder echte Kriege.</p>
<p>Eine einschneidende Differenz wird durch Ortsadverbien wie hüben und drüben, diesseits und jenseits angezeigt: Hüben ist die Innenseite der intimen Ich- und Du-Welt und der vertrauten Wir-Welt, drüben ist die fremde oder feindliche Es- und Sie-Welt. Zwischen hüben und drüben verläuft die das Dasein durchschneidende, wachhaltende, motivierende Grenze, die aus gehörigem Abstand betrachtet sich immer leicht schlängelt und wie unter Treibsand verwischt oder fortgeblasen wird. Wer heute dein Feind ist, kann dir morgen Blumen schicken, und wer dir gestern Blumen brachte, schickt dir morgen ein Messer. Grenze, die auch nach innen geht. So sagen wir: „Du bist zu weit gegangen!“, wenn du die empfindliche Grenze verletzt hast, die mit Gesten der Höflichkeit und Ritualen der Intimität als das Territorium des integralen Daseins bewacht wird, jenes Daseins, das von sich sagt: „Ich bin jetzt hier!“</p>
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		<title>Philosophieren VI</title>
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		<pubDate>Sun, 14 Jul 2013 14:20:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Absicht]]></category>
		<category><![CDATA[Fragen]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Einzusehen und festzustellen, dass wir als biologische Spezies oder dass du als bewusst Erlebender einen singulären Ort unter singulären Bedingungen in einer so und nicht anders aufgebauten, aber auch ganz anders aufbaubaren kosmischen Umwelt lebst, fügt einer Einsicht und Feststellung wie „In diesem Viertel wohne ich“ oder „Wasser setzt sich aus den Elementen Helium und [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-vi/">Philosophieren VI</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Einzusehen und festzustellen, dass wir als biologische Spezies oder dass du als bewusst Erlebender einen singulären Ort unter singulären Bedingungen in einer so und nicht anders aufgebauten, aber auch ganz anders aufbaubaren kosmischen Umwelt lebst, fügt einer Einsicht und Feststellung wie „In diesem Viertel wohne ich“ oder „Wasser setzt sich aus den Elementen Helium und Sauerstoff zusammen“ oder „Berlin ist die Hauptstadt Deutschlands“ keinen ontologischen Mehrwert hinzu: Einsichten und Feststellungen dieser Art liegen gleichsam auf derselben Ebene, wie alle Einsichten und Feststellungen – sie stimmen oder eben nicht.</p>
<p>Mit Feststellungen solch allgemeiner Art wie der genannten verbindet sich leichthin ein Gefühl des Erhaben-Schauerlichen oder der Verlockung, in transzendentale Abgründe zu rutschen oder auf Gipfel metaphysischer Aussichten zu klettern. Aber dies ist eine Luftspiegelung, die gerne von geschickten Geistesgauklern als Instrument ihres Hintersinns missbraucht wird. In Wahrheit hat der Satz „Ich bewohne den Planeten Erde in einem Sonnensystem der Galaxie“ keinen tieferen Sinn als der Satz „Ich wohne in Frankfurt am Main“.</p>
<p>Umgekehrt kannst du den Satz „Ich wohne in Frankfurt am Main“ mit demselben Aura-Dunst des Tiefsinnigen und Rätselhaften umhüllen wie den Satz „Ich bewohne den Planeten Erde in einem Sonnensystem der Galaxie“.</p>
<p>Wenn du lange genug auf einfache Feststellungen der Art starrst wie „Ich bin jetzt hier, sitze leibhaft vor diesem Tisch, in diesem Zimmer, in dieser Stadt, in diesem Land, auf diesem Planten, in diesem Sonnensystem, in dieser Galaxie und bin mir all dessen bewusst“ kannst du in dir leichthin ein Gefühl des Schwindels erzeugen und mit diesem geraten all jene Sätze in ein Schillern und Flimmern.</p>
<p>Aber dass du dir dessen bewusst bist, was du sagst, diese Tatsache gehört für uns in den Bedeutungskern des Begriffs „sagen“. Wenn du schlafwandelnd zu mir sagst „Morgen breche ich auf nach China!“, würde ich angesichts deines somnambulen Zustandes den von dir gerade ausgesprochenen Satz als nicht echt und wahrhaft gemeint durchstreichen und nicht befürchten, dich übermorgen in der Transsibirischen Eisenbahn vermuten zu müssen – auch wenn dein dreimalkluger Psychoanalytiker sich mit der Zunge schnalzend auf diesen Satz stürzt, weil in seinem verrückten System unbewusst gesprochen werden kann. In unseren Kreisen, wo wir kleinen, gleichsam einmalklugen Leute uns mühsam und mit Bedacht in wachen Momenten durchs Leben schleppen, gilt: Dass wir dem Sprecher unterstellen, dass er sich absichtsvoll äußert, das heißt sich des Inhalts, des Adressaten und der absehbaren Wirkung seiner Sätze bewusst ist, gehört für uns zum Bedeutungskern des Begriffs „sagen“.</p>
<p>Als Antwort auf die Frage „Wo wohnst du?“ hören zu müssen „Ich wohne auf dem Planeten Erde“ oder gar „Ich wohne in der Galaxie“ oder auf die Frage „Was machst du gerade?“ hören zu müssen „Ich sitze vor meinem Tisch auf dem Planeten Erde“ oder gar „Ich sitze vor meinem Tisch in der Galaxie“ erscheint uns nicht nur nicht angemessen, sondern klingt geradezu verrückt in unseren auf mittlere Frequenzen des Sinns gestimmten Ohren. Du würdest dir deinen Teil denken und dich aus dem Gespräch flüchten. Ich würde sagen: „Nun spiel dich mal nicht so auf und komm auf den Teppich!“ oder: „Lass den Firlefanz und komm auf den Boden der Tatsachen zurück!“</p>
<p>Der Boden der Tatsachen ist natürlich eine Metapher. Sie zielt auf die Struktur und den Inhalt der Formel: „Wer sagt was wem wie wann und wo?“ Mit dieser Formel kommen wir klar, erfassen wir unsere Lage, ziehen die Grenze dessen, was wir gut, klar, angemessen sagen können und was nicht – wobei diese Grenze aus dem Teleskop vom Sirius aus betrachtet oder wie man so schön zu sagen pflegte „sub specie aeternitatis“ sich wie ein Aal schlängelnd fließt und weiterkriecht – allerdings in einem Tempo, das unsere gegenwärtigen Bemühungen um Genauigkeit und Angemessenheit des Ausdrucks nicht einschränkt und nicht zu beunruhigen braucht.</p>
<p>Du hörst, wie im Hof der Automotor anspringt, wie eine Tür zuschlägt. Der Mann, der den Motor anlässt, hat nicht die Absicht, dir mittels des Motorengeräusches mitzuteilen, dass er jetzt im Begriff ist, wegzufahren. Er verfolgt mit dem von ihm indirekt erzeugten Geräusch überhaupt keine Absicht. Die alte Frau vom Nachbarhaus, die die Haustür hinter sich zuschlägt, hat nicht die Absicht, dir mitzuteilen, dass sie jetzt im Begriff ist, in ihre Wohnung zurückzukehren. Die Frau verfolgt mit dem von ihr direkt erzeugten Geräusch überhaupt keine Absicht oder eine Absicht, die nicht dir gilt, sondern ihren Mitbewohnern, nämlich sich als die penetrante und impertinente Person in Erinnerung zu rufen, die die Türen immer zu laut ins Schloss fallen lässt. Geräusche dieser Art können dir etwas mitteilen, dich über ein Geschehen deiner Umwelt ins Bild setzen: Aha, der Nachbar fährt weg. Ach so, die impertinente Alte von Gegenüber kommt zurück.</p>
<p>Vögel zwitschern. Die Tiere erzeugen die zwitschernden Klänge nicht in der Absicht, dir etwas mitzuteilen. Ob sie die Klänge mit der Absicht hervorbringen, einander etwas mitzuteilen, könnte man allenfalls fragen. Dennoch kann Vogelgezwitscher dir Informationen über die Umwelt und dich selbst übermittel: dass es früher Morgen ist oder dass du heiterer Stimmung bist, weil du das Zwitschern mit der Erinnerung an eine schöne Ferienwanderung verknüpfst.</p>
<p>Das Telefon klingelt. Du hebst ab, und der von dir erwartete Anrufer meldet sich mit Namen. Das Klingeln des Telefons ist ein vom Anrufer mit der Absicht erzeugtes Geräusch, dich aufzufordern, den Hörer abzunehmen und mit ihm zu sprechen.</p>
<p>Du steigst mit einem Freund einen steilen Berghang hoch. Plötzlich ruft er: „Achtung, Steinschlag!“ Du weichst unwillkürlich zur Seite und schaust nach oben, wo du herabfallende Steine zu erblicken erwartest. Gefragt, was dein Freund dir mitgeteilt hat, wirst du korrekt antworten, er habe dir eine Warnung ausgesprochen und zur Verdeutlichung und Akzentuierung der Tatsache, dass er dich warnte, den Sprechakt des Warnens als solchen mit dem Ausruf „Achtung!“ explizit gemacht. Er hätte auch bloß ausrufen können „Steinschlag!“, und mit genügend Impetus hervorgebracht, hätte diese Warnung bei dir dieselbe Reaktion ausgelöst.</p>
<p>Für einen der deutschen Sprache nicht Mächtigen ist der Ausruf „Achtung, Steinschlag!“ ein bloßes Geräusch, dem Naturlaut des Vogelrufes ähnlich: Es sagt ihm nichts, bleibt unverständlich und bedeutungslos. Welche Eigenschaften machen den Ausruf für uns verständlich und bedeutungsvoll? Nichts an der Lautung „Stein“ verweist auf einen Stein. Gäbe es eine natürliche Verbindung zwischen der Lautung „Stein“ und der Bedeutung Stein, könnte „pierre“ im Französischen nicht dasselbe bedeuten. Wir haben die Verbindung zwischen dem Laut und dem Begriff erlernt, immer wieder den Laut im selben Wahrnehmungsumfeld bilden gehört und dann selbst gebildet. So wenn wir als Kinder mit Steinen gespielt, mit Steinen geworfen, mit Steinen Häuser und Türme gebaut haben. Laut und Begriff und ihre Verknüpfung liegen ab einem bestimmten Zeitpunkt im Gedächtnis zur jederzeitigen Abrufung bereit. Doch die Verbindung ist nicht sehr fest gespannt, sondern gleichsam elastisch. Wir müssen nicht in jedem Falle genau angeben können, ob es sich hier um einen großen Kieselstein oder doch um ein exotisches Ei handelt.</p>
<p>Wir benötigen keine Vorstellungen, Bilder oder Repräsentationen für das von den Wörtern Gemeinte, als hingen in der Galerie des Gedächtnisses die Bilder der Dinge, jeweils mit den Etiketten ihrer Namen versehen. Welche Vorstellung, welches Bild benötigst du, um den Ausruf „Achtung!“ zu kapieren?</p>
<p>Die Tatsache, dass wir mittels bedeutungsloser Geräusche, hervorgebracht mittels Nase, Lippen, Gaumen und Lungen, uns auf Begriffe und Bedeutungen beziehen, hat eine strukturelle Ähnlichkeit mit der Tatsache, dass wir mit einem rein physischen, bedeutungsfreien Objekt, unserer Hand, jemandem etwas bedeuten, etwas zeigen können, und scheint genauso merkwürdig zu sein wie die Tatsache, dass wir aufgrund der guten Leistungen unseres begriffs- und bedeutungsfrei vor sich hinrechnenden neuronalen Netzwerks die Umwelt und etliches an uns selbst bewusst erleben und unendlich viele bedeutungsvolle Sätze hervorzubringen und zu verstehen imstande sind.</p>
<p>Hier müssen wir uns wieder vor den Luftspiegelungen hüten und die Gaukler des Hintersinns maßregeln. Schließlich kann unser bewusstes Erleben und unsere Fähigkeit zu semantischen Höchstleistungen nicht anders als kausal erklärt werden, nämlich hervorgebracht von unserem neuronalen Netzwerk. Die hier gerne hochgekitzelte steile Behauptung, man stoße halt auf letzte Grenzen der Erkenntnis und prinzipiell unlösbare Fragen, geht auf ein Missverständnis dessen zurück, was wir wohlweislich mit dem Begriff „Fragen“ meinen. Fragen tauchen auf, wenn das Spielfeld des Handelns sich unvermutet verengt. Die auftauchende Frage gleicht dem plötzlich den Weg versperrenden Hindernis – die Antwort lautet: Bleibe stets konstruktiv und warte, bis sich die Woge gelegt und der Nebel sich verzogen hat, oder untersuche die Umgebung und mach einen Umweg. Ein unübersteigliches, „absolutes“ Hindernis auf dem Weg des Fragens und Forschens kann es genauso wenig geben wie einen endgültigen, „absoluten“ Um- und Ausweg für alle künftigen oder möglichen Hindernisse, der damit jedes weitere Fragen überflüssig machen würde.</p>
<p>Rede nicht mehr von „Bewusstsein“ – und die Spannung lässt nach, aber auch der Kitzel. Bewusstsein ist ja kein Gegenstand in der Welt wie dieses Fässchen Salz vor uns auf dem Frühstückstisch, den du auffinden, beobachten, zerlegen und wieder zusammensetzen könntest. Vielmehr sind die Akte, die wir bewusst vollziehen, und unter diesen der Akt des Sagens, die Voraussetzung dafür, dass wir die Welt in gegenständliche und nichtgegenständliche Entitäten einteilen. Wir, die wir reden, sind nichtgegenständliche Entitäten, feierlich, aber unscharf Subjekt oder Selbstbewusstsein genannt, wir greifen mit den auf Objekte referierenden Begriffen unserer Sprache auf mögliche und wirkliche Objekte im Wahrnehmungsfeld oder in den theoretischen Begriffsnetzen zu. Daran ist so viel und so wenig ungewöhnlich wie an dem Satz: „Bitte, reiche mir doch das Salz herüber!“</p>
<p>Sind wegen der Tatsache, dass die Einteilung der Welt in Gegenstände die bewährte Leistung unseres absichtsvollen Sprechens voraussetzt, die Gegenstände oder, diese in den Sack der Welt gepackt, die ganze Welt nichts als Illusion, Einbildung, transzendentale Träumerei, Flammenschrift an der Wand des Unbewussten? Mitnichten. Denke an das berühmte Bild vom Fischernetz: Je nach Größe der Maschen fängst du die großen Barsche oder die kleinen Sardinen. Und die stillen deinen realen Hunger. Netze müssen ausgebessert, eingerissene Maschen geflickt und erneuert werden. So auch die Sprache und das Netzwerk unserer auf Gegenstände referierenden Begriffe. Wie fein ist das Sprachnetz der Botaniker, der Entomologen, der Geologen, der Zoologen, der Neurologen, der Archäologen – und ohne Unterlass sind die globalen wissenschaftlichen Netzwerker damit beschäftigt, neue Funde zu taufen, Begriffe neu zu untergliedern, Begriffshierarchien umzubauen. Und wenn am Nachbartisch zwei Gauner in Gaunersprache über den nächsten Coup reden, versuche herauszufinden, worüber sie reden, welches Gebäude, welche Bank, welche Devisen sie meinen!</p>
<p>Uns genügen Netze, mit denen wir Barsche und Sardinen einfangen können. Das übrige überlassen wir getrost den Wissenschaftlern mit ihren Quarks und ihrem fluktuierenden Ur-Vakuum, die mit immer feineren Messverfahren das menschliche Auge beschämen und immer entlegenere, immer winzigere Objekte einfangen – und den Dichtern, die so manchen bunten Vogel mit den subtilen Pfeilen Apolls abgeschossen haben.</p>
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		<title>Philosophieren V</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-v/</link>
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		<pubDate>Fri, 12 Jul 2013 16:42:09 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[deklarativer Sprechakt]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Sagen]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Wir tun etwas mit euch (für euch, gegen euch) (in bestimmter Weise, jetzt und hier). Wir sagen euch etwas (in bestimmter Weise, jetzt und hier). Dies sind die Formeln zur Beleuchtung und Erschließung der Identität und des Verhaltens von Gruppen, der kollektiven Intentionalität. Ein Sprecher sagt befugtermaßen und rechtens „wir“, wenn er von der Gruppe, [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-v/">Philosophieren V</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wir tun etwas mit euch (für euch, gegen euch) (in bestimmter Weise, jetzt und hier). Wir sagen euch etwas (in bestimmter Weise, jetzt und hier). Dies sind die Formeln zur Beleuchtung und Erschließung der Identität und des Verhaltens von Gruppen, der kollektiven Intentionalität.</p>
<p>Ein Sprecher sagt befugtermaßen und rechtens „wir“, wenn er von der Gruppe, die diese Pluralform meint, durch ein Verfahren der Legitimierung wie Wahl oder Akklamation dazu autorisiert ist, in ihrem Namen zu sprechen. Die Formel der kollektiven Äußerung könnte in rechtskräftiger und gültiger Ausprägung lauten: „Im Namen des amerikanischen Volkes erkläre ich der Volksrepublik China den Krieg.“ Diese Äußerung ist keine Aussage über die Tatsache eines Krieges zwischen den USA und China, sondern deklariert – wenn sie denn vom in korrektem Verfahren gewählten Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika vor dem Kongress in Washington oder aus dem Oval Office des Weißen Hauses verlautbart wird – die Tatsache des Krieges der USA mit der Volksrepublik China als vom Augenblick ihrer Verkündung an bestehend.</p>
<p>Die Formel „Im Namen des amerikanischen Volkes erkläre ich der Volksrepublik China den Krieg“ hat keine verbindliche Wirkung und setzt die Tatsache des eben mit ihrer Verlautbarung beginnenden Krieges dann nicht in die Welt, wenn sie von einem Junkie im Drogenwahn vor dem Weißen Haus oder vom Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika im Traum geäußert wird. Um ihre ungeheure Wirkung zu entfalten, bedarf die Formel der Einbettung in das numinose Element der institutionellen Autorität und der Repräsentanz des Gruppenwillens. An der richtigen Stelle, zum richtigen Zeitpunkt, von dem Sprecher geäußert, der qua Amt dazu befugt ist, hat die Kriegserklärung weitreichende Folgen, die eine ungeheure Kaskade von Befehlen und Einzelhandlungen in Heer und Marine und wahrscheinlich Millionen von Toten einschließen können. Im gegenteiligen Fall, verlautbart am falschen Ort, zum falschen Zeitpunkt, ohne Legitimierung durch einen Gruppenwillen, verhallen die Worte ohne Folgen, schlimmstenfalls wird der Sprecher in Gewahrsam genommen und einer psychiatrischen Begutachtung zugeführt.</p>
<p>Kollektive wie Clubs, Vereine, Firmen, Kirchen oder Staaten verfolgen Absichten und suchen ihre Zwecke und Ziele zu erreichen. Ihre Absichten und Ziele werden aus der Quelle des Antriebs gespeist, die eigene Identität über möglichst lange Zeitdauern zu erhalten und gegen Gefahren von außen und innen zu schützen.</p>
<p>Gruppen müssen Ressourcen wie Geld, Grund und Boden, Immobilien oder Aktien sowie Machtmittel wie Waffen, Wissen, Informationen, Podien der Selbstinszenierung und Propaganda akkumulieren und besetzen, um die Risiken und Unsicherheiten infolge des unaufhaltsamen Wandels im Zeitverlauf zu beherrschen oder zu minimieren. Das höchste Risiko ist der Untergang, es zu vermeiden, zumindest vorerst, heißt die Wahrscheinlichkeiten von Handlungen und Ereignissen, die die Existenz sichern, zu maximieren.</p>
<p>Strategien der Existenzsicherung lassen sich als Grade auf einer Gaußschen Kurve wachsender Abschließung und Ausschließung beziehungsweise wachsender Öffnung und Einschließung eintragen: Die beiden Überschneidungen der Kurve mit der Ordinate bezeichnen dasselbe Ereignis: Untergang, Aussterben und Tod der Gruppe. Also liegt das Optimum der Bedingungen, die den Erhalt und das Wachstum der Gruppe sichern, im Maximum der Kurve zwischen den beiden Extremen.</p>
<p>Ein eingetragener Schachclub, der an regelmäßigen Wettkämpfen teilnimmt, aber es verabsäumt, Auslesekriterien für neue Mitglieder aufzustellen, der es nicht für nötig befindet, den Nachwuchs zu Schulungen zu verpflichten, wird auf Schachturnieren im Wettkampf mit anderen Clubs, die harte Auslese betreiben und ein rigides Schulungsprogramm durchpauken, bald Niederlage für Niederlage einstecken. Der Sports- und Kampfgeist erlahmt, die alten Hasen resignieren und ziehen sich zurück, die Jungen verlieren an ihnen Vorbild und Halt. Die Auflösung des Vereins steht ins Haus.</p>
<p>Selbstredend wird auch ein Schachclub, der sich rigide jedem Neuzugang verschließt und sich vollständig von der Umwelt abschottet, zum sicheren Untergang verurteilt sein: Schon wegen der Tatsache, dass er bald überaltert und am Ende alle Mitglieder verstorben sein werden.</p>
<p>Dagegen wird ein Schachclub erfolgreich auf dem regionalen, nationalen oder internationalen Parkett der Schachturniere agieren, wenn er sich nicht Hinz und Kunz öffnet, sondern diejenigen in kontrollierten Ausleseverfahren auswählt, mit deren Talenten und Neigungen sich auf dem Gebiet des Vereinsgegenstands am besten wuchern lässt. Die Neuzugänge werden gehörig geschult, die Ablösung der alten Herren vollzieht sich stufenweise und glimpflich. Hier gelingt der Existenzerhalt durch überwachte, gelenkte Öffnung und gelungene Sukzession, ein allmähliches Wachstum ist nicht ausgeschlossen.</p>
<p>Völlige Abschließung führt wie unkontrollierte Öffnung zum Untergang von Gruppen wie Vereinen, Firmen, Kirchen und Staaten. Die Existenz der Gruppe und ihr Erhalt ist weniger wahrscheinlich als ihre Nichtexistenz und ihr Untergang. Denn sie muss im stets fluktuierenden Ereignisfeld ein sich selbst steuerndes und tragendes Fließgleichgewicht anzielen und immer wieder herstellen.</p>
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		<title>Philosophieren IV</title>
		<link>http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-iv/</link>
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		<pubDate>Fri, 12 Jul 2013 11:47:31 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[institutionelles Gewicht]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>
		<category><![CDATA[Sprecherabsicht]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Wer sagt wem was wie wann und wo? Auch Reden ist bekanntlich ein Tun, wenn auch eines der besonderen Art. Auch dem Sprecher unterstellen wir rechtens eine Absicht, die er mit seiner Äußerung verfolgt und zu verwirklichen sucht. Die Art und Weise seiner Äußerung muss zu der von ihm verfolgten Absicht passen. Willst du etwas [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-iv/">Philosophieren IV</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Wer sagt wem was wie wann und wo? Auch Reden ist bekanntlich ein Tun, wenn auch eines der besonderen Art. Auch dem Sprecher unterstellen wir rechtens eine Absicht, die er mit seiner Äußerung verfolgt und zu verwirklichen sucht. Die Art und Weise seiner Äußerung muss zu der von ihm verfolgten Absicht passen. Willst du etwas von mir wissen, solltest du mir eine Frage stellen. Willst du, dass ich dich auf dem Weg begleite, solltest du mich darum bitten. Willst du mich von dem Kontakt mit dem dubiosen Typen fernhalten, solltest du mich vor ihm warnen. Wenn wir nach dem Sinn oder der Bedeutung einer Äußerung fragen, können wir zumeist korrekt antworten, indem wir die Art und Weise, den Modus, der Äußerung nennen: Frage, Bitte, Befehl, Warnung, Behauptung.</p>
<p>Was meint er damit? Nun, er hat eine Frage gestellt. Wir können den Äußerungstypus auch explizit machen, indem wir ihn einleitend wie einen Indikator benennen. Hältst du dein Gegenüber für etwas begriffsstutzig oder ist dir daran gelegen, das Gewicht deiner Äußerung zu betonen, sagst du: „Ich frage dich, kannst du angesichts dieses Treuebruchs noch von freundschaftlichen Gefühle mir gegenüber reden?“ „Ich behaupte, das ist nicht der Fall!“ „Ich warne dich, tu das nie wieder!“ „Ich bitte dich, nur dieses eine Mal pünktlich zu sein!“</p>
<p>Wer sagt wem was wie wann und wo? Die Tatsache, dass wir mit unserem Tun und Lassen, mit unserem Reden und Schweigen überhaupt Absichten der unterschiedlichsten Art verfolgen, wurzelt in den Tiefen unserer biologischen Ausstattung: Immer strebend uns zu bemühen, stets auf dem Quivive, aufmerksam, auf der Hut und wachsam zu sein, wenn es nottut (und das ist oft der Fall), sind wir als natürliche Lebewesen angehalten: um zu leben und uns am Leben zu halten, um am sozialen Leben teilzunehmen und unsere Funktionen und Rollen im Spielfeld des Handelns einigermaßen korrekt, ordentlich, angemessen oder zufriedenstellend zu erfüllen.</p>
<p>Wer sagt wem was wie wann und wo? Wer neu in eine Firma, einen Verein, eine kirchliche Gemeinde oder einen Tennisclub eintritt, wird gut daran tun, höflich, zuvorkommend und freundlich aufzutreten, um sich den anderen Mitgliedern auf angemessene Art zu gesellen und die Grenzen der eigenen Rolle abzutasten, die es bei Strafe unangenehmer Sanktionen, übler Nachreden, beschämender Aussonderung oder gar des schließlichen Ausschlusses aus der Gruppe nicht zu übertreten gilt. Um diese Absicht zu erreichen, wird der Novize nicht ständig das Maul aufreißen und wichtigtuerisch gestikulierend lautstark seinen Senf zu allem und jedem dazugeben, sondern einen höflichen Ton anschlagen, sich zurückhalten, wenn die Vorgesetzten, die Älteren und Erfahrenen das Wort führen und auf Fragen angemessen, reserviert, aber bestimmt, antworten. In der Rolle des Neulings, des Debütanten, des Anwärters, des Azubis, des Novizen dämpfst du den Ton und trittst eine Weile verhalten auf.</p>
<p>Die Äußerungen des Polizisten, des Richters und Staatsanwalts, des Gerichtsvollziehers, des Arztes, des Prüfers, des Beichtvaters wiegen schwerer als die des Temposünders, des Delinquenten, des Schuldners, des Kranken, des Fahrschülers, des reuigen Sünders. Äußerungen dieser Art, von Amts- und Respektspersonen vorgebracht, sind mit institutionellem Gewicht befrachtet: sie zu bekritteln und zu bemäkeln, gar sie zu ignorieren und zurückzuweisen, ist nicht ratsam. Denn Anweisungen, Befehle und Urteile zu ignorieren, die mit amtlicher und institutioneller Autorität bewehrt sind, hat für den Ignoranten unangenehme Disziplinierungsmaßnahmen oder empfindliche Einschränkungen, Zurechtweisungen und Strafen zur Folge.</p>
<p>Du kannst die Grade der Verbindlichkeit des Gesagten auf einer Skala abtragen, die vom Nullpunkt unverbindlichen Geschwätzes bis zum Gipfelpunkt von Äußerungen wie Befehlen, richterlichen Urteilen, amtliche Verlautbarungen, Verkündungen von Verfassungsartikeln und Gesetzen, Namensvergaben wie bei der Taufe oder Treue- und Vertragsversprechen wie beim Ehegelöbnis reicht: Mit Äußerungen dieses institutionellen Gewichts werden die Tatsachen und Strukturen der sozialen Welt erzeugt.</p>
<p>Am Rande sei vermerkt, dass die Frageformel „Wer sagt wem was wie wann und wo?“ auch aufschlussreich für den Bereich des sakralen und poetischen Sprechens ist. Dem mit dem Charisma von Berufung und Auserwählung begabten Menschen wie Buddha oder Jesus wird in ihren Äußerungen die Autorität des Heiligen verliehen, die ihre Sprüche, Segnungen, Verfluchungen und Gleichnisse unantastbar macht. Dem mit dem Charisma von Einweihung und Genialität begabten Menschen wie Goethe oder Bashô wird in ihren Äußerungen die Autorität der Meisterschaft verliehen, der ihre überlieferten Werke zu erleuchteten Vorbildern macht.</p>
<p>„Ich erwarte dich hier morgen um die gleiche Zeit.“ Die Anwendung unserer Begriffe für Akteure, Handlungsarten mit ihren Zeitstufen und Zeitmodi, direkte und indirekte Objekte, Zeitpunkte oder Zeitstrecken und Orte ist im lebensweltlichen Umgang nicht streng formal und definitiv geregelt. Die Vagheit der Spielräume verengt sich unter Hinzuziehung der Koordinaten der Umgebung: Wenn wir jetzt in einem Park wandeln oder am Ausgang des Parks stehen, erwarte ich dich morgen an anderen Stellen, als wenn wir uns an der Tür meiner Wohnung verabschieden. Das implizit Mitgemeinte bei der Verwendung von Sätzen mit vagen Zeit- und Ortsadverbien kann explizit gemacht und durch Erläuterungen präzisiert werden. Dieses Verfahren ist geboten, wenn Missverständnisse und Unklarheiten zu befürchten sind.</p>
<p>Wird die Aussage „Ich erwarte Sie hier morgen um die gleiche Zeit“ von einem Staatsanwalt oder Untersuchungsrichter verlautbart, wird ihr qua Amtsautorität des Sprechers die Eigenschaft einer Anordnung verliehen, die zu ignorieren Sanktionen wie Strafgeld oder Untersuchungshaft nach sich ziehen könnte. Das implizit Mitgemeinte muss nicht erläuternd präzisiert werden. Das richterliche Urteil letzter Instanz ist kein frommer Wunsch, keine laue Empfehlung, sondern eine Entscheidung mit der Autorität des nicht mehr einklagbaren Vollzugs.</p>
<p>Die Bedeutung von Äußerungen ist demnach sowohl abhängig vom Modus des Äußerungstyps als auch von Funktion und Befugnis des Sprechers sowie dem institutionellen Handlungsrahmen, in dem sie verlautbart werden. „Ich liebe dich“, zwischen den Kissen gehaucht, kann leicht und unverbindlich, ja trügerisch und betrügerisch über die Lippen kommen oder auch mit folgen- und tatenlos bleibendem romantischen Ton. Das Paar, das sich vor der kirchlichen oder amtlichen Autorität das Eheversprechen gibt, verpflanzt mit dem Jawort sein weiteres gemeinsames Leben in den Rahmen der Institution Ehe, die es mit gegenseitigen Erwartungen zu handeln und zu reagieren, mit gegenseitigen Rechten und Pflichten bis zur Versorgung und Pflege ausstattet. Wenn reden nichts kostet, trudeln die Worte wie leichte Blätter auf dem Sturzbach der Ereignisse. Reden, das nichts kostet, ist darum meist wertlos, luxurierendes Faseln.</p>
<p>Institutionen wie die Taufe oder die Ehe, bei denen mittels Worten soziale Tatsachen und langwährende Lebensumwelten geschaffen werden, haben so lange Bestand, wie es Menschen gibt, die an ihre Existenz glauben. Die Macht und Kraft des Glaubens verleiht ihnen institutionelles Gewicht, das gleichsam den Kahn mit genügend schwerer Fracht ausstattet, die ihn in den Wogen des Lebens tiefere, sichere Bahn finden lässt. Dass mittels der Einsegnungsworte „Hoc est enim corpus meum, hic est enim calix sanguinis mei“ im liturgischen Rahmen der Eucharistie Brot und Wein in Leib und Blut Christi verwandelt werden, wird aufgrund des Charismas und der Amtswürde des in der Nachfolge Petri handelnden Priesters und der Autorität der als heilig geglaubten Kirche glaubend angenommen.</p>
<p>Beschimpfungen aus losem Mundwerk treffen den gelassenen Menschen, der gerade befördert wurde und zu dem Beleidiger in keinem Nahverhältnis steht, ganz am Rande. Dem in die magischen Zwänge des Voodoo-Kultes Verstrickten kann die als sakrosankt geglaubte Verfluchung durch die Autorität des Priesters den Tod bedeuten.</p>
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		<title>Philosophieren III</title>
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		<pubDate>Thu, 11 Jul 2013 15:13:00 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[intentionales Weil]]></category>
		<category><![CDATA[kausales Weil]]></category>
		<category><![CDATA[logische Form]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>„O!“ und „Ach!“ sind die Interjektionen und Partikeln, die Grenzwerte des Gefühls markieren („himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt“) – gleichsam der Nukleus und die Quintessenz von Poesie und Musik. „Und“ und „oder“ sind die sprachlichen Konjunktionen, die die Grundfunktionen des logischen Schließen bezeichnen (angliedern und partiell oder total ausschließen, aufnehmen und partiell oder total ausstoßen). [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-iii/">Philosophieren III</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>„O!“ und „Ach!“ sind die Interjektionen und Partikeln, die Grenzwerte des Gefühls markieren („himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt“) – gleichsam der Nukleus und die Quintessenz von Poesie und Musik. „Und“ und „oder“ sind die sprachlichen Konjunktionen, die die Grundfunktionen des logischen Schließen bezeichnen (angliedern und partiell oder total ausschließen, aufnehmen und partiell oder total ausstoßen).</p>
<p>Je älter die Sprache oder Sprachstufe, scheint es, umso nuancierter und differenzierter der Reichtum der Partikeln, mit denen die Stellung von Satzgliedern und Sätzen zueinander und die Einstellung und emotionale Reaktion des Sprechers auf die geäußerte Mitteilung angezeigt wird. Je nach Kategorie sind diese Ausdrücke logische Marker oder Kennzeichen seelischer Befindlichkeiten und Gefühle.</p>
<p>„Ich ging spazieren, aber (indes, jedoch) da fing es an zu regnen.“ Der Sachgehalt, den der Satz mitteilt, lässt sich in zwei Informationen aufteilen: 1. Einer, der so und so heißt (geboren dann und dann, da und dort), geht zu einem Zeitpunkt, der der Gegenwart um so und so viele Jahre/Tage/Stunden/Minuten vorausliegt, spazieren. 2. Zu einem Zeitpunkt der Vergangenheit, der in die Dauer des Spaziergangs des Genannten eingeschlossen ist, regnet es. Die Bedeutung der einschränkenden, konzessiven Partikel „aber (indes, jedoch“) ist keine logische, sondern eine emotionale und fügt der eben dargelegten Information des Satzes folgende gefühlsmäßige Nuancierung durch emotionale Reaktion und Stellungnahme des sprechend-erlebenden Akteurs hinzu: „Es war schön spazieren zu gehen. Wie schade, dass es ausgerechnet da zu regnen anfing.“</p>
<p>„Das Gehirn ist ein Teil des menschlichen Körpers, aber kein Teil der menschlichen Person.“ In diesem Falle hat der Gebrauch der Partikel „aber“ die Funktion, die Aufmerksamkeit auf den logischen Sinn des Satzes zu lenken, der auf den Wechsel der kategorialen Ebenen von Teil und Ganzem beziehungsweise von Körper und Person verweist. Alle Funktionen, die schludriger oder bornierter Sprachgebrauch dem Gehirn zuweisen zu können wähnt wie denken, sprechen, fühlen und entscheiden, können ausschließlich der menschlichen Person zugesprochen werden. Ich denke, spreche, fühle und entscheide, und dies kann ich nur, wenn das Gehirn ein intakter Teil meines Körpers ist.</p>
<p>„Es regnet und die Straße ist nass.“ „Es regnet oder die Sonne scheint.“ „Es regnet oder es regnet nicht.“ Im Falle dieser Verwendung der Konjunktionen „und“ und „oder“ handelt es sich um ihren logischen Sinn, durch den sie die in den Teilsätzen geäußerten Informationen verknüpfen. Satzverknüpfungen dieser Art vermitteln uns Regeln, wie wir unsere Aussagesysteme konsistent aufbauen sollen. Sie sagen nichts über die Realität der Inhalte und geben uns keine ontologischen Hinweise. Wenn du einen Satz durch „und“ mit einem anderen Satz verknüpfst, ist die Verbindung stichhaltig, wenn immer die beiden Teilsätze zutreffen oder nicht zutreffen. „Es regnet und die Straße ist nass“ trifft genauso zu wie der zusammengesetzte Satz „Es regnet nicht und die Straße ist nicht nass.“ Wenn du zwei Teilsätze mit dem nichtausschließenden „oder“ verknüpfst, sind die ganzen Sätze richtig, es sei denn, beide treffen nicht zu. „Es regnet nicht oder die Straße ist nicht nass“ ist falsch. Akzeptierst du einen Satz und verwirfst du ihn im gleichen Moment, verstößt du gegen die Regel, Widersprüche und Inkonsistenzen zu vermeiden. Denn würdest du gedankenlos Widersprüche und Inkonsistenzen zulassen, würden unsere Aussagenetze ziemlich bald sehr rissig und mit der Zeit unbrauchbar. Kein Fisch eines wahren Inhalts bliebe mehr darin hängen.</p>
<p>„Die Straße ist nass, weil es regnet.“ „Die Sonne scheint nicht, denn es regnet.“ „Es regnet, also scheint die Sonne nicht.“ „Er war durstig, deshalb ging er zum Kühlschrank und nahm sich ein Bier.“ Bei dem Gebrauch der Konjunktionen „weil“, „denn“, „also“ und „deshalb“ liegen verschiedene Kategorien von Gebrauchsweisen vor. Die Konjunktion „weil“ leitet einen Nebensatz ein, der die objektive Ursache der Tatsache oder des Vorgangs darstellt, die im Hauptsatz bezeichnet wird. Die Konjunktionen „denn“ und „also“ leiten Schlussfolgerungen aus Prämissen ein, von denen im Hauptsatz meist nur eine genannt wird: „Es regnet, also scheint die Sonne nicht“ lautet in der vervollständigten Version des logischen Schlusses: „Immer wenn es regnet, scheint die Sonne nicht.“ „Es regnet.“ – „Also scheint die Sonne nicht.“</p>
<p>Im Unterschied zum kausalen Grund gibt der intentionale Grund kein objektives Moment oder Ereignis der Außenwelt an, aufgrund dessen ein anderes Moment oder Ereignis der Außenwelt eintritt oder zu existieren beginnt, sondern ein Motiv, aufgrund dessen der Akteur tut, was er tut: „Er war durstig, deshalb ging er zum Kühlschrank und nahm sich ein Bier.“ Das Ereignis bleibt nicht aus und tritt stets ein, wann immer seine objektive Ursache vorliegt, während das Motiv, eine bestimmte Handlung zu vollziehen, gleichsam auf der Strecke bleiben und seine Kraft unterwegs verlieren kann, so dass die erwartete oder beabsichtigte Handlung ausbleibt. Er war zwar im Begriff, sich wegen seines Dursts eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank zu holen, zog es dann aber vor, sich ein Glas Wasser aus dem Hahn zu genehmigen, weil er befürchtete, noch ein Bier könne den Kater am nächsten Morgen unerträglich machen. Der intentionale Grund der Befürchtung überwog gleichsam die Kraft des intentionalen Grunds, der zum Biergenuss motivierte.</p>
<p>Intentionale Gründe und Motive, zu handeln, bestimmen einen Großteil unseres Lebens. Was immer wir vorhaben, beabsichtigen und planen, aber auch vermeiden, unterlassen und übergehen wollen, hat seine intentionalen Gründe und Motive. Wir müssen die aus ihnen erwachsenen Taten und Handlungen in die objektive Welt der Dinge und Ereignisse so einpassen, dass wir unsere Ziele erreichen. Diese Anpassungsleistung vollbringen wir durch den Erwerb, die Speicherung und Erweiterung sowie die angemessene Anwendung unserer Fähigkeiten und Erkenntnisse.</p>
<p>Du möchtest heute Abend mit deinem Freund ins Konzert gehen. Der Ort und das Gebäude, wo das Konzert stattfindet, sind objektive Tatsachen der menschlichen Umwelt. Du musst einen Stadtplan lesen können, wenn dir der Ort unbekannt ist. Dazu gehört auch ein intuitives Verständnis der topographischen Projektionsmethode, mittels derer Straßen als weiße, dünne Linien, Gebäude als Rechtecke und Parks als grüne Flächen dargestellt werden. Dieses Wissen hast du schon erworben und erfolgreich erprobt. Die Projektionsmethode wurde über Jahrhunderte von Geometern und Geographen entwickelt. Wenn du zur rechten Zeit zum Konzertsaal kommen möchtest, musst du die Uhrzeit auf deiner Armbanduhr oder deinem Handy ablesen. Auch dieses Wissen hast du schon als Jugendlicher erworben, das Wissen, mittels dessen das Wunder von Präzisionswerk entstand, das du am Arm trägt oder das in deinem Smartphone durch eine sehr lange Liste von Algorithmen repräsentiert wird, wurde über Jahrhundert von Physikern, Mathematikern, Ingenieuren und Technikern angesammelt und angewendet.</p>
<p>Jetzt muss du dich zu einer U-Bahn- oder Bus-Station begeben und dort eine Fahrkarte lösen. Du musst an der richtigen Haltestelle aussteigen und den vereinbarten Treffpunkt aufsuchen, um deinen Freund abzuholen. Auf der gleichsam unteren Ebene des intentionalen Handlungsgeschehens musst du Personen und Hindernissen mittels Körperbewegungen geschickt ausweichen. Ja, du musst als Kind gehen gelernt haben, um eben jetzt deinen Weg machen zu können. Gehen, ausweichen, Auto und Fahrrad fahren sind erlernte Fähigkeiten, zu denen es mehr oder weniger tief angelegte Dispositionen in den sensorisch-neuronalen Netzwerken des Körpers geben mag.</p>
<p>„Wenn ich jetzt losgehe, komme ich noch rechtzeitig an.“ „Wenn ich diese Bahn verpassen würde, käme ich nicht mehr rechtzeitig an.“ Du musst die logischen Verknüpfungen von Teilaussagen zu informativen Sätzen beherrschen und in der Lage sein, irreale Ereignisse und Zustände durch korrekte Anwendung des konditionalen Konjunktivs in Bedingungssätzen zu imaginieren. So kannst du dir vorstellen, welche Ereignisse du vermeiden solltest, wenn du bestimmte Ziele erreichen willst, beziehungsweise welche Ereignisse einträten, falls du versäumen solltest, bestimmte Handlungen zu vollziehen, wie jetzt aber schnell loszugehen und zur Haltestelle zu eilen, um noch rechtzeitig deinen Freund für euren gemeinsamen Konzertabend abholen zu können.</p>
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		<title>Philosophieren II</title>
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		<pubDate>Thu, 11 Jul 2013 10:49:27 +0000</pubDate>
		<dc:creator><![CDATA[hortirhenani]]></dc:creator>
				<category><![CDATA[Philosophische Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Grammatik]]></category>
		<category><![CDATA[Ontologie]]></category>
		<category><![CDATA[Personalpronomen]]></category>
		<category><![CDATA[Philosophie]]></category>

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		<description><![CDATA[<p>Ich zeige dir etwas. Morgen zeige ich dir am Jesuitenplatz in Koblenz am Rhein mein altes Gymnasium. Wer tut was wem (für wen, gegen wen, mit wem …) wie wann und wo? Hier hast du die Gelenke und Wurzeln des Satzes, die ziemlich genau unsere allgemeine Situation, unser Leben in dieser Welt, abbilden. Du wirst [&#8230;]</p><p>The post <a href="http://www.luxautumnalis.de/philosophieren-2/">Philosophieren II</a> appeared first on <a href="http://www.luxautumnalis.de">Lux autumnalis – Philosophie und Dichtung</a>.</p>]]></description>
				<content:encoded><![CDATA[<p>Ich zeige dir etwas. Morgen zeige ich dir am Jesuitenplatz in Koblenz am Rhein mein altes Gymnasium. Wer tut was wem (für wen, gegen wen, mit wem …) wie wann und wo? Hier hast du die Gelenke und Wurzeln des Satzes, die ziemlich genau unsere allgemeine Situation, unser Leben in dieser Welt, abbilden.</p>
<p>Du wirst nicht sagen: „Ich zeige mir dies und das.“ Zeigen meint ja, jemand anderen durch die Geste des Zeigens auf etwas aufmerksam machen.</p>
<p>Zu den Singularformen „ich“ und „du“ gesellen sich die Pluralformen „wir“ und „ihr“, in der Mitte gleichsam zwischen „ich“ und „du“ stehen die Singularformen „er“, „sie“ und „es“, in der Mitte gleichsam zwischen „wir“ und „ihr“ steht die Pluralform „sie“. „Ich“ kann nicht willkürlich durch „du“ ersetzt werden, ebenso wenig wie „wir“ durch „ihr“. Dagegen können unter Umständen „ich“ und „wir“ die Plätze tauschen, genauso wie „du“ und „ihr“; dasselbe gilt für „er“ und „sie“.</p>
<p>Die Verwendung der Personalpronomina verweist auf unser Verständnis der Rollen, die wir im sozialen Leben mit den anderen spielen. Ich bin auf ein Gegenüber verwiesen, das mir wie du oder ihr nahestehen oder wie er und sie ferner stehen kann. Ich kann mit dir eine intime Gemeinschaft des Redens, Handelns und Lebens bilden. Wir können mit euch eine solidarische Gruppe des Kämpfens, gegenseitiger Hilfe und gemeinsamen Feierns bilden. Ich kann mit ihm oder ihr einen Vertrag schließen, eine Firma gründen, einen Arbeitsplatz teilen. Das können wir auch mit ihnen, ebenso er mit ihnen und sie mit ihnen.</p>
<p>Wer tut was wem (für wen, gegen wen, mit wem …) wie wann und wo? Die gebeugte Form des Verbs (wir gehen spazieren, wir gingen spazieren, wir sind spazieren gegangen) informiert über den Akteur und die Art des Tätigkeit sowie über die Zeitstufe (wann) oder die Modalität der Zeit (in einem Augenblick oder während einer längeren Zeitdauer): Wer tut was wann? Dabei kann die in der Verbform mitgegebene Zeitstufe durch eine adverbielle Bestimmung der Zeit (heute, morgen, gestern) genauer expliziert werden: Wir gingen gestern Morgen spazieren. Ebenso leicht und genau lassen sich die örtlichen Gegebenheiten, an denen ich, wir, du, ihr oder er und sie etwas tun, durch Verwendung passender Ortsbeschreibungen näher bestimmen: Wir gingen gestern Abend durch den Grüneburgpark in Frankfurt am Main spazieren.</p>
<p>Wir erfassen in den grammatischen Gelenken des Satzes die ontologische Struktur und Grundsituation, in der sich unser Dasein und unser soziales Leben abspielen: Wir sind als biologische Organismen auf ein zielgerichtetes soziales Tun und Handeln angewiesen, das wir in kleineren und größeren Gruppen und Gemeinschaften zur Erlangung und Durchsetzung überlebenswichtiger Ziele und Zwecke aufeinander abstimmen. Da unsere Kräfte bemessen sind, bedürfen wir der Regeneration und Erholung: körperlicher und seelischer Entspannung und Erfrischung, die wir im Schlaf, im Fußballstadion, im Schwimmbad, im Theater oder Konzertsaal finden.</p>
<p>Der Spielraum des Handelns ist zeitlich bestimmt und ausgedehnt: Wir benötigen für die Entwicklung eines neuen Medikaments von den ersten Laborversuchen bis zur Marktreife einige Jahre. In diesem Zeitraum bleibt die originäre Zwecksetzung unseres Handelns so lange bestehen, bis der Zweck erfüllt ist: Ein Medikament ist auf dem Markt, das eine therapeutische Wirkung aufweist, die es in Teilen, zum Beispiel aufgrund geringerer störender Nebenwirkungen, gegenüber seinen Mitbewerbern bevorteilt. Dabei mündet unsere einheitliche Zielsetzung in ein ganzes Delta von einzelnen aufeinander abgestimmten Handlungssträngen, die sich auf verschiedene Personengruppen wie Mediziner, Pharmazeuten oder Patienten verteilen.</p>
<p>Wir investieren zur Erlangung eines Zwecks und zur Erreichung eines Ziels mittels zielgerichteten Handelns Kraft, Ressourcen und Geld. Die Investitionen für die Entwicklung eines neuen Medikaments können durchaus hunderte von Millionen betragen. Sollte der Fall eintreten, dass der erhoffte therapeutische Mehrwert verfehlt oder ein Mitbewerber ein gleich wirkstarkes Produkt in kürzerer Zeit oder ein wirkstärkeres Medikament zur gleichen Zeit wie wir auf dem Markt positioniert, ist unser Projekt gescheitert, unser Absicht verwirkt, unsere Investitionen wurden in den Sand gesetzt.</p>
<p>Handlungen kann Erfolg beschieden sein oder Misserfolg, sie können gelingen oder scheitern. Absichten werden verwirklicht oder verwirkt. Absichten können aufgrund der Irrationalität ihres Inhalts (die Absicht, ein Perpetuum Mobile zu entwickeln) eo ipso zum Misserfolg verurteilt sein. Zwecke werden verfehlt aufgrund der verfehlten Wahl der Mittel (wegen der falschen Substanz wird das Medikament unwirksam).</p>
<p>Ist der Spielraum des Handelns von einer mehr oder weniger großen Gruppe ausgefüllt und werden die Ziele und Zwecke in längeren Zeitverläufen zu erlangen gesucht, zerfällt der Handlungsgang in viele Kaskaden synchronisierter Einzelhandlungen, wie bei den einzelnen zielgerichteten Armbewegungen des Arbeiters am Fließband, zu dessen Einzelhandlung das Spitzen des Bleistifts durch den Prokuristen ein Komplement bildet.</p>
<p>Zu fragen, ob wir frei sind zu tun, was wir tun, scheint angesichts der Feinstruktur der Handlungsvollzüge unangemessen und akademisch. In gewisser Weise sind wir nicht frei in der Bildung der Absicht, ein neues besseres Medikament zu entwickeln, sind wir als sterbliche Wesen bei dem gegebenen Zustand von Medizin und Pharmazie doch auf die Erfüllung von Absichten dieser Art angewiesen. Andererseits wäre es lächerlich anzunehmen, jede einzelne Handlungskaskade vom Schütteln des Reagenzglases durch die Laborassistentin bis hin zum Spitzen des Bleistifts durch den Prokuristen wäre vollständig determiniert, weil wir jeweils die den Muskelbewegungen entsprechenden vorausgehenden oder damit gleichzeitig verlaufenden neuronalen Zustände in bildgebenden Verfahren verorten können.</p>
<p>Wer tut was wem (für wen, gegen wen, mit wem …) wie wann und wo? Die Gegenstände, auf die sich das Tun und Handeln beziehen, werden grammatisch durch die Formen des direkten und indirekten Objekts (Akkusativ- und Dativobjekt) bezeichnet. Mit diesen Objekten erfassen wir ontologisch ebenso wie mit den Kategorien von Raum und Zeit die Struktur der Welt, in der wir leben, uns bewegen und handeln.</p>
<p>„Ich schlage den Nagel mit dem Hammer in die Wand.“ „Du leihst mir das Buch aus.“ „Der Bub hat seiner Schwester die Puppe gestohlen.“ „Die Pflegerin hat dem Demenzkranken den Mund abgewischt.“ Ein direktes Objekt scheint ein solches zu sein, das sich unseren Handlungsabsichten unmittelbar fügt und offensteht, das wir berühren und ergreifen, wahrnehmen und manipulieren können. Aber ich sehe dich nicht nur, sondern begrüße dich auch. Ich kann sagen: Ich gebe dir einen Begrüßungskuss. Oder auch: Ich küsse dich zur Begrüßung. Keiner wird sagen wollen, dies mache einen grundlegenden, einen kategorialen Unterschied der Bedeutung.</p>
<p>Mit der Verwendung des indirekten Objekts können wir eine Relation, ein Gefüge, ein Verhältnis zwischen Personen und Sachen näher erfassen. Statt des Satzes: „Die Pflegerin hat dem Demenzkranken den Mund abgewischt“ können wir ungelenk, aber ebenfalls genau auch sagen: „Die Pflegerin hat den Mund des Demenzkranken abgewischt.“ Das indirekte Objekt hat hier also die gleiche Funktion wie der Genitivus subjectivus, es weist uns darauf hin, um wessen Mund es sich handelt. Das wird auch sichtbar, wenn wir statt des Satzes: „Der Bub hat seiner Schwester die Puppe gestohlen“ den Satz gleichen Sinnes sagen: „Der Bub hat die Puppe seiner Schwester gestohlen.“ „Du leihst mir das Buch aus.“ Gerade rechtliche Bestimmungen und Verfügungen der Übereignung, Überweisung oder Testierung verfügen mit der Angabe des indirekten Objekts über das geeignete Mittel, das zugrundeliegende Rechtsverhältnis zwischen Personen in Bezug auf die Sache explizit darzustellen. „Ich schlage den Nagel mit dem Hammer in die Wand.“ Für die Darstellung unseres technisch-handwerklichen, künstlerischen und methodischen Weltumganges verfügen wir über eine Fülle von präpositionalen Ausdrücken und modalen Begriffen, mittels derer wir die zu manipulierende Sache ins Verhältnis zu den Instrumenten, Mitteln und Methoden setzen können, mit denen wir sie traktieren. „Der Künstler trägt die Farben auf die Leinwand auf.“ „Der Musiker spielt das Stück vom Blatt.“ „Der Schauspieler spricht den Part auswendig.“</p>
<p>Wer tut was wem (für wen, gegen wen, mit wem …) wie wann und wo? „Der Schauspieler spricht den Part auswendig.“ Die modalen Ausdrücke (Wie? Auswendig, leise, laut, schnell, langsam, hastig, schludrig) geben die Farbschattierungen oder die Obertöne an, die sich über der Melodie unseres Tuns und Handelns, Leidens und Erlebens bilden. Die Engländer sagen für „auswendig“ „by heart“, die Franzosen ähnlich „par coeur“, die Italiener „a memoria“. Die Angabe der Art und Weise, wie wir tun, was wir tun, beleuchtet unsere Fähigkeiten, Dispositionen und gefühlsmäßigen Stimmungen, die unser Handeln begleiten und beeinflussen. Du bist ein guter Schauspieler, wenn du den Text auswendig hersagen kannst. Du bist ein schlechter Schauspieler, wenn du deiner Neigung nachgibst und dich von unangemessenen Stimmungen hinreißen lässt: Dann sprichst du deinen Part zwar auswendig, doch zu leise, zu laut, zu schnell, zu langsam, hastig oder schludrig. In den modalen Ausdrücken sind wir dem Befinden des Agenten, also einem wichtigen Part unseres Lebens, auf der Spur: Wie ist dir zumute? Langweilig, müde, nervös, wohl, unwohl, erregt, schlapp … Der Gebrauch der modalen Ausdrücke, ihre Selbst- und Fremdzuschreibung, zeigen uns, dass die berüchtigten phänomenalen Bewusstseinszustände kein unzugängliches Mysterium sind, sondern am hellen Tag jedermann offen vor Augen liegen.</p>
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