Aus den geheimen Aufzeichnungen des Hieronymus Bosch III
Übertragen aus dem lateinischen Original
Je mehr sich die Menschen vom Gotteslamm entfernen, umso härter ihr Blick, umso närrischer ihr Sinnen und Trachten, umso aberwitziger ihr Unterfangen.
In der Nähe des Lammes weht ein Duft, süß und mild von Verheißung. Ab einer gewissen Entfernung (Wer kann sie vermessen? Blicke in dich, Heuchler!) wird die Luft trocken und wimmelt von bösen Keimen, die Seele kann in ihr nicht mehr atmen und verendet, während ihr Träger als lebender Leichnam weiterstolpert oder seine Purzelbäume schlägt.
Sie wähnen, da hinten, ganz fern, irgendwann einmal, vielleicht drohe die Hölle. Doch hier, wo wir uns hinter dem Kreuz verstecken, als könne uns der immerdar sterbende Heiland nicht gewahren, sind wir mitten darin.
Auf dem Schiff mit den bunten Lampions und den flatternden Wimpeln erkennst du tanzende Schatten. Gesang erschallt, wie durch einen Dudelsack gequetscht, bis ans Ufer. Das Schiff trudelt unaufhaltsam auf eine steile Klippe zu.
Seine Dinge sind entstellte Organe des Menschen.
Flecken und Beulen der Pest sind die Gedanken auf dem einst schneeweißen Antlitz der Seele.
Das Licht aus dem Paradies, das die Flecken abwischt vom Antlitz der Seele, ist so stark, daß es sich am Ende darin auflöst.
Noch während die Ureltern dankbar zum Schöpferwort aufblicken, beginnen die Tiere einander zu fressen.
Dem Stecken wächst ein Fuß und er eilt von hinnen.
Der Wasserhahn wird zum Maul, das sich erbricht.
Der Blume wachsen Flügel, doch die Wurzeln halten die flatternde fest.
Der Weise bläst dem Ratsuchenden rötlichen Dunst ins Ohr, während der lange Dorn eines Dämons sein Hirn durchbohrt.
Die Kreißende gebiert einen Lurch, die Kinderschar umjubelt den neuen Spielgefährten.
Veronika empfängt das Tuch vom Herrn und erblickt ihr eigenes Angesicht darauf, gekrönt mit einer Dornenkrone.
Der Student kratzt Zeichen auf seine Tafel, sie flattern davon, ein Schwarm von Mücken.
Der Liebhaber steckt seine Zunge in den Mund der Geliebten, plötzlich ist er verschwunden.
Der Kuß verwandelt den Küssenden in das Tier, das sich seine Zunge borgt.
Der Tänzer wird ein Wirbel der Luft, ein Lied aus Staub und Rauch.
Das Bett des Sterbenden hebt sich in die Luft, unter ihm hängen die Gespenster seiner Taten und machen sich schwer.
Wenn der Mensch von der Last seiner Notdurft und seiner Sorgen freikommt und den Kopf aus dem Loch seiner Kate oder dem Ei seiner Angst steckt, spuckt er dem nächstbesten Wanderer ins Gesicht.
Die Langeweile des Mächtigen gebiert Monster des Aberwitzes.
Die Vergnügungssucht findet kein Ende, bis sie den Strick nimmt.
Die Folter ist der verbreitetste Spaß.
Die sich die freien Geister nennen, also die Knechte Satans, tun groß damit, nicht aus Haß zu foltern, sondern aus Langeweile.
Wer der Sklaverei der Gedärme entrann, versklavt sich dem Herrn der Langeweile, der Phantasie.
Der vom Leiden erlöst, ist darum selber erlöst.
Kot erzeugt Brechreiz, das bleiche Antlitz der Unschuld ein Grinsen.
Die Gleichnisse verwandeln sich in lauter neue Rätsel.
Unter Wasser kann man nicht frei sprechen.
Der in der Wüste den Durst nach Stille suchte, kommt heim mit der Sucht nach Geschwätz.
Gesegnet sein hieße, nicht mehr träumen müssen, nicht mehr malen.
Die Unfruchtbaren künden von der Fülle der Zeit, die Kastraten vom Garten der Wollust, die Blinden vom Licht der Verheißung.
Wie Flecken der Scham verraten sich die geheimen Wünsche im belanglosen Gerede.
Sie glauben ihre geheimen Wünsche verstecken zu können, doch die verlegenen Gesten und das heuchlerische Getue verraten sie und sie treten so nackt zu Tage wie der brutale Ausdruck der Soldateska des Kreuzwegs.
Das aufgesparte Gefühl bringt keine Zinsen.
Auch die Tiere wurden mit den Menschen aus dem Paradiese vertrieben.
Wir ersehen unsere eigene Verdammnis an dem Getriebensein der Tiere, die sein müssen, was ihr Auge ihnen zeigt, was ihre Witterung offenbart, was ihre Krallen erwürgen, was ihre Zähne zermalmen, was ihr Darm ausscheidet.
Würden die Tiere erlöst, wie der Prophet sagt, bedürfte es keines Aufhebens mehr um den Menschen.
Jesus hängt noch immer am Kreuze auf Golgatha, keiner hat ihn abgenommen, keiner in seinem gütigen Schoß gebahrt, keiner mit Ölen gesalbt.
Die Luft schwirrt von Dämonen, sie aber singen die alten Lieder am Herd, der Himmel brennt, sie reimen, was sich nicht will leimen, die Quellen schreien, sie schlafen, die Seele vollgestopft mit toten Bildern.
Die Teufel fraßen die Farben und Hexen leckten über die Leinwand.
Ich habe die Gleichnisse aufgezehrt wie Ezechiel, der das Buch aß.
Ich habe die Gleichnisse aufgezehrt gleich den Ureltern, die den Apfel aßen.
Ich habe die Gleichnisse aufgezehrt wie die Sonne das Wasser des Teiches.
Ich habe die Gleichnisse aufgezehrt wie der Wanderer seinen Proviant, und er greift in den Sack und er ist leer.
Ich habe die Gleichnisse aufgezehrt und jetzt bleiben mir alle Gesichter zeichenlos und alle Zeichen ohne Gesicht.
Ich habe die Gleichnisse aufgezehrt und die Schrift schließt sich hinter mir wie die Pforte, die der Engel mit dem Schwert verriegelt.
Ich habe die Gleichnisse aufgezehrt und mein Hunger nach Sinn blieb ungestillt.
Ich habe die Gleichnisse aufgezehrt und sehe nunmehr alle Dinge wie Wolken zusammenhanglos in der Luft schweben, Stein neben Stein und Tier neben Tier.
Ich habe die Gleichnisse aufgezehrt und beginne die Namen der Heiligen, der Engel und Propheten zu vergessen.
Ich habe die Gleichnisse aufgezehrt und betrachte meine Bilder wie der Gärtner, der seine Hände in den Schoß legt, und die Dahlien und Tulpen und Gladiolen überwuchern allmählich Disteln und Unkraut.
Ich habe die Gleichnisse aufgezehrt und wer mich fragt nach den Fratzen und Trichtern und Blasen, dem sage ich: „Schau auf die Gräser und Halme, der Wind bewegt sie, und sie biegen sich und seufzen, doch was sie sagen, verstehst du nicht.“
Ich habe die Gleichnisse aufgezehrt und mir blieben das Erstaunen im Gesicht des Wanderers und seine Wunde im Fuß und in der Seele.
Ich habe die Gleichnisse aufgezehrt.