Aus den geheimen Aufzeichnungen des Hieronymus Bosch I
Übertragen aus dem lateinischen Original
Der Mensch stammt nicht von den Tieren ab. Die Tiere stammen von des Menschen Sünden und Begierden ab.
Der Löwe ist die Inkarnation der Herrschsucht des Menschen, die Katze die Inkarnation seiner Wollust, der Hund die Inkarnation seiner Unterwerfungslust, der Vogel die Inkarnation seines Fernwehs.
Der Mensch ist von Gott geschaffen, aber zwiefach inspiriert, von Gott und von Satan.
Der Mensch kann in sich das wahre Sein nicht finden. Er bedarf des göttlichen Boten, der ihm die Zeichen der Natur und der Schrift deutet.
Auch die Sehnsucht nach dem Paradies kann verunreinigt sein.
Der Mann ist die Inkarnation der weiblichen Begierden, das Weib die Inkarnation der männlichen.
Der Mann ist der Schrei der Verlassenheit, das Weib die Muschel seines Echos.
Der Zeugungsakt bezeugt den vergeblichen Wunsch nach Ewigkeit.
Das Weib bezeugt die Ganzheit in der Schwangerschaft, der Mann, wenn er zur Kindheit gelangt.
An einem jeden Dinge haftet sein Schatten und Gegensinn, am Segen der Fluch, am Licht die Finsternis, an der Blüte das Gift, an der Rose der Dorn, am Engel der Dämon, am Manne das Weib, am Weibe der Mann, am Weisen der Narr.
Die Schwangerschaft Mariens ist der Gegensinn zur Schwangerschaft Evas.
Der Mann, der nicht gebären kann, muß töten.
Des Menschen Leib ist die geheime Chiffre der Schöpfung.
Die Hand, die gibt und nimmt, schafft und würgt.
Das Auge, das erkennt und sich trügen läßt.
Der stigmatisierte Leib Christi ist das Zeichen des vollkommenen Menschen.
Im wiedergewonnenen Garten Eden steht an der Stelle des Baumes der Erkenntnis das Kreuz.
Alle Menschen sind geisteskrank.
Diejenigen sperren sie in die Asyle, an denen sie ihre eigene Geisteskrankheit erkennen.
Narren und Priester Satans, die auf Leichen ihr neues Paradies errichten.
Vom ersten Biß in die verbotene Frucht an sind alle Menschen verstört und verwirrt.
Darum umschwirren sie alle närrischen Propheten, die ihnen vom Licht und der Erlösung predigen, wie die Bienen die Blumen, die den süßesten Nektar versprechen.
Sie reichen sich stroherne Zeichen, die sie nicht verdauen können.
Im Unfrieden und mit sich zerfallen bis an die Schwelle des Grabes ist der Mensch.
Der Tod beginnt inmitten des Lebens im Vergessen. Das Edelste, das Erlesenste, die Schönheit selbst, die sie gestern geschmeckt und geschaut, heute ist sie eine Chimäre, ein Schatten, heute schon ohne den süßen Geschmack des Augenblicks, schon ohne das leuchtende Gesicht, das sie liebkost, ohne den heiligen Namen, den sie angerufen.
Der Satan wiegt sich im Vorteil der Lust.
Sie können der Liebe nicht leben, denn sie können ihrer selbst nicht vergessen, nicht, wer sie sind, nicht, wer sie nicht sind.
Dieser Äon hat keinen Bestand, denn der Sturm, der seine Blüten knickt, ist der Atem des Herrn.
Sie fliehen in die Einsamkeit der Wälder und sehnen sich bald nach der Umarmung und dem Geschwätz der Geschwister. Sie ersticken unter der Umarmung und am Geschwätz der Geschwister und sehnen sich in die Einsamkeit der Wälder.
Dies hier ist ein winziger Tropfen im Ozean der Ewigkeit. Die Bilder, die sich in ihm spiegeln, sind die großen Gedanken Gottes und die wirren Träume Satans.
Alles ist verborgen im winzigsten Korn und Keim, alles im unaufgesproßten Zweig eines jeden Gefühls.
Die Steine, die dort liegen auf der großen Halde der Zeit, sie schlafen und werden einst aufstehen und wider sie zeugen.
Das Wort des Schöpfers hallt noch wider.
Wer ein Ohr hätte, es zu hören, ein Herz, es zu beherzigen.
Sie blendet das große Licht der Welt. Sie verstecken sich in dunklen Kammern und bemalen ihre Wände mit leuchtenden Zeichen der Erinnerung.
Die Dichter sind müde und verzagt, ihre Zungen sind schwarz von Abbitten und Flüchen.
Wie der Dichter im Gedicht spricht Gott in seiner Schöpfung mit sich selbst.
Das Freien des Mannes ist zwielichtig und unrein, im Weib erkennt er die Jungfrau Maria und umarmt er Eva.
Gott spricht mit jedem Wort sein Ein und Alles, und doch schuf er den Unterschied, den Abgrund, der alle Dinge wirkt und unwirklich macht, wie er den Menschen zum Wahr-Sager erhebt und sich zu Lügen-Götzen niederbeugen läßt.
Möge Gott sich im Opferlamm Christi noch einmal der Welt erbarmen und sie in die Demut und Stille des Ungesagten zurückkehren lassen!
Möge auf dem Berg der Welt, möge auf Zion das Licht des Kreuzes die Völker versammeln zum Chor des Danks!
Möge Satan der einstigen Schöne gedenken und seine schwarzen Flügel abwerfen für den Kuß eines Kinds!
Möge Maria das Licht der Wolke sein und uns die Lichttropfen ihres großen Ja auf die Zungen herabregnen!
Möge der freche Amor nicht mehr mit den Pfeilen herrschen und als ein spielendes Kind sich unter dem Tisch des Herrn an seine Füße schmiegen!
Ich aber, Judas Iskariot, der noch immer am Ölbaum auf Golgatha baumelt, möge von der gütigen Hand Mariens abgeknüpft und wie der wahre Sohn in ihrem Schoße geborgen werden!