Lose Zettel
Philosophische Sentenzen
Für die Fliege Satans,
die unterm Schädel des Besessenen sirrt,
gibt es keine Fliegenklatsche.
*
Augenblick der Orchidee,
wenn ihre Lippe seufzt
vom wilden Andrang einer Biene.
*
Taub ist das Gras für das Flüstern des Winds,
worin es schauert und sich beugt.
Du aber lauschst dem Regen,
der ans Fenster deiner Schwermut
nachtlang prasselt.
*
Verse, Tropfen,
die an deinem Fenster
langsam niederrinnen,
schwacher Glanz
vor der Dunkelheit,
die unaufhaltsam wächst.
*
Dem Derwisch gleich,
der sich tanzend schraubt
in mystische Leere,
wirbelt um sich selbst
und ihre Sonne
im Nichts des Alls
die Erde.
*
Wir haben Augen, zu sehen, wo wir sind;
doch kein Organ, zu messen, wie lange.
(Die Uhr sagt uns nichts über unser Zeiterleben.)
*
Fluktuierendes Vakuum.
Das beredte Schweigen Gottes.
*
Wald, eine gewisse Anzahl von Bäumen.
Baum, eine gewisse Anzahl von Blättern.
Blatt, eine gewisse Anzahl von Zellen.
Zelle, eine gewisse Anzahl von Molekülen.
Molekül, eine gewisse Anzahl von Atomen.
Atom, eine gewisse Anzahl von subatomaren Teilchen.
Teilchen, eine unzählbare Folge von Quantenzuständen.
*
Warum können wir die Betrachtung nicht umkehren,
gelangen wir vom subatomaren Teichen nach einer
endlichen Reihe von synthetisierenden Schritten
nicht zur Zelle, zum Blatt, zum Wald?
*
Die Säule trägt den Architrav
mit seinen mythischen Bildern.
So ruht auf Ungesagtem
alles Gesagte.
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Wir können mit der Person,
die wir einmal waren,
uns nicht verständigen;
wir sprechen mittlerweile verschiedene Sprachen.
So täuscht uns die Erinnerung.
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Die Gegenwart ist uns versperrt.
Wir zehren von Vergangenem,
das es nicht mehr gibt,
verzehren uns nach Zukünftigem,
das es noch nicht gibt.
*
Kain, der Utopist der Menschheitsverbrüderung,
bei deren Verwirklichung er vor dem Mord an Abel
nicht zurückschreckt.
*
Die trübe Aussicht ins Ungewisse
ist uns allemal genehmer
als der klare Blick auf das Verhängnis.
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Auch der Hoffnungslose hofft:
daß er richtig lag.
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Der Unleidliche, der Misanthrop, der Rezensent –
sie sind wie der enttäuschte Liebhaber,
der nicht mehr ihr schönes Antlitz bewundert,
sondern unverwandt auf die kleine, unscheinbare
Warze auf ihrer Wange starrt.
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Das Schicksal stellte ihm ein Bein;
endlich konnte er sich einmal ruhig ausstrecken.
*
Der Zeitgeist macht keinen Unterschied
zwischen hoch und niedrig, edel und gemein.
Für ihn sind alle gleichen Ranges.
*
Die Zeitgeistigen wollen über alles reden und mitreden.
Vor allem über Dinge, die sie nicht verstehen
oder in deren Atmosphäre sie nicht atmen könnten.
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Er wähnte, in eine Vergnügungsstätte eingeladen
worden zu sein; aber am Ende des Korridors
drang ihm Fäulnisgestank entgegen und das Stöhnen
von Siechen und Moribunden.
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Die mühsam oder gerissen ins Werk gesetzte Erfüllung
unserer Wünsche beglückt uns nicht.
*
Der geistig Hinkende weist die ihm vom geistig Gesunden
gereichte Krücke entrüstet zurück.
*
Vom Albtraum bedrückt legen wir uns auf die andere Seite,
wo uns das verlorene Glück traurig anlächelt.
*
Wie kann der sanfte Hügel von Golgotha
den Felsen der Akropolis überragen?
Wie der nächtige Schrei am Kreuz
die Sonne des Logos verfinstern?
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