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Nach dem Beben

13.07.2016

Zwischen dem Schutt der Bücher und Regale,
die mich wie gesplitterte Rahen und
durchlöcherte Segel auf dem Vorderdeck begraben,
lugt noch ein Stück stumpfes Blau
wie auf der Leinwand der Spätromantik.

All die an- und halb- und ungelesenen Titel
starren mich vorwurfvoll an,
als wäre mir die Zeit sinnlos entglitten,
mein Leben ohne wahres Erleben ausgelaufen,
ein rohes Ei, das auf den Kacheln zersprang.

Ist es Tag oder Nacht, lebe ich noch,
oder ist dies gleichmütige Schauen auf die Flucht
der wandernden Schatten, dies gleichgültige
Lauschen auf das Rinnen und Rieseln
der Erde das postmortale Bewußtsein?

Lebt noch eins nebenan? Wie umgestülpt
ist der Körper der Welt und ich liege nun außen,
am Rand der äußerste Schale von beinerner
oder wächserner Substanz, die nachzittert
von dem Beben, oder bin ich es, der da summt?

Es gibt keine Straßen mehr, keine Autos, keine Züge,
keine Maschinen, herausgezogen ist die elektrische Nadel,
die sich in den Halswirbel des Aufruhrs gebohrt,
die schlaffen Glieder der Puppe hängen überm Abgrund,
wie berauschte Bougainville über der Brüstung.

Ich habe meinen Namen, meine Adresse, meinen Geburtsort
vergessen, ich streife hie und da fremde, rätselhafte Namen
in den Schwarten, in denen der Wind gelangweilt blättert,
und mir ist, als lecke die eisige Zunge einer Echse,
lese ich „Pindar“, „Sappho“, „Orpheus“ oder „Gott“.

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