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68 – ein toter Stern

01.11.2018

Lümmeln auf dem expropriierten Rasen
vor der Alma Mater (an die Mutter durfte man
nicht denken, ihre Milch galt für vergiftet),
in Jeans, Rollkragenpulli, Mao-Jacke
und Turnschuhen, an einem Lederriemen
um den Hals ein roter Stern oder
ein Totenschädel aus Elfenbein
(solch neuen Talismanen, denn magisch
umhaucht west der wüsteste Schädel),
die Haare zerzaust, als bliesen immer Böen,
oder eine fettige Matte, die man herrisch
oder kokett über die Schulter schlug.

„Genossin“ hießen die bärtigen Marxologen
die Kleine, die ihren Mistgeruch
aus der schwäbischen Provinz,
der noch aus den klobigen Boots stieg,
mit dem Qualm einer Roth-Händle übertäubte,
„Genossin“, als wären sie, die unbeschnittene
Triebstruktur in der Hosentasche,
vorgestern noch mit ihr intim gewesen,
lange her.

Die neue Hörigkeit des Weibes feierten
die freischwingenden Schwänze der Kader
als Emanzipation und quittierten sie
mit dem Totenschein für obskure Föten.

Doch mit dem Hippietum vorm Audimax
hatte es bald ein Ende, wenn ihnen wie somnambulen
Puppen die Schrei-Schlingen der Megaphone
an den Hintern rissen, die das Gras
der Anarchie plattgedrückt, und Mann
und Weib, ein einig Völkchen im messianischen
Sturm des Endsiegs der Weltrevolution
strammstand vor neuen Totschlagwort-
schreiern, die kubanische Zigarre im Mundwinkel
oder im geschmacklosen Streifen-Pullover
die Bartstoppeln der Askese für die Utopie
der klassenlosen Hanswurstiade gewichtig
auf und ab streichend.

Den müden greisen Herren schlug man den Krück-
stock, auf dem sie ihre kleine, von Tapferkeits-
medaillen verunzierte Würde stützten,
wie die Gassenjungens weg, das neue Johannisfeuer
der höheren Moral, um das sie bündisch sich scharten,
die Stirn in einem rituellen Schmierentheater stigmatisiert
mit der Talmi-Asche rhetorisch ausgebuddelter Toter,
es loderte mit geifernder Flamme über den Fetzen
der Talare und Bücher, ach alten Scharteken,
die nach ranziger Frömmelei rochen
und dem Weistum des glorreich dunklen
Lebens, von genieverseuchten Sprach-Friseuren
ins dunkle Vlies rauschender Verse
homerisch onduliert.

Sie aber leisteten den Schwur auf grelle Fahnen,
bestirnten, rot vom Blut, das aus dem Schlachthaus
asiatischer Horden rann, von den Schädelstätten
der Verbrüderung unter Gleichgeschorenen.

Latzhosen-Künstler pappten aus dem Abfall
halluzinogener Träume die Idole für den Pop-
und Vulgo-Konformismus des Abseitigen, Schrillen,
je fremder ätzend, umso kitzliger tauben
Zungen für gestammelte Schein-Verzückung.

Den gemessenen Vers zerstückelten Propheten
hohler Bauchrednerei als würgende Schlinge,
die den Adamsapfel sexuell geschwollenen Lallens
stranguliere, den fliegenden Samen des Reims,
der auf den jungfräulichen Auen heimatlicher
Ströme nicht fruchten solle, entkeimten
apokalyptische Zeugungsdienstverweigerer,
die im Gleichklang ferner Stimmen
das Geheimnis süßen Liebesbundes schmerzte.

Lederne Zungen kündeten hedonisches
Verfließen, die Sprengung des Charakterpanzers
im Korsett der Phrase keuchende Priester
ozeanischen Gefühls, vom Star befallene,
im Dickicht der Angst blutende Gurus
die Erweiterung der Iris in der blauen Nacht
des Surrealen, sich ständig am Hoden
der Selbstsucht kratzende Kommunarden
die freie Liebe.

Friede ihrer Asche jenen, die am Haschischrauch
und den Ausdünstungen des schwelenden
Müllbergs von Mao-Bibeln, MEGAs, Pornoheftchen,
Ho-Chi-Minh-Postern, Vietnam-Fahnen und Karten
nie angetretener Fahrten langsam erstickten!

Krieg den feisten Parvenüs, die ihre Knallfrösche
und Handgranaten in der untersten Schublade
versteckten und mürbe wie runzlige Äpfel
das Arom ihrer Seelenfäule und das stumpfe
Irrlicht ihres toten Sterns in die Windungen
junger Hirne und die Falten zarter Herzen verströmen!

 

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