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Die drei Quellen des menschlichen Glücks

05.09.2016

Entsprechend den drei Quellen des Unglücks unterscheiden wir eine moralische, eine anthropologische und eine metaphysische Quelle des Glücks.

Die moralische Quelle finden wir in den Gefilden verantwortlichen Redens und Tuns, bei denen wir darauf bauen und hoffen, daß die Erfüllung kultureller und institutioneller Regeln und Konzepte mit unserem wohlverstandenen Eigeninteresse und sogar unserer wohlverstandenen Selbstliebe übereinstimmt.

Wenn wir die Gartenbeete umgegraben, mit frischem Humus befüllt und neue Sprößlinge eingepflanzt oder Sämlinge eingebracht haben und endlich wird unsere Mühe mit dem erfreulichen Anblick blühender Astern und Forsythien, aufwachsender Johannesbeer- und Stachelbeersträucher oder dem gedeihlichen Wachsen, Blühen und Fruchtragen der Obstbäume belohnt, wenn wir uns einen Strauß selbstgepflanzter Blumen zusammenstellen und auf dem Tisch bei den Weingläsern und der gläsernen Karaffe plazieren, wenn wir die Früchte ernten und in einer silbernen Schale wohlgeordnet schichten oder aus den Beeren Saft bereiten oder Marmelade kochen, die uns und unseren Gästen mundet, so können wir ein Gefühl der Zufriedenheit verspüren, das uns ein erstes Maß des menschlich erreichbaren Glücks an die Hand gibt. Wir haben die Ansprüche, die uns die Pflege und Kultivierung des Gartens zumuten, gewissenhaft erfüllt und wurden ästhetisch und lukullisch beglückt.

Wir müssen allerdings darauf gefaßt sein, daß ein Unwetter unsere Bemühungen in einer Nacht mit Hagel und Sturm zunichtemacht oder daß uns gefräßige Raupen und Läuse oder die Wühlarbeit des Maulwurfs einen Strich durch die Rechnung machen – dennoch wäre es angesichts der Verwüstung und des Schadens lächerlich und allzu theatralisch, schlügen wir die Hände über dem Kopf zusammen, beklagten lauthals unser Unglück und die Sinnlosigkeit allen menschlichen Unterfangens. Wir finden uns mit dem Verlust ab, schöpfen Atem, raffen uns auf und beginnen unser Werk von neuem.

Was für den Garten der kultivierten Natur gilt, gilt a fortiori für den Garten der Kultur oder das soziale Miteinander. Wenn wir unser verantwortliches Reden und Tun an den Maßgaben der institutionellen Begriffe und Regeln ausrichten, die ihm innewohnen, können wir wenn alles gutgeht ein gerüttelt Maß an moralischem Glück einstreichen.

Wenn wir es bei einigermaßen gutem gesundheitlichen Befinden, einer gewissen Begabung und gutem Willen dahin bringen, einen Beruf zu erlernen und auszuüben, von dessen Einnahmen wir unsere eigene Versorgung und Lebensfristung oder auch die unserer Familie bestreiten können; wenn wir das gegebene Wort halten und unser Versprechen einlösen, pünktlich zu der Verabredung mit dem Freund oder Geschäftspartner zu erscheinen, das ausgeliehene Gut unbeschadet am vereinbarten Ort und Termin dem Leihgeber zurückzuerstatten oder den Ehrentag unserer Freundin oder Frau nicht zu verpassen, sondern mit freundlichen Gesten und Geschenken zu begehen, so können wir am Ende des Tages vielleicht erschöpft, aber nicht unzufrieden oder mit der Welt zerfallen in die Federn sinken.

Allerdings sind wir gegen die Unbill des Schicksals nicht gefeit: Wir werden krank und sind auf Hilfe angewiesen, unser Freund, unsere Freundin hat uns verraten, betrogen, verlassen; das Unternehmen, bei dem wir in Lohn und Brot standen, geht in Insolvenz; unser Kind hat einen Unfall oder stirbt – auch in diesen Fällen wäre es nicht angemessen, die Hände über dem Kopf zusammenzuschlagen und die Trostlosigkeit der menschlichen Dinge zu beklagen und alles fahren zu lassen und uns auf das Faulbett der Resignation oder das Sterbelager der Schwermut zu legen; wir können und sollen wohl klagen, weinen und trauern, um endlich wieder bei erstarkten Kräften unseren Alltag weiterhin zu meistern.

Glück, so will es uns bedünken, gelingt nicht, wenn wir hemmungslos dem ersten besten Wunsch nachgeben, wenn wir ungezügelt die Triebe ausleben: Je schärfer die künstlich aus den Gelegenheiten und prallen Eutern des Konsums herausgepreßte Lust, umso dumpfer und trostloser die Nachwehen der Unlust, die uns seelisch siechen und geistig veröden läßt. Vielmehr ist Glück ein errungenes, verdientes, mit Mühen oder Opfern herbeigelocktes Befinden, das gewiß wie das Abendrot schnell untergeht, doch sein wärmender Schein hat uns freundlich umfangen, und manchmal entschädigt die Erinnerung an eine gute oder große Tat, an das liebevolle Lächeln dessen, den wir beschenkt und getröstet haben, für manche Zeiten öder Entsagung und Kümmernis.

Zählt nicht zum schönsten das Glück, das wir durch ihr Lächeln, ihr Gutsein und Wohlbefinden empfangen, wenn wir den Freund, die Freundin, das Kind, durch ein freundliches Wort, eine Geste der Zuneigung, einen hilfreichen Rat glücklich gemacht haben?

Immerhin dürfen wir die Erwartung hegen, daß uns das Glück nicht ganz abhold zu sein pflegt, wenn wir soweit es in unseren Kräften steht Verantwortung für das eigene Leben übernehmen – oder sie zumindest nicht in den Wind schlagen und uns ihrer Mühsal entziehen, indem wir durch Anwendung betrügerischer Mittel auf Kosten unserer Mitmenschen ein Dasein fristen, das vielleicht durch hohlen Prunk und eitle Lustbarkeiten zu blenden verspricht, aber am Ende in die Leere und Unwürdigkeit eines bodenlosen und unglücklichen Vegetierens versinkt.

Die zweite Quelle des menschlichen Elends, das Unglück und der Verdruß, den die anthropologische Verfassung oder die conditio human aufgrund unseres biologischen Schicksals als verletzliche, sterbliche Lebewesen uns aufbürdet, können wir durch kulturell sublimierte Formen der Hingabe mildern und damit Augenblicke des Glücks einfangen, die umso inniger und intensiver sind, je mehr sie von Selbstvergessenheit und Selbsttranszendenz beseelt werden. Wir begnügen uns an dieser Stelle mit Hinweisen auf die tröstende Funktion des Humors und die Hoffnungen, die wir mit einer Kultur der Stille verknüpfen können.

Humor äußert sich nicht im meckernden Lachen der satirisch gekitzelten Seele, sondern im Lächeln desjenigen, der die Gebrechlichkeit, den Aberwitz und die Fehlbarkeit aller menschlichen Dinge aus einiger Entfernung an sich vorüberziehen läßt. Wenn wir den Zumutungen und lärmenden Übergriffen der Zeitgenossen unmittelbar ausgesetzt sind, können wir uns freilich nur der Haut oder der Seele erwehren, wenn wir uns die Ohren verstopfen oder in die einigermaßen unberührte Stille der Landschaft flüchten. Doch wir können lernen, ohne Verbitterung und Groll an all die Rücksichtslosigkeiten und obszönen Lustbarkeiten zu denken, auch wenn unsere Wunden noch bluten: Wir ordnen sie den unausbleiblichen Folgen der Borniertheit und Stupidität zu, die im Humus der conditio humana so üppig gedeihen.

Wir können Humor haben, auch wenn wir nicht lachen, wir können heiter sein, auch wenn wir nicht lächeln, wir können gelassen bleiben, sogar wenn wir traurig sind.

Humor ist demnach jene heitere Gelassenheit, die wir bei Meistern wie Horaz, Goethe, Haydn oder Mozart erfahren und durch Versenkung in ihre Werke kosten und auffassen können. In den langatmigen und atmosphärisch schwebenden Beschreibungen, die uns Adalbert Stifter im „Nachsommer“ zutraut, gelangen wir nach Überwindung eines selbstgefälligen Widerstrebens in die geklärte blaue Luft einer schönen Landschaft, in der die Menschen wie Erforscher, Gestalter und Genießer der weichen Schatten und heiteren Düfte dahinleben, die von den üppigen Rosensträuchern ausgehen, die reife Kunst über den Vordergrund ihrer Wohnstätte hat wachsen und wuchern lassen. Wir wissen wohl, daß sich hinter den Rosen die kleinen und großen Tragödien und Komödien abspielen, denn wir selber erleben sie ja, aber wir lassen uns deswegen jetzt, für den Augenblick, die ruhige Betrachtung nicht stören und verderben.

Die Kultur der Stille, die uns am Abgrund der Dunkelheit und Todverfallenheit des menschlichen Daseins als kleine leuchtende Anemone anblickt und ein Glück erlesener Freuden verheißt, öffnet uns nicht ihre Tore, wenn wir nicht begonnen haben, auf die Mitwirkung am Lärm der Welt zu verzichten; das beginnt mit der Askese des Mundes und der Lippen, nämlich das unnötige Geschwätz mit dem Freund oder mit sich selbst mehr und mehr abzutun, das Handy für Stunden abzuschalten, den Fernseher für Tage zu vergessen, Schweigeübungen in Schwung zu bringen und in der Abenddämmerung stumm vor einer flackernden Kerze zu sitzen und an alles und nichts zu denken, den Wind und das wandernde Licht in der menschenleeren Landschaft als Gesprächspartner zu suchen und sich nach einem schweißtreibenden Aufstieg auf den Berg am Waldrand auf die Wiese zu strecken und in die ziehenden Wolken zu starren und an alles und nichts zu denken; das schreitet fort mit der Askese der Augen, wenn wir die Mückenschwärme der Buchstaben, die aus der Zeitung blutrünstig in unser Gemüt schwirren, für heute, für morgen, auf geraume Zeit verscheuchen und uns vom Leibe halten, wenn wir nicht lesen, was man angeblich lesen muß und alle lesen, weil es die Lesemonster der Literaturmoderatoren anpreisen, wenn wir uns von den verstörenden Bildern einer obszönen Gewalt und Rohheit, die aus allen Kanälen flimmern und auf den Straßen inszeniert werden, für heute, für morgen, für geraume Zeit abwenden; und das gewinnt schöne Konturen, wenn wir uns den Gebilden zuwenden und Worte nachsprechen, die in den Gedichten Goethes oder Rilkes wie zahme Rehe oder zwitschernde Vögel sich nähern und aus der hingehaltenen Hand die Körner des Danks und der milden Versöhnung mit sich selbst auflesen.

Wenn wir allerdings mit rigiden Ansprüchen einer universellen Moral die Kultur der Stille allem und allen zuzumuten gewillt sein sollten, müßten wir dann nicht die zivilisierte Menschheit in einen Zustand ohne den Lärm der Autos, Motorräder, Eisenbahnen und Flugzeuge, kurz in die Welt des frühen Goethe oder Stifters oder Haydns und Mozarts zurückversetzen wollen, unter Inkaufnahme des Verlusts aller Errungenschaften der modernen Technik und Medizin, freilich auch der wüsten Erdüberwucherung durch die Milliarden ihrer menschlicher Bewohner? Wir würden es liebend gern und würden die damit verbundenen Gefahren auf uns nehmen, um mit der Stille jener versunkenen Tage getröstet zu werden.

Was tun angesichts der seelischen Abgründe von Angst und Langeweile, die dem dritten Quell des menschlichen Unglücks, der gebrochenen, verstörten, korrumpierten Natur des Menschen entspringen? Diese Angst vor der endgültigen Vernichtung durch den Tod, diese Langeweile in der leeren Zeit angesichts unserer abgewelkten, mürbe und sinnlos gewordenen Werke und Tage können wir schwerlich überspringen, und alle therapeutische Kunstfertigkeit und alle hohe Kunst scheinen hiervor zu versagen – oder nur wie der billige Trost des Liedchens zu wirken, welches das verängstigte Kind im dunklen Wald anstimmt.

Hier kann nur ein Gott uns helfen, der am Ende der Tage die Tenne der Zeit fegt und die Spreu unserer eitlen Absichten und nichtigen oder schlechten Taten vom Weizen unserer guten Absichten und edlen Taten sondert, und den Weizen in seine Scheuer einbringt. Darauf zu hoffen, muß Gottes Geist uns zu hoffen helfen, denn unser schwacher, verdunkelter Geist kann es nicht. Wenn wir aber solcher Inspiration für wert befunden würden, gewährte uns dies vielleicht jenes überirdische Glück, das mehr ist, als irdische Befangenheit auszudenken vermag, ein Zustand, den die begnadeten Lehrer und Dichter der Kirche Seligkeit nannten.

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