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Geharnischtes und Unverblümtes

03.02.2016

Ob du zum Empfang Blüten streust oder die Zunge herausstreckst, sei allein dir anheimgestellt.

Sie laden sich unbesehen Gäste ins Haus und wundern sich, daß am Ende der Party die Wände beschmiert und die Toilette verstopft ist.

Ihre Ahnen haben das Feld bestellt, sie aber sind müde und dulden die Raben, die die Saatkörner fressen.

Der alte Großbauer hat noch selbst die Pferde angeschirrt und den Dung auf den Acker gefahren. Sein Enkel sammelt Kunst und lädt am Sonntagmorgen zu Schampus und Jazz radebrechende Akademiker und tätowierte Gauner in die frühere Stube, die er zu einem Salon umgestaltet hat. Seine Frau kutschiert in einem roten Cabriolet bei offenem Verdeck durch das Dorf und läßt ihren Schal flattern.

Die Glocken rufen noch, aber die Seelen, die ihren Ruf verstanden, sind tot.

Sie verstehen das Blut nicht mehr, nicht mehr die Bindung durch Lied und Leid. Sie verleugnen die Eltern und wollen selbst keine mehr sein. Sie wollen nicht mehr eigentümliche Zeichen prägen und vermachen. Sie wollen Masse sein und kein Volk.

Sie schreien immer, es gelte Gesicht zu zeigen, haben aber keins.

Sie haben tausendfach krakeelt, es gelte Grenzen zu überschreiten. Jetzt, da ihre Grenzen überrannt werden, müssten sie verstummen.

Die Besonnenen werden fremd im eigenen Land, die Dichter fremd in der eigenen Sprache, die Liebenden fremd vor der eigenen Zukunft.

Eunuchen predigen Eros und Rausch.

Sinnenfroher Reichtum, selbstverliebte Macht und edler Geschmack: daher die Kunst und aller Schönheitssinn, von den Gärten und Brunnen bis zum epischen und lyrischen Spiegelbild.

Die Überflüssigen schreien am lautesten.

Für den Lustmörder spricht immerhin der bös gereckte Wille, für den frigiden Langweiler nichts.

Journalisten – je mehr sie nach der Jauche stinken, die sie aufgewühlt haben, umso höher steigt ihr Ansehen.

Wann und wie hat sich die Schlange der Wahrheit in den Garten der Künste und Lüste geschlichen?

Zeugungsunwillige Künstler, die der Kunst das Kondom ihrer moralischen und politischen Weltsicht überstülpen.

Weil sie die unheimliche Leere der Stille nicht ertragen, schlagen sie Krach. Weil sie sich selbst rechtens nicht ausstehen können, wollen sie die Welt aus den Angeln heben oder in tausend Stücke schlagen.

Manche meinen, die Malerei vollende sich im schwarzen Bild, die Dichtung im Schweigen.

Gott ward es leid und zog sich resigniert in seinen Garten zurück. Manchmal in der Nacht kann man hören, wie er leise die eigenen Psalmen singt.

Die Dichtung beginnt mit der Zauberformel und endet mit der Klage über den Verlust der magischen Kräfte.

Die Ausnahmestellung der Dichtung im Reich der Künste hat ihren Grund in der Tatsache, daß nur der Satz wahrheitsfähig im strengen Sinne ist.

Dichtung ist ein Gemisch aus Anzeichen und Zeichen.

Der Rhythmus des Gedichts ist ein Anzeichen emotionaler Erregung, die Verknüpfungen der Worte des Gedichts bilden Zeichen, insofern sie etwas meinen und bedeuten, dessen Sinn bestehen bleibt, auch wenn die Erregung schon verklungen ist.

Der Ausruf „Oh!“ ist ein Anzeichen der emotionalen Erregung des Erstaunens oder der Freude, der durch den Satz „Die Blume ist aufgeblüht!“ wiedergegeben werden kann, dessen Sinn bestehen bleibt, auch wenn die Erregung schon verklungen ist.

Melodie und Rhythmus des Lieds versetzen uns in einen emotionalen Zustand, den wir als freudig oder traurig, fade oder angespannt beschreiben können. Melodie und Rhythmus oder die Musik sind reine Anzeichen, während die Worte des Lieds der durch Anzeichen ausgedrückten emotionalen Erregung einen Sinn verleihen, der bestehen bleibt, auch wenn die Erregung schon verklungen ist.

Das Eigentümliche der Semantik der Dichtung besteht darin, daß ihre wahrheitsfähigen Sätze keinen Wahrheitsanspruch erheben, weil der Kontext ihrer Äußerung ihnen die behauptende Kraft benimmt.

Hamlets Klage und Verzweiflung um Ophelias Irrsinn und Selbstmord verstehen wir als dichterisch gelungene Gestaltung einer tragischen Situation, auch wenn wir wissen, daß die Schauspielerin in Wahrheit nicht ins Wasser gegangen ist, sondern die Figur in der Fiktion.

Neurowissenschaftler und andere verrückte Philosophen nehmen an, deine Aufforderung an mich, einen Spaziergang zu machen, sei ein Strick um meinen Hals, mit dem du mich nach draußen ziehst. Und die Tatsache, daß ich deiner Aufforderung nicht nachkomme, sei der Tatsache äquivalent, daß der Strick gerissen ist.

Wenn die Bedeutung des Satzes in der Wirkung bestünde, die mit seiner Äußerung verknüpft ist, müßte die Bedeutung meiner Äußerung: „Es schneit!“, während draußen die Sonne scheint, das ungläubige und irritierte Lächeln sein, das du daraufhin zeigst, während seine Bedeutung in der Falschheit der Behauptung, daß es schneit, besteht.

Die Semantik der Dichtung beruht auf der Tatsache, daß die verwendeten Zeichen und ihre Verknüpfung konventionell sind, während Ausdrucksmittel wie Rhythmus und Metrum einen natürlichen Hintergrund in der emotionalen Verfassung des Lebewesens Mensch haben.

Weil die Identifikation von natürlichen Anzeichen wie des Rauschens von Wasser, des Trippelns von Schritten und der Vibrationen der Stimme oder der Signalwirkung der Farben zu unserer Ausstattung gehört, bleiben Musik und Malerei der natürlichen Welt der Anzeichen verhaftet, auch wenn sie sich zu den sublimen Höhen der Streichquartette Beethovens oder der abstrakten Physiognomien Jawlenskys erheben.

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