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Jun 12 21

Algernon Charles Swinburne, The Roundel

A roundel is wrought as a ring or a starbright sphere,
With craft of delight and with cunning of sound unsought,
That the heart of the hearer may smile if to pleasure his ear
A roundel is wrought.

Its jewel of music is carven of all or of aught –
Love, laughter, or mourning – remembrance of rapture or fear –
That fancy may fashion to hang in the ear of thought.

As a bird’s quick song runs round, and the hearts in us hear
Pause answer to pause, and again the same strain caught,
So moves the device whence, round as a pearl or tear,
A roundel is wrought.

 

Das Roundel

Ein Roundel ist gemacht wie ein Ring oder heller Sternensphäre gleich,
mit Lust und List des Stils und Lauten ungeahnt,
es läßt das Herz des Hörers lächeln: Zu plätschern in des Ohres Teich
ein Roundel ist gemacht.

Sein Edelstein aus Klang ob ungraviert ob bilderreich –
Liebe, Lachen oder Klagen – an Verzückung oder Angst gemahnt –
Phantasmen fluten über bangen Denkens Deich.

Wie eines Vogels Lied geht es im Kreis, und unser Herz sinkt bleich
in jede Stille, springt wieder auf, hat es ihm seinen Weg gebahnt,
so kreist das Lied: Wie eine Perle rund, wie eine Träne weich
ein Roundel ist gemacht.

 

Jun 11 21

Blumenrondel

Die junge Knospe, träumerisch gewiegt,
gibt ihren Duft der Nacht, dem Wind.
Und wenn der Tau von weichen Lidern rinnt,
hat ihren Schwestern sie sich angeschmiegt.

Das Blumenwort, das sich aus Liebe gibt,
wenn all die Blüten auch verloren sind,
hat seine Knospe lang im Traum gewiegt,
verströmt den Duft der Nacht, dem Wind.

Wenn schon im grauen Dunst sein Duft versiegt,
und alle Falter, es zu küssen, ferne sind,
Schlaf schneien Flocken, machen blind,
das Wort, das sich der weißen Stille fügt,
als junge Knospe hat es sich im Traum gewiegt.

 

Jun 10 21

Edmond Haraucourt, Rondel de l’Adieu

Partir, c’est mourir un peu,
C’est mourir à ce qu’on aime :
On laisse un peu de soi-même
En toute heure et dans tout lieu.

C’est toujours le deuil d’un vœu,
Le dernier vers d’un poème ;
Partir, c’est mourir un peu,
C’est mourir à ce qu’on aime.

Et l’on part, et c’est un jeu,
Et jusqu’à l’adieu suprême
C’est son âme que l’on sème,
Que l’on sème à chaque adieu :
Partir, c’est mourir un peu…

 

Abschiedsrondel

Es ist ein kleines Sterben, geht man fort,
ein kleiner Tod an dem, was einer liebt:
Es quillt aus eignem Grund, was jeder gibt,
zu jeder Stunde und an jedem Ort.

Und immer tönt ein schmerzlicher Akkord
im letzten Verse, den man niederschrieb.
Es ist ein kleines Sterben, geht man fort,
ein kleiner Tod, was von der Liebe blieb.

Und man geht, das Spiel, es setzt sich fort,
bis hin zum Scheidegruß vorm letzten Hieb,
die eigne Seele war, was man zerrieb
und streute aus in jedes Abschiedswort:
Es ist ein kleines Sterben, geht man fort …

 

Jun 9 21

Duft für nichts

Sprechen wir nicht von Schwingen,
niedergedrückt vom Knie der Nacht,
wie möchte uns das Lied gelingen.

Und können wir nicht schweigen,
mag, was wir sagen, unbedacht
in graues Rauschen sich verzweigen.

Sprechen wir nicht von Samen,
abgemäht von der Sense des Lichts,
modern in uns die göttlichen Namen.

Und können wir nicht geben,
mag, was wir atmen, Duft für nichts,
in graue Nebel niederschweben.

 

Jun 8 21

Der Talmi-Dichter

Gelblicher Brei, den röchelnd er gespuckt,
ein blutig Klümpchen auf die große Bühne,
war seine halb verdaute Dichterseele,
Ruhm ihm, weil er sich nicht daran verschluckt.

Im Krampf leckt er die Glans des Mikrophons,
aus Silbenbüscheln schüttelnd schwüle Funken,
und tut gerissen, lallt, als sei er trunken
und stammle halb im Schlaf des schwarzen Mohns.

Nicht Orpheus ist, was aus ihm stöhnt,
es ist der Fleischwolf dumpf zerschmatzter Phrasen,
was alle Schicksalsblinden in der Zeitung lasen,
Euterpe habe mit den Furien sich versöhnt.

Nicht lauscht ihm mehr Ophelia,
die Blume unter Blumen schwamm entronnen,
von falscher Seufzer Schleim umsponnen,
fühlt der Enterbte sich der Fülle nah.

Der Wein, gesprossen unter Gottes Glut,
das Wort mit goldenem Sinn zu netzen,
kann die Betrübten nicht ergötzen,
wahllos vermengt, verpanscht mit Sud.

 

Jun 7 21

Das Wort, das Blatt

Kaum ist das Blatt, das Wort ergrünt,
hat es dein Herbst schon ausgebleicht.
geküßt von einem kühlen Hauch,
das Wort, das Blatt, es fällt so leicht.

Mit tausend Blättern weht es hin,
sie knistern, treibt der Wind sie fort,
und stumm wird, fahl der grüne Sinn,
versinkt im Schnee das Blatt, das Wort.

Und hat das Moos den hellen Stamm
mit seiner Patina verfärbt,
unlesbar ward das Epigramm,
das in die Rinde du gekerbt.

Und wäre es geritzt in Stein
und prangt noch lange überm Grab,
die Veilchen seufzen dort allein,
wenn ihnen Tau zu weinen gab.

 

Jun 6 21

Bleib menschlich nicht in allen Dingen

Bleib menschlich nicht in allen Dingen,
sei Nacht, suchst du nach Sternenlicht,
Fontäne werde, heller aufzusingen,
Adonisflamme röte dein Gesicht.

Die Menschenform ist starr geworden,
daß Himmels Blitze sie zerspalten,
in grünes Sprühen wandere nach Norden,
nach Süden, dich wie Malven zu entfalten.

Das Wort ward trüben Fühlens Schleier,
mag Gottes Sturm ihn von dir reißen,
mit Adlerblicken siehst du freier,
wie unter dir die Ströme gleißen.

Verwandle dich, wenn Nachtluft bringt
dir Traumaromen ferner Meeresgärten,
in einen Flötenton, der höher schwingt
als dumpfer Hörnerklang von Schmerzgefährten.

 

Jun 5 21

Den Nachtwind reden machen

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Eine Frage, auf die es keine Antwort gibt, ist überhaupt keine Frage.

Ein unlösbares Problem ist gar kein Problem.

Sich unterhalten ist wie Walzer tanzen, nur daß nicht immer klar ist, wer führt, oder bisweilen klar wird, daß jetzt der andere führt; in jedem Falle sollte man sich hüten, dem anderen auf die Füße zu treten, auszuscheren oder plötzlich in einen expressionistischen Ausdruckstanz zu verfallen.

Die Schrittfolge können wir lernen, die Satzfolge nicht.

Der logische Schluß (die Logik überhaupt und alles, was wir intelligentes Handeln nennen) beruht auf Intuition; wäre dem nicht so und beruhte der logische Schluß auf der Anwendung einer Regel, müßten wir ihre logisch stimmige oder kluge Anwendung ihrerseits an einer anderen Regel überprüfen; ein Prozeß, der kein Ende nähme.

Der logische Schluß ist eine intelligente Handlung, aber nicht das Resultat einer Reflexion.

Der logische Schluß ist nicht das Ergebnis einer intelligenten Handlung, sondern verkörpert sie.

„Wenn die Sonne scheint, erhöht sich die Lufttemperatur.“ – „Die Sonne scheint“ – Jetzt müßtest du sagen: „Also erhöht sich die Lufttemperatur.“ – Freilich, es ist dir unbenommen, einfach den Mund zu halten.

Wir können von nichts und niemand reden, könnten wir nicht von uns reden.

Jemanden anzureden impliziert, angeredet werden zu können.

Wir müssen uns intuitiv und vorreflexiv in einer raumzeitlichen und sozialen Position verkörpern, wenn wir reden und mitreden wollen. Diese Position markieren wir durch das Pronomen der ersten Person Singular.

Wir müssen nicht reflexiv auf uns Bezug nehmen, wenn wir uns ins Gespräch einbringen oder dem Freund auf der anderen Straßenseite zuwinken und ihn auffordern, zu uns zu kommen.

Die Anwendung einer Regel auf den Einzelfall ist eine intuitive Ableitung und keine Form des Wissens; denn Wissen meint die Kenntnis der Regel, nicht aber, wie sie anzuwenden sei.

In der Kodifizierung des Gesetzes finden wir ein rechtliches Regelwerk, nicht aber die Regel, wie es auf den Einzelfall anzuwenden ist. Das ist Sache der Intuition und Urteilskraft des Richters.

Das Richtige tun heißt nicht, sich eine Reihe möglicher Handlungen vor Augen führen und aus ihr die richtige auswählen; es meint zumeist, ohne weiteres oder geistesgegenwärtig das der Situation Angemessene auszuführen, beispielsweise einen Umweg zu machen und den Schritt zu beschleunigen, wenn finstere Gestalten bedrohlich näherrücken, das Fenster vor dem Sturm zu schließen oder den Herd nach Gebrauch abzustellen.

Gelehrsamkeit schützt vor Dummheit nicht.

Es ist ein auch unter Philosophen weit verbreiteter Irrtum zu glauben, Wissen sei ein Maß für Klugheit und Intelligenz.

Wenn wir plausiblerweise davon ausgehen, daß Chinesen im Durchschnitt intelligenter sind als Deutsche oder Schwarzafrikaner, impliziert diese Annahme nicht, daß Hans nicht intelligenter reagiert hat als Li und Margarete weniger klug als Shari.

Die Zuordnung psychologischer Prädikate sowohl zu Personentypen oder Charakteren als auch ethnischen Gemeinschaften ist ein Erbteil der Antike. Waren also schon Herodot, Thukydides, Theophrast, Caesar, Tacitus, die alte und neue Komödie und tutti quanti vom Gift des Vorurteils oder gar des Rassismus verseucht?

Die sich und andere bis zum äußersten Grad geistiger Erschöpfung und Verblödung mit Informationen, Meinungen, Gesinnungen füttern, führen das große Wort in den Medien und der akademischen Welt.

Die Zuordnung psychologischer Prädikate wie freundlich, klug, heimtückisch ist keine Form des hypothetischen Schlusses von der Beobachtung des Verhaltens, das wir freundlich, klug, heimtückisch nennen, auf die Gesinnung und innere Haltung des Beobachteten, die wir als freundlich, klug, heimtückisch qualifizieren.

Wir sehen die Freude, die Erregung, die Scham, die Verlegenheit an der Miene, der Gestik, der Körperhaltung von anderen unmittelbar, wir schließen nicht von der Mimik und Gebärde auf geistige Zustände dieser Art, insofern wir ihren physiognomischen Ausdruck an uns selbst beobachtet hätten.

Wir wissen gar nicht, wie wir aussehen, wenn wir erfreut, erregt, beschämt oder verlegen sind.

„Mondtrübe Lache“, „Karstland versickerter Brunnen“, „Nachtgesang des Wassers“, „Schwebende Pagode leise tönenden Porzellans“ – die Bilder des beschädigten oder erfüllten Daseins, die uns in der Dichtung begegnen, sind Mythogramme des Lebens, die sich natürlicher Phänomene oder artifizieller Gegenstände als Chiffren bedienen.

Doch sind sie keine Vergleiche, die sich der Reflexion und dem Räsonnement restlos erschlössen.

Die wohlfeile Rede, wir könnten mit den Mitteln unserer dürftigen Sprache das angebliche Wesen der Dinge nicht erreichen und der Dichter sei unredlich, der nicht sein banges Schlottern am Abgrund des Schweigens, sein eitles Ringen mit der Sprachnot stammelnd exhibiere, ist ein geistiges Zerfallsprodukt des metaphysischen Mißverständnisses von der letztlichen Opazität sprachlicher Bedeutung, einer verfehlten Metaphysik über die vermeintlich unüberbrückbare Inkongruenz von Sprache und Welt.

Die großen Meister, nicht nur der Sprache wie Homer, Vergil und Goethe, sondern auch der Musik wie Bach, Mozart und Bruckner vermochten noch den sublimsten Regungen der Seele Gestalt zu verleihen, die feinsten Verästelungen der Blätter vom Baum des Lebens nachzuziehen.

Den Nachtwind reden machen von den Düften und Gerüchen, die er aus verborgenen Gärten und tropfenden Lauben, von der weißen Wäsche auf Balkonen und dem eingesunkenen Humus der Gräber mitbringt.

„Philosophie“ ist kein Euphemismus für Kopfschmerz.

Oft lassen wir uns von den falschen Bildern in die Irre führen, so von der Denker-Statue eines Rodin, als sei Denken eine Art verbissenen oder schweißgebadeten Grübelns.

Die Seele ist die ins helle Licht des Tages getauchte  Physiognomie des Körpers, nicht sein Schatten.

Freilich, der vom Dunkel der physischen oder spirituellen Nacht umfangene Körper hat seine eigene Ausdruckswelt.

Jemanden ungeduldig, unzuverlässig oder jähzornig nennen heißt erwarten, daß er den Faden vor Hast nicht in die Öse einfädeln, uns nicht wie versprochen am nächsten Tag das Buch mitbringen, bei der leisesten Irritation aufspringen und die Tür hinter sich zuschlagen wird. Es heißt nicht, zu glauben, diese charakterlichen Dispositionen hausten gleich Kobolden im Verlies seiner Seele, bereit, bei jeder Gelegenheit hervorzupreschen.

Liebe ist kein mentaler Zustand, sondern die Neigung, auf gewisse Art und Weise zu reden und zu handeln, beispielsweise, den durch die Mißachtung der Kollegen aufgebrachten Geliebten zu begütigen, ihm die üble Laune aufzuheitern, sich in der Sonne seiner guten zu baden.

Die Substanz des dichterischen Wortes ist wie der Tee, der mit heißem Wasser aufgegossen nach einer Weile seinen köstlichen Geschmack in das feuchte Element transfiguriert – die Teeblätter sind wie die Zeichen der Worte, die wir, haben sie ihre Essenz und ihren Duft mitgeteilt, mit dem Sieb aus der Kanne nehmen.

Freilich, die einmal für den Aufguß verbrauchten Teeblätter sind schal geworden, nicht so die Blätter des Gedichts.

Der erlesene Wein muß lange im dunklen Keller reifen. So auch die köstlichen Trauben, die am Hang des Dichters in der Herbstsonne glühten; die Mühe, die es bereitete, sie im Tau der Dämmerung zu ernten und im Gleichtakt stampfend zu keltern, bleibt am vollendeten Werk verborgen.

Von der Traube bleiben im Wein die goldene Farbe und der sublime Duft.

Freilich, der vulgäre Geschmack findet seinen grauen Rausch vorzüglich in gepanschten Sorten.

Der Geschmack für das Sublime und das Verlangen nach überirdischer Harmonie und beseligendem Wohlklang sind wie die Neigung zur Herabsetzung und satirischen Verzerrung des Lebens angeborene Neigungen.

„Demokratische Bildung“ oder aalglatt und begriffsschlüpfrig „Bildung für alle“ ist nur ein Euphemismus für die Vulgarisierung des Geschmacks und die Verpanschung sublimer Werke mittels „Interpretation“.

Im Zug der flüchtigen Wolken, im Tau, der vom Blatt perlt, im Blumenschauer des Frühlings, im Flockentanz des Winters, dem Wechsel der Tage und Nächte, dem immer wieder sich drehenden Ring der Jahreszeiten, im goldenen Lichte der Locken, das an den herrischen Fels des jugendlichen Nackens brandet, in der grauen Strähne, die Falten der Stirn dürftig bedeckend, gewahren, sehen, erfühlen wir unser unentrinnbares Schicksal.

Wir sind nicht verpflichtet, uns in die Ismen und Schablonen, die Parolen und Tagesbefehle des Zeitgeistes  zu schicken.

Am Verblassen alter Namen, an ihrer sie ins Mysteriöse verdunkelnden Patina ermessen wir das historische Schicksal des Sprachgeistes.

Interpretation als Aderlaß am wehrlosen Leib des Gedichts.

Rilkes lyrischer Klageton, synthetisiert zum Sound.

Während des Ersten Weltkriegs wollte der Philosoph Ludwig Wittgenstein, im Einsatz als Ingenieur bei der österreichischen Marine, den Dichter Georg Trakl, der traumatisiert von den Kämpfen im ostgalizischen Grodek (Alle Straßen münden in schwarze Verwesung) im Lazarett lag, besuchen. Er kam an, nur um vom Tod des Dichters zu erfahren. Worüber hätten sie sich unterhalten, der Philosoph, der damals auf der vergeblichen Suche nach der logischen Urform des Satzes war, und der Dichter, dem die wilde Klage aus zerbrochenem Munde floß?

Zum Glück hat noch kein Zeitgeistgeck und Modekünstler die Szene als Stoff eines düster-pazifistischen Dramas oder einer atonalen Oper verheizt.

Wir sind nicht verpflichtet, im trüben Laich des großen Geschwätzes mitzutreiben und unsererseits einen schlüpfrigen Beitrag zur Rettung der Welt zu leisten. Doch sollten wir stets auf dem Sprung sein, um uns selbst vor dem faulen Atem und der Zudringlichkeit selbsternannter Welterlöser zu retten.

 

Jun 4 21

Heiße Uhr

Schnee, an lauer Luft getaut,
Glanz, vertaner Liebesblick,
Blume, Strahl am Blatt gestaut,
kehrt als blasser Mond zurück.

Sanft von Schatten überrankt
warme Tiere schlafen schon,
Knospe, die in Träumen schwankt,
stillen Tropfen, Ton für Ton.

Heiße Uhr, die panisch tickt,
Herz, das keine Zeit sich fand,
da ein weicher Sang erquickt,
dich zog auf der Norne Hand.

 

Jun 3 21

Stimmen, fliegende Fische

Gespenstisch schimmernd, vom Mond beleckt,
Stimmen, als hätte der harte Kropf des Tages
sie libellenflügeldünn und transparent gepreßt,
der rosige Schlund der Nacht sie ausgespien.

Flatternd, schwirrend, schmachtend,
Stimmen, als hätte ein Witzbold den Taubenschlag
geöffnet, wo sie die Unschuld selber
girrend auf ihren kotigen Stangen hockten.

Stimmen, fliegende Fische, steigen
aus dem schwarzen Strom abendlichen Schweigens,
sie fliegen, manche dicht bei dicht,
Flosse an Flosse rhythmisch schlagend,
Schuppe reibend an Schuppe,
heiß sirrenden Purpurstaub raspelnd,
Tropfen hellen Schmatzens tupfend,
manche, goldener Triolen schwerelose Ranken,
und Seufzertrauben, betaut von Tremoli,
schlüpfen durch, höher treibend, als wollten sie
des faden Laichens überdrüssig einmal
Sterneneinsamkeit auf glotzendem Auge funkeln fühlen,
die kleinen jungen aber können nur mit zarten Bärten
den Schaum durchpflügen, der leise knallend platzt,
oder schwärmen unter einem fetten Mutterschatten,
der mit Schluchzen, Keckern, Grunzen
ihr quecksilbriges Gelispel begluckt,
andere klirren leise, zeigen nervenfeine Risse,
wenn ihre Flügel durcheinanderblättern,
Porzellan, bemalt von Grottennymphen.

Nun verblassen sie, sie stürzen hin,
dumme Kinderhände, die aufs Wasser patschen,
sie tauchen ab, Klanggespinste, die zerfasern,
sind vor einem großen ernsten Mond verstummt,
der trostlos im Gestrüpp des Ufers,
ein vergessener Lampion, hängenblieb.

Ein dumpfes Gurgeln, dann ist das Wasser stumm und glatt.

 

Jun 2 21

Nacht und Tau

Die Knospe zögert, schwankt verschlossen,
stellt keinem dumpfen Blick sich bloß,
dem Strahl, der seiner Pracht vergaß,
tut unverhofft sie auf den Schoß.

Der Tee schwimmt lose in der Kanne,
schenkt heißem Wasser die Substanz,
des Blattes träumerisches Herz,
im Hauch, im Duft gibt er es ganz.

Die Veilchen auf verwaistem Anger,
wie ist ihr weicher Blick voll Tau,
sie nähren Dunkelheit und Licht,
die Grabesnacht, das Himmelsblau.

 

Jun 1 21

Tage, Nächte

Das kahle Holz wirft seinen Schatten
auf Saat und Grab, auf Firn und Grün.
Doch Mittagssonne schlürft ihn auf,
er kann des Nachts im Mond nur blühn.

Am Tage wandeln wir im Dunkel,
erlosch in uns das hohe Licht,
in Nächten rührt uns an ein Strahl,
wenn Liebe aus der Ferne spricht.

Was keuchend wir wie Honig fingern
aus warmer Wabendunkelheit,
es tropft, ein sanftes Lied, im Schlaf,
benetzt die Stirn mit Lieblichkeit.

Der Lehm, behaucht mit faulem Odem,
zerfällt, der Klageton verhallt,
der Lichtkristall des Liebesworts
hat sich aus süßem Tau geballt.

Dämonen sind uns Tage, Nächte,
die Sonne trinkt von unserm Blut,
Gezeiten hat vom Mond das Meer,
das in uns braust und blauend ruht.

 

Mai 31 21

Mythogramme

Aus dem Wasserspiegel alter Namen
leuchtet uns, von grünen Schatten überrankt,
des Lebens mythische Gestalt.

Von samtenen Augen, abendstillen Teichen,
um die langer Wimpern Gräser zittern,
lächelt feenhafter Glanz herauf.

Im schroffen Strunk der Eiche, vom Blitz gespalten,
die üppig noch von Laubwerk strotzt,
quillt dryadenhell ein Rauschen auf.

Wenn, ein weißer Schmerzensdunst, die Schwäne
langsam im Uferschilf verfließen, blitzen
unter toten Blättern Flossen nymphenstumm.

Und kämmt das Kind die Puppe, lallt sie ihm,
von seines Kammes Nervenfunken aufgeladen,
der Gaia Zaubersprüche, die wie Schlangen bannen.

Der Junge läßt die Schnur des Drachen fahren,
von der Erde hartem Herzen abgenabelt,
versprüht, ein Feuervogel, sich ins kalte Blau.

Der Dichter, nachts an seines Fensters Einsamkeit gelehnt,
hört übem grauen Maschinenlied der Endzeitstadt
das dunkle Gurgeln des Leviathans.

 

Mai 30 21

Evokationen

Was schürt im aschengrauen Herzen Glut?
Bewunderung des Hohen, Großen, Edlen,
Aufblick in Laubes grün leuchtende Ranken,
zum schimmernden Wuchs aus dunkler Erde,
die keines Maulwurfs Schaufel noch durchwühlte,
schöner Wuchs der Bäume, Akanthuslocken
schlanker Säulen, Halme deklinierend fromme Chöre,
anmutige Gestalt des hochgestimmten Sagens,
die uns wohl überragt, doch lächelnd zu sich winkt.

Was rührt uns auf, hinabgedrückt vom Joch der Rätsel?
Heller, sanfter Wunder Ahnungen,
die lieblich deutbar wie Wolken unterm Monde wandeln,
Seufzen, wenn morsche Hölzer Atem des Erinnerns schöpfen,
der Flammen Rede, die klarer spricht als unser Schmerz,
zuckt sie auch gespenstisch über des Einsamen Zimmerwände,
zu fühlen, lauschend in die Nacht gelehnt, wie ferner Gärten
Hauch von Vogelrufen warm durchsprüht,
vom Dunst der Früchte feuchter Wohlgeruch
uns wahrer zu empfinden heißt.

Was gibt uns Halt, auf blauem Eis der Zweifel schlitternd?
Die kleine, sanfte Hand, die uns die Knospe reicht,
Flora mit dem Veilchenkranz und ihre Schwester
Sappho, die Schnee in einer Silberschale sammelt,
Kirschblüten, Schaumkraut, Hirtentäschel, Mädesüß,
und rutschen wir in Traumes Gletscherspalte,
das dumpfe Flattern, Taubenflügel,
wie fromme Herzen höherschlagend, Glocken,
die uns aus uns selber rufen in den Tag,
und wären wir im Firne eingeschlummert,
was uns weckt, im Frühlicht niederweinend, Tau.

Was aber richtet auf, die welk sich neigt, die Blume Wort?
Die altem Volk die Wurzeln hegt, mütterliche Erde,
sie saugen, ins Ahnendunkel sich verzweigend, Lebenswasser,
der seine Knospe mit Blitzen öffnet, heimatlicher Himmel,
sanfter Liebeslüfte blaues Wiegen, schwesterlicher Wind,
und will verzagend es ins Blütenlose blättern,
träufelt ihm, am Abgrund kühn, der Dichter,
der lang in seinem Schmerzensdufte Schatten träumte,
aus dem Wunderhorn den Glanz der Tränen hin.

 

Mai 30 21

Erweckungen

Was schürt im aschengrauen Herzen Glut?
Bewunderung des Hohen, Großen, Edlen,
Aufblick in Laubes grün leuchtende Ranken,
zum schimmernden Wuchs aus dunkler Erde,
die keines Maulwurfs Schaufel noch durchwühlte,
schöner Wuchs der Bäume, Akanthus schlanker Säulen, Chöre frommer Mädchen,
anmutige Gestalt des hochgestimmten Sagens,
die uns wohl überragt, doch lächelnd zu sich winkt.

Was rührt uns auf, hinabgedrückt vom Joch der Rätsel?
Heller, sanfter Wunder Ahnungen,
die lieblich deutbar wie Wolken unterm Monde wandeln,
Seufzen, wenn morsche Balken Atem holen,
der Flammen Rede, die klarer spricht als unser Schmerz,
zuckt sie auch gespenstisch über einsamen Zimmers Wände,
zu fühlen, lauschend in die Nacht gelehnt, wie ferner Gärten
Hauch von Vogelrufen durchwimmelt, feucht von Wohlgeruch,
uns wahrer zu empfinden heißt.

Was gibt uns Halt, auf blauem Eis der Zweifel schlitternd?
Die kleine, sanfte Hand, die uns die Knospe reicht,
Flora mit dem Veilchenkranz und ihre Schwester
Sappho, die Schnee in einer Silberschale sammelt,
Kirschblüten, Schaumkraut, Hirtentäschel, Mädesüß,
und rutschen wir in Traumes Gletscherspalte,
das dumpfe Flattern, Taubenflügel,
wie fromme Herzen höherschlagend, Glocken,
die uns aus uns selber rufen in den Tag,
und wären wir im Firne eingeschlummert,
was uns weckt, im Frühlicht niederweinend Tau.

Was aber richtet auf, die welk sich neigt, die Blume Wort?
Die altem Volk die Wurzeln hegt, mütterliche Erde,
sie saugen, ins Ahnendunkel sich verzweigend, Lebenswasser,
der es mit Blitzen angeglüht, heimatlicher Himmel,
sanfter Liebeslüfte blaues Wiegen, schwesterlicher Wind,
und will verzagend es ins Blütenlose blättern,
träufelt ihm, am Abgrund kühn, der Dichter,
der lang in seinem Schmerzensdufte Schatten träumte,
aus dem Wunderhorn den Glanz der Tränen hin.

 

Mai 29 21

Zwillingsfalter

Wir wollen dunklen Glanz uns geben
und tiefer uns ins Schweigen weinen.
Wir wollen uns wie Knospen heben,
die duftend süßer sich bescheinen.

Wir wollen unsre Augen schließen,
im Herzen inniger zu sehen,
wie Seufzer weißer Blüten fließen,
ersterbend ineinanderwehen.

Wir wollen Zwillingsfalter trunken
am Schmerz der Sommernacht verglühen,
im hohen Geisterflug der Funken,
die aus dem Schoß der Rose sprühen.

 

Mai 28 21

Überwachsen

Vom Schluchzen, ins Moor hinabgeronnen,
blieb noch der Tau, glänzt noch der Schaum
am Moos, besamt von feuchten Sonnen.
Zum Spiegel gehe, sage „Traum!“

Kristalle träufelnd, grüne Vase,
die blasse Lilie flüstert trunken,
wie dunkel ist von Duft Ekstase,
wenn mir das weiche Lid gesunken.

Vertrocknet in den Mumienfalten,
Milchflocken, Bienen, Seelenflusen,
der Schmerzachat im Schlaf gespalten,
Blutstropfen in den Dämmerdrusen.

Von Harz umflossene Libelle,
im Bernsteintropfen eingeschreint.
Gesanges überwachsene Quelle
hat in der Nacht umsonst geweint.

 

Mai 27 21

Rettungen des Reims

Ich seh auf meinem Teppich Rauhreif schimmern.
Durchs offene Fenster strahlt der kalte Mond.

*

„Für dich!“ stand auf dem Titelblatt.
Doch waren alle Seiten unbeschrieben.

*

Verhangen war dein Blick. Ein Sklave,
gefesselt an ein fernes Bild.

*

Ich rief die hohen Namen in die Nacht.
Gezwitscher schüttelt aus dem Laub der Mond.

*

Mit Blütenblättern treibst du auf dem Wasser,
die Tiefe denke nicht, die tausend Faden.

*

Dreh nicht den Stein des Wortes um,
ihm wuchs im Erdreich keine Patina.

*

Wir kehren, schichten sie, die dürren Blätter,
all ihre trüben Zeichen, Flamme singt sie rein.

*
Der Schatten weicht nur einen Augenblick,
wenn du im Mittag deiner Liebe stehst.

*

Ich ließ das Senkblei in die Tiefe gleiten,
doch war kein Grund, auf den es traf.
Du wolltest dich mit Wolken weiten,
und ihre Schatten rankten Schlaf.

*

Der Himmel sagte „Blau!“, die Erde „Dunkel!“
Der Stern sprach „Seufze!“, das Wasser „Funkel!“

*

Wolke singt: „O fließe!“, Wasser klagt: „Ach bleibe!“
Blume sagt „Ach trage!“, Wasser ruft „O treibe!“

*

Ein Vier-Blatt an dem zarten Stengel
der Reim grünt in die Morgenhelle,
die Düfte rufen einen Engel,
schon sitzt er singend auf der Schwelle.

*

Im Reime fließen sie in eins,
der Ströme grün und goldne Töne.
Es gibt die Zauberglut des Weins,
daß Liebesgeist den Schmerz versöhne.

*

Silberdistel und Vergißmeinnicht
stehen nah bei stillen Pfaden,
unsre Worte haben kaum Gewicht,
Pfauenaugen, die im Lichte baden.

 

Mai 26 21

Von dichterischer Gleichnisrede

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Damit etwas als zweideutig gewertet werden kann, muß etwas anderes als eindeutig einleuchten.

Wäre alles zweideutig, wir könnten es nicht einmal wissen.

Müller heißen viele, doch der gemeinte wohnt in dieser Wohnung; oder ist der gesuchte Dieb.

Wir können mit dem, was wir sagen, den Sinn verfehlen; wäre dem nicht so, wir wüßten nicht, ob wir ihn jemals getroffen, ja überhaupt je etwas Sinnvolles geäußert haben.

Wir werden zurecht auf unseren Irrtum hingewiesen, wenn wir eine Tanne mit einer Fichte verwechselt haben. Wir können uns nicht mit der modischen Phrase herauswinden, alle Systeme der Klassifikation, alle Taxonomien und Ordnungssysteme seien arbiträr und willkürlich.

Wenn der eine Sprecher eine Tanne mit einer Fichte verwechseln kann, so mag ein anderer einen fir tree mit einer spruce, wieder ein anderer einen sapin mit einer épicéa verwechseln. Doch was jedes Mal dem Deutschen, dem Engländer und dem Franzosen widerfährt, ist dasselbe (dieselbe Art der Verwechslung).

Die wissenschaftliche Taxonomie belehrt uns, daß wir nicht ohne weiteres eine Tanne mit einer Fichte verwechseln können, sondern beispielsweise eine Weißtanne mit einer Rotfichte, ja eine Weißtanne mit einer Blautanne.

Wenn wir etwas anderes meinen als was wir sagen, wird uns das Leben korrigieren, der Kellner uns das bestellte Bier servieren, auch wenn wir an ein Glas Wein dachten.

Wenn wir der Gastgeberin zu ihrem Ehrentag feierlich einen Kaktus überreichen, verdienen wir ihr spöttisches Lächeln zurecht.

Auch wenn wir Virtuosen der Farbwahrnehmung und Farbbenennung sind und spielend Lindgrün, Tannengrün, Farngrün, Algengrün, Smaragdgrün, Turmalingrün, Jadegrün und manche andere Grünnuancen unterscheiden gelernt haben, genügt uns der simple Hinweis darauf, daß die Ampel auf Grün gesprungen ist, um zu wissen, wie wir uns zu verhalten haben.

Wie wir nicht in einem Atemzug ja und nein sagen oder an allem zugleich zweifeln können (ohne uns dem Verdacht der Verrücktheit, Unredlichkeit oder aufdringlicher Geltungs- und Großmannssucht auszusetzen), müssen wir an der Identität und Eindeutigkeit bestimmter Begriffe, Namen und Aussagen festhalten, um andere überhaupt ins Zwielicht der Zweideutigkeit rücken zu können.

Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Doch wir haben es ja reichlich, von Mutter Natur und Stiefmutter Kultur.

So existieren wir nicht wie gewisse subatomare Teilchen in einem permanenten Unbestimmtheitszustand fluider Scheinexistenz und verwandeln uns nicht erst dann, wenn uns der Nachbar mal wieder in ein Schwätzchen verwickeln will und uns mit „Na, Herr N. N.!“ oder „Na, Frau N. N.!“ auf dem Treppenabsatz begrüßt, spontan in das jeweils angesprochene Geschlecht. Hier sorgt die Natur in den allermeisten Fällen gnädig für Eindeutigkeit und die Kultur zieht den Hut sprachlicher Konvention vor ihr.

Wenn wir unsere visuelle und sprachliche Farbpalette verfeinern und nicht eintönig und einsilbig immer nur von Blau reden, sondern von Himmelblau, Veilchenblau, Kobaltblau, Königsblau, Türkisblau, Caerulean und Azurblau, implizieren wir damit nicht, der Farbbegriff Blau sei aufgrund unserer nuancenreichen Sensorik und unserer ausgetüftelten Sprachpalette zu einer bloßen Fiktion oder in ontologische Unbestimmtheit herabgesunken.

Licht und Dunkel, Tag und Nacht, die Tageszeiten, die Jahreszeiten, Blühen, Reifen und Vergehen, die Gestalten, der Formenreichtum und die Taxonomien von Flora und Fauna – all dies sind Variationen auf das schicksalhafte Motiv der Ordnung, der Struktur, der sprachanalogen Gliederung natürlicher und künstlicher Formen, schließlich der logisch-grammatischen Ordnung der Sprache selbst.

Die Gestaltformen und Ausdruckscharaktere des Gedichts, vom Vers über die Strophe bis zu den Einzelformen der Ode und Hymne, von Terzine und Sonett, des Liedes und des Liederkranzes haben ihr Gleichnis in den Metamorphosen der Elemente, von Erde, Wasser, Feuer und Luft, den Bildungen und Wandlungen der Wolken, den Organen von Pflanzen und Tieren.

Arroganz technomorphen Denkens oder alles verrechnende Überheblichkeit verkennt die Koinzidenz, die Korrespondenz und tiefere Harmonie von Auge und Licht, Ohr und Klang, Sinnesorganisation und Sinn, Sprache und Leben.

Die Gleichnisrede des Gedichts legt Zeugnis ab von dieser Koinzidenz, Korrespondenz und Harmonie.

So begriff Hölderlin die Frucht des Weinstocks oder die Gabe des Dionysos, das Gedicht, in der alten mythologischen Gleichnisrede als Frucht der Hochzeit von väterlichem Strahl und mütterlichem Dunkel, von Himmel und Erde.

Der rechtens Gerügte blickt verlegen unter sich, der öffentlich Beschämte errötet und schleicht davon, der verdientermaßen Gelobte und mit einem Preis Ausgezeichnete nimmt Lob und Preis lächelnd und dankbar entgegen; die Rede ist schöpferisch, das Wort ist Tat und schafft seelische und moralische Wirklichkeiten.

Wer als befugter Repräsentant der strafenden Justiz dem überführten Kriminellen eine nichts weniger als heitere Epoche seines Erdenwallens ankündigt, schafft mit seinem Urteilsspruch eine höchst einschneidende soziale Realität, wer über den Oberbefehl verfügt und den Krieg erklärt, hat womöglich eine das Leben großer Massen prägende historische Zäsur bewirkt.

Der moralisch Empörte und der moralisch Blinde wollen mit dem sophistischen Hinweis auf die Wandelbarkeit und die Positivität von Recht und Gesetz die Eindeutigkeit der als strafwürdig geltenden Tat vernebeln und den Unterschied des rechtlich Erlaubten vom kriminellen Akt verwischen.

Bilden moralische Empörung und moralische Stumpfheit nicht oft den Januskopf desselben fragwürdigen Charakters?

Hätten wir aufgrund sorgfältiger Beobachtung des Nahrungsverhaltens der Waldtiere gewisse Eigenschaften von Früchten, Beeren und Pilzen nicht eindeutig objektiviert, die einen als nahrhaft, die anderen als giftig in unserer Taxonomie der Flora rubriziert, wären Magenverstimmung, Übelkeit und Erbrechen noch die geringfügigsten Folgen.

Wer die Aggregatzustände des Wassers, Regenschauer und kristalline Flocken, Tau und Reif, Dunst und Nebelschwaden, die frostigen Chiffren am Fenster, tropfende Eiszapfen, aber auch die Wandelgestalt der Wolken, Cumulus, Cirrus, Stratus, als symbolische Zeichen der Seele liest und verwendet, schreibt Gedichte.

Wer im gespenstischen Nebel des Morgens das unverhoffte Blau des Tages durchblicken läßt, kann, ohne es ausdrücklich zu machen, einen allgemeingültigen seelischen Vorgang dichterisch benennen und durch Benennung beschwören.

Sich natürlicher Formen und Vorgänge als Gleichnis zu bedienen, sollte nicht als poetische Lizenz mißverstanden werden, vor der am Gegenstand zu bewährenden und zu bewahrheitenden Genauigkeit des Nennens in ein vages, unbestimmtes Stammeln und selbstgefälliges Assoziieren oder in das Suchen nach verstiegenen Vergleichen auszuweichen.

Die Gleichnisrede kann aus allen sensorischen Quellen schöpfen, Tasten, Fühlen, Schmecken, Riechen, Sehen und Hören, und mit dem dargereichten Trunk seelischer Dürre und geistiger Engstirnigkeit abhelfen; so kann das frische Wasser kühlen und erquicken, das morastige, brackige beklemmend dunsten, Tauwasser unter verschneiten Büschen ahnungsvoll sickern und glucksen, der Nebel sich zu einem lichtlosen Labyrinth verdicken oder von einem kaum noch gehofften Frühlingshauch zerstreut werden.

Wie man mittels Grautönen und Variationen von Schwarz-Weiß-Mischungen in Tuschzeichnungen alle möglichen seelischen Imponderabilien darstellen kann, so auch anhand der Aggregatzustände des Wassers und der Wolkenbildungen in dichterischer Sprache.

Der die konventionelle Gleichnisrede vom alle Stimmen und Konturen verschluckenden Nebel gebrauchende Dichter tut gut daran, nicht seinerseits in sprachlichem Nebel herumzutappen, sondern die Vergleichsgegenstände und gleichsinnigen Aspekte seiner sprachlichen Mittel sicher und bewußt auf subtile und genaue Art und Weise zu setzen und zu benennen.

Wenn der Nebel des Gedichts gleichsam wider alles Erwarten und auf geradezu magisch-wundersame sprachliche Weise gelichtet wird, sind wir dem Glück des gelungenen dichterischen Ausdrucks nahe, weicht er aber nur dem angestrengten Blasen und Fächeln eines hohen rhetorischen Aufwands, läßt uns die mühsam errungene Aussicht eher verlegen oder verdrossen zurück.

Das gute Gedicht vermag der dürstenden Seele den Trunk aus einem bisher verborgenen Quell zu reichen, aber auch dem hungernden Geist eine Münze in die Bettelschale zu werfen, und ihr heller Klang läßt umso mehr aufhorchen, wenn ihr das geheimnisvolle, edle Siegel einer fremden Königsherrschaft aufgeprägt ist.

Es ist ein Ausdruck von Stupidität, zu glauben, man könne die Bedeutung eines Gedichts als Wegmarke auf dem Lebensweg des Dichters verstehen. Wie dann Ilias oder die Siegeslieder verstehen, haben wir doch von Homer und Pindar nur Bruchstücke meist legendärer Biographien.

Hätte die als engherzig-pietistisch stigmatisierte Mutter Hölderlin, so die albernen Unterstellungen der zeitgeistig befangenen Deuter, sein väterliches Erbteil ausbezahlt, wäre er vor einem unsteten Nomadenleben bewahrt worden und ihm wie Mörike ein beschauliches Dasein in einer schwäbischen Pfarre beschieden gewesen. Aber dann hätte er, bürgerlich saturiert, nicht die großen Elegien und Hymnen wie die Friedensfeier oder Patmos geschrieben.

Wer die Dichtungen Hölderlins als Versatzstücke der Psychologie, Psychiatrie oder Soziologie mißbraucht, beraubt das Dichterwort seiner Eigenständigkeit, Ausdrucksmacht und inneren Würde.

Diotima ist nicht das über dem Brokatdeckchen der Biedermeieranrichte schwebende idealisierte Bild einer Dame der guten Gesellschaft, die sich Dienstboten leisten konnte und deren Hände nicht vom Wäschewringen rot aufgequollen waren, sondern die Chiffre für eine äußerste Empfindungsmöglichkeit und sublime Fühlweise der menschlichen Seele.

Es hätte auch, wie bei Baudelaire, eine schöne, verführerische Mulattin sein können. Und diese ist wiederum nicht das idealisierte Bild vorzivilisatorischer Triebmächte, die bedauerlicherweise dem französischen Kolonialismus zum Opfer gefallen sind, ebensowenig wie nur das exotisch geschminkte, Zigarre rauchende Gegenbild der enggeschnürten, gepuderten Pariser Salondame.

Man kann dichterisch alles durch die Blume sagen.

Die befruchtenden Quellwasser des Reims versickern in der deutschen Trümmer- und Bruchlandschaft nach dem Krieg, ihr letztes Rinnsal, an dem immerhin noch eine ansehnliche Flora und vielblättrige Blumensprache dichterischer Gleichnisrede sproß, finden wir bei Wilhelm Lehmann.

Dann kamen die Blaumänner, jene Ingenieure und Techniker der Rede, die den Musenkuß als regressive Form eines infantilen Eros verdächtigten und jede Bezugnahme auf außeralltägliche, gar göttliche Quellen der Inspiration als Eingeständnis eines von Archaismen überwucherten Geistes denunzierten, dem die Neonsonne der Sprachlabore noch nicht die unerläßliche Aufklärung über die Trostlosigkeit des Lebens und die Eitelkeit und Unbezüglichkeit aller dichterischen Symbolik und Gleichnisrede verabreicht hat.

Jetzt klöppeln wieder zarte weibliche Hände barock verschlungene oder rokokohaft durchbrochene lyrische Spitzen, mit denen sie bisweilen aber nur rätselhaft starrende Blicke gedanklicher Unschärfe und ein in begrifflichem Zwielicht frostig schimmerndes Inkarnat verhüllen.

 

Mai 25 21

Heimgekehrt

Wir gehen still am Ufer lang,
aus Laubgewölben, übersponnen
von Fäden ferner Sonnen,
tropft noch ein Geistersang.

Schon dampft es hoch im Tal,
schon hören wir die Glocken
zum Willkomm uns frohlocken,
der Schiefer rötet sich am Strahl.

Als wären wir noch heimgekehrt,
als könnt in den Keramikkrügen
der Oleander nicht betrügen,
hat trautes Bildnis uns betört.

Als wollten auf die Grabesstatt
wir stille Veilchen legen,
als brächte es uns Segen,
betauten wir das Efeublatt.

Doch weichen, gehen wir zurück,
auch wenn von jenen Bruchsteinmauern
die blauen Wicken nach uns schauern,
wir bangen um das scheue Glück.

 

Mai 24 21

Einsam in den Städten

Die Chöre, die in Auen sangen,
behaucht von Myrten-, Veilchenkränzen,
die Herzen, die wie Blumen schwangen,
die unter Tränen milder glänzen.

Propheten mit den Flammenzungen,
die dürren Gräser zu entzünden,
ihr Odem war von Gott durchsungen,
dem Azur, wo die Seelen münden.

Der Dichter, einsam in den Städten,
er steht am Fenster, um zu lauschen,
ob ihm die Nacht noch Vögel retten,
ob irgendwo noch Blätter rauschen.

 

Mai 23 21

Versunkenheiten

Sie kehren nicht zurück, die Lerchenstimmen,
die in den Rauch des Abendlichts gesunken,
und haben doch aus Himmels Sonnenteichen
die Kehlen violetten Schmelz getrunken.

Der Spiegel ist zerkratzt, Opal des Wassers,
gefleckt von Lilienschaumes Glimmen,
und gab er doch Gesang von Sommernächten,
auf weißem Blütenblatt des Monds zu schwimmen.

Der Anmut goldne Locken, sie ergrauen,
wie Augen, die im Tränenglanz verschwimmen,
sind Anemonen auf den Abendauen.
Sie kehren nicht zurück, die Lerchenstimmen.

 

Mai 22 21

Das scheue Täubchen

Wie es sacht sich niederduckt
unter Blätter, auf dem Zweige,
geht der Sommertag zur Neige.
Wieʼs im Traum noch gluckt.

Und es träumet ihm vom Gold,
das die Wolken abends tragen,
Flammenfracht von Sonnentagen,
die ins dunkle Wasser rollt.

Kleines Herz, es ist betäubt,
wenn der Zweig im Dunkel schaukelt,
Kobold Mond im Zwielicht gaukelt,
wie sich das Gefieder sträubt.

Hoher Strahl verscheucht die Nacht,
hört es gurren seine Schwestern,
die sich necken, die sich lästern,
banges Herz, es lacht.

Und es flattert ungescheut
auf die Mauer, äugt nach Kernen,
schwarzen Sonnenblumensternen,
die ein Freund ihm hingestreut.

Taubenfüße trippeln lind,
Schnabel pickt, was rasch gefunden,
Sonnenfrüchte wollen munden,
leichtes Herz, gib dich dem Wind.

 

Mai 22 21

Abendblaue Veilchen

Abendblaue Veilchen glänzen
taubehaucht, aus dunklen Schneisen
sprüht noch Blühen uns von Kränzen,
die auf weichem Wasser kreisen.

Golden ist der Wein der Küsse,
purpurn ist des Liedes Mund,
hat der Fruchtkelch zarte Risse,
bleibt die Süße auf dem Grund.

Wenn sich über Schattenmauern
unsrer Blicke Knospen ranken,
öffnet sie ein jähes Schauern,
wollen mildem Strahl sie danken.

Glüht der Mond uns an der Traube,
wandern wir mit Wolken schon,
gurrt der Tod uns wie die Taube,
flügeln wir um weißen Mohn.

 

Mai 21 21

Ich hab an dich gedacht

Ein Schauer unverhoffter Funken
war dir vom Laub der Sommernacht
ins warme Blut herabgesunken,
da habe ich an dich gedacht.

Und gingst du über Rebenhügel,
wie blaue Seide floß der Rhein,
umwehten dich Gesanges Flügel,
das mochte wohl mein Engel sein.

Als dich gequält der Dornen Zwicken
im Phrasendickicht, kraus und wüst,
hat deinen Gang mit blauen Blicken
mein stilles Veilchen bald versüßt.

Und mußtest du bei Schatten liegen,
die Sonnenblume war geknickt,
kam schnurrend sich an dich zu schmiegen
ein Kätzchen, das ich dir geschickt.

 

Mai 20 21

Glucksende Tropfenpsalmodie

Glucksende Tropfenpsalmodie,
wimpernwirrender Blumenschauer, Muschelspeier
sprühen odenstrophenlang und ebben sie,
stickt der Mond aus feuchten Funken Schleier.

Seufzende Regenpfützenelegie,
grüne Tränenmulden, schwankende Rohre
lispeln sich farbigen Schaum und stocken sie,
sickert Sommers Nachglanz in die Moore.

Schnalzende Hagelrhapsodie,
eisgebeizte Backen, glitzernde Dämonen-
zähne knirschen schief und schmelzen sie,
lächeln im Sonnenodem Anemonen.

 

Mai 19 21

Holder Knabe

Die Sonnenfäden, holder Knabe,
sie glänzten dir im wirren Haar,
du fühltest kaum, wie milde Labe
aus blauem Kelch geflossen war.

Du gabst dem Dunkel sie verloren,
den Purpurball, die feuchte Glut,
und siehst nicht, wie für dich erkoren
ein Schwan im Blumenodem ruht.

Wir hätten kniend uns gefunden
wie Hirten vor dem Sonnenkind,
im Lied das süße Weh empfunden,
das wie der Tau der Rose rinnt.

Nun zittert über deinem Grabe
der Efeu, schon ergraut von Staub,
von droben rauschet, holder Knabe,
sternloser Nächte schwarzes Laub.

 

Mai 18 21

Der Trost der Turteltaube

Wir wollen durch die Stoppeln gehen,
ist auch das Leben worden karg,
wir fühlen noch im sanften Wehen
den Geist, der sich ins Schweigen barg.

Wir wissen nicht, ob Morgenstrahlen
uns heben auf den First der Zeit,
ob abendlich uns Blüten fahlen
und Ströme rauschen Dunkelheit.

Wir hofften auf den Glanz der Traube,
die unter roten Blättern schwingt,
uns blieb der Trost der Turteltaube,
die einsam zwischen Schatten singt.

 

Mai 17 21

Das Dichterwort

Wir fühlen es am Nerv des Blatts
und schmecken mit ihm Tropfen,
verfolgen wir die Spur des Tiers,
wirft in die Lichtung dieses Worts
das Schweigen seinen Schatten.

Wie Honigwachs, so schmilzt es weich
auf deiner heißen Haut, der blinden,
doch findest du den feinen Docht,
kannst du es nachts entzünden.

Die Nacht des Laubs glänzt auf und schauert,
der Überwuchs am Marmorfries,
den harter Meißel seines Traums
dem Dunkel abgetrotzt.

Was auf dem grünen Wasser schwimmt,
ist wie das Dichterwort erglüht,
ist Knospe wohl, doch ungreifbar,
von fernem Stern behauchter Staub,
und sinkt herab im Wellenspiel
und steigt im Spiegel hell empor.

Der alte Mann kehrt aus dem Grün
und bürstet sich von dem Revers
den losen Schnee der Blumenpollen,
der schrickt er aus dem Schlafe auf
gespensterhaft ihm leuchtet.

 

Mai 17 21

Weiß nicht, wie mir geschah

Ob Seufzen füllte Blumenschalen,
ich weiß nicht, wo ich war,
ob hoch mich hoben Liebesstrahlen,
weiß nicht, wie mir geschah.

Ob Dornicht oder Flügel streifte,
ging ich den Traubenpfad,
weiß nicht, ob sie zum Glücke reifte,
entzückten Lichtes Saat.

Ob treue Schatten um mich rankten,
weiß nicht, wie lang ich schlief,
ob Mondes Blütenwasser schwankten,
weiß nicht, was nach mir rief.

 

Mai 16 21

Knirscht es im Gebälk der Nacht

Knirscht es im Gebälk der Nacht,
stieben auf Kometenfunken.
Auf den Spiegel kalter Pracht
ist der Lilien Schnee gesunken.

Welle sagt den Uferschilfen
weiches Nein und zages Ja.
Nachtigallen, sie verstummen,
singt ihr Lied Ophelia.

Wie die Erde Flocken stillen,
träumt der Schmerz vom kühlen Grab.
Taut der Reif im Rosenodem,
quillt ein Glanz vom Aronstab.

 

Mai 15 21

Gilbert Keith Chesterton, The Donkey

When fishes flew and forests walked
And figs grew upon thorn,
Some moment when the moon was blood
Then surely I was born.

With monstrous head and sickening cry
And ears like errant wings,
The devil’s walking parody
On all four-footed things.

The tattered outlaw of the earth,
Of ancient crooked will;
Starve, scourge, deride me: I am dumb,
I keep my secret still.

Fools! For I also had my hour;
One far fierce hour and sweet:
There was a shout about my ears,
And palms before my feet.

 

Der Esel

Als Fische flogen, Wälder walzten,
die Feige schwoll am Dorn
und droben troff des Mondes Wunde,
da warʼs, daß ich geborn.

Ein Monsterkopf, wehschreiend Vieh,
der Ohren Federlesen,
des Teufels Humpel-Parodie
auf viergehufte Wesen.

Aussatz der Erde, wüst und krumm,
uralter Wille, doch verbogen,
schröpf, peitsch, verhöhn mich: Ich bin stumm,
mein Herz bleibt dir entzogen.

Toren! Hold war ein Augenblick
auch mir, der wilde, süße:
Den Ohren ward Gesang zum Glück,
Palmgrün trug meine Füße.

 

Mai 14 21

Das sanfte Laub

Hat das Wetter sich verzogen,
perlt von Strünken Glanz,
zitternd aus dem Grund gebogen,
Tulpe, sie ist ganz.

Daß sie Tod vorm Chaos schütze,
teerten sie die Bahn,
und durch eine dunkle Ritze
bricht der Löwenzahn.

Schwarze Höhlen ließ das Feuer,
Augen ausgeglüht,
und du staunst vor dem Gemäuer,
wo Clematis blüht.

Ist der Liebe Ring zerbrochen,
und ihr Herz ward Staub,
bist du wie ein Tier gekrochen
in das sanfte Laub.

 

Mai 14 21

Nun ist das Herz so kühl

Nun ist das Herz so kühl,
und flammen Wolken droben,
ins Abendrot verwoben,
sanft ist das Herbstgefühl.

Die Welt wird uns zum Bild,
wenn wir am Fenster sinnen
und süße Düfte rinnen
ins Blut, das leiser quillt.

Als hätten wir gehört
den Nachtgesang der Flüsse,
umhauchen uns die Küsse,
die Sommer uns verwehrt.

Hat Rauschen sie entrückt,
auf Wassern rosa Blüten,
wie Lippen, die verglühten
im Abschied, der uns glückt.

 

Mai 13 21

Andrew Marvell, The Mower to the Glow-Worms

Ye living lamps, by whose dear light
The nightingale does sit so late,
And studying all the summer night,
Her matchless songs does meditate;

Ye country comets, that portend
No war nor prince’s funeral,
Shining unto no higher end
Than to presage the grass’s fall;

Ye glow-worms, whose officious flame
To wand’ring mowers shows the way,
That in the night have lost their aim,
And after foolish fires do stray;

Your courteous lights in vain you waste,
Since Juliana here is come,
For she my mind hath so displac’d
That I shall never find my home.

 

Der Mäher an die Leuchtkäfer

Ihr Lebenslichter, seid lieblich ihr entfacht,
mag Nachtigall noch lange weilen,
sinnend durch die Sommernacht
an ihrem Wunder-Sange feilen.

Ihr ländlichen Kometen, ihr kündet
nicht von Krieg, vom Tod des Fürsten nicht,
ihr seid als Grablicht nur entzündet
dem Gras, wenn es die Sense bricht.

Ihr Leuchtkäfer, euer Lichter-Chor
weist spätem Mäher seine Scheuer,
der in der Nacht sein Ziel verlor,
genarrt von Sumpfes Fäulnisfeuer.

Umsonst habt freundlich ihr gefunkelt,
denn Juliane ging des Wegs daher,
so hat sie meinen Geist verdunkelt,
ich finde nie nach Hause mehr.

 

Mai 12 21

Der Sprung in der Glocke

Weltenglocke ist gesprungen,
stopf dir nur die Ohren zu,
magst dich in den Kissen wälzen,
Mißton läßt dir keine Ruh.

Im Gewölbe dumpfer Träume
geht das Scheppern hin und her,
dulden mußt du, schwacher Dulder,
frage nicht, warum, woher.

Keine Sehnsucht kann uns retten
in der Kindheit grünen Hag,
als uns sanften Klanges netzte
Himmels blauer Wellenschlag.

Heimlich öffnet sich ein Fenster,
haucht uns Sommernacht einmal,
und aus ferner Heimat Gärten
lindert süßer Sang die Qual.

 

Mai 11 21

Glückliche Wendung

Tausend Samen
wehen hin im Wind.
Tausend Namen,
die vergessen sind.

Kommt die glückliche Wendung,
ein weiches Gurren der Taube
im jäh sich wiegenden Laube,
fühlt das Dasein Vollendung.

Flocken decken
Zeichen grauen Steins.
Schatten flecken
Stirnen hohen Seins.

Sendet Süden die Schauer,
darf Hortensie sprühen,
wildes Weinlaub erglühen,
hüllet Charis die Mauer.

 

Mai 10 21

Sechs Augenknöpfe und drei Stummelschwänzchen

Drei gescheckte Hündchen waren drollig,
ihre kleinen Augenknöpfe blinkten,
ihre Stummelkringelschwänzchen winkten,
griente auch ihr Herrchen finster-prollig.

Wir stehen vor der Post in langer Schlange,
bricht los im Hinterhof ein wüstes Kläffen,
ein Hündchen-Trio, drei, die gern sich äffen,
flitzt hin in schön geflecktem Überschwange.

Die Schlange rückt, wo sie nur immer bleiben.
Ein Pfiff, ein Wirbel waren sie zur Stelle.
Sechs blanke Augenknöpfe blitzen helle,
drei Schwänzchen, die drei Fragezeichen schreiben.

Er ist jetzt dran. Pfeift durch die Zähne, zischt ein:
„Ihr wartet hier!“ Die kleinen Racker weichen,
drei Schwänzchen starren, jähe Ausrufzeichen,
sechs kleine Knöpfe äugen schlußpunktklein.

Wie drollig trippeln ist auf allen Vieren,
synchrones Wedeln scheint ʼne feine Sache,
nur kuschen Pfiff auf Pfiff – daß ich nicht lache.
Und doch: Einmal in buntem Fell sich inkarnieren!

 

Mai 9 21

Feuer rinnt hinab

Sie singen leise vor sich hin,
um sich wieder gut zu werden.
Wer leiht ihnen Wort und Sinn,
wer die innigen Gebärden?

Die wie dünne Seide reißen,
feuchte Firnen auf den Matten.
Krokus, an dem Tropfen gleißen,
lüftet Morgenwind die Schatten.

Flocken auf des Dunkels Farnen,
weiches Schmelzen, zages Tändeln.
Zwitschern, Glanz von Zwillingsgarnen,
die leicht umeinander bändeln.

Feuer rinnt hinab zu Tale,
Seelen, auserkoren, fangen
es in blauer Knospe Schale,
gießenʼs aus den Scheuen, Bangen.

 

Mai 8 21

Die Taube äugt

Die Taube äugt im Morgengrauen
vom Dach nach Krümeln, kleinen Bissen.
Dann fliegt sie, mochte sich getrauen,
auf den Asphalt, sie aufzupicken.

Wer hat sie ihr wohl hingestreut?

Der Morgenstrahl verlockt den Dichter,
im Hang dem Ginster abzuschauen,
obʼs Blumenlippen sagen lichter,
dem Flieder, ob noch Verse blauen.

Wer hat die Liebe ihm erneut?

 

Mai 7 21

Durchs Knospendunkel

Durchs Knospendunkel wühlt der Strahl,
streift tastend tausend Perlen, feuchte,
von Wimpern um den blauen Gral,
daß wieder er von Wundern leuchte.

Ins Laub bläst Gold der Abendwind,
wo träumen hinter Schattengittern
die Sänger, die verzaubert sind
von Pan, und trunkne Flügel zittern.

Ins Fenster weht die Sommernacht
der alten Frau den Duft der Gärten,
sie sieht im Spiegel, scheu erwacht,
die Aura lang verblühter Zärten.

 

Mai 6 21

Die Träume kriechen unters Bett

Der Mond löscht seinen schwachen Span,
als hätte er die Erde satt.
Was hat der Teich ihm angetan,
der selbstlos ihn gespiegelt hat?

Der Wind schlüpft in ein Abflußrohr,
als wäre er des Schweifens müd.
Das Laub erstarrt. Warʼs nicht zuvor,
daß er sich fühle, aufgesprüht?

Der Blumenduft mischt sich mit Aas-
geruch, er ist das Locken leid.
Der Falter sinkt ins dürre Gras
und war zum Liebesmahl bereit.

Die Träume kriechen unters Bett
des Dichters, der nicht schlafen kann.
Die Leere macht der Glanz nicht wett,
der mit der kalten Träne rann.

 

Mai 5 21

John Donne, The Funeral

Whoever comes to shroud me, do not harm
Nor question much
That subtle wreath of hair, which crowns my arm;
The mystery, the sign, you must not touch,
For ’tis my outward soul,
Viceroy to that, which then to heaven being gone,
Will leave this to control
And keep these limbs, her provinces, from dissolution.

For if the sinewy thread my brain lets fall
Through every part
Can tie those parts, and make me one of all,
Those hairs which upward grew, and strength and art
Have from a better brain,
Can better do’it; except she meant that I
By this should know my pain,
As prisoners then are manacled, when they’are condemn’d to die.

Whate’er she meant by’it, bury it with me,
For since I am
Love’s martyr, it might breed idolatry,
If into other hands these relics came;
As ’twas humility
To afford to it all that a soul can do,
So, ’tis some bravery,
That since you would have none of me, I bury some of you.

 

Das Begräbnis

Wer immer einst das weiße Linnen um mich bindet,
tuʼs fraglos und nicht schnüre
den feinen Kranz auf, Haar, das meinen Arm umwindet,
geheimes Zeichen nicht berühre.
Ich wese noch in diesem Kranz,
dem Vizekönig mir, der zum Himmel schon gekehrt
ihm anheimgibt ganz
die Glieder, daß wie eignes Land sie bleiben unversehrt.

Wie Nervenstränge, die das Hirn
mir flicht durch alle Teile hin,
sie binden und mich halten wach wie fester Zwirn,
so können diese Haare, die freien Wuchses Kraft und Sinn
von einem bessern Hirn empfingen,
es besser leisten; oder sie war so gesinnt:
Schmerzen sollen mich erst recht bezwingen,
Gefangnen gleich in Fesseln, die zum Tod verurteilt sind.

Wie sieʼs auch meinte, Erde soll sie mit mir decken,
denn da ich ende
als Märtyrer der Liebe, könnten Götzenkult sie wecken,
gerieten die Reliquien in fremde Hände.
Wennʼs denn Ergebung war,
daß ich so alle Kraft der Seele gab,
wird eine kleine Kühnheit offenbar:
Nichts hast du von mir, ich nehm einen Teil von dir mit ins Grab.

 

Mai 4 21

Laßt uns die Abendstrahlen ehren

Laßt uns die Abendstrahlen ehren,
ins Wasser rieselt mattes Gold,
die Sommersonne war uns hold,
wie sollten wir den Schatten wehren.

Noch rinnt Gelispel Laubes Schwanken,
und schäumte Sang von Strömen groß,
bald sind wir grünen Wogens los,
wenn um das Kreuz sich Seelen ranken.

Laßt uns mit Dankestränen scheiden,
ins Wasser sinkt der volle Mond,
uns hat der Blumen Duft belohnt,
wie sollten wir die welken meiden.

Noch geht des Waldes Herzschlag leise,
und klopfte er der Sonne wild,
bald liegen wir von Tau gestillt,
sacht schließt sich goldnen Lichtes Schneise.

 

Mai 3 21

Was soll ich, Liebe, dir denn schenken

Was soll ich, Liebe, dir denn schenken,
ein sonnenwarmes Blatt der Linde
mag sich auf deine Stirne senken,
tropft Schlummer mit dem Harz der Rinde.

Es bleibt das Wünschen leer wie Bilder,
wo üppig Knospen duftlos blenden,
der Gabe Glanz sei matter, milder,
ein Schnee, der taut auf warmen Händen.

Was können wir uns Schöners geben
als Zweige auseinanderbreiten,
die Lichtung weisen süßem Leben,
zum Saum des Morgens es geleiten.

Wie Rosen über Zäune ranken,
ist liebenswürdig alles Gönnen,
mit hundertblättrigen Gedanken
magst selber dich beschenken können.

 

Mai 2 21

Wir warten, Herr, auf deinen Tag

Der Hort der Heimat liegt im Nebel,
die Seele beißt auf ihren Knebel.

Wir warten, Herr, auf deinen Tag,
auf deiner Taube Flügelschlag.

Vor bunten Kacheln baumeln Lämmer,
die Seele plätten heiße Hämmer.

Wir hoffen, Herr, auf deinen Blitz,
verblüffend selbst Titanenwitz.

Des Hoheliedes Lilien dorrten,
die Seele würgt an faulen Worten.

Wir harren, Herr, auf deinen Zorn,
fegt er die Spreu und liest das Korn.

Hier findet Grazie kein Wohnen,
die Seele mimen längst Dämonen.

Wir warten, Herr, auf deinen Tag,
auf deiner Taube Flügelschlag.

 

Mai 1 21

Was unsern Atem braucht

Ihr Weiheglocken, blauen Dämmers Mahnen,
wie Engel seid ihr uns verschollen,
versunken wie der Geist der Ahnen,
der einst im Maar emporgequollen.

Doch geht ein Angelus in Versen, reinen,
wenn helle Tropfen, weiche Reime,
die wie an Veilchenwangen niederweinen,
an Pulse rühren uns, geheime.

Ihr Ginsterfeuer in den Eifeltälern,
hat fahles Nachtmahr euch verschlungen,
welch Kummer könnte Lippen schmälern,
die grauem Schiefer Glut gesungen?

Doch manchmal weht aus alten Weisen,
als weckte Aschen auf ein Hauchen,
Gefunkel, Herzen, heiß zu preisen,
die um zu glühen unsern Atem brauchen.

 

Apr 30 21

Nur wer schweigt, vernimmt

Was sich aus stummer Erde speist,
des Blattwerks grüne Dauer,
hat sternenlose Nacht verwaist,
wie dunkeln Laubes Schauer.

Das grüne Leben wuchert hohl,
Traumadern, unerglühte,
bis es sich neigt vor dem Idol,
erzitternd weiße Blüte.

Das Leben, das sich selber schlingt,
im Kreis gebogne Schlange,
ist gnadenlosem Licht verdingt,
und vor sich selber bange.

Was sich dem Hauch der Rose neigt,
es stillt die Abendröte,
was sich verloren ist und schweigt,
vernimmt die Zauberflöte.

 

Apr 30 21

Weiße Knospe kreist allein

Weiße Knospe kreist allein
auf der Asphaltlache,
eingesprengt ein Glorienschein
in der grauen Sprache.

Lilienblasses Angesicht
auf gestärktem Linnen,
einer Träne kleines Licht
will ins Jenseits rinnen.

Dunklem Wasser hingestreut
Schnipsel weher Briefe,
daß die Schrift sich noch erneut
aus des Urleids Tiefe.

Kranker Puppe zugetan
schaukelt Kind die Wiege,
summt herbei sich Flaum vom Schwan,
daß sie weicher liege.

 

Apr 29 21

Robert Burns, My heart’s in the Highlands

My heart’s in the Highlands, my heart is not here,
My heart’s in the Highlands, a-chasing the deer;
Chasing the wild-deer, and following the roe,
My heart’s in the Highlands, wherever I go.

Farewell to the Highlands, farewell to the North,
The birth-place of Valour, the country of Worth;
Wherever I wander, wherever I rove,
The hills of the Highlands forever I’ll love.

Farewell to the mountains, high-cover’d with snow,
Farewell to the straths and green valleys below;
Farewell to the forests and wild-hanging woods,
Farewell to the torrents and loud-pouring floods.

My heart’s in the Highlands my heart is not here,
My heart’s in the Highlands, a-chasing the deer;
Chasing the wild-deer, and following the roe,
My heart’s in the Highlands, wherev’r I go.

 

Mein Herz ist in den Highlands

Mein Herz ist in den Highlands, mein Herz, es ist nicht hier,
mein Herz ist in den Highlands, es jagt das wilde Tier,
es jagt das wilde Tier, es folgt dem scheuen Reh,
mein Herz ist in den Highlands, wo immer ich auch geh.

Lebt wohl, ihr meine Highlands, mein Nordland, lebe wohl,
du Hort des Heldenmuts, des hohen Sinns Idol.
Wo ich auch wandern mag, wohin ich auch vertrieben,
die Hügel meiner Highlands, sie will ich immer lieben.

Lebt wohl, ihr Bergesgipfel, beglänzt von hohem Schnee,
ihr Täler, grüne Mulden, ich rufe euch ade,
lebt wohl, ihr Wälder und ihr schroffen Waldeshänge,
lebt wohl, ihr wilden Wasser und Wassers wilde Sänge.

Mein Herz ist in den Highlands, mein Herz, es ist nicht hier,
mein Herz ist in den Highlands, es jagt das wilde Tier,
es jagt das wilde Tier, es folgt dem scheuen Reh,
mein Herz ist in den Highlands, wo immer ich auch geh.

 

Vertonung Arvo Pärt:
https://www.youtube.com/watch?v=6UadEvSJMrQ

 



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