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Jan 3 22

Der Oger singt

Wie sich dem Aug, dem einzigen, vermischen
das Blau des Himmels und das Grün der See,
wenn aus dem Bart des Nereus Gischte zischen,
verblaßt Apollos Gold auf Lunas Schnee.

Aus zartem Schilf schnitt er die Hirtenflöte,
des Ogers Blick wird feucht an fernem Traum,
die Töne schmelzen in der Abendröte,
und was sie sagen, weiß er selber kaum.

Nun steigen Seufzer aus dem kruden Munde,
der außer Käse gerne Blutwurst schlingt,
nun dämmert auch Kyklopen jene Stunde,
da höher sich Gesanges Flügel schwingt.

„Wo bist du, Galatea, milchbeträufte,
schwimmst mit Delphinen du zum Inselreich,
wo dir ein Akis Rosenblüten häufte,
daß deine mondnen Knie ihr Duft erweich?

Tauch nur im blauen Golf nach Blutkorallen,
du findest röter keine als den Mund,
der meinen schmäht, hörst du ihn trunken lallen
von deiner Lenden kußumrauschten Sund.

Und weiß ich auch, unmöglich kannst du breiten
der Locken Vlies auf zottelkrause Brust,
und kann ich kiemenlos nicht zu dir gleiten,
es überstrahlt dein Bild verwehrte Lust.

Mag Menschenfleisch ich künftig meiden,
von Käse nur mich nähren und von Kraut,
du bist zu fein, in Lammfell dich zu kleiden,
zu schälen Zwiebeln, eines Hirten Braut.

Ich weiß, mein Singsang, meine Flötentöne
umwogen nicht melodisch wie das Lied
des Orpheus deine lilienblasse Schöne,
doch seh ich Eurydike, wie sie schied.“

Was macht er jetzt, der liebeskranke Heros?
Er wirft die Flöte in den Wogenschwall
und stürzt ihr nach, besiegt vom dunklen Eros,
doch Galatea dreht den Purpurball.

 

Jan 2 22

Invocationes daemonis

O Eule, rolle die Pupille,
wenn stumm dich die Dryade trägt,
daß uns ein Blitz den Abgrund fülle
wie Mäusen, die dein Schnabel schlägt.

*

Aus Wüsten, Geisterschlangen, gleitet,
daß lieblich uns die Klapper tönt,
als hätte unser Herz geweitet
Musik, die mit dem Tod versöhnt.

*

O schwirre, surre, Satansmücke,
dein Stich ist scharf, dein Gift ist süß,
es löst den Geist in tausend Stücke,
es gaukelt uns das Paradies.

*

Auf deiner Hexe Buckel fauche,
fauch, Katze, uns zum Abschied wild,
hat Traumsud sie nach dunklem Brauche
uns in den Becher eingefüllt.

*

Nun füttern wir im Hof Hyänen,
sie kamen, als der Staat verging,
und flog der Vates einst mit Schwänen,
mit jenen heult ein Dichterling.

*

Ihr roten Seraphim, mit Flügeln
verhüllt Geschlecht und Angesicht,
entblößt die Rolle von den Siegeln,
die Schrift verraucht im fahlen Licht.

 

Jan 1 22

Schwache Funken

Das Wort ist Rauch geworden
und ist über uns entschwebt.

*

Der Alte sprach von fernem Ungemach,
wir sahen Kinder auf den Ochsenkarren
und Mütter, deren Stiefel knirschten
auf grauem Eis der zugefrorenen See.
Die Kringel, die er aus der Pfeife paffte,
sie schwirrten auf wie Möwenflügel,
die stäubend sich im Schneelicht aufgelöst.

*

Die grünen Scheite stöhnten in der Glut,
wir hörten feuchte Hölzer pfeifen,
es summte heiser ihre Patina,
die weiße Flamme von der Rinde fraß.
Wir warfen, Kinder aus dem Eifeldorf,
noch dürre Reiser in das Erntefeuer
und faule Blätter, daß uns biß der Qualm.
Wir konnten kaum sie übertönen,
die heiße Hymne, die ins Dämmern stieg,
mit unserm lerchenhellen Fahrtenlied.

*

Noch immer tappen wir wie greise Knaben
und suchen flehend, wenn der Abend sinkt,
den Stern, daß wir im Finstern Wege haben,
den Quell, aus dem sich Trübsal Hoffnung trinkt.

Doch keiner Quelle Singen macht uns trunken,
kein Stern ist, der an Wunders Schwelle führt.
Uns bleiben nur Irrlichter, schwache Funken,
die kalter Odem aus der Asche rührt.

 

Dez 31 21

Meditationes vespertinae

… sed carmina tantum
nostra valent, Lycida, tela inter Martia, quantum
Chaonias dicunt aquila veniente columbas.

Vergil, Bucolica IX, 11–13

 

Blaß war das Blau des entfliehenden Tags,
rötet sich auch die flüchtige Wolke,
an den härenen Rändern gesträhnt
vom silbernen Kamm des launischen Winds.

Tief sirren die Schatten der Schwalben,
die Knospe hat sich geschlossen,
Lid für Lid um den Schmerz,
der umsonst sich Pollen erfleht hat
fernen Geblüts an sehendem Fühler,
der nahe die Narbe betastet,
ungestillt schwankt sie ins Dunkel,
aber betäubend strömen sich aus
Violen der Nacht.

Steh nur still an der moosigen Schwelle,
auf die ein wächserner Mond
Glanz der Vergeblichkeit hinstreut.

Oder wache am dämmernden Fenster,
ob niederwehen noch Funken
auf die dürftigen Halme der Demut,
o Flamme, die statt ihr zu singen
zischend der Liebe die Wimpern versengt hat.

Was du erhofft dir, was du befürchtet,
tropft, ein unschuldig Wasser,
von Lorbeers bitteren Blättern,
zittert, ein fauliger Nachglanz
seelenzerschäumenden Weins,
an blauen Krugs gesprungenem Mund,
bevor er wie glimmende Tränen verrinnt
und im Trüben sich auflöst.

Ein laulichter Wind kommt auf
mit fernerer Botschaft von Süden,
und du gedenkst Dodonas heiliger Eichen,
wie sie flüsternd geredet
an Ioniens Ufern einem sinnigen Mann
vom Licht seines künftigen Tags,
Flattern hörst du von Tauben,
ein Flügeln des sapphischen Melos,
das Chaoniens Sehern
heitere Flocken geschneit hat.

Du aber schließest das Fenster
und gewahrst, bevor du dich wendest
zum blütenlosen Karste des Schlafs,
was wie Schaum chimärisch noch haftet
auf der schimmernden Iris der Scheibe,
das Bild deines nichtigen Daseins,
von dämonischem Odem gehaucht,
Ungestalt einer Seele,
die immer vergebens noch hofft
auf das Antlitz der Sonne des Guten,
daß selig sie schmelze dahin.

 

Dez 30 21

Dem Andenken an einen jungen Dichter

Von deinem leisen Sang ist uns geblieben
ein Funkeln wie von Grases Tau.
Sein Wohlklang, den verhärmte Herzen lieben,
war Wehmut nach dem Mund der Frau.

Wir haben deiner Anmut Schmerz gesehen,
der sich wie Weiden erdwärts bog.
Wir konnten blind im Duft der Verse gehen,
der sacht uns in ihr Dämmern sog.

Noch schenkt der Traum ein Rauschen uns von Quellen,
worin sich deine Angst verlor,
daß Knospen süß und bittre Kräuter schwellen
ins Licht, das dich zum Hort erkor.

Uns löst ein weicher Hauch vom Mund die Klage,
der aus dem Moos des Grabes dringt.
Ein Täubchen schwebt ins Veilchenblau der Tage,
wo deine Verse Liebe singt.

 

Dez 29 21

Peripetien

Als Sommers Amseln sangen,
da littest du noch sehr.
Im Schneelicht holder Wangen
schien alles ephemer.

Am Schimmer früher Ranken
hat sich dein Durst gestillt.
Als späte Rosen sanken,
ward trüb der Seele Bild.

Dir wogten weiche Locken
auf dichterischer Stirn.
Es taumelten die Flocken
auf matten Fühlens Firn.

Von süßem Strahl erkoren
war dir der Vers erblüht.
Auf ödem Karst verloren
hast du die Glut versprüht.

Als Morgenquellen riefen,
drang schon dein Lied zum Meer.
Als Nachtigallen schliefen,
war Herz und Brunnen leer.

 

Dez 28 21

Ein Duft aus Gärten ferner Tage

Mag aus des Dämmers sanftem Laube,
wenn schon der Seele Bild zerfließt,
das Flattern tönen einer Taube,
des Lichtes Flügel, der sich schließt.

Ein Duft aus Gärten ferner Tage,
wo sich im Teich der Mond gekühlt,
mag lösen dir vom Mund die Klage,
die noch in alter Wunde wühlt.

Wo durch die Schattenschilfe Wasser
ins Dunkel hindrängt eines Sees,
mag scheinen dir die Knospe blasser,
die früh erblüht im Samt des Schnees.

Noch einmal strömt ins Gras ein Strahlen,
als tauten Sterne feuchten Glanz,
das Blattwerk seufzt von süßen Qualen,
als flechte sich des Liedes Kranz.

 

Dez 27 21

Die Lektion der Wichtel

Dem Andenken an die Gebrüder Grimm

Hörst du es manchmal husten
in deinem Kleiderschrank?
Wer mag so höhnisch prusten,
sagst du dem Spiegel Dank?

Daß es kein Wunsch verfehle,
ist zipflig es bemützt,
das Urbild deiner Seele,
ein Wichtelein verschmitzt.

Was kitzelt dich im Schlummer
und reißt dich aus dem Traum?
Es ist ein Wicht, ein krummer,
mit seines Bartes Flaum.

Sie hausen in den Höhlen
der Mutter Erde tief,
sie kratzen von den Seelen
die Patina, den Mief.

Küßt du ein Mädchen bange,
und rollt ihr Auge wild,
kneift er dich mit der Zange,
daß dir die Hose schwillt.

Sie glühen mit den Echsen,
sie kühlen sich im Schnee,
sie schäkern mit den Hexen
und fühlen mit dem Reh.

Willst feierlich du schreiben
ʼnen Vers wie Hölderlin,
wird kichernd dir vertreiben
ein Wicht den eitlen Spleen.

Sie sind Protuberanzen
der Seele, die vergaß,
daß selbst die Götter tanzen
nach orphisch-trunknem Maß.

Und gehst du mit der Einen
verträumt ins Abendlicht,
siehst du auf schiefen Beinen
im Wiesengrund den Wicht.

Sie sind die Maskeraden,
dämonisch uns vermählt,
das Rätsel der Scharaden,
das unsre Seele quält.

 

Dez 26 21

Weißer Reiher auf dem Dach

Der Dunst hat sich verdichtet,
und Wohnung nahm die Seele
in sublimem Rauch.

Urlichts grauer Schaum,
erstarrter Anmut Trance,
steht ein Schemen stumm
auf dem First des Dachs.

Auf Vollendung sann Natur
in Flaum gewordenem Schnee,
der im Lichte stäubt,
strahlenfiedrig aufgebauscht,
und im Dunkel blaut –
in Bein gewordenem Hochmut,
Schilfes Zwillingsbild –
mondsteinhartem Schnabel,
zu ritzen Wassers grüne Haut –
in lebenswilden Augen, eingefaßt
von Todes Onyx-Ringen.

Steht und steht und
schwankt im Traum,
Sturmes Schreigefährte,
gezeugt vom Dämon Luft,
epischer Heroe,
den sich ein Dichter schrieb
größer als Homer,
ein Täter harten Glanzes,
den kühn der Dichter schloß
ins Gitter schmaler Chiffren
aus Dunst und Rauch.

Drei Flügelschläge später
und er ist entrückt,
in hohen Daseins
Dämmerungen gleitend,
undurchdringlich
wie der Abgrund unsrer Brust.

 

Dez 25 21

Ars poetica parva

Ist sie staubig auch und haust verkannt,
sieh, der Distel blauen Sommerblicke.
Hat der Rose Duft sie nicht, der bannt,
summend fliegt die Hummel doch zur Wicke.

Pflückt sie niemand im Oktoberlicht,
Äpfel glühen aus dem Schattenlaube.
Haben sie der Beere Schimmer nicht,
gurrend pickt die Körner auf die Taube.

Fließt ein Rinnsal er im schmalen Bett,
feuchtet weicher Vers doch Veilchenaugen.
Schaum der Katarakte macht ihm wett,
daß an seinen Lilien Bienen saugen.

Kann er auch nicht wie sein Bruder Rhein
brausen und das Salz der Ferne schmecken,
wächst an seinem Ufer süßer Wein,
mag sein Plätschern zarte Wünsche wecken.

 

Dez 24 21

Fremd vor der Krippe

Ich stand nicht in der Schar der Hirten,
als sie im Kind das Lamm erkannt,
schon gar nicht, die’s zum König kürten,
bei Weisen aus dem Morgenland.

Ich saß ein Sperling auf dem Dache,
mit meinen Schwestern grau und zart.
Ich fiepte, daß der Heiland lache,
und spottete nach Spatzenart.

Ich war die Rose nicht, die schöne,
die in der Nacht heraufgeglüht,
daß sich ans Gnadenwerk gewöhne
die Einfalt und vor Wundern kniet.

Ich war der Ampfer, Staubs Gespiele,
dem ward am Krippenrand so bang,
er sah, wie seiner Brüder viele
der Ochs gerupft, der Esel schlang.

Ich war nicht in der Nacht der Nächte
ein Jubellaut im Engelchor,
war nicht, daß mein ein Dichter dächte,
der Taube Gurren überm Tor.

Ich war nur, als der Ochse scharrte,
ein Gras, das seufzte, schmal, grazil,
ein Staubkorn, das zu fallen harrte
und aus Mariens Mantel fiel.

 

Dez 23 21

Erzähl mir, Freund

Erzähl mir, Freund, von Höltys Hainen,
wo Odem süßer noch umhüllt,
wo um die Liebe Quellen weinen
und Vogelsang die Wehmut stillt.

Ich muß auf karger Erde liegen,
wo staubt der Halm, sich an die Brust
nicht mag der Sanftmut Wange schmiegen,
wo gurrt das Dunkel von Verlust.

Sing, Rinnsal, mir von Klopstocks Gründen,
wo schäumend noch die Hoffnung quillt,
wo Liebende den Trank sich finden,
der Glanz in ihre Augen füllt.

Ich muß auf trocknem Karste harren,
wo welkt das Gras und aus der Nacht
der Sehnsucht leere Augen starren,
wo kaltes Krächzen meiner lacht.

Erzähl mir, Freund, von Trakls Tränen,
die glänzten in der Schwester Haar,
als könnte uns der Schmerz versöhnen,
der sich als Rose neu gebar.

So will ich denn empor mich richten
am Kreuzstab, einem Pilger gleich,
und wandern, sie mir nah zu dichten,
die Rose, fern im Himmelreich.

 

Dez 22 21

Knospe unterm Mond

Bleich entschlummert unbesungen
eine Knospe unterm Mond,
und bei Herzen, die zersprungen,
hat wohl Orpheus nicht gewohnt.

Mögen Blütenblätter treiben
auf des Wassers grüner Nacht,
Asphodelenschatten bleiben,
ist der Schmerz des Tags erwacht.

Weich verworren sind der Rose
zarte Wimpern unterm Tau,
und die Herzen, schlummerlose,
starren, vom Erinnern grau.

Tropfen hören wir erst tönen,
sprühen sie dem kahlen Stein,
die uns mit der Nacht versöhnen,
Verse funkeln, alter Wein.

 

Dez 21 21

Komische Metamorphose

Herrchen ist sich einig mit dem Hündchen,
sich den Napf zu teilen, und sie schlecken
einen Fraß selbander, ein devoter Hintern
wedelt neben einem kecken Schwänzchen.

Herrchen will auch an der Leine gehen,
ist der Menschen Ziele überdrüssig,
will in Gras und Müll und Pappendeckeln
freudig schnüffeln nach dem ersten Besten.

Doch wer soll ihn an die Leine nehmen,
ihm den roten Ball ins Grüne werfen,
und er schnappt ihn sich und trägt ihn jauchzend
wem zurück, daß weiche Hand ihn kraule?

Ach, ein Frauchen muß es sein, ein feines,
parfümiertes, elegantes, und sie legen,
Herrchen und das Hündchen, ihr die Köpfe
auf die Knie, links und rechts, je einen.

Wie sie ihre Augen rollen, er die wässrig-
blauen, es die braunen, listigen,
und sie glotzen so romantisch aufwärts,
bis sie hechelnd triefen, ihre Zungen.

Und er muß nicht reden, er darf bellen,
bellen, knurren, murren, fletschen, winseln,
und er muß nicht schuften, er darf spielen,
spielen, tollen, rollen, Männchen machen.

Und er muß nicht dichten für die Nachwelt,
daß ein Philolog sein Rosenblättchen glätte,
er darf Knochen, nicht geheimen Sinn, verstecken,
darf sich betten statt auf Lorbeer auf ihr Füßchen.

Heute blaut die Luft so melancholisch,
denkt er, bin ich Mensch halb, halb schon Hund,
fühl ich nicht ein Fell mir wollig sprießen,
und das Hündchen schaut verschmitzt ihn an.

Frauchen kommt nicht heim zur Nacht, die beiden,
Hündchen und der neue Hund, ein Pudel,
sitzen vor dem schwarzen Fenster, gaffen
auf zum Mond, der gähnt, und jaulen, jaulen.

 

Dez 20 21

Licht im Tod

Du bist nicht mehr, weilst nicht bei Schatten,
wie sie Sibylle wies Vergil,
die ihren Blick betaut, den todesmatten,
wenn Opferblut zur Erde fiel.

Und dennoch hör ich manchmal deine Schritte
im herbstlich hingewelkten Laub,
ist mir, als ob dein Singen Schneisen schnitte
durch winterlichen weißen Staub.

Und atmet auf die Rose aus der Tiefe,
wo längst dir ward das Herz zernagt,
ist mir, als ob dein warmes Herz nur schliefe,
ein Duft, daß Liebe aufwacht, sagt.

Erhellt mein Leben noch des Schwans Gefieder,
dem Abschied seufzt ein Abendrot,
schwebt deine Anmut mir ins Dunkel wieder,
im Leben Schatten, Licht im Tod.

 

Dez 19 21

Blume, Liebe, Geist und Licht

Fadenscheinig ward das Kleid der Namen,
Blume, Liebe, Geist und Licht.
Glänzen auf in Gottes Dunkel Samen,
wenden wir das Angesicht.

Knospen, aufgetan dem Hauch der Frühe,
Sapphos Rosen sanken fahl.
Wo ein Traubenwort uns purpurn glühe,
Hügel Theokrits liegt kahl.

Mag noch Hero zu Leander schwimmen,
wenn ihr Licht die Nacht durchdringt,
schluckt die See ihn, Kerzen, sie verglimmen,
ist sie’s noch, die nach ihm springt?

Flüstert seiner Baucis ein Philemon
nach dem Tod noch wunderbar,
hat verwandelt sie ein guter Dämon
in der Bäume trautes Paar?

Gab der Dulder vor den Leidensstunden
Liebe nicht in Brot und Wein,
goß er nicht das Heil aus stummen Wunden,
daß es schmelze, Herz aus Stein?

Macht aus Feuerbechern wieder trunken
uns der hohen Sage Geist,
ist der heiße Hauch noch nicht versunken,
taut er Seelen, die vereist.

Namen, Sterne einem Lied verwoben,
das aus klarem Quell uns spricht,
haben aus dem Dunkel uns gehoben,
Blume, Liebe, Geist und Licht.

 

Dez 18 21

Am Licht erblinden

Das Leben, fremder Runen Flirren,
war unser Blick zu trüb,
wir konnten es uns nicht entwirren,
kein Sinn war, der uns blieb.

Verwandelt in des Steines Schweigen,
wo glänzt von Tropfen Moos,
wenn sich der Sonne Strahlen neigen,
wär unsre Wahrheit groß.

Auf grüner Woge sanft uns wiegen,
dem trunknen Schwane gleich,
uns haltlos einer Wange schmiegen,
wie eine Lilie bleich.

Wenn leiser Gnade Flocken stäuben,
verwaistem Grab ein Tuch,
und Flieders Hauch, uns zu betäuben
mit wehem Wohlgeruch.

So bleibt uns nur am Licht erblinden,
daß heller uns die Nacht
das Rosenwort läßt wiederfinden,
am Tränenglanz erwacht.

 

Dez 17 21

Als wär kein Herz allein

Geheimnisvoll hat sie geleuchtet,
die Sonne jener Nacht,
das Auge kindlich uns gefeuchtet,
als wär das Herz erwacht.

Es hat gelöst die tauben Zungen
der Engel hoher Sang,
der Dunkelheit mit Licht durchdrungen,
als wär kein Herz mehr bang.

Es staunten Sünder um die Krippe,
die eine Speise barg,
daß keinem brannte mehr die Lippe,
als wär kein Herz voll Arg.

Hat keuscher Sinn das Wort geboren,
es blühe auf der Stein,
schien uns das Leben unverloren,
als wär kein Herz allein.

 

Dez 16 21

Verloren auf der Schwelle

Und wenn du fehlst, wie bist du nah.
Die Namen, die dich nennen,
sind Rosen, die im Dunkel brennen.
Verhüllt in Aschen, du bist da.

O Dorn, woran der Tropfen glüht.
Die Worte, die mich ritzen,
sind goldnen Zweiges Blütenspitzen.
Süß ist der Schmerz, der nach dir fühlt.

Und hab ich nur der Blume Bild,
die schwimmt auf dunklem Wasser,
strömt Liebesodem mir noch mild,
wird auch der Schönheit Bildnis blasser.

Das reinem Hauch sich auftut, Tor
zu jener Wunderquelle,
weh, daß mein Atem sich verlor
in eitlem Lallen auf der Schwelle.

 

Dez 15 21

Der Pfad der Liebe

Gedenken wir der goldnen Abendstunden,
da sich der Liebe grüner Pfad
um ferner Quellen Rauschen hat gewunden,
der goldnen Stunden vor der Mahd.

Von eigner Fülle beugten sich die Ähren,
und trunken blätterte der Mohn,
am Saume pflücktest du dir rote Beeren,
doch rot war deine Lippe schon.

Und alles, was wir noch zu sagen hatten,
floß weich aus einem Brunnenmund,
ein leises Rinnsal abendgrüner Matten,
das rasch versickert in den Grund.

Doch stummer ist dein Blick in mir versunken
als in den Teich ein Schwanenflaum,
mein Herz hat süßen Lebens Duft getrunken
und fühlte, daß wir welken, kaum.

Verblichen ist das Gold der frühen Stunden,
und deine Lippen wurden fahl,
des roten Mohnes Blüten waren Wunden,
das Brunnenwasser wurde schal.

Kein Moos mag uns den Pfad mit Tau erhellen,
begraben liegt es unter Teer,
im Traume hören wir noch fern die Quellen,
bleibt auch der blaue Krug uns leer.

 

 

Dez 14 21

Die Taube im Mohn

Es schwankte durch die Sommerluft
ein Falter nach dem Fliederduft.

Du strichest hohe Gräser glatt
zum Bett, das grüne Polster hat.

Und schautest du ins Blau empor,
war es dein Leid, das sich verlor.

Die alte Klage war verstummt,
als Bienen deinen Schlaf umsummt.

Ein Tropfen hat dich aufgeweckt,
der wie Erinnerung geschmeckt.

Es fielen schwere Tropfen schon,
da sahst du sie im nahen Mohn.

Die hellen Flügel aufgespannt
lag rücklings sie ins Gras gebannt.

Und aus dem offnen Bauche quoll
der Darm der Taube grauenvoll.

Die Krähe hat sie aufgehackt,
wie lag im Tode sie so nackt.

Du hast ihr aufgewühlt ein Grab,
daß sie im Dunkel Frieden hab.

Du fühltest Wind und Regen kaum,
ein Schatten gingst du wie im Traum.

 

Dez 13 21

Dame Künstlerin

Was Dame Künstlerin zusammenschmiert,
ein Albtraum, ein obszönes Laichgekröse,
ward nicht von hohen Musen inspiriert,
nur von dem sauren Anhauch ihrer Möse.

Es gähnt steril ein Uterus,
und anonymer Würmer Fäden zeugen
ihr einen pubertären Kunstgenuß,
wenn Gnomenphalli aus Gebüschen äugen.

Was einer dumpfen Seele ausgepresst,
soll ätzend auf des Bürgers Glatze tropfen,
der grinsend bald das Atelier verläßt,
doch dessen Steuern ihr das Faulbett stopfen.

Sie fühlt es wohl, daß sie verlassen ist
vom Hauch, der Botticelli sanft umflossen
mit einer Anmut, die nur Liebe küßt,
den Blüten, die im Gnadenstrahle sprossen.

 

Dez 12 21

Das Blatt auf dem Maar

Des Herdes Flamme war noch nicht verglommen,
gleich jener, die dein Odem mir geschürt.
Wie Schwäne, die im Schlafe heimgeschwommen,
hat uns des Abschieds Woge kaum berührt.

Der Abend hieß uns unter Bäumen gehen,
und alles, was da noch zu sagen war,
verhallte rasch in ihrem sanften Wehen,
wie südwärts schluchzend eine Kranichschar.

Es glänzten aus dem Dämmer auf die Locken,
wo später Strahlen Seufzen sich verfing,
ich fühlte bang den heißen Herzschlag stocken,
als falterblaß dein Winken unterging.

Und als ich schlaflos in das Dunkel lauschte,
das dunkler als dein dunkles Auge war,
war mir, als ob dein Haar noch leise rauschte.
Ich trieb ein Blatt auf einem toten Maar.

 

Dez 11 21

Nach Seinem Bilde (1 Mose, 1, 27)

Als hätte, die geleuchtet, Lettern
der Harn der Dunkelheit verätzt.
Als hätten unter bösen Wettern
die Initialen sich zersetzt.

Und jener Augen grüne Seen,
die reinen Spiegel hohen Lichts,
was ließ ins Trübe sie zergehen,
aus ihnen sprechen: „Glaube nichts“?

Die edlen Verse uns zu bergen
verspricht der Urschrift Palimpsest,
doch unterm Schorf von Lügenschergen,
vom hohen Bilde blieb kein Rest.

Aus Haß zerrissen, Liebesbriefe,
die Reue leimt sie sich aufs neu,
der Ähren Auswurf in die Tiefe
liest keine Sonne mehr, bleibt Spreu.

Versickerte des Wortes Quelle
in einem wuchernden Morast?
Sitzt auf des Paradieses Schwelle
der Dämon, der die Rose haßt?

Was ist es, das an Lippen zerrte
und in die Augen füllte Tran?
Es ist der Sünde stumpfe Härte,
es ist der eitlen Seele Wahn.

Noch kennen wir sie von Ikonen,
die Hoheit jenes Angesichts,
doch geistlos sind die Epigonen,
sie malen Schatten fahlen Lichts.

 

Dez 10 21

Heilige Nacht

Wie wurde unser Herz geweckt
vom Klang der hohen Glocken.
Die Erde hatte weich bedeckt
die Sanftmut weißer Flocken.

Voll Odem war die Winternacht,
als wir zur Krippe gingen.
Wir fühlten nah die Wundermacht,
der Engel Gnadenschwingen.

Ins Dunkel brach die Knospe blau
wie eine Herbstzeitlose.
Wir dankten unsrer lieben Frau,
der nachterblühten Rose.

Wie wurde uns das Knie gebeugt,
als wir es lächeln sahen,
das Kind, vom hohen Geist gezeugt,
dem Ochs und Esel nahen.

Wir wußten Heil und Leid verwandt,
erblickten wir die Lämmer
gelagert um des Holzes Brand,
den Sternenstrahl im Dämmer.

 

Dez 9 21

Schwermut

Das Fleisch verzweifelt, Lust wird seicht.
Der Geist ist mehr nicht als ein Faden
aus Staub, der einem Wandrer gleicht,
fern sich zu finden fremde Gnaden.

Noch grünt die Mistel im Geäst,
wenn schon die leeren Blätter sanken.
Noch glänzen Schalen nach dem Fest,
doch blassen, die sie kränzen, Ranken.

Irrt überm Grab die Seele bang,
kann doch ein Gott ihr nicht mehr geben
das Herz, nach dessen Takt sie sang,
die Augen, sie ins Blau zu heben.

Erblüht auf Gipfeln, Enzian,
das Bild wird grau, der fromme Glaube.
Ins Heck beißt schon Leviathan,
sie kommt nicht wieder, Noahs Taube.

 

Dez 8 21

Widerlegung des mentalen Determinismus

Philosophische Aphorismen

Den Fluch oder den obszönen Ausruf, den der unter dem Tourette-Syndrom Leidende uns entgegenschleudert, nehmen wir nicht für bare Münze, denn wir erachten seine unwillkürlichen Interjektionen nicht für bedeutungsvolle Aussagen. Sie wurden, sagen wir, von einer neuronalen Fehlschaltung im Gehirn des Patienten ausgelöst, aber nicht durch seine Absicht, uns zu beleidigen oder zu beschämen.

Den Fluch und den obszönen Ausdruck, den uns einer entgegenschleudert, dessen Gehirntätigkeit wir als normal oder gesund und den wir nicht als geistesgestört ansehen, nehmen wir dagegen für bare Münze, denn wir erachten sie für bedeutungsvolle Aussagen. Wir fühlen uns durch eine Äußerung unangenehm berührt, beleidigt oder beschämt, wenn wir annehmen, daß der Sprecher mit ihr eine solche Absicht verfolgt, nämlich, uns zu beleidigen oder zu beschämen.

Wie im Falle des Kranken muß es auch im Falle des Gesunden, dessen Äußerung wir ernst nehmen, einen ähnlichen Gehirnvorgang gegeben haben, der bewirkte, daß der Sprecher seine Sprechwerkzeuge auf jene Art und Weise gebraucht hat, die allerdings für uns die Bedeutung einer Beleidigung oder Beschämung hatte. Doch ebensowenig wie dem Feuern der Neuronen im Gehirn des Kranken können wir demjenigen des Gesunden eine semantische Qualität zusprechen.

Von einer Fehlzündung oder Fehlschaltung im Gehirn des Kranken zu sprechen ist freilich eine Façon de parler, denn sie beruht auf einer semantischen Qualifikation des von ihm unwillkürlich Geäußerten, nämlich, daß es die normale Kommunikation unterläuft, während das, was im neuronalen System des Kranken abläuft, rein kausalen Gesetzen gehorcht.

Betrachten wir die Gehirnvorgänge unter dem Elektronenmikroskop oder im Scanner, weist uns nichts darauf hin, ob der eine Vorgang eine nichtssagende Äußerung begleitet, wenn der Kranke einen Fluch und eine Beleidigung ausstößt, oder aber eine sinnvolle Äußerung, zu der wir den Probanden auffordern.

Was immer an grammatisch-semantischen Kriterien gemessen eine bedeutungsvolle von einer nicht bedeutungsvollen Äußerung oder Aussage unterscheidet, der Unterschied kann kein neuronaler oder physischer sein, denn physische Ereignisse haben keine semantischen Eigenschaften, sie laufen diesseits dessen ab, was wir als bedeutungsvoll oder sinnlos, als wahr oder falsch erachten.

Wer die Behauptung aufstellt, alle mentalen Phänomene, also Überzeugungen und demnach auch die sie zum Ausdruck bringenden Behauptungen, seien eine Funktion physischer und näher betrachtet neuronaler Vorgänge und durch diese vollständig determiniert oder sie seien mit physischen und neuronalen Vorgängen identisch, macht keine sinnvolle oder bedeutungsvolle Aussage; seine Behauptung ist inkonsistent, insofern sie sich selbst der semantischen Kraft sinnvoller Äußerungen beraubt. Sie hat somit den semantisch leeren Status dessen, was ein Roboter an syntaktischem Output generieren könnte. Wir werden weder Äußerungen für bare Münze nehmen, von denen wir annehmen, daß ihnen keine bewußten Überzeugungen und Intentionen zugrundeliegen, noch Behauptungen, die implizieren, daß der beliebigen Äußerungen zugesprochene intentionale Gehalt und die ihnen zugrundeliegende Sprecherabsicht für ihr Entstehen irrelevant sind.

Unser Hinweis „Dort geht Freund Peter!“ ist eine bedeutungsvolle Aussage, insbesondere aus dem Grund, weil sie falsch sein könnte, wenn wir uns bei der korrekten Identifikation der Person geirrt haben. Wenn sie falsch ist, wird unsere zugrundliegende Überzeugung oder Meinung, daß dort Peter gehe, unterminiert, während sie durch die Tatsache, daß dort tatsächlich unser Freund Peter geht, bestätigt wird.

Nur Überzeugungen können richtig oder falsch sein, nicht aber physische Ereignisse und neuronale Prozesse; nur Sätze, die eine Überzeugung zum Ausdruck bringen, können grammatisch sinnvoll gebildet und semantisch gehaltvoll sein, nicht aber physische Ereignisse und neuronale Prozesse.

Wenn der Hinweis „Dort geht Freund Peter!“ von einem Roboter generiert würde, der über ein Programm visueller Wiedererkennung mittels Abgleich eingelesener Bilddaten verfügte, betrachteten wir die Äußerung nicht als wahr, auch wenn es sich bei der identifizierten Person tatsächlich um Peter handelt, wie auch umgekehrt nicht als falsch, wenn es sich bei der Person nicht um Peter handelt, denn ihr liegt keine Überzeugung oder Meinung zugrunde, daß diese Person Peter ist. Roboter haben keine Überzeugungen oder Meinungen – und wenn wir Gehirne als Modelle neuronaler Maschinen konzipieren, müssen wir davon ausgehen, daß sie wie alle Maschinen keine Überzeugungen bilden können, deren Äußerung wahr oder falsch sein kann.

Ebensowenig wie wir im Falle des unwillkürlichen Fluchs aus dem Munde des Kranken davon sprechen können, er habe sich im Ton vergriffen, können wir im Falle des Roboters, der uns eine Aussage, die wir als falsch erachten, auftischt, von einem Irrtum oder einer Lüge sprechen; denn wir können weder davon ausgehen, daß er sich irrt, weil er von dem falschen Sachverhalt überzeugt ist, noch daß er lügt, weil er um den wahren Sachverhalt weiß. Maschinen, Roboter und Gehirne, konzipiert als Modelle deterministischer Systeme, können sich weder irren noch lügen – nach dem semantischen Kriterium dessen, was wir Irrtum oder Lüge nennen.

Wenn uns jemand mit dem Hinweis kommt „Dort geht mein Freund, der Staatsminister N. N.“, aber uns gleich um jede Annährung zu vermeiden am Ärmel weiterzieht, können wir davon ausgehen, daß jene Person wohl der Staatsminister N. N., nicht aber sein Freund oder aber weder der ominöse Staatsminister noch sein Freund ist; denn wir wissen um die Renommiersucht unseres Bekannten. In jedem Falle hat er die Verneinung dessen, was jeweils seine Überzeugung ist, geäußert, und also gelogen. Denn lügen können wir nur, wenn wir eine Überzeugung negieren und abstreiten, die wir für wahr erachten.

Neuronale Systeme, deren technisches Modell wir ohne weiteres entwerfen können, sind weder fähig, Überzeugungen von bestehenden oder nicht bestehenden Sachverhalten, also wahre oder unwahre Meinungen zu hegen, noch a fortiori die von ihnen als wahr oder unwahr angenommene Überzeugung als unwahr oder wahr auszugeben und also zu lügen.

Wer die Behauptung aufstellt, Gehirne oder ihre technischen Modelle, Roboter und neuronale Maschinen, könnten wahre oder unwahre Überzeugungen bilden und zum Ausdruck bringen, weiß nicht, was es heißt, Überzeugungen zu haben und aus ihnen wahre oder unwahre Aussagen abzuleiten.

Etwas Wahres oder Falsches zu sagen, heißt nicht, seine Sprechorgane mittels neuronaler Steuerung zu betätigen, sondern zu meinen, was der Satz jeweils sagt, auch wenn seine Verlautbarung nur durch die Betätigung der Sprechorgane und ihre neuronale Steuerung möglich ist.

Ebensowenig wie die Bedeutung eines Satzes durch die Reihe der in ihm enthaltenen Laute bestimmt wird, denn der Satz „Es regnet“ mag je nach Äußerungskontext und Sprecherintention das eine Mal bedeuten „Bleiben wir zu Hause!“, das andere Mal „Nehmen wir den Regenschirm mit!“, ist eine Person durch die Sequenz der in ihrem Gehirn sich abspielenden neuronalen Ereignisse vollständig determiniert.

Peter und Hans, in deren beider Gehirne aufgrund identischer Reize dieselben neuronalen Ereignisse stattfinden, bleiben die uns bekannten unterschiedlichen Personen. Und wenn aufgrund desselben Typs neuronaler Ereignisse Peter mit seiner Äußerung „Es regnet“ meint „Bleiben wir zu Hause“, meint Hans mit derselben Äußerung „Nehmen wir den Regenschirm mit!“

Ebensowenig wie die Linien und Farbflecken eines Bilds mit dem Porträt identisch sind, das wir darauf wahrnehmen, sind die Neuronen und die zwischen ihnen stattfindenden elektrochemischen Signalübertragungen im Gehirn mit der Person identisch, deren Äußerung und Gebaren wir verstehen.

Der Ptolemäer und der Kopernikaner verfügen über dieselbe Struktur visueller Wahrnehmung und ihre Gehirne absolvieren folglich dieselbe Art von neuronaler Informationsverarbeitung, wenn sie den Sonnenaufgang betrachten; doch wenn sie sagen, die Sonne gehe auf, meinen sie etwas sehr Verschiedenes: einmal, daß die Sonne ihren Lauf um die Erde anhebt, das andere Mal, daß sich die rotierende Erdkugel in eine bestimmten Position zu der von ihr umkreisten Sonne begibt. Und wir wissen, daß die eine Meinung mit den kosmischen Tatsachen übereinstimmt, die andere nicht.

Bedeutung und Wahrheit sind keine physischen Eigenschaften von Dingen und Ereignissen, weder von physischen Weltereignissen noch von neuronalen Vorgängen, sondern semantische Eigenschaften von Sätzen und aus Satzsystemen bestehenden Überzeugungen.

Wir verstehen die Bedeutung willkürlicher Körperbewegungen, wenn wir sie als Wirkung einer Absicht verstehen, ein bestimmtes Ziel zu erreichen oder einen präferierten Zweck zu verwirklichen; Ziele und Zwecke aber verstehen wir wiederum als Gegenstände von Überzeugungen. So verstehen wir, was einer tut, der eine Musik-CD auflegt, aus seiner Absicht, Musik zu hören; Musik zu hören wiederum verstehen wir als den von der Person präferierten Zweck und als Gegenstand ihrer Überzeugung, die Erlangung dieses Zwecks derjenigen aller anderen möglichen Zwecke in diesem Moment vorzuziehen.

Wir unterstellen die Wahrheit einer Äußerung als Antwort auf unsere Frage, wenn wir sie als Ausdruck der Absicht verstehen, uns eine Tatsache mitzuteilen, beispielsweise, daß der Sprecher gestern unseren Freund Peter gesehen hat; die mitgeteilte Tatsache wiederum verstehen wir als Ausdruck der Überzeugung des Sprechers, nämlich, daß er unseren Freund Peter gestern gesehen habe.

Eine Maschine und ein neuronales System haben, wenn sie uns auf unseren Befehl hin einen informativen Output generieren, weder die Absicht, uns mit einer wahren Mitteilung auf die Sprünge zu helfen oder reinen Wein einzuschenken noch uns gegebenenfalls mit einer trügerischen Nachricht hinters Licht zu führen; wenn sie uns infolge einer Fehlprogrammierung unzutreffende Informationen oder Datensalat liefern, geschieht es nicht, weil sie wer weiß was im Schilde führen.

Wir können Absichten zumeist aus der unmittelbaren Beobachtung von willkürlichen Körperbewegungen erschließen, doch nicht immer die ihnen zugrundeliegenden Überzeugungen. Wir sehen jemandes Absicht, seine Freundin zu überraschen, verwirklicht, wenn er ihr einen üppigen Blumenstrauß überreicht; doch wir können dieser Geste nicht unmittelbar entnehmen, ob er glaubt, er könne sie auf diese Weise erfreuen, beeindrucken oder nach einer vorausgegangenen Verstimmung versöhnen.

Wäre jemandes Absicht, seine Freundin am nächsten Tag mit einem Blumenstrauß zu überraschen, vollständig von seinen vergangenen Erlebnissen und den gegenwärtigen neuronalen Vorgängen in seinem Gehirn determiniert, wäre sie für das, was er am nächsten Tag tut, nämlich einen Blumenstrauß zu erstehen und sich auf den Weg zu seiner Freundin zu machen, gänzlich ohne Belang. Wenn er aber nicht anders handeln konnte, als er handelte, weil sein Handeln vollständig determiniert war, verliert, was er tut, jeglichen Sinn; sein Geschenk wäre kein Geschenk, denn wir können schenken nur, was wir dem anderen auch hätten vorenthalten können.

Wenn wir, was wie äußern, wie der unter dem Tourette-Syndrom Leidende äußern müssen, sagen wir nichts.

Wir können nur etwas Sinnvolles sagen, wenn wir auch hätten schweigen können.

Der Determinist muß Behauptungen aufstellen, die er seiner eigenen Theorie gemäß, daß alle mentalen Ereignisse physische Ereignisse und also vollständig determiniert sind, nicht durch Argumente stützen kann, die mittels logisch korrekter Folgerungen gebildet worden sind.

Wenn wir beobachtet haben, daß immer dann, wenn es regnet, die Straßen naß werden, folgern wir aus der Beobachtung des Regens, daß die Straßen nun naß werden. Die logische Folgerung scheint uns wohl zwingend, aber der logische Zwang ist keine physische Notwendigkeit; und wir können falsche Schlüsse ziehen, wenn wir aus der Tatsache, daß die Straße naß ist, folgern, daß es geregnet hat.

Das logisch wohlgeformte Argument ist ein untrügliches Kennzeichen und einzigartiges Werkzeug der menschlichen Vernunft, mit dem wir aus wahren Aussagen weitere wahre Aussagen oder aus empirisch gut gestützten Vermutungen Folgerungen ableiten können, deren Wahrscheinlichkeitsgrad wir bemessen können.

Wir können uns irren und unwahre Aussagen bilden; die Ereignisse der Natur, ob der Zerfall von Atomen oder das Feuern von Neuronen, mögen indeterministischen oder deterministischen Gesetzen gehorchen, aber sie können sich nicht irren.

 

Dez 7 21

Das Ungeheuer aus dem Meer

Das Meer, es ruft.
Das Meer, es kommt.
Die Luft ist weiß vom Salze.
Die Luft ist voller Rauschen.

Der im grünen Abgrund lauert,
wüster Gott im Ozean,
dessen Hauch in Sagen schauert,
schnaubend steigt Leviathan.

Die Woge kocht.
Die Woge schäumt.
Die Luft ist grau von Flocken.
Die Luft ist voller Seufzen.

Weh, die keine Kiemen haben,
keine Flosse trägt ans Licht,
ihnen klafft der Urweltgraben,
sie erstickt, der Dunkles spricht.

Das Meer, es brüllt.
Das Meer, es steigt.
Die Luft ist schwarz von Geifer.
Die Luft ist voller Klagen.

Daß die Arche sie noch finden,
Seelen, die das Heil verdient,
Heimat mag die Taube künden
mit dem Zweig, der schon ergrünt.

 

Dez 6 21

Bärtige Vierzeiler

I

Auch glattrasiert sind Kinn und Wangen
des Mannes rauh genug vom Bart.
Die Frauen, die nach ihnen langen,
an Stoppeln wird ihr Fühlen zart.

II

Dem laue Milch ums Kinn geflossen,
der Jüngling denkt, es ist ein Scherz,
noch hat den Wein er nicht genossen,
der dämpft der Liebe heißen Schmerz.

III

Vor jenen Weisen, die wir schauten
auf Stelen im Gymnasium,
mit Bärten, die sich wogend stauten,
Pennälerflaum, wie schien er dumm.

IV

Die silbernen, sturmwindgeblähten,
die Mähnen, sprühender Gesang,
die Feuerbärte der Propheten
erhellten unsern dunklen Gang.

V

Daß er der Frauen Sanftmut fühle,
sprießt borstig einem Mann der Bart.
Daß sie mit Tau die seine kühle,
ist Mädchenwange lilienzart.

VI

Einander Fremde müssen wohnen
die Ricke und das Borstenvieh.
Der Rauhbart soll die Holde schonen,
daß sie den Borsten nicht entflieh.

VII

Zieht unwirsch über ihrer Lippe
das Alter einen Aschenstrich,
denkt er, du bist ja meiner Rippe
entwachsen und ich liebe dich.

 

Dez 5 21

Über den Argwohn

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Argwohn, wie er sich in den Verdächtigungen und bisweilen wahnhaften Hypothesen der Eifersucht manifestiert, ist ein Symptom einer auf Sand gebauten, brüchigen oder gescheiterten Liebesbeziehung.

Wer keine andere Liebesbeziehung kennt oder sich vorzustellen vermag als eine, deren Geburtsfehler sich im Argwohn und allem von ihm verursachten Gram kundtut, beginge wie Proust einen Fehlschluß, schlösse er, daß es keine andere geben könne.

Der Argwohn ist die gespenstische Atmosphäre und die Stickluft, in der nur dämonische Schlangen und urweltliche Echsen frei atmen können; so schleppen sich die im voraus Verurteilten keuchend durch die unendlichen Korridore der Geheimdienste und der Kanzleien und Gerichtsgebäude Kafkas.

Der Argwohn spricht Verdächtigungen aus, die sich auf stereotype Formeln und Wendungen wie „nichts anderes als“, „in Wahrheit aber“, „bei Lichte betrachtet“ oder schlicht „nur“ stützen: Religiöse Bilder und Glaubensinhalte sind nichts anderes als verzerrende und idealisierende Projektionen unterdrückter Wünsche oder der Wünsche von Unterdrückten; Kunst ist nichts anderes als das Ergebnis der Sublimierung archaischer Triebe; Liebe und Freundschaft sind nichts anderes als ins Joch kultureller Zähmung gespannte Aversion und Feindseligkeit; er schenkte ihr einen goldenen Armreif und einen Brillantring; in Wahrheit aber wollte er mittels dieser Geste sich seiner privilegierten sozialen Stellung rühmen oder die Beschenkte symbolisch an sich fesseln; Farben, Düfte und Klänge scheinen auf Eigenschaften von Gemälden, Blumen und Musikstücken zu verweisen, bei Lichte betrachtet aber sind sie nur Modifikationen unserer Sinnesorgane.

Der kritische Kopf, das heißt der unschöpferische Parasit und faule Voyeur der Erscheinungen, tut sich groß mit seiner Methode der Entlarvung und Demaskierung, wonach was wie echtes Gold glänzt nichts ist als Talmiglitter, wonach wer zu lächeln scheint nur den Ausdruck der Gier oder die Verzerrung durch den Schmerz maskiert, und wonach wer die Wahrheit zu sagen beansprucht, nur der beschränkten Perspektive seines Klassenstandpunkts, seiner sozialen Rolle oder des herrschenden Paradigmas seiner Epoche Ausdruck verleiht.

Wer einem ständigen Bombardement von demaskierenden, entlarvenden und diskreditierenden Verdächtigungen ausgesetzt ist, verliert am Ende das Vertrauen in seine fünf Sinne und seinen Verstand und dekomponiert sich selbst in einer Kaskade von Selbstbezichtigungen, die sich wie die Uräusschlange in den eigenen Schwanz verbeißen.

Der methodisch verfeinerte Argwohn gegen den Beitrag, den eigene Wahrnehmung, eigene Beobachtung, eigene Gedächtnisleistung und eigene logische Schlußfolgerung zur objektiven Weltbeschreibung zu leisten vermögen, mündet in epistemologische Bodenlosigkeit und moralische Haltlosigkeit.

Der von erkenntniskritischem Argwohn Eingeschüchterte sucht vergeblich nach Gewißheit und findet sich, da es außerhalb der Logik keine absolute Gewißheit zu geben scheint, auf dem schwankenden Boden oder dem Morast des Skeptizismus, Relativismus und Konstruktivismus wieder.

Doch wenn wir auch keine empirisch strenge Gewißheit über Voraussagen erlangen können, ist es nicht weniger als vernünftig anzunehmen, daß auch wir sterben werden.

Der Meister in der Beschreibung des Argwohns und seiner fatalen Folgen, der sie noch in den verborgensten Falten des Herzens aufspürt und den Verdacht wie unter der Folter des Zweifels bis zur Auflösung der eigenen Identität steigert, ist zweifellos Marcel Proust.

Doch der Argwohn des kleinen Marcel, der im Dämmerlicht einsam in seinem Bett liegend das heitere Klirren der Gläser im Salon und das fröhliche Lachen seiner Mutter vernimmt, sie ziehe die Nähe der sie feiernden Gäste seiner kindlichen Ohnmacht vor, ist der Ausdruck eines infantil übersteigerten Verlangens nach Schutz und Geborgenheit, aber kein Ausweis vernünftigen Denkens.

Der Argwohn, der den Gegenstand des Begehrens stets des Verrats und der Untreue, nicht nur in Taten, sondern selbst in Gedanken, Phantasien und Erinnerungen bezichtigt, sucht sein Heil vergebens darin, ihn von aller Welt und allen Versuchungen der Welt abzuschirmen und wie Marcel die Geliebte Albertine zur Gefangenen zu machen; doch nur um seinen Gram und sein inneres Zittern umso mehr zu steigern, als er festzustellen genötigt ist, daß ihm die Gefangene, und würde sie auf die Folterbank des Geständnisses gespannt, ihre Geheimnisse, ob nun solche, die sie im Schrein ihrer Erinnerung hütet, oder solche, um die sie wie ahnungsvolle Schimmer auf dunklem Wasser kaum selber weiß, nicht preiszugeben willens und fähig ist.

Der Erfinder der Verdächtigungen als eine Form des geistreichen Spiels in Konversation und Selbstbeobachtung ist La Rochefoucauld, denn der Verdacht und der Argwohn sind die feinen Dolche und eleganten Messer, mit denen der Amour-propre in den eigenen Eingeweiden wühlt.

Die Psychologie des Argwohns, die von La Rochefoucauld über Nietzsche bis zu Freud ihr Senkblei immer tiefer in die trüben Gewässer der Leidenschaften hinabspult, zersetzt mit ihrer scharfen analytischen Säure alles, was der Common Sense für bare Münzen mit den Siegeln der Liebe, der Freundschaft, der Treue, kindlicher Hingabe und elterlicher Fürsorge nimmt, kurz die Ideale einer konventionellen Moral, und beläßt ihnen nur das zeichenlose flache Rohmetall, auf dem sich die monströsen Fratzen der Eigenliebe spiegeln.

Doch der Argwohn ist ein Irrläufer, der aus dem Labyrinth der menschlichen Seele bisweilen nur anhand des Ariadnefadens jener Wahrheit ins Freie zu finden scheint, die dem Frommen aus der Aura der Ikone erstrahlt.

Bevor ich jemanden verdächtige, mich übers Ohr zu hauen, muß ich ihm – vielleicht allzu blind – vertraut haben; das Vertrauen ist ähnlich vorgängig-basal wie im Falle des Zweifels die Gewißheit, die ihm nicht nur vorhergeht, sondern ihn begleitet. Denn um am Wahrheitsgehalt einer Aussage zu zweifeln, muß ich von der Möglichkeit der Gewißheit ausgehen, der Gewißheit, daß sie sich als richtig oder unrichtig erweisen läßt.

Wir verdächtigen jemanden des Betrugs, des Treuebruchs, des Verrats; den Verdacht können wir im besten oder schlimmsten Falle mittels Augenzeugen und Indizien erhärten; doch dann müssen wir uns fragen, weshalb wir gegen den Betrüger und Verräter allzu vertrauensselig handelten.

Wenn uns ein Freund ein Buch schenkt, sind wir gehalten, das Geschenk als Geste der Freundschaft aufzufassen, nicht aber als eine tückische Manipulation, mit welcher er uns zu irritieren, zu verwirren und zu beschämen versucht, ein Verdacht, der uns dazu verleiten würde, den Inhalt des Buchs argwöhnisch auf versteckte uns diskreditierende Botschaften zu untersuchen.

Gewiß, bei hinreichenden Verdachtsmomenten ist es nicht unvernünftig, den Nachbarn, den Kollegen, den Freund argwöhnisch darauf zu mustern, ob sie uns am Ende belauern, überwachen, kontrollieren.

Doch Argwohn, der sich aus selbst erzeugten Verdachtsmomenten nährt, ist paranoider Wahn.

Wir müssen uns mittels methodischer Disziplin des Argwohns und aller Verdächtigungen enthalten, wenn wir unseren Sinnen trauen und beispielsweise sehen, daß dort unser Freund Peter über die Straße geht; wenn wir unserem eigenen Gedächtnis trauen und uns daran erinnern, gestern unseren Freund Peter gesehen zu haben; wenn wir Zeugen, die wir für vertrauenswürdig halten, ihre Auskunft glauben, daß sie gestern unseren Freund Peter gesehen haben.

Fundamentale epistemologische Grundsätze lauten: Wenn keine offenkundigen Irrtumsquellen dagegensprechen, können wir das meiste, was wir unmittelbar oder proximal wahrnehmen, woran wir uns proximal erinnern und was glaubwürdige Zeugen berichten, für bare Münze nehmen. Das, was uns (bei optimalen Sichtverhältnissen) rot erscheint, ist rot; was uns als logische Folge bestimmter Annahmen erscheint, wie daß wenn A B und B C ist, dann A C ist, können wir als eine logische Gewißheit auffassen. Wenn wir den visuellen Eindruck haben, daß diese und nur diese Lampe brennt, können wir davon ausgehen, daß es diese Lichtquelle ist, die den Raum erhellt. Wenn wir glauben Musik zu hören, ist was wir hören Musik. Wenn wir uns zu erinnern glauben, unseren Freund Peter gestern gesehen zu haben, haben wir diese Erinnerung. Doch wenn uns glaubwürdige Zeugen berichten, Peter vorgestern zum Flughafen begleitet zu haben, wo er in eine Maschine nach London stieg, sind wir einer Erinnerungstäuschung erlegen.

Zu glauben, daß die Dinge sind, wie sie zu sein scheinen, wie daß wir Musik hören, wenn es uns so vorkommt, ist vernünftig und nur fraglich, wenn offensichtliche Umstände walten, die es unvernünftig erscheinen lassen, wie im Falle, daß wir Drogen eingenommen haben.

Was uns vertrauenswürdige Zeugen ausrichten, ohne plausible Gründe als unwahr zu verdächtigen zeugt nicht von kritischem Geist, sondern von schlechter Kinderstube.

Der ungezogene Bengel und der pubertierende Feuerkopf erheben einen trotzigen Verdacht gegen alles, was der Lehrer sagt. Caesar hat den Rubikon überschritten? Wie, da muß er ja Caesar selbst glauben, was er in seinem Buch berichtet; aber einem solchen gerissenen Aufsteiger, martialischen Kolonialisten und Unterjocher friedlicher Völker wie der Gallier und Germanen, einem solchen Grammatikfuchser, an dessen überschwänglichem Gebrauch des Ablativus absolutus der Großsprecher gescheitert ist, glaubt er nichts.

Freilich, wenn wir glauben, im Konzertsaal zu sitzen und eine Sonate von Schubert zu hören, und dann erwachen, saßen wir nicht in einem Konzertsaal und ob es Musik von Schubert war, was wir im Traume hörten, bleibt für immer unerforschlich.

Wir können unseren Roteindruck durch anwesende Augenzeugen bestätigen lassen. Doch wenn wir unseren und ihren Augen nicht trauen und uns den visuellen Eindruck mittels Messung der Wellenlänge des ausgestrahlten Lichts bestätigen lassen, müssen wir unserem Gedächtnis trauen, wenn wir uns an den gemessenen Wert erinnern.

Wissenschaft ist erfolgreich nicht aufgrund der permanenten Beargwöhnung und Verdächtigung der durch Beobachtung gewonnenen Daten, sondern aufgrund des Vertrauens in die methodische Fruchtbarmachung der Erfahrung in Theorien, die sie erklären, auch wenn sie aufgrund inkohärenter Beobachtungsdaten genötigt ist, bestehende Theorien zu erweitern, zu revidieren oder zugunsten neuer Erklärungsmodelle zu verwerfen.

Wenn uns die eine Wahrheit verwehrt ist, heißt dies nicht, daß wir ewig im Unwahren herumirren müssen.

Wenn wir nicht mit Gewißheit behaupten können, daß alle Raben schwarz sind, folgt daraus nicht, daß wir keine Ornithologie treiben können.

Aufgrund der Tatsache, daß wir seine momentane Position nicht mit Gewißheit erfassen können, wird das Elektron nicht zum Phantom; aus der Tatsache, daß wir beim Doppelspalt-Experiment nicht voraussagen können, durch welchen Spalt das Photon geht, folgern wir nicht, daß die zweiwertige Logik von wahr und falsch aufgehoben ist, und aus der Tatsache, daß wir die Mondfinsternis beobachtet haben müssen, um von ihr reden zu können, folgern wir nicht, daß unsere Annahmen über das, was es gibt, oder unsere Weltbeschreibung nur eine Funktion unserer unmittelbaren Beobachtungen darstellt; denn Kräfte, Felder, Dispositionen, Elektronen und andere theoretische Entitäten sehen wir nicht.

Popper ist, trotz seines Engagement für die Wissenschaft, der Begründer wider Willen des postmodernen Irrationalismus, wie an seinen Früchten: Kuhn, Lakatos und Feyerabend leicht ersichtlich ist; denn er ließ keinen Raum der Vermutung und Begründung zwischen dem logisch gewissen Beweis und der empirisch plausiblen Erklärung.

Wenn der Schatten der Erde bei einer Mondfinsternis teilweise die helle Scheibe des Mondes bedeckt und dieser Schatten kreisförmig ist, schließen wir daraus mit hoher induktiver Wahrscheinlichkeit, daß die Erde zwischen Sonne und Mond getreten ist, daß die Erde um die Sonne kreist und daß sie sphärische Gestalt haben muß.

Schon dem frühen Weltensegler mußte für die Tatsache, daß der spanische oder portugiesische Dreimaster am fernen Horizont nicht plötzlich, sondern allmählich von der Fläche des Ozeans verschwindet, die beste Erklärung jene durch die Kugelgestalt der Erde gelten, als weniger gute jene durch die Annahme einer flachen Erdscheibe, wonach der fremde Segler in den Abgrund gefallen sein müßte; doch war es wahrscheinlich, daß er in ein paar Wochen wieder in seinen Heimathafen einlaufen würde.

Es ist unsinnig anzunehmen, wir seien gestern eine andere Person gewesen als heute und die Person, die wir morgen sein werden, sei uns heute unbekannt; denn wie sollten wir dies wissen können. Schreibe ich indes der Person, die ich gestern war, eine Eigenschaft zu, die ich heute nicht mehr habe, wie könnte ich dies, ohne mich vergewissert zu haben, daß es sich um dieselbe Person handelt, der ich diese Eigenschaft einmal zu- und einmal abspreche.

Generelle Wissensskepsis ist die eitle Attitüde fauler Philosophen.

Es heißt im Trüben fischen, wenn man das klare Wasser mit eigenem Unrat verpestet hat.

Das Schiff, auf dem wir reisen, mag schwanken, doch solange es nicht untergeht trägt es uns.

Der fromme Moslem kann die Göttlichkeit seiner heiligen Schrift nicht mit dem Hinweis beglaubigen, der Erzengel Gabriel habe sie dem Propheten eingeflüstert.

Der fromme Christ kann die Göttlichkeit Christi nicht mit dem Hinweis beglaubigen, daß sie in der Schrift bezeugt wird.

Der Graben zwischen Vernunft und Glauben kann nicht mit logischen Sophismen oder schönen Gleichnissen aufgefüllt und für den bequemen Schuh des Ungläubigen gangbar gemacht werden.

Anders steht es um den epistemologischen Graben, der die Gegenwart von den Ereignissen der Vergangenheit trennt; denn wir können zwar die vergangenen Ereignisse nicht in Augenschein nehmen, aber wir können die Berichte vertrauenswürdiger Augen- und Zeitzeugen mit der historisch-kritischen Methode auf die Vollständigkeit und Lückenhaftigkeit, die Kohärenz und Inkohärenz, die Konsistenz und Inkonsistenz ihrer Aussagen überprüfen.

Die Dealer des Irrationalismus bieten Drogen feil, deren betörender Wirkung die Vernunft oftmals nicht widerstehen kann. War es vor Tagen die Droge „Marxismus“, fand sie nunmehr ihr mehr als hinreichendes Substitut in der Droge „sozialer Konstruktivismus“, gemäß dem „Volk“, „Heimat“ oder „Kultur“ Konstrukte dunkler Mächte, „Ehe“, „Familie“, „Vaterschaft“ und „Mutterschaft“ Konstrukte patriarchalischer Instanzen und „Liebe“, „Vertrauen“ und „Treue“ rein sprachliche Konventionen sind.

Biologie und Psychologie bestimmen den Unterschied der Geschlechter anhand empirischer Befunde über Zeugung, Empfängnis und embryonale Wachstumsphasen, Unterschiede geistiger und sprachlicher Entwicklung oder angeborene Neigungen und Begabungen; Ideologie verwischt ihn durch Erfindung mythologischer Narrative von Gleichheit oder Diversität.

Ein glänzender Stil ist noch kein Kriterium tiefer Einsicht.

Dichtung, die der Glossolalie pfingstlicher Schauer ähnelt, wird meist der Gebrochenheit der menschlichen Natur nicht gerecht.

Doch kann uns große Dichtung aus der Öde sprachlicher Disteln und von den Fährnissen geistiger Skorpione auf eine Zeit, ihre Zeit, in eine Oase geleiten, in der Brunnen sanfter als unsere Herzen singen und durch die Dämmerung gewiegter Halme der Duft geheimer Blüten schwebt, der uns gleich dunkel tropfender Narde den Zauber längst abgetaner Unschuld weckt.

Manchem, der alle Hoffnung auf Rückkehr in die Heimat aufgegeben hat, setzt sich die weiße Taube mit dem grünen Zweig im Schnabel auf den morschen Denkstein, an den er sich erschöpft gelehnt hat.

Der Böse mit dem teuflisch schlauen Verstand reicht uns keine stinkende und faulige Knolle, sondern eine wohlduftende und glänzende Frucht; doch ringelt sich der Wurm empor, wenn wir sie aufbrechen.

Arbeiter im Weinberg des Herrn sind solche, die verkümmerte Triebe beschneiden, müde herabhängende Reben in die Höhe heben und sorgsam binden, die alles tun, damit die edle Traube reife, auch wenn sie selbst sie nicht mehr ernten oder den Wein aus den goldenen Bechern trinken können, die schimmern, wenn die Sonne des Festtags aufgeht.

Die Flüche und obszönen Verwünschungen aus dem Munde des Geisteskranken oder dessen, der am Tourette-Syndrom leidet, sind keine Sprechakte, nicht einmal mißlungene Sprechakte; wir wissen uns von ihnen nicht getroffen wie von jenen des Gesunden.

Wir unterstellen jenen, die uns fluchen, die Absicht, uns auf diese Weise zu verletzen oder zu beschämen; so wie wir jenem, der uns etwas fragt, die Absicht unterstellen, von uns Auskunft zu erhalten.

Wer nur zuckt, hat noch nicht gehandelt, so wie einer, der mit der Zunge schnalzt, uns vielleicht kundtut, daß ihm die Speise mundet, aber nicht mitteilt, ob es das Fleisch ist oder die Soße, die sein Entzücken hervorruft.

Wir mögen einem, der an der Bushaltestelle wartet, nicht zu Unrecht die Absicht unterstellen, mit dem Bus zu fahren; und wir gelangen zur Evidenz, daß wir richtig lagen, wenn wir wahrnehmen, daß er in den Bus steigt. Doch wir können uns in der Annahme irren, er habe die Absicht, an ein Ziel zu gelangen, das entlang der Buslinie liegt; denn er könnte ein anderes Ziel haben und versehentlich in diesen Bus eingestiegen sein.

Wir gelangen häufig zu einer proximalen Evidenz, die eine Funktion unmittelbarer Wahrnehmung darstellt; dagegen nimmt die Unsicherheit unserer Vermutungen oftmals proportional zur räumlichen und zeitlichen Entfernung des Gegenstandes zu, den wir beobachten oder an den wir uns erinnern; wir gelangen also weniger oft zu einer distalen Evidenz.

Durch Anwendung geeigneter Maßstäbe und ihrer Metriken können wir nicht nur das Kontinuierliche und Diffuse der beobachteten Phänomene in meßbare Distanzen und diskrete Momente unterteilen, sondern sogar mehr oder weniger genaue Proportionen und Maßverhältnisse zwischen ihnen angeben; so bestimmen wir Längen mit dem Längenmaß, Winkel mit dem Winkelmesser und Zeitstrecken mit der Uhr. Wir können auf diese Weise sogar zu Evidenzen gelangen, die uns für objektiv gelten, wenn wir eine Länge oder Zeitstrecke als ein Mehrfaches oder als einen spezifischen Teil einer anderen durch exakte Messung definieren oder die Zeit der Rotation der Erde um sich selbst als einen Tag und den Tag als den ungefähr dreihundertfünfundsechzigsten Teil der Zeitdauer bestimmen, die die Erde benötigt, um einmal ihre Runde um die Sonne zu drehen.

Wer gegenüber der Festlegung objektiver Maßstäbe mit skeptischem oder relativistischem Argwohn reagiert und die von uns verwendeten Metriken willkürlicher Konvention verdächtigt, verwechselt die subjektive Festlegung und die dem Zeitgeschmack unterliegende Modifikation der Bedeutung konventioneller Zeichen wie derjenigen von Verkehrszeichen, Piktogrammen oder Farbsymbolen mit der objektiven Festlegung und präzisen Transformation von Maßstäben und Metriken, wie sie beispielweise in der Möglichkeit zutage treten, Temperaturangaben von Celsius in Fahrenheit und umgekehrt umzuwandeln, statt des Meters die Wellenlänge des Lichts und statt der mechanischen Uhr eine Atomuhr zu verwenden.

 

Dez 4 21

Das alte Paar

Die alten Leute sitzen spät am Herde
und blicken seufzend in die schwache Glut.
Das Leben ist fast Asche, war Beschwerde,
doch blieben sie entsagend sich noch gut.

Die Nacht kommt rasch, die dunkle Kühle.
Sie fröstelt und er hüllt sie in den Schal,
den summend sie gestrickt, auf daß sie fühle,
er ist ihr nah, sein Herzgrund noch nicht kahl.

Und schlummert sie, weckt er noch kleine Flammen
mit einem krummen Haken und er ächzt.
Hier lagen jugendlich sie einst beisammen,
ein Bündel Stroh, das nach dem Feuer lechzt.

Und war das Kind, das auf dem Schoß sie wiegte,
nicht einer Kerze Duft und sanfter Schein?
Ein jäher Wind kam und der Schein versiegte,
und ihnen blieb die Kerze vor dem Schrein.

Er denkt, mag doch ein Schnee nur fallen,
daß es in diesem Haus noch stiller wird.
Wenn Abendglocken wie im Traum verhallen,
schweigt auch die Unruh, die im Herzen irrt.

Wir wollen wieder uns ans Feuer legen
und fühlen, wie die Glut uns ganz verzehrt.
Der Blick der Liebe war Willkommenssegen,
der Abschiedsblick, er sei uns nicht verwehrt.

 

Dez 3 21

Das Tor geht zu

Was ist das für ein Knirschen, für ein Ächzen,
als splitterte die Achse dieser Welt?
Es ist das Knirschen in den morschen Angeln
des Weltentors, das sich für immer schließt.

Was ist das für ein Keuchen, für ein Japsen,
als würde eines Dämons Hals gewürgt?
Sie alle hasten, noch die schalsten Früchte
zu pflücken, weil das Tor der Welt sich schließt.

Was ist das für ein Schluchzen hoher Lüfte,
als sänge jubelnd eine Nachtigall?
Es ist die Flöte eines alten Dichters,
der vor das Tor in freie Gründe zieht.

 

Dez 2 21

Die Knospe auf der Schwelle

Dein Haar floß nächtlich wie die Meereswogen,
vom bittern Schaum der Tiefe überglänzt,
und deine Brauen waren kühne Bogen
um blaue Quellen, schattenhalmumgrenzt.

Um deine Lenden schwamm die weiße Molke,
in der mein Herz der Mücke gleich ertrank.
Und was du sprachst, war Tau aus einer Wolke,
ein süßes Gift, das in die Wunde sank.

Dein Schlaf war eine Blume, weichem Hauche
wie Mondes fahlem Lächeln hingeneigt,
im Traum sich öffnend, daß ein Falter tauche,
der fühlerzart nach Lichtes Pollen äugt.

Ich sah auf deiner Stirn noch Blütenhelle,
als Finsternis die Träne heimgebracht.
Du legtest mir zum Abschied auf die Schwelle
die weiße Knospe und das grüne Blatt.

 

Dez 1 21

Hier im Dunkel

Hier keimen wir im Dunkel, zarte Fühler,
wie Sprossen, die sich zitternd aufwärts drehen.
Wir schauen aus dem Abgrund auf zu Gipfeln
und auf den Gipfeln leuchtend Engel stehen.

Hier rinnen in das Dunkel lichte Tropfen,
wir hören, da ans Ufer wir uns knien,
den Abgrund uns mit neuen Namen rufen.
Wir strömen, reiner Herzen Melodien.

Hier wehen in das Dunkel weiße Knospen,
die auf des Abgrunds dunklen Wassern schwimmen.
Es sind ins Schweigen blühend Blumenworte,
die schlafen wir als ferne Sonnen glimmen.

 

Nov 30 21

Fremd

Wie fremd ward ihm die Sonne,
wie fremd der Mond, die Nacht.
Wie fremd ward ihm die Wonne,
die Blick und Kuß gebracht.

Wie fremd ward, was er fühlte,
es perlte ab wie Tau.
Und was in ihm noch glühte,
erlosch und wurde grau.

Was zögernd er geschrieben,
die feine Spur im Sand,
ist Rätselschrift geblieben,
die keine Deutung fand.

Ein Tropfen, der sich wußte
im Ozean allein,
ein Weichtier ohne Kruste,
zerkocht in Gottes Wein.

Fremd wurden ihm die Mienen,
zu Masken bald erstarrt,
ob sie zu lächeln schienen,
ob höhnisch ihn genarrt.

Wie leicht der Blume Leben,
wie still der Blume Tod.
Wie leicht, sich hinzugeben,
ein Duft im Abendrot.

 

Nov 29 21

Wer handelt? Wer spricht?

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Hat der Hund bei den piekfeinen Leuten, bei denen sein Herrchen nach geduldigem Antichambrieren endlich einmal hat Zaungast spielen dürfen, die kostbare Ming-Vase auf dem Parkett mit seinem hemmungslosen Schwanzgewedel in tausend Scherben gewedelt, wird nicht er, der Hund, zur Verantwortung gezogen und haftbar gemacht, sondern sein Besitzer, die juristisch belangbare Person, die nun des Hauses verwiesen und zur Kasse gebeten wird.

Der Hund tat, was er tat, nicht mit Absicht; aber kluge Vorsicht und Voraussicht hätten sein Herrchen davor gewarnt, kostbare Ming-Vasen dem Wedeln seines Schwanzes auszusetzen.

Der schlaue Hund, der darauf dressiert ist, seinem Besitzer den ins Gras geschleuderten Ball zurückzubringen, tut es nicht, weil er die Absicht hegt, dem Herrchen eine Freude zu bereiten, sondern in Erwartung einer Belohnung, und wenn sie nur aus einem Zuspruch oder jenen Streicheleinheiten besteht, die ihm gewiß nicht versagt werden.

Werden wir gefragt, wer die Zerstörung der kostbaren Vase verursacht hat, sagen wir nicht, der Hund, sondern sein Besitzer; einem Hund sprechen wir nämlich keine Handlungen zu, denn Handlungen sind absichtsvoll ausgeführte, willkürliche Körperbewegungen, die auch hätten unterbleiben können.

Der Hund, und wäre er noch so schlau, hätte sich angesichts der kostbaren Vase nicht sagen können: „Nun will ich das vermaledeite Schwanzwedeln einmal für eine Weile unterlassen, sonst gibt es einen Heidenärger, und mein gutes Herrchen wird ziemlich sauer auf mich, sollte die kostbare Ming-Vase infolge meiner hündischen Unart in die Brüche gehen!“

Sein Herrchen freilich könnte sich sagen: „Hätte ich den Hund doch nur zu Hause gelassen; dann wäre mir eine Menge Ärger erspart geblieben. Richtig böse kann ich ihm ja nicht sein, ist er doch mein liebes Hündchen, vom dem ich nicht weiß, ob er mit dem Schwanz oder der Schwanz mit ihm wedelt!“

Tiere sind wie Pflanzen Instantiierungen und Inkarnationen ihrer jeweiligen Spezies oder ontologisch betrachtet Exemplare des durch sie verkörperten Allgemeinbegriffs. Menschen sind sowohl Instantiierungen und Inkarnationen der Spezies Homo sapiens als auch Personen, die absichtsvoll handeln und Handlungen unterlassen können, Personen, die sprechen oder schweigen können.

Wenn wir vor der Vereinssitzung unseres Schachclubs fragen: „Wer führt heute den Vorsitz?“, erwarten wir, den Namen der betreffenden Person zu hören. Wir erfahren, daß es Peter ist, der heute Hans vertritt, denn dieser konnte nicht kommen, er liegt mit Fieber zu Hause im Bett. Peter bleibt Peter und wird nicht zu Hans, auch wenn er dessen Funktion übernimmt und den Vorsitz führt.

Wenn wir auf eine Person deuten und sagen: „Das ist Peter!“, zeigen wir wohl auf den Körper dessen, der Peter heißt, aber wir meinen, wenn wir von Peter sprechen, nicht seinen Körper; auch wenn wir von Peters blonden Haaren, seiner Handverletzung oder davon sprechen, daß er nach Italien gereist ist, beziehen wir uns auf eine Person namens Peter, die blonde Haare und eine Verletzung an der Hand hat und die nach Italien gereist ist. Peter könnte, ohne daß wir davon erfahren hätten, seine Haare braun gefärbt haben, seine Verletzung könnte ausgeheilt sein, er könnte längst von Italien zurückgekehrt sein; das ändert nichts daran, daß wir Peter meinen, auch wenn wir ihm fälschlicherweise Eigenschaften zusprechen, die er nicht hat. Denn Eigenschaften wie die, blonde Haare zu haben, unter einer Handverletzung zu leiden oder nach Italien gereist zu sein, gehören nicht zur Substanz dessen, was Peter als Person ist.

Wenn wir von Peter sagen, daß er einen traurigen Eindruck macht, meinen wir nicht, daß sein Gehirn in einem neuronalen Zustand ist, der Traurigkeit bewirkt, denn derselbe neuronale Zustand dürfte sich zur gleichen Zeit bei einer Menge anderer Menschen vorfinden; sondern wir sprechen von Peter, nicht von den körperlichen Ursachen seines Befindens, sondern vom wahrnehmbaren Ausdruck seines Befindens.

Der Neurologe könnte aufgrund der Untersuchung von Peters Hirnzustand voraussagen, daß er einen traurigen Eindruck hinterlassen muß; doch spricht er dann nicht von Peter, sondern von allen menschlichen Organismen, deren neurologische Untersuchung einen ähnlichen Befund ergibt und dieselbe Voraussage begründet.

Wenn wir danach fragen, wer dies oder jenes getan, so oder so gehandelt hat, erwarten wir als Antwort den Namen einer Person, nicht den Hinweis auf die Instantiierung oder Verkörperung einer Spezies, sei es einer tierischen Spezies oder von Homo sapiens.

Als Antwort auf die Frage, wer das Verbrechen begangen hat, genügt uns weder der Hinweis auf einen lebendigen Körper noch auf Teile oder Zustände eines lebendigen Körpers wie das Gehirn oder einen bestimmten neuronalen Zustand des Gehirns; wir geben uns erst mit einer Antwort zufrieden, die den Täter als handelnde Person benennt.

Der Name einer Person gibt uns die Antwort auf die Fragen: Wer handelt? Wer spricht? Die Person wiederum ist die Substanz, die einen Körper hat und nur als Person fungiert, wenn sie verkörpert ist; die Person hat alle Eigenschaften, die ihr Körper hat; denn wir sagen: Peter ist 180 cm groß, 45 Jahre alt, 78 Kilo schwer und leidet unter Schmerzen aufgrund einer Handverletzung.

Aber die Person ist nicht identisch mit ihrem Körper oder mit den Eigenschaften und Zuständen ihres Körpers. Denn wenn wir sagen, Peter spricht fließend englisch, meinen wir nicht, daß seine Sprechorgane Laute zu bilden fähig sind, die ein Engländer ohne weiteres versteht. Denn würde er nicht selbst verstehen, was er sagt, nicht wissen, was er mit dem Geäußerten meint, würden wir, was er tut, nicht sprechen nennen.

Die Person handelt, hat die Absicht, etwas zu tun, oder versäumt es, etwas zu tun; die Person spricht oder beißt sich auf die Lippen und schweigt. Nicht aber, wie schon Aristoteles erkannte, die Seele. Unter „Seele“ verstehen wir die Tatsache, daß ein lebender Organismus beseelt ist, und das heißt, sich mehr oder weniger deutlich dessen bewußt zu werden vermag, was er empfindet, fühlt, erleidet. Dies gilt für Pflanzen, Tiere und Menschen gleichermaßen. Beseeltheit ist kein uns als Personen auszeichnendes Merkmal.

Die Seele ist keine eigenständige Substanz, denn wäre sie es, bliebe ihre Verbindung mit dem Körper der Person, die sie hat, mysteriös, wie alle gescheiterten Versuche der philosophischen Tradition von Descartes über Malebranche bis zum deutschen Idealismus, eine solche Verbindung zu konstruieren, erweisen.

Die Person ist eine Substanz, die keine mysteriöse Verbindung mit ihrem Körper hat; vielmehr ist der Körper ein integraler Bestandteil der Person. Ähnlich den Linien und Farbflecken, die ein integraler Bestandteil eines Gemäldes sind; wenn wir es betrachten, nehmen wir nicht nur einzelne Linien und Farbflecken wahr, sondern sehen das Bild als Ganzes.

Wenn die Person es ist, die handelt und spricht, vermag sie es freilich nur als jene Substanz, die einen beseelten Körper hat.

Die Person ist nicht die Identität des Bewußtseins, denn diese ist zwar die Voraussetzung dafür, eine Person sein zu können, doch kann sie die Anonymität des Allgemeinbegriffs nicht abschütteln und durchbrechen; aber nur Peter, unser Freund aus dem Schachclub, ist Peter.

Weil eine Person zu sein sich nicht in der Identität des Bewußtseins erschöpft, sind alle Versuche, eine Philosophie methodisch auf der Grundlage des Bewußtseinsbegriffs, also auf einem fundamentum in mente, zu errichten, unzulänglich, ob wir nun an das kartesische Cogito, die transzendentale Subjektivität Kants, das Ich Fichtes, die Phänomenologie des Bewußtseins Hegels oder das Pour soi Sartres denken.

Der Körper spricht nicht, der Mund sagt nichts, das Gehirn übt seine neuronalen Aktivitäten in tiefer Stille aus.

Man kann einer Person den Mund verbieten, nicht, weil dieser, sondern weil jene am falschen Ort das Falsche gesagt oder sich im Ton vergriffen hat.

Schweigen ist ein Sprechakt.

„Dico ergo sum“ – „Ich spreche, also bin ich“ ist die Maxime und das Schibboleth der Person.

Wenn wir unser Wort darauf geben und versprechen, dem Freund das geliehene Gut in zwei Jahren wieder auszuhändigen, tun wir dies, auch wenn wir wissen, daß unsere leibliche und seelische Verfassung während dieser Zeit mehr oder weniger eingreifenden Modifikationen und dramatischen Wandlungen unterliegen wird. Doch ist die Zeit verstrichen, und wir lösen unser Versprechen ein und halten Wort, tut es dieselbe Person, die es gegeben hat.

Haben wir unser Versprechen und das gegebene Wort vergessen, werden wir dafür haftbar gemacht, wenn wir in der Lage gewesen sind, unsere Erinnerung daran wachzuhalten. Freilich, sind wir aufgrund einer geistigen Erkrankung dazu nicht in der Lage gewesen, wird uns das Versäumnis nicht angerechnet.

Wenn geistige Erkrankung unseren Status als Person einzuschränken vermag, folgern wir daraus nicht, daß er dadurch gänzlich aufgehoben wird; denn wir gehen davon aus, daß die Substanz der Person nicht die Summe ihrer leiblichen und mentalen Eigenschaften ausmacht. Doch erkennen wir, daß wesentliche geistige Eigenschaften wie die Identität des Bewußtseins eine Grundlage dafür bilden, als Person handeln und sprechen zu können. Sind wir aufgrund geistiger Erkrankung zu absichtsvollem, zweckgerichtetem, vernünftigem und verantwortlichem Handeln und Sprechen nicht mehr fähig, fallen wir gleichsam auf den Status einer Person in nuce oder in potentia zurück, einem Kleinkinde nicht unähnlich. Das Kleinkind erlangt aufgrund natürlicher Reifung den vollen Status einer Person; der Kranke mag ihn mittels künstlicher medizinischer Eingriffe wiedererlangen.

Die Person ist nicht die Summe ihrer lebensgeschichtlichen Erfahrungen, Erlebnisse und Taten, sondern die Instanz, die sich an sie erinnern, davon sprechen, sich an ihnen ergötzen, etliche bedauern, etliche bereuen kann.

Wäre die Person die Identität des Bewußtseins und die Einheit ihrer lebensgeschichtlichen Erfahrung im Gedächtnis und wäre beides, Identitätsbewußtsein und Gedächtnis, eine kausale Funktion bestimmter Teile des Gehirns, würden sich Peter in Hans und Hans in Peter verwandeln, wenn ihre kausal relevanten Hirnareale operativ gegeneinander ausgetauscht würden. Doch wenn Hans weiterhin so handelt und spricht wie Peter und Peter wie Hans, nähmen wir sie über kurz oder lang als die uns bekannten Personen wahr. – Und sie sich selbst? Früher oder später wohl auch sie selbst.

Sprechen heißt etwas meinen; etwas meinen heißt einen Gedanken zum Ausdruck bringen. Gedanken können wir nur mittels Sätzen oder satzförmigen Ausdrücken darstellen. Sätze können einen Gedanke nur mitteilen, wenn sie grammatisch regelkonform gebildet und mit einem Minimum an semantischem Ausdrucksreichtum ausgestattet sind. Also unterliegt alles Sprechen Kriterien der Korrektheit und Adäquatheit.

Diejenigen, die in Jahrhunderten vor unserer Zeit die Sprache gebildet, geprägt und überliefert haben, und diejenigen, die sie in der Gegenwart mit uns teilen, vermitteln uns die Kriterien der sprachlicher Wohlgeformtheit und Adäquatheit des Ausdrucks.

Wir müssen bekanntlich nicht alles sagen, was wir meinen, ohne Gefahr zu laufen, nicht verstanden zu werden. Denn wenn wir nach dem heiteren Mahl bei unserem Freund zu dem verabredeten Spaziergang aufbrechen wollen, sagen wir nach einem skeptischen Blick aus dem Fenster zu ihm: „Nimm einen Regenschirm mit!“ Damit implizieren wir, was wenn auch ungesagt leicht von dem Angesprochenen ergänzt werden kann: „Es regnet“ oder „Es sieht nach Regen aus!“

Plaudern wir angerregt mit Freunden, unterliegen unsere Äußerungen, wollen wir uns verständlich machen, zwar den Kriterien grammatisch-syntaktischer Wohlgeformtheit und semantisch hinreichender Expressivität, sie sind aber gleichsam durch unsichtbare Anführungszeichen als uneigentlich, spielerisch, fiktional gekennzeichnet. Treiben wir wie üblich das beliebte Konversationsspiel, uns über Abwesende zu belustigen und zu mokieren, die gottseidank keinen Einspruch erheben und uns keine Hemmungen auferlegen können, wird unsere bisweilen anzüglich oder schrill getönte Rede – je kühler der Krug, umso heißer das Herz – paradoxerweise gerade dadurch semantisch gemildert und moralisch geläutert, daß wir sie ins Phantastische und Legendäre, ins Burleske und Groteske, jedenfalls irreal Anmutende übersteigern. So atmen wir leichter, im Dämmerlicht lasziven Geplauders befreit von der drückenden Last des hellen Werktags, Wahrheitsansprüchen mittels Argumenten und stichhaltigen Beweisen gerecht werden zu müssen.

Die Plauderei ist, recht verstanden, eine literarische Gattung.

 

Nov 28 21

Ontologische Fragmente

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Wie sollte sich eine geschändete und verunstaltete Sprache der Knospe gleich in aller Unschuld auftun und ihren Wohlgeruch verbreiten, um den summenden Befruchter anzulocken?

Wie sollte die zur politischen Aussage und lärmenden Sozialkritik herabgewürdigte Kunst schön sein können wie die Blume, deren Daseinszweck darin liegt, nichts als Blume zu sein und sich in neuen, ihr ähnlichen, noch schöneren Blumen zu vermannigfachen?

Das aufgepfropfte Reis blüht auf, denn es zehrt vom alten Stamm. Der man die schönen Augen ausstach, die Dichtung versinkt im eigenen Dunkel.

Das Amt für Sprachpflege betraut man mit Analphabeten und Illiteraten.

Das Ministerium für Kultur übernimmt jemand, der bei den Namen Mozart und Leibniz zuerst oder an nichts anderes als an Marzipankugeln und Schokoladenkekse denkt.

„Kultur“, dem Sinne nach schöner Blüten, schmackhafter Früchte und nährender Saaten Hort und Acker, die vieler Generationen für ihre Pflege und Hege bedürfen, wird zu einem verrottenden Komposthaufen, über dem parasitäre Fliegen schwirren und sirren.

Mancher wird als großer Denker gefeiert, wenn er Erkenntnisse zu Markte trägt, die jener an Tiefsinn und Bedeutsamkeit gleichen, daß es nachts dunkel ist, weil die Sonne nicht scheint.

Die Fortschrittsfrommen blicken naturgemäß stets nach vorn, nicht indes nach oben; um in die Höhe und das grenzenlose Blau des Himmels zu blicken, müßten sie ja stehenbleiben. Welch ein Zeitverlust! Welch eine religiös verbrämte Bummelei!

Die Lilie des Heils erblüht nicht auf den trostlosen Rasenflächen zwischen neu betonierten Sozialbauten.

Torheit widerlegt sich selbst, wenn sie von der sprachlichen Relativität allen Wissens faselt.

Die Bedeutung des Wortes „Katze“ ist nicht relativ zur Bedeutung des Wortes „Hund“ (oder zu den Bedeutungen aller anderen Wörter, die unser Wörterbuch verzeichnet); in einer Welt ohne Hunde bliebe jenes schöne Tier mit den blitzenden Augen und dem sanften Fell eben jene Entität, die wir mit „Katze“ bezeichnen.

Es ist ein grundlegender Irrtum der strukturalistischen Linguistik und der auf ihr fußenden postmodernen Philosophie anzunehmen, die semantische Relation von Name und Bedeutung sei ähnlich willkürlich, arbiträr und konventionell wie die phonologische Relation zwischen Lautbild und Vorstellung, wie sie sich in den unterschiedlichen Lautgebilden unterschiedlicher Sprachen darstellt. Aber was „the cat“, „le chat“, „il gatto“ und „die Katze“ meinen, ist dieselbe semantische Entität.

Torheit behauptet, wir sähen die Dinge nicht, wie sie an und für sich sind, sondern nur so, wie sie aus unserem Blickwinkel erscheinen. Das kommt der Behauptung gleich, wir seien blind, WEIL wir Augen haben.

Das Grinsen der Katze bleibt nicht wie für Alice im Wunderland noch eine Weile in der Luft hängen, nachdem sie sich davongeschlichen hat.

Ihr Grinsen geht wie ihr gereckter Schweif mit der Katze von dannen; denn sie ist eine natürliche Einheit, dasjenige, was Aristoteles Substanz nennt.

Wir haben mittels sorgfältiger Beobachtung und zoologischer Forschung festgestellt, daß es sich bei Katzen, Löwen und Tigern um dieselbe tierische Familie, nämlich die Feliden, handelt. Die Ähnlichkeit des Körperbaus und des Verhaltens der Katzenartigen gibt uns einen vernünftigen Grund für diese begriffliche Klassifikation; sie beruht nicht auf einer Ähnlichkeit, wie wir sie zwischen Bildern, Vorstellungen und Ideen assoziieren, sondern auf objektiver Wahrnehmung.

Mittels gestischer oder sprachlicher Deixis, also unter Verwendung des Zeigefingers oder des Demonstrativpronomens, isolieren wir aus der vagen Menge der Feliden genau dieses Exemplar, das dort in seinem Körbchen liegt und das wir „Bella“ nennen.

Die Natur ist die erste Lehrmeisterin unserer Sprache und des an sie gebundenen ontologischen Wissens; denn die Substanz dessen, was wir „Katze“ nennen, ist die Katze, dagegen ist die Substanz dessen, was wir „Bett“ nennen, wie Aristoteles erkannte, nicht das Bett, sondern das Holz, aus dem es gefertigt ist.

Sprachliche Kompetenz zeigt sich in der Fähigkeit des Kindes, dieses schöne Tier mit den blitzenden Augen und dem sanften Fell „Katze“ zu nennen; objektives Wissen zeigt sich in der Fähigkeit des Schülers, die Katze in die Gattung der Säugetiere einzuordnen, ontologisches Wissen in seiner Fähigkeit, aus der Klassifikation der Katze als Säugetier zu folgern, daß ihr all jene Eigenschaften zukommen, die Säugetiere aufweisen, also intrakorporal zu empfangen, das befruchtete Ei im Leib der Mutter auszutragen, lebend zu gebären und ihre Jungen zu säugen.

Theorien, die nicht widerlegt werden können, sind keine; daher ist es nach Karl Popper rechtens, Marxismus und Psychoanalyse als Schein-Theorien zu betrachten. Aber widerlegte Theorien, muß man gegen Popper einwenden, teilen nicht dasselbe Schicksal wie ausgestorbene Arten; denn diese haben gelebt und echte Nachkommen gezeugt, jjene haben durch Schein-Zeugung wie etwa durch eine devote Mimikry und ausufernde Paraphrasen ihres gestelzten Jargons nur blutlose Halbwesen und sterile Phantome hervorgebracht.

Meisterdenker der Postmoderne scheinen ihren Ruhm der Maxime zu verdanken, denken heiße im Dickicht der Sprache die Orientierung und den Verstand verlieren, Desorientierung, Verwirrung und Ratlosigkeit aber als neuartige Formen des seelischen Aufschwungs und des geistigen Taumels zu genießen.

Ein Gerüst, mit dessen Hilfe ein Gebäude errichtet oder restauriert wird, kann und soll am Ende der anfallenden Arbeiten wieder entfernt werden; doch Schein-Denker errichten ein bizarres Gerüst aus sinnlosem Gerede, es hat weder eine dienende Funktion noch wird mit seiner Hilfe ein für sich stehender Bau aufgezogen. Doch sollen wir dem inhaltsleeren Phantom am Ende um seiner gewagten und verstiegenen Konstruktion willen unsere Bewunderung zollen.

Das ptolemäische Weltbild wurde widerlegt; aber das kopernikanische kann, so es die tatsächlichen Umläufe der Gestirne adäquat beschreibt, nicht wiederlegt, sondern nur wie durch Newton erweitert oder durch Einstein vertieft werden.

Angst vor der Wahrheit ist, wie Epikur und Lukrez wußten, ein Grund für den Aberglauben.

Torheit und heuchlerische Toleranz verbinden sich in Behauptungen wie jener, der Kalender der Maya sei in deren Kulturkreis nichts anderes als der julianische und gregorianische in unserem.

Der Schriftsteller Jorge Luis Borges entwarf folgende fiktive zoologische Klassifikation eines imaginären chinesischen Kaiserreichs: a) Tiere, die dem Kaiser gehören, b) einbalsamierte Tiere, c) gezähmte, d) Milchschweine, e) Sirenen, f) Fabeltiere, g) herrenlose Hunde, h) in diese Gruppe gehörige, i) die sich wie Tolle gebärden, j) unzählbare, k) die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind, i) und so weiter, m) die den Wasserkrug zerbrochen haben, n) die von weitem wie Fliegen aussehen.

Wir erkennen darin typische logische und ontologische Fehler und Mißgriffe wie Unbestimmtheit, Mischung des Realen und Imaginären, Selbstreferenz oder Nullreferenz, die natürlich von dem subtilen und augenzwinkernden Autor der „Bibliothek von Babel“ bewußt eingesetzt werden, um literarische Wirkungen wie Ironie, Irritation und Verblüffung zu erzielen.

Es wäre lehrreich, diese fiktive Klassifikation mit einer wissenschaftlichen, sachlich fundierten wie der für uns weiterhin maßgeblichen Carl von Linnés zu vergleichen. Doch nur eine monströse Intelligenz wie die eines Michel Foucault konnte sie ohne mit der Wimper zu zucken in seine angeblichen Paradigmen von Wissensformen als gleichrangig neben rein wissenschaftlichen Klassifikationssystemen einreihen.

Intelligenz und natürliche Klugheit in der Lebensbewältigung durch Umsicht und Vorsorge sowie den Gebrauch von Werkzeugen bieten uns keine hinreichenden Kriterien bei dem Unterfangen, den Unterschied zwischen Mensch und Tier zu markieren; ebensowenig das Bewußtsein, das Gedächtnis oder die Lernfähigkeit; suchen wir den Unterschied in der Tatsache, daß wir über Tiere sprechen, sie aber nicht über uns, daß wir ihr Leben erforschen, sie aber nicht das unsere; finden wir ihn in der Tatsache, daß wir Zeichen mit Bedeutungen verwenden, deren Verknüpfung sinnvolle oder sinnlose, wahre oder falsche Aussagen ergeben, Tiere aber Zeichen verwenden, die keinen objektiv darstellenden Gehalt haben, sondern rein kommunikativen Zwecken wie der Warnung, Drohung oder Werbung dienen.

Gewiß, wir können Sprachlaute auch als Signale gebrauchen, so rufen wir unseren Hund „Fips“ in der Absicht, ihn zu uns zu locken; nicht aber in der Absicht, auf die Tatsache, daß sein Name „Fips“ lautet, hinzuweisen, wie wir es tun, wenn unser Besuch danach fragt. Wir können, was Fips nicht kann, über Fips reden, ohne daß sein Name Signalcharakter hat.

Etwas meinen heißt durch sprachliche Mittel auf einen möglichen oder wirklichen Sachverhalt hinweisen. Wir können nichts meinen, was wir nicht sagen können. Und wenn wir etwas anderes oder das Gegenteil dessen meinen, was wir sagen, scheitert unsere Absicht, etwas zu meinen.

Wir erfassen das Verhalten von Lebewesen wie die Mäusejagd der Katze, indem wir ihre körperlichen Bewegungen als sinnvolles, zielgerichtetes Tun beschreiben (Lauern, Springen, Fangen, Totbeißen, Fressen) und aus dem Erfolg (oder auch Mißerfolg) des zielgerichteten Verhaltens auf seinen Zweck schließen (Stillung des Hungers, aber auch Spieltrieb). Der Zweck des Verhaltens muß dabei nicht als Absicht bewußt sein; so werden wir der Spinne nicht die bewußte Absicht unterstellen wollen, ein Netz zum Zweck des Beutefangs zu spinnen; aber genau zur Erfüllung dieses Zweckes tut sie es.

Wir erfassen eine menschliche Handlung mittels Beschreibung einer Bewegung (Drücken des Abzugs einer Pistole), Unterstellen einer Absicht (Tötung), Feststellung der Art ihrer Ausführung (Heimtücke) und ihrer Wirkung (Tod); hat die Person, die eine andere erschossen hat, aus niedrigen Beweggründen wie Mordlust, Befriedigung eines sexuellen Verlangens oder Habgier gehandelt, klassifizieren wir die Handlung als Mord. Durch Täterbefragung, Zeugenaussagen, direkte und indirekte Beweiserhebungen (Spuren, DNA-Analyse) können die Tatmerkmale objektiviert werden. Kann etwa dem Täter kein niedriger Beweggrund nachgewiesen werden, klassifizieren wir die Tat nicht als Mord, sondern als Totschlag.

Die Meinung, daß es sich bei diesem Sachverhalt um Mord und bei dieser Person um den Mörder handelt, kann im besten Falle durch ein gerichtliches Beweisverfahren erwiesen werden.

Absichten, Wünsche, Einstellungen zu haben ist nicht strafbar, auch nicht der Wunsch und die Absicht, jemanden zu töten. Nur post festum, nämlich einem, der es durch die Tat bewiesen hat, können wir nicht nur die Absicht, sondern auch die Fähigkeit unterstellen, einen Mord zu begehen. Dagegen kann man dem Bekenntnis einer Person, jemanden zu hassen und am liebsten tot zu sehen, nur selten eine ernsthafte Tötungsabsicht entnehmen.

Zur Ontologie zählen wir demnach nicht nur Objekte oder Entitäten wie die Katze und ihre Eigenschaften wie die, ein Säugetier zu sein, sondern auch Verhaltensweisen und Handlungen und ihre Eigenschaften wie die, einen Zweck oder eine Absicht zu erfüllen.

Ein fast komischer (und ziemlich windiger), dem Heiligen nachgeplapperter ontologischer Gottesbeweis: Könnte der schwache, törichte, unvollkommene, boshafte Mensch aus freien Stücken und ohne daß sich ihm gleichsam der Himmel geöffnet hätte auf die Idee eines alles vermögenden, allweisen, allgütigen und vollkommenen Gottes kommen? – Wenn aber nicht, so muß ihm Gott selbst die Idee eingeflößt oder offenbart haben. Also existiert Gott. – Doch könnte dies nicht auch Satan eingeflüstert haben, um den Menschen im Schweiße seines Angesichts bei der Stange zu halten?

Das Gesagte ist schon verhallt. Das Erlebte ist schon vergessen. Das Getane ist schon abgetan. Das Entstandene ist schon vernichtet. Da scheint einer zu träumen, und er träumt, er erwache, erwacht er aber, ist er schon entschlafen.

Der Esel, dem man ein Bündel Heu an einer Stange vor Augen hält, zieht den Karren immer weiter. Der Mensch, dem man die verlockende Frucht kommender Paradiese, Allbeglückung, Wohlleben und Umverteilung aller Güter zu seinen Gunsten, mittels staatlich gelenkter Indoktrination stetig vor Augen rückt, zieht den Karren immer weiter.

 

Nov 27 21

Gang in die Nacht

Wir zehren noch von Lauten wehen Sanges,
von Düften, sind die Blüten auch verblichen.
Die kleinen Sänger unsres Abendganges

sind den Volieren dunklen Leids entwichen.
Wir gehen einsam, hält uns auch ein Ahnen,
als ob noch Schatten ferner Liebe glichen.

Und nicht entrollen uns die Wolken-Fahnen
auf blauem Grund das königliche Zeichen,
nur Fetzen sind sie, grau vom Gram der Manen.

Doch kommt die Nacht, mag uns ein Mond erweichen,
quillt eine Träne er ins Laub hernieder.
Der Morgenstrahl soll uns nicht mehr erreichen.

O Nacht, verschließ uns mütterlich die Lider.

 

Nov 26 21

Die Fortschrittsfrommen

Sie schauen nicht, ob Zungen flammen droben,
ob sich in Wolken weiße Adler krallen.
Sie haben nur, den Gang zum Abgrund loben.
Sie scheinen Akrobaten, doch sie fallen.

Es quälen Wunderknospen die Banalen,
und dunkle Lust treibt sie, im Kot zu wälzen,
die höher ragen und sublimer strahlen.
Sie scheinen harsche Schollen, doch sie schmelzen.

Sie wachen auf erst, wenn Erinnyen beißen.
Prophetenwort heilt nicht, wenn Wunden eitern,
Gestank wird sie von ihrem Pfühle reißen.
Sie scheinen sich Titanen, doch sie scheitern.

 

Nov 25 21

Im Troste blauer Schatten

So wandeln wir im Troste blauer Schatten,
wenn sich des Abends Lid zum Traume senkt.
Der Tag hat uns sein goldnes Bild geschenkt,
ein bleicher Mond wölkt schon auf dunklen Matten.

Schlafwandlern gleich scheint unser Fuß zu schweben
auf nassem Gras, auf seufzerweichem Moos.
Leg ich mein müdes Haupt in deinen Schoß,
glänzt mir dein Blick wie nächtlich Tau an Reben.

Und was wir sagen, ist ein süßes Gleiten
von Blüten über grünen Schlafes Teich,
und was wir fühlen, ist den Kerzen gleich,
die sanft verlöschend Honigduft verbreiten.

 

Nov 24 21

Terzinen über den Kranz

Und was wir träumen, soll wie Tropfen rinnen
an alten Kruges veilchenblauen Wangen,
wie Duft, der ihm entsteigt, sei unser Sinnen.

Verweht in fernem Läuten, was wir sangen,
mag Schweigen uns in blaue Nacht entrücken,
Gezwitscher grüner Helle uns empfangen.

Wir gehen über hohen Klanges Brücken
zu Inseln, weißer Blüten träges Kreisen
will uns mit sanftem Taumel noch beglücken.

Dem blindem Sänger öffnen sich die Schneisen,
der Halme Dunkel beugt sich vor den Strahlen,
die sanft erlöschend Armut seligpreisen.

O schöner Kranz, gewunden unter Qualen.

 

Nov 23 21

Der alte deutsche Mief

Sprichst du mit ihnen, bist du schon geleimt.
Du müßtest ihre faule Sprache sprechen,
die Geistes Kapillaren dir verschleimt.
Verhalt den Atem, müßtest doch erbrechen.

Der Wurm, der Satz, krümmt sich, das Bild hängt schief,
die Soße Sinn trieft von den Rändern.
Es ist und bleibt der alte deutsche Mief,
ob Heil sie brüllen, ob devot sie gendern.

Was aus dem Schlund der Journalisten tropft,
gilt ihnen nun für reinentsprungen,
für weise, wer ihr Maul mit Phrasen stopft.
Gesang des Deutschen, er blieb ungesungen.

Laß kinderlos sie sterben, unbeweint,
die Väter nicht, nicht Mütter wollen heißen.
Die eitle Scham hat sie im Schwur vereint,
kein Volk zu sein von Schönen, Edlen, Weißen.

So kehre um, der Keim ist schon verderbt.
Leg unters Rauschen dich, wo Schwäne gleiten,
des Dämmerlaubs, von Theokrit geerbt.
Ins Dunkel lern mit Sapphos Chören schreiten.

 

Nov 22 21

Terzinen vom Duft der Verse

Die heiter duften, die Verse sollst du lesen,
denn leuchten sie wie Gras an Regentagen,
wirst du an ihrem grünen Duft genesen.

Und trübte manches Blatt der Rauch von Klagen,
quoll manches auf von salzgekörnten Flecken,
im Rhythmus fühlst du reine Pulse schlagen.

Doch ritzen dich im Dunkel Dornenhecken,
verlierst den Halt in wirren Zeilensprüngen,
magst du am schiefen Bild den Trug entdecken.

Glaub Spiegeln nicht, die dich verzerrend zwingen,
als hohle Fratze in die Nacht zu stieren.
Die Staub nur wirbeln, knick die Talmi-Schwingen.

Bei unbesonnten Versen mußt du frieren,
die aber schimmern mild aus Dämmerungen,
sind Blüten, die den Kranz des Dichters zieren.

Sie duften noch, ist längst der Vers verklungen.

 

Nov 21 21

Unterwegs

„Weißt du es noch, wohin wir gehen?“
„Ich weiß es nicht, wir ziehen nur,
weil sie begrünt, auf dieser Spur.
So grünt der Sinn, den wir verstehen.“

„Du meinst, daß wir den Ahnen trauen,
die einst in Fernen sich gewagt.“
„Ja, ihnen hat ein Gott gesagt,
auf seinen Wandelstern zu schauen.“

„Doch ist sein Wort ja lang verklungen,
kein Stern ist, der wie jener blinkt.“
„Ein uralt Lied wird neu gesungen,
die Blume ist es, die nun winkt.“

„Wenn aber Wege sich verzweigen,
wird dir vorm nächsten Schritt nicht bang?“
„Ich lausche bloß: Tönt fern Gesang?
Gut ist der Weg, den Musen zeigen.“

Gebahnte Wege sind auch Worte,
sie blühten schon von ehedem,
sie sprossen auf aus feuchtem Lehm,
ihr Duft führt uns zum alten Horte.

Und rauschen uns des Dichters Linden,
hat uns Erinnerung gewiegt,
das Dunkel nicht das Herz besiegt,
muß auch der Weg im Schweigen münden.

 

Nov 20 21

Du bist nah

Du bist im Gras, das aufseufzt, nah,
wenn ich durch Sommerwiesen streife.
Und wenn ich nach der Pflaume greife,
in Blattes Flüstern sagst du „Ja!“.

Hab ich das Fenster aufgemacht,
sie flattert auf, die scheue Taube.
Ich fürchte, daß mein Herz mir raube,
die naht, die schwarze Krähe Nacht.

Und wenn der alte Morgen graut,
find ich in deinen letzten Briefen
die Veilchenblüten, die dort schliefen.
O Augen, die mir hold geblaut!

Du bist im Schnee, der aufseufzt, nah,
wenn Lüfte mich umkosen, laue.
Mir ist, als ob das Herz mit taue,
mit jedem Tropfen sagst du „Ja!“.

 

Nov 19 21

Das neue Lied

Wir können weitgebahnte Wege gehen,
die sich durch sanfte Wiesengründe winden,
wo Tulpen nicken, Weidenschleier wehen.

Und wenn wir Menschen gleichen Sinnes finden,
die mit uns in den Sommerlauben schweifen,
ertönen Laute, die uns tiefer binden.

Doch irren wir, wo keine Früchte reifen,
kein Lächeln, keine Blumen unsrer harren,
im Schnee der Einsamkeit wir Schatten greifen,

im Moor der Trübsal nach Gebeinen scharren,
versinkt wie eine Puppe, nackt, zersprungen,
das Wort, die glucksend platzen, Blasen narren.

Hat aber rein der Quell ein Lied gesungen,
ein ungehörtes, lang um Blumenwangen
und füll den Krug, der Meisterhand gelungen.

Stillt wohl das Köstliche nur dein Verlangen,
wirst du nicht Freunde laden dir zum Feste,
lebt nicht das Lied erst, da es alle sangen?

Daß sie nicht heiser sind, die werten Gäste!

 

Nov 18 21

Terzinen vom menschlichen Zwiespalt

Kein Wort, das nicht wie welke Blätter zittert,
kein Leben, das nicht dunkle Mächte falten.
Der Sehnsucht Fenster hat der Tod vergittert.

Kein Bild ist, unsern lauen Blick zu halten,
wir schauen auf, und Stern und Blume blassen.
Als träumten wir, zerrinnen die Gestalten.

Und was uns wert, wir können es nicht fassen,
wir pressen alle Formen, bis sie fließen.
Wir lieben spät, zu spät, was wir verlassen.

Wir können, was wir haben, nicht genießen,
das unerreichbar Schöne macht uns leiden.
Wir welken hin, wenn rings die Veilchen sprießen.

Im Kusse lodert Angst uns vor dem Scheiden,
was wir verehrt, verlarvt sich uns zur Fratze.
Was uns verhaßt, wir wollen es nicht meiden.

Wie göttlich ist die Einfalt einer Katze!

 

Nov 17 21

Männliche Maske

Er kam aus Dämmerungen, ohne Hoffnung,
was über, unter, in ihm ausgerauscht,
als Muschel zu werfen auf den blanken Tisch
der Sonne, als zarten hohlen Vogelschädel
dem stolzen Tag aufs Fenstersims zu legen.
Und wär das Meer nicht schon, das Blut, verebbt,
vom salzigen Wind er zum Gespenst verhärmt,
was hätten Schatten ohne Herz zu sagen?
Doch suchte er wie Falter im Dunkel Süße
nach Blicken noch, nach jenem Liebesglanz,
der Feuer mischt mit süßer Feuchtigkeit.
Die Tropfen, die an Halmen zitternd glommen,
als ihm der alte Garten seinen Pfad
von Moosen ausgerollt wie einen Teppich,
sie waren die Erinnerung an Tränen,
die einmal, es war die Zeit der Fliederblüte,
mit Wärme seine hohe Wange kosten.
Und eignen schweren Duftes müde wogten
die weißen Rosenknospen, als flehten sie
nach ihr, der weißen Hand, die sie dereinst
wie kühlen Flaum zum heißen Antlitz hob.
Wo schwand sie hin? Und sank das Blumenantlitz
wie ein vom Wind gepflücktes Blütenblatt?
Hat neidisch auf ihr Blau die Veilchenblicke
der Azur in sein Aber-Meer gelöst?
Das Zwielicht kam, es siegt das Ungewisse,
so warf er sich wie einsam Tiere tun
ins hohe Gras, der Dunkelheit entgegen.
Und seltsam, wie schon dumpfer schlug das Herz,
durchglänzten warme Tropfen seinen Schlaf.
Doch waren seine Augen trockne Brunnen.

 

Nov 16 21

Der Gang zur Krippe

Und wenn wir schlafen, schweben leise Flocken,
und träumen wir noch Träume voller Bangen,
ertönen aus verschneitem Tal schon Glocken.

Erwachen wir, das Traumbild ist verhangen,
doch schläft die Welt, gehüllt in weiße Linnen,
verstummt die Stimmen, die dem Leben sangen.

So wollen wir auf eigne Fülle sinnen,
zu Bildern fliehen, die dem Blut entsteigen,
zu traurig-schönem Glanz, wenn Tränen rinnen.

Und finden wir im Bild, im Glanz nur Schweigen,
als wären wir im tiefsten Schnee begraben,
bleibt dürftig Hoffen: Tropft der Tau von Zweigen?

So öffnen wir, was wir verschlossen haben,
durchs Fenster wehen noch die fernen Töne,
die Schwelle glänzt von Himmels Blütengaben.

Wir suchen, wo ein Stern das Dunkel kröne,
und finden licht die Nacht um eine Krippe,
das Wort, das uns mit unserm Sein versöhne.

O Wort, du Tau auf trockner Menschenlippe.

 

Nov 15 21

Lichterprozession

Wenn wir Leuchtkäfern gleich im Wingert schweifen,
dem Rebendämmer streuen zarte Helle,
wird Mondes Blässe kaum zur Traube reifen.

Die wir entzündet auf des Abends Schwelle,
die Flamme hüten wir mit klammen Händen,
daß süßer Sang uns leite zur Kapelle.

Dort wollen wir dem hohen Bildnis spenden
die bang schon flackern, Lichter unsrer Seelen.
Nur glanzbetaute Nacht kann sie vollenden,

die schönen Gesten, die zum Dank uns fehlen,
wie fahlen Knospen, die sich erdwärts beugen,
die Tropfen, die ins matte Herz sich stehlen.

Wir ziehen hin, ein Engel mag’s bezeugen,
wie Seelen, fast erloschen, neu entbrennen,
wie Knospen, schon erblindet, wieder äugen.

Daß Nächte wir noch hell und gnädig kennen!

 



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