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Objektivität und Wahrheit II

06.01.2015

Grundlnien einer Kritik des erkenntnistheoretischen und kulturalistischen Relativismus

Wir fragen weiter: Wenn der skeptische Relativist behauptet, man könne nichts mit Sicherheit behaupten, muss er sich und uns dann nicht eine mehr oder weniger große Unsicherheit bei der Behauptung, man könne nichts sicher behaupten, eingestehen? Wenn der Relativist behauptet, unsere Einsichten seien durch die begrifflichen Grenzen der Sprache eingeschränkt, muss man dann nicht die Gültigkeit dieser Behauptung aufgrund derselben begrifflichen Grenzen einschränken – denn eine andere Sprache als die unsere steht auch dem Relativisten nicht zur Verfügung? Wenn er angeben sollte, in welchem Maße unsere Einsichten durch die Grenzen der Sprache eingeschränkt sind, würde er dann nicht über einen Maßstab verfügen, der es ihm erlaubte, die Grenzen so weit zu verschieben, dass unsere Einsichten immer weniger eingeschränkt wären, bis sie am Ende die volle und ganze Wahrheit erreichten? Wenn der Relativist aber, um die Beschränktheit unseres Horizonts beschreiben zu können, die Einsicht in einen weiteren Horizont und schließlich die Einsicht in den uneingeschränkten Horizont der vollen und ganzen Wahrheit voraussetzen muss, widerspricht er sich selbst und untergräbt seine eigene Position.

Der Relativist sagt etwas, das auf Basis unserer allgemeinen Annahmen oder unserer sprachlichen Konventionen nicht gesagt werden kann. Als würde ein trotziger Student der Mathematik den begrifflichen oder zahlentheoretischen Rahmen, auf dessen Hintergrund wir die Reihe der natürlichen Zahlen in gerade und ungerade Zahlen oder in Primzahlen und Produkte von Primzahlen einteilen, mit der Behauptung in Frage stellen, er könne sich auch einen begrifflichen Rahmen vorstellen, in dem man zwischen den geraden und ungeraden Zahlen oder zwischen den Primzahlen und den Produkten von Primzahlen beliebig viele neue natürliche Zahlen konstruieren könne. Aber wenn wir die Reihe der natürlichen Zahlen einmal durch die Aufforderung n + 1 festgelegt haben, haben wir auch den begrifflichen Rahmen festgelegt, der uns darauf verpflichtet, zwischen geraden und ungeraden Zahlen zu unterscheiden – und uns verbietet, unsere neugierigen Köpfe zwischen „gerade“ und „ungerade“ zu stecken, weil es dort nichts zu entdecken gibt.

Mit der Tatsache, dass deine Perspektive oder Sicht der Dinge (beispielsweise wenn du dies liest, wie nur du es zu lesen vermagst) durch keine andere Tatsache erklärt oder relativiert werden kann, haben wir eine Form absoluter Wahrheit aufgespürt. „Absolut“ bedeutet hier schlicht und einfach nur, dass jeder Satz, in dem das Personalpronomen der ersten Person durch ein anderes Subjekt ersetzt wird, den vollen Gehalt des ersten Satzes nicht ersetzen oder wiedergeben kann.

Eine andere Form absoluter Wahrheit gewinnen wir am Wesen der Dinge: Jedes Ding, das wir benennen können, hat wesentliche Eigenschaften, ohne die es nicht das Ding wäre, von dem wir reden. Dass es daneben auch zufällige oder kontingente Eigenschaften aufweist, tut dem keinen Abbruch. Ein Stuhl ist ein Ding zum Sitzen, eine Sitzgelegenheit, und alles, was uns zum Sitzen dienlich sein kann, können wir „Stuhl“ nennen. Ob das Sitzmöbel natürlichen Ursprungs ist wie ein Stein, ein Baumstumpf oder ein Elefantenschädel, ob es handwerklich oder industriell von uns hergestellt, aus Holz, Aluminium oder Plastik besteht, ob es grau oder gelb ist, ob schlicht oder von kühnem Design, es zählt als Sitzmöbel, wenn wir es als solches verwenden.

Hier bildet der von uns gewählte Zweck das Wesen; bei natürlichen Materialien und Stoffen bilden die chemischen und physikalischen Elemente, die das Ding aufbauen, die wesentlichen Eigenschaften, ohne die das Ding nicht wäre, was es ist, oder ohne die es ein anderes Ding wäre, das wir nicht mit diesem, sondern einem anderen Namen benennen würden. Wäre der flüssige Stoff, in dem wir schwimmen können und der unter Null zu Eis kristallisiert, nicht aus zwei Atomen Wasserstoff und einem Atom Sauerstoff aufgebaut, wäre er kein Wasser.

Der Relativist ist wie gesagt ein Schlaumeier und hat manches aus der Physik aufgeschnappt, das er gern zum Besten gibt, um seine Einstellung zu untermauern. Besonders die sogenannten rätselhaften Phänomene der Quantenphysik haben es ihm angetan. Hier glaubt er fündig zu werden und Zeugen wider die Anhänger der feststehenden oder absoluten Wahrheiten aufrufen zu können. Wenn Quantenzustände der Materie zu solch seltsamen Phänomenen führen, dass ein und dasselbe Teilchen zugleich hier und an einem anderen Ort ist oder dass sich zwei Teilchen identische physikalische Zustände teilen, dann ist es, ruft er entzückt aus, nicht weit her mit eurer Logik und dem Satz der Identität oder dem Satz vom Widerspruch! Wir dürfen uns hier nicht ins Bockshorn jagen lassen, sondern wollen nur ruhig darauf hinweisen, dass wir auch bei der Beschreibung der seltsamen Phänomene der Quantenphysik von DEMSELBEN Teilchen sprechen oder von IDENTISCHEN physikalischen Zuständen, um mit Genugtuung feststellen zu können, dass uns die gute alte Logik noch nicht verlassen hat.

Doch richtig in Fahrt kommt unser Relativist erst, wenn es ans Eingemachte geht und er den kulturrelativistischen Totschläger für seine vermeintlichen Totschlag-Argumente hervorholt: Ein Stuhl sei doch ein kulturelles Produkt, und allemal seien Kulturen vorstellbar, in denen man nicht zu sitzen pflegt, sondern meinetwegen liegt, wie es die alten Griechen und Römer bei Tisch zu tun geruhten. Hier kann man wieder ruhig darauf hinweisen, dass die Definition eines Dings mittels seiner wesentlichen Eigenschaften keineswegs die Bestimmung enthalten muss, dass es ewig existiert oder in allen möglichen Welten exemplifiziert ist. Aber sobald es einmal da ist, bemühen wir uns als fleißige Denker darum, seine wesentlichen Eigenschaften herauszufinden. Indes bestreitet unser Skeptiker natürlich die Existenz von wesentlichen oder notwendigen Eigenschaften: Könnte Wasser in einer anderen Welt nicht andere Eigenschaften haben, wirft er kühn in die Runde, zum Beispiel bei 100 Grad Celsius kristallisieren? Dazu ist zu sagen, dass die Welt, in der Wasser diese seltsame Eigenschaft hätte, auch in jeder anderen Hinsicht anders wäre als unsere physikalische Welt. Also wäre der Stoff, der in dieser Welt bei 100 Grad Celsius kristallisierte, auch kein Wasser.

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