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Jan 17 26

Verschwebende Klänge

Venus kann nur aus dem Dunkel leuchten.
Liebe muß die lichte Schwelle scheuen,
daß sich Orpheus Augen wieder feuchten.

Zarte Halme, die im Winde schwanken,
daß wir um sie bangen, uns daran erfreuen,
blühen, welken dichterisch Gedanken.

Tote Häute, trocken, ausgewrungen,
die am Dorn des Schlafes kleben,
hat sich bunter Flügel aufgeschwungen.

Wimpern, die noch bange Träume halten,
wie sie zittern, wie sie beben,
bis der Lider Blätter sich entfalten.

Flehentlich scheint uns des Nachts zu rufen
Wasser wie aus grünen Nymphengrotten,
weicher schluchzend an bemoosten Stufen,

wo einst Purpursäulen Hochsinn baute,
seine dunkle Herkunft zu vergotten.
Herz der Völker, wie es uns ergraute.

 

Jan 16 26

Schwermut, herber Duft

Schwermut weht, ein herber Duft,
wie aus alten Eichenschränken
von Lavendelblüten, ganz verblaßten.
Wir wissen nicht, an wen wir denken.

Erklingt der Abendglocken Bronze,
scheint in uns dunkel mitzuschwingen
Erinnerung an frühe Orte,
wo Hand in Hand wir mit der Liebsten gingen.

Und stehen einsam wir am offnen Fenster,
sinkt golden-fahler Dunst hernieder,
ein Gurren tönt noch dumpf von Tauben
aus weich geblähtem Traumgefieder.

Hat Schnee gedämpft das laute Leben,
sind Spuren lesbar, Tupfen wie auf Wangen,
Schönheitsflecken auf der Anmut Lilien.
Wir ahnen wohl, wer dort gegangen.

 

Jan 15 26

Pascal ohne Gott

Wer nicht im Schweigen endet,
hat nicht alles gesehen.

E. M. Cioran

 

Gespött der Schöpfersonne,
der Nächte kühler Ruhm,
schwebt fahler Mond sein Geist
hin über menschenferne
Meere.

Der Masken müd durchstreift
er die Elysischen Felder,
hört wie im Traume niedersausen,
das wollusttrunken blitzt,
das Beil.

In den Ruinen von Port-Royal
sticht ihn am Aug ein Dorn,
und er gedenkt der Schwester,
die zu sehen wähnte nah
das Heil.

Hinter den glitzernden Nägeln
auf abertausend Kreuzen der Nacht
erblickt er zwischen A und O
die vom Schrei geschwärzte
Leere.

Auf dem Zettel, den er eingenäht
im Mantelfutter trägt, streicht er
alles durch und läßt nur stehen
non des philosophes et des savants
Feu.

Als er sieht, wie heißer Strahl
das Mark des Daseins höhlt,
kein Sinn den Abgrund jemals füllt,
streicht er auch dies, schreibt hin nur
Creux.

 

Jan 14 26

Splitter in der Wunde Einsamkeit

Aus einer Ars poetica parva

Im weichen Dunst Erinnerung
ein dunkler Fleck am Horizont,
wie eine tote Robbe aus der Schar
des Proteus, die dort liegenblieb,
als gischtend der Hexameter
die grüne Woge um ihn schlang.

 

Im Schneegefild die schiefe Spur
des angeschossenen Wilds.
So geistert durch den Traum,
gleich einem Hinke-Iambus,
der Schwellfuß eines Schatten-Ich,
das im Blätterrauschen
goldener Ode eine Sänfte wähnt.
Nur immer ferner tönt das Laub,
wird fahler nur und grauer,
je atemloser es ihm tastet nach.

 

Mönch am Meer, Splitter
in der Wunde Einsamkeit.
Abgeschnittenes Lid,
sobald er in den Spiegel blickt,
den sinnloses Gelalle trübt.
Kein Engel wird ihn gnädig ziehen
über wüster Urflut Schaum
ins sanfte Licht des Chorgesangs.
Vom schwarzen Dunst zermürbt
versinkt er in der Dünung Schnee.

 

Ei, gesprenkelt gelb und rot,
im Nest zurückgelassen,
dem ungesagten Amen gleich,
kein Psalm, der’s ausgebrütet.
Die Vögel flogen jählings auf,
von Wohlgeruch gelockt,
als wehte Traum von Eden.
So fault verwaist das Wort,
wenn auch der Seele Nest
verdorrt mit kahlen Ästen
im Silbermond elegisch
ächzend lang noch schwingt.

 

Anmerkung zur Zeile „Abgenschnittenes Lid“:

„Das Bild liegt mit seinen zwei oder drei
geheimnisvollen Gegenständen wie die
Apokalypse da, als ob es Youngs
Nachtgedanken hätte, und da es in
seiner Einförmigkeit
und Uferlosigkeit,
nichts als den Rahmen im Vordergrund

hat, so ist es, wenn man es betrachtet,
als ob einem die  Augenlider weggeschnitten wären.“

Heinrich von Kleist

 

Jan 13 26

Blaise Pascal, Mémorial

Depuis environ dix heures et demie du soir jusques
à environ minuit et demi
Feu.
Dieu d’Abraham, Dieu d’Isaac, Dieu de Jacob,
non des philosophes et des savants.
Certitude, certitude, sentiment, joie, paix.

Seit ungefähr abends zehneinhalb bis ungefähr
eine halbe Stunde nach Mitternacht
Feuer.
Gott Abrahams, Gott Isaaks, Gott Jakobs,
nicht der Philosophen und Gelehrten.
Gewißheit, Gewißheit, Empfindung, Freude, Frieden.

Blaise Pascal, Mémorial

 

Eitel Stroh, jäh angezündet
wie durch Glas von losem Strahl,
ist es nicht gewesen.

Docht, der sich ins Dunkel windet,
Herz in seiner stummen Qual,
hat die Flamme sich erlesen.

Und es fühlte heiße Freude,
wie es honiggleich gebrannt
und sich selber süß verzehrte.

Wohlgeruch, der sich gebreitet,
schien dem Blütenduft verwandt,
der aus Eden wiederkehrte.

Mußte bald es niederbrennen,
war verwandelt doch die Nacht,
ohne Grauen war ihr Schweigen.

Auch die göttlich nicht mehr nennen,
was den Abgrund Herz entfacht,
mögen sich vorm Denkbild neigen.

 

Jan 12 26

L’art pour l’art

Künstlich wolltest du die Blume,
daß herbstlich sich dein Vers nicht neige,
kein Fäulnisduft den Sinn benehme.

Verse, Augen, Lapislazuli,
den keiner Rührung Nebel trübt
und keine Pathosdünste feuchten.

Aus Tiefen taumelnd Verskristalle,
die kalt ein Licht von Monden spiegeln,
doch Sonnen meiden, die sie schmelzen.

Daß sich aus fahlem Kalk der Angst
die Muschel forme, o Geduld,
und schimmernd auch die Perle Schmerz.

Keine Haut war kühl genug für ihren Glanz,
hermetisch hast du sie verborgen
im Sand, von Reimes Gischt umschäumt.

 

Jan 11 26

Flocken, in der Nacht gefallen

Gleich Flocken, in der Nacht gefallen,
die Sonne läßt sie seufzend tauen,
zerrinnt in rätselhaftes Lallen
der Verskristall im Abendgrauen.

Wie Wolken, weiche Traumgestalten,
Sturm wischt sie vor der blauen Leere,
sind Verse Knospen, die sich ballten.
Schon funkelt dunklen Gärtners Schere.

Bald schenkt sich Feuchte grünem Rohre,
bald ist sein Mark vor Glut zersprungen.
Herabgesandt aus goldnem Tore,
erloschen sind die Feuerzungen.

 

Jan 10 26

Antikisierende Phantasmagorien

Ich bewirtete dich gerne, Telemach,
verschmähtest du auf deiner Reise meine schwermutgraue Schwelle nicht.
Dein Fahrtenlied für meinen Becher ländlich schlichten Weins.

Die Wunde salbte, Philoktet, ich dir,
den Silberklang des Bogens zu vernehmen,
den einmal wider meine Ohnmacht du noch spannst.

Den treuen Hund, Odysseus, der müde wedelnd dich erkannt,
und da du zärtlich ihn gekrault, entschlief,
begrübe ich bei deinen Beeten, Eurykleia.

Dem Chorgesang zu lauschen vor der Göttin Bild,
schlüge kühn ich, Sappho, in die Büsche mich
deines mondbehauchten Hains.

Betört vom Lied der Nachtigallen schöpfte aus der Quelle
einen kühlen Trunk ich euch, da bei Kolonos ihr noch rastet,
dir, Ödipus, und, Antigone, auch dir.

Doch vor deinem Adler, Zeus, risse Ganymed ich weg,
daß er den Hirten irdene Krüge reiche,
vom Blendwerk hohen Prunks geheilt.

 

Jan 9 26

Porträt des Dichters als Waldmaus und Eule

Mit der Waldmaus,
der schon das Fell erschauert
vom Todesgriff der Kralle,
schattet sanft ein Flügel hin,
erfüll den Sinn des Seins.

Mit der Eule auch,
wenn langsam wie im Schlaf
das Lid vom kalten Aug sie schiebt,
sich ihr Gefieder bläht
in orphisch-blauer Nacht.

Angst macht, daß du sehr still
Samen sammelst, Verse,
durch dunkler Strophen Gänge
ins Nest des Traumes bringst.

Doch Triumphgefühl,
wenn lautlos du hingleitest,
im Schneegefild den Schattenflaum,
süßen Fleisches Reim dir fängst.

 

Jan 8 26

Abbrechende Wege

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Le cœur a ses raisons que la raison ne connaît point.

Blaise Pascal

 

Am Ende des Weges ähneln wir kaum noch denjenigen, die ihn beschritten haben.

Wir gehen auf einem Weg, der allmählich ansteigt und auf eine Anhöhe führt, die uns mit einem schönen Fernblick für die Mühen des Aufstieges zu entschädigen scheint. Wir wollen weiter, doch der Weg bricht unvermutet ab; der Rückweg ist uns versperrt. Sonderbar, der schmale Pfad ward unter Schutt und Dorngestrüpp unsichtbar. Wir bleiben zurück. Bis zum Abend, sagen wir uns, haben wir ja noch die schöne Aussicht.

Wege kann man eigentlich nur Strecken nennen, die auf einer Karte von einem Ausgangspunkt zu einem Zielpunkt führen. Der Ausgang unseres Weges aber liegt ebenso im Dunkel wie das Ziel. Eine Karte wurde uns nicht ausgehändigt.

Die Illusion, wir seien, weil der Weg so mühsam ist, wohl in höherem Auftrag unterwegs, vielleicht gar, die Anwohner auf der anderen Seite des Gebirges mit unserem unverhofften Erscheinen und unserem fremdländischen Akzent in Erstaunen zu setzen, ist unserem skeptischen Gemüte leider versagt.

Der Weg steigt allmählich an; auf der Anhöhe blicken wir in die Ferne. Wir gehen weiter, der Weg wird abschüssig, windet sich durch Gestrüpp, dann bricht er ab. Wir SIND dieser Weg.

Wir können (unter günstigen Umständen) sagen, was wir meinen. Doch (unter keinen Umständen) meinen, was wir wollen.

Wir können diese oder jene Frucht vom Baum der Sprache pflücken. Wir selbst aber haben ihn nicht gepflanzt.

Etwas meinen heißt auf ein grammatisch geordnetes System bedeutsamer Ausdrücke zurückgreifen, das uns gegeben, nicht sua sponte von uns erfunden, konstruiert oder erklügelt worden ist. Es ist eben jener Baum der Sprache, den wir nicht gepflanzt haben und der ohne unser Zutun emporgewachsen ist.

Wer den Keim in die Erde senkte, ist nicht bekannt, ist unerfindlich.

Manche sind wie gelehrte Gärtner und vermögen es, auf den alten Sprachzweig ein frisches Edelreis zu pfropfen. – Das Reis, das Luther pfropfte oder Goethe.

Es kann eine neue Stimme in den Kanon eintreten; freilich muß sie die kontrapunktische Linienführung beachten, die in diesem Tonsystem als gültig angenommen worden ist (die beispielsweise den Tritonus vermeidet).

Einer hat, wenn auch erschöpft, den Aufstieg glücklich gemeistert; erfreut von der weiten Aussicht auf der Anhöhe winkt er der Schar der Freunde, die fern im Tal zurückgeblieben sind. Sie aber deuten sein Winken nicht als Aufforderung, es ihm gleichzutun, sondern als resignatives Zeichen, die Anstrengung lohne nicht, die Aussicht halte nicht, was der Reiseführer verspricht.

Einer hat die Anhöhe erklommen und schaut auf den verschlungenen Weg zurück, der ihn dorthin geführt hat. Von wo er seinen Ausgang nahm, vermag er nicht zu erkennen, er liegt schon im Dunkel.

Da wir immer etwas denken oder der Gedanke stets einen Sinngehalt hat, läßt sich das Nichts nicht denken. Freilich, es gibt Unsinn; doch dies nennen wir gedankenlos.

Der Kern in der Nuß, das Ich im Wir, der Satz in der Sprache: Eins scheint immer in einem anderen enthalten, wie die Puppe in der Puppe. Aber die alles umhüllende Schale, auch wenn wir sie All oder Universum nennen, können wir nicht denken.

Ein Satz kann in einen anderen eingefügt werden, und dieser komplexe Satz wiederum in einen Satz, der um noch eine Stufe komplexer ist. Aber einen alle Sätze enthaltenden Satz, eine alle Sprachen umfassende Meta-Sprache können wir nicht denken.

Die Puppe, die in der Puppe verborgen ist, die sie enthält, mag wieder ein Püppchen enthalten, das von den beiden Puppen umfaßt wird. Aber wir gelangen auf diese Weise nie zu einer allerwinzigsten Puppe, zu keinem Atom aller Puppen.

Der Augenblick ist nicht der ausdehnungslose Punkt einer Zeitstrecke, die wir aus solchen Zeitatomen konstruieren könnten. Kein Moment ist Atom, jeder Abgrund.

Nie können wir zum Augenblicke sagen: Verweile doch, du bist so schön.

Es ist für unser Dasein nicht relevant, ob wir glauben, die Sonne kreise um die Erde oder die Erde um die Sonne.

Daher gibt es keine kopernikanische Wende des Denkens, sondern nur eine in der astronomischen Theorie. Und auch diese kann in Einsteins Metatheorie eingebettet werden.

Ich sehe keine existentielle Notwendigkeit, die angeblichen Wahrheiten, die heute allgemein ventiliert und akzeptiert werden, mir zu eigen zu machen.

Für mich besteht ebensowenig die Notwendigkeit, mich als Zeitgenossen der Moderne oder Postmoderne zu definieren, wie für die Zeitgenossen des Augustus die Möglichkeit, sich als Zeugen der klassischen Epoche der Antike zu verstehen.

Die Welt kann nicht von einer überweltlichen Intelligenz gemäß einem providentiellen Plan erschaffen worden sein und gelenkt werden, denn ob mein Kanarienvogel mich morgen früh wieder krächzend begrüßt oder tot in seinem Käfig liegt, kann selbst Gott nicht voraussehen.

Die Annahme eines kausalen Determinismus des Mentalen ist ebenso töricht wie jene, das Mentale werde von zufälligen Quantenereignissen auf neuronaler Ebene gesteuert .

Der gedankliche Boden, auf dem wir stehen und gehen, schwankt nicht nur, sondern besteht aus einer ungreifbaren Substanz, dünner als die Luft, die immerhin Flügel zu tragen vermag.

Der Körper kann die Seele ebensowenig enthalten, wie der Gedanke in einem spezifischen Hirnareal lokalisiert werden kann.

Die Erinnerung an jenen schönen Frühlingstag, der mir durch den Duft dieser Rosen erweckt wird, enthält kein einziges Arom.

Der neuronale Prozess der Geruchsempfindung mag vielleicht in einem Hirnareal lokalisiert werden, nicht aber die Erinnerung, die sie ausgelöst hat.

Wir sagen: „Meine Hand schmerzt“, aber wir können die Schmerzempfindung nicht an einer spezifischen Hautstelle lokalisieren.

Du kannst nicht sagen: „Hier ist der Schmerz“, wie du sagen kannst: „Dort liegt das Buch.“

Die Ursache der Rotempfindung ist eine bestimmte Lichtfrequenz, aber die Rotempfindung ist keine bestimmte Lichtfrequenz.

Ich kann von meiner Rotempfindung nicht auf das Vorhandensein einer Lichtquelle mit bestimmter Frequenz schließen, denn ich könnte von den Rosen träumen, die mir heute eine liebe Hand geschenkt hat.

Leib und Seele, res extensa und res cogitans, Materie und Geist, Ich und Es – Chimären eines halbmythologischen Denkens.

Ich gelange an kein Ziel; wenn ich endlich erschöpft ins Knie breche, könnte ich mir sagen: „Ich hätte bei besserer Kondition weitergehen können.“

Ich gelange an keinen notwendigen Anfang; denke ich an meine Geburt, könnte ich mir sagen: „Mein Vater hätte, bevor er mich zeugte, bei einem Unfall ums Leben kommen können.“

Ich könnte auch sagen: „Statt mich an jenem Tag zu zeugen, hätte mein Vater am nächsten Tag mit der Frau, die zufälligerweise meine Mutter wurde, ein Kind zeugen können, das nicht ich gewesen sein würde.“

Der Name kann, was er nennt, der Satz, was er behauptet, nicht wie ein Handschuh über die richtige Hand gezogen werden, nicht wie eine Hand die andere berühren. Hier klafft eine unendliche Lücke, ähnlich jener zwischen dem Finger Gottes und dem Finger Adams auf dem Bild des Michelangelo.

Und doch kann, wenn ich eine Tanne eine Fichte nenne, mein botanisch versierter Freund mich auf die Unwahrheit meiner Benennung hinweisen. Aber die Wahrheit der Behauptung hat keine Ähnlichkeit mit der behaupteten Tatsache. Wie sollte dann die Falschheit einer Behauptung eine Ähnlichkeit mit der Negation der Tatsache haben?

Uns aber kommt es so vor, als würde die Linie der wahren Behauptung die Linie der behaupteten Tatsache gleichsam im Fluchtpunkt des Unendlichen schneiden.

Die semantische Linie und die faktische Linie verlaufen, wenn wir von der Wahrheit oder Korrektheit einer Behauptung sprechen, gleichsam parallel. Uns kommt es dabei so vor, als würden die beiden Linien sich in einem unendlich weit entfernten Fluchtpunkt treffen. Daher die Rede von der Übereinstimmung von Satz und Tatsache, von der adaequatio rei et intellectus. Doch dies ist eine perspektivische Täuschung.

Törichte Arroganz wähnt, jetzt zu leben sei eine Auszeichnung gegenüber jenen, die vor uns gelebt haben.

Verfängliche, ja absurde Metapher: Vernunft oder nur dem Vernunftgesetz folgender Wille als epistemischer oder moralischer Steuermann des vernunftlosen, blinden Leibs.

Aber wir (nicht die Vernunft und kein vernunftgemäßer Wille) sehen mit den Augen und folgen dem Pfad, der uns eine schöne Aussicht verspricht.

Wir schlagen Wege ein, von denen wir nicht wissen, wo sie münden.

Ein ins Meer mündender Strom müßte sich wundern, daß er als Rinnsal begann.

Ich kann aus der Tatsache, daß die Aussicht von der Anhöhe beglückend ist, nicht folgern, daß dies gleichsam der Lohn für meine Anstrengung war, sie zu erklimmen; ich könnte Pech haben und alles im Tal wäre von Nebel verhangen und grauem Dunst.

Cogito, Schatten, den der Baum der Sprache wirft – und doch zugleich Geschmack ihrer Frucht.

Seelenverfinsterung: Verhärtung des Herzens, Sklerose des Gemüts, Fanatismus der Gesinnung.

 

Jan 7 26

Bilder, lang verblichen

Dahin also, wo die Stille noch grünet,
Zweige sich wölben über schmalen Pfaden,
wo ein Wasser gelbliche Rosen spiegelt,
lichte Schneisen ins Weite uns laden.

Oder zu weiß überstäubten Matten,
wo ein dunkles Murmeln herniedergehet,
abends der Wind aus blauenden Schatten
Schlafes schimmernde Tropfen wehet.

Bilder, Dichter, wie lang schon verblichen.
Was im Sommerlichte wir blühen sahen,
grauen Wintertagen ist es gewichen,
wo den Sinn verhüllende Nebel nahen.

Du sagst, sie sind nicht gänzlich zerronnen,
Herzen gleich, zerstochen von kalten Kristallen,
röten sie sich unter kommenden Sonnen,
Düfte zu senden aus purpurnen Ballen.

 

Jan 6 26

Wehgelall

Schrift auf grau bemoostem Mal,
schwer lesbar und zu deuten kaum.
Zur Quelle gingst du wie im Traum,
und was du schöpftest, schmeckte schal.

Du hältst die Kerze bang empor,
ein tiefer Seufzer, sie geht aus.
Heim schien es dir, dies stille Haus,
schon hämmert Eisenfaust ans Tor.

Stimme, einst vertrauter Schall,
fremd ward sie wie ein fahles Licht,
das durch Gebälk, geborstnes, bricht,
und ist dein eignes Wehgelall.

Zerreiß die Zeichen, Blatt für Blatt,
vergilbt ist längst das Sommerglück.
Ein einzig rotes halt zurück,
leg’s auf den Stein, die Grabesstatt.

 

Jan 5 26

Trauben, die im Dämmer leuchten

Kannst vorm grellen Bilde wohl
deine Lider rasch verschließen.
Doch das Gift des bösen Worts
wird im Blut noch weiterfließen.

In den Gärten der Erinnerung
harrten deiner Veilchen lange.
Aber jählings kroch empor
giftig-grün die Urwelt-Schlange.

Laß auf Wellen von Verlaine
sehnsuchtsblaue Knospen treiben.
Schmerz, der Kiesel, fahl und hart,
muß im Sand des Ufers bleiben.

Serenade, und sie schmelzen,
Mozarts schwermutweiche Flocken.
Doch die mitgelallt hat einst,
Zunge, starr bleibt sie dir, trocken.

Wenn im Traum die Liebste pflückt
Trauben, die im Dämmer leuchten,
ach, daß helle Tränen sanft
deine dunklen Wimpern feuchten.

 

Jan 4 26

Sesam öffne dich

Assez de lumière pour les uns et assez d’obscurité pour les autres,
pour que les élus soient illuminés et que les réprouvés soient aveuglés.

Klarheit ist genug, um die Erwählten zu erleuchten,
Dunkelheit genug, um die Verworfenen zu blenden.

Blaise Pascal, Pensées, Frag. 440/441

 

Wer vor einer Scheintür wartet,
einer Tapetentür
(die nur Dekor, Attrappe, Illusion),
und sagt: „Er wird bald kommen!“ –

der Fromme meint:
der Retter und Erlöser
(oder Rächer für alles Unrecht
in der Welt, besonders, was man
ihm selber angetan);

die Liebende:
der Geliebte
(der ihr des Daseins Leere füllt,
die Last ihr von der Schulter,
das Dunkel von der Seele nimmt) –

Der Dichter:
der Magier
(den schiefen Sinn ins Lot zu bringen,
die Warze aus dem greisen Wort zu brennen,
den Staub des Trivialen von Venus Lenden abzuwaschen)

hat, wer dies blind behauptet,
Unwahres ausgesagt?

Kann einer Falsches sagen,
dem die Möglichkeit benommen,
Wahres zu verkünden?

Kann man warten, hoffen
auf etwas, das unmöglich ist?

Und täte unverhofft,
auf wunderbare Weise
sich die Pforte auf,
wer immer aus ihr träte,
ob herrscherlich,
ob lieblich lächelnd,
einen Schlangenkopf am Revers,

das Unrecht bliebe
schmerzlicher nur fühlbar,
das Dunkel würde
dunkler noch erscheinen,
das starre Schiefe würde brechen,
die Schöne löste sich im Waschtrog auf.

*

Im Zwielicht scheinen wir zu wandeln,
mit offnen Augen träumend,
und jedes lichte Wort
wirft einen Schatten.

*

Mitten im monotonen Quaken
vom fahlen Neon-Mond erregter Frösche
am Teich des Schöne-Welten-Parks
hörst du einen Klang
von sonnengoldner Bronze,
wie einer Glocke,
die hinabgesunken.

Erzähl sie nicht, die wunderliche Mär,
sie hielten dich für einen Narren.

Sie würden dich vielleicht
zum johlenden Pläsir
der Aufgeklärten
als primitiven Dichter-Affen
in einen Käfig stecken,
nicht weit von jenem Teich.

Nein, halt sie dir vom Leibe.

Geh hin und lob
den abgeschmackten Singsang
als Kantate,
Bachs würdig,
höchst erlesen.

*

Durch die Tapetentür
tritt keiner ein,
und kein Bedrängter kann
hoffnungsbang dran klopfen,
daß ihm gütig werde aufgetan,
dem Elend zu entkommen.

Nur Dichtung kennt,
Kunst und Musik
ein „Sesam öffne dich!“ –

und der rohe Fels,
die graue Wand der Wirklichkeit
tut, ist die Stunde dir denn hold,
sich eine schmale Spalte auf,
und du entschlüpfst
in einem bläulich-rosa
Grottendämmerlicht.

Hüte dich, die Frist ist kurz,
schon verklingt die schöne Melodie,
schon blassen zarter Nymphen Wangen,
daß du zum Ausgang sputend
nicht werdest jählings eingequetscht,
wenn mit einem dumpfen Hall
die Wand sich wieder schließt.

 

Jan 3 26

Was vom Jahr der Seele blieb

Im Gedenken an Stefan George

Einsamer nie noch als im Mai.
Wenn unter wirbelnden Flocken
der Atem dir will stocken,
zwischen tausend Zungen, heißen,
mußt dir auf die deine beißen.
Aus Schilfen, Lauben, Schrei um Schrei.
Einsamer nie noch als im Mai.

Ein heller Wirrwarr der August.
Ein Wild du, Pfeilen zu entrinnen,
der Jäger Sonne, wüstes Sinnen
in Mondes kühlen Tau zu tauchen,
wenn fern schon neue Feuer rauchen.
Wie dumpf geht auf und ab die Brust
im hellen Wirrwarr des August.

Oktober reicht dir seine Hand.
Blatt, vergilbt, mit blassen Venen,
die nach Blut nicht mehr sich sehnen,
den stillen Schimmer einer Traube,
dem Blau entsunken, Flaum der Taube.
Daß du nicht schwankst am dunklen Rand,
Oktober reicht dir seine Hand.

Winter hüllt, schließt alles ein.
Weich sind seine weißen Laken,
Gaben ohne Widerhaken.
Schnee des Schlafes, weiße Leere,
Lichtkristalle ohne Schwere.
Wie still es ist, du bist allein.
Winter hüllt, schließt alles ein.

 

Jan 2 26

Heimat, verschüttete Quelle

Heimat, verschüttete Quelle.
Seufzen weht bisweilen Nacht,
geisterhaft wie einer Nymphe,
die gezwängt in ihren Schacht.

Trauben, die geglüht, erloschen.
Schnee der Birke unter Ruß.
Nur ein Fetzen Blau winkt manchmal,
müder Veilchen Abschiedsgruß.

Vögel, die genistet heimlich
dort im alten Laubengang,
hin und her hör ich sie flattern,
doch verstummt ist ihr Gesang.

Abenddampfers bunte Schlieren,
Festtagsschleppen auf dem Strom.
Nun schwankt mir im Traumgewoge
bleich entgegen ein Phantom.

Nein, es waren andre Sonnen,
die mir dort den Sinn enthüllt,
andren Monden hab das Linnen
unter Tränen ich zerknüllt.

 

Jan 1 26

Spickzettel Philosophie

Früher dachte ich, das Denken bedürfe neuer Worte und
Wortbildungen. Inzwischen weiß ich, es gilt die verschüttete
Macht der einfachen Sprache wiederzufinden.

Martin Heidegger

 

Eine ganze Wolke von Philosophie kondensiert zu einem
Tröpfchen Sprachlehre.

Wir führen die Wörter von ihrer metaphysischen auf ihre
alltägliche Verwendung zurück.

Ludwig Wittgenstein

 

Wir: nicht innen.
Welt: nicht außen.

*

Die Rose des Gedichts,
sie duftet nicht.
Erinnerung hat kein Organ
für Rosenduft.

*

Nicht: der Körper beseelt –
die Seele verleibt.

*

Mythos Seele:
Dunstgestalten,
dem offnen Mund der Toten
jäh entweichend.

*

Du gibst das Wort,
Frucht vom Baum der Sprache,
den du nicht gepflanzt,
flugs abgepflückt.

*

Dichten,
denken:
Wort für Wort,
Punkt um Kontrapunkt.

*

Wort, es kann nicht meinen,
was du willst.

*

Haust du mit dem Hammer
auf noch so kleinen Wortes Sinn,
ob „ich“, ob „du“, ob „und“,
zerreißt die ganze Kette.

*

Das entstellte Wort,
Warze im Gesicht
der Heuchelei.

*

Bedeutung ist kein Klumpen Lehm,
vom reinen Geist geformt,
von einem, der versteht,
mit Leben überhaucht.

*

Beseelter Laut,
das Lied.
Musik,
geistreicher Klang.

*

Je klarer seine Wasser fließen,
je tiefer ist des Brunnens Nacht.

*

Am lichten Tage reift die Traube,
im dämmrigen Verlies der Wein.

*

Wer alle Farben blind vermischt,
dem bleibt nur trübes Grau-in-Grau.

*

Überm Bodenlosen
lächelnd schweben.

*

Subjekt und Gegenstand,
Name und Objekt,
Idee und Phänomen,
verworrene Gespinste,
die keine Fliege fangen,
keinen Tropfen Licht,
von der Stirn uns streifen.

*

Wie der Diener auf den Herrn,
wartet einer vor der Tür,
die eine Scheintür ist,
Attrappe bloß.

*

Wie Raum und Zeit
eins ins andre fließen,
so schäumt der Sinn
glänzend,
fahlend,
aus dem Nichts hervor.

*

Kippschaltern gleich
sind Ja und Nein,
Wahr und Falsch.
Ein Urstrom ist,
was uns zu denken gibt,
das Dichterwort,
ein leuchtendes,
ein dämmerndes
Vielleicht.

*

Die fremde Hand berührend,
fühlt die eigene
sich selbst.

*

Des Lächelns Gischt,
der übers graue Herz
uns sprüht.

*

Träne,
funkelnd
an der Wimper
Nacht.

*

Wer die Fichte Tanne nennt,
hat sich bloß geirrt.
Anders, wer im Zeichenwald
umsonst die Lichtung sucht.

*

Wer nicht rechnen kann,
ist dumm.
Narr, wer nicht weiß,
was Zahlen sind.

*

„Indianer“ –
kein faktischer Irrtum
des Kolumbus,
ein begrifflicher.

*

Je heller die Lampe der Angst,
umso drohender die Dunkelheit.

*

Arg ist, Mann und Frau verwechseln,
ärger, Sinn und Unsinn.

 

Dez 31 25

Wiedersehen mit Hündchen

Zwei Tahitiperlen, schwarze,
angefeuchtet, blitzen,
Hündchens Augen.

Es erkennt dich gleich, verharrt,
eine Glückssekunde lang.

Dann springt es schon,
wie an Sonnenfäden wippend,
an der Hüfte dir empor,
und die rote Zunge lechzt.

Du aber klaubst,
wo hast du sie noch aufbewahrt,
aus der Manteltasche
Hundekuchen.

Spitze helle Zähnchen,
fein geschliffenes Elfenbein,
kratzen sanft die winterrauhe Haut.

Aus lasziver Seide scheint das Fell,
schimmernd gleich dem Prunk,
der schweren Dufts aus Truhen
im Boudoir der Pompadour
allzu üppig quoll herauf.

Noch nicht satt, mein Lieber?
Umsonst wühlt seine Schnauze
in der hohlen Hand.

Zerzaust, doch ohne Anmut nicht
wedelt es von hinnen.

Auf dem Fenstersims thront
derweil eine Sphinx,
die Siamkatze,
wie ein Phantom
aus weißem Porzellan.

Der Gegenwart entrückt,
erstarrt
im eignen Rätselbild.

Nur der Augenschlitz
aus schwarzer Jade
hat sich jäh verengt.

 

Dez 30 25

Das fliegende Mäuschen

Da war ein leises Knispern,
ein lang sich schwänzelndes Wispern,
die Gräser haben mitgesäuselt:

„Wolke soll das Schwesterlein
in Lichtgespinste hüllen ein,
daß fröhlich es mag schweben!“

Wolke sprach: „Waarum denn nit,
ik nehm de kleene Duun geern mit,
will um de Dörpen still se dragen.

Will ok nit stiegen allto hoog,
anners mutt se spejen noch
an miener Kant, von miener Reling!“

Im Schlaf lag das Geburtstagskind,
die Schwestern hoben es gelind
aufs Boot, das weich im Schilf geankert.

Und schon segelt es im Blauen.
Mäuseschar, das Wunder zu beschauen,
reckt empor die spitzen Wuselmäulchen.

Da winkt herab, vom Sonnenstrahl erwacht,
die Maus, daß selbst die alte Katze lacht,
hat maliziös ein Schnurrhaar auch gezuckt.

Wie’s gelandet ist im Abendlicht,
das weiß der Dichter leider nicht,
vom süßen Fiepen ist er eingenickt.

 

Dez 29 25

Sei nicht bang, mein Kind

Hat’s an die Scheibe nicht gepocht?
Die Ranke war’s im Wind.
Sei nicht bang, mein Kind.

Hat die Diele nicht geknarrt?
Das war die schwarze Krähe.
Sie scheut des Menschen Nähe.

Hörst du, Mutter, wie es rauscht?
Das sind die weichen Wellen,
die aus Träumen quellen.

Weh, kann ich ja nicht schwimmen.
Wie dein Bötchen aus Papier
tragen sie dich fort von hier.

In Fernen, da ich dich vermisse?
Zu Inseln, wo noch Elfen leben,
die an Sonnenfäden schweben.

Ist Täubchen, das entflog, bei ihnen?
Ja, es hüllt dein Schwesterlein
dich in sein Gefieder ein.

Und gurrt leise, daß ich schlafe.
Ja, nun schlummre ein, mein Kindchen.
Morgen weckt dich auf das Hündchen.

 

Dez 28 25

Brot und Kot

Honig der Erinnerung
schenkten Verse,
früh erblühte.

Duftlos aber sind
am morschen Zweig
Scheinblüten
fast erloschenen Marks.

*

Lymphe der Erde,
Sperma des Lichts
floß in den Wassern
des Helikon.

Trübsal,
sternlose Lache
verdunstenden Lallens.

*

Funkelndes
Sternbild,
Schatten
erhabener Friese,
Bilder mythischen Daseins.

Nebel,
langsam sich verdünnend,
nach nichts schmeckende
Zeichen,
Flocken,
die rasch tauen.

*

Grüner Wogen
Heimkehrpfade,
von Homeros
blind gebahnt.

Dunkle Spuren,
wirr betupfter
Schnee des Schlafs,
vom Gestöber
bald verwischt.

*

Stilles Maßwerk, zarte Streben
um das Gnadenbild.
Unbeschnitten wuchern Reben
in ein Dunkel wild.

*

Magnum Mysterium,
Brot ward das Wort,
Heil glänzt im Wein.

Dichter lauschen stumm
auf dem Abort,
klatscht Kot hinein.

*

Ein Engel war’s, der es verkündet,
wie der Gesänge zarter Rauch
gelöst im Blau des Himmels mündet.
Hör, Dichter, du die Botschaft auch.

Verwirf das Wort, das eitel grinste.
Leg deine Verse auf den Strom
wie zarter Blüten Lichtgespinste,
schau, sie entschwinden, ein Phantom.

*

Keine Maske wird uns schützen
vor den Viren, die wir blind
schlürfen aus den Trübsal-Pfützen,
die Schleim kranker Seelen sind.

 

Dez 27 25

Tote Tiere

Damals,
als du noch forsch gewandert bist,
einsam immer
nach der Zeit der Fahrtenwimpel,
was war es nur,
Aas vom Fuchs,
Kadaver eines Rehs,
wie hat es dich gewürgt.
Du bist vorbeigehastet
an der Lichtung,
dem Abgrund unersättlich
tiefer Nacht.

Und als du einmal heimgekehrt
aus einer grauen Ferne,
schwamm in der Tasse Tee,
die schludrig du nicht abgeräumt,
ein selig Paar von Mäusen,
winzigen, wie erstmals aufgeschnellt
von kleinen warmen Zitzen.
Und drehten langsam sich im Kreis,
wie im leisen Sog von Träumen,
wie in Träumen.

Zähl nicht,
die unter deinem Schuh
erdrückt, zerquetscht, zermalmt,
Larven, Spinnen, Würmer,
und am bretonischen Strand
Seesterne, Muscheln.

Die in der Früh,
als du im Kinderbett
aus dumpfem Schlafe aufgeschreckt,
der Bauer aus dem Pferch getrieben
und in den engen Laderaum gezwängt,
quiekten, schrien, schrien,
als ob sie’s ahnten,
todgeweihte Schweine.

O schweig von abgenagten Flügeln,
Rippen, fetten Braten,
Schinken, all dem roten Fleisch,
das bleich zerkocht
doch deinem Dämon
hat gemundet.

Die Taube dann,
die in der Einfahrt lag,
von einer Krähe aufgerissen,
der weiße Flaum
rötlich überkrustet,
hast du ins Feuilleton gewickelt,
erlöst von der Lektüre,
und in die Abfalltonne
sacht hinabgelassen
das ausgegurrte Leben.

Und gehst an Gräbern du entlang,
wenn Flammen des Gedenkens
in der Dämmerstille flackern,
liest da und dort
die Namen, töricht-weise Sprüche
auf Steinen über Schädeln,
die aus Höhlen feuchten Glanzes
stille Blumen sahen,
die Glorie der Sonnen,
erloschener Sehnsucht Monde
und am Horizont ein Schwermutblau,
das sich dem Abendpurpur mischte,
staunst du über das Versinken
all der Kreaturen,
die keine Spuren hinterlassen,
derer keiner je gedenkt,
in dunkler Erde
anonymem Schlund.

 

Dez 26 25

Zwiegespräch über die Kerze

„Plötzlich war sie ausgelöscht.“
„Es schien, als wär’s ihr Wille.“
„Das Wachs war beinah aufgezehrt.“
„Ein Luftzug war’s, ein jäher.“
„Das tiefe Seufzen tat’s von einem, der nicht schlafen konnte.“
„Sie hat ja lange Zeit gebrannt.“
„Ob eine Woche, eine Stunde nur, gleichviel.“
„Und war ihr Dasein doch erfüllt …“
„… im Leuchten jener Augen, die in ihrem Schein geblickt
in nahe, ferne Augen …“
„… im wunderlichen Tanz der Schatten …“
„… im Wohlgefühl der Hand, die sich an ihr gewärmt …“
„… und in der Feuchte eines Blicks, der in ihrem Flackern
die eigne Unruh sah …“
„Ihr Leben war ein sanftes Sterben.“
„Ein Opfer eigenen Seins.“
„Honigduft, Erinnerung in einer Trauernacht.“
„Honig war ihr weicher Kern.“
„Ihr Wachs schien wie in tiefem Schlaf zu weinen.“
„Doch hat sich nicht ein Dunkelfalter in ihr Licht gestürzt?“
„Dies war ihr Wille nicht.“
„Doch schien die Flamme eine Lockung allzu tödlich.“
„Flamme, Leben gibt sie und vertilgt es auch.“
„Lebensflamme, die sich selbst verzehrt.“
„Was sie selber hat entzündet, auch dies muß Flamme sein.“
„So geht der Weg zurück in fernes, fernes Abgrundlicht?“
„Kein endlich Wesen kann sich selbst entfachen.“
„Woher das Feuer, das in Sonnen, Herzen ohne Zahl
aufflammt und kommt die Stunde rasch erlischt?“
„Die kleine Flamme kann den großen Weltbrand nicht begreifen.“
„Doch ist ein wahres Bild sie unsres Seins.“
„So magst du auch des Lichts gedenken, das in der hohen
Nacht, da schon der Stein vom Grab gewälzt, vom Sinn
der Auferstehung kündet.“
„Diese Kerze ist geweiht, und ewig scheint ihr Licht.“
„Entzündet ward sie aber vom Brand des Holzes,
Baum, der im Paradiese stand und auf Golgotha.“
„So wär der Brand der Hölle die Umkehr himmlischen Feuers.“
„Der Schrei der Marter verzerrtes Echo himmlischen Gesangs.“
„Ob ein Dichterwort geweiht ist, ob verflucht,
ob eines Dämons Flammen aus ihm singen oder
reine Feuerzungen, denn auch jene tönen engelhaft,
wer mag es unterscheiden?“
„Die Kerze, die Eros entzündet hat, zittert vom Seufzen
der Liebenden, die Kerze im Zimmer des Sterbenden
vom trunkenen Gelall der Einsamkeit.“

 

Dez 25 25

Schreiben, ehedem

Der Feder sanftes Kratzen
ward uns fortgenommen,
die Honigkerze des Gefühls –
verglommen.

*

Die Lücken im Gekrakel,
die somnambul wir füllten
mit krausen Dickichts Fratzen,
bevor das Versdebakel
wir jäh erwacht zerknüllten.

*

Und schienen uns verworren
im Schnee des Blatts
die hingetupften Tintenspuren,
wie eines bangen Hasen,
der im Zickzack springt,
ließen rasch wir Flocken schneien,
die sie bald verwischten.

*

Auch wenn sie rasch vergilbten,
wir bargen Blatt für Blatt,
als lieh uns Herbst den Schlüssel,
in der alten Eichentruhe,
daß zwischen Muschelhorn
und Odem von Lavendel
den Winter sie verschliefen.
Von manchen blieb,
ins Frühlingslicht gehalten,
nur ein blasses Wasserzeichen.

*

Blatt, eines, zart chiffriert,
legen wir auf eine Schwelle,
auf der es hinter uns
wie ein Boot auf dunkler Welle
schwankend sich im Dunst verliert.
Und wir bangen, hoffen,
daß es unterm Grinsen
eines trunknen Monds
an Riffen kentert, schroffen.

*

Manche Verse glitten, wie in Regenrinnen
leichte Boote, zierlich aus Papier.
Wohin? Weiß Gott. Sie waren schon entschwunden.
Manche sträubten sich, wie an der Angelrute
wilde Barsche, und wir ließen sie
wieder frei, hörten noch die Flosse klatschen.
Andre kamen uns entgegen, Kavaliere,
und sie pflückten eine Orchideenblüte
von der Veste, um sie uns galant zu reichen.
Mädchen aber, entzückt vom sanften Wiegen
unsrer Hand, beugten ihren Nacken,
und ein goldnes Vlies umgoß die Schrift.

*

Linierte Blätter. Um die Linien sprossen
lichte Büschel wie um zarte Gitter,
daß noch ferne Strahlen in sie flossen,
süß die Beeren wurden und nicht bitter,
die schwarze Tinte malte oder blaue.
Las sie wer, schoß Blut ins Herz, ins graue.

 

Dez 24 25

Der Dichter vor der Krippe

Magst noch aus dem Schatten treten,
kniend wieder kindlich beten
vor des Lächelns süßem Licht.

Will die Zunge dir versagen,
arme Hirten wollest fragen,
wie Gesang durchs Dunkel bricht.

Vers, er muß nicht überborden,
denn das Wort ist Fleisch geworden
in der Demut stillem Schoß.

Reim, er darf das Lied beleben,
Flocken wollen niederschweben,
feuchter Glanz im Krippenmoos.

Magst dich vor dem Segen beugen,
wird sein Zeichen auch bezeugen,
eins sind Glaube und Passion.

Wirst vorm Kreuz die Blicke senken,
stumm verstummten Worts gedenken
mit der Mutter vor dem Sohn.

Nun träum, wie die Hirten wandern,
wo die Ströme hell mäandern
und des Nachts die Flamme singt.

Streu von jenem Lächeln immer
auf dein Beet den Liebesschimmer,
bis die schöne Knospe schwingt.

 

Dez 23 25

Van Gogh, Sternennacht

Dahin also, jenseits stiller Bildbetrachtung,
in die Wirbel aufgepeitschten Abgrundlichts,
ausgespien von den Flammenzungen
der Zypresse, die ihr Dunkel selbst entfacht.

Hinter dir die Honigwaben goldnen Schlafs,
Furchenschrift des Krumenalphabets,
weicher Wipfel Wolle vor der Schur im Herbst
und der dünne Zeiger Angelusgeläut.

Dahin also, in die heiße Gischt der Auren,
denen Augenknospen, blinde, eingestickt
von der tödlich-liebestrunknen Parze,
in die Wirbel blauer Nacht zu sinken.

Hinter dir die Keime frommer Worte,
zartes Reis in Falten der Geduld,
jäh vom heißen Odem fortgetragen
zu den Sternen orphischen Gesangs.

 

Siehe:
https://www.youtube.com/watch?v=L642ejkVxWg

 

Dez 22 25

Wenn die grünen Verse gilben

Des Wassers Schwall
kam wie Gesang

Peter Huchel

 

Als wär das Goldene Vlies,
im dunklen Bauch der Argo
bald verblaßt, ergraut,
ans Uferlicht gebracht
nur mehr ein Trauerflor.

*

Mit dem Wanderstab des Ödipus
an verwaiste Pforten schlagend.

*

Ward einmal das Wort
ans Kreuz genagelt,
was fruchten Flammenzungen?

*
Dir blieb das Wasser nur,
Gesang, der nächtens rauscht
am schroffen Felsen
der Erinnerung.
Wenn seufzend seine Gischt
im Ufergrase stäubt,
fühlt wie entrücktes Leben
die von Schründen taube
Haut sie kaum.

*

Erstickten Mücken gleich
in einem Spinnenweb,
vom Sturm zerrissen,
was du empfunden einst
mit knabenheißem Blut.

*

Ins kalte dunkle All gesprüht
die frühen Liebesfunken.
O wär, was allzu rot geglüht,
nur bald im Wolkenguß ertrunken.

*

Silbergraue Fäden sind, die wehen
im Novemberwind.
Was ist deinem goldnen Haar geschehen,
frühlingsfrohes Kind?

*

Geh an Gräbern still entlang,
hier seufzt Gras, hier wissen Flammen,
Tod und Leben rankt zusammen
in des Orpheus Zaubersang.

*

Lichter sind noch im dämmernden Laub,
Stimmen wiegt noch das Blattwerk der Nacht.
Was Schwermut unterm Monde gedacht,
schreibt in die Bläue flimmernder Staub.

*

Nur eines tu, den Schritt verhalte,
hat er geknirscht auf Muschelton.
Nur tiefer atme roten Mohn,
daß sich geheime Schrift entfalte.

*

Blick offnen Auges und bleib still,
auch wenn die grünen Verse gilben.
Wie Mücken scheuch gereimte Silben,
daß einsam nur die Träne quill.

*

Gotische Madonna

Gotisch fein, mit rankenzarten Händen,
die nur kleine Sonnensamen halten
oder Beeren, die sie heimlich weiterschenken,
um die Lippen weicher Wehmut Falten.
Doch ins Ferne flehen ihre Blicke,
daß des Herren Ruf sie bald entrücke.

 

Dez 21 25

Ein Bild hielt uns gefangen

Ludwig Wittgenstein

Vor dem verwaisten Haus,
mit schrägen Brettern
in den Fensterhöhlen,
auf bemooster Schwelle,
ach, das Moos ist weich,
sinnlos warten.

*

Die verschlossene Tür,
vor der du stehst,
auf die du starrst,
suchst du vergebens
mit List und mit Gewalt
zu öffnen.

Die kleine Pforte
dir im Rücken,
sie ist unverschlossen.

*

An der Scheibe schwirrt,
aufwärts, abwärts,
eine träge Motte,
gebannt vom trüben Licht
aus deiner Leselampe.

*

An einen Mund gefesselt
wie an eine Quelle,
die einmal hat gerauscht,
die einmal hat getränkt,
und lange schon verstummt ist.

*

Auf jähem Abhang rutschen,
sich an Disteln klammernd,
Dornensträuchern,
vor Schmerz den letzten Halt
verlieren.

Oder waren diese Stacheln,
diese Dornen Nägel
blind ergriffener Hände?

*

Den Pfad des Worts
umrauscht ein dunkles Schilf.
Am Ufer bricht er ab,
im Sumpf des Urstromtals.

*

Die Inseln der Seligen
scheinen ferner zu rücken,
umso ferner,
je heißer wir die Ruder
im schwanken Boot
hymnischen Sangs
ins weiche Wasser tauchen.

*

Das Wort ist nicht der Falter,
vom Glas des Meinens,
des Selbstgefühls,
daran gehindert,
zum besonnten Dasein
hin zu flattern.

Noch stürzt er
dionysisch-trunken
in die Flamme
des Gemeinten.

*

Als hätte im Sprachgewebe
die Mücke des Gefühls
sich jäh verfangen,
die Spinne Verstand
sie schon erstickt.

*

Leise angerührt
von Eos’ Finger
rollt sich der Farn,
der wache Vers,
dem Licht entgegen.

*

Für den Rohen sind sie eitle Tropfen
einer Gischt, zu weich für taube Haut,
Reime, helle Kehren einer Brandung,
die zur Lust aufs Dunkel sich gestaut.

 

Dez 20 25

Ausgetretene Pfade

Die Pfade scheinen ausgetreten,
gefaltet Vers und Hemd.
Doch auf dem Schild der eigne Name
sieht fern dich an und fremd.

Du stehst am Fenster, um zu sehen,
wie einsam Venus glimmt,
wie trostlos summend eine Biene
im Schaum des Mondes schwimmt.

Und blätterst du im Band von Rilke,
der dir im Schlaf entfiel,
treibst du ein Kahn auf dunklen Wassern,
dumpf schluchzend ohne Ziel.

Und liest du in vergilbten Briefen,
fühlst zart noch ihre Hand,
die fahl gleich einer Wasserlilie
im Dämmerschilf entschwand.

So hülle, Dichter, dich ins Linnen.
Schlaf stäubt von weißem Mohn.
Birg dich in Traumes kühler Höhle,
das Herz pocht leiser schon.

 

Dez 19 25

Seufzer in der Winternacht

Daß sich verkehr der Weltenlauf,
am Dorn der Nacht die Blüte scheine,
von einem heilig-nüchtern Weine
die Stirn der Schwermut helle auf.

Und schienen Krüge wir, die leer
auf morschem Kellerbord verstauben,
o fülle Licht von goldnen Trauben,
der sie gebracht von Eden her.

Daß noch ein Lächeln Strahlen mild
in unsre graue Ödnis sende,
die reine Lippe Segen spende,
der aus des Lebens Fülle quillt.

Und schienen Waben wir, die leer
am kahlen Winterast sich härmen,
o laß um Knospen Bienen schwärmen,
der sie gelockt von Eden her.

 

Dez 18 25

Verse, Wellen, Veilchen

Sind es Wellen, sanfter Verse
dunkelgrünes Schimmern,
lassen wir zu Ufern,
südlicheren,
gern uns tragen.

Und wenn jählings sie verebben,
werden wir zu Muscheln
auf dem goldenen Sand,
tönen lange noch
ihrem Rauschen nach.

Sind es Düfte, weicher Verse
frühlingstrunkene Veilchen,
wollen wir von Auen,
heimatlichen,
wieder träumen.

Und wenn sie die Knospen schließen,
werden wir zu Tropfen
Taus an ihren Wangen,
die den Glanz der Nacht
lang noch widerspiegeln.

 

Dez 17 25

Auf Wassern schlafwandelndes Gedicht

Auf Wassern schlaf-
wandelndes Gedicht,
Knospe, aufgetan
dem Mond,
überflügelt schon
von Traumgesumm.

*

Du findest eine Mitte
im Grenzenlosen nicht.

*

Jeder zerrt
an seines Traumes
kurzer Kette.

*

Worte
in einen Schlauch
geschüttet
voller Risse.

*

Grauer Kiesel
Wort,
geglättet vom
Jahrtausendstrom.

*

Der Steg des Lieds,
umrauscht von Schilfen,
bricht jählings ab:
auf glattem Wasser
Blüten, still.

*

Der Liebe Blick,
nachtumwimpert.

*

Meeresqualle,
die durch blauen Dämmer pulste,
gebleicht im heißen Sand,
Versgespinst.

*

Wie sind, Mozart,
die Waben dir
mit Honig, goldnem,
angefüllt,
daß dein Lied
so hell und süß
in unser Dunkel quillt.

*

Vor der Töpferei, wo gebrannt
man einst den weichen Ton,
hast geblasen du den Schnee
von eines Kruges Mund.
Aufs leise Pochen deiner Hand
stieg ein Seufzen aus dem Grund,
wie ein Vers von Mallarmé,
halb erstickt von schwarzem Mohn.

 

Dez 16 25

Stumme Dinge, Dämmerungen

Mund und Zähne, nein.
Nicht das Beißen, Kauen, Schlingen.
Nicht Geschwätz und Faselei.

Über alles schweigen,
über alles
schweigen.

Stumme Dinge, ja.
Jenseits von Geschrei und Stille.
Mal und Inschrift, die verblaßt.

Zum Abgrund ohne Grund
sinken leer zurück,
leer zurück.

Kiesel, Dornicht, Wolke.
Schon die Strömung trügt
mit dem Schaumgeschluchz,
ihrem grauen Rauschen.

Blitz und Blicke, nein.
Nicht die jähe Seinserhellung.
Nicht das Staunen und Geglotz.

Licht und Bilder löschen,
Licht und Bilder
löschen.

Laubdach, Abendruhe.
Was sie mild durchbricht,
Glanz von süßen Tropfen,
tut schon weh, tut weh.

Dämmerungen, ja.
Diesseits von Licht und Dunkel.
Trunkner Seele Schattenspiel.

Zum Abgrund ohne Grund
sinken leer zurück,
leer zurück.

 

Dez 15 25

Gnadenfrist

Mag des Wortes Knospe
noch auf schwankem Stiel
Abendrot besonnen,
wenn schon manche Blüte
stumm ins Dunkel fiel.

Duft ist noch für Träume,
die empor sich winden
und im grenzenlosen
Sternenschaumgewoge
Thule nirgends finden.

Pflück sie, Dichter, nicht,
magst die Frist ihr lassen.
In kristallener Vase
wird das Haupt, das holde,
traumlos bald verblassen.

 

Dez 14 25

Das Schneehuhn

Es hat gebrütet,
Nestlinge gehudert.

Jetzt wendet sich das Jahr.
Ihm sprießt Gefieder weiß,
da flimmernd
in den Abgrund fällt
der Schnee.

Es scheint den scharfen Blick
von Adler, Bussard, Falke
zu trügen,
geheimnisvoll ihm eingeprägt,
Instinkt.

Wie’s geschieht,
was ihm die Schneise öffnet
ins karge Winterlicht,
weiß niemand.

Dir aber ward die Sprache kahl,
ein Schneefeld,
dann und wann ein grauer Strich,
fern von Sommers
blumenbuntem Psalm.

Über dir blaut matt
ein Porzellan,
das unter einer schwarzen Schwinge
jählings klirrt.

 

Dez 13 25

Ich steh versunken

Gezwitscher, leise, frühlingstrunken,
aus winterharten Azaleenbüschen.
Ich harre, steh versunken.

Ich frag sie: „Kannst auch du es hören?“
Sie lächelt, süß, verlegen,
als würd mich Geistersang betören.

Bleicher Lilien Jenseitsleuchten
über Malen, moosverdunkelt.
Mir ist, als würden sich die Augen feuchten.

Ich frag sie: „Kannst auch du es sehen?“
Sie schweigt. Es kann der Holdsinn ja
Schwermut nicht verstehen.

 

Dez 12 25

Unterm Flaum des Lieds

Das Dröhnen der Brandung,
nachts,
an Kaliforniens Küste.

Als schlüge der Dreizack
an Gaias Stirn.

Selbst im zärtlichsten Geflüster
hörst du es von fern.

*

Der jähe Riß
in Himmels mattem Schiefer,
durch den das Blau der Stille quillt.

Als habe Pan das ausgeseufzte
Rohr zerbrochen.

Unterm goldenen Flaum des Lieds
ertastest du ihn auch.

*

Der über Nacht den Schmerz
gehüllt
in weißes Linnen, Schnee.

Als hätte seufzend ihn herabgefleht
der nun schläft, Ganymed.

An Hängen der Erinnerung
siehst leuchten du ihn noch.

 

Dez 11 25

Angst vor der Leere

1

Die feinen Riefen
im formbar-losen Sand,
Spuren der Flut,
die sie sich schuf
und bald verwischt.

2

Dunkle Wolkenballung,
die rasch in Fäden
feuchten Schimmerns
niederweht,
lichten Knäueln,
vom Wind gesponnen,
aufgelöst vom Wind.

3

Unsichtbarer Finger
launenhafter Luft,
der übers Wasser streicht,
Wirbel drehend,
links herum,
rechts herum,
hohle Entitäten
aus schierem aufgeschäumten Nichts.

4

Verse,
bildnerischen Denkens
fein gebaute Waben,
gefüllt mit herbem Honig
der Erinnerung.

5

Was uns im Mittagslicht
das runde Volle dünkte,
die zauberische Wohlgestalt,
mit schönen Namen anzurufen,
verschwimmt
zur blauen Stunde
in trübe Flecken Wehgefühls,
unsäglichem.

6

Lächeln,
das sich selber trinkt.
Fächer,
der sich selber kühlt.
Vers,
der in sich selbst verweht.

7

Ball,
von heißen Händen
in der blauen Luft
gehalten.

Vers,
von dunklen Rhythmen
zum Zenit des Sinns
geschwungen.

8

Geruch nach Holz und Honig
einer Kerze, die schon zagend flackert.
Und das Ticken einer Uhr
zwischen Jetzt und Ehedem:
Aura einer Stube, wo die Muse
mit dem Kater hinterm Kachel-
ofen gern geschnurrt.

9

Angst vor der Leere,
dunkelfeuchtem Sumpf,
wo Orchideen gleich
an wilder Schönheit
die hohen Knospen sprossen,
mit ihrem Wunderduft
des Einen, Reinen, Wahren,
Abendlandes Mythen.

10

Den Vers versteht nur,
wer ihn singt,
das Leben,
wenn er’s atmend
weiterspricht.

11

Abgrund
zwischen Jetzt und Einst.
Haarriß
zwischen Wort und Sinn.
Schwermut,
Sonnenfinsternis.
Klage,
Mond im Dämmerlaub.

 

Dez 10 25

Traumgelall

Augen?
Nein.

Namen?
Nein.

Aschen-
glut.

*

Wirbel?
Ja.

Flocken?
Ja.

Aschen,
fahl.

*

Gingen wir ans Ufer dort?
Arm in Arm.

War mein Haar schon grau?
Schiefermatt.

Singst du noch das Lied?
Stummen Munds.

Ist sein Duft verweht?
Hauch um Hauch.

*

Vogelrufe?
Nein.

Blütenzweige?
Nein.

Schluchzen
trunknen Schilfs.

*

Birkenlichtung?
Ja.

Moosvergilbte Male?
Ja.

Erinnerungs-
gestrüpp.

*

Was ruft uns aus ferner Zeit?
Traumgeläut.

Wer hüllt uns ins goldne Vlies?
Sanfter Tod.

*

Rauschen?
Ja.

Worte?
Nein.

Wasser-
Psalm.

*

Bilder?
Nein.

Schatten?
Ja.

Spiegel,
blind.

*

Hörst du auch das Wehen?
Laub der Nacht im Wind.

Siehst du auch das Funkeln?
Tau der Nacht im Mond.

*

Seufzen?
Ja.

Worte?
Nein.

Traum-
gelall.

*

Menschen?
Nein.

Moose?
Ja.

Stiller
Quell.

 

Dez 9 25

Made in Aspik

Phrase, waberndes Aspik,
ohne Nährwert, fade,
ins Abstruse stich nur, stich,
er ist tot, der Geist, die Made.

*

Fast bescheiden weist der Killer
auf ein, zwei, die er abgeknallt.
Auf Bergen steht der Heilserfüller,
von stummer Asche Dunst umwallt.

*

Scharlatane, Schwerenöter,
feuchten Auges, wenn sie lallen,
sanfte Würger, Seelentöter
mit lackierter Phrase Krallen.

*

Schwermutblaue Melodie,
Abenddämmerlaubes Zittern,
Blüte, fahl an Schattengittern,
duftet dem Gesunden nie.

*

Heute Transvestitenschau,
untermalt von Jazzgedudel.
Morgen Seelendusche lau
unter Rilke-Kitsch-Gesprudel.

*

Wenn Gottes Aug ihn immer sieht,
fand Nietzsches Feinsinn das obszön.
Auch diese Wahrheit ist nicht schön,
daß Hinz und Kunz am Schopf uns zieht.

 

Dez 8 25

Der ertrunkene Knabe

Sanft strich eine weiße Hand
aus der Stirne mir die Locke.
Ach, es war die deine.

Und ich fühlte heiß den Hauch,
der mir Tröstung zugesprochen,
daß ich nicht mehr weine.

Seufzend schobst den Vorhang du
vor dem Mond zur Seite,
Traumgeflimmer mir zu bringen.

Hast die Tür nur angelehnt,
aus dem Wust der Stimmen sollte
deine reine zu mir dringen.

Doch die Stimmen wurden Wogen,
in bacchantischem Gebrause
war die deine bald versunken.

Und ich stürzte mich hinab,
dich aus trüber Flut zu retten.
Bin ich damals nicht ertrunken?

 

Dez 7 25

Inklusen

1

Mit Sternen funkelnd,
fahl am Tag,
geisterhafte Wortkristalle.

2

Im Bernstein eingeschlossen
frühen Sinnens
Dunkelfalter.

3

Zwischen Falten samtener Stimmen
einer Perle
stummer Glanz.

4

Keiner Sonne aufgetan
scheuer Liebe Knospe,
voll geheimen Dufts.

5

Dunkeln Abgrunds Blitze.
Leere, traumgefüllt.
Blauer Ton der Stille.

6

Verbergung, die sich zeigt.
Verhüllende Erscheinung,
Gnade des Verzichts.

7

Im Schattenwald
verirrter Liebe
leiht ein wenig Licht
das Lied der Nachtigall.

 

Dez 6 25

Lyrische Vignetten

1

Durchs Mauseloch
des Vorgefühls
für die Gefahr im Schattenlaub
mußt du dich winden,
das Salz des Traumes
aus den Wimpern reiben,
um in der Lichtung noch zu sehen,
wie friedlich äst
das scheue Wild.

2

Mußt dich zwängen
durch die enge Pforte,
die zur Aussicht lädt,
zur klaren, wahren, stillen,
über eine Wendeltreppe
bangen Fledermausgewühls.

3

In die dunkle Furche Angst
mußt dich schmiegen
auf dem Gottesacker,
um blitzen sie zu sehen
die tausend kalten Nägel,
gehämmert
in den schwarzlackierten Sarg
der Winternacht.

4

Gelassen magst
ins Gras dich strecken,
das vom Gesumm
der Bienen zittert,
wenn kühle Tropfen
Taus dir auf die Stirne rinnen.

5

Hat gereicht sie dir,
der überschäumt
von herbem Duft,
den Becher ihres Munds,
lehne dich zurück
im Safransamt
des Abendrots.

6

Des Lebens Linien,
verwischt
im Schwelen
trunkner Glut.

Das Bild der Heimat,
versunken halb
in der Erinnerungen
Schnee.

Der Freunde Ruf,
Adieu,
überweht schon
vom Gebraus der Gischt.

7

Karfreitagsstille.
Nur das harte Holz der Klapper ächzt.

Verhängt
mit einem schwarzen Bahrtuch,
wo Verlassenheit
geschrien fernem Gott,
das Kreuz.

Erstickt am eignen Hauch,
das bei obszönen Lallern
einen keuschen Mund gesucht,
das Wort.

8

Pfade, überwachsen, am blauen Totenmaar,
Ahnungen, aufgesprudelt aus dem Grund.
Fern hörst du singen blasser Knaben Schar.
Still, sei still! Geister haben keinen Mund.

Und liegst du müd an hohen Sommers Saum,
Erinnerungen, Duft von Heu, vor Tag gemäht.
Wolke, o himmlisch-vergänglicher Schaum.
Schlaf ein, schlaf! Es ist worden spät.

 

Dez 5 25

Poetologische Variationen

1

Du siehst sich winden
einen Wurm
und wirfst die Birne weg.

Doch unreifen Schwärmers
feuchter Funkelton
hat dich an den Rand geführt,
wo ein Dunkel blufft.

2

Ein Satz,
ein Kleid,
weich geschmiegt
um des Gedankens
nackten Leib!

Den Vers reiß auf,
wenn er sich üppig bauscht,
und wende dich
vor einem rachitisch
eingekrümmten Skelett.

3

Von den blassen Fasern
der aufgeplatzten Puppe
schließt du nicht
auf eines zarten Falters
schillernden Flug.

Drehst du den Teppich um,
ahnst du im Gewirr der Fäden nicht
der Wiese Blumenpracht,
worauf man steht.

4

Herz,
das angeschlagen,
schwingt sich auf
in Obertönen,
Seraphim,
die du nicht mehr hörst.

5

Die das Blut verschmähen,
Selenes Töchter,
lauschen bang
auf des Sonnenstiers
dumpf dröhnende Hörner.

6

Scheue Reime,
Tropfen Milch,
die an der Charis
weißer Lende
rinnen hin.

7

Ausgezehrten Wortes
mürbe Lippe,
nach einem Tropfen Wahrheit
dürstend.

Fetter Wanst,
in der Rhetorik seichtes Wasser
trübe Schäume
klatschend.

8

Schwankend
in der blauen Schale,
Knospe
Vers,
wie vor Scham
verschlossen.

Im Strahl
der untergehenden Sonne,
wenn du auf schwermutweichen
Kissen liegst,
geht ein Duft
durchs Zimmer.

9

Vers,
vor Durst
allzu gierig abgepflückte Frucht
des frühen Sonnentags,
wässrig noch.

Honig
aus der Erinnerung Waben
schmeckt erst süß.

10

Außen weich wie Schmand, doch innen trocken,
Blätterteig-Sonette, überstäubt
von gereimten Puderzuckerflocken,
hatten unsre Zungen schon betäubt.

Du gabst uns den Honig wilder Bienen,
Stachelbeeren, Quitten, rohe Kost,
und die sauer schmeckten, Apfelsinen –
da erquickte Liedes herber Most.

 

Dez 4 25

Ins Dunkel nachgehallt

Töne, die uns sanft bezwungen,
sind ins Dunkel nachgehallt.
Was die Muse vorgesungen,
Wehmut hat es nachgelallt.

Als am Ufer wir gegangen,
schluchzte uns die Welle nach.
Im Gespinst hat sich verfangen
Mond, der durch die Halme brach.

Hatte ich das Haupt gebettet
in der Liebe stummen Schoß,
schien ich vor mir selbst gerettet,
eitlen Wünschens Fessel los.

Und die Mauern der Verliese,
wo den Kopf ich schlug mir wund,
sanken hin vor einer Wiese,
wo die Quelle sang, dein Mund.

Aufgetan hat sich die Blüte,
die ich, Liebste, dir gebracht.
Als sie noch im Dämmer glühte,
war vollkommen Tag und Nacht.

 

Dez 3 25

Fetten Gurus Schwindsuchtseelen

Nicht sich schleppen mehr ins Graue
auf zwei krummen Haxen,
über sich hinaus ins Blaue
wollten sie nun wachsen.

Psalmodierte Wortkaskaden,
hoher Braue Bogen,
kühl in grünen Augen baden,
Bann, er ward gezogen.

„Müßt nur immer Traummus schlabbern,
flieht vor Wein und Würsten.
Eignes Mark nur wollet knabbern,
Mond stillt euer Dürsten.“

Und sie taten’s voll Entzücken,
wurden blaß und blasser,
huschten, dürr wie Geistermücken,
übers trübe Wasser.

Andre waren nur ein Flocken
Schnee auf Zitterstielen.
Keine Sonne konnte locken,
die ins Dunkel fielen.

Eine schwebte, zarte Fluse,
barsch gerupft im Schlummer
aus dem Haar von Sapphos Muse,
wie ein Traum, ein dummer.

Nur des einen Wanst, der pralle,
glänzte unterm Grinsen
vollen Monds, und seine Kralle
strich sie ein, die Zinsen.

 

Dez 2 25

Vor der unsichtbaren Wand

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

– Hier geht’s nicht weiter.

– Ist da eine unsichtbare Wand?

– Ja, unsere Art, zu denken und zu sprechen.

– Doch können wir nicht denken, was wir nicht sagen können; nicht das Unsagbare denken?

– Nur durch und mit und innerhalb der Sprache können wir uns gleichsam über ihre innere Grenze krümmen, in die Falte des Ungesagten schmiegen.

– Ja, die Wand ist die Metapher für die Sprache, die fensterlos wie die Monade ist und wie diese das Ganze der Welt in nuce enthält, allerdings nicht wie bei Leibniz in Form mehr oder weniger bewußter Wahrnehmungen, sondern als Totalempfindung oder Gestimmtheit, die wir nur durch paradoxe Bilder und Metaphern zum Ausdruck bringen können.

– Sehen wir das Morphem oder das Wort als subgrammatisches Teilchen, können wir es doch zugleich als Moment oder Funktion des Satzes, der grammatischen Welle, begreifen.

– Aber Teilchen und Welle, Wort und Funktion, Morphem und Struktur sind anders als ihre physikalischen Analoga einander ungleichartig und nicht äquivalent.

– Sage ich hier, muß ich dort sagen können, wenn wir ein Stück Weges gegangen sein werden; sage ich jetzt, muß ich auch soeben oder gestern oder vorgestern sagen können, wenn wir eine Weile weitergelebt haben werden.

– Aber wir können von keinem Außerhalb der grammatischen Funktion sprechen, mittels derer wir einen Ort oder einen Zeitpunkt festlegen.

– Doch dies können wir wohl sagen, daß sich außerhalb dieses gleichsam grammatisch-transzendentalen Rahmens nichts Sinnvolles sagen läßt.

– Paradoxerweise haben wir ein Wort für das Unsagbare, das wir vor den singulären Anfang der Zeit zu setzen pflegen: Ewigkeit; ähnlich dem Schweigen Gottes, das wir vor den Anfang der Welt durch die creatio ex nihilo im Wort zu setzen pflegen.

– Ja, das Schweigen, und diesem vor dem Sagen liegenden Nichtsagen entspringt wie eine geisterhafte Vakuumfluktuation das Wort, das wiederum nur als Wort-vor-dem-Wort zu begreifen oder eben nicht zu begreifen ist.

– Das Schweigen, jenes Schweigen, und das Wort, jenes Wort, sind gleichsam spinozistische Attribute der göttlichen Substanz, die Spinoza ja mit der Natur als natura naturans, also einer vorgeschöpflichen Natur, Natur-vor-der-Natur, gleichsetzt.

– Schweigen ist eine Metapher, die wie alle absoluten oder transzendentalen Metaphern an der Grenze unseres Sprachvermögens notwendig scheitert und zerschellt. Denn was wir schweigen nennen, ist ein Moment unseres Sagens, nämlich beispielsweise auf eine Frage nichts zu antworten. Ein außersprachlicher Begriff des Schweigens scheint uns unzugänglich; so auch das Schweigen Gottes. Es ist gleichsam ein Schweigen jenseits des Schweigens.

– So auch das Wort jenseits des Worts. Wir glauben zu kennen, was wir flüchtig benennen; während das schöpferische Wort dem Benannten gleichsam innewohnt, dem Blute gleich, das in ihm pulst und es belebt.

– Indes vom Schweigen jenseits des Schweigens, vom Wort jenseits des Worts trennt uns eine unsichtbare Wand.

– Es gibt hier keine Tapeten- oder Geheimtüren in ein Reich jenseits des Seins, und alle Spekulationen über dessen Landschaften und Bewohner sind metaphysische Variationen eines mentalen Tischrückens.

– Sicher. Aber dies mindert das Mysteriöse dessen, was wir unser Leben und Sterben unter den Gestirnen des Fatums nennen, keineswegs.

– Wir verspüren es umso schmerzlicher an den Beulen, die wir uns nach Wittgenstein bekanntermaßen einhandeln, wenn wir mit dem unbelehrbaren Kopf gegen die unsichtbare Wand schlagen.

– Ja, es ist wie mit der Wanderung durchs Gebirge; bei klarer Sicht steigen wir auf, doch dann irren wir orientierungslos im jählings aufgekommenen dichten Nebel umher, ständig in der Angst, in einen Abgrund zu stürzen.

– Sehen wir indes im Ungefähr ein Licht aufschimmern, tasten wir uns bis zum Eingang der Schutzhütte, wo wir Unterschlupf zu finden hoffen, wer weiß, bei welchen unterhaltsamen Verköstigungen.

– Das wäre eine allzu sentimentale Idee von einem sprachlichen Idyll, als wäre Poesie eine begrünte schwimmende Insel im Meer des Ungewissen.

– Gleichsam wie Vergils Insel der Seligen am Rand des Feuermeers der Hölle.

– Indes nicht sentimental, insofern die Seligen von ihrer Insel aus in der Ferne die Qualen der Verdammten durchaus wahrnehmen können – und vielleicht nur so erfahren, daß sie entronnen sind.

– Und der Nebel, den wir Wanderer aus dem Fenster der Hütte erblicken, ist ja durchaus Teil des Elements, das wir atmen, das uns nährt.

– Wenn er sich lichtet, erreichen wir wohl noch den Gipfel. Was sehen wir aber? Weitere Gipfel, ferne, unerreichbare, unersteigliche. Und darüber das Blau des Himmels, gleichsam die luftige Substanz, die sich mit noch so feinen Instrumenten unseres Denkens und Sprechens nicht zerlegen läßt.

– Die unsichtbare Wand.

– Die unsichtbare Wand, an der keine Geisterschrift erscheint, deren Sinn uns meinen könnte.

– Das Blau des Himmels, wenn es nicht nur ein meteorologisches Phänomen bezeichnet, sondern uns als Metapher für unsere sprachliche Existenz dient, mit der wir die gleichsam stofflich-unstoffliche Substanz der Welt bezeichnen.

– Sie mutet geisterhaft und rätselhaft an, wie der Nebel, der uns einhüllt und den wir durchdringen, aber wie die Struktur des sprachlichen Daseins nicht zerschneiden oder vollständig zerlegen und analysieren können; anders als das meteorologische Phänomen, das wir ohne weiters chemisch analysieren können.

– Darin gleicht die Metapher des Nebels dem, was der Dichter Heinz Piontek das Undurchschaubare nennt, und intuitiv hat er beides in dem Gedicht mit dem Titel Orakel verknüpft, in dem er ein bretonisches Dorf am Meer evoziert und sich aufgefordert fühlt, durch seine totenstillen Straßen zu gehen: Hinunter zum Meer –/wo Nebelbänke ankern,/das letzthin Undurchschaubare gewaltig/sich gelagert hat.

– Man könnte auch von der Fülle des Wohlklangs sprechen, die wie in Bachs Wohltemperiertem Klavier das Unaussprechliche, ohne es konkret auszusprechen, dennoch ausspricht.

– Oder von Variationen über ein geheimes Thema, das sich wie das Dunkel offenbart nur, wenn allererst ein noch so schwacher Lichtschein erlischt.

– Ja, ein Dunkel jenseits des Dunkels, das nicht vor der Sonne Platons zurückweicht, sondern ein wesentlicher Bestandteil der Dämmerung bleibt, die unserer sprachlich-existentiellen Situation entspricht.

– Es ist, als gingen wir über die transparente Fläche eines zugefrorenes Sees, in dem ein Unterwassermond sein fahles Licht auf seltsame unbekannte Gewächse wirft.

– Wir könnten sie Traumbildern vergleichen; nur, daß sie nicht wie die gewöhnlichen oder auch ungewöhnlichen einer Deutung zugänglich sind.

– Traumbilder, jenen Kafkas ähnlich, die wir nicht als leicht oder auch schwer zu dechiffrierende Symbole ansehen, sondern als kristallisierte Rätsel-Allegorien, kristallisiert und kondensiert aus dem trüben Dunst unseres sprachlichen In-der-Welt-Seins.

– Es ist, als hörten wir ein Knacken oder Rauschen in der Leitung und die uns bisher so vertraute Stimme klingt fern und fremd wie unter Wasser, dem Traumwasser in den kommunizierenden Röhren dessen, was nur Toren Medium der Mitteilung zu nennen pflegen.

– Wir könnten auch an das Flußbett denken, von dem Wittgenstein spricht: Fluß, der uns selber meint als sprachliches In-der-Welt-Sein, der von uns unbemerkt allmählich seine Ufer bildet und umbildet.

– Wir könnten vielleicht in den herausgehobenen Momenten lyrischen Sprechens fühlen, wie der Fluß etwas Unheimlich-Drängendes annimmt, je näher er der Mündung ins Meer kommt.

– Nun, löst er sich im Meer, in einem universalen Rauschen, nicht gänzlich auf?

– Gewiß, er fließt noch und scheint den ruderlosen Kahn unserer Existenz mit sich fortzutragen, doch in Wahrheit hat er sich immer schon im Grenzenlosen, im Unendlichen, im Rauschen oder Schweigen aufgelöst.

– Immer schon aufgelöst, und doch sind wir da, sehen uns an, reden in einiger Gelassenheit miteinander.

– Es ist, als sprächen lebende Wesen im Licht, doch in Wahrheit sind sie schon Schatten in jener Unterwelt, wovon ein Vergil, ein Dante spricht.

– Die Sprache wäre die Höhle nicht, die uns gefangenhält, sondern der raumzeitliche Hohlraum, der uns birgt, und die Schatten an der Wand unsre eigenen.

– Und das Licht, das sie wirft, strahlt nicht von der Sonne des Guten, sondern vom ewigen Weltenbrand.

 

Dez 1 25

Der Dichter und die Namen

Wie verehrte Namen,
goldnen Sommers Eichen,
kahl in Nebelschleiern
Wahngespinsten gleichen.

Die uns Sonnen schienen, Rosen
über grüner Feuchte Samt,
sanken bleich wie Sapphos Monde
hin zu Schatten, namenlosen.

Andre, die gleich Turteltauben
im Gebälk des Traums gegurrt,
ließen uns nur fahle Flusen
unter schwermutzarten Gauben.

Wälze, Dichter, blättre auf
märchenbunte Alben
und laß in die Bläue flattern
holde Namen, Sommerschwalben.

Auch ein Herz, das angeschlagen,
schwingt sich aus in Obertönen.
Auch der Anmut Blumenstille
gibt dir, Dichter, viel zu sagen.

Irdnen Liedes Schale schiebe
in der Quelle Flechtenbart,
daß sie tröpfelnd widerklingen,
Namen unnennbarer Liebe.

 

Nov 30 25

Am Saum des Unversäumten

τῶν δ’ ὅς τις λωτοῖο φάγοι μελιηδέα καρπόν
οὐκέτ’ ἀπαγγεῖλαι πάλιν ἤϑελεν οὐδὲ νέεσϑαι,
ἀλλ’ αὐτοῦ βούλοντο μετ’ ἀνδράσι Λωτοφάγοισι
λωτὸν ἐρεπτόμενοι μενέμεν νόστου τε λαϑέσϑαι.

Aber wer da gekostet des Lotos Früchte, die süßen,
will nicht Kunde bringen davon, nicht heimwärts mehr kehren,
sondern dort bei den Lotosessern will er stets bleiben,
um den Lotos zu pflücken, der Heimkehr aber vergessen.

Homer, Odyssee, 9. Gesang, 94–97

 

In Träumen irrest bang du umher
an potemkinschen Fassaden
unbekannter Städte,
durch Nebel fremder Sprachen
tastest vergebens du dich,
dem Hauch deines Mundes mißtrauend.

Aus dem Schalter des Bahnhofs
ertönt die Stimme der Sphinx:
„Wohin geht denn die Reise?“

Doch du weißt es nicht.
Kennst ihn nicht mehr,
der Heimatstadt trauten Namen.

In Wahrheit lebst du ja
schon lang nicht mehr dort.
Die trübe Woge deines Epos
spie an fremdem Ufer dich aus.
Da harrte deiner nicht Nausikaa.

Und jener Name ist wie eine blasse
Vignette am Rand von Traumnotizen,
ein Wasserzeichen auf dem Brief,
dem Niemandsbrief an keinen,
das manchmal vage schimmert,
hältst du ihn ins Gegenlicht
des Sonnenuntergangs.

In Wahrheit wärst du dort auch fremd –
fremder als Odysseus’ Weggefährten
auf der Lotosesser-Insel,
die nicht mehr wissen,
was Heimat ist und Vaterland.

Fremd auch dort und dort und dort,
was immer du am Schalter nennen magst,
ob Meßkirch oder Ilmenau,
Rom, Paris, Berlin.

Setz dich zu den Alten auf die Bank
am Saum des Unversäumten.

Denk dir, du drehtest langsam
die Lotosblüte in der Hand.

Eine Dohlenfeder tät es auch,
ein Zigarrenstummel.

Sieh die Häuserfronten rings
gleich Traumfassaden
oder eines stümperhaften Bühnenmalers
hohles Pappmaschee.

Laß Nebel um dich wallen.

Dunst der Muttersprache
kondensiert gen Abend
zu Tropfen Taus
von rätselhaftem Glanz.

(Doch du erwachst
in einen anderen Traum.
Nachts liegst du auf der Bank,
an Hand und Fuß gefesselt,
verschleiert ist der Blick
von beißenden Partikeln,
Flocken von Asche und Ruß
eines würgenden Idioms,
die langsam auf dich fallen.
Dann hörst du Schritte kommen
und Schnalzen, das schon
ätzend an dir niederrinnt.)

 

Nov 29 25

Laßt mich, ich will schlafen

Aus: Kindheit in Alt-Metternich

Der Waschtrog brodelt,
sie klatschen weiße Laken.
Winseln aus dem Hinterhof.
Laßt mich, ich will schlafen.

Wie ich blöde lausche,
halb erstickt im Blumenkissen,
gurren Tauben auf dem Sims.
Laßt mich, ich will schlafen.

Silberlöffel klirren,
Porzellane springen,
abgeschnitten wird mein Ohr
von ferner Säge Trance-Gesängen.

Sonnendunst-Wollustchimären,
gaumentaub Vokabeln büffeln,
amo, amas, amat.
Und die trunkne Biene summt.

Angelus-Geläute wehen
Weihrauch in das Schamgefühl,
daß ich mich verschlucke,
als wär’s der faule Krotzen Seele.

Abends unterm heißen Dach,
das sie nach dem Feindbeschuß
einst mit Planen deckten,
öffne ich die Sternwartluke.

Fremde Seele, kommst du, Mond,
um mich heimzusuchen,
oder mich zu tränken
mit keuscher Milch der Niemandsstille?

Auf seines Schuppens Stufe
hockt mit dem Harmonium
schon der Gnom, der Antipode,
spielt Zigeunerweisen.

Mutter sitzt im Dämmerschein
einer Wehmutkerze,
harrt des Manns, der mich gezeugt,
süßen Elends Waben füllend.

Schoß, o kalt gewordener Schmerz,
ohne Samt, das Haupt zu bergen.
Im Dornenhag, wo ich geboren,
blüht, um still zu schlafen, mir kein Mohn.

Nein, kein Rauschen, Ächzen nur
aus alter Linde Dämmerkrone.
Dunkles Scharren, Unheilsmuhen
im dunggewärmten Stalle.

Morgens Keuchen und Erbrechen,
traumgewürgte Atemnot,
blutig ist das Laken.
Laßt mich, ich will schlafen.

Flüstern, Fluchen, Weinen,
die Tür barsch zugeworfen.
Großmutter liegt im Sterben.
Weinen, Beten, Schreien.

Laßt mich, laßt mich schlafen.

 



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