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Jan 9 19

Laß, o Herr, mich fallen

Laß, o Herr, mich fallen,
weiter kann ich nicht,
lösch in Schnee und Aschen
mir das Traumgesicht.

Schenke mir dein Schweigen,
blauer als mein Lied,
daß sich Himmel weiten
und nichts mehr geschieht.

Laß, o Herr, mich gehen
tief ins Ufer-Gras,
wo die Seelen brechen
still wie zartes Glas.

Kannst du mich nicht halten
in dein dunkles Licht,
laß, o Herr, mich fallen,
weiter kann ich nicht.

 

Jan 8 19

Zwiegespräch von Rose und Veilchen

„Mir kommt Verehrung von den Hohen,
mein Königslicht darf geistvoll scheinen.“

„Ich wohn in Grases warmen Mulden
und rühr das weiche Herz der Kleinen.“

„Von Apollos Dichtern auserkoren,
hab ihren Himmel ich gerötet.“

„Vor eitler Pracht und Kunst geflohen,
hat Faun und Hirte mir geflötet.“

„Der hohen Minne Duft zu leihen,
entsandt ich meine weißen Schwestern.“

„Zagt Einsamkeit in Dämmerlauben,
hüllt sie mein Duft ins schöne Gestern.“

„Wenn schwankend meine Knospen flocken,
bedeckt den Schmerz ein Schnee von Schwänen.“

„Schenkt lauer Hauch mir Schlummers Beben,
des Liedes Krüglein fülltʼs mit Tränen.“

 

Jan 8 19

Kleine Veilchen

In diesen schmalen Furchen kauern
kleine welke Veilchen,
weiß nicht, ob sie meine Tränen
wärmen für ein Weilchen.

Wer will schon große Worte machen
für so kleine Wesen,
weiß nicht, ob sie bald verblassen,
ob sie noch genesen.

Ich fand sie hier, ich mochte weilen,
Duft gab mir zu sinnen,
weiß nicht, soll ich sie beweinen
oder mein Beginnen.

 

Jan 8 19

Knabe du

Flamme du am Saum der Nacht,
Herz, das sich versprüht im Lied,
Funken, steigt ihr noch empor,
schwebt im Traum ihr noch herab?

Quelle du des Waldes Mund,
Herz, das überfließend netzt
dunkle Wehmut dürrem Moos,
schattet noch dein Eichenblatt?

Knabe du am Steg des Rheins,
Herz, das sich versprüht im Lied,
Funken, steigt ihr noch empor,
schwebt im Traum ihr noch herab?

 

Jan 7 19

Der Haß auf die Schönheit

Wie kommtʼs …

… daß sie die Rose Schönheit schmähen,
in den Schnee der Anmut pinkeln,
den weichen Samt zerschneiden des Gefühls?

Wohl, weil sie selber häßlich sind,
den Mund voll bittrer Unkraut-Asche,
voll Todes-Tand das ausgebrannte Herz.

Wie kommtʼs …

… daß sie auf Gnade spucken,
aufs Lächeln der Madonnen Warzen,
Schorf auf des Hohen Wange kleben?

Wohl, weil vom Teufel sie besessen sind,
und was sie inspiriert, Duft der Verneinung,
aus seinem Anus quilltʼs in ihren Mund.

Wie kommtʼs …

… daß sie den Liebreiz höhnen,
der Veilchen glänzt im Silbermond,
und blaue Mädchenblicke knicken?

Wohl, weil sie Dämons Mücken sind,
die aus dem Spalt der Trauer schwirren
und brennen, wenn die Jungfrau singt.

Wie kommtʼs …

… daß stille Blume sie macht schreien,
sie weher Duft der Unschuld würgt
und Unsinns schwarze Molke labt?

Wohl, weil sie Lepra der Verzweiflung sind,
die Tag und Traum mit Makeln fleckt,
das Wort mit Todes Fäulniskitsch.

 

Jan 7 19

Beeren, Trauben, Reime

Schon wachs ich an dem Seelen-Baum
wie Moose um der Rinde Wunden.
Ich schwirre in den blauen Raum,
ein Blatt, das Rauschen sich gefunden.

Und was ich sage, sind die Tropfen bloß,
die im Gewirr der Farne hängen,
und wenn sie fallen, glänzt der stumme Schoß
der Erde wie von Lobgesängen.

Und was ich schweige, sind die Waben nur,
die gern mit Heckenrosen warten,
und wenn sie lächeln, summt die goldene Spur
der Bienen durch den alten Garten.

Schon finden müde Verse heim,
wo Beeren schimmern oder Trauben.
Ich picke mir den süßen Reim,
ein Vogel unter Sommerlauben.

 

Jan 7 19

John Keats, To a cat

Cat! who has pass’d thy grand climacteric,
How many mice and rats hast in thy days
Destroy’d? How many tit-bits stolen? Gaze
With those bright languid segments green, and prick
Those velvet ears – but prythee do not stick
Thy latent talons in me – and tell me all thy frays,
Of fish and mice, and rats and tender chick;
Nay, look not down, nor lick thy dainty wrists, -
For all the wheezy asthma – and for all
Thy tail’s tip is nick’d off – and though the fists
Of many a maid have given thee many a maul,
Still is thy fur as when the lists
In youth thou enter’dst on glass-bottled wall.

 

Katze, deine beste Zeit ist lange schon vorbei,
wieviele Mäus und Ratten hast du dir gerissen?
Geschnappt dir wieviel kleine Leckerbissen?
Starr nur aus den hellen, müden Schlitzen, den zwei
grünen, reck der Ohren Samt – doch bitte sei
so gut, laß die Krallen stecken, nur mich wissen
mit Fischen, Mäusen, Ratten, Hühnchen, all die Balgerei.
Nein, senke nicht die Augen, leck nicht die feinen Ballen,
wenn du auch asthmatisch keuchst, ist auch geknickt
die Spitze deines Schwanzes, hat dir es auch mißfallen,
wie manchen Mädchens frecher Finger dich gezwickt –
noch glänzt dein Fell wie in der Jugendzeit metallen,
da du auf Mauern staktest, die mit Glas gespickt.

 

Jan 6 19

Ich will nur das Blau des Himmels

Ich will nur das Blau des Himmels leben,
nur das Blau, das bodenlose,
dort als kleine Feder taumelnd schweben,
dort als Blütenblatt der Rose.

Ich will nur das Weiß von Flocken sagen,
nur das Weiß, das Ja für immer,
mir zu lösen Leidens alte Klagen
in dem blinden Sturz der Schimmer.

Ich will nur das Rot von Flammen singen,
nur das Rot, das Blut der Reben,
mich mit Funken auf ins Dunkel schwingen,
mattem Herzen Glühen geben.

Ich will nur das Grau des Regens trinken,
nur das Grau, das namenlose,
will mit weichen Tropfen Taues sinken
auf den Schlaf der wilden Rose.

 

Jan 6 19

Dies ist geheimnisvoll

Das alles kannst du nicht erklären,
es ist das Herz der Welt,
das noch in Rosen glüht,
wenn schon dein Stern
im Meer versinkt.

Ein Funke geht durch die Pupille
und erweckt dem Kind ein Bild,
der Liebe süßes Lächeln.

In Lichtes Schwingung ist kein Bild,
kein Lächeln in der Nacht
der blinden Dinge.

Dies ist geheimnisvoll,
so nah, unsagbar wahr.

Als sähe sich die Knospe
in Wassers schwarzem Spiegel
und Rose bräche auf,
ganz auszufalten
ihres Daseins weißen Schmerz,
sich hinzugeben ganz
in dunklen Fühlens Duft.

Ein Zittern geht durchs Ohrgewinde
und erweckt dem Kind ein Lied,
der Liebe holdes Kosen.

In Atems Zittern ist kein Klang,
kein Kosen in der Nacht
der harten Dinge.

Als schwänge sich ein Flügel
in Abends Abschiedsflammen
und Lerche schluchzte auf,
ganz auszufalten
ihres Flatterns herbe Lust,
sich hinzugeben ganz
in hellen Fühlens Klang.

Dies ist geheimnisvoll,
so nah, unsagbar wahr.

Das alles kannst du nicht erklären,
es ist das Herz der Welt,
das noch in Rosen glüht,
wenn schon dein Stern
im Meer versinkt.

 

Jan 5 19

Das dürftige Leben

Wie arm und dürftig ist das Leben
im reichen, rohen Moloch Stadt.
Bezahlten Lächelns Masken
müder Mädchen an der Schicksalskasse.

Mit dem Bettler vor dem REWE
tauschst du Wärme nicht
von Hand zu Hand: Er stinkt.
Schmutziger Schnee, o Seele dieser Stadt.

Schließ nur die Tür, denn fremdes
Blut ist deine Nachbarschaft.
Doch durch den Spalt des Traums
weht zarter Asche Angst.

FIDES ist die Hunger-Maus,
die sich im Kellerloch versteckt
und huscht, wenn unter Schritten
die alte Treppe knarzt.

Der Engel ohne Flügel,
der im Gerümpel unten liegt,
kein Kind seufzt seiner Anmut nach,
die sanfte Puppe PIETAS.

 

Jan 5 19

Es singt der Stein

Auf Wehsals schmalem Saum,
wo Todes Biß mit holdem Gift
die Gnade übertäubt,
hörst du vielleicht das Lied.

Es singt der Stein, beglänzt
von Wassers blauem Kuß,
es rauscht das Blatt der Dunkelheit,
ein Herz, geformt vom Wind.

Wie weißer Blüten Müdigkeit
ins Unwegsame lockt
in hellen Schlaf ein Schnee
vor blumenlosem Mond.

Es singt das Moos, betaut
von sanftem Liebesglanz,
es rauscht der Wald der Dämmerung,
ein Gott, geweckt vom Licht.

 

Jan 4 19

Ezra Pound, A Girl

The tree has entered my hands,
The sap has ascended my arms,
The tree has grown in my breast -
Downward,
The branches grow out of me, like arms.

Tree you are,
Moss you are,
You are violets with wind above them.
A child – so high – you are,
And all this is folly to the world.

 

Ein Mädchen

Der Baum drang ein in meine Hände,
der Saft stieg auf in meine Arme,
der Baum wuchs mir in der Brust –
nach unten,
die Zweige sprossen mir wie Arme.

Baum bist du,
Moos bist du,
du bist Veilchen und darüber Wind.
Ein Kind – so hoch – bist du,
und all dies ist töricht vor der Welt.

 

Jan 4 19

Rauscht am Grund die Nacht?

Welche Seite schlag ich auf
und Rosen duften,
welche Seite schlag ich um
und weiße Blüten
fallen in die Nacht?

All die Namen sind Papier
und Zeichen stinken,
alles grimassiert im Wachs
gefälschter Seelen,
blassend ohne Blut.

Welche Seele schlag ich auf
und Wasser rauschen,
welche Seele öffnet sich
und helle Tränen
leuchten in die Nacht?

All die Augen sind aus Kalk
und Blicke rieseln,
alles windet sich im Schoß
gefälschter Wonnen,
schluchzend ohne Glut.

Wühl ich mir den Brunnenschacht
mit deinem Namen
in der Eingeweide Herz,
rauscht am Grund die Nacht?

 

Jan 3 19

Ezra Pound, Canto LXXXI

(Schlußkadenz)

What thou lov’st well remains,
the rest is dross.
What thou lov’st well shall not be reft from thee
What thou lov’st well is thy true heritage
Whose world, or mine or theirs
or is it of none?
First came the seen, then thus the palpable
Elysium, though it were in the halls of hell,
What thou lovest well is thy true heritage
What thou lov’st well shall not be reft from thee

The ant’s a centaur in his dragon world.
Pull down thy vanity, it is not man
Made courage, or made order, or made grace,
Pull down thy vanity, I say pull down.
Learn of the green world what can be thy place
In scaled invention or true artistry,
Pull down thy vanity,
Paquin pull down!
The green casque has outdone your elegance.

“Master thyself, then others shall thee beare”
Pull down thy vanity
Thou art a beaten dog beneath the hail,
A swollen magpie in a fitful sun,
Half black half white
Nor knowst’ou wing from tail
Pull down thy vanity
How mean thy hates
Fostered in falsity,
Pull down thy vanity,
Rathe to destroy, niggard in charity,
Pull down thy vanity,
I say pull down.

But to have done instead of not doing
this is not vanity
To have, with decency, knocked
That a Blunt should open
To have gathered from the air a live tradition
or from a fine old eye the unconquered flame
This is not vanity.
Here error is all in the not done,
all in the diffidence that faltered …

 

Was du innig liebst, das bleibt,
der Rest ist Schlacke.
Was du innig liebst, kann man dir nicht rauben.
Was du innig liebst, ist dein echtes Erbe.
Wem die Welt, mir oder ihnen oder
gehört sie keinem?
Erst war in Sicht, dann war zum Greifen nah
Elysium, auch wenn es Höllenhallen bargen,
was du innig liebst, ist dein echtes Erbe,
was du innig liebst, kann man dir nicht rauben.

Ameisen sind in ihrer Drachenwelt Kentauren.
Reiß ab von dir die Eitelkeit, es ist des Menschen nicht,
hohen Mut aus nichts zu schaffen, Ordnung oder Grazie,
reiß ab von dir die Eitelkeit, ich sag, reiß ab.
Lerne von der grünen Welt, auf welche Stufe du dich
stellen kannst von Erfindung oder wahrem Künstlertum.
Reiß ab von dir die Eitelkeit,
Paquin, reiß ab!
Der grüne Helm hat dein erlesenes Kleid besiegt.

„Sei Meister deiner selbst, dann werden andere dich ertragen.“
Reiß ab von dir die Eitelkeit,
ein getretener Hund bist du im Hagelschauer,
eine aufgeplusterte Elster unter launischer Sonne,
halb schwarz, halb weiß,
weißt nicht, was Flügel ist, was Schwanz.
Reiß ab von dir die Eitelkeit.
Wie schäbig deine Haßgefühle,
die Falschheit aufgepäppelt,
reiß ab von dir die Eitelkeit,
haltlos im Zerstören, geizig im Erbarmen,
reiß ab von dir die Eitelkeit,
ich sag, reiß ab.

Doch die Tat zu tun statt nicht zu tun,
das ist nicht Eitelkeit.
Leise angeklopft zu haben,
daß ein Blunt die Türe öffne,
aus der Luft gepflückt zu haben Lebens Sagengeist
oder von einem schönen alten Aug die unbesiegte Flamme,
das ist nicht Eitelkeit.
Hier ging fehl, wer immer ohne Tat,
immer auf der Schwelle hingezaudert …

 

Anmerkung zum Verständnis:
Jeanne Paquin war eine berühmte Modeschöpferin in Paris. Das Zitat spielt auf ein ähnliches bei Chaucer an. Wilfrid Blunt war ein Dichter in London, bei dem der junge Pound vorstellig wurde.

 

Siehe:
https://www.youtube.com/watch?v=u0wc28wK7S0

 

Jan 2 19

Ezra Pound, The Faun

Ha! sir, I have seen you sniffing and snoozing
about among my flowers.
And what, pray, do you know about
horticulture, you capriped?
‘Come, Auster, come Apeliota,
And see the faun in our garden.
But if you move or speak
This thing will run at you
And scare itself to spasms.’

 

Der Faun

He, werter Herr, ich hab gesehen, wie du schnieftest, wie du schnarchtest
rings in meinen Blumenbeeten.
Und was, bitte, verstehst denn du
von Gartenkunst, du mit den Ziegenfüßen?
„Komm, Auster, Apeliotes, komm,
und seht den Faun in unserem Garten.
Doch rührt ihr euch und flüstert,
fährt diese Kreatur euch an
und fällt vor Schreck in Krämpfe.“

 

Anmerkung zum Verständnis:
Faun ist der lateinische Pan, der wilde, ziegenfüßige Gott des Waldes und der Hirten, Auster und Apeliotes sind personifizierte Winde, die Regen und also Fruchtbarkeit bringen. Hier verpaßt Pound dem Gott des heißen Bluts, dem er ansonsten als dem musengeküßten Wald- und Wiesen-Flötisten sehr gewogen war, ausnahmsweise einen ironischen Nasenstüber, indem er seine Schreckhaftigkeit vor dem leisesten Säuseln der Winde („rührt euch und flüstert“) bloßstellt.

 

Jan 2 19

Ezra Pound, Threnos

No more for us the little sighing.
No more the winds at twilight trouble us.

Lo the fair dead!

No more do I burn.

No more for us the fluttering of wings
That whirred in the air above us.

Lo the fair dead!

No more desire flayeth me,
No more for us the trembling
At the meeting of hands.

Lo the fair dead!

No more for us the wine of the lips,
No more for us the knowledge.
Lo the fair dead!

No more the torrent,
No more for us the meeting-place
(Lo the fair dead!)
Tintagoel.

 

Nie wieder uns die leisen Seufzer.
Nie wieder wird uns Wind im Zwielicht wirren.

Sieh, der schöne Tote!

Nie wieder hab ich Flammen.

Nie wieder uns der Flügel Flattern,
die über uns die Luft durchschwirrten.

Sieh, der schöne Tote!

Nie wieder mir der Sehnsucht Häuten,
nie wieder uns das Beben,
wenn sich die Hände finden.

Sieh, der schöne Tote!

Nie wieder uns der Wein der Lippen,
nie wieder uns das Wissen.
Sieh, der schöne Tote!

Nie wieder Wildbachs Rauschen,
nie wieder uns der holde Ort
(Sieh, der schöne Tote!)
Tintagel!

 

Anmerkung zum Verständnis:
Es handelt sich um ein Rollengedicht aus Pounds Gedichtband „Personae“ (1909). Die Maske („Persona“), in die der Dichter schlüpft, ist Isolde, die Tristan, ihren Geliebten, tot am Strand findet („der schöne Tote“) und beklagt; daher der Titel „Threnos“ (Totenklage). Tintagel oder Tintagoel ist der Name der Burg des Königs Marke, der Ort ihrer tragischen Liebesbegegnung.

 

Jan 2 19

Ambrosische Nacht

Grotte ambrosischer Nacht,
wo leiser Flügel schwingt,
Blumenvorhang blauer Luft,
woraus der Engel tritt
und über Flammenduft
reiner Herzen fliegt,
den Erwählten sich
zu finden, dem er singt.

Pollen sapphischen Hauchs,
weiche Schneegedanken,
Hände, die um Abschieds
sanftes Lächeln
Zärtlichkeiten ranken,
und der Liebe Säumen,
Seufzer süßen Taus,
die von Veilchen träumen.

 

Jan 2 19

Ezra Pound, And the days are not full enough

And the days are not full enough
And the nights are not full enough
And life slips by like a field mouse
Not shaking the grass

 

Und die Tage runden sich nicht ganz
Und die Nächte runden sich nicht ganz
Und Leben schlüpft wie eine Feldmaus hin
ohne daß ein Grashalm zittert

 

Jan 2 19

Ezra Pound, Canto XLV

With usura hath no man a house of good stone
each block cut smooth and well fitting
that design might cover their face,
with usura
hath no man a painted paradise on his church wall
harpes et luz
or where virgin receiveth message
and halo projects from incision,
with usura
seeth no man Gonzaga his heirs and his concubines
no picture is made to endure nor to live with
but it is made to sell and sell quickly
with usura, sin against nature,
is thy bread ever more of stale rags
is thy bread dry as paper,
with no mountain wheat, no strong flour
with usura the line grows thick
with usura is no clear demarcation
and no man can find site for his dwelling.
Stonecutter is kept from his stone
weaver is kept from his loom
WITH USURA
wool comes not to market
sheep bringeth no gain with usura
Usura is a murrain, usura
blunteth the needle in the maid’s hand
and stoppeth the spinner’s cunning. Pietro Lombardo
came not by usura
Duccio came not by usura
nor Pier della Francesca; Zuan Bellin’ not by usura
nor was ‘La Calunnia’ painted.
Came not by usura Angelico; came not Ambrogio Praedis,
Came no church of cut stone signed: Adamo me fecit.
Not by usura St. Trophime
Not by usura Saint Hilaire,
Usura rusteth the chisel
It rusteth the craft and the craftsman
It gnaweth the thread in the loom
None learneth to weave gold in her pattern;
Azure hath a canker by usura; cramoisi is unbroidered
Emerald findeth no Memling
Usura slayeth the child in the womb
It stayeth the young man’s courting
It hath brought palsey to bed, lyeth
between the young bride and her bridegroom
CONTRA NATURAM
They have brought whores for Eleusis
Corpses are set to banquet
at behest of usura.

 

Mit Wuchergeist hat kein Mensch ein Haus aus gutem Stein,
jeder Block gehauen glatt und wohlgefügt,
daß Ornament sein Angesicht verschöne,
mit Wuchergeist
hat kein Mensch ein Paradies gemalt auf seiner Kirchenwand,
Harfen und Licht,
wo Botschaft kommt zur Jungfrau
und Glorie scheint hervor aus Ritzen,
mit Wuchergeist
sieht kein Gonzaga seine Erben und seine Konkubinen,
kein Bild entsteht, daß es Dauer habe und man mit ihm lebe,
man macht es für Gewinn und schnellen Reibach,
mit Wuchergeist, Sünde wider die Natur,
ist immerdar dein Brot ein fader Fladen,
ist dein Brot trocken wie Papier,
mit Weizen vom Bergland nicht, kein Mehl, das kräftigt,
mit Wuchergeist wird die Falte tiefer,
mit Wuchergeist gibt es klare Grenzen nicht
und kein Mensch findet mehr die Ortschaft seines Weilens.
Dem Steinhauer nimmt man den Stein weg,
dem Weber nimmt man den Webstuhl weg,
MIT WUCHERGEIST
kommt Wolle nicht zum Markt,
Schafe bringen keinen Ertrag mit Wuchergeist,
Wuchergeist ist eine Seuche, Wuchergeist
macht die Nadel in des Mädchens Händen stumpf
und bringt die Spinnerin aus dem Takt. Pietro Lombardo
kam nicht aus Wuchergeist,
Duccio kam nicht aus Wuchergeist
noch Piero della Francesca; Zuan Bellini kam nicht aus Wuchergeist
noch ward „La Calunnia“ aus diesem Geist gemalt.
Aus Wuchergeist kam nicht Angelico; kam nicht Ambrogio de Predis,
kam keine Kirche mit der Inschrift auf dem Stein: Adamo me fecit.
Aus Wuchergeist nicht Sainte Trophime,
aus Wuchergeist nicht Saint Hilaire,
Wuchergeist überzieht mit Rost den Meißel,
mit Rost das Handwerk und den Werker,
er nagt den Faden im Webstuhl durch,
keiner lernt nach seinem Muster Gold zu weben;
das Blau des Himmels hat vom Wuchergeist Geschwüre; Purpur löst von Stickerei sich ab,
Smaragdgrün findet keinen Memling,
Wuchergeist schlägt das Kind im Mutterleibe tot,
er hemmt des jungen Mannes Werben,
er brachte Schlagfluß ins Bett, liegt
zwischen der jungen Braut und ihrem Bräutigam
CONTRA NATURAM.
Sie brachten Huren nach Eleusis,
Kadaver wurden zum Bankett geladen
auf Geheiß des Wuchergeists.

 

Jan 1 19

Ezra Pound, In a Station of the Metro

The apparition of these faces in the crowd;
Petals on a wet, black bough.

 

In einer Metrostation

Das Aufleuchten dieser Gesichter in der Menge;
Blütenblätter auf einem nassen, schwarzen Zweig.

 

Jan 1 19

Francis Jammes, La paix est dans le bois

Aus: De l’Angélus de l’aube à l’Angélus du soir

La paix est dans le bois silencieux et sur
les feuilles en sabre qui coupent l’eau qui coule,
l’eau reflète, comme en un sommeil, l’azur
pur qui se pose à la pointe dorée des mousses.

Je me suis assis au pied d’un chêne noir
et j’ai laissé tomber ma pensée. Une grive
se posait haut. C’était tout. Et la vie,
dans ce silence, était magnifique, tendre et grave.

Pendant que ma chienne et mon chien fixaient une
mouche qui volait et qu’ils auraient voulu happer,
je faisais moins de cas de ma douleur et laissais
la résignation calmer tristement mon âme.

 

Der Frieden wohnt im Waldesschweigen, auf
den Säbel-Blättern, die den Wasserlauf zerstoßen,
das Wasser spiegelt wie im Schlafe reinen Himmels Blau,
das sich auf die goldene Spitze niederläßt von Moosen.

Ich setzte mich zu Füßen einer dunklen Eiche
und ließ mein Denken gleiten. Eine Drossel
landete über mir. Das war alles. Und das Leben
war in dieser Stille herrlich, zart und ernst.

Während meine Hündin und mein Hund nach einer Mücke
äugten, die sie umschwirrte und die sie schnappen wollten,
nahm ich mein Leiden weniger wichtig und ließ
den Gleichmut mir die Seele sänftigen mit Traurigkeit.

 

Jan 1 19

Francis Jammes, En songeant à ta maison

Aus: De l’Angélus de l’aube à l’Angélus du soir

En songeant à ta maison à carreaux verts
dont le loquet de la porte est tiède en été,
je me suis dit que tu étais, mais grandie, peut-être,
une petite fille qui avait cinq années
lorsque je la vis dans une propriété
où elle habitait avec son tremblant grand-père.

Te souviens-tu ? C’était un dimanche lourd et blanc,
à cette époque où nous étions tous deux enfants.
Il y avait des rosiers près des poiriers en cône,
et des hannetons en métal vert sur les roses,
et, petite fille que je suivais tout doucement,
tu marchais à petits pas vers un moineau
posé en me disant : je vais prendre l’oiseau.
Mais maintenant la douceur d’enfance est partie
comme une grive. Oh ! quand nous étions les petits…
Mon cœur a débordé comme ces pots de terre
où l’on cuit, au feu noir, la cuisine des pauvres.

Ich dachte an dein Haus mit den grünen Fliesen,
der Riegel seiner Pforte wird im Sommer warm,
und sagte mir, daß du, nun erwachsen, wohl
ein kleines Mädchen von fünf Jahren warst,
als ich es in jenem Landhaus sah,
wo es mit seinem zitternden Großvater wohnte.

Erinnerst du dich? Es war ein Sonntag, drückend und weiß,
damals, als wir beide kleine Kinder waren.
Da waren Rosenbüsche neben Birnbäumen, wie Kegel zugeschnitten,
und Maikäfer aus grünem Metall über den Rosen,
und da war ein kleines Mädchen, dem ich leise, leise folgte,
du gingst mit kleinen Schritten auf einen Sperling zu,
der da saß, und sagtest zu mir: Ich werde den Vogel fangen.
Nun aber ist die Süße der Kindheit wie eine Drossel
weggeflogen. O, da wir Kinder waren …
Mein Herz lief über wie die irdenen Töpfe,
in denen man auf schwarzem Feuer die Armensuppe kocht.

 

Dez 31 18

Schatten, Tränen

Die Schatten und die Tränengluten,
die im Gespräch des Wassers mit dem Licht
leise ineinanderfluten.

Die Wolken und die Vogelstimmen,
die so hoch so tief in blauer Finsternis,
Fransen wirren Traumes, glimmen.

Die du auf dem Fenstersims gelassen,
wie Abschiedskuß ihr Duft so mild,
weicher Veilchen Wangen blassen.

Der Morgen will mir lang nicht scheinen,
die Tränen nehmen ihm die Sicht,
leere Herzen füllt kein Weinen.

 

Dez 31 18

Francis Jammes, Je garde une médaille

Aus: Clairières dans le ciel

Je garde une médaille d’elle où sont gravés
une date et les mots : prier, croire, espérer.
Mais moi, je vois surtout que la médaille est sombre :

son argent a noirci sur son col de colombe.

 

Ich hab von ihr ein Medaillon zu Lehen,
worauf die Worte „Beten, Glauben, Hoffen“ stehen.
Ich aber seh, das Medaillon ward Nacht zum Raube:

Sein Silber schwärzte sich am Hals der Taube.

 

Dez 31 18

Francis Jammes, C’est un coq

Aus: Clairières dans le ciel

… C’est un coq dont le cri taille à coups de ciseaux
l’azur net qui s’aiguise au tranchant du coteau.

Mais je veux autre chose encore ?

… C’est la salle à manger sur un parc, à midi.
Une femme en blanc, lourde et blonde, pèle un fruit.

— Je veux voir autre chose encore ?

C’est une eau tendrement aimée par le village
qui s’y mire et dénoue sur elle ses feuillages.

— Je veux voir autre chose encore ?

… Mais quoi donc ? — Oh ! Tais-toi, car je souffre ! Je veux
je veux voir, je veux voir au-delà de mes yeux

je ne sais quelle chose encore…

 

Dies ist ein Hahn, dessen Krähen mit Schlägen von Meißeln
den blanken Himmel zerhaut, er schärft sich unter Messers Geißeln.

Will ich noch mehr?

Dies ist ein Eßzimmer, das auf einen Park sieht, zur Mittagszeit.
Eine Frau schält eine Frucht, dicklich und blond, in hellem Kleid.

Will ich mehr noch sehen?

Dies ist ein Wasser, zärtlich von dem Dorf geliebt,
das sich darin spiegelt und sein Laub ihm gibt.

Will ich mehr noch sehen?

Was also, was? – Ach, halt den Mund, ich leide sehr!
Ich will, will sehen, will jenseits meiner Augen mehr

ich weiß nicht was noch sehen …

 

Dez 31 18

Francis Jammes, Je ne désire point

Aus: Clairières dans le ciel

Je ne désire point ces ardeurs qui passionnent.
Non : elle me sera douce comme l’Automne.
Telle est sa pureté que je désirerais
qu’elle eût sur son chapeau des narcisses-des-prés.
Mais que, si elle doit me donner cette grâce
que la blanche vertu rend calme et efficace,
et veiller aux travaux ainsi que la fourmi,
je la voie au jardin me sourire parmi
les carrés de piments que Septembre rougit.
Ils me feront penser à mes passions passées.
Elle sera le lys qui les a dominées.

 

Ich will nicht mehr in jenen Gluten weinen.
Nein: Wie der Herbst wird mild sie mir erscheinen.
Ihr reines Antlitz ließe ungern mich vermissen
auf ihrem Hut die Blumen, Wiesentau-Narzissen.
Doch wenn sie eine Gunst mir nur verschafft,
der weiße Tugend Ruhe gibt und Kraft
und Ameisenemsigkeit bei allem Tuen,
dann mag im Garten ihr Lächeln auf mir ruhen,
wenn September-Pfeffer glänzt in roten Schuhen.
Sie erinnern mich an meine abgetane Leidenschaft.
Sie wird die Lilie sein, die sie gezügelt hat.

 

Dez 31 18

Francis Jammes, La lune dans la nuit

Aus: Clairières dans le ciel

La lune dans la nuit fait songer à la Terre.
Le Silence, fermant les yeux, entre en prière.

 

Der Mond lenkt in der Nacht den Sinn aufs irdische Sein.
Die Stille schließt die Augen und betend tritt sie ein.

 

Dez 30 18

Wie es so geht

Das Leben geht durch einen Spiegel, blind.

Das dünne Blatt des Ohres wird von Raupen,
das heißen sie Musik, das Harmonien,
bis in den Schlaf zersägt und angefressen.

Die Zunge bleibt die Paradiesesschlange,
unvertrieben, keiner Jungfrau zarter Fuß
hat ihrem Zischen noch aufs Haupt getreten.

Das Herz, ein Garten, lang verwildert, wo Aas
in einer Sonne schwarzer Lache stinkt,
ein öder Wingert, wo die Echse lispelt Sand.

Die alte Brache Scham, wo überm Sumpf
von Purpurrosen des Mondlichts Zähne
kreisen, Mücken surren dumpfen Tod.

Die Seele, o die Seele, windet sich, ein Wurm,
dem nichts schmecken will von dem Gekröse,
durchs dunkle Labyrinth der Eingeweide.

 

Dez 30 18

Francis Jammes, Comme un insect

Aus: Clairières dans le ciel

Comme un insecte, la faucheuse mécanique
parcourt le foin. Son cliquetis irrégulier
semble accroître la torpeur qui se communique
à la vigne et à l’horloge de l’escalier.
Laissez-moi ne penser à rien. C’est un ennui
que de n’entendre parler que d’appendicite,
de Nietzsche, de la Vie, d’on ne sait quoi ensuite.
Les cornes des beaux bœufs luisent violemment,
et la lumière bleue enflamme le froment.
Les roses du jardin ont une odeur terrible,
et leurs pétales secs sont de sable torride.
Et la lourde écolière ainsi qu’un tournesol
s’endort et son atlas est tombé sur le sol.

 

Wie ein Insekt frißt die fatale Mähmaschine
sich durchs Heu. Aus ihrem wirren Klappern
scheint die Apathie zu steigen, die auf die Reben
übergeht und auf die Standuhr an der Treppe.
Laß an nichts mich denken. In einer solchen Öde,
da kann man nur von Blinddarmentzündung reden,
von Nietzsche, vom Leben, man weiß nicht, wovon noch.
Die Hörner der schönen Rinder leuchten vor Gewalt,
und das blaue Licht entflammt die Saaten.
Die Rosen des Gartens riechen fürchterlich,
ihre trocknen Blätter sind aus heißem Sand.
Das dicke Schulmädchen fällt in Schlaf
wie eine Sonnenblume, sein Atlas glitt herab.

 

Dez 30 18

Francis Jammes, Au pied de mon lit

Aus: Clairières dans le ciel

Au pied de mon lit, une Vierge négresse
fut mise par ma mère. Et j’aime cette Vierge
d’une religion un peu italienne.
Virgo Lauretana, debout dans un fond d’or,
qui me faites penser à mille fruits de mer
que l’on vend sur des quais où pas un souffle d’air
n’émeut les pavillons qui lourdement s’endorment,
Virgo Lauretana, vous savez qu’en ces heures
où je ne me sens pas digne d’être aimé d’elle,
c’est vous dont le parfum me rafraîchit le cœur.

 

Zu Füßen meines Betts hat meine Mutter
eine schwarze Madonna aufgestellt. Ich liebe diese Jungfrau
mit einer beinahe italienischen Frömmigkeit.
Virgo Lauretana, aufrecht vor einem Grund aus Gold,
bei deren Anblick ich an tausend Meeresfrüchte denke,
die man an den Kais feilbietet, wo kein Lufthauch
durch die Läden weht, die in dumpfen Schlummer sinken.
Virgo Lauretana, du weißt, daß in jenen Stunden,
da ich mich ihrer Liebe nicht mehr würdig finde,
du es bist, in dessen Duft das Herz mir wieder kühlt.

 

Dez 30 18

Francis Jammes, Vous m’avez regardé

Aus: Clairières dans le ciel

Vous m’avez regardé avec toute votre âme.
Vous m’avez regardé longtemps comme un ciel bleu.
J’ai mis votre regard à l’ombre de mes yeux…
Que ce regard était passionné et calme…

 

Du hast mich angeschaut mit deiner ganzen Seele.
Wie ein blauer Himmel hast lange du mich angeschaut.
Dein Blick ist unter meinen Augen ganz ergraut …
Wie voller Glut war dieser Blick, wie voller Stille …

 

Dez 29 18

Mein Herz hüpft wie ein Knabe

Meine Seele ist ein weißes Taschentuch
und winkt dir Schnee des Wiedersehens zu.

Meines Herzens müde Knospe schwingt,
wenn dein Bienen-Mund ihr singt.

Meine Seele ist ein Schuh aus Seide,
der sich um den Schlummer deines Fußes schmiegt.

Mein Herz ist eine Lämmerweide,
wo dein Herz im herben Dunst der Kräuter liegt.

Meine Seele ist die weiche Wabe,
worein du deinen blonden Honig sammelst.

Mein Herz hüpft wie ein Knabe
über Bäche, wenn du Zärtlichkeiten stammelst.

Meine Seele will den Sternen sich vereinen,
wenn dir auf der Wange Tränen funkeln.

Mein Herz will weinen nur, will weinen,
wenn deine Augen sich verdunkeln.

 

Dez 29 18

Francis Jammes, O mon Ange gardien

Aus: Clairières dans le ciel

O mon Ange gardien, toi que j’ai laissé là
pour ce beau corps blanc comme un tapis de lilas :
Je suis seul aujourd’hui. Tiens ma main dans ta main.

O mon Ange gardien, toi que j’ai laissé là
quand ma force éclatait dans l’Eté de ma joie :
Je suis triste aujourd’hui. Tiens ma main dans ta main.

O mon Ange gardien, toi que j’ai laissé là
quand je foulais d’un pied prodigue l’or des bois :
Je suis pauvre aujourd’hui. Tiens ma main dans ta main.

O mon Ange gardien, toi que j’ai laissé là
quand je rêvais devant la neige sur les toits.
Je ne sais plus rêver. Tiens ma main dans ta main.

 

Mein Wächter-Engel, ich gab dich preis
für den schönen Leib wie Fliederteppich weiß:
Nun bin ich allein. Leg meine Hand in deine Hand.

Mein Wächter-Engel, ich gab dich preis,
als mir die Kraft in Sommers Jubel wurde heiß:
Traurig bin ich nun. Leg meine Hand in deine Hand.

Mein Wächter-Engel, ich gab dich preis,
als ich durch Wälder irrte nach dem goldnen Reis:
Arm bin ich nun. Leg meine Hand in deine Hand.

Mein Wächter-Engel, ich gab dich preis,
als mir auf Dächer Träume schneiten weiß:
Aus ist der Traum. Leg meine Hand in deine Hand.

 

Dez 29 18

Francis Jammes, Les lilas qui avaient fleuri

Aus: Clairières dans le ciel

Les lilas qui avaient fleuri l’année dernière
vont fleurir de nouveau dans les tristes parterres.
Déjà le pêcher grêle a jonché le ciel bleu
de ses roses, comme un enfant la Fête-Dieu.
Mon cœur devrait mourir au milieu de ces choses,
car c’était au milieu des vergers blancs et roses
que j’avais espéré je ne sais quoi de vous.
Mon âme rêve sourdement sur vos genoux.
Ne la repoussez point. Ne la relevez pas,
de peur qu’en s’éloignant de vous elle ne voie
combien vous êtes faible et troublée dans ses bras.

 

Die Fliederbüsche, die voriges Jahr erblühten,
sie wollen wieder blühen in den Kummer-Beeten.
Der Pfirsichbaum reckt seine dürren Rosenäste
ins Himmelsblau wie Kinder am Fronleichnamsfeste.
Mein Herz, es wär inmitten alles dessen besser tot,
war es unter Bäumen ja, die blühten weiß und rot,
daß ich etwas von dir hoffte, was weiß ich kaum.
Meine Seele liegt auf deinen Knien in dumpfem Traum.
Stoß sie nicht weg. Nicht bieg ihr Angesicht zurück,
ihr ist so bang, daß von dir weichend sie erblickt,
wie schwach du bist, von ihren Armen halb erdrückt.

 

Dez 28 18

Das knisternde Herz

Wie ein silberner Tropfen
klatscht aufs Buchenblatt,
stob ihr Kuß mir sprühend
auf das Lallen des Munds.

Wie ein Strahl die Haut der Rose
kitzelnd bricht die Knospe auf,
warf ihr Blick mir Flammen
in das knisternde Herz.

Wie den Tod die Biene
trunken summt im Gras,
ging mein Lächeln unter
in den Fluten ihres Haars.

 

Dez 28 18

Grotte verklungenen Lieds

Dem Andenken an Oleg Karavaichuk

O Pomeranzen, rotwangige Äpfel,
Dämmerung durchgeisternde Augen,
purpurne Tränen der heiteren Luft,
wollüstige Kugeln der Bienen,
Kirschen, Magnolienknospen,
blutende Lippen des Weins –
ihr glüht ja, duftet nicht mehr,
Gespenster aus leblosem Plastik,
in atemloses Cellophan gewickelt,
im Staub der schwarzen Vitrine.

O Seelen, kitzelnde Zungen am Gaumen
der schluchzenden Stille,
Blütenflämmchen im Tau
verwilderter Gärten,
pollenverzückte Wimpern,
die Gräser des Morgens sanfter
streifend als Schwanenflaum
die weiße Narbe des Schaums
auf nächtlichen Wassern,
blaue Flügel des Sommerwinds,
Grotte verklungenen Lieds –
vom braunen Firnis der Bilder
auf versiegelten Rentabeln
erdrosselte Seufzer.

O Antlitz, gläubige Rose,
ins Gold des Zuspruchs knospend,
das aus dem Spalt des Vorhangs regnet
selig zerrinnender Wolken,
Pupille kindlichen Lächelns,
Mädchenwange der Anmut,
gerötet vom Singen des Winds,
von süßer Müdigkeit betaut,
schlummernd auf Wassers weicher Hand –
ein dürres Blatt liegt deine Stirn
im alten Buch vergilbter Verse,
von keiner Liebe Mund mehr angehaucht.

 

Siehe:
https://www.youtube.com/watch?v=zuj-bCEEjaQ
https://www.arte.tv/de/videos/058865-000-A/oleg-und-die-unerwartete-schoenheit-der-kuenste/

 

Dez 27 18

Römische Brücke

Caesar berichtet über den Bau einer Brücke über den Rhein (De bello Gallico, IV. Buch, Kap. 17)

Wucht und Maß der rein verfugten Namen,
ohne Mörtel des Gefühls,
hellen Geistes wachster Dorn,
der ins Lid des Augenblickes
der Entscheidung sticht,
kahler Pfahl des Willens,
sich ins Fleisch der Welt
zu rammen.

Jedes Wort Befehl und Nagel,
der ins Mark der Wahrheit dringt,
Eisen, Pforten aufzubrechen,
die in die Wildnis banger Stille münden.

Eisen, die Rinde der gefällten Eiche
von Laub und feuchtem Moos,
Metaphern grüner Triebe,
abzuschaben.

Der Stamm des glatten Worts,
das wurzellos und ohne Wipfel
das Werk der Herrschaft trägt,
das Wunderwerk,
das über dunklen Wogen schwingt,
die eitlen Sehnens Schaum
am Bollwerk stauen.

Und über festen Planken Rattern,
Klirren, Wiehern, Schreie,
die in Wassers graues Rauschen,
in die Wälder dumpfen Röhrens
das O des großen Namens höhlen,
Rom.

Wortes Silberbuckel eines Schilds,
auf den das Schwert im Takt
des heißen Bluts
die Ankunft eines Gottes kündet.

Wortes nacktes Antlitz ohne Schminke,
ohne Puderstaub der Phrase,
Schnee der Wange,
purpurn nur vom Puls
des kühnen Traums.

Wortes schmaler Mund,
mit nüchternem Wasser gesalbt,
nicht tauig schwellend
wie die Traube des Weins.

Wort, dem Tag ward Nacht des Triebs,
zum Tag der Ruhmesfackel Nacht,
von goldenem Lorbeer heiß,
der sich durchs Dickicht dunkler Namen
dunkler Völker brennt.

Wo aber, Nymphe des Baums,
und die in seinem Blattwerk sang,
Nachtigall, und nicht mehr singt?

Wo aber, Herz der Dunkelheit,
das liebend ein Dichter vernahm,
dichten Laubes Kuckucksruf?

 

Dez 26 18

Francis Jamees, Par ce que j’ai souffert

Aus: Clairières dans le ciel

Par ce que j’ai souffert, ma mésange bénie,
je sais ce qu’a souffert l’autre : car j’étais deux…
Je sais vos longs réveils au milieu de la nuit
et l’angoisse de moi qui vous gonfle le sein.
On dirait par moments qu’une tête chérie,
confiante et pure, ô vous qui êtes la sœur des lins
en fleurs et qui parfois fixez le ciel comme eux,
on dirait qu’une tête inclinée dans la nuit
pèse de tout son poids, à jamais, sur ma vie.

 

Weil ich gelitten, meine gepriesene Meise,
weiß ich auch, was der andere litt: denn ich war beide …
Ich weiß um dein langes Wachen zur Mitternacht,
die Angst um mich, die deinen Busen schwellt.
Als würde ein geliebtes Haupt für Augenblicke, leise
vertrauend und rein, o du Schwester der Blüten-Wiese
von Flachs, die manchmal gen Himmel du blickst wie diese,
als würde ein Haupt, der Nacht sich zu schenken,
für immer mit all seiner Schwere auf mein Leben sich senken.

 

Dez 26 18

Francis Jammes, Tranquille et nu se pose

Aus: Clairières dans le ciel

Tranquille et nu se pose au-dessus du blasphème
Le pied d’une petite enfant Nazaréenne.

 

Still und nackt setzt aufs Wort, das wider Gott aufsteht,
den Fuß ein unmündiger Knabe aus Nazareth.

 

Dez 26 18

Francis Jammes, Son souvenir emplit l’air

Aus: Clairières dans le ciel

Son souvenir emplit l’air si clair que j’ai cru
que l’ombre d’un oiseau me tombait sur la tête.
Le tulipier d’un parc est d’un vert noir et cru.
Une beauté sans nom emplit l’azur, du faîte
des pignons enfumés au plus loin horizon.
Dans la salon où elle vint, dans le salon
où il y avait des lilas sombres comme la nuit,
il y a maintenant des roses dans un verre
et un bouton de magnolia que ma mère
a posé sur le piano creux et verni.
Cette fleur ne s’est pas encore épanouie,
mais elle s’est gonflée comme pour éclater,
et se soulève hors du vase, et l’on dirait
qu’elle va s’envoler au milieu de l’Eté.
Je ferme ma croisée pour mieux enfermer l’ombre.
Je songe. J’ai souffert. Je ne sais plus. Je songe.
La pompe grince et mon chien dort sur le parquet.
Quand donc viendra le jour où, poussant le loquet
de la porte d’entrée qui rêve sous le cèdre,
sa main fera jaillir sur les dalles usées
tout ce que sa présence amène de lumière ?

 

Erinnerung an sie erfüllte die Luft mit solcher Klarheit,
mir war, als fiele eines Vogels Schatten auf mein Haupt.
Der Tulpenbaum im Park trägt dunklen Grüns ein grelles Kleid.
Namenlose Schönheit füllt des Himmels Bläue, Rauch
wallt vom First der Dächer fernstem Horizonte zu.
Im Salon, in den sie schritt, in der guten Stube,
wo ein Strauß von Flieder stand, dunkel wie die Nacht,
stehen jetzt in einem Glase Rosen da
und eine Magnolienknospe, die hat Mama
auf den Bauch des Klaviers gestellt, er glänzt von Lack.
Noch hat die Blüte ihren Schoß nicht aufgemacht,
doch schwillt sie so, als würde sie gleich bersten,
und reckt sich aus der Vase auf, man könnte meinen,
bald wird ihr Flug des Sommers Mitte sie vereinen.
Ich mach das Fenster zu, daß ich den Schatten nicht versäume.
Ich träume. Bin voll Leid. Ich weiß nicht mehr. Ich träume.
Die Brunnenpumpe quietscht, mein Hund schläft auf den Fliesen.
Wann endlich kommt der Tag, da ihre Hand den Riegel
der Pforte drückt, der unterm Zedernholze träumt,
und über den abgeschabten Dielen den Spiegel
des Lichtes weckt, das um ihr Dasein schäumt?

 

Dez 25 18

Francis Jammes, La salle à manger

Aus: De l’Angélus de l’aube à l’Angélus du soir

Il y a une armoire à peine luisante
qui a entendu les voix de mes grand-tantes
qui a entendu la voix de mon grand-père,
qui a entendu la voix de mon père.
À ces souvenirs l’armoire est fidèle.
On a tort de croire qu’elle ne sait que se taire,
car je cause avec elle.

Il y a aussi un coucou en bois.
Je ne sais pourquoi il n’a plus de voix.
Je ne peux pas le lui demander.
Peut-être bien qu’elle est cassée,
la voix qui était dans son ressort,
tout bonnement comme celle des morts.

Il y a aussi un vieux buffet
qui sent la cire, la confiture,
la viande, le pain et les poires mûres.
C’est un serviteur fidèle qui sait
qu’il ne doit rien nous voler.

Il est venu chez moi bien des hommes et des femmes
qui n’ont pas cru à ces petites âmes.
Et je souris que l’on me pense seul vivant
quand un visiteur me dit en entrant :
- comment allez-vous, monsieur Jammes ?

 

Das Eßzimmer

Da gibt es einen Schrank mit nur wenig Gefunkel,
der hörte meine Großtanten munkeln,
er hörte die Stimme meines Großvaters,
er hörte die Stimme meines Vaters.
Diese Erinnerungen sind für den Schrank intim.
Wer glaubt, er könne schweigen nur, liegt schief,
denn ich plaudere mit ihm.

Da gibt es auch eine hölzerne Kuckucksuhr.
Ich weiß nicht, warum sie nicht mehr ruft.
Ich kann sie nicht danach fragen.
Vielleicht ist sie innen zerschlagen,
die Stimme, die ihr war geboten,
so untrüglich wie jene der Toten.

Da gibt es auch ein altes Büffet,
das nach Wachs riecht, nach Konfitüre,
nach Fleisch und Brot und Birnen, mürben,
es ist ein treuer Diener, der weiß,
man darf nichts stehlen aus unserem Kreis.

War mancher Mann und manche Frau, die zu mir kam,
am Glauben an solch kleine Seelen waren sie klamm.
Ich lächelte, wenn einer wähnte mich allein
und mich fragte, trat er zu mir ein:
„Wie geht es Ihnen, Monsieur Jammes?“

 

Dez 25 18

Francis Jammes, Je songe à ce jour-là

Aus: Clairières dans le ciel

Je songe à ce jour-là où vous me confierez
votre pudeur pareille au muguet-des-forêts.

 

Ich träume von jenem Tag, an dem du deine Keuschheit
mir anvertraust wie das Maiglöckchen der Waldeinsamkeit.

 

Dez 25 18

Der Abschied des Zeus

Erhob als erster sich vom festlichen Mahle
der Vater der Götter und Menschen und stieß
den goldenen Thron der Herrschaft um, der Adler,
der auf der Lehne kauernd Brocken Fleisch
ihm aus dem Mund geklaubt, der Adler aber
entflatterte über den Schnee des Olymps
nach nirgendwo in leeren Himmels Bläue.
Ihm ward der Saft der Traube schal,
und schal, der ihn kredenzte, Ganymedes,
der Dunst der Menschenleiber war
ihm widerlich, er roch nach Angst, nach
Ambrosia nicht, den warmen Schoß,
der ihm sich reckte, säuerten Tropfen
Geschwätzes und ranzige Milch
der Eitelkeit geheuchelter Ekstasen.
Die nächst ihm saßen, der Gott des Spiels,
Apollon, und das hohe Kind Athene,
die Lyra sank, das blaue Licht
von Augen verdunkelten die feuchten Wimpern,
sie folgten ihm zur Schwelle, doch
er sprach: „Nun gehe jeder einsam Schicksals
verworrene Wege, du such den Ort,
wo schwarz dem Schnee entragt ein Kreuz,
birg dort die Lyra, von Efeu überwachsen,
du aber zieh durch wilde Flur
mit deinen Schwestern, ob ihr Kinder findet
entlegener Völker, die im Schutt
nach Bildern graben, Gesang im Wind vernehmen.
Ich steige zum Orkus jetzt hinab,
die Pforte den Titanen aufzuschließen,
daß sie wie Ratten durch die Nacht
der Erde hetzen und träufen dem verderbten
Geschlecht mit jedem Biß das Gift
von Pest und Wahnsinn ein, daß Chaos träume.“

 

Dez 24 18

Francis Jammes, Elle était descendue

Aus: Clairières dans le ciel

Elle était descendue au bas de la prairie,
et, comme la prairie était toute fleurie
de plantes dont la tige aime à pousser dans l’eau,
ces plantes inondées je les avais cueillies.
Bientôt, s’étant mouillée, elle gagna le haut
de cette prairie-là qui était toute fleurie.
Elle riait et s’ébrouait avec la grâce
dégingandée qu’ont les jeunes filles trop grandes.
Elle avait le regard qu’ont les fleurs de lavande.

 

Sie war die Wiese ganz hinabgegangen,
die Wiese war ein einzig Blütenprangen
von Blumen, die ihren Stengel gern ins Wasser halten,
so hatte ich sie mir erlesen, der Blumen feuchte Wangen.
Da sie naß geworden, stieg bald sie wieder auf die Höhenfalten
dieser Wiese, da wo all die Blüten prangen.
Sie lachte und schüttelte sich mit der schlaksigen
Anmut, die jungen Mädchen eignet, die zu groß gerieten.
Ihr Blick war blau wie von Lavendelblüten.

 

Dez 24 18

Francis Jammes, Faisait-il beau

Aus: Clairières dans le ciel

Faisait-il beau quand elle est morte, votre amie ?
Oh !… Je voudrais savoir si c’était le matin…
Avant de s’en aller vous a-t-elle souri ?

Donnez-lui l’edelweiss que vous ne voulez point…

 

Schien die Sonne, als dir die Freundin starb?
O! … Ich wüßte gern, ob es am Morgen war …
Hat sie dir, bevor sie ging, noch zugelächelt?

Leg ihr, magst du es auch nicht, ein Edelweiß aufs Grab …

 

Dez 24 18

Das Lämmchen vor der Krippe

Der Ochse hält im Kauen inne,
das Grautier rollt die Augen,
auf taubehauchter Wiese hüpft
das Lamm in wilden Sprüngen.

Flocken seines Felles blieben
am Gestrüpp der Verse hängen,
wehen, zarter Schaum des Winds,
Blüten einer weißen Nacht.

Von aufgeweckten Halmen stäubt
die Freudenwolke hellen Taus,
das Lämmchen hüpft, sein Blöken
geht Engeln selbst zu Herzen.

Flocken seines Felles haben
Reime rauschend Ringeltauben
heim ins Nest gebracht den Küken,
Wärme vor dem bösen Frost.

Der Hirte läßt die Flöte sinken,
die Engel stehen flügelstill,
das Lämmchen hüpft und blökt,
Klein-Jesus klatscht in seine Hände.

Flocken seines Felles haben
weiche Hände in die Kissen
leiser Lieder eingenäht,
sanfter Herzen Traumgespinst.

 

Dez 23 18

Francis Jammes, Nous nous aimerons tant

Aus: Clairières dans le ciel

Nous nous aimerons tant que nous tairons nos mots,
en nous tendant la main, quand nous nous reverrons.
Vous serez ombragée par d’anciens rameaux
sur le banc que je sais où nous nous assoierons.
C’est là que votre amie, cette fée du hameau,
gracieuse comme au temps de Jean-Jacques Rousseau,
et bonne comme on est quand on a bien souffert,
c’est là, dans le secret de ces asiles verts,
qu’elle parla de vous à celui qui vous aime.
Donc nous nous assoierons sur ce banc, tous deux seuls,
à l’heure où le soleil empourprant l’écureuil
descend sur la pelouse où sont les poulinières.
D’un long moment, ô mon amie, vous n’oserez…
Que vous me serrez douce et que je tremblerai…

 

So groß wird unsre Liebe sein, daß alle Worte schweigen,
wir halten uns die Hand, wenn wir einander träumen.
Du wirst von alten Zweigen umschattet weilen
auf der Bank, ich weiß, dort werden wir uns setzen.
Dort warʼs, daß deine Freundin, des Dörfchens Fee, so
voller Anmut wie in Zeiten eines Jean-Jacques Rousseau,
und voller Güte, wie sie Geduld des Leidens nur verleiht,
dort warʼs, im Obdach grüner Abgeschiedenheit,
daß sie sprach von dir zu jenem, der dich liebt.
So lassen auf der Bank wir zwei uns nieder, ganz allein,
zur Stunde, da die Sonne Purpur auf das Eichhorn streut
und auf die Wiese sinkt, wo junge Stuten weiden.
Einen langen Augenblick, o meine Liebe, wirst du zaudern …
Wie du sanft mich herzen wirst, wie ich dann bebe …

 

Dez 23 18

Francis Jammes, Ne me console pas

Aus: Clairières dans le ciel

Ne me console pas. Cela est inutile.
Si mes rêves qui étaient ma seule fortune
quittent mon seuil obscur où s’accroupit la brume
je saurai me résoudre et saurai ne rien dire.

Un jour, tout simplement (ne me console pas !)
devant ma porte ensoleillée je m’étendrai.
On dira aux enfants qu’il faut parler plus bas.
Et, délaissé de ma tristesse, je mourrai.

 

Versuche nicht, mir Trost zu spenden. Das bringt nichts.
Weichen meine Träume, mein einziger Besitz,
von meiner dunklen Schwelle, auf die sich Nebel kauern,
weiß ich mir zu helfen, weiß dem Worte Mauern.

Eines Tages will ich einfach (keinen Trost mir nicht!)
in den Sonnenschein vor meiner Tür mich strecken.
Man hält die Kinder an, daß man hier leiser spricht.
Der Traurigkeit entronnen, wird mich Staub bedecken.

 

Dez 23 18

Das Gericht

… eripitur persona, manet res.
… es fällt die Maske, was echt ist, bleibt.
Lukrez, III, 58

Wenn Worte leer wie Blätter treiben
im Geisterwind, im Schnee der Nacht,
was zählt der Baum in seinem Schweigen,
was hat des Lebens Saft vollbracht?

Im Dunst von trägen Sommertagen
verschwimmt im deutungslosen Blau
gezackter Zeichen rankend Ragen,
gestuften Sinnes Gliederbau.

Wenn Hände bang wie Vögel flattern
im Käfig der verlornen Zeit,
wird Schatten nur von Schatten schnattern,
kein Heros hält den Flammenscheit.

Wenn Worte hohl wie Masken gleißen
vor schiefen Mäulern ohne Scham,
wird sie der Sturm herunterreißen,
der aus dem Ungedachten kam.

Und frischen Glanzes trinken Blätter
der neuen Schöpfung goldnes Licht,
es zischt am Purpursaum der Wetter
noch lang von Flammen im Gericht.

 

Dez 23 18

Francis Jammes, Un poète disait

Aus: Clairières dans le ciel

Un poète disait que, lorsqu’il était jeune,
il fleurissait des vers comme un rosier des roses.
Lorsque je pense à elle, il me semble que jase
une fontaine intarissable dans mon cœur.
Comme sur le lys Dieu pose un parfum d’église,
comme il met du corail aux joues de la cerise,
je veux poser sur elle, avec dévotion,
la couleur d’un parfum qui n’aura pas de nom.

 

Ein Dichter sagte, da war er noch sehr jung,
er blühe von Versen wie ein Rosenstrauch von Rosen.
Wenn ich an sie denke, ist mir, als schwatze
ein Quell in meinem Herzen, der nie versiegt.
Wie Gott den Duft der Kirche über Lilien haucht,
wie er Korallen für der Kirsche Wangen braucht,
will wie einem Andachtsbild ich ihr entzünden
die Farbe eines Dufts, in keinem Buch zu finden.

 



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