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Feb 17 20

Die Blume des Lieds

Das Lied, des Winds Gespiele,
weht über Mauern blütengleich,
als ob es wie die Liebe weich
zu deinen Füßen fiele.

Das Schimmern einer Flocke,
aus nächtlich blauem Vlies gerupft,
des Flieders weißer Schaum, geschlupft
in deines Schlummers Locke.

Die Seelen, lebende und tote,
geborgen sanft von seiner Lust,
sind dunkel dir wie Duft bewußt,
bricht auf dir seine Schote.

Mit Tränen, Musengaben,
erweicht es dir das Bild der Welt,
sein Melos hat dein Herz erhellt,
du sollst die Blume haben.

 

Feb 17 20

Der Abweg der Liebe

An Nebelfäden blassen Lichter,
die müde Liebe streift durchs Laub,
dem Ruf des Vogels bleibt sie taub,
der Ruf erstirbt, das Laub wird dichter.

Des Atems Gras ersticken Tücher,
von dumpfen Krämpfen ausgedünnt,
auf denen Mondes Milch verrinnt,
von Schmerzenslicht gebleichte Bücher.

Wie Trunkne sich an Gitter lehnen,
wo grauen Tau das Blattwerk weint,
die Feuchte zum Kristall versteint,
so funkelt kalt ihr krankes Sehnen.

Wohl mag sie sich ans Ufer betten,
von Wassers Raunen zart durchzuckt,
als hätte Kräuter sie geschluckt,
die Einsame in Träume retten.

 

Feb 17 20

Der Duft der Muse

Im Wechsel atmet Harmonie,
des Lichtes weiche Übergänge
und sanften Abends Widerklänge
sind uns, was hoher Geist verlieh.

Geflügelt schwebt der Engel Chor
durch trunkner Anmut Veilchenbläue,
es schneien Blüten reiner Treue
aus offnen Paradieses Tor.

Und die am schwarzen Mahnmal stehn
und bitter um das Liebste weinen,
soll goldne Dämmerung umscheinen,
wenn sie zum Trauermahle gehn.

Wie Tropfen glänzt des Liedes Charme
an Blättern dem erquickten Leben,
sie wollen frische Fühlung geben,
vom Herzen lösen Staub und Harm.

Und die in Winkeln Schwermut hemmt,
sich in Gesanges Flut zu stellen,
berauschen seine Wunderwellen,
das Dunkel ist schon fortgeschwemmt.

Und was man von den Weisen sagt,
daß lächelnd sie am Tore danken,
geschieht, weil Musen-Duft sie tranken
und über Mauern eine Rose ragt.

 

Feb 16 20

Der Strom des Lieds

Wir wollen es mit Wellen künden,
auf denen Sonne blinkt,
auch wenn die Blüte sinkt,
in blauen Buchten soll das Lied uns münden.

Der Strom ist goldnen Bildern Spiegel,
und sind sie bald verblaßt,
das Herz hat sie erfaßt,
geschmolzen in der Sage Tiegel.

Und wirbeln Stürme auf Gespenster,
verwüstet die Gestalt
der Wetter Urgewalt,
bald atmet Frieden uns durch Himmelsfenster.

Den Kindern, die am Ufer spielen,
beglänzt ein bunter Schaum
der wilden Herzen Saum
und trägt ihr Boot zu Sehnsuchtszielen.

Die Schiffe, die im Dunkel schaukeln
und gießen süßen Schein,
entzückter Rufe Wein,
soll unser Walzertanz umgaukeln.

Und geht es hin durch Wüsteneien,
da Abgrunds Felsen schrofft,
kein Menschenherz mehr hofft,
soll sich das Lied den Toten weihen.

 

Feb 15 20

Frühling

O dunkler Schmerz in hellem Blühen,
wenn weißen Flieders Schaum
das Herz bestäubt mit Traum,
und Knospen, Knospen, die erglühen.

Wie darf den Abgrund Bläue füllen,
und über Hecken springt,
mit grünen Wassern singt
die Kreatur dem Geist zuwillen.

Wir grauen Seelen wollen wieder
von süßem Rosenlicht
erflehen ein Gesicht,
das glänzt vom Tau der Sonnenlieder.

Ihr Märzenbecher und Ranunkeln,
ihr Veilchen, feuchtes Moos,
ihr seid des Liedes Schoß,
der Schöpfung Licht, wenn Zweifel dunkeln.

Die Liebe kommt, ein leises Säuseln
von treuem Laub und Gras,
wenn die Erinnerung genas
bei weichen Wassers zartem Kräuseln.

Die trüben Bilder, die uns höhnten,
die Worte sinnentblößt,
sind alle nun erlöst,
weil Tränenblicke uns versöhnten.

 

Feb 14 20

Analogia entis

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Die schlichte Tasse ist mittels ihrer Rundung mundförmig, ihres Henkels handförmig gebildet.

So ist der Flügel windförmig, die Flosse wellenartig, das Auge sonnenhaft.

Wir erblicken die Sonne am Himmel, doch das blaue Gewölbe des Himmels ist der Horizont unserer Lebenswelt, in dem wir die Lerche steigen sehen – die Lerche aber sieht ihn nicht.

Das Blatt ist im ununterbrochenen Gespräch mit dem Wind, dem Licht, dem Regen.

Die Form, die Aderung, die Struktur des Blattes ist eine Resonanz, ein Echo, eine Antwort auf den Wind, das Licht, das Wasser.

Die Dinge, mit denen wir umgehen, sind keine neutralen Objekte mit wesentlichen und akzidentellen Eigenschaften, sondern Bedeutungsträger unseres Weltumgangs.

Der Sessel ist eine Resonanz unserer körperlichen Gestalt, des Rückens, der Arme, der Beine.

Der Körper, die Seele, der Geist von Mann und Frau stehen in harmonisch-kontrapunktischer Spannung.

Der Mann versteht die Frau nicht, die Frau nicht den Mann, sondern beider Selbstverständnis und Selbstgefühl wächst und intensiviert sich, je mehr sie vom Gegenpart in sich aufnehmen.

Das Dasein von Biene, Hummel, Falter ist ein Moment im Dasein der von ihnen bestäubten Blüten, die Blütenpflanze ist ein Moment im Dasein von Biene, Hummel, Falter.

Die Sonne des Astronomen und Physikers ist nicht die Sonne des Adlers, des Gärtners, des Malers.

Die Vergangenheit ist keine Vorstufe der Gegenwart, die Gegenwart keine Vorstufe der Zukunft, alle Zeiten schwingen zugleich wie eine Schale unter Schalen, eine mittönende Glocke unter tönenden Glocken in der Ewigkeit einer unendlichen Melodie.

Eine kaum angeschlagene Melodie kann man intuitiv fortsetzen und vollenden.

Eine Betrachtung der Hand ist sinnlos ohne eine Analyse von Begriffen wir Handwerk und Handlung.

Kulturen sind wie Pflanzen, die in ihrem Wuchs, ihrer Blütenform, ihrem Duft ganz verschiedene ökologische Umwelten widerspiegeln.

Man kann Rosen nicht mit Disteln kreuzen; freilich sie mittels Pfropfen veredeln. – So wurde die römische Kultur mittels Aufpfropfen der griechischen veredelt.

Alles Erleben gründet auf Formen des Empfindens, alles Empfinden setzt den Unterschied dessen, der empfindet, vom Empfundenen als mehr oder weniger deutlich voraus. Demnach ist alles Erleben, tierisches und menschliches, in unendlich feinen Abstufungen ichgetönt.

Es ist augenscheinlich, daß sich eine Farbempfindung wie Blau oder Grün innerhalb eines Gesichtsfeldes abspielt; ein Gesichtsfeld aber sprechen wir demjenigen zu, der die Empfindung hat.

Können wir keinen noch so unscheinbaren Subjektpol ausmachen, dem wir ein Gesichtsfeld zusprechen, ist es sinnlos, von einer Farbempfindung zu reden. Es gibt kein Blau oder Grün außerhalb der Erlebniswelt des Lebewesens, das eine solche Farbempfindung hat – ob es nun eine Biene ist oder ein Mensch.

Dies gilt naturgemäß auch für jene Dinge, deren Farbwert wir wahrnehmen; Rosen sind ein unserer Lebenswelt zugehöriger Bedeutungsträger von Farben, Düften, Symbolen der Liebe; die sie bestäubende Biene weiß nichts von ihnen.

Alles Empfundene hat innerhalb eines durch Schwellenwerte abgegrenzten Empfindungsfeldes eine unmittelbare Relevanz oder Lebensbedeutung für den Empfindenden.

Wir beobachten, was der andere empfindet, und lesen es an seiner Mimik und Haltung ab oder entnehmen es schlicht dem, was er sagt. Unsere Beobachtung der Erlebnisweisen des anderen modifiziert unser eigenes Erleben, das sich wiederum in unserer Mimik und Haltung oder schlicht in dem ausdrückt, was wir sagen. So geraten wir in eine reflexive Schleife des Erlebens, die sich in Erregungen steigern oder in Erschöpfung, Redundanz und Langeweile erschlaffen kann.

Die Lebenswelt, in der Hans lebt, mag eine Variation der Lebenswelt sein, in der Hilde lebt; dennoch sind sie nicht vollkommen aufeinander abbildbar oder auseinander ableitbar.

Wenn Hans und Hilde als Paar miteinander leben, ist ein Dritter stets anwesend: das Kind, auch wenn sie keines haben. – Denn Körper und Seele von Mann und Frau sind (mag der Aberwitz des Zeitgeistes es auch stumpfsinnig verkennen oder böswillig abstreiten) kontrapunktisch komponiert, und der Sinn dieser Komposition ist die Möglichkeit des Kindes.

Wir können in den subjektiven Mittelpunkt fremder Lebenswelten nicht eindringen; wir können mit Tieren und Menschen nur in Korrespondenzen leben, so mit dem Hund als Kumpan, dem Mitmenschen als Freund oder Feind, Gatten oder Kind.

Der Flügel ist eine kontrapunktische Komposition auf die Luft und den Wind.

Der menschliche Fuß ist ein analoger Widerpart der Erde, auf die er tritt.

Der Mund steht in Korrespondenz zur Nahrung wie der Fuß zum Erdboden; das Besteck steht in Korrespondenz zum Mund wie der Schuh zum Fuß.

Das Integral des Munds ist der Stoffwechsel, das Integral des Fußes der Weg.

Die Technik steht in Korrespondenz zur Natur; der Leisten, über den der Schuster das Leder schlägt, hat sein Maß am Fuß.

Der blind Geborene weiß nicht, was Dunkelheit ist.

Wir kennen und bezeichnen die Eigenschaften der natürlichen und technischen Dinge gemäß der Bedeutung, die sie in unserer Lebenswelt haben. Die Eigenschaften, die wir dem Wasser zusprechen, stehen in Korrespondenz zu seiner Bedeutung als unverzichtbares Element unserer Lebensform. Ob es chemisch H2O ist oder XYZ, spielt dabei keine Rolle.

Aufgrund angeborener Verfahren der Projektion verwandelt sich der Reiz in ein Bild oder Merkmal; der Reiz auf der Netzhaut verwandelt sich in das Bild des gesehenen Dings. Die Reizverarbeitung ist elektro-chemisch; das Verstehen des Bildsinns ist es nicht, sondern akausal und intentional.

Der ursprüngliche Weg ist der Heimweg, der uns aufgrund erlernter Wegmarken vertraut ist. Geraten diese aus der Sicht oder dem Gedächtnis, irren wir auf Abwegen umher.

Man kann die Reizquelle identifizieren, wie den Lichtpunkt im Gesichtsfeld; aber nur die aufgrund der Reizumwandlung erzeugten Merkmale lassen sich beschreiben. Dazu verwenden wir Merkmalzeichen wie: hier und dort, vorn und hinten, links und rechts, hell und dunkel.

Die vom Geiger erzeugten Töne wirken auf uns als akustische Reizquelle; aber wir hören die Melodie; diese ist ein Komplex akustischer Merkmale, die wir mit mehr oder weniger differenzierten Merkmalzeichen oder ästhetischen Etiketten beschreiben, etwa: laut oder leise, hoch oder tief, hell oder dunkel, sanft oder schrill, heiter oder melancholisch.

Bei den ersten Klängen einer Melodie sind wir geneigt, sie antizipierend fortzusetzen und zu vollenden; nicht so beim Kreischen einer Säge oder dem Lärm eines startenden Flugzeugs.

Die Ignoranz der Philosophen wollte uns weismachen, in der Natur herrsche das planlose Herumtasten oder evolutionäre Chaos von Versuch und Irrtum, Mutation und Anpassung; doch gleicht die Natur (wollen wir denn ein Bild haben) eher einem Konzert, bei dem die Instrumente aufgrund einer genialen, sich gleichzeitig mit der Aufführung verwirklichenden Kompositionstechnik harmonisch zusammenstimmen.

Das Spinnennetz ist eine kontrapunktische Abbildung seiner Beute, der Fliege.

Spinne und Fliege, Blüte und Biene, Mann und Frau stehen zueinander in einer isomorphen Abbildbeziehung oder einer Analogia entis.

Was die Melodie in der musikalischen Komposition, ist der Satz in der menschlichen Sprache.

Der Zusammenhang der Töne, die eine Melodie bilden, ist kein mechanischer oder kausaler; der Zusammenhang der Laute oder Schriftzeichen, die einen Satz der menschlichen Sprache bilden, ist ein grammtisch-normativer.

In begrifflich konfusen Zeiten bedarf es mühsamer Besinnung, um der Wahrheit der klassischen Auffassung, die Natur sei das Paradigma der Kunst, wieder einen Sinn abzugewinnen.

Wir verstehen die Klassik aber besser, wenn wir auch umgekehrt die Kunst als Paradigma der Natur gelten lassen.

Das Bild ist eine Projektion des Reizes; die Melodie ist eine Projektion der Partitur.

Was die Partitur für die Melodie, ist der genetische Code für die Lebensform des Subjekts.

Wir können den uns ansprechenden Bildausschnitt mit kleinen musikalischen Sinneinheiten wie dem Motiv oder dem Akkord vergleichen; die kleinste sprachliche Sinneinheit kann demnach kein Phonem, sondern nur das Wort sein.

Wir gelangen mittels einer solchen Grenzwert- oder Differentialbetrachtung an die tragenden Sinneinheiten des Lebens und des lebendigen Ausdrucks; jenseits liegt das Unsagbare.

Die Noten der Melodie sind nichts anderes als die Aufzeichnung eines musikalischen Gedankens; und dieser kommt, wenn er denn originell ist, durch den Vorgang, den wir Inspiration nennen, aus dem Nichts oder dem Jenseits des Vorstellbaren.

In diesem Sinne entspringen die schöpferischen Gedanken, die sich in den Organismen und ihren Lebenswelten verkörpern, dem Nichts oder dem Jenseits dessen, was wir denken und uns vorstellen können.

Die Analogie bricht ab, wenn wir zur Quelle und zum Ursprung gelangen.

 

Feb 13 20

Mozart, Serenade

Uns übermannt ein Grausen,
als strömte Blumen-Klang
in diesen schwarzen Gang,
wo wir Gespenster hausen.

Enterbten hohen Lebens,
in Düsternis erstarrt,
von hohlem Wort genarrt,
schenkst du das Glück des Schwebens.

Du hast das Herz gezogen,
ein Schwan, der Süße trank,
als ob der Schmerz versank,
in deines Liedes Wogen.

Dem Augenblick geboren,
der wie ein Stern erscheint
und Liebe ewig meint,
sind wir uns unverloren.

Wenn deine Harmonien
uns wärmen wie dunkler Wein,
will Abendsonnenschein
in goldne Fernen ziehen.

Als hätten wir vom Baume
die wahre Frucht gepflückt,
ward unser Geist entrückt,
ein Schaum in buntem Schaume.

Und langsam wird er blasser,
streift deines Liedes Strahl
wie Mondes Küsse fahl
auf dunklem Seelen-Wasser.

 

Siehe:
https://www.youtube.com/watch?v=x4gXCsdFlbU

 

Feb 12 20

Die verborgene Quelle

Wir wollen zu der Quelle gehen,
von Traumes Laub verhüllt,
die wie die Wunde quillt,
wenn weiche Frühlingswinde wehen.

Wir wollen ihrem Lallen lauschen
und ihrem Sehnsuchtston,
es glänzt die Lippe schon,
wenn wir beredte Blicke tauschen.

Wir salben unsre müden Glieder
mit blauer Sage Schaum,
wie schöne Kinder kaum
erwacht ruft uns das Leben wieder.

Und heimwärts wandeln wir im Schweigen,
dem Gold, das Abend schenkt
und uns zu Fenstern lenkt,
wo sich der Liebe Blumen zeigen.

 

Feb 11 20

Die schöne Sitte

Wenn wir zum Willkomm Blumen reichen,
zum Abschied einen bunten Stein,
und trinken zum Gedächtnis Wein,
verklären uns die schönen Zeichen.

Wenn Würdige wir mit Versen ehren,
die rauschen wie ein grünes Blatt
im Eichenbaum, der viele hat,
kann Hochsinn unserm Unwert wehren.

Und stellen wir aufs Grab die Kerzen,
daß eines Toten Angesicht
im Dunkel werde wieder licht,
blaut über uns der Rauch der Schmerzen.

Hat Sanftmut weiße Blüten in Schalen
vorm Bild der Liebe ausgestreut,
glänzt unter Tränen es erneut,
und leise Trauer dämpft die Qualen.

Die schönen Gesten breiten Schimmer,
hat Herz und Hand sie zart vollbracht,
dem dunkelblauen Samt der Nacht,
sind wir schon fern, sie leuchten immer.

So mag der Veilchenduft der Lieder
ins aufgetane Fenster wehn,
auch wenn wir bald von hinnen gehn,
im Frühling kehren sie ja wieder.

 

Feb 10 20

Adresse unbekannt

Ach, Bruderherz, hast du noch Funken,
noch jenen Glanz im Blick,
denkst noch das stille Glück,
wie wir den Moselwein getrunken?

Ach, Schwesterherz, weißt du noch Lieder,
wie einst in jener Nacht,
als es der Mond vollbracht?
Nur eines, eines sing mir wieder.

Ach, Bruderherz, liebst du noch Rosen,
den Duft, der süß betäubt,
und was wie Schlaf bestäubt,
den Schnee der Küsse, Flockenkosen?

Ach, Schwesterherz, mag dich noch schmücken
von Veilchen hold ein Kranz
wie einst zu unserm Tanz?
Nur eines, eines laß mich pflücken.

 

Feb 9 20

Liedes Charme

Dem Andenken an Clemens Brentano

Daß wir der Liebe noch gedächten,
strömt deines Herzens leiser Sang
wie ferner Heimat Widerklang
im Quell von hohen Sommernächten.

Kaum aufgeblüht wie Wasserrosen
versinkt sein Ton oboenweich
in grünem Dämmer schwanengleich,
die Stille lassend Ruhelosen.

Beklemmen uns die grausen Bilder,
wenn Mißgestalt die Anmut höhnt,
hat uns dein Lied sogleich versöhnt,
denn seine Tränen machen milder.

Und dünken wir uns fern vom Glücke
und dürftiges Gefühl sich arm,
beglänzt es wie mit Tau dein Charme,
dein Lächeln schenkt uns Liebesblicke.

Mag Sturm zerzausen uns die Reben
im alten Wingert überm Rhein,
wir trinken deines Liedes Wein,
er wärme unser kleines Leben.

 

Feb 8 20

Auf Lichtes Stufen

Dem Andenken an Gregorio Allegri

Wie Funken, die im Dämmer sprühen,
wie weiße Blüten in der Nacht,
hat Leuchten uns dein Lied gebracht
und Tränen, die im Dunkel glühen.

Wie die um Nektar summen, Bienen,
ein Kleid, von Seufzern zart gewebt,
ein Kind, von warmer Brust belebt,
ist tröstend uns dein Lied erschienen.

Wie frisches Grün nach den Gewittern
zeigt sich der hohe Geist der Welt
in deinem Liede unverstellt,
wenn Herzen, offne Knospen, zittern.

Es schwebt voran auf Lichtes Stufen
und kniet in goldner Stille Glanz,
fern schimmert uns sein Lorbeerkranz,
zum Paradiese uns zu rufen.

 

Siehe auch:
https://www.youtube.com/watch?v=6n9EyT1R3l0

 

Feb 7 20

Zigan, Zigan

Die Flamme singt und Feuer fängt
dein wildes Herzgestrüpp, Zigan.
Steigt nackt dein Schrei durchs Schilf hinan,
wenn Traum und grüne Welle drängt?

Die Weide weint, dein Schmerz, er wringt
aus ihrem Haar den Tau, Zigan.
Was hat die Liebe dir getan,
daß Flamme dir im Herzen singt?

Das Wasser schweigt, der Mond erklimmt
dein schwankes Wehmutnest, Zigan.
War mit dem Stern zu wandern Wahn,
wenn heller Schlaf mit Schwänen schwimmt?

Die Flamme singt, auf Asche sann
dein Herz, die grüne Nacht, Zigan.
Was hat die Liebe dir getan,
daß dir der Tau des Lieds zerrann?

 

Feb 6 20

Vom magischen Denken

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Wie der Traum und die optischen und akustischen Visionen der Geisteskranken schöpfen auch die Kunst und die Dichtung aus den Quellen magischen Denkens.

Eine Gruppe, ein Volk, eine Nation, denen die Quellen magischen Denkens versiegt sind, mag sich dem Typus des Primitiven gegenüber intellektuell und moralisch überlegen dünken, hat aber die Macht und Kraft eingebüßt, auf symbolischer Ebene noch Wesentliches und Entscheidendes auszudrücken.

Die Deutschen haben sich die Quelle magischen Denkens von der Säure einer angeblich höheren Moral vergiften lassen.

Wenn die Politik oder die Moral die künstlerische Aussage in Beschlag nehmen, stehen wir vor Kitsch, Aberwitz oder flachen Spielereien.

Er hörte in der tiefen Stille des Waldes seinen Namen rufen. Dies ist eine Urform magischen Denkens, sie begegnet in der Schizophrenie sowohl als auch im religiösen Erleben.

Primitive magische Erfahrungen wie das Gehen auf vertrautem Pfad, der sich im Urwald verliert, aus dem ein Tier, ein Vogel, ein Fuchs oder ein Hirsch, den Ausweg zeigt, das Tor als Hindernis und das Zauberwort als Schlüssel, bei dem es sich von selbst auftut, die Verwandlung in höchster Gefahr in ein magisches Wesen, das beflügelt durchs rettende Schlupfloch fliegt – sie gehören neben vielen anderen magischen Bildern und Motiven zum Urstoff der Märchen, Sagen, großer Dichtung.

Wenn wir wissen, wonach wir suchen sollen, finden wir den Zwerg oder das Kaninchen im überwucherten Rätselbild; das magische Suchbild ist abstrakt und wie ein Ahne der platonischen Idee.

Der Besessene sieht in seiner Umwelt nur die Entsprechungen seines magischen Suchbildes.

Die magischen Bilder von Freund oder Feind, Stammes- und Artgenossen oder Fremden, schwimmen wie Lichtpunkte durch unsere Adern; ähnlich vielen Tieren, die wie manche Vögel oder Katzen imaginäre Beutetiere verfolgen.

Paradies und Hölle sind primitive Bilder magischen Denkens, das Idealbild der Heimat, das Extrembild des Elends.

Eros in seiner sublimen Gestalt wie bei Goethe oder seiner dämonischen Entstellung wie bei Baudelaire und de Sade nährt sich durchaus von magischen Bildern wie dem Spiegelbild, Blume und Blüte, Sonne und Stern, Tropfen und Träne, Stimme und Echo oder dem blinden Spiegel, Stein und Kot, Asche und Rauch, Urin und Flut.

Daß sich seelische Konflikte in sexuellen Bildern ausdrücken, liegt nicht an der patriarchalischen Sexualmoral, sondern daran, daß in den Wäldern und Wüsten der erotischen Bilder auch Ödipus und seine Familie hausen.

Der Jungvogel, der erstmals den Wanderweg vom südlichen Afrika nach Skandinavien durchfliegt, sieht in der realen Landschaft die angeborenen magischen Suchbilder, die ihm Orientierung verleihen.

Die Fratzen und Gesichter des Grauens, die wir in der Rinde verwachsener uralter Eichen, in Felsbrocken oder Wolken gewahren, sind den Traumbildern noch nahe; sie fanden ihre Wirkungsstätten in den Schwellentieren der gotischen Kathedralen, der indischen Tempel, der japanischen Pagoden.

Der Eros Goethes ist noch dämonisch und mit magischer Energie geladen, bei Heine wird er in ironisch gewürzte Tändelei und ein harmlos-resignatives Anspielungsvirtuosentum aufgelöst. Finden wir eine Abwandlungsform dieser Ironie, wenn auch zum Abwehrzauber gesteigert, nicht auch bei den Patriarchen und Propheten gegenüber den von ihnen als Fratzen und Greuel erlebten Göttern ihrer Anrainer?

Bei vielen ist, was sie als Vernunft, Rationalität, Aufklärung beschwören, der Abwehrzauber gegen die Schatten, Risse und Greuel des magischen Bilds.

Das magische Bild, das einen nicht losläßt, wie der eigene Schatten, über den man nicht springen kann.

Die intensivste Form magischer Bezugnahme und magisch evozierter Hingabe ist die Musik; das beginnt mit Trommeln und Singen am Lager- und Herdfeuer, dem von Gesang, Klatschen, Flötenspiel begleiteten Tanz um das Kultbild, sublimiert sich in den vielen Weisen des Liebeslieds und gipfelt in der Musik Bachs und Mozarts.

Der Städter macht seinen mechanischen Einkaufsgang; schon der Jäger ist mit dem Umwelt von Steppe, Wald und Tier magisch verflochten; wie erst der Tänzer des tragischen Chors, und noch in den rituellen Bewegungen höfischer Tanzformen klingen magische Praktiken der Beschwörung nach.

Um alle gemeinschaftsstiftenden institutionellen Formen des Gebarens wie Eide, Treuverpflichtungen, Ehe-, Stammes-, Völkerbündnisse, Kriegserklärungen und Friedensschlüsse schwebt eine magische Aura, die sich in der sakralen und bildreichen Rhetorik der dabei verwendeten Formeln kundgibt.

Die Stimme, die der Schizophrene oder der Fromme hört, ist nicht real, aber hat an der Stimme der Mutter oder des Vaters ihr Modell; sie ist keine bloße Erfindung, kein Konstrukt und doch irreal oder imaginär; sie gehört als magisches Phänomen der subjektiven Wirklichkeit an, die in ihren Wirkungen, Bedeutungen und Relevanzen der objektiven Realität in nichts nachsteht.

Zu glauben, magisches Denken sei ein Surrogat für wissenschaftliches Denken, das an deren Erklärungskraft nicht heranreicht, ist ein Beleg für die Primitivität des abendländischen Rationalismus und die moralische Arroganz der Aufklärung.

Daß die Pythagoreer den Zahlen magische Kraft zuschrieben, die sich in der magischen Wirkung der kosmischen Sphärenmusik kundgebe, ist kein Beleg dafür, daß sie mit Zahlen nicht nüchtern und verständig umgehen oder rechnen konnten; das Gegenteil ist bekanntlich der Fall.

Einer Puppe einen Dorn ins imaginäre Herz zu stoßen ist kein Ersatz dafür, der untreuen Geliebten den Garaus zu machen.

Der Verliebte geht die Wege nach, die seine Angebetete gegangen ist; er küßt ihren Schuh, er küßt ihr Bild, als wäre sie anwesend; doch weiß er zugleich, daß sie nicht da ist, daß sie ihn für immer verlassen hat.

Der Paranoiker sieht in fremden Gesichtern die nahe und doch ungreifbare Gefahr; Hölderlin sah in den Erscheinungen des Himmels und der Jahreszeiten den nahen und doch unbegreiflichen Geist der Welt.

Die magische Verzückung, wenn er in der Glut die amorphe Essenz des Göttlichen erblickt, in den Flammen den Gesang der Engel vernimmt, im Rauschen von Wasser und Wind die Geister der Ahnen von Jenseits-Gärten sprechen hört, ist der Trost des Einsamen, die kleine Ewigkeit des vom Tode Überschatteten.

Die Melodien und Harmonien Mozarts sind die magische Vergegenwärtigung des Paradieses.

Die Harmonien Bachs sind die durch magische Läuterung entschlackten, durch magische Destillation purifizierten Urstoffe unseres Seins zum Tode.

Das wesentliche magische Ausdrucksmittel besteht in der mehr oder weniger leicht variierten Wiederholung einer Formel, eines Namens, eines Motivs, eines Refrains. Das Ziel der Anwendung magischer Wiederholung ist die Erzeugung eines tranceähnlichen Bewußtseinszustandes, wie wir es aus religiösem und rituellen Erleben kennen.

Die musikalische Fuge entsteht durch eine Art Alchemie der Tongestalt.

Die Variationen des Lichts in den Reflexen des Wassers.

Ein Wort, ein Stein, fällt in den Teich der Aufmerksamkeit; die entstehenden, sich ausbreitenden und im Schweigen verebbenden Wellen sind die magischen Verwandlungen des Subjekts infolge dichterischer oder musikalischer Verfahren des Ausdrucks.

„Ene mene muh, raus bist du“ – solcher Art magische Formeln bilden den Ursprung auch der hohen Dichtung.

Das religiöse Erleben rührt von magischer Verwandlung des Subjekts; es ist in höchstem Maße erstaunlich, erschreckend, ergreifend zu gewahren, daß Gott unmittelbar aus dem Mund des Propheten tönt.

Die Zunge des Inspirierten verwandelt sich in die Schlange des Paradieses.

Die magische Inspiration hat ihre rassischen, ethnischen, folkloristischen Abwandlungen und Abschattungen.

Alle ursprünglichen Völker haben einen magischen Bezug zur Nahrung.

Die Identität des frommen Juden kommt sowohl aus der rituell wiederholten Schrift als auch aus den Eingeweiden, die durch die Riten koscheren Essens konditioniert wurden.

Hätte sich ein schmerbäuchiger Goj in ein von frommen Juden bewohntes Haus im Dachgeschoß, einer Eule gleich, eingenistet und schwebten penetrante Würzgerüche von Wildbret, Schweinskopf und fetten Mettwürsten von seinem Herd den Juden in die koschere Küche – wenn es also im wahrsten Sinne des Wortes um die Wurst geht oder um die tieferen Instinkte und kulturellen Identitätsmerkmale, hat aller Diskurs, alles Geschwafel, alle Toleranz ein Ende: Man muß sich aus dem Wege gehen, wenn man sich nicht riechen kann.

Wie die Hausgemeinschaft, so die Volksgemeinschaft, könnte man sagen, wenn es darum geht, den sozialen Frieden zu wahren.

 

Feb 5 20

Der Liebe Tag

Die Knospe lebt sich ohne Fragen,
geht unterm Kuß des Lichts sie auf,
die Blüte äugt zum Sonnenlauf,
o hoher Sinn von goldnen Tagen.

Die Rose, blauer Luft Gedanke,
wenn stummen Dufts sie flehend sagt,
was unser schwaches Herz nicht wagt,
daß Schönes heimlich uns umranke.

Der Liebe Tag hat heißes Hauchen,
von weichem Veilchenblick entzückt
ist er dem Himmelsblau geglückt
und will in Nacht von Seufzern tauchen.

Der Schmelz des Lieds hat Lächelns Glänzen,
wenn wie die Knospe unser Leid
sich öffnet der Vollkommenheit,
betaute Lauben es bekränzen.

 

Feb 4 20

Der leere Krug

Der Pollenstaub des Lieds, er schwebt
so leicht, wo unsre Herzen zagen,
von gar geringem Hauch getragen,
von blauer Lüfte Traum belebt.

Wir dösen dumpf am braunen Hang,
zu müde, Mücken zu verscheuchen,
der Tag war Jäten, Rupfen, Keuchen,
war Wunsch nach Sonnenuntergang.

Und kommt am Abend weiche Lust
in sanften Regens Niedertropfen,
daß unsre Herzen banger klopfen,
bleibt Glanz und Fülle kaum bewußt.

Nun hat die Nacht den schwarzen Teer
auf Lebens Knospen ausgegossen,
was haben, Schwester, wir genossen,
der laubumkränzte Krug ist leer.

 

Feb 4 20

Ins Blaue gehaucht

Blatt, das im Gesang des Regens schwingt,
und jene Blätter, die vom Ufer treiben,
sind wie Herzen, die sich selbst entleiben,
wenn das Blut, das Blut vom Jenseits singt.

Träne, die am dunklen Saum der Liebe glüht,
und jene Tränen, die ins Leere gleiten,
sind von Herzen, die sich überschreiten,
wenn der Dorn, der Dorn im Jenseits blüht.

Lied, das Leidens Glut ins Blaue haucht,
und jene Lieder, die wie Seufzer steigen,
sind wie Herzen, die sich selbst verschweigen,
wenn Musik, Musik ins Jenseits taucht.

 

Feb 3 20

Die Quittung

Wir gehen nicht ganz auf im Tun.
Mit uns wandert der Schatten,
und wenn er verschwunden ist,
im blauen Zenit der Stille,
wandern wir schon nicht mehr,
sondern dösen in der Julisonne
und haben des Zieles vergessen.

Wir gehen nicht ganz auf im Sagen.
Immer löst sich vom Ufer ein Wort
und treibt wie die Frucht von uns weg
in der Strömung, jenseits des Sinns,
Strömung aus unterirdischer Kluft,
aber sie spült bisweilen die Frucht
an ein fremdes Ufer, wo sie keimt,
nicht für uns, nicht mehr für uns.

Wir gehen nicht ganz auf im Sein.
Ein Mögliches spaltet sich ab,
kehrt uns den Rücken oder höhnt uns
wie der niedliche Amor des Parks,
der den Pfeil schnellen ließ,
doch das Herz, das er traf,
ist nicht das taube in deiner Brust,
sondern das einstmals dir sang,
es rötete warm eines anderen Wange,
der sich von dir losriß und fern der Heimat
ein anderes Leben geführt hat.

 

Feb 2 20

Schneeglöckchen

Von leiser Anmut Hand gestreut
auf bemooste Frühlingsschwellen,
wollet unsern Traum erhellen,
Schneeglöckchen, euer Herz-Geläut

erweicht das Lied zur Liebe bald,
wenn wir durch die Wiesen streifen
und am Tau den Schmelz begreifen,
die Lust am Beben der Gestalt.

Wie euer Schnee soll Stille rein
in entblößte Herzen flocken,
sanft umseufzt von euren Glocken
soll unser Wiedersehen sein.

Der feuchte Schoß der Erde lauscht,
Krokus, Veilchen und Narzissen,
wie auf blauen Dämmerkissen
ihr unter Tränen Küsse tauscht.

 

Feb 1 20

Regen, Regen

Ich lausche bloß dem dunklen Brausen,
wenn der Wind an Blüten leckt
und die blauen Aras neckt,
die in meiner Laube hausen.

Er stiehlt mir gierig von den Lippen
weich gewölbten Atems Lust,
seufzt immerfort „Du mußt, du mußt
das Lied vom Tau der Rose nippen!“

Wie sich im Schlaf die Zweige biegen,
und das Wasser schäumt im Teich,
tranken grünen Dämmer sie auch weich,
die Schwäne sind an Land gestiegen.

Wind, warst nur wahren Sängers Bote,
tropfend Blatt und Knospe schwingt,
Regen, Regen, alles singt,
o Trost für Lebende und Tote.

 

Jan 31 20

Das diffuse Subjekt

Bemerkungen zur Semantik intensionaler Kontexte

p: Wir sind uns vor acht Jahren zum ersten Mal begegnet.

q: Ich erinnere mich daran, daß ich dir vor acht Jahren zum ersten Mal begegnet bin.

r: A und B sind sich vor acht Jahren zum ersten Mal begegnet.

Wir betrachten diese Sätze auf ihren semantischen und logischen Gehalt hin.

Der Satz p könnte sprachpragmatisch meine Antwort auf deine Frage sein, wann wir uns zum ersten Mal begegnet sind. Um p zu begründen, kann ich den Satz q äußern und sagen: „Ich erinnere mich daran, daß ich dir vor acht Jahren zum ersten Mal begegnet bin.“

Aber es ist offensichtlich, daß der Satz r nicht logisch aus dem Satz q folgt; das heißt, ich könnte wohl glauben, mich daran zu erinnern, daß ich dir vor acht Jahren zum ersten Mal begegnet bin, in Wahrheit geschah dies aber schon vor neun Jahren.

Die Korrektheit meiner in q ausgedrückten Erinnerung setzt die Wahrheit des Satzes r voraus, falls wir für A und B die richtigen Namen einsetzen. Ist r wahr, nämlich, daß wir uns vor acht Jahren zum ersten Mal begegnet sind, hätte meine Erinnerung den Grad von Gewißheit, der mich dazu berechtigte zu sagen: „Ich weiß, daß ich dir vor acht Jahren zum ersten Mal begegnet bin.“

Der semantische Unterschied der Sätze q und r läßt sich bekanntermaßen griffig so fassen, daß wir sagen: Sätze wie q stehen semantisch betrachtet in einem intensionalen Kontext, Sätze wie r in einem extensionalen Kontext.

Der Satz r handelt von einem Ereignis der Vergangenheit. Wie begründen wir indes die Wahrheit von Behauptungen über vergangene Ereignisse? Nun, wir pflegen Zeugen und Zeugnisse für das betreffende Ereignis aufzurufen und anzuführen.

Ich könnte sagen: „Als wir uns damals im Café trafen, saß Frau N. N. am Nebentisch, die uns beide kennt. Sie könnte die Wahrheit der Aussage bezeugen, daß wir uns damals getroffen haben.“ – Indes, Frau N. N. könnte bestenfalls bezeugen, daß wir uns damals getroffen haben, aber sie wäre nicht in der Lage, dafür einzustehen, daß wir uns damals zum ersten Mal getroffen haben.

Du könntest sagen: „Warte, ich pflege wichtige Termine und Ereignisse in meinem Tagebuch einzutragen. Schauen wir nach!“ – Gut, vielleicht finden wir in der Tat in deinem Tagebuch von vor acht Jahren den Eintrag „Treffen mit A“. Doch wir können die Möglichkeit nicht ausschließen, daß dieser A ein Mensch gleichen Namens mit mir, aber nicht ich war.

Nehmen wir an, du seist vor genau acht Jahren in diese Stadt gezogen, sodaß ich, der ich immer ortsfest geblieben bin, dich nicht vor neun Jahren hätte treffen können; gut, aber dann ergibt sich immer noch die Möglichkeit, daß wir uns zum ersten Mal vielleicht nicht vor acht, sondern vor sieben Jahren begegnet sind.

Solche und ähnliche Einwände lassen sich beliebig finden und vermehren, wenn es darum geht, den epistemischen Status von Aussagen über vergangene Ereignisse in Frage zu stellen. Wir machen hier nur darauf aufmerksam, daß die Annahme, Aussagen über vergangene Ereignisse stünden in einem eindeutigen extensionalen Kontext, zumindest eingeschränkt werden muß; diese Einschränkung machen wir durch Angabe der Wahrscheinlichkeit kenntlich, die wir der Annahme des Bestehens des betreffenden Ereignisses zuweisen: eine Zahl zwischen 0 und 1 (doch 1 werden wir nicht vergeben, denn zweifelsfreie Gewißheit erreichen wir auf diesem Feld nicht).

Daraus ergibt sich: Wir können den Satz q oder meine Erinnerung an unsere erste Begegnung durch den Satz r nicht als wahr und gewiß begründen, sondern nur als mehr oder weniger wahrscheinlich, plausibel, akzeptabel ausweisen.

Betrachten wir den semantischen Gehalt von q: Ich erinnere mich daran, daß ich dir vor acht Jahren zum ersten Mal begegnet bin. – Der Hauptsatz enthält das Subjekt „ich“ und ein zugehöriges Prädikat jener Art von Prädikaten, die einen spezifischen Modus des subjektiven Erlebens ausdrücken. Der Inhalt des dem Subjekt zugeschriebenen Erlebens wird durch den abhängigen Nebensatz ausgedrückt. Wir können diese propositionale Satzstruktur in der Formel wiedergeben:

SP (SF)

F steht für eine beliebige Aussage, die von der Befindlichkeit oder den Erlebnissen von S in der Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft handelt, hier: Ich bin dir vor acht Jahren zum ersten Mal begegnet. Der semantische Witz liegt natürlich in der Identität von S in beiden Teilausdrücken.

Die Semantik des Satzes macht demnach augenscheinlich, daß für seinen Sinn folgendes vorausgesetzt wird: Ich als derjenige, der sich jetzt erinnert, bin mit demjenigen identisch, an den ich mich erinnere und der ich vor acht Jahren war (als ich dir zum ersten Mal begegnet bin). – Und dies gilt offensichtlich auch für das Objekt des Erinnerns.

Das scheint auf der konkreten Ebene zeitlicher Ereignisse alles andere als evident: Wissen wir doch, daß wir uns physisch-chemisch auf zellularem Niveau ständig wandeln und erneuern, aber auch unsere psychische Seinsweise durch neue Erfahrungen modifizieren; jedenfalls kann auf beiden Niveaus von keiner Identität im strengen Sinn die Rede sein.

Die konkrete raumzeitlich situierte Natur von Subjekten wie du und ich wird hier semantisch gleichsam neutralisiert, destilliert oder purifiziert, was manche Philosophen zu der schmeichelhaften Idee verleitete, in intensionalen Kontexten wie SP (SF) werde eine nichtphysische Entität als Identität behauptet und diese sei die Reflexion des reinen Cogito. Doch ahnen wir, daß sich eine solche platonische Intuition leicht von begrifflichen Chimären blenden und irreführen läßt.

Ähnlich wie Sätze über Ereignisse der Vergangenheit können wir den reflexiven Bezug intensionaler Kontexte relativieren, indem wir statt einer starren Identität den Grad von Ähnlichkeit zwischen dem Subjekt des Hauptsatzes und dem Subjekt oder reflexiven Ausdruck des Nebensatzes in einer Skala zwischen 0 und 1 angeben, wobei 0 den Satz sinnlos macht, während wir 1 nicht zuschreiben, es sei denn, wir gehen zu einem extensionalen Kontext über und sagen: Ich weiß, daß ich dir vor acht Jahren zum ersten Mal begegnet bin. Doch in diesem Fall müssen wir die Aussage r: A und B sind sich vor acht Jahren zum ersten Mal begegnet als wahr unterstellen; wir haben aber gesehen, daß wir Aussagen über vergangene Ereignisse nicht gegen alle Einwände abdichten können.

Wir können demnach statt SP (FP) getrost schreiben: S1P (S2F), wenn wir den Grad der Ähnlichkeit zwischen S1 und S2 angeben. Die Identität von S1 und S2 ist dann der Grenzwert der Ähnlichkeitsrelation.

Wenn ich dir vor acht Jahren begegnet bin, so hat sich mein Dasein wie immer auch geringfügig insofern verändert, daß ich vor neun Jahren noch jener war, dem die Erfahrung dir begegnet zu sein, abging. Doch blieb ich bis heute wie geringfügig auch immer jenem ähnlich, der dir damals begegnet ist.

Es ist wie beim Vergleich von Fotos derselben Person aus der Jugend, dem reifen Alter und dem hohen Alter: Wir verfügen nicht über ein außerzeitliches Idealbild der Person, an dem wir die mehr oder weniger gravierenden Veränderungen der Gesichtszüge messen und vermessen könnten. Wir haben nur gleichsam Variationen eines Themas, das in ihnen allen enthalten ist, aber nie in Reinform oder als abgehobene Gestalt daraus emportaucht.

Wie ein musikalisches Thema in der Reihe der Variationen enthalten sein kann, so ist das semantische Subjekt in intensionalen Kontexten impliziert.

Wenn ich mich darauf versteifen würde, dir in einer Zeit begegnet zu sein, als du nachweislich im Ausland geweilt hast, setzen wir die Ähnlichkeit zwischen S1 und S2 gleich 0 und verwerfen die Aussage als sinnlos. Wir sind sogar geneigt, am gesunden Menschenverstand des Sprechers zu zweifeln. Ist dagegen die Ähnlichkeit hinreichend groß, wenn ich beispielsweise auf Fotos zeige und sage: „Das bin ich mit acht Jahren, das mit fünfzig“, halten wir die Äußerung für hinreichend plausibel. Unsere logisch-semantische Intuition wird demnach angesichts intensionaler Kontexte nicht von idealen Grenzfällen getragen, sondern von möglichst klaren und einleuchtenden exemplarischen Einzelfällen sprachlicher Mitteilung.

 

Jan 30 20

Im Zenit der Stille

Die frühen Schatten waren Halme,
rauschten sanft am Ufer des Traums.

Und gingst du in den alten Garten,
knirschten Kiesel unterm Fuß.

Du rütteltest Wind in träge Zweige,
Äpfel, Birnen platzten aufs Grün.

Und surrten Mücken überm Wasser,
webend Traum aus Tau und Gold.

Die Kirschenkerne, die du spucktest,
klatschten feucht vom Spatenblatt.

Der nackten Sichel lichtes Sausen,
Kräuterduft im Untergang.

Kam Seufzen über rissige Lippen,
als du dich ins Gras gelegt.

Und blaute im Zenit die hohe Stille,
Träne rann ins Moos des Schlafs.

 

Jan 29 20

Verblaßte Zeichen

Wie sind der Erde und des Himmels Zeichen
den Veilchen gleich und kaltem Mond verblaßt,
und alle Bilder, alle blauen Verse bleichen,
die liebend du erschaut, eratmet hast.

Des Morgens hörtest duʼs wie Quellen tönen
und warmes Blut hob deinen weichen Gang,
der Abend schlug dir ins Gesicht mit Höhnen
den dürren Zweig, den blühend Liebe schwang.

Im Zwielicht war die Inschrift schon verschwommen,
du gingst beim Kreuz talwärts ins Heimatdorf,
doch waren dir die Deinen längst genommen,
und auf den Schwellen graute Schmerz und Schorf.

Und in der Nacht sahst lodern du auf Hügeln
die wilden Feuer um der Wilden Schar,
und kam kein Engel, dich auf sanften Flügeln
zu heben vor ein Antlitz, mild und klar.

 

Jan 27 20

Sprache und Bewußtsein

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

„Bewußtsein“ ist ebenso wie „Sprache“ und aus ähnlichen Gründen ein Pseudo-Objekt, eine theoretische Fiktion, eine abendländische Mythe.

Das gleiche gilt für Begriffe wie „das religiöse (oder theologische) Zeitalter“, „die Aufklärung“, „die Epoche der Rationalität“ – dies sind Formen des okzidentalen Mythos. Die Griechen glaubten nicht an heidnische Götter; dies ist ein Etikett, das ihnen wenig gewogene christliche Theologen anhängten; Kopernikus glaubte an den Schöpfergott, Newton an alchemistische Magie, Einstein an die göttliche Spur in der kosmischen Ordnung aufgrund der Naturgesetze, der bedeutende Logiker Kurt Gödel entwarf vor nicht allzu langer Zeit einen ontologischen Gottesbeweis im Geist der mittelalterlichen Theologie.

Uns in einem irgend sinnvollen Verlauf historischer Ereignisse, Bezüge, Epochen zu verorten, an dessen glücklichem Ausgang die Vernunft, die höhere Moral, die Gerechtigkeit oder widrigenfalls der Teufel obsiegen, zeugt von der Überspanntheit akademischer Philosophen.

Man kehrt aus einer Ohnmacht ins Bewußtsein zurück, man ist sich der Folgen einer Tat nicht oder nur vage bewußt, man bemerkt die Passanten, aber achtet im flüchtigen Vorbeigang kaum auf ihre Mienen, man wählt bewußt die Lieblingsblumen zum Geschenk – aber man HAT kein Bewußtsein, wie man eine Hand, ein Gehirn, Geld in der Tasche hat.

Kaum erwacht, findet man sich im Bett liegend in einem Dämmerzustand wieder, der noch nicht den Gedanken daran ins „Licht des Bewußtseins“ dringen läßt, wer man ist, was hier los ist, was man hier soll. Dann klingelt das Telefon, und sofort erinnert man sich an die Verabredung, die man verschlafen hat. Jetzt wird einem klar, daß man derjenige ist, der vor einigen Tagen dem Freund versprochen hat, an diesem Morgen mit ihm gemeinsam in dessen Wohnung zu frühstücken.

Das Leibgefühl, anhand dessen man sich der eigenen Position im Raum vage bewußt wird, kommt ohne sprachliches Vermögen aus; anders die Erinnerung an das gegebene Versprechen und die versäumte Verabredung, die man nur hat, wenn man beispielweise vor sich hin murmelt: „Verdammt, ich habe den Termin verschlafen!“

Ich kann den Satz „Ich habe den Termin verpaßt“ nicht sinnerhaltend durch den Satz „N. N. hat den Termin verpaßt“ ersetzen, wobei N. N. der Eigenname des Sprechers wäre. Es könnte jemanden des gleichen Namens geben, aber dieser ist nicht gemeint, auch wenn es zufällig der Fall wäre, daß auch er gerade einen Termin verpaßt hat; doch ist es so gut wie ausgeschlossen, daß er diesen, den hier einzig relevanten, Termin verpaßt hätte.

Der Satz: „Er versprach seinem Freund, sich mit ihm zu einem gemeinsamen Frühstück zu treffen“ setzt augenscheinlich voraus, daß der reflexive Ausdruck des Infinitivs („sich“) auf das Subjekt des Hauptsatzes („er“) Bezug nimmt. Wir können solche reflexiven Bezugnahmen in der dritten Person nur verstehen, wenn wir auch in der Lage sind, reflexive Aussageformen in der ersten Person zu verstehen, hier also den Satz: „Ich versprach meinem Freund, mich mit ihm zu einem gemeinsamen Frühstück zu treffen.“ Die reflexiven Aussageformen in der dritten Person, können wir sagen, sind semantische Ableitungen von reflexiven Aussageformen in der ersten Person. Das erkennen wir, wenn wir den Ausgangssatz sinnerhaltend wie folgt umformen: „Er versprach seinem Freund: ‚Ich werde mich mit dir zu einem gemeinsamen Frühstück treffen.‘“

Dies ist der Kern der subjektiven Bezugnahme, der allen natürlichen Sprachen eignet und die Asymmetrie der Aussagen der ersten Person Singular zum Rest aller Äußerungen erzeugt, widrigenfalls sie keine Sprache in dem uns geläufigen Sinne wären.

Eine Sprache ohne systematische Verwendung von Personalpronomina ist keine natürliche Sprache, sondern ein künstlicher Code.

Zum Ausdruck der Subjektivität bedarf es eines spezifischen semantisch-grammatischen Distinktionsmerkmals, das von Sprache zu Sprache unterschiedliche Gestalt annehmen kann („Ich ging gestern im Park spazieren“ „cras per hortos ambulavi“).

Sich seiner Empfindungen, Äußerungen und Taten mehr oder weniger bewußt sein ist keine Form von Wissen; wir wissen etwas, wenn wir hinreichend gute Gründe auffinden können, die den Sachverhalt erklären; insofern können wir uns auch irren, wenn wir nach den falschen Gründen greifen: Doch wir können uns nicht irren, wenn wir uns im Halbschlaf im Bett liegend wiederfinden.

Wenn wir glauben, wir sind in einer Wohnung erwacht, in der wir vor Jahren einmal gewohnt haben, handelt es sich nicht um eine vag bewußte Empfindung, sondern um einen wenn auch verschwommenen Gedanken, dessen in klare Gestalt gerückte Aussage leicht widerlegt werden kann.

Wie der Grund der Logik ist der Grund der Sprache, der sich in Äußerungen der ersten Person Singular kundgibt, nicht wieder begründbar oder ableitbar, sondern erscheint uns unmittelbar evident und einsichtig.

Ich muß vom Grund der Logik unmittelbare Evidenz im Nachvollzug gültiger Argumente erhalten haben, um Argument an Argument reihen zu können; ich muß vom Dasein meiner selbst unmittelbare Evidenz erhalten haben, um weitere Äußerungen in der ersten Person machen zu können.

Aufgrund der korrekten Anwendung der logischen Junktoren gelangen wir von als wahr angenommenen Prämissen zu gültigen Folgerungen. Die wahre Konklusion können wir nicht anders „begründen“ als durch den erneuten Nachvollzug des vorliegenden Arguments.

Wenn wir einen Bekannten auf der Straße zu erkennen meinen, können wir nicht aus unserem Gesichtskreis heraustreten, um zu überprüfen, ob wir richtig sehen, sondern nur genauer hinschauen. Freilich können wir ihn fragen; doch auch seine Aussage ist uns einsichtig (oder auch nicht), ohne daß wir aus unserer Umwelt heraustreten könnten, um sie von einem neutralen Ort aus zu überprüfen.

Wie bekannt, könnte uns eine neutrale oder objektive Weltbeschreibung ohne Verwendung der Ich-Aussage weder einen Nachweis der Tatsache erbringen, daß es sich bei dem Bekannten, den ich auf der Straße erkenne, um MEINEN Bekannten handelt, noch einen Nachweis der Tatsache, daß es sich bei der Person, die den Passanten auf der Straße als ihren früheren Bekannten erkennt und anspricht, um MICH handelt.

Erinnerungen nennen wir die Vorkommnisse der Vergangenheit, die wie die Farben der Dinge in unserem Gesichtsfeld mit ihrer Tönung, Stimmung und Bedeutung unmittelbar zu uns sprechen; ein an Demenz Erkrankter liest die Briefe seiner Jugendliebe, doch die Blätter bleiben ihm nichtssagend und gleichsam leer.

Wir können den Grad der Bewußtheit sprachlicher Äußerungen beispielsweise nach dem Grad skalieren, in dem wir für sie zur Verantwortung gezogen oder haftbar gemacht werden können, wie bei einem Versprechen, einer geschäftlichen Abmachung, einer Verleumdung, einer vorsätzlichen Lüge, einer Falschaussage vor Gericht, einem Meineid.

Das Bewußtsein ist wie der Schein einer Taschenlampe, mit der wir uns im Dunkeln orientieren; freilich, die Dinge um uns sind vorhanden, auch wenn wir sie nicht beleuchten. Doch uns sind sie nur so gegeben, daß wir sie frontal oder seitlich, als Momenteindruck oder im zeitlichen Wandel, im Ganzen oder im Detail, als Ding oder Zeichen, als Maske oder Gesicht betrachten.

Vom Logischen können wir nur einsehen, daß es da ist; und ebenso vom Subjekt.

Was außerhalb des Lichtkreises liegt, tangiert uns nicht; es ist nicht wie im Freudschen Unbewußten auf gespenstische Weise abwesend und doch anwesend.

Die Dinge tauchen gleichzeitig mit dem Ich aus dem Nichts auf.

Die Dinge sind, was sie sind, kraft der Negation alles dessen, was sie nicht sind.

Wir können nicht mit den Augen und dem Bewußtsein eines anderen sehen.

Unsere subjektive Sicht oder unser Bewußtseinspol besteht nur als dynamische Negation aller anderen möglichen subjektiven Sichten und Bewußtseinspole.

Lesen wir von fremdem Leben, in Biographien, historischen Berichten oder Romanen, sehen wir nicht die zeitlich oder fiktiv entrückte Figur an unserer statt, sondern uns an ihrer statt.

Die Kosmologie, die Physik, die Biologie, die Evolutionstheorie, die Soziologie geben uns objektive Berichte über Dinge und Ereignisse, in denen wir nicht als wir selbst, sondern nur als marginale Repräsentanten und Schemen theoretischer Entitäten vorkommen.

Wir leben nicht nur, sondern erleben unser Dasein mehr oder weniger klar oder dunkel, spezifisch wie den wahrgenommenen Farbton oder diffus wie das Schneelicht.

Das Erleben ist mehr oder weniger bewußt; dabei unterscheiden wir vorsprachliche und außersprachliche Regionen des Erlebens von solchen, die von unserem Sprachvermögen abhängen.

Die Quelle oder das Objekt des nichtsprachlichen Erlebens können wir sprachlich durch Angabe eines Gegenstands bezeichnen, der als direktes oder indirektes Objekt oder als präpositionaler Ausdruck eines Satzes erscheint: „Ich spüre die Kälte in der Hand.“ – „Ich bin dem Hindernis noch rechtzeitig ausgewichen.“ – „Ich fühle Schmerzen in der Hand.“

Die sprachabhängigen Erlebnisse nennen wir Gedanken; sie kennzeichnet eine propositionale Form, die wir mittels eines Hauptsatzes ausdrücken, dessen Prädikat meist eine Weise des Merkens, Spürens, Fühlens, Denkens oder Sagens bezeichnet; den Inhalt des Gedanken (des Merkens, Spürens, Fühlens, Denkens oder Sagens) drücken wir in einem vom Hauptsatz abhängigen, mit einer Konjunktion eingeleiteten Nebensatz aus: „Ich bemerkte, daß sich seine Miene verdüsterte.“ – „Es kam mir so vor, als ob die Zeit während unseres Ausflugs wie im Fluge vergangen war.“ – „Ich fragte mich angesichts seines Grinsens, ob er mich nicht hinters Licht führen wollte.“ –­ ­ „Ich sagte ihr, daß ich es für verlorene Zeit hielte, wenn wir unser Gespräch fortsetzten.“ – Es ist bemerkenswert, daß viele der genannten Prädikate des Hauptsatzes im Lateinischen jene verba sentiendi et dicendi darstellen, die anders als im Deutschen ausschließlich mit dem a. c. i. konstruiert werden.

„Ich spüre Schmerzen in der Hand“ – dies kann auch einer sagen, dem die Hand amputiert worden ist. „Ich fragte mich angesichts seines Grinsens, ob er mich nicht hinters Licht führen wollte“ – dies kann auch der Ausdruck einer Täuschung sein, wenn der Gesprächspartner aufgrund einer Verletzung der Gesichtsnerven eine hämische Miene zur Schau stellt. Demnach stellen sowohl die Sätze, mit denen wir sprachunabhängige Erlebnisse ausdrücken, als auch die Sätze, mit denen wir sprachabhängige Gedanken darstellen, intensionale Kontexte dar.

Intensionale Kontexte sind ein semantisches Merkmal unseres subjektiven Lebens.

Wenn wir unsere Äußerungen über Erlebnisse, sei es nichtsprachlicher, sei es gedanklicher Natur, in einer Weise modifizieren, daß sie die Wahrheitsbedingungen extensionaler Kontexte erfüllen, verwandeln sie sich von Äußerungen des subjektiven Lebens und Erlebens in Aussagen über objektive Sachverhalte. Aus dem Satz: „Ich spüre Schmerzen in der Hand“ wird nunmehr ein Satz wie: „Aufgrund einer akuten Verbrennung der Haut an der rechten Hand wurden Nervenfasern verletzt, was den Patienten zu der Äußerung bewog, er verspüre Schmerzen.“ – „Aufgrund der Aktivierung bestimmter Hirnareale, von welchen die amputierte Hand repräsentiert wird, erfährt der Patient nervliche Impulse, die ihn zu der Äußerung bewegen, er verspüre Schmerzen.“

Das Erlebnis der Schmerzempfindung wird im objektiven medizinischen und neurologischen Bericht zur Diagnose von Phantomschmerzen. In letzter Konsequenz der Neutralisierung des intensionalen Kontextes müßte der Begriff „Schmerz“ durch einen objektiven Begriff wie „neuronales Ereignis XYZ“ ersetzt werden; doch diese Form von Übersetzung wäre nur zu leisten, wenn wir den subjektiven Begriff adäquat durch einen objektiven Begriff wiedergeben könnten. Dies ist freilich unmöglich, denn „Schmerz“ bedeutet etwas vollkommen anderes als „neuronales Ereignis XYZ“. Aber auch wenn wir es könnten, müßten wir das Verständnis des subjektiven Schmerzbegriffs und also das Erlebnis von Schmerzen voraussetzen.

Wir finden keinen alle Teile und Formen unseres Erlebens umspannenden Gesamtsinn; es ist wie bei einem bemalten Fächer, ganz ausgefaltet zeigt er vielleicht ein hübsches Blumenmuster, doch mehr und mehr eingeklappt läßt er nur seltsame Flecken erkennen, zugeklappt wie naturgemäß im Endzustand ist er gleichsam bedeutungslos und blind.

 

Jan 26 20

Gesang der Nacht

Wie scheint in diese Dunkelheit
ein Lächeln traumverloren,
von Liebe auserkoren
die Blume der Vollkommenheit.

Das Moos der Nacht, von Tränen weich,
und sanftem Schmerz entquollen,
schien Liebe ja verschollen,
Gesang wie aus dem Totenreich.

Des Menschen Sinn, im Leid versteint,
kann hohe Nacht erweichen,
dem Gnadenquell sich gleichen,
der unterm Gras der Träume weint.

 

Jan 25 20

Endzeitwahn

In der Gosse schwillt der Regen.
Die Welt geht unter!

Ein Apfel fiel vom Baum.
Hat die Erde nicht gebebt?

Er hängt so schief, der Mond!
Gleich plumpst er in den Teich!

Dort, ein Kometenschweif!
Daß er die Wälder nicht entzünde!

Das Gurren ist verstummt.
Die Taube fiel vom Dach!

Rieselt nicht der Putz?
Ein Cherub geht ums Haus.

Der Horizont, ein blutiger Lappen,
getunkt in Wunden des Leviathans!

Haben Worte Zähne, Därme?
Würmer, die das Hirn zerfressen.

Tinnitus, Moral-Geklingel:
Nie mehr Stille, Abendfrieden!

Einer Göre Zöpfe hüpfen:
Der greise Weltrat ist gebannt.

Der Tau zerfrißt das Blatt.
Die Tränen der Persephone!

Asche an den Schläfen!
Der Dämon hat gesalbt.

Sind es Tropfen, sind es Trommeln?
Melodie endloser Nacht.

Ein Gnom hockt auf der Brust.
Schläfers Traum vom Röcheln.

Demeters fromme Kuh
verhext die Warzenfee.

Ob Honig, Beeren, Bohnen,
alles schmeckt nach Staub.

Der verwaiste Mund
im Lächeln einer Totenmaske.

Sagen, Singen, Seufzen
verprassen Endzeitluft.

Ob Sonne, Regen, Pollen,
Flocken: Endzeitwetter.

In der Gosse schwillt der Regen.
Die Welt geht unter!

 

Jan 24 20

Charakterbilder

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Jemand bekommt den Spitznamen „Katze“ angehängt, sei es aufgrund der Wendigkeit, Anmut und Spannkraft seiner Bewegungen, sei es wegen der Listigkeit und Gerissenheit seiner Einfälle, Ausfälle oder Überfälle (er könnte ein Tänzer, Diplomat oder Dieb sein).

Wir sprechen von Charakteren und Typen wie dem Schwätzer und dem Schweiger, dem Besserwisser und dem Nörgler, dem Karrieristen und dem Jammerlappen, dem Intriganten und dem Muttertier, dem Geizigen und dem Prasser, dem Schelmen und dem Miesepeter, der Kindfrau und der Dame, dem Ritterlichen und dem Egoisten, dem Kämpfer und dem Schwanzeinzieher, dem Grandseigneur und dem Betrüger und noch manch anderem.

Der Charakter steht wie eine Statue auf ihrer Basis, die Basis besteht aus genetischem Material, die Gestalt wurde von Hammer und Meißel des sozialen Drucks geformt.

Charaktere wie der Scharlatan und Weltverbesserer, der Besserwisser und Schwadroneur, der Geizige und Erbschleicher, der Liebeskranke und Heiratsschwindler sind der Stoff der Komödie eines Plautus, Terenz und Molière, den sie zwischen den Mahlsteinen der Intrige zur allgemeinen Erheiterung zerreibt.

Die Charaktere der Komödie neigen zur karikaturhaften Zuspitzung, wenn sie einander spiegeln oder einer sich im Zerrspiegel des anderen begegnet, der Liebessüchtige sich an das leichte Mädchen hängt, der bigotte Fanatiker in eine Gruppe von Anarchisten gerät oder der vom Glauben abgefallene Priester Seelsorge bei einem reumütigen Verbrecher ausüben soll.

Es gibt Charaktere, die sich unmittelbar zu ihrer schicksalhaften Lage verhalten, wie dem Alter oder der Geschlechtlichkeit; so der verbitterte Alte oder der die Spuren des Alters übertünchende Beau.

Der schicksalhaft eingepflanzte Charakter ist die Hohlform für die Maske der historischen Persönlichkeit, so der heroisch tatendurstige und ruhmsüchtige Charakter eines Caesar, Napoleon oder Mussolini.

Charakterzüge können kohärent oder auf paradoxe Weise mit den Begabungen zusammenspielen; der selbstverliebte Schwätzer wiederholt nur gängige Phrasen, der Stotterer Demosthenes wird ein origineller Redner.

Ohne den Tatmenschen-Charakter eines Caesar können wir keinen Rubikon überschreiten.

Neurose und Psychose betreten ihr Machtgebiet und Imperium über die Schwelle des Charakters; der Gewalttäter hat sich schon als Kind an den Tränen des Spielkameraden geweidet, dem er das Spielzeug wegnahm und zertrümmerte; der Geizige, der Schüchterne, der Eckensteher neigt eher zur paranoiden Psychose als der Verschwender, der Frauenheld, der Anführer.

Der Spieler möchte die Allmacht des Todes überlisten; da er keine Bande des Ernstes und keine ernsten Bindungen knüpft und eingeht, das Feld der Verantwortlichkeiten ungesät und wüst hinterläßt, hofft er das Zerreißen der Lebensfäden nicht hören, das Verderben der Frucht nicht mitansehen zu müssen.

Fruchtbarkeit ist das Kennzeichen des reifen Charakters; doch kann er sie nicht wählen, wie die zur rechten Zeit eingesenkte Saat bedarf er des guten Wetters.

Der Gierige haut sich den Magen voll, kippt den Wein herunter; doch die subtile Harmonie der Gewürze, die Blume des edlen Geschmacks entgeht ihm.

Wir finden auch hier die Lehre Heraklits vom Ausgleich der Gegensätze bestätigt.

Der eine hat mit tausend Frauen geschlafen, doch keine geliebt; sein einsamer junger Freund bewundert ihn und wird von Mißgunst zernagt und Selbsthaß; sie sind beide elend.

Der fanatische Weltverbesserer ist unglücklich, denn sein eigenes Dasein ist ihm zuwider, doch daran bessert er nichts.

Der schüchterne Vergil, der weltkluge Horaz, der verweichlichte Ovid – das sind bonmothafte Charakterisierungen, die nur andeuten, aber nicht erschließen.

Die antike Komödie führt Charakterbilder aus, Plutarch und die französischen Moralisten der Klassik beschreiben sie; doch wie und inwiefern wir solche Bilder und Beschreibungen verstehen, ist noch unentdeckt.

Die Beschreibung des Charakters zu verstehen ähnelt dem Mit- und Nachvollzug der Grundlage des Denkens, der Denkerfahrung der gültigen logischen Folgerung. Wenn alle Spielernaturen sich der sozialen Verantwortung entziehen, und alle, die sich der Verantwortung entziehen, unreife Charaktere sind, sehen wir unmittelbar ein oder dünkt es uns unmittelbar evident, daß alle Spielernaturen unreife Charaktere sind. Doch können wir diese korrekte logische Folgerung nicht durch eine weitere Beschreibung begründen, ohne daß wir von der formalen Struktur gültiger Schlüsse – Gilt: Alle A sind B, und gilt: Alle B sind C, so folgt: Alle A sind C – nicht wiederum Gebrauch machen.

Hier greift die Lehre von der Evidenz, die nicht nur in der Grundlage der Logik, sondern auch in der Psychologie ihre Anwendung findet.

Den Charakterzug der Gier können wir nicht ausfindig machen und beschreiben, ohne daß wir etwa sagen: „Er hat den Wein gierig heruntergekippt“ oder: „Er hat das Mädchen gierig geküßt.“

Wir finden die Form der Evidenz ebenso im ästhetischen Urteil; wir können die Anmut eines Ganges, die Grazie einer Pose nicht beschreiben, ohne zu sagen, daß ihr Gang anmutig war, die Neigung ihres Kopfes Grazie ausstrahlte.

Wir können solche Beschreibungen nicht begründen, sondern nur verdichten, indem wir sie in ein Netzwerk korrespondierender Zuschreibungen und verwandter Begriffe verflechten; so sagen wir: „Im Gegensatz zur Anmut ihres Ganges wirken seine Bewegungen daneben steif, hölzern, gravitätisch.“ Oder: „Die Grazie ihrer Haltung gleicht der Duftigkeit und Frische einer Blume, die eben ihre von Tau benetzte Knospe entfaltet.“

Anders als Idealisten und Platoniker glauben, ist der Zusammenhang der Begriffe keine überzeitlich starre Konstellation, sondern die einen gehen auf, während sich andere verdunkeln, und dies für Rassen, Völker und Epochen; so sind uns ästhetische Prädikate wie schön, anmutig, graziös oder elegant, die der klassische Geschmack als Stilmerkmale zu schätzen pflegte, hinter der Nebelbank und den schwefligen Wolken barbarischer Unwetter entschwunden.

Aufgrund des naturalen Kerns sind Charaktere gleichsam unschuldig; wir beurteilen sie moralisch nur aus der hohen Warte wechselnder sozialer Normierungen. So erscheinen die von Livius geschilderten heroischen römischen Krieger, aber auch Heroinen wie Lucretia, die sich für die Ehre des Vaterlands oder der Vätersitte opfern, einem verweichlichten Geschlecht grundlos oder aus fadenscheinigen Gründen idealisiert.

Der männlich-heroische Charakter der Antike wird durch das diffuse Kerzenlicht des weiblich-empfindsamen Ideals des christlichen Mittealters bis hin zur Romantik verdunkelt; danach verblaßt auch dies unterm fahlen Schein der Petroleumlampe des geschäftstüchtigen Bürgers und im grellen Neonlicht der Laboratorien nüchterner Ingenieure.

Gewiß wären Charakterzüge und Haltungen wie tapfer, fromm, besonnen und gerecht von den Griechen, für beide Sphären empfänglich, das Ethische und das Reflexive, nicht ohne die exemplarischen Gestalten der Ilias und der Tragödie kanonisiert worden. Ihr fernes Echo vernehmen wir ein letztes Mal in der deutschen Klassik und Romantik. Bei Hölderlin sind sie noch einmal von ätherischem Licht angestrahlt, bei Kleist umgibt sie schon die Düsternis des Orkus.

Nur die jüdischen Patriarchen und Heroinen schweben über dem Strom der Zeiten, selbst wenn er sich rot färbt vom Blut der Opfer.

Ja, die christlichen Märtyrer und Heiligen werden im großen Hymnus noch beschworen; aber ihre Bildnisse sind zumeist zu Kunstobjekten herabgesunken.

Freilich, ein Volk ohne tragische Glut, ohne geweihte Flammen, die um die verehrten Bilder der Heroen und Heiligen flackern, geht in eine lichtlose Zukunft.

 

Jan 23 20

Wie ein Hauch die Halme rührt

Wie ein Hauch die Halme rührt,
wenn vom Grase Tropfen triefen,
habe ich in Traumes Tiefen
deinen warmen Mund gespürt.

Und dein Duft war wie Gesang,
wenn des Mohnes Knospen schwingen,
weicher als mit Wassers Ringen
Echo mir das Herz umschlang.

Tönen Blätter nicht wie einst,
als uns Schlummer brachte Regen,
sagt dein Auge nicht von Segen
und von Liebe, weil du weinst?

Wenn wie Schnee um meinen Leib
deine Schwingen Federn schmiegen,
sollen deine Küsse siegen,
daß mein Herz ins Dunkel treib.

 

Jan 22 20

Sie und er

„Sieh die Morgenröte,
denk nicht an den Tod!
Lies im Buch von Goethe,
iß dein Abendbrot!“

„Alles, was ich lese,
tut mir eins nur kund,
daß mein Geist verwese.
Brot nährt meinen Schwund.“

„Hör die Wasser rauschen,
Erde hat noch Lust,
Blick mit Blicken tauschen
öffnet dir die Brust!“

„Mir ging auf ein Schweigen,
Mond aus dunklem Teich,
wo sich Blumen neigen
blind ins Schattenreich.“

„Blüten, die dir geben
Duft von süßem Wein,
hielt ich in dein Leben,
trinke ihren Schein!“

„Weiß auch jeder Schimmer
mir ein tiefes Weh,
will ich doch, daß nimmer
schmilzt der Blütenschnee!“

 

Jan 21 20

Noch einmal

Noch einmal will ich hören,
von Schattenfarn umhüllt,
was dunkle Qualen stillt,
Gesänge, die betören.

Noch einmal will ich schauen,
wenn schon die Sonne schweigt,
vor dem der Geist sich neigt,
beschneiter Gipfel Blauen.

Noch einmal soll mir scheinen,
ist auch das Herz schon grau,
der Rose scheuer Tau,
wenn alle Veilchen weinen.

Und bang ins Gras verkrochen
vor Mondes Sichel schmal,
fühl ich ein letztes Mal
das Herz der Erde pochen.

 

Jan 20 20

Der Lauf der Dinge

Gold – Silber – Eisen. Atlantis – Sparta – Athen.
Seide – Wolle – Polyester. Porphyr – Perlmutt – Glas.
Wappen – Siegel – Trikoloren. Trauben – Gerste – Cola.
Lorbeer – Weinlaub – Pappmaschee. Lyra –
Laute – Leierkasten. Herme – Stele – Gartenzwerg.
Byzanz – Konstantinopel – Istanbul, ist das der Lauf,
der aus waldichter Höhe und geheimem Hain
über Klippen und Kaskaden (glitzerndes Schäumen
von Perlen und Ideen) im Flach- und Sumpfland
mündet? Immerhin, ein Verlauf in tausenden
Jahren. Gotischer Dom – Pferdestall – Museum,
Kaiser – Tribun – Heermeister, Krone – Dreispitz –
Baseballkappe, der andere Gang oder derselbe,
der Spengler recht gibt, Hesiod und Daniel?
Ein Verlauf in hunderten Jahren. Hohe Frau – Gnädigste –
Genossin. Vates – Vagant – Bänkelsänger – Slam-Poet.
Volk – Masse – Meute. Marmor – Gips – Plastik.
Lilie – Lattich – Gras, jetzt läuft es schon glatter,
Ordensstern – Parteiabzeichen – Tattoo, glatter,
schneller, will atemlos der Ebene zu, verlöschen,
sich verdünnen, panschen, manschen, das Gesicht
verlieren, mechanisch gehen, reden, zeugen
und sterben, namenlos an Orten ohne Namen
versinken, wo eine Hand noch aus dem Schlamm
das Siegeszeichen reckt und überm Dung
ein Mückenschwarm im Abendlichte webt.

 

Jan 19 20

Mir sang das Wasser grünes Dämmern

Mir sang das Wasser grünes Dämmern,
du sprachst mit goldnen Tropfen Licht,
der Glockenblumen weiches Hämmern
trieb dir ein Lächeln aufs Gesicht.

Wir flogen über Mohnes Wunde,
aus der das Blut ins Dunkel rann,
ins tiefe Blau der Meeressunde,
wo Mond die Silbernetze spann.

Wer wäre je dem Land entronnen,
wo jeder Kuß ein Rinnsal ist,
bald ausgezehrt von wüsten Sonnen,
wenn Tod das schwarze Banner hißt?

 

Jan 18 20

Zeiten, Blumen, Träume

Frühling war ein weiches Gehn
auf bemoosten Pfaden,
krokuslichte Gnaden,
roter Mohn und Veilchenflehn.

Sommers stand der Mond so weiß
über unsern Herzen,
Dankes stille Kerzen
von Lupinen, Ehrenpreis.

Herbst hat dir sein Gold gesprüht
in des Leides Mulde,
daß sie alles dulde,
Rose ist so sanft verglüht.

Winters ist ein Traum geschlupft,
silbern von Kristallen
tönten blaue Hallen,
Flocken, Küsse, flaumbetupft.

 

Jan 17 20

Und als du gegangen

Die als du gesungen,
aus dem Dunkel sanken,
wilde Feuerranken,
rote Flammenzungen.

Und als du gegangen,
wurden auf dem Wasser
alle Rosen blasser,
zarte bleiche Wangen.

Die als wir uns küßten,
uns mit Rauschen meinten,
eins ins andre weinten,
blauen Dämmers Küsten.

Und als du entschwunden,
gurrte eine Taube
in der Fenstergaube
dumpf von Liebeswunden.

 

Jan 16 20

Der elende Mensch

Die Hausmaus, die vom Käse stibitzt,
ins Loch huscht, um ihn redlich zu knabbern,
denn rings wispern die Kleinen um Milch,
sie lebt die Fülle des Lebens, wie die Eule,
die nachts das Rascheln vernimmt und stürzt
lautlos herab und birgt die Feldmaus im Nest,
schneeigen Dunenkugeln zur Atzung,
wie die der Königin dient, die schwänzelnde
Biene, sie weist den Schwestern den Weg
zu bunten Quellen des Nektars für die wartende
Brut in ihren sexagonalen Bauten,
sie haben den Sinn des Lebens erfüllt.
Nicht so der Mensch, der Gaffer, Schlawiner,
Nichtsnutz, Parasit urheiligen Wachstums,
die ewige Bläue verhunzend mit bemalten Schirmen
greller Eitelkeit, grauen Zeichen blutlosen Schriftsinns,
die Herzen vergiftend mit der ausgespuckten Galle
seines obszönen Verstands, der Gelangweilte
mitten unter den Sängen von Wasser und Wind,
Verleumder des Schönen, Kloake der Nachwelt
aus häßlich gekreuzten Rassen, Sprachen und Klängen,
Eau de Cologne mit Kampfer, Rosen in Urin,
Wanze des Geldes, die sich stinkend vermehrt
und auch unter Gas nicht vom Blatt fällt,
dem grünen der Linde, das sie verunziert,
der die Vorwelt anschwärzt, der Ahnen wallende
Nebelbärte standrechtlich durchsiebt, von Wappen
mit grindigem Fingernagel kratzt und von Emblemen
Lilien, Adler, Löwen, pfeifend Sickergruben aushebt,
wo unter Kotes Glucksen am Fäulnisgrund
unterschiedslos liegen Tiara, Krone und Monstranz ,
der die Mitwelt behelligt, irreführt oder beklaut,
an Hauseingänge pinkelt und dummdreiste Phrasen
auf Tore schmiert und Tempelwände, Mensch,
der plumpen fühllosen Fußes in die Natur tritt,
der Heimat vergißt, des blühenden Einst,
selbst ohne Kern, gesichtslos und leer,
senkt er keinen Samen in die fruchtbare Erde,
weder ein sinnreiches Wort in das Herz
der Gemeinde noch ein Lied in den Traum
des schlummernden Kinds, denn kinderlos
bläht es sich dreister, wie gleicht er dem Gras,
das im Strahl der wirklichen Sonne,
unter Gottes leuchtendem Antlitz erbleicht,
und seufzend neigt es sich nieder.

 

Jan 16 20

Da des Nachts du fortgegangen

Und die wie zu Sonnen sangen,
blutgenährte Blüten,
sind, die still verglühten,
da des Nachts du fortgegangen.

Doch wo deine Knie streiften,
sprühten Herzgedanken
aus des Vorhangs Ranken,
die dir nach ins Dunkel schweiften.

Und am Morgen fallen Flocken,
Schnee von weißem Flieder,
auf das Linnen nieder,
bis des Herzens Rufe stocken.

 

Jan 15 20

Die Entrückten

Was genossen hat der Geist,
goldne Tage, blaue Stunden,
ist von Efeu nun umwunden,
blaß von Mondes Tau umgleißt.

Abenddämmers Veilchenhauch,
kaum gestreifte Mädchenwangen,
ist in Schatten nun verfangen,
leerer Träume kalter Rauch.

Herbstes goldgetriebne Frucht,
zarte Hände, die sie pflückten,
sind die geisterhaft Entrückten,
die dein Mund vergebens sucht.

 

Jan 14 20

Denkzettel

Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Dem Andenken an Jakob von Uexküll

Dem noch Kuhmist an der Sohle hing, sprach von der großen Reinigung.

Im Maul der Aktualität verklumpt alles Bedeutsame zu einem klebrigen Einheitsbrei.

Wachset und mehret euch! Nein, nur die Guten, Edlen, Begabten.

Die heutigen Pazifisten und Europa-Fanatiker, Wölfe im Schafspelz, wollen die kulturelle und ethnische Auslöschung der Völker unter dem fadenscheinigen Vorwand, solange sie bestünden, wäre die Gefahr des Krieges nicht gebannt.

Die keine Völker, Kulturen, Stilformen mehr anerkennen, träumen von der apokalyptischen Zerstampfung und Zermatschung aller Unterschiede im Mörser des allmächtigen Weltstaates.

Promiskuitive Vermischung als neues Heil der Völker im Darkroom des evangelischen Kirchentags.

Der gemischt-ethnische Pöbel ist die Wahrheit der europäischen Idee.

Die barbarischen Ausdrucksmuster des gesichtslosen gemischt-ethnischen Demos liegen längst in Elementen und Mustern der Werbe- und Pop-Art, den Klangfratzen von Jazz und Techno oder den Glossolalien der Slam-Poetry bereit.

Sicher, man muß den Menschen entkleiden, auskultieren, durchleuchten und sezieren, damit man die Wahrheit des Körpers, der Organe, ihres Schwellens und Verfallens sowie den Unterschied von Mann und Weib, also den animalischen Sinn des Lebens, erkennt. Aber daß er in urbanen Kreisen nicht nackt, sondern bis ins Putzige, Absonderliche oder Abgeschmackte verkleidet herumläuft, ist eben ein Erkennungszeichen seiner sonderbaren Artung.

Anders als Elias Canetti glaubte ist die Schia keine Religion der Klage; jedenfalls, insofern Klage Trauer meint und Trauer bewältigter, verinnerlichter Schmerz, wie wir es im frühen Christentum vor Konstantin gewahren, das sich um seine Märtyrer scharte. Die schiitische Klage dagegen ist aufs peinlichste und gräßlichste vermengt mit Wut, Abscheu und Niedertracht.

Es ist eine Wesensunterschied, den eigenen Körper im Abbild eines Fotos zu erkennen oder ihn bei geschlossenen Augen im Halbschlaf innerlich zu spüren, ohne daß man seiner genauen Ausmaße innewird.

Wir zeigen auf ein Foto, auf dem wir in heiterer Runde mit Freunden um einen gedeckten Tisch sitzen. Wir sagen dem Betrachter: „Erinnerst du dich, damals beschlossen wir unseren literarischen Salon zu gründen?“ Der Entschluß ist ebenso wie die Absicht, die Erinnerung, die Erwartung und viele andere psychologische Zustände oder Vorgänge nicht auf einem Foto auszumachen; psychologische Tatsachen, die wir anhand psychologischer Prädikate benennen, scheinen in keinem Medium abbildbar, außer der Sprache, wenn wir beispielsweise unsere Absicht kundtun und ankündigen: „Ich gehe jetzt nach Hause.“ Wegen dieser gleichsam versteckten Daseinsform kommen wir zu der mythologischen Annahme, solche Zustände und Vorgänge seien unsichtbare Modifikationen einer Seele genannten unsichtbaren Substanz.

Das Foto zeigt dich als Knaben mit einem Verband um den linken Daumen. Du hattest dich geschnitten und die Wunde schmerzte. Die Verletzung war ein Ereignis in dieser physikalischen Welt; aber der Schmerz? Er ist kein Ereignis der Art wie die Verletzung, die ihn hervorruft.

Wir können keine energetische, biosemantische oder libidinöse Gesamtbilanz des Lebens ziehen, die uns berechtigte, ständig optimistisch in den Tag zu grinsen oder defätistisch vor dem nächstbesten Passanten auszuspucken.

Die genaue, geduldige, sorgsame Betrachtung der vegetabilen, animalischen und ästhetischen Rhythmen und Gestalten, Muster und Strukturen entschädigt für so manchen Webfehler im eigenen Dasein.

Das Kind wirft den Ball an die Wand und fängt den zurückprallenden wieder auf; dem rational konstruierten Außerirdischen erschiene dieses Verhalten widersinnig oder unverständlich, doch wir verstehen, was uns daran spielerisch-selbstvergessen anmutet.

Ein Grund, unter dem stets zum Zuschnappen bereiten Riesenmaul des Molochs Stadt unglücklich zu werden, ist es, als Kind unter den sanften Blütenlippen des heimatlichen Gartens glücklich gewesen zu sein.

Das Lächeln der Kurtisane verrät ebenso viel über das Wesen der Frau wie der Schleier der Nonne.

Wir finden kein allgemeines Gesetz wie das Streben nach Lust oder die Vermeidung von Unlust, welches uns das Seelenleben nackt auf den Labortisch höbe. Aber wir stoßen auf psychologische Regeln, Muster, Sinnfälligkeiten wie die Kompensation, den Kontrast, die Umkehrung, die Verneinung, das Surrogat, die Assoziation und Anspielung oder die Verzerrung, die seltsamerweise mit manchen Gestaltungsmustern dichterischer und musikalischer Sprache übereinstimmen.

Ein Messer läßt sich nicht physikalisch beschreiben; es ist das Gebrauchsding, dessen Bedeutung darin besteht, daß wir damit Äpfel und Kartoffeln schälen oder eine Figur schnitzen können.

Der Mensch ist nicht das Tier, das werkelt oder spricht; er ist das Tier, das handeln und sprechen KANN.

Das handwerkliche, sprachliche und künstlerische Können des Menschen ist keine funktionelle Antwort auf die Frage und Reizbedeutung der Umwelt, wie es der Wabenbau oder Schwänzeltanz der Biene darstellt, sondern Ausdruck in frei gewählten Mustern und Rhythmen.

Wenn der Töpfer die halb geformte Figur verwirft, handelt er aufgrund besseren Wissens; wenn der Biene der Bau der Wabe mißlingt, ist sie erkrankt.

Wir sehen dem Messer an, was wir damit verrichten können; dem Menschen nicht, was er zu tun und zu sagen in der Lage ist. Wir erkennen es, wenn er handelt und redet oder seine Absichten kundtut.

Was eine Blume, ein Tier für sich sind, wissen wir nicht; wie die Rosen, die wir in der Vase ordnen oder auf dem Stilleben bewundern, wie die Amsel, deren Gesang wir bewundernd lauschen, nehmen wir sie als Elemente in die Struktur unserer Welt auf. Doch leben sie in eigenen Welten, von denen wir weder wissen noch uns durch Einfühlung ein Bild machen können.

Wir können die fremden Welten der Pflanzen und Tiere konstruieren, wie wir eine geometrische Figur konstruieren.

Wie schälen wir eine Kartoffel? Wir müssen geschickt das Messer handhaben, es genau mit seiner scharfen Schneide ansetzen und die Schale möglichst dünn rund um die ganze Frucht wegschneiden. Wir benutzen dabei unsere Augen, unseren Tastsinn, die Ennervationen unserer Arm-, Hand-, Fingermuskulatur versorgen uns mit den fast unwillkürlich wirkenden Impulsen, die Kartoffel in der einen Hand zu halten und harmonisch gemäß dem Schälverlauf zu drehen. Wenn wir sehr geübt sind und uns die Sache wie spielend von der Hand geht, können wir, während wir die Kartoffel schälen, uns unseren Gedanken und Phantasien hingeben, Musik hören, etwas singen, uns mit einem Gast unterhalten.

Wir können immer fragen, wozu. Wir schälen die Kartoffel, um sie zu kochen, wir kochen sie, um sie zu essen, wir essen sie, um unseren Hunger zu stillen, wir stillen unseren Hunger, um zu leben. Doch hier bricht das Fragen ab, denn es gibt keine eindeutige Antwort auf die Frage, wozu wir leben.

So ist es mit allem. Wir gelangen fragend stets an die Grenze des Sagbaren und stoßen an eine unübersteigbare Grenze, die uns manchmal wie die Wand am Ende einer trivialen Sackgasse erscheint, manchmal wie das Dorngestrüpp eines Rätsels, oder je nach Blickwinkel, bald so, bald so.

Gewiß sehen wir dem geflügelten Vogel an, daß er wohl fliegen, mit seinem Schnabel die Erde aufwühlen und Würmer picken kann, am Hörorgan und den Krallen der Eule, daß sie wohl das Huschen und Wispern der Mäuse auch im Dunkeln registriert und sich zielscharf auf ihre Beute stürzen kann. Doch was sagen uns Augen, Ohren und Mund des Menschen, was seine Hände und Beine und Füße, was seine Geschlechtsorgane? Nun, einen elementaren biologisch-funktionellen Sinn und Gebrauch der Organe zum Sehen, Hören, Reden, Greifen, Laufen und zur sexuellen Vermehrung können wir postulieren. Aber nicht aus der physiologischen Beschreibung kulturelle Tatsachen ableiten wie Malerei, Plastik und Musik, das Vergnügen an perversen sexuellen Ausschweifungen oder den freiwilligen Verzicht zugunsten mönchisch-kontemplativer Askese.

Beobachten wir den Orchestermusiker bei einer Aufführung, nehmen wir den Geiger, gewahren wir, wie die Bewegungen der Hände und Finger bei der Führung des Bogens und dem Gleiten und Drücken der Finger auf die Saiten einen Tast- und Greif-Raum bilden; gleichzeitig muß der Musiker sein Tun mit dem Hör-Raum integrieren, in dem er sich hörend mit den von seinen Mitspielern hervorgebrachten Tönen synchronisiert; dabei ist sein Seh-Raum gleichsam aufgefaltet durch Blicke zu den Anweisungen des Dirigenten und auf die Partitur.

Der Geiger vollzieht sein Tun nicht mechanisch, als könnte man die von ihm erzeugten Töne durch eine mechanische Spieluhr oder einen künstlichen Apparat hervorbringen. Vielmehr interpretiert er das Musikstück. Er achtet also beispielsweise auf die vom Komponisten angegebenen Vortragsformen und Ausdruckswerte wie Allegro oder Adagio, Legato oder Vibrato und gibt sie in einer Weise wieder, daß wir im besten Falle sagen können, er habe den Geist des Stückes erfaßt und wiedergegeben. Dieser Geist ist nichts Mystisches, sondern die gleichsam molekulare Organisation und sublime Verdichtung der Zeit, in der das Stück verwirklicht und interpretiert wird.

Die einfachste Organisation der Zeit ist das Intervall, das wir als Strecke zwischen zwei betonten akustischen Zeichen definieren. So tun wir es beim Hören von regelmäßig fallenden Wassertropfen oder Glockenschlägen. Wir hören eine Melodie im Vogelgesang aufgrund der intervallförmigen Organisation der Zeit; weil wir schon als Kinder Lieder gesungen und später viele Melodien gehört haben, erkennen wir im Vogelgesang eine musikalische Form der Zeitverdichtung. – Was immer der Vogel hören mag, der des Nachbarn Zwitschern vernimmt, ist funktionell durch sein Geschlecht bestimmt: Dem Männchen sagt das Geräusch nichts Musikalisches, sondern: „Bleib weg, hier ist mein Land!“, dem Weibchen: „Komm zu mir, ein Nest habe ich schon gebaut!“

Der Musiker muß mittels Integration und Synchronisierung seines akustischen, haptischen und visuellen Raums mit dem seiner Mitspieler im Takt und im Rhythmus bleiben. Es ist kein Zufall, daß der Zeit-Zähler, das Metronom, wesentlich für unsere Auffassung des musikalischen Taktes ist. Hier können wir einen Bogen schlagen von der Taktung der musikalischen Zeit zur Fähigkeit des Menschen, nach gemessenen Einheiten überhaupt zu zählen. Die Zahl könnte man das grundlegende Zeichen und die operationelle Form für die Organisation der Zeit nennen; sie bewegt sich, wie jede taktförmig gegliederte Partitur belegt, auf der Grenze zwischen visuellem und akustischen Raum.

Die Platane, die Buche, die Birke, die Eiche, der Apfelbaum – jedes dieser Gewächse verbreitet eine eigene Atmosphäre von Licht und Dunkel, Farbigkeit und Duft, Offenheit und Dichte der Gestalt, in jedem, könnte man sagen, schwingt eine eigene Melodie. So auch, wenn sie gesund sind, sich aus angestammten Wurzeln nähren und grüne Worte und reife Taten treiben, der Mensch, die Familie, das Volk.

Das Unglück des Einzelnen entstammt entweder seinem nicht zur Reife und Harmonie gediehenem angeborenen Charakter oder ist der Schatten seiner gestörten oder zerstörten kulturellen Umwelt.

Der Refrain auf die kulturelle Zerstörung der westlichen Kultur scheppert als industriell erzeugte und triebkonform konfektionierte Klangmaske aus den Lautsprechern der Cafés, Warenhäuser, Supermärkte, Fahrstühle.

Plastik, Beton, Blech, Asphalt – die empfindungslose Haut dieser zur Barbarei verdammten Zivilisation.

Verschmierte Bilder, gequetschte Klänge, geschundene Phrasen – mentaler Abfall ohne Lokalfarbe, ohne atmosphärische Spannung, ohne natürlichen Zungenschlag.

Das Messer und jedwedes Gebrauchsding reduziert sich uns nicht ontologisch auf die Summe seiner akzidentellen (Farbe, Ornament) und essentiellen Eigenschaften (Griff und Schneide), sondern es geht als Wirk-Ding ein in die Welt unseres Tuns. Desgleichen sind wir selbst und der Mitmensch ontologisch nicht reduzierbar auf die Eigenschaften eines homo sapiens oder animal rationale, sondern begegnen uns als Mann und Frau, Vater und Kind, Freund und Geliebter, Kamerad und Kollege. Wir verwirklichen uns in der Rolle, die wir spielen, mit der Maske, die wir tragen, wenn die Bühne, die Kulisse und das Stück, kurz unsere kulturelle Umwelt, die gegebene Situation tragen, stimmig und transparent machen.

Ein sicheres Anzeichen dafür, daß uns die Situation nicht mehr trägt und unsere kulturelle Umwelt gleichsam Risse und Löcher hat, ist das Gefühl der Einsamkeit, Verlorenheit, Orientierungslosigkeit.

Tiere, Kinder, Primitive scheinen vor dem von Mystikern wie Blaise Pascal und Endzeitdenkern wie Emil Cioran ins Metaphysische gesteigerten Gefühl der kosmischen Einsamkeit verschont zu bleiben.

Der große Künstler malt keine Berge, Bäume, Tiere, sondern ihren Rhythmus.

Die Polarität von Teilchen und Welle erscheint nicht nur physikalisch ein gutes Modell zur Erklärung der Lichtphänomene, sondern auch psychologisch als eine Gesetzmäßigkeit des Seelenlebens. Auf der einen Seite finden wir differentielle Minima und Maxima der Empfindung, der visuellen und akustischen Wahrnehmung, bei denen gleichsam punktförmig die Schwelle des Bewußtseins unter- und überschritten wird. Auf der anderen Seite breiten sich die Muster, Rhythmen und Gestalten des Empfundenen und Wahrgenommenen wellenförmig zwischen Intervallgrenzen aus.

Das Gesehene ist physiologisch ein Produkt aus der Wirkmacht der Lichtwellen und der Merkkraft unserer Nervenbahnen; psychologisch ist es die Erprobung und Bewahrheitung einer Bedeutung, wenn wir (zurecht oder irrtümlich) den Ausdruck eines Gesichts als lächelnd oder traurig, eines Gartens als öde oder romantisch, eines Gemäldes als heiter oder kitschig verstehen.

Wir können das Gesehene, Gehörte, Gelesene mißverstehen und uns eines besseren belehren lassen; diese Fähigkeit zum Irrtum und zur Korrektur ist eine spezifisch humane Exzellenz.

 

Jan 13 20

Wenn Asphodelen winken

Nur roten Mundes Liebekauen
auf mürben Nervensträngen,
nur Küsse gefiederter Frauen
macht blaue Zapfen wieder tauen,
die harsch ins Herzgewölbe hängen.

Mit Worten nicht, auf grünen Blättern,
in denen Liebesseufzer wehen,
soll Lied auf Sonnenhügel klettern,
und zischt der Blitz aus dunklen Wettern,
muß barhaupt es im Regen stehen.

Die Blüten, die auf Wellen steigen, sinken,
sie stechen nicht wie Wortes Spitzen,
die Herzen, so Geistes Trauben trinken,
erreicht, wenn Asphodelen winken,
der Ahnen Singen, die am Ufer sitzen.

 

Jan 12 20

Durchsonnten Flaumes Schneelichtreine

Durchsonnten Flaumes Schneelichtreine,
die Äpfel, die im Dämmer glühen,
die Schwäne, die wie schlafend ziehen,
sind nicht der Grund, weshalb ich weine.

Die Kleine, die ich hinken sehe,
die Lachen auf zerlesenen Briefen,
die Stimmen, die ins Dunkel riefen,
sind nicht der Grund, weshalb ich gehe.

Der ging im Ahnenkrug zur Neige,
des Traumes Wein, die starren Zeichen,
die keiner Klage Tau erweichen,
sie sind der Grund, weshalb ich schweige.

 

Jan 12 20

Der schwermütige Polytheist

Jahrhundertlang liegt eines Gottes
Kadaver in der Dome Leichenhallen
und ist noch immer nicht verwest,
noch steigen der Verwesung Dünste,

in ihnen aber grauenhaft Bazillen,
die selbst das Hirn des edlen Manns
befallen, daß er den Schneid verliert,
geschlagen hält die andre Backe hin.

Ein Gott, der aller Völker Gott sein will,
ist nicht mein Gott, ich kenne Ares wild,
schön Aphrodite, die Zeichen ziehen,
mit Feuer er und sie mit Blumenblicken.

Ich kenn der Quelle Mund, der anders singt
in der Oase, anders am Helikon,
und meiner Schwermut dunkles Veilchen,
das weicher haucht als weiße Lilien.

Und sind die Quellen stumm, die Rosen
zerpflückt, von roher Hand die Veilchen,
bleibt mir die wilde Flamme noch,
in der ich einsam mich verzehre.

 

Jan 11 20

Der Patriot ohne Vaterland

Fehlt aber wesentliche Not,
grinst aus speckigen Falten der Bürger,
die Füße auf der Zeitung preist
er Geldes Promiskuität und Geistes.

Der Arsch, der auf Embleme scheißt,
wenn darauf keine Ziffern protzen,
reißt alle Dämme ein, der Flut
Gejohle kitzelt ihm sein schmutzig Lüstchen.

Des Welten-Spielers Leidenschaft:
Gesichter aufeinanderpressen,
bis sie wie platte, graue Nullen sind,
die immer blöde grinsen wie er selber.

Sein Stricher ist der Nihilist,
der weiß, kein Ali, Mahmut, Ahmet
wirft das Buch ins Maul der Hunde
für Peter, Hans, Siglinde oder Magda.

Wenn aber Ares mit des Fingers Glut
vom Kuß der Erde auf kalte Stirnen
das Zeichen ritzt: Freund oder Feind,
mag wieder ich das Land der Väter schauen.

 

Jan 11 20

Der neurotische Theologiestudent

Nur lesen, lesen, aus Feigheit vor dem Leben,
aus Angst vorm eigenen Geschlecht und vor
den Frauen, ein Flimmern grau auf weißen Seiten,
das in der Träume Schneesturm untergeht.
Und vor dem Kelchblatt eines roten Mundes,
in einer Locke mondbeglänzter Kluft
vom Jenseits der gefallnen Welt zu lallen,
vom Licht, das dunkler ist als Sein und Sagen
und fruchtbar nur verzagten Herzen scheint,
nicht wie die Sonne Satans Totgeburten.
Und sie, sie seufzt, die Knospen ihrer Brust,
sie streben auch ins Licht, sich zu entfalten
wie Blumen, die Nektar einer Bienenschar
gesummter Küsse schenken, er aber mag
das müde Haupt in ihren Schoß nicht neigen,
nur übers Dorngestrüpp der schroffen Schrift.
Verhaßt ist ihm der Freund und muß ihn lieben,
der ihm die Schönheit des erblühten Manns,
des holden Weibs auf Renaissancegemälden,
die Dichtung zeigt, die süßes Leben trank
aus Gaias Brust, aus Traubenblutes goldnen
Gefäßen aber wilden Drang zu Tanz
und blinder Umarmungen taubeträufeltem Flechtwerk.
Er aber fühlt, die nie sein Aug benetzt,
wie Tränen über all die Zeichen rinnen,
um alles, was er je gelesen hat,
in lächelnde Chimären aufzulösen.

 

Jan 10 20

Vier Farben Heimat

Mir blieb an Heimat nur Erinnerung,
die weiß gekalkte Wand des Hühnerstalles,
der Duft der Leinentücher, ausgebreitet
auf Sofa, Sesseln in der guten Stube,
die man nur sonntags abzog und für Gäste,
sie schimmern nach in jedem weißen Blatt,
das unbeschrieben wahrer bliebe, schöner
als wirren Ganges Spur im Schnee des Schlafs.
Das stillste Glück, an einer Stulle kauend,
am Hoftor sitzen auf dem Schemelchen,
wenn auf die Gosse schwoll im lauten Regen,
zu lauschen und zu schmatzen und voll Andacht
den weißen Blütenspitzen nachzublicken,
die auf dem Wasser trieben, Gott weiß wohin.
Die Kirschen und die Beeren und vom Küssen
war rot der Mund, wieʼs in der Fibel hieß,
auch am Verband der Fleck von einer Wunde,
die gluckste, näßte, und im Sonnenschein
die Strähne in Vaters Haar, wie dunklen Blutes
an Halmen zitternd rote Tropfen: Mohn.
Und all dies kehrt zurück, wenn Dämmerzweige
ins stille Zimmer Purpurlichtes Wein
mir schütten auf das Laken Einsamkeit.
Das frische Gelb, das falbe Grün von Birnen,
Zitronen, Stachelbeeren und Likör
aus Mirabellen, Kartoffeln, an den Händen
der Staub und Grind der Erde, wenn im Herbst
wir auf den Feldern jäteten und rupften.
Doch unterm Asphalt liegt mein Ginster nun,
und was von Tau an seinen Wimpern schwebte,
umsonst geweinte Träne war es ja.
Das zarte Grau, das auf den Schieferdächern
im Sommerregen und am Henkelkrug
für Most und Milch, an irdenem Becher blaute,
war weich wie Wassers Taft im Eifelmaar,
kein Flieder, Iris nicht und keine Veilchen
berückten mehr, nicht flammend Rittersporn,
als deiner Augen träumerische Blicke,
wenn Feuchte sie mit Sanftmut überglomm
und über meines Herzens grauer Mulde
ihr Kuß den reinen Azur hat gewölbt.
Im Hinterhof in einer schmalen Pfütze,
wenn laue Luft das Leichentuch des Schnees
allmählich auftrennt, seh den Widerschein
der Heimat ich mit Wolkenfetzen leuchten,
im Farbenspiel der Kerze vor dem Bild
versunkner Zeit, wenn ich in hohen Nächten
am Fenster stehe und aus dem Schmerz der Nacht
herabgebeugt des Mondes blasse Blume
in meiner Sehnsucht schwarzes Wasser sinkt.

 

Jan 9 20

Welten entfernt

Wenn ein Löwe sprechen könnte,
wir könnten ihn nicht verstehen.
Ludwig Wittgenstein

Da ist nicht EINE WELT, die wie der Himmel
sich über uns wölbte, nicht DIE GLEICHE SONNE,
die über der Linde des schwäbischen Pfarrhofs auf-,
der Palme des afrikanischen Kraals unterginge.

Der Schöpfer des Moses und Hesiods Gaia
verstehen einander nicht, die Nachtigall
nicht Keatsʼ „Ode to a Nightingale“,
auch wenn sie lesen könnte.

Für eine Mücke ist das Glas mit Wein
ein Ozean, in dem ihr Summen erstickt,
uns ist der Pazifik ein blauer Refrain
zwischen Wladiwostok und San Francisco.

 

Jan 8 20

Die Unke

Die Angel kreischte und die Tür schlug zu.
In einer Krypta tropfte vom Gewölbe
Salpeterlicht, ein Knappe in einer Livree
aus fleckigem, roten Samt, die Fasanenfeder
an seinem Barett, sie wippte „Dich meine ich“,
zog ihn an einem dünnen Seidenfaden,
der aus dem Nabel ihm gesprossen war,
er war ja nackt, zur Mitte hin, wo golden
ein Thron erglänzte, auf diesem aber saß
die fette Unke und schluchzte Wiegenlieder,
die warmen Töne rannen an seiner Haut
herab, ein Saft von wilden süßen Beeren,
der Knappe wickelte die Seidenschnur
ihr zärtlich um das Horn, den Purpurauswuchs,
der aus der Stirn ihr ragte, sie aber sprach:
„Du kommst zur rechten Zeit, in deiner Küche
hat meiner Ratten Heer ja schon das Brot
der Unschuld halb zerfressen, und meiner Vipern
gespaltene Flammenzungen umlecken jetzt
den Schoß der Liebsten, die aufzuckt unter ihnen
und fast vergeht. Nun nimm, was gnädig wir
dir zugedacht, den blauen Becher, kennst du
den schönen noch, den einst beglückt dein Ahn
an seinen Mund geführt, und trink, o trinke,
des Lebens Wonne schwappt in ihm, das Blut,
das wieder dich erwärmt zu hohen Fahrten,
erblühter Lippen Duft und Liedes Kuß.“
Er trank den Becher aus und Rufe von Vögeln,
wie in der Nacht vom Waldbrand aufgescheucht,
zerfetzten, singende Dolche, ihm das Herz.

 

Jan 7 20

Komm, gehen schweigend wir ins Abendrot

Komm, gehen schweigend wir ins Abendrot,
der Amsel Schläge werden zagend matter
und ins Gefieder hüllt der Schwan sein Haupt.
Schon fühlen wir von Hand zu Hand die Pulse,
die wie an Schilfe ferner Ufer schäumen,
und unsern Blick beglänzt die Dunkelheit.
Wie könnten Worte uns die Lippen feuchten,
die stumme Duldsamkeit dem Kuß entwöhnt,
und alles noch Gesagte wirkt verblichen
wie unter unsern Schritten toter Sand.
Und leise bebend Veilchen, selbst im Staube
des Wegesrandes Disteln sagen hell,
was uns ein dunkler Schmerz wie eine Muschel
verhüllt an zartem Schmelz. Doch rinnen weich
wie lichtes Wasser die späten Abendstrahlen
dir auf das Angesicht, wölbt sich mein Mund
wie Meereswelle auf zu leisem Stöhnen.
So setzen wir uns auf den grünen Fels,
wo über uns der Wipfel Schatten summen,
und lehnen Herz an Herz und werden blind
vor Tränen, wenn Geisterhände Rosen streuen
auf den Altar der hohen Mutter Nacht.

 

Jan 7 20

Der letzte Flug der Taube

Im Dämmerlicht glitt ich gefiedert
ein Täuberich durch rote Ahornzweige,
vom Duft der welken Blätter blähte sich
mein weicher Hals. Des Lichtes letzte Tropfen,
an blauer Disteln Blütenspitzen zitternd,
sog ich mit hohlen Blicken in mein Herz.
Ich sank in einer krummen Eiche Wipfel
herab, um ihrer alten Seele moos-
gedämpftem Seufzen lange nachzulauschen.
Der laue Nachtwind, der mein Federkleid
berückte, brachte mir aus Rosenfernen
der Träume Schmerzenstau, geheimnisvoll
den Flüsterhauch verzagter Liebe von Lippen,
die zart verblaßt das Bild des Sommers rührt.
Gesprenkel böser Augen schien der Himmel
mir einer Schleiereule gefleckter Taft,
die trägen Herzens im dunklen Dickicht lauert,
und graut der Tag in stummer Schwingen Sturz
die Täubin schlägt, die sich im Grase duckte.
Der erste goldne Strahl ist mir Geheiß,
noch einmal an den alten Strom zu fliegen,
wo im Gestrüpp einst schwebte das Genist,
und leise, leise vor mich hin zu gurren,
dort wo die Liebe kam, die Liebe ging.

 

Jan 6 20

Der Glanz verlischt

Da ist wie scheues Lächeln noch ein matter Glanz
auf jenem Teich, wo wir vorübergingen,
nun aber, da es Regen gibt, verlischt er ganz,
als löste sich dein Bild in weichen Wasserringen.

Doch ragt es eine Stele kalt ins Abendlicht,
gibt mir der schlanken Birke dürres Sirren
zu hören, was die dunkle Gottheit spricht:
Ihr mußtet eins im Labyrinth des andern irren.

Dies nackte Prasseln ist wie Lachen ohne Sinn,
wie dumpf die Erde schluchzt, und drunten grauen
schon Nebel über tote Gärten hin,
als würden Veilchen nie, nie wieder Veilchen blauen.

 

Jan 6 20

Verhüllter Schmerz

Wir wollen uns nicht mehr befragen,
die Blicke nicht mehr zwängen
durch zarter Wimpern Engen,
des Atems Welle mag uns tragen.

Wir wollen nicht vor Blitzen springen,
den Mythen der Motoren,
und wandeln selbstverloren
an Strömen, die von Meeren singen.

Wir wollen selber uns verschweigen,
auf Abendhügeln hören
die Glocken, die betören,
verhüllten Schmerz wie Rosen neigen.

Wir wollen nicht uns selbst betrügen,
der Augen feuchtes Funkeln
mit Wortes Dunst verdunkeln,
die Träne mag den Stein besiegen.

 



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