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Jun 8 20

Wieso die Ödnis

Wieso die Ödnis, armes Kind,
der Worte Sirren wie von Mücken,
vom Kelche nur in faden Schlücken?
Weil wir Verwaiste Gottes sind.

Wieso im Rausch noch Langeweile,
zerplatzten Schillerns Schaum der Kuß,
in Blumenfülle Überdruß?
Wir gähnen, tropft der Psalm vom Heile.

Wieso uns Sonne Todesglut,
der Wollust Bilder schwarz von Bränden,
die Flammenschrift an Stirn und Händen?
Uns löschte keines Heilands Blut.

Hat nie das hohe Lied von Inseln
des Südmeers uns den Traum geweht,
wie Rosenschöne aufersteht?
Wir hören nur den Bettel winseln.

 

Jun 8 20

Der Konzeptkünstler

Ein lichtscheues Element

Er kaut ein Wort nur, nein, o nein,
zerquälte Wollust, geile Pein,
es klebt als Haar auf seiner Zunge,
es schwärzt das Blut in seiner Lunge.

Verneinung kann nicht Sonnen ballen,
aus leerem Schacht kein Wasser wallen,
und doppelt nein bleibt ewig nein,
es kann Kritik nicht Schöpfung sein.

Wer goß frech hin den Festpokal,
ihm wird der frohe Sang zur Qual,
muß Musenanmut denunzieren
und neidisch sie mit Kot beschmieren.

Das Hirn verquillt ihm von Ideen,
doch keine Ferne macht sie wehen,
in seinen Adern klumpt Verzicht,
verdunkelt ist das süße Licht.

Konzepte nennt er das Gelumpe,
gestopft in die Fäkalienpumpe,
die Transparenz hat überfleckt
des Hochmuts Spucke, Fratze bleckt.

Die Fläche gähnt wahnimmanent,
kein noch so dürres Häkchen brennt,
die Transzendenz ist zugenagelt,
weh, wenn es blitzt, weh, wenn es hagelt.

Nur Blut nicht tropfen, Knospen weihen,
die Anti-Kunst ist Lymphe speien
auf kalte porenstumpfe Haut,
die Sonne nicht und Hauch nicht taut.

Stößt Harmonien er vom Thron,
Eunuche heiß am Mikrophon,
kastriert um alle Melodien,
muß er den Schoß des Urklangs fliehen.

Feil greift die Hand ans Mal der Ahnen,
verhüllt es mit obszönen Planen,
zerkocht der Grazie zartes Bein
und lädt den Mob zum Festmahl ein.

 

Jun 7 20

Daß kindlich Augen leuchten

Daß kindlich Augen leuchten
aus blauer Himmelsschlucht,
am süßen Fleisch der Frucht
sich Zwillingslippen feuchten.

Wie kann ein Wunder klopfen
in einer Brust so bang,
auf Duldens Dämmergang
ein Glanz von Tränen tropfen.

Und decken Lockenwogen
sanft Schlummerlider zu,
die Schwalbe ist im Nu
dein Herz vom First geflogen.

Wie können Blutgefäße
sich füllen zart mit Licht,
dein süßes Dunkel spricht,
daß es mein Lied besäße.

Des Kranichs Abschiedsflügeln
verschleiert dir den Blick,
dein Auge feuchtet Glück,
wenn sich die Schwäne spiegeln.

Dein Frühling ist ein Wehen,
erwacht von Matten Hauch,
der Sommer läßt dich sehen,
uns reiften Sonnen auch.

Herbst zündet kalte Flammen,
der Mond rollt in den Fluß,
die Hände wärmt, die klammen,
im Winter dir mein Kuß.

 

Jun 7 20

Kristalle des Schlafs

Was dort schimmert wie Salz,
sind Kristalle des Schlafs.

Der Nährerin Dunkel entquollen,
Salz getrockneter Tränen.

Was da glimmt auf den Krumen,
schwarzen Schollen des Traums.

Was dort leuchtet wie Blut,
sind Gerinnsel des Schlafs.

Des Dulders Wunde entsickert,
färbten sie Rose und Mohn.

Was da glimmt an den Ufern,
Nebelauen des Traums.

 

Jun 6 20

Mein stilles Land

Süßer tropfen Gluten
auf mein stilles Land,
sanfter flechten Fluten
Locken auf den Strand.

Muscheln, Mond-Geschmeide,
weicher Klage Ton.
sommerlich die Heide,
heiß von Phlox und Mohn.

Engel sind die Blumen
und sie gießen Duft
auf die Schmerzenskrumen,
in die wehe Luft.

Freude birgt die Quelle,
daß sie nicht vereist,
Moos umkost die Welle,
Lilien hauchen Geist.

In der Höhe blauen
Stimmen veilchenweich,
milde Herzen tauen,
arme fühlen reich.

Rehe sind, die weiden
sanfter Erde Gras,
wenn die Strahlen scheiden,
tönt des Traumes Glas.

Vögel sind, die wiegen
Zweige im Gesang,
wenn die Strahlen siegen,
schauern Blätter bang.

Himmel sinkt ins Wasser,
Milch und Purpurwein,
Sterne blühen blasser,
Azur flammt allein.

Nur die grinsend schwärmen,
Fratze, Wahn und Tand,
sollen mir nicht lärmen
durch mein stilles Land.

 

Jun 5 20

Gnadenbild

Laß uns kindlich trinken
deines Lächelns Licht.
Daß wir nicht versinken,
blüht dein Angesicht.

Leeren Herzens haben
wir der Fülle Bild.
Deine Gnadenwaben
tropfen Honig mild.

Deine Blicke segnen,
die da knien hin.
Deine Hulden regnen
Tränen dürrem Sinn.

Falten deines blauen
Mantels, geistdurchweht,
bergen unser Grauen,
hüll uns ins Gebet.

Und der Nächte Sonne,
die dein Schoß gebar,
strahle Heiles Wonne
auf die Dulderschar.

Mußte sie auch dunkeln
an dem Schmerzensbaum,
fühlen wir ihr Funkeln
fern an Edens Saum.

Nimm aus Demutshänden
Rosen weiß und rot,
magst du Liebe senden,
Hoffnung in den Tod.

Ist uns nichts als weinen
auf dem Floß der Nacht,
laß zur Rettung scheinen
deines Bildes Pracht.

 

Jun 5 20

Post festum

Rührender als das silberne Quellen grünender Erde
sind von Mondlicht getrübt Wassers Gesänge zur Nacht.
Wo der morsche Kahn sich stöhnend ergab und erstarrte,
im gebogenen Schilf einst hast du ihnen gelauscht.
Wo denn flossen sie hin, die Wasser, die nächtlichen Sänge,
Lampion schief nach dem Fest schwankend am Aste, der Mond.

Aber die heller sprachen als Blüten tragendes Wasser,
goldener Locken Flut, daß du getaucht darein, Duft,
als schon Sonne unter Wimpern der Dämmerung schielte,
Stirn, sie war noch heiß, offene Knospe der Mund.
Wo denn ist die Flut verebbt, verrauchten die Düfte,
Locken, wie ergraut, kußlos verrunzelter Mund.

 

Jun 4 20

Grell gefleckt ist Tages Fell

Grell gefleckt ist Tages Fell,
goldene Schuppen aber tauchen
aus dem Meer der Nacht.

Sind die Blitze trockene Stachel,
Grollen ist im Tal verraucht,
hofft des Dulders Herz auf Regen,

daß die Ebene glänzt erneuet,
lau ein blaues Wehen
Stirne ihm und Locke kost.

Staub des Lärmens ist versunken,
eingerollt in Schlafes Farne
ist der Sehnsucht wirres Zittern.

O die Fülle sanfter Leere,
Veilchen, das sich dunkler duftend
um verschwiegne Bängnis schließt.

Suchst, Dulder, du nach Heimat,
Flamme, die aus Träumen singt
und die bleiche Wange rötet,

wühle nicht in kalten Aschen,
Liebe senkt dir hin die Fackel,
wenn du weinend vor ihr kniest.

 

Jun 4 20

Golden sind die Töne

O das süße Glimmen
unter Schmerzensbrauen,
stille Knospen schwimmen,
taube Herzen tauen.

Wie aus Engelhänden
goldne Körner sausen,
kleine Gnadenspenden
aus den Wolkenklausen.

Golden sind die Töne,
die getropft aus Flüssen
himmelsblauer Schöne
Stein und Stirne küssen.

Blüten auch sind golden,
wenn sie Dichter sehen,
Blumenworten holden,
die wie Duft verwehen.

 

Jun 3 20

Stéphane Mallarmé, Frisson d’Hiver

Cette pendule de Saxe, qui retarde et sonne treize heures parmi ses fleurs et ses dieux, à qui a-t-elle été ? Pense qu’elle est venue de Saxe par les longues diligences, autrefois.

(De singulières ombres pendent aux vitres usées.)

Et ta glace de Venise, profonde comme une froide fontaine, en un rivage de guivres dédorées, qui s’y est miré ? Ah ! je suis sûr que plus d’une femme a baigné dans cette eau le péché de sa beauté ; et peut-être verrais-je un fantôme nu si je regardais longtemps.

— Vilain, tu dis souvent de méchantes choses..

(Je vois des toiles d’araignées au haut des grandes croisées.)

Notre bahut encore est très vieux : contemple comme ce feu rougit son triste bois ; les rideaux amortis ont son âge, et la tapisserie des fauteuils dénués de fard, et les anciennes gravures des murs, et toutes nos vieilleries ? Est-ce qu’il ne te semble pas, même, que les bengalis et l’oiseau bleu ont déteint avec le temps.

(Ne songe pas aux toiles d’araignées qui tremblent au haut des grandes croisées.)

Tu aimes tout cela et voilà pourquoi je puis vivre auprès de toi. N’as-tu pas désiré, ma sœur au regard de jadis, qu’en un de mes poèmes apparussent ces mots : « la grâce des choses fanées » ? Les objets neufs te déplaisent ; à toi aussi, ils font peur avec leur hardiesse criarde, et tu te sentirais le besoin de les user, — ce qui est bien difficile à faire pour ceux qui ne goûtent pas l’action.

Viens, ferme ton vieil almanach allemand, que tu lis avec attention, bien qu’il ait paru il y a plus de cent ans et que les rois qu’il annonce soient tous morts, et, sur l’antique tapis couché, la tête appuyée parmi tes genoux charitables dans ta robe pâlie, ô calme enfant, je te parlerai pendant des heures ; il n’y a plus de champs et les rues sont vides, je te parlerai de nos meubles.. Tu es distraite ?

(Ces toiles d’araignées grelottent au haut des grandes croisées.)

 

Schauer des Winters

Diese Pendeluhr aus Sachsen, die nachgeht und unterm Dekor von Blumen und Göttern dreizehn Stunden schlägt, wem hat sie einst gehört? Denk dir, wie lang sie aus Sachsen mit Postkutschen unterwegs war, dermaleinst.

(Seltsame Schatten hängen auf verbrauchten Spiegeln.)

Und dein venezianisches Glas, tief wie ein gefrorener Born an einer Küste von heraldischen Schlangen mit abgeblätterten Goldschuppen, wer hat sich darin wohl gespiegelt? O ich bin gewiß, mehr als eine Frau hat in diesem Wasser die Sünde ihrer Schönheit gebadet; mag sein, ich sehe ein nacktes Gespenst, wenn ich lange blicke.

– Du Böser, du sagst oft schlimme Dinge.

(Ich sehe Spinnweben oben an den großen Fensterkreuzen.)

Unsere Truhe ist auch sehr alt: Schau, wie die Flamme ihre düsteren Hölzer rötet, die gedämpften Vorhänge haben ihr Alter. Und die schon ganz abgewetzten Bezüge der Sessel, die altmodischen Stiche an den Wänden, all dieser Trödel? Scheint dir nicht auch, daß der Prachtfink und der blaue Ara mit der Zeit ihre ursprüngliche Farbe eingebüßt haben?

(Denke nicht an die Spinnweben, die oben an den großen Fensterkreuzen zittern.)

Du liebst all dies und gerade darum kann ich in deiner Nähe leben. Hattest du, Schwester mit dem Blick von ehedem, kein Verlangen danach, daß in einem meiner Gedichte die Worte auftauchten: „die Anmut der verblaßten Dinge“? Neue Dinge mißfallen dir; auch dir machen sie Angst mit ihrer schreienden Zudringlichkeit, und du fühlst dich genötigt, sie abzunutzen – was recht schwierig für jene ist, die keinen Geschmack an der Tat finden.

Schließe deinen alten deutschen Kalender, den du mit soviel Aufmerksamkeit liest, obgleich er vor über einhundert Jahren erschienen ist und die Könige, deren Besuch er ankündigt, schon alle tot sind. Dann will ich, auf den alten Teppich gebettet, den Kopf zwischen deinen gütigen Knien auf dein verblichenes Kleid geschmiegt, dir, mein stilles Kind, stundenlang erzählen; es gibt keine Felder mehr und die Straßen sind verwaist, ich werde von unseren Möbeln reden. Bist du zerstreut?

(Die Spinnweben oben an den großen Fensterkreuzen zittern vor Kälte.)

 

Jun 3 20

Stéphane Mallarmé, Le Phénomène Futur

Un ciel pâle, sur le monde qui finit de décrépitude, va peut-être partir avec les nuages : les lambeaux de la pourpre usée des couchants déteignent dans une rivière dormant à l’horizon submergé de rayons et d’eau. Les arbres s’ennuient ; et, sous leur feuillage blanchi (de la poussière du temps, plutôt que de celle des chemins), monte la maison en toile du Montreur de choses Passées : maint réverbère attend le crépuscule et ravive les visages d’une malheureuse foule, vaincue par la maladie immortelle et le péché des siècles, d’hommes près de leurs chétives complices enceintes des fruits misérables avec lesquels périra la terre. Dans le silence inquiet de tous les yeux suppliant là-bas le soleil qui, sous l’eau, s’enfonce avec le désespoir d’un cri, voici le simple boniment : « Nulle enseigne ne vous régale du spectacle intérieur, car il n’est pas maintenant un peintre capable d’en donner une ombre triste. J’apporte, vivante (et préservée à travers les ans par la science souveraine) une Femme d’autrefois. Quelque folie, originelle et naïve, une extase d’or, je ne sais quoi ! par elle nommé sa chevelure, se ploie avec la grâce des étoffes autour d’un visage qu’éclaire la nudité sanglante de ses lèvres. À la place du vêtement vain, elle a un corps ; et les yeux, semblables aux pierres rares ne valent pas ce regard qui sort de sa chair heureuse : des seins levés comme durs d’un lait éternel, la pointe vers le ciel, aux jambes lisses qui gardent le sel de la mer première. » Se rappelant leurs pauvres épouses, chauves, morbides et pleines d’horreur, les maris se pressent : elles aussi par curiosité, mélancoliques, veulent voir.

Quand tous auront contemplé la noble créature, vestige de quelque époque déjà maudite, les uns indifférents, car ils n’auront pas eu la force de comprendre, mais d’autres navrés et la paupière humide de larmes résignées se regarderont ; tandis que les poëtes de ces temps, sentant se rallumer des yeux éteints, s’achemineront vers leur lampe, le cerveau ivre un instant d’une gloire confuse, hantés du Rythme et dans l’oubli d’exister à une époque qui survit à la beauté.

 

Was noch ins Haus steht

Ein fahler Himmel, über einer Welt, die an Altersschwäche versiecht, mag vielleicht sich in Wolken lösen: Die Fetzen von Purpur, in Sonnenuntergängen vernutzt, verbleichen in einem Fluß, der an einem Horizont schläft, überschwemmt von Strahlen und Wasser. Die Bäume stehen voll Verdruß, und unter ihrem verblaßten Laub (vom Staub der Zeit mehr als von dem der Wege) ragt das Zelt des Schaustellers von Dingen, die längst passé sind: Manch eine Straßenlampe harrt der Dämmerung und haucht den Gesichtern einer unglücklichen Menge wieder etwas Leben ein, sind sie auch besiegt von der unausrottbaren Krankheit und dem Makel des Zeitalters, Männern mit ihren ärmlichen Komplizinnen, schwanger mit Elendsfrüchten, mit denen die Erde untergehen wird. In der Stille, zitternd von all den Augen hinabflehend zur Sonne, die sich mit einem Verzweiflungsschrei ins Wasser stürzt, da, welch eine einfältige Marktschreierei: „Kein Reklameschild gibt euch einen Geschmack vom Schauspiel da drinnen, denn heutzutage ist kein Maler imstande, davon auch nur einen trüben Schatten wiederzugeben. Ich bring sie herbei, lebensprall (konserviert über die Jahre von überlegener Wissenschaft), ein Weib von ehedem. Etwas verrückt, ursprünglich und naiv, eine Ekstase aus Gold, das gewisse Etwas, so hat sieʼs selbst genannt, biegt sich ihr Haar mit der Anmut von Stoffen um ein Gesicht, das die blutige Blöße ihrer Lippen beleuchtet. Ihr bekommt kein leeres Kostüm, nein, den vollen Leib, die Augen, seltenen Edelsteinen ähnlich, wiegen den Blick nicht auf, der aus ihrem glücklichen Fleisch dringt, Brüste, angehoben wie starr von einer ewigen Milch, die Spitze Richtung Himmel, mit glatten Schenkeln, die das Salz des Urmeers wahren.“ Ihrer armen Frauen eingedenk, der kahlen, hinfälligen, von Grauen erfüllten, drängen sich die Gatten: Doch auch jene wollen sehen, so neugierig sind sie, die schwermütigen.

Haben alle die edle Kreatur beschaut, Relikt einer bereits verfemten Epoche, bleiben die einen gleichgültig, denn sie bringen nicht mehr die Kraft auf zu begreifen, doch andere sind betrübt und die Wimper feucht von Tränen des Verzichts blicken sie sich an; während die Dichter jener Zeit, fühlend, wie sich die erloschenen Augen wieder entfachen, zu ihrer Lampe eilen, das Hirn trunken für den Augenblick eines unbestimmten Ruhms, heimgesucht vom Rhythmus und ohne Gedanken daran, daß sie in einer Epoche leben, welcher die Schönheit für überlebt gilt.

 

Jun 2 20

Stéphane Mallarmé, Plainte d’Automne

Depuis que Maria m’a quitté pour aller dans une autre étoile — laquelle, Orion, Altaïr, et toi, verte Vénus ? — j’ai toujours chéri la solitude. Que de longues journées j’ai passées seul avec mon chat. Par seul, j’entends sans un être matériel, et mon chat est un compagnon mystique, un esprit. Je puis donc dire que j’ai passé de longues journées seul avec mon chat et, seul, avec un des derniers auteurs de la décadence latine ; car depuis que la blanche créature n’est plus, étrangement et singulièrement j’ai aimé tout ce qui se résumait en ce mot : chute. Ainsi, dans l’année, ma saison favorite, ce sont les derniers jours alanguis de l’été, qui précèdent immédiatement l’automne, et dans la journée l’heure où je me promène est quand le soleil se repose avant de s’évanouir, avec des rayons de cuivre jaune sur les murs gris et de cuivre rouge sur les carreaux. De même la littérature à laquelle mon esprit demande une volupté sera la poésie agonisante des derniers moments de Rome, tant, cependant, qu’elle ne respire aucunement l’approche rajeunissante des Barbares et ne bégaie point le latin enfantin des premières proses chrétiennes.

Je lisais donc un de ces chers poèmes (dont les plaques de fard ont plus de charme sur moi que l’incarnat de la jeunesse) et plongeais une main dans la fourrure du pur animal, quand un orgue de Barbarie chanta languissamment et mélancoliquement sous ma fenêtre. Il jouait dans la grande allée des peupliers dont les feuilles me paraissent mornes même au printemps, depuis que Maria a passé là avec des cierges, une dernière fois. L’instrument des tristes, oui, vraiment : le piano scintille, le violon ouvre à l’âme déchirée la lumière, mais l’orgue de Barbarie, dans le crépuscule du souvenir, m’a fait désespérément rêver. Maintenant qu’il murmurait un air joyeusement vulgaire et qui mit la gaîté au cœur des faubourgs, un air suranné, banal : d’où vient que sa ritournelle m’allait à l’âme et me faisait pleurer comme une ballade romantique ? Je la savourai lentement et je ne lançai pas un sou par la fenêtre de peur de me déranger et de m’apercevoir que l’instrument ne chantait pas seul.

 

Herbstklage

Seitdem Maria mich verlassen hat, um zu einem andren Stern zu gehen – zu welchem, Orion, Altair, oder bist, grüne Venus, du es? – liebte ich alle Zeit die Einsamkeit. Wie dehnten sich die Tage, da ich mit meiner Katze einsam war. Einsam nenne ich kein bloß körperliches Sein, und meine Katze ist ein mystischer Gefährte, ein Geist. Ich kann also sagen, ich verbrachte lange Tage mit meiner Katze und einsam mit einem der späten Dichter der lateinischen Dekadenz; denn seitdem es die reine Schöpfung nicht mehr gibt, habe ich eine seltsame und einzigartige Form der Liebe zu all dem entwickelt, was sich in dem einen Wort verdichtet: Untergang. So ist denn auch meine liebste Jahreszeit jene der letzten trägen Sommertage, die dem Herbst unmittelbar vorausgehen, und von den Stunden des Tages, wo ich umherschweife, jene, da die Sonne, bevor sie gänzlich verlischt, zur Ruhe kommt in Strahlen gelben Kupfers auf den grauen Mauern und roten Kupfers auf den Kacheln. Desgleichen dürstet mein Geist nach einer Dichtung, die wie die späte römische ihm noch mit ihren letzten Atemzügen Wonne schenkt, gerade weil ihr vom verjüngenden Andrang der Barbaren noch kein frischer Hauch entgegenweht und sie nicht das kindliche Latein der frühen christlichen Prosa stammelt.

So las ich eines jener kostbaren Gedichte (deren hingetupfte Schminke mich mehr bezaubert als das rosige Fleisch der Jugend) und tauchte dabei meine Hand in das Fell des reinen Tiers, als ein Leierkasten unter meinem Fenster eine schmachtende und schwermütige Weise spielte. Er ertönte in der weiten Allee von Pappeln, deren Blätter mir selbst im Frühling traurig schienen, seitdem Maria dort ein letztes Mal mit Kerzen vorüberging. Es ist das Instrument der Traurigen, ja, wirklich: das Klavier, es funkelt ja, die Geige öffnet der zerrissenen Seele Räume aus Licht, die Drehorgel aber hat mir im Sonnenuntergang des Abends Träume des Verzagens gebracht. Jetzt, da sie ein Lied recht gewöhnlicher Lustbarkeit säuselt, das eitel Freude im Herzen der Vorstädte weckt, ein antiquiertes, banales Lied: Wie kommt es, daß mich sein Geleier ergreift und zu Tränen rührt wie eine romantische Ballade? Ich kostete es bis zum Nachklang aus, warf aber keinen Sou aus dem Fenster, aus Furcht, mir Unbehagen zu bereiten, sollte ich gewahren, daß es nicht einsam sang, das Instrument.

 

Jun 2 20

Was flötet hier so fein?

Was flötet hier so fein?
Es ist ein Vögelein,
hatʼs Nest im Korridor.

Was zirpt da frei und frank?
Es ist in meinem Schrank
verzückter Grillen Chor.

Was quiekt in Saus und Braus?
Es ist die kleine Maus,
die gern sich bei mir labt.

Was klopft ans Fensterglas?
Ei, die meine Verse las,
die Fee, die ihr vergessen habt.

Was gluckst hier unterm Fuß?
Ach, dunkler Erde Gruß,
der unerlöste Quell.

Fiept noch am End ein Reh?
Ja, dort im hohen Schnee,
und wie es dampft, sein Fell.

 

Jun 1 20

Die Aussicht

Die Ziegel leuchten auf im Abendschimmer,
der Strahl hat sie mit rotem Wein besprengt,
es perlt, wenn er durch grüne Fugen geistert,
als hätt die Mauer eines Gärtners hoher Sinn
errichtet, um am Schattensaum zu schauen,
wie innig sich verschäumt der Sonnentag.
Sieh aber nun das Tor inmitten, die Ranken,
Knospen, Blätter, Kunst hat wie nach alten
Gemälden für sanfte Augen sie geschmiedet.
Es öffnet sich ins grünende Gelände,
das weich wie aufgebauschter Taft, bemalt
mit Wasserfarben blau und gelb, hinabwallt
zum Schilf, dem Bach und Schlummer fächelnd Weiden.
Nun laß die Blicke wandern auf dem Pfad,
der unter weißen Holunderdolden empor
sich schlängelt, schmeichelt, hier ist er verdeckt
von Dornenhecken, dort auf die Höhe langend
sieh, etwas flimmert, Kies, den man gestreut,
dort zweigt er ab zu einem Gräberfeld,
wo gut ein Ruhen ist nach langem Tag.
Grabmale freilich siehst du von hier nicht,
auch nicht das eine mit der weißen Lilie,
nein, auch die Blume siehst du nicht und wie
noch eine träge Hummel surrend schweift,
da rankt ein Widmungsspruch um einen Namen,
fremd ist der Name, rätselhaft der Spruch.

 

Jun 1 20

Das Püppchen

Fliegt es noch auf im Abendschein,
das dichterische Wort?
Hör, wie es flüstert: „Nein, ach nein,
ein Wörtlein sitz ich dort,

verhutzelt, klein und flügellos,
im öden Neonlicht
dem Bettlerkinde auf dem Schoß,
ein Püppchen, das nicht spricht.

Es kämmt mir das ergraute Haar,
und küßt es meinen Mund,
gehn Augen auf so klar,
als wär mein Innerstes nicht wund.

Und wiegt es mich, das sanfte Kind,
entringt sich meiner Brust
ein Ächzen dunkler Lust,
die Lider schließen sich geschwind.“

 

Mai 31 20

Sophokles, König Ödipus, 4. Stasimon, 1186–1222

1. Strophe

Ἰὼ γενεαὶ βροτῶν,
ὡς ὑμᾶς ἴσα καὶ τὸ μη-
δὲν ζώσας ἐναριθμῶ.
Τίς γάρ, τίς ἀνὴρ πλέον
τᾶς εὐδαιμονίας φέρει
ἢ τοσοῦτον ὅσον δοκεῖν
καὶ δόξαντ’ ἀποκλῖναι;
Τὸν σόν τοι παράδειγμ’ ἔχων,
τὸν σὸν δαίμονα, τὸν σόν, ὦ
τλᾶμον Οἰδιπόδα, βροτῶν
οὐδὲν μακαρίζω·

1. Gegenstrophe

ὅστις καθ’ ὑπερβολὰν
τοξεύσας ἐκράτησε τοῦ
πάντ’ εὐδαίμονος ὄλβου,
ὦ Ζεῦ, κατὰ μὲν φθίσας
τὰν γαμψώνυχα παρθένον
χρησμῳδόν, θανάτων δ’ ἐμᾷ
χώρᾳ πύργος ἀνέστας·
ἐξ οὗ καὶ βασιλεὺς καλῇ
ἐμὸς καὶ τὰ μέγιστ’ ἐτι-
μάθης ταῖς μεγάλαισιν ἐν
Θήβαισ[ιν] ἀνάσσων.

2. Strophe

Τανῦν δ’ ἀκούειν τίς ἀθλιώτερος;
τίς ἄταις ἀγρίαις, τίς ἐν πόνοις
ξύνοικος ἀλλαγᾷ βίου;
Ἰὼ κλεινὸν Οἰδίπου κάρα,
ᾧ μέγας λιμὴν
αὑτὸς ἤρκεσεν
παιδὶ καὶ πατρὶ
θαλαμηπόλῳ πεσεῖν,
πῶς ποτε πῶς ποθ’ αἱ πατρῷ-
αί σ’ ἄλοκες φέρειν, τάλας,
σῖγ’ ἐδυνάθησαν ἐς τοσόνδε;

2. Gegenstrophe

Ἐφηῦρέ σ’ ἄκονθ’ ὁ πάνθ’ ὁρῶν χρόνος·
δικάζει τὸν ἄγαμον γάμον πάλαι
τεκνοῦντα καὶ τεκνούμενον.
Ἰώ, Λαίειον <ὦ> τέκνον·
εἴθε σ’ εἴθ’ <ἐγὼ>
μήποτ’ εἰδόμαν·
δύρομαι γὰρ ὥσ-
περ ἰήλεμον χέων
ἐκ στομάτων. Τὸ δ’ ὀρθὸν εἰ-
πεῖν, ἀνέπνευσά τ’ ἐκ σέθεν
καὶ κατεκοίμησα τοὐμὸν ὄμμμα.

 

1. Strophe

Io, Geschlechter der Sterblichen,
wie ich euch gleich dem Nichts
solange ihr atmet sehe an.
Wer denn, welcher Mann birgt
an Lebenssegen mehr
als bloß den eitlen Schein,
und Scheinens voll verlischt er ganz.
An dir hab ich das Musterbild,
an deinem Unheil, deinem, o
Unglücks-Ödipus, von Sterblichem
nichts mag ich glücklich preisen.

1. Gegenstrophe

Der du genau ins Schwarze
treffend dir den Preis,
das volle Glück gewannst,
o Zeus, erlegtest ja
die krummzehige, die Jungfrau,
die Rätselsängerin, bäumtest für mein
Land ein Turm dich wider den Tod,
von daher heißt du König
mir und warst höchster Ehren
wert, in der mächtigen
Thebe ein Herrscher.

2. Strophe

Doch nun, wer kennt einen unseligeren?
Der mit argen Flüchen, der unter Qualen
haust in des Lebens Wirrnis?
Io, ruhmvolles Haupt des Ödipus,
dem ein Hafen groß
derselbe offen schien
dem Sohne und dem Vater
als Bräutigam zu ankern.
Wie nur, wie nur konnten des Vaters
Furchen auch dich tragen, Armer,
schweigend für so lange Zeit?

2. Gegenstrophe

Ins Licht hob wider Willen dich die alles sieht die Zeit.
Sie richtet heillose Hochzeit seit alters,
den Zeuger und Gezeugten.
Io, des Laios armes Kind:
Hätte ich, hätt ich
niemals dich gesehen.
Denn ich seufze
Klage gleichsam gießend
aus dem Mund. Wahr ist aber
auch: Durch dich kam ich zu Atem
und Schlummer trank mein Aug.

 

Mai 31 20

Auf den Toten schwitzt Asphalt

Auf den Toten schwitzt Asphalt,
und die drüber hasten, haben
Blutes nicht, sind Taggespenster.

Kein Mensch ist, dessen Lippen weich
wie weiche Blüten Duft
hauchen hohen Lebens Lob.

Blicke, hart von Nichtgeweintem,
wühlen aus dem Fleisch der Bilder
Egel, Traumgewürm.

Kein Wort ist, dessen zarter Flügel
auf dem Halm der Stille zittert,
keines, das am Blumenmunde saugt.

Langsam ritzt ein Geisterdorn
Wunden in die Stirn der Nacht,
und sie tropfen fahles Licht.

Kein Ohr, dem Dunkel sanft geneigt,
hört fern wie aus versunkenem Wald
eine Nachtigall.

 

Mai 30 20

Fatums blinder Strahl

Tauben zwei im Hinterhof,
Fallen, Flattern, Steigen.
Fatums blinder Strahl,
Keimen, Strotzen, Neigen.

Mücke surrt im Glas,
Schwüle, kein Gewitter.
Ewigkeit schmeckt fad,
Frucht des Leidens bitter.

Hände fragen sich,
was sie tasten wollten.
Fern verklingt der Ton,
der dem Geist gegolten.

Was sich schimmernd spreizt,
Wirbel hatʼs geschliffen,
Chaos singt erregt,
doch nicht gottergriffen.

 

Mai 29 20

Hündchen wetzt heran

Hündchen wetzt heran,
heiß und lieb,
rollt den roten Ball,
Spiel und Trieb,
zwischen deine Füße,
daß es dich begrüße.

Legt sein Köpfchen schief,
Traum und Glut,
auf dein rechtes Knie,
Treu und Blut,
äugt ein dunkler Glanz,
wedelt mit dem Schwanz.

Streichelst du sein Fell,
Bausch und Flausch,
stechen Kletten grell,
Trug und Fug,
zupfst sie aus der Wolle
deinem guten Trolle.

 

Mai 29 20

Sieh, der blaue Krug

Sieh, der blaue Krug,
Rosen, die noch ragen,
sind sie auch voll Zagen,
duften mir genug.

Steht der Krug allein,
sanken sie hernieder,
hoben sich nicht wieder,
sagten mir ihr Nein.

Sieh, der grüne Teich,
und die auf ihm blassen,
Schwäne, so gelassen,
Kargheit fühlt sich reich.

Graut der Teich im Schnee,
stolzer Flügel Spannen
trugen sie von dannen,
rauschten „Gehe, geh!“.

 

Mai 28 20

Wie ein Flöckchen fällt

Wie ein Flöckchen fällt,
glitzernd niederschwebt
auf die dunkle Welt,
sinnt es unentwegt:

„Ist mein Leben sinken,
nichts als Abschied blinken
in der Weltennacht,
leuchte ich doch sacht.
Mag nur zagend fallen,
fall ich ja mit allen
Flocken tief hinab
auf ein weiches Grab.
Mond mit seinen Strahlen
malt mir zarte Schalen
um mein Nichtigsein,
bin ich auch allein,
kann doch alles fühlen,
wenn die Strahlen kühlen.“

Flöckchen fällt dem Reh
auf die warme Nase,
kriegt sie keine Blase,
fühlet selbst kein Weh.

Und es schmilzt dahin,
leuchten war sein Sinn.

 

Mai 28 20

Wunderglanz des Schönen

Einzig Wunderglanz des Schönen
kann uns mit der Welt versöhnen
.

Mondbehauchtes Mosaik,
Laub im Regen, Nacht-Musik.

Laulich wie von Orchideen
Dämmers rosa Düfte wehen.

Totenklage ist versiegt,
wenn den Efeu Zwitschern wiegt.

Lichtes Flaum auf einer Lache,
goldnes Flüstern, Ginster-Sprache.

Silbrig aufgerauschtes Glück,
Weide küßt ein Sonnenblick.

Auge krokusblauen Maares
wimpert aus der Trübnis Klares.

Schatten zwei auf fernem Boot
lösen sich ins Morgenrot.

Ach, wie sie aus Lärm und Härmen
hin zum Schilf der Stille schwärmen,

Schlummer trinken mit dem Schwan,
dösen mit dem Mittagspan.

Sehnen weiß uns kein Verweilen,
muß mit Wolkenschatten eilen

bis zum lila Horizont,
wo sich noch ein Vogel sonnt,

und wenn wir ihn lächelnd fragen,
ob uns sein Gesang möcht tragen

ins gepriesne Zauberland,
wo die Liebe Heimat fand,

hat uns schon ins Blau gehoben,
Blau, mit Fäden Golds durchwoben,

einer Stimme warmer Klang,
der aus unsern Herzen drang.

 

Mai 27 20

Sonnenstrahlen

Wurzelfäden fein,
die ins Dunkel reichen,
zwischen Wurm und Stein,
saugen stumm den Saft,
keines muß erbleichen,
jedem blüht die Kraft,
reiner Bilder Hort,
dichterischeres Wort.

Sonnenstrahlen heiß,
Blüten aufzuwecken
zwischen Löß und Gneis,
Flocken zart gestreut,
jedes grüßt ein Necken,
keines hatʼs bereut,
feuchter Knospen Glanz,
grüner Lieder Kranz.

 

Mai 27 20

Wenn dein Boot versinkt

Wenn Tropfen auf dem Laubdach klingen,
fahl und geisterhaft,
in strenge Falten kühn sich schwingen,
Windes blauer Taft.

Mit Farnen sich der Nacht entrollen,
Mal des Monds verblaßt,
sich fädeln aus den Nebel-Wollen,
bis die Sonne praßt.

Wo Schlaf in trunkne Schilfe gleitet,
gluckste Wasser süß,
hat sich das Segel ausgebreitet,
Mund der Muse blies.

Und weht ein Duft von Traubenküsten,
Lächelns Knospe blinkt,
schon fühlst du Lippen, die dich mißten,
wenn dein Boot versinkt.

 

Mai 26 20

Blütenlos dein Maar ist Schlaf

Wie auf der Amphoren Bauch
Götter ruhn auf goldnen Thronen,
Nike ziert mit Lorbeerkronen,
Mythe: Bild, gebannter Rauch.

Hat geflügelt Pegasus
heiß mit seinen Silberhufen
Sang aus dunklem Quell gerufen,
wie zerrann des Sprühens Kuß.

Dem Gesang ein Blitz zerteilt,
Jüngling, Herz, es war geständig,
ist im Seufzer noch lebendig,
klopft die Wunde, die nicht heilt.

Blick, den blaue Iris warf,
ferner Jugend Bilder blassen,
mußt dem Dämmerlicht sie lassen,
blütenlos dein Maar ist Schlaf.

 

Mai 26 20

Metapoetisch

Wird es uns zu grell,
können Wolken wir verteilen
überm Gras der Zeilen,
und sie wölken schnell.

Graut die Leere trist,
lassen Blumen wir erscheinen,
die statt unsrer weinen,
Helle säumt die Dämmer-Frist.

Macht uns Schmachten bleich,
gießen Tropfen wir hernieder
auf die Knospen lila Lieder,
und sie fallen weich.

Wird es uns zu bunt,
Flocken werden stäuben,
stilles Weiß betäuben,
Traum der Erde Mund.

Schläfert uns der Takt,
engen wir den Rhythmus
am hellenischen Isthmus,
und der Versfuß knackt.

Floh uns Liebe, weil sie fror,
schreiben wir vom Glühen Briefe,
das nach ihren Tränen riefe,
und schon pocht es sacht am Tor.

Stellt ins Abseits uns ein Harm,
lassen wir dem Vers entsteigen
Seufzer-Rinnsal weicher Geigen,
und sein Schimmern ist voll Charme.

 

Mai 25 20

Poete lispelt Schmu hermetisch

Poete lispelt Schmu hermetisch,
sein Blick blakt endzeitschwarz,
doch sein Poem ist bloß ein blinder Zeitungsfetisch,
und sein Schwall dickt Harz.

Als tät er es beschmusen,
umfingert er das Mikrofon,
doch sein Poem erdrückt ein kalter Riesenbusen,
prall gefüllt mit Silikon.

Er will die Muse scheuchen
auf ihren Hintern Klaps um Klaps,
doch sein Poem erstickt in pubertärem Keuchen,
und es riecht nach Schnaps.

Mit Wohlklang-, dumpfen Reim-Faschisten
ging schrill und hetzerisch er ins Gericht,
doch sein Poem hinkt gerade noch ins Puff der Germanisten,
denn sein Versfuß hat die Gicht.

 

Mai 24 20

Wie blau das Wasser ist

Wie blau das Wasser ist,
und wie sie darin patschen,
sich auf die Bäuche klatschen,
wie jeder sich vergißt.

Der blonde Bursche, fett
in weichen Kummers Ringen,
wie würde er gern springen
von dem Fünfmeterbrett.

Wie blau das Wasser ist,
und stumm nur ein Gekräusel
und selten ein Gesäusel
von einer Nymphe trist.

Der Dichter, dürr und blaß,
er weiß, er kann nicht schwimmen,
doch traut er süßen Stimmen,
stürzt blind sich in das Naß.

 

Mai 24 20

Liebe soll dir nicht erkalten

Apfelbaum steht an dem Hange,
einsam reckt er sich zum Strahl,
lauscht er ganz dem Sonnensange,
Blüten, Früchte sind nicht fahl.

Magst du deine Hand bang halten
um der Kerze Flackerschein,
Liebe soll dir nicht erkalten,
wahrst du ihre Flamme rein.

Herbst läßt rotes Laub erschauern,
fällt die Frucht in Gräser sacht,
magst du an dem Herde kauern,
Funken sprühen in der Nacht.

Siehst du blütenlos die Krumen
in den Scherben grauer Zeit,
Abend haucht noch rosa Blumen
auf den Pfad, hat es geschneit.

 

Mai 23 20

Liedes Lust

Krug mit schön
bemalter Brust,
lichtgewölbt
Liedes Lust.

Feuchter Lehm
zart geballt,
geistbetaut
Versgestalt.

Dunkels Sproß
Knospe weiß,
Hymnenduft
Ehrenpreis.

Iris blau,
Liebesblick,
Wiederkehr
Reimes Glück.

Faltertanz,
schwanker Halm,
buntes Glas,
Weihepsalm.

Hinterhof,
Gang geheim,
klatsch und watsch,
Abzählreim.

Mondbetäubt
ich und du,
Kußrefrain,
Amour fou.

Flockenstill
Abendgang,
flaumgedämpft
Wiegensang.

Ausgeseufzt
Dämmer-Ried,
Honiglicht,
Totenlied.

 

Mai 23 20

Bleichen Mondes Asphodelen

Bleichen Mondes Asphodelen
ausgerauschten Wassers Saum,
lilienblasser Schaum,
Nektar unstillbarer Seelen.

Doch wir sahen goldne Strahlen
fluten in das Heimattal,
wecken unsrer Qual
Knospen, blaue aus den fahlen.

Schwarzen Moores Nebelsonnen,
und ein Schluchzen fließt hinab
in das Blumengrab,
herber Lippen düstre Wonnen.

Doch wir hörten über Hügeln
süßer Lüfte Traumgeläut,
fühlten uns erneut,
bebend unter Sangesflügeln.

 

Mai 22 20

Blauer Augen feuchtes Flehen

Dürrer Ähren dumpfes Schmachten,
Gaukeln trunkner Mücken,
blaue Mittagsglut,
und die an den Säumen lachten,
Mohnes lose Blüten
tropfen hin ihr Blut.

Wild umrankt von dunklen Reben
wehmutwarme Strahlen,
Kelch im Abendlicht,
schäumt aus ihm noch Leben
anemonenfarben
auf dein Angesicht.

Blauer Augen feuchtes Flehen,
wie ihr süßes Glänzen
Liebe hat vollbracht,
wirst vielleicht du erst verstehen,
wenn dir eine Träne
funkelt in der Nacht.

 

Mai 22 20

Summe mit, mein Kind

Wenn im Finstern Augen locken,
halt ich dich, mein Kind,
beißen dich die kalten Flocken,
wärm ich dich, mein Kind.

Hörst du es in Ecken knittern,
sei nur nicht verzagt,
mußt nicht vor dem Winzling zittern,
Mäuslein, das dort nagt.

Floß ein jäher Glanz ins Zimmer,
als hättʼs reingeschneit,
schau des Mondes weißen Schimmer,
und der Mond ist weit.

Rauscht es wie in hellen Träumen,
Quellen sind es, Kind,
Lieder, die im Winde schäumen,
summe mit, mein Kind.

 

Mai 21 20

Veilchen, Liebe ist nicht fern

Auch wenn wilde Böen gehen,
Zweig und schwache Ranke bricht,
Birken, dunkler Moose Licht,
wie sie ragen, wie sie stehen.

Dämmerschaum der Schlummermulden,
weiches Vlies der feuchten Gruft,
Moose, Schlaf im Veilchenduft,
wie sie harren, wie sie dulden.

Und die Herzens Eden meinen,
mondne Tropfen, blauer Stern,
Veilchen, Liebe ist nicht fern,
wie sie beben, wie sie weinen.

 

Mai 21 20

Das mürbe Mark der Sprache

Wo auf grüner Lache
Schlaf die Blüte haucht,
ist das Mark der Sprache
mürbe schon, verbraucht.

Schwanken auf den Wellen
Rosen, Schwäne fahl,
ist ihr Fest nur Gellen,
und ihr Wein ist schal.

Wo sich Abgrund heitert,
Indigo der See,
ist ihr Kahn gescheitert,
Nymphe ruft, vergeh.

Wenn aus Veilchen steigen
Seufzer blauer Nacht,
müssen wir verschweigen,
was uns elend macht.

 

Mai 20 20

Rosen, letzte Gluten

Rosen, letzte Gluten
an des Lebens Rand,
streue auf die Fluten,
bis verlischt der Brand.

Laß aus milden Händen
gleiten wie im Schlaf
Blüten, Grabesspenden,
auf das Epitaph.

Lauben, dunkles Wasser,
Schwirren, Flirren, Hauch,
Träume werden blasser,
und die Schmerzen auch.

 

Mai 20 20

Rose gramgeneigt

Rose gramgeneigt,
nun ist sie gegangen,
was gefleht hat, schweigt,
mit den wehen Stunden,
dunklen Seufzern, bangen,
Duft, er ist entschwunden.

Pocht es in der Nacht,
Schweiß auf deinem Kissen,
kaum bist du erwacht,
hörst du heiße Tropfen,
niemand mag dich missen,
an die Scheibe klopfen.

Sinkt das Dämmerlicht
in dem kranken Zimmer
bleich auf dein Gesicht,
flirrt an kahler Mauer
wie ein Wasserschimmer
süßer Jugend Schauer.

 

Mai 19 20

Kommt das Hundchen angelaufen

Kommt das Hundchen angelaufen,
tät noch herzig schnaufen,
springt aufs Kuschelkissen,
schnappt den Leckerbissen.

Sieht verdutzt das Miezekätzchen
hüpfen fort ein Spätzchen,
magst ins Ohr ihm surren,
wird es wieder schnurren.

Fiel der Ball ins Wasser, Bübchen
kommt und weint im Stübchen,
wirst von Nixen sagen,
die ihn plätschernd jagen.

Glänzen auf der Liebsten Wange
Tränen, frag nicht lange,
mußt sie fort ihr küssen,
wird sie nicht vermissen.

 

Mai 19 20

Wenn die Rosen sich entzünden

Tupfen gaukeln goldnes Licht,
schmieg an warmes Moos die Wange,
Seufzen feuchte das Gesicht,
Hauche grüner Wellen, bange.

Durch des Zirpens Nebel blind
taste dich ins Gras der Grillen,
rinne, riesle in den Wind,
wer soll deine Wehmut stillen.

Einer, der aus Flammen liest,
wenn die Rosen sich entzünden,
Blick, der sanft in deinen fließt,
blaue Bucht, in die sie münden.

 

Mai 19 20

Das Gold der Dämmerungen

Wenn das Gold der Dämmerungen
noch im Laube zögernd weilt,
wie auf Wogen, weich geschwungen,
sich des Schaumes Glitzern teilt.

Als wir unterm Kirschbaum lagen,
Tropfen kühlten schon das Gras,
was nur wollte ich dir sagen,
süß ein Wort, das ich vergaß.

Wenn des Nachts ein stilles Schneien
durch die Angst der Wälder weht,
wie ein blaues Benedeien
ein Geläut durch Mauern fleht.

Und wir standen stumm am Grabe,
Hauch der Nacht im Efeukranz,
heller Tränen Opfergabe
war des Dankes schwacher Glanz.

 

Mai 18 20

Weiche Mulden, sanfte Falten

Dem Andenken an Stephan Lochner

Lauben, Brunnen, Mulden
willst du dich ergießen,
heilen Herzens Licht,
Überquell der Hulden,
Hymnentau der Wiesen,
Lilien-Traumgesicht.

Rinnst durch blaue Falten,
die um Lenden wogen,
reiner Gnaden Quell,
Lächelns Heilsgestalten,
um das Kind gebogen
mit dem Apfel hell.

Atmest Gärten Fülle,
wo die Rose leuchtet
unter mondnem Tau,
veilchenweiche Hülle,
flüsternd überfeuchtet
von den Wassern blau.

Golden hat umsiegelt
Knospe großer Stille
das geneigte Haupt,
Lippen sanft entriegelt
süßer Klänge Fülle,
die an Liebe glaubt.

Die uns möchten heben
aus den Dorngefilden,
Augen licht und sacht,
in das schöne Leben,
sprechen Engelsmilden
in die Unheilsnacht.

 

Siehe:
https://www.google.com/search?q=stephan+lochner+Madonna+im+Rosenhag&client=firefox-b-d&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=2ahUKEwjvrJzFtb3pAhVkQEEAHRbRAqEQ_AUoAnoECBUQBA&biw=1120&bih=593#imgrc=ZD5_REImjdjVhM

 

Mai 18 20

Guido Gezelle, Kerkhofblommen

Zoo daar ooit een blomke groeide
over ‘t graf waarin gij ligt,
of het nog zoo schoone bloeide:
zuiver als liet zonnelicht,
blank gelijk een Lelie blank is,
vonklende als een roozenhert,
needrig als de needre rank is
van de winde daar m’ op terdt,
riekend, vol van honing, ende
geren van de bie bezocht,
nog en waar ‘t, voor die U kende,
geen dat U gelijken mocht!

 

Kirchhofsblumen

Mag auch eine Blume prahlen
einmal auf dem Grabe dein,
mag sie noch so wunders strahlen,
reiner als der Sonnenschein,
weiß wie eine Lilie weiß,
wie des Rosenkäfers Gold,
sacht wie einer Ranke Reis
unterm Fuß sich windet hold,
Duft, daß eine Biene fand
Blütenhonig, süße Bürde,
weht, hat einer dich gekannt,
hin, da nichts dir gleichen würde.

 

Mai 17 20

Fernes Leuchten

Wie manche alten Blumenschalen,
ein karger Tau hat sie befeuchtet,
an hingeneigten Blüten, fahlen,
ein Bild uns wecken, das noch leuchtet.

Und wandelst du bemooste Wege,
wo einsam Weidenknospen schwingen,
wird dir ein Herz der Jugend rege,
hörst leise du ein Wasser singen.

Wenn aber herbstlich Fahnen blauen,
von alten Freunden sahst du keinen,
magst du im Dickicht streifend schauen,
ob traumversunken Rosen weinen.

Und sinnst du ferne nach den Flocken,
die vor dem Fenster langsam schweben,
fragst du, wenn dunkle Pulse stocken,
ob unterm Schnee noch Veilchen beben.

 

Mai 17 20

Guido Gezelle, Winterstilte

Een witte spree
ligt overal
gespreid op ‘s werelds akker;
geen mensche en is,
men zeggen zou,
geen levend herte wakker.

Het vogelvolk,
verlegen en
verlaten, in de takken
des perebooms
te piepen hangt,
daar niets en is te pakken!

 

Winterstille

Ein weißes Tuch
ausgebreitet
auf den Weltenacker sacht.
Und keine Menschenseele,
so sagt man wohl,
kein lebend Herz, das wacht.

Das Volk der Vögel,
schüchtern und
verwaist, auf den dicken
Ästen des Birnbaums
schwebtʼs und zwitschert,
es hat ja nichts zu picken!

 

Mai 16 20

In stillem Tale

Klösterlich in stillem Tale
schwebt ein Bauwerk wunderbar,
unbemalte schlichte Schale
für das Blühen kleiner Schar.

Wassers Leuchten in den Gängen,
zarte Muster sinnt der Fuß,
Andachtstunden voll Gesängen,
Himmels trunknem Licht zum Gruß.

Erde schenkt dem leisen Bauen
runde Früchte gelb und rot,
und wenn abends Lüfte grauen,
auf den Tischen Wein und Brot.

Sehnen nicht, nicht Seufzen wühlen
Klüfte zwischen Herz und Herz,
Wünsche sind verweht, die schwülen,
Fratze grellen Traums war Scherz.

Schwerer nicht als Duft und Tränen,
weißer Knospen weicher Charme,
wiegt geweihter Diener Wähnen,
Blüten auf Mariens Arm.

Dumpfer Horden leeres Lärmen,
das sich Wahnbegierden beugt,
fern verging vor süßem Schwärmen,
Herz, von stillem Geist gezeugt.

Blumen-Sterbeduft ist Danken,
Erde aber Toten leicht,
die ins Gras der Liebe sanken,
unterm Gnadenhauch erbleicht.

 

Mai 16 20

Guido Gezelle, Bonte abeelen

Wit als watte, en teenegader
groen, is ‘t bonte abeelgeblader.

Wakker, als een wekkerspel,
wikkelwakkelwaait het snel.

Groen vanboven is ‘t en, zonder
minke, wit als melk, vanonder.

Onstandvastig volgt het, gansch,
‘t onstandvastig windgedans.

Wisselbeurtig, op en neder,
slaat het, als een’ vogelveder.

Wit en grauw, zoo, dóór de lucht,
“bonte-abeelt” de duivenvlucht.

 

Schimmer-Espen

Weißes Bauschen, grünes Flirren
ist der Espen Blätterschwirren.

Rascher als ein Ringelspiel
ringeltʼs auf und kringeltʼs hin.

Grün glänzt oben wundersam,
und von unten schäumt der Rahm.

Immer kreist es, haltlos ganz,
ruheloser Winde Tanz.

Windes Wippe, auf und nieder
flattertʼs, eine Vogelfeder.

Weiß und grau verwehter Charme,
Schimmer-Espe, Taubenschwarm.

 

Mai 15 20

Ein Blütenblatt ruht dein Gesicht

Schon treibst, wie eine Knospe weiß,
du über Schlafes grünen Wogen,
ein Wind von Gluten Mohns noch heiß
hat müde sich am Tau gesogen.

Du bist dem Ufer schon verschollen,
das Grün des Waldes ist verblaßt,
wenn Farne sich ins Dämmern rollen,
hat blauer Kelch den Duft verpraßt.

Ein Blütenblatt ruht dein Gesicht
auf schwankem Abgrund, wo von Flossen,
daß du erzitterst, sprüht noch Licht,
die Milch der Sanftmut ist vergossen.

Nun sind die Träume, zarte Flocken,
geschmolzen unter Mondes Hauch,
und die zu den Atollen locken,
Tritonenklänge schmelzen auch.

 

Mai 15 20

Jahresring

Januar, im Schneelicht laß mich dösen,
Februar, bemalte Masken leih uns Bleichen,
Märzens laue Luft macht Sprödigkeit erweichen,
Mai den Tau von Schattenwimpern lösen,
Juni, Anemonen, mein Sonnenkind, und weiche Veilchen,
Juli, roten Mund dem Liede gib, ein blauend Wasser,
August, ihr Birnen, Pflaumen, wartet noch ein Weilchen,
September, Mond und Rosen schimmern blasser,
Oktober, goldner Trauben feuchtes Schwellen,
November, dunkle Kränze, kleiner Kerzen Flehen,
Dezember, Flocken schmelzend Küsse, Silberschellen,
bis nächstes Jahr, ade, auf Wiedersehen!

 

Mai 14 20

War noch Glanz am Saum

War noch Glanz am Saum
schneeverwehter Straßen,
Odem ging im Raum,
Schweigen ohne Maßen.

Rannen weich vom Blatt
Schimmer, hingeweinte,
wie noch Leben hat
Traumfarn, der versteinte.

War noch Wasser grün,
Knospen, Taues trunken,
öffnete Jasmin,
Schmerz, im Duft versunken.

 

Mai 14 20

Nah und unerreicht

In der kleinen Lache
eines Hinterhofs
fand ich Himmels Sprache,
still erglänzte dort
eine Wolke. Wäre
wahre Stille nicht
über Blauens Sphäre,
nur in vagem Licht
spiegelglatt gebettet,
wie in fremde Feuchte
eigner Blick sich rettet,
jäher Leere Leuchte?
Keiner kann es fassen,
Wolke, Anmut, Nichts,
mußt sie blühen lassen,
Blüte weißen Lichts,
nah und unerreicht,
bis die Sonne weicht.

 



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