Skip to content


Aug 30 20

Blutstropfen

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Zu viele Worte, zu viele Bilder, zu viele Menschen.

Das ferne Rauschen eines Baches in der Nacht, wässriges Gold der Dämmerung in einem schmalen Spiegel, der Schatten eines Flügels auf dem Teich, der schon versinkt – genug, genug.

Wie feiner Sand im Stundenglas, so rieseln Korn um Korn die Worte aus dem Mund.

Keiner weiß, ob die Worte auf fruchtbaren Boden fallen und keimen, weder, der sie sagt, noch der sie vernimmt.

Das fern Geschaute, schwach Erlebte, kaum Gefühlte – ein Fleck, ein kleiner Riß auf einem Blatt, und ringsum ranken sich die Schatten kommentierenden Dickichts.

Der Gekränkte stirbt der Welt in dem Maße ab, wie er über seiner Wunde meditiert.

Das Denken kann sich nicht an einem Einfall, einem Bilde, und seien sie noch so kühn, noch so farbenfroh, sättigen.

Der melancholisch Erstarrte ist weniger als der Käfer, der unterm warmen Anhauch wieder sich regt.

Die lebendige kann die tote Hand nicht mehr erwecken.

Die Blume, die geblüht hat, kann getrost verwelken; doch der unerblühte Mund …

Und versehrt sie nur ein kaum sichtbarer Riß, der Ton der Glocke ist verstimmt.

Unter dem Schwulst des Verses, den die ästhetische Kritik erfolgreich wegoperiert hat, tritt eine nichtssagende Trivialität ans Licht.

Manch eine glänzende Metapher enthüllt sich bei näherem Hinsehen als eitriger Ausschlag auf dem geschwächten Leib der Sprache.

Wenn die zarten Sprossen artikulierter Laute vom Ächzen eines entfesselten Rhythmus verschluckt werden.

Die da an den Wassern Babels seufzen und klagen, können ihr monotones Gurgeln, das klingt wie ein ewiges „Ja, ja, nein, nein“, nicht übertönen.

Der vom Leben freudig Umarmte und der ins Dunkel Verstoßene haben sich nichts zu sagen.

Am Kuß der Muse erstickt.

Ins dämmernde Wasser versenkt der Mond seine toten Lilien.

Die Panik des Triebs, in der sich Molche und Frösche umklammern, um zu laichen.

Die fast tödlichen Züge und Wanderungen der Vögel und Lachse, um eine Zukunft zu retten, die ohne sie stattfinden wird.

Jener, der nachts das Geflecht der Seele wieder auftrennt, das er tags mühsam gewebt hat, um, vergebens, den unerbittlichen Freier Tod zu betrügen.

Gran Partita am Strom der Dämmerung, in dem Leichenteile treiben.

Eros, Wespe, die sich im Haar verfing.

Der Philosoph, der als über ein Sakrileg entsetzt war, ein Klavier im Kirchenraum vorzufinden, konnte doch das Knie nicht beugen.

Ein schartiges Messer, des Vaters Strahl, den der fromme Dichter zu fassen wähnte.

Blutstropfen, was im Dunkel wie Rosen gefunkelt.

Keiner fand noch die Partitur, nach der die zerrissenen Teile der Seele wie die Hörner, Fagotte und Klarinetten einer Mozartischen Serenade harmonisch zusammenklingen.

Was im Dunkel wie ein Nachbild des wirren Sonnentages schimmert, Einsicht, bittere Träne.

Auf dem Kalvarienberg blättert der Philosoph verlegen in seinem Lexikon nach dem hier anwendbaren Lemma.

Welche erhabene Aussicht, ohne Hoffnung auf Auferstehung, das Festmahl der Würmer.

Der Ernüchterte kehrt wie Sisyphos am Morgen zu seinem Felsbrocken zurück.

Des Dichters Lorbeer schmerzt wie eine Dornenkrone.

Zwischen Grauen und Grauen nur die rasch sinkenden Knospen eines unfaßbaren Lichts.

Auf verschlungenen Pfaden, der Käfer sagt es mit seinem grünen Schimmer, der Baum mit wehenden Zweigen, der Schatten des raschen Flügels auf dem Wasser, das laute Wort dessen, der deinen Weg kreuzt, bleibt stumm und weiß nichts von der Heimat, die du meinst.

Das Wasser des Gedichts spiegelt die flüchtigen Wolken, die wehenden Schatten des Lebens und das schöne Antlitz der Liebe, die einmal, o einmal sich darüber beugt; aber wie Tau verrinnt die Zeit und die Erscheinungen weichen zurück, bis nur das blasse Blau des Himmels, die Hortensie sanfter Stille, ihm noch bleibt, und bald schon wird es grau, denn der Abend, Adieu für immer, er ist nah.

Der Übertritt und das Unmaß bleiben nicht ungesühnt, das allzu gierige Feuer verzehrt sich selbst, das böse Grinsen zerfällt in ein schmerzvolles Lächeln, die krakeelende Stimme erstickt in Röcheln.

Das Gedicht ist wie der Stein im Bach, um den das Wasser sich teilt und aufschäumt und rauscht, doch hinter ihm glätten sich die Strudel und es fließt wieder sanft dahin.

Unendlich ist die Fuge des Lebens, Glück, wenn wir uns als eine ihrer zahllosen Stimmen, ob klein oder groß, ob führend oder respondierend, begreifen.

 

Aug 29 20

Neueste Xenien

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Dumm durch Wissenschaft.

Klugheit umgeht den Stein des Anstoßes, Dummheit stolpert, Wahn starrt ihn an.

Was der Neurotiker als tragische Verstrickung erlebt, wirkt auf den Außenstehenden bisweilen komisch.

Die Variationen, nach denen Kinder weiße und schwarze Steine, rote, grüne, blaue Perlen auf eine Schnur reihen, ähneln dem Rhythmus der Dichtung.

Man tut den Insekten Unrecht, wenn man das Gewimmel in ihren Bauten mit demjenigen in den Wohnsilos der Riesenstädte vergleicht.

Die modernen Medien erfüllen ihren Zweck, wenn sie den Verdacht gegen den Menschen bis zum Widerwillen steigern.

Welcher metaphysische Witz, wie Männer und Frauen ihre Körper nach genetischem Bauplan so ausbilden, daß ihre Geschlechtsorgane zusammenpassen.

Die großen Worte wurden durch inflationären Gebrauch zu hohlen Hülsen, unter den geringen und unscheinbaren finden wir noch etliche Körner und schmackhafte Beeren.

In der Welt der Hinkenden gilt der anmutig Schreitende für einen göttlichen Tänzer.

Infolge der Kulturvernichtung mittels organisierter Kulturförderung vergeben geistige Analphabeten die höchsten literarischen Preise an Schreiber, die auf dem Glatzkopf ihrer Sprache modische Locken zu drehen vorgeben.

Die kriminelle Tat wird unter Hinweis auf die schöne, aber traumatisierte Seele des Täters exkulpiert.

Das Opfer der Straftat gilt als eigentlich kriminell, hat es den Täter doch, und sei es durch sein Dasein, seinen Blick, seinen Ausruf, provoziert.

Der Gedanke an Wiedergutmachung, das Gerüst des Rechts, gilt als Relikt archaischer Racheimpulse.

Der moralische Imperativ, nur sich als Gedanke, als Absicht, als Wunsch zu erlauben, was von allen gutgeheißen wird, ist schon Verrat an der Wahrheit des eigenen Lebens.

Der Konsens ist das Ideal des Pöbels mit seinen chaotischen Instinkten.

Dummheit der Philosophen: einen Schleier von Ideen vor die Erfahrung des Lebens zu hängen.

Am hohen Absatz des eleganten Schwätzers klebt der Kot des Gewöhnlichen.

Man kann kein Verjüngungsbad in der schlammigen See des Widersinns nehmen.

Auch den grellsten Blitz verschluckt die Nacht.

Tage später klingt der letzte Schrei im Kunstbetrieb nur noch wie ein Röcheln.

Die Wunde der persönlichen Identität blutet durch den dicksten Verband.

Geisteswissenschaft oder die Scheinblüte des Sekundären.

Betrachten wir die hellenische Linie von Winckelmann und Goethe über Hölderlin bis zu George: Hier bricht sie ab.

Nur der Eigentümer von Grund und Boden, der Besitzer des eigenen Hauses ist autonom: Kann er sich doch aussuchen, mit wem er leibt und lebt.

Mieter dagegen sind Sklaven eines fremden Willens und den Machenschaften von Nachbarn ausgesetzt, die sie sich nicht ausgesucht haben.

Sklavenseelen führen den Kampf gegen das Eigentum. Strategen der Macht sind seine Parasiten.

Die Parklandschaften, die dem feudalen Landadel gehörten, waren gepflegt und eine Augenweide, große Gartenarchitekten und bedeutende Botaniker wurden beauftragt, die Versöhnung von Natur und Kultur zu lebenden Bildern auszugestalten. Die Volksgärten der Demokratien sind von Müll und widrigen Meuten verstopft, Schwaden von eklen Gerüchen benehmen einem den Atem.

Die Idee des Erbes führte die antike Kultur zu ihren ragenden Gipfeln an sublimem Geschmack und künstlerischer Verfeinerung.

Die alte jüdische Schule diente der Pflege des überlieferten väterlichen Erbes.

Um zu kaschieren, daß ihnen nichts einfällt, schmücken sie sich mit großen Namen.

Im dichten Rankenwerk der Zitate raschelt bisweilen eine graue Maus und sucht vergebens nach einem Körnchen, einem Samen.

Die Linie des deutschen Hellenismus brach ab: Kein Gott hat sich verleibt.

Das prophetisch beschworene Gastmahl von Göttern und Menschen endete in einer wüsten Wirtshausschlägerei.

In schlichten Gesten, lächelnd äußert sich die Güte, nicht in moralisch hochgezogenen Brauen angesichts der Schlechtigkeit der Welt.

Besser als große Ankündigungen und Versprechungen sind die leisen Worte, das fast geflüsterte, ja schweigend bekundete Bekenntnis, da zu sein und noch ein Weilchen zu bleiben.

„Ich habe genug“, „Schlummert ein, ihr matten Augen“ – welcher immer wieder durch selige Augenblicke verklärten Lebens unterbrochene, verzögerte, weit ausgeatmete Abschied.

Als wären das Bewußtsein, das Ich, der Geist, der Begriff, die Vernunft eigenständige Wesenheiten – was für eine bizarre Mythologie, die sich selber auf dem Olymp des deutschen Idealismus ansiedelte.

Die unfreisten Köpfe faseln immerfort von der Freiheit.

Dem häßlichen Genie darf man die Beschwörung vollkommener Schönheit zutrauen.

Die Allegorisierung des Begriffs ist griechisches Erbe, Ursprung des Mythos – nicht nur Sonne und Mond, Erde und Meer, Feuer und Wasser galten dem antiken Menschen für mythische Wesen, selbst Schlaf und Traum, Sorge und Lust, Hoffnung und Sehnsucht hatten ihre Epiphanien eigentümlichster Personen; davon zehrt noch der zweite Teil des Faust mit seiner klassischen Walpurgisnacht und ihrem Reigen der Grazien, Parzen und Furien, ihrem Gang zu den Müttern, der Beschwörung der Helena und der mythischen Zeugung des Euphorion.

Noch unsere gewöhnlichsten Redewendungen speisen sich aus mythischem Wurzelwerk; sprechen wir ja von einem, dem der Schreck im Nacken saß, der dem Tod ins Angesicht schaute oder den ein dunkles Ahnen beschlich.

Die Wahrheit des Lebens ist die außermoralische Wahrheit des Leibes; sie ist nicht verborgen, sondern kommt zutage mit jeder Regung, jedem Lächeln, jeder Träne.

Der Zeitgeist ist das Zwie- und Dämmerlicht, in dem die Proportionen verzerrt, Nähe und Ferne vertauscht, Hoch und Niedrig eingeebnet scheinen.

Der Schorf mancher Worte, der Grind mancher Empfindung, der Ausschlag mancher Idee löst sich bisweilen, taucht man sie in die Wellen des homerischen Epos, ins warme Blut des tragischen Bocks oder ins nüchterne Wasser der horazischen Ode.

 

Aug 28 20

Der Liebe letzte Rosen

Was noch aus Dunkels Zweigen spricht,
aus hohen Lebens fernen Flüssen,
sind Abschiedsworte voll Verzicht,
Geseufz von Toten, die uns missen.

Wie Weiden wild am Ufersaum
beugt uns der Schmerz zum Abgrund nieder,
die bittren Blätter rauschen kaum,
nur Tau tropft hin wie Klagelieder.

Wir sahen, wie im Dämmerblau
der Liebe letzte Rosen sanken,
war Wunsch und Hoffen alles grau,
blieb uns der Träne helles Danken.

 

Aug 27 20

Fremder Hauch

Ein fremder Hauch aus dunklem Grund
weht übers Gras der Worte hin.

Wie schmiegt sich Wort um Wort zum Bund,
ein helles Grün, ein dunkler Sinn.

Die Welle kommt, die Welle geht,
wie glänzt das Wort, wie wird es matt.

Die Welle geht, die Welle kommt,
wie Kiesel wird der Wehlaut glatt.

Was Sonne aus dem Staub entfacht,
des hohen Wortes Rose blüht.

Das Dunkel wogt, es strömt die Nacht,
ein schwarzer Mohn ist es verglüht.

Was uns aus Südens Bucht geweht,
war blauer Nachtigallenchor.

Das Lied, das sich mit Sternen dreht,
erlischt im Schilf, versinkt im Moor.

 

Aug 26 20

Überwindung des Nihilismus

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Der Nihilismus ist die letzte Phase des Monotheismus.

Nietzsches Wort ist noch ein Teil dessen, was es negiert.

Daß wir die atonale Musik als letzte Phase der klassisch-romantischen begreifen können, wird schon an den Rissen und Sprüngen in der Biographie ihrer Gründer evident.

Mythos, Religion, Kunst – Versuche der Steigerung und Sublimierung des Lebens. Wenn sie zerfallen, wird das Leben flach, schal, ohne den geheimnisvollen Duft jener exotischen Blumen.

Fällt kein Licht mehr von den Flammen der Tempel, Kultstätten und Altäre in die trübe Wirrsal des Lebens, borniert es sich in einen dumpfen All- und Nichtstag.

Die Feier des Perversen ist das moribunde Stadium des Patriarchats.

Der Siegeszug der Technik und die Digitalisierung der Kommunikation sind die letzte Phase des Cartesianismus.

Vom Glauben an die Vernunft bleibt nur der Wahn der Machbarkeit.

Eine Rose, eine Mücke, einen Tiger oder einen Menschen kann man nicht erfinden.

Die Erfahrung der Lebensstufen und des Alterns läßt sich vom freien Entwurf der Existenz nicht überholen.

Worte haben nicht die Bedeutung, die wir ihnen geben.

Gäbe es keine Rosen, Mücken oder Tiger, wir könnten ihren Begriff nicht erfinden oder konstruieren.

Aus dem Begriff eines Stoffes, der H2O ist, können wir die Bedeutung von Wasser nicht herleiten.

Die Schachtel mit der subjektiven Bedeutung des Wortes, die jeder mit sich herumschleppt, ist bekanntlich leer.

Epochen der Epiphanien des Seins – dies ist der gehaltvollere Begriff als der sich in geschichtlichen Phasen manifestierende Weltgeist Hegels und seiner Derivate im Marxismus oder Spenglerismus.

Die Erfahrung des Nihilismus bei Hugo von Hofmannsthal – wenn die Worte, die großen und die geringen, nach nichts mehr schmecken, auf der Zunge zerfallen.

Heidegger überwand den Nihilismus, der notwendig aus der cartesischen Annahme des nur sich selbst zugänglichen Ego cogito folgt, dadurch, daß er die Strukturen der Bedeutsamkeit freilegte, in die das Dasein fraglos eingebettet ist, Stimmungen, Gesten, Rituale, Sitten, Gepflogenheiten.

Wir finden zu einer tieferen Bedeutsamkeit des Lebens nur zurück, wenn wir die Idee der Singularität des Subjekts aufgeben und durch die Erfahrung des Heiligen ersetzen.

Ein wesentliches Merkmal des Heiligen ist seine Aura, dasjenige, was in unsere Dunkelheit leuchtet, wenn das lumen naturale oder der Funke der Seele schon erloschen ist.

Wie wir die Anmut einer Bewegung oder Geste wahrnehmen, können wir die Aura des Heiligen wahrnehmen, nicht durch Vergleich mit einer Mustervorlage, sondern unmittelbar und intuitiv.

„Die erste Zeile schenken die Götter“ – doch muß der Dichter sich auf die Feinheiten und subtilen Techniken des poetischen Handwerks verstehen, um sie in den Bau des Gedichts als Schlußstein einsetzen zu können.

Der Rezitator, der Sänger, der Musiker, sie müssen ihr Handwerk und ihre Disziplin aufgrund jahrelanger Übung und Praxis vollkommen beherrschen; doch damit die Interpretation gelingt, bedarf es der Gunst der Stunde, der Gnade des Augenblicks, dessen, was die Griechen Kairos nannten, und dies ist ihrer Verfügungsgewalt und künstlerischen Kontrolle entzogen.

Wir nennen, was dem Duft der sich öffnenden Blüte gleich als Glück des Gelingens der Interpretation entströmt, Charisma.

Die Strahlen des Charismas legen sich über den Abgrund der Angst und die Leere des Nihilismus wie eine Brücke, die wir ohne Schwindelgefühl betreten.

Man mag die Handlungen des Menschen auf dem Hintergrund ihrer Absichten und der Fähigkeiten zu ihrer Ausführung für der Willkür unterstellte Bewegungen ansehen; doch an jenen, deren Gelingen auf uns die Wirkung der Anmut oder des Charismas ausübt, gewahren wir ein unwillkürliches Moment, das sich unserer Analyse entzieht und den Begriff der Freiheit und Willkür überholt.

In wesentlichen Momenten unseres Daseins unterliegen wir einem Dritten jenseits von Tun und Leiden, so beim Einschlafen, im Traum, bei der zärtlichen Berührung, der Erinnerung oder dem schöpferischen Prozeß der Kunst.

Zu den Strukturen der ursprünglichen Bedeutsamkeit des Daseins gehören auch, wie Heidegger gezeigt hat, die Stimmungen. Sie haben medialen Charakter, entfalten sich jenseits von absichtsvoller Regung und passiver Duldung, so die heitere Stimmung des morgendlichen Spaziergangs im sommergrünen Park oder die düstere beim Heimgang durch den Wald am Winterabend, wenn es zu regnen beginnt. Stimmungen dieser Art sind nichts Innerseelisches, denn sie umhüllen uns und unsere Begleiter gleichermaßen.

Wir müssen, anders als Homer und die Griechen, die Mächte, die unser Leben „stimmen“ oder mit der Gunst ihres Charismas begaben, nicht als göttliche Wesenheiten betrachten, um ihrer Größe und Verfügungsgewalt gerecht zu werden; dennoch sind sie auch uns ein Jenseits von bloßer Konvention und Fiktion.

Wir können den Verlauf und den Ausgang einer Unterredung, einer Verhandlung, eines Gesprächs, einer Plauderei zu Beginn nicht überschauen und voraussagen; dem einen fällt eine treffende und erhellende Formulierung ein, der andere verstrickt sich in dürres Wortgeranke.

Die hochmütige Aspiration, als selbstbewußtes Ego ein selbstbestimmtes Dasein führen zu wollen, führt uns an den Abgrund der Ohnmacht und der Verzweiflung.

Die autonome Moral des guten Willens, die sich regel- und gesetzförmig in einer widerspenstigen und tauben Welt zur Geltung zu bringen sucht, ist ein Ahnherr des Nihilismus.

Wir singen oder summen eine bekannte schlichte Melodie; wir können in gleichem Sinne sagen, daß wir es sind, die sie im Munde führen, aber auch, daß sie es ist, die uns von Note zu Note, von Takt zu Takt weiterleitet.

Es ist unfruchtbar und trügerisch, dem Gefühl der Sinnlosigkeit des Lebens und dem Nihilismus entfliehen zu wollen, indem man sich einer kulturellen Modeströmung oder einer Exaltation des Zeitgeistes unterwirft.

Betrachten wir die Neurosen und Perversionen im Lichte ihrer scheinhaften Flucht aus dem Dickicht und Wirrsal der vom Nihilismus erregten Angst.

Es ist besser, die Leere auf sich zu nehmen, statt sie mit Illusionen und Chimären zu füllen, besser, in der Entsagung auszuharren, als sich mit noch so schmackhaften Lotosfrüchten abspeisen zu lassen.

Wir finden ein lichteres Feld und freieres Atmen, wenn wir uns vom rationalen und öffentlichen Diskurs einer Sprache abwenden, die sich der Worte als Instrumente, Waffen oder Reizmittel bedient, und jener Sprache zuwenden, in der die Worte gleichsam wie Masken eines Traumspiels erscheinen, das wir zugleich erfunden und nicht erfunden haben, in dem wir zugleich Zuschauer und Mitspieler sind, einer Sprache, in der die Worte gleichsam wie abgefallene Knospen auf einem Fluß treiben, ohne daß wir wüßten, woher und wohin, der Sprache der Dichtung.

Die Erneuerung oder die Ankunft des Denkens in der dichterischen Sprache belehrt uns darüber, daß der argumentative Gebrauch der Worte nicht der allein maßgebende und die kommunikative Vernunft der wohlgenährte Parasit jener Sprache ist, die sich frei von der Absicht, etwas mitzuteilen, wie das nächtliche Rauschen einsamer Fontänen gleichsam selber spricht.

 

Aug 25 20

Die alte Wirrnis

Nicht Tag, nicht Nacht ist noch bewußt,
die alte Wirrnis lauert,
ein Blumenduft, verseufzte Lust,
der Geist der Dämmerung schauert.

Wie Schrift auf Malen, Schattenriß,
des Himmels Zweige wehen,
der Tag des Sinnes ungewiß
muß uns in Traum vergehen.

Die Saat der Sonne war bestellt,
nun wuchern dunkle Triebe,
was Aug in Auge sich erhellt,
in Tränen schwimmt es trübe.

Die Flamme, die zum Himmel sang,
des Danks geweihte Schale,
erlosch bei unserm letzten Gang
zum hohen Abendmahle.

Das Dunkel kommt, das Dunkel sinkt,
die Rosen wollen bleichen,
kein Stern, der aus der Nacht uns blinkt,
wie wir den Rosen gleichen.

Ist einem Kind, wohl tief im Ried
gebettet, an Wassers Rauschen,
vergönnt, dem süßen Lebenslied
der Nachtigall zu lauschen?

 

Aug 25 20

Die Träne grauen Lichts

Ein Wind geht durch die Halme,
wie alles Leben zittert,
wie stürzt das Licht im Tau.
Fängt deine Wimper ihn noch auf?

Der Huf des Pan zertritt die Halme,
wie wird das Leben grau,
der Erde Schoß verwittert.
Erweicht ihn noch dein sanfter Hauch?

O deiner Augen dunkle Wasser,
und was darauf geschwommen,
die Knospe süßen Lichts.
Hat sie mein Blick erschreckt?

O Blumenschlaf auf dunklem Wasser,
und was ihn dir genommen,
die Träne grauen Lichts.
Hat sie mein Blick geweckt?

 

Aug 24 20

Das Lächeln der Toten

Als läge ich in Windes Gras
und ziehen Wolken hoch,
des tristen Monds Gespiele,
ist mir die Zeit vergangen.

Und wie gerauscht das Gras
am kühlen Strom der Nacht,
nur Wind ist, was ich fühle,
bin ich von Traum umfangen.

Als schliefe ich im Uferschilf
und singen Wasser hell,
die schöne Melusine,
ist mir die Zeit zerronnen.

Und was geglänzt im Schilf,
der Toten Lächeln mild,
daß Blume sie mir schiene,
ist mir im Traum zerronnen.

 

Aug 22 20

Fremdeln

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Wenn du den Hausflur putzt, machst du es sorgfältig und mit beherztem Aufwand an Hygiene; läßt du ihn putzen, keimt das Mißtrauen, denn wer im Auftrag putzt, wird es wohl tun, doch so lala, ohne unnötig ins Schwitzen zu kommen.

Gehört, wer für dich putzt, einem fremden Stamm an, steigt das Mißtrauen exponentiell mit dem Grade seiner Fremdheit.

Wer genötigt ist, seine Kinder von dahergelaufenen Fremden beaufsichtigen oder schulisch unterweisen zu lassen, darf sich nicht wundern, wenn sie eines Tages hinter seinem Rücken eine lange Nase drehen.

Erpreßte Dankbarkeit erzeugt Groll.

Die chassidischen Gemeinden wie die in New York oder Ost-Jerusalem leben rassisch und religiös rein nach den Büchern Mose und dem Talmud. Sie hausen daselbst kulturell, rituell und sprachlich aufs Dichteste abgeschlossen von ihrer Umwelt. Denjenigen, der gemäß der neudeutschen Ideologie der Grenzöffnung und Völkervermischung forderte, daß sie ihre kulturellen Mauern niederreißen, um sich dem ungehemmten Zustrom fremder Völker und Kulturträger auszusetzen, könnte man mit Recht einen Antisemiten schelten.

Die römischen Eliten haben sich trotz der Widerstände altkonservativer Kreise wie des Kreises um Cato mehr und mehr der ihnen überlegen scheinenden Kultur der Griechen geöffnet; so haben sie ihre adligen Zöglinge von ehemaligen griechischen Sklaven erziehen lassen. Die großen Schriftsteller der Klassik wie Cicero, Horaz und Vergil waren zweisprachig, jedenfalls lasen sie Homer, Demosthenes, Sappho und Kallimachos im Original. Dennoch ist die altrömische Kultur nicht untergegangen, das beweisen die Fortdauer der alten Staatskulte und der Widerhall der alten Götter im Amalgam mit den neuen, wie des Faunus in Pan, des Bacchus in Dionysos oder der Venus in Aphrodite.

Die Schwäche, Fragilität und Porosität der deutschen Nationalkultur ist tief angelegt; so bereits in der Tatsache, daß die altgermanischen Götter und Kulte nur in Spuren und schwachen Relikten die staatlich verordnete Christianisierung überdauerten.

Bruchlinien im deutschen Nationalcharakter zeigen sich in der Entwicklung einer neulateinischen Dichtung an den süddeutschen Höfen, am Kampf um die Orientierung des Rechts (römisches Recht oder überkommenes germanische Landrecht), an der neuheidnischen an Hellas orientierten Dichtung der Goethe und Hölderlin und schließlich dem neuheidnischen, Walhall beschwörenden Musikdrama Wagners.

Die philologisch und hermeneutisch ausgerichtete Schulung des protestantischen Theologen im Kielwasser Luthers und Melanchthons, die rhetorisch und literarisch ausgerichtet Schulung des katholischen Theologen im Zuge der von den Jesuiten vollzogenen Gegenreformation.

Calderon und das Jesuitendrama, wie es noch in den allegorischen Schauspielen Hugo von Hofmannsthals ein kurzes Nachleben fand.

Die Zerschlagung des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation durch Napoleon und die Folge der kulturellen und militärischen Konfrontation zwischen Berlin und Wien. Die Alternative zwischen kleindeutscher und großdeutscher Reichsgründung und die fatale Entscheidung für die großdeutsche in Folge der Ereignisse ab 1933.

Nur Torheit zieht eine gerade Linie von Preußen zur Naziherrschaft, von Bismarck zu Hitler, hat dieser doch die großdeutsche Lösung durchgesetzt, die Bismarck mit seinem nüchternen Sinn für Proportionen und die Balance der Mächte verhindern wollte.

Wälzt man den großen Felsbrocken um, schaut man in ein Gewimmel von Würmern, ein Geranke von Trieben, ein Geglimmer von Mineralien und Säften; so ist es auch mit den große Begriffen, wenn man sie umdreht, Begriffen wie Subjekt, Liebe oder Sprache.

Die Flachen und die Seichten, die Kindischen und die Weibischen wollen und verstehen nur, was sie mittels Sensation und Marktschreierei aus der Lethargie reißt; so auch in der Kunst.

Der Künstler, der eine moralische und politische Botschaft verkündet, verbirgt sich und anderen seinen Mangel an künstlerischer Substanz.

Sie hasten atemlos zum Quell der Aufmerksamkeit und hoffen sie durch das Brüllen, Stöhnen und Psalmodieren von Reizwörtern und Jargonbegriffen für den Augenblick blitzender Scheinwerfer zu ergattern.

Sie rotten sich unter der Flagge und dem Emblem einer Idee zusammen; aber was ihrer Menge Dichte, Ladung und Spannung verleiht, sind nicht hehre Begriffe wie Gleichheit, Weltoffenheit oder Alles für alle, sondern Selbstgefälligkeit, Dünkel, Hochmut und der solidarische Argwohn gegen jene, die abseits stehen und stoisch lächeln oder kynisch spotten, jene, die fremdeln.

Jene, die fremdeln, gelten als Gefahr, machen sie doch spürbar, daß die Bekenntnisse hohl und die moralischen Vorgaben erpresserisch sind.

Die eigentlich Fremden sind jene, die sich dem Jargon verweigern; schon das Schweigen macht verdächtig, wer aber die falschen Begriffe benutzt, gilt als unheilbarer Träger eines geistigen Virus.

Man erstellt eine Liste von Begriffen, die für obsolet, antiquiert oder gefährlich gelten, Begriffen wie Volk, Nation, Nationalcharakter, Rasse, natürliches Geschlecht, Monogamie, Keuschheit, Treue, Schönheit, Ehre, Vaterlandsliebe, Fraulichkeit, Männlichkeit, weibliche Hingabe, männliche Tapferkeit, Heldentum und tausend andere. Wer mehr als zwei davon gebraucht, gilt als verdächtig, wer mehr als drei, für kriminell, wer mehr als vier, ist schon verurteilt.

Die Richter in Kafkas Prozeß hatten in ihre Unterlagen bei Gericht pornographische Bilder geschmuggelt; die Richter der medialen Aufsichtsbehörde benutzen dreist und schamlos Listen von Begriffen, die für pornographisch gelten und diejenigen, die sie benutzen, vom Diskurs der aufgeklärten Menschheit ausschließen.

Nach dem mosaischen Bericht war „Es werde Licht!“ das erste Schöpfungswort. War der Verfasser der Priesterschrift, gewiß ein gelehrter Mann, skotophob, ja nigrophob und misogyn, da die Erde, die Mutter, noch in Dunkel gehüllt war?

Das Licht des ersten Tages im biblischen Schöpfungsbericht greift verwandelnd das Wort des Neuen Testaments auf: „Ich bin das Licht der Welt.“ Als Lumen Christi fand es sein Spiegelbild in der Liturgie der Osternacht. Ein fratzenhafter Dämon aus dem dunklen Erdteil bläst es aus.

Wir sprechen von hellen Köpfen, lichtvollen Erwägungen, Geistesblitzen, der Morgenröte der Vernunft, dem Seelenfunken, der Mondnacht des Gefühls, dem lichten Horizont des Kommenden – unsere erhabensten und gewöhnlichsten Metaphern zum Ausdruck ethischer und ästhetischer Werte schöpfen von Anbeginn aus der Polarität von Licht und Dunkelheit, Helle und Zwielicht, apollinischer Klarheit und dionysischer Nacht. Wann kommen die Sprachpolizisten und räumen hier auf, wie sie es bei der ebenso ursprünglichen Polarität der natürlichen Geschlechter schon getan haben?

Der neue Sprachenkrieg um die Metaphorik des Lichts und die mit ihr innig verflochtene Idee der Schönheit seit den Tagen des Perikles ist auch ein Ausdruck für den Überlebenskampf oder die Resignation der weißen Rasse angesichts der steigenden Flut der dunklen.

Nicht mehr die Fremdwörter, sondern deutsche Allerweltsbegriffe der inkriminierten Art sind nunmehr die Juden der Sprache.

Schon wer zweifelt, gilt als Judas und Verräter.

Wer das Augenscheinliche nicht leugnet, gilt für blind.

Wer das Fiktive und seltsam Konstruierte empirisch bestätigt, zählt unter die Koryphäen der Wissenschaft.

Die neue deutsche Wissenschaft macht Voraussagen, die in Frage zu stellen oder empirisch falsifizieren zu wollen, als strafwürdiges Unterfangen betrachtet wird.

Sie haben ein kafkaeskes System amtlicher Kulturförderung etabliert, und jene, die das Hohelied auf die Moral ihrer Gönner anstimmen oder ihr zumindest durch Stillschweigen akklamieren, zehren vom Gnadenbrot.

Der Aspirant auf ein Habilitationsstipendium, der Martin Heidegger öffentlich zum Naziverbrecher stempelt, erhält den Zuschlag; jener der über Heidegger forschen will, geht leer aus.

Wer sein Gedicht mit floralen Metaphern ziert und den nüchtern-profanen Sinn mittels Reimen berauscht, wird bald als Holocaustleugner entlarvt.

Wer die Liebe Dantes zu Beatrice für die einzig sublime Schwelle hält, über die man seine Dichtung betritt, gilt für homophob.

Wer in Benns Gedichten nicht den Ausdruck verachteter, gefürchteter und überwältigter Weiblichkeit findet, gilt für frauenfeindlich.

Wer in Hölderlins Diotima eine mythische Gestalt und nicht die Bürgersfrau Susette Gontard erblickt, die eigentliche Schreiberin seiner Gedichte, verliert den Boden im Gender-Diskurs der Pseudo-Forschung. Wohl ihm, ist dieser Boden doch verschmutzt und stinkt vom Unrat der Halbbildung.

Das fremdelnde Kind versteckt sich zurecht hinter dem Rücken der Eltern, wenn ihm unvertraute Gestalten nahen. Wem heute die übergriffigen Fratzen des Zeitgeistes aufs Fell rücken, muß ins Niemandsland einer neuen Unbehaustheit flüchten. Mag er es als sein Kythera fingieren, als seine Insel der namenlos Seligen bedichten.

 

Aug 21 20

Im Abendrot

Wenn wir zum Hort des Abends gehen,
wird unser herbes Sinnen mild,
wenn uns des Dämmers Blätter wehen,
ist es um goldner Stille Bild.

Will schon der Blume Mund verblassen,
bleibt süß ein Duft noch, der uns hüllt,
es will ans müde Herz uns fassen
ein Lied, das wie aus Wunden quillt.

Es ist im Abendrot sanft hingeflossen,
was uns den Sinn so lang genarrt,
das Dunkel hat den Schmerz umgossen
wie Harz, worin ein Käfer starrt.

O suchen wir den Schlaf im Moose
und schweigen wir von Blut und Dorn,
es sinkt das Haupt der edlen Rose,
es redet irr aus blauem Born.

 

Aug 20 20

Seitentriebe

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Wenn du dich in den Finger geschnitten hast, sagst du: „Ich habe Schmerzen“, aber nicht: „Mein Finger hat Schmerzen.“

Hast du jemandem aus Versehen auf den Fuß getreten, bittest du um Verzeihung, auch wenn der Betroffene es im Gedränge kaum verspürt haben sollte.

Der Leichnam wird uns aufgrund einer merkwürdigen Scheu nicht zum leblosen Ding unter Dingen. – Doch ist es eine gänzlich andere Situation, wenn der Pathologe versehentlich auf die Hand einer Leiche, als wenn er seinem Gast versehentlich auf den Fuß tritt.

Gefragt, ob du noch Schmerzen an der Schnittwunde empfindest, stellst du keine wie immer sorgfältigen oder umständlichen Selbstbeobachtungen an, sondern antwortest schlicht mit Ja oder Nein.

Wir sind uns nicht durch Introspektion zugänglich und gewärtig – sondern unmittelbar, ohne Medium, ohne übertragende und übersetzende Instanz.

Wir sind weder uns selbst noch anderen ein Buch mit Sieben Siegeln.

Wir verstehen manchmal das Treiben der anderen nicht, doch nur auf dem Hintergrund vieler Handlungen, deren Sinn wir aufgrund ihrer Absichten und Ziele verstanden haben.

Wir stehen anderen mehr oder weniger nahe, sind mit anderen mehr oder weniger vertraut; aber daß wir mit uns selbst vertraut seien, ist eine wenig glückliche oder sogar irreführende Metapher.

Von jemandem, dem ich einst nahestand, bin ich nun entfremdet, jemandem, der mir fremd war, bin ich nahegekommen. Das kann man von sich selbst nicht sagen.

Eine res cogitans oder ein reines Bewußtsein hat weder Namen noch Adresse und kann keiner Person und ihrer Biographie zugeordnet werden; dies gilt auch für Surrogat- und Scheinbegriffe wie das Selbst, das Subjekt oder das Ich.

Der größenwahnsinnige Patient wird vom untersuchenden Arzt gefragt, ob er Max Müller heiße, worauf er antwortet: „Ich heiße Julius Caesar.“ Ebenso wird etwa der Heiratsschwindler nicht seinen bürgerlichen Namen angeben, sondern vollmundig tönen: „Ich heiße Wilhelm von Beerenfeld.“ So ist leicht zu ersehen, inwiefern wir das „ich“ in der Äußerung oder die Verlautbarung in der ersten Person nicht mit dem Eigennamen des Sprechers gleichsetzen oder erklären können.

Der Demente hat seinen Namen vergessen, aber er kann sagen: „Ich weiß ihn nicht mehr.“

Heißt dies aber, das mit „ich“ Gemeinte sei eine autonome reflexive Instanz, die über allen Äußerungen des Sprechers schwebt? – Ich kann keine Form der Reflexion meines Bewußtseins sein, denn eine solche Form trüge kein Kriterium an sich, woran ich erkennen könnte, daß sie die Form der Reflexion meines und keines anderen Bewußtseins ist.

Die Äußerung „ich“ repräsentiert (darin den logischen Konstanten ähnlich) nichts; der Pfeil auf der Wanderkarte, der den Standort des Betrachters angibt, repräsentiert nicht die Tatsache, daß ich dort stehe, wenn ich dort stehe.

„Ich habe heute früh unseren alten Freund Peter gesehen, er ist also von seinem Italienaufenthalt zurückgekehrt.“ – „Das kann ich bestätigen, ich traf ihn gestern in der Cafeteria der Universität.“ Zu glauben, wir seien aufgrund der Ich-Zentriertheit unserer Erfahrung auf ein subjektives Weltbild eingeschränkt und von den Erfahrungen anderer abgeschnitten, ist ein philosophischer Irrglaube.

Können wir das Vorkommen ich-zentrierten Lebens nicht mit dem Gebrauch des Eigennamens erklären, so ebensowenig mit der sprachlichen Fähigkeit zu Äußerungen in der ersten Person. Denn das Kleinkind hat sie noch nicht, der Sterbende nicht mehr, ohne daß wir ihnen ein ich-zentriertes Leben absprechen würden.

Wenn ich dich auf dem alten Klassenfoto nicht gleich erkenne, zeigst du mit dem Finger auf das Abbild eines jugendlichen Körpers und sagst: „Das bin ich.“

Ich-zentriertes Leben, könnten wir sagen, ist eine Funktion des menschlichen Körpers (nicht des Gehirns allein). Nur ein Mund kann „ich“ sagen, kein reines Bewußtsein.

Wenn wir uns an jemanden erinnern, haben wir etwa sein Gesicht, sein Lächeln, seinen beschwingten Gang vor Augen, aber nicht den Schatten einer Seele, an deren leibliche Erscheinung wir uns nicht mehr erinnern.

Etwas vor Augen haben, das ist keine Erklärung für den Vorgang der Erinnerung, sondern eine Metapher für das, was wir unter Erinnerung verstehen.

Einer küßt das Porträtfoto seiner verstorbenen Frau. – Ist dies eine symbolische Geste? Damit wäre zu wenig gesagt. Ist es eine Ersatzhandlung (im Sinne Freuds)? Damit wäre zuviel gesagt.

Es gibt kein menschliches Tun und Reden, das nicht in die Form einer Äußerung der ersten Person gebracht werden könnte.

„Mir ist heiß, schwindlig, unheimlich, bang; mich friert, mir graut, mir träumte“ – mit solchen Ausdrücken der Betroffenheit von Stimmungen und mentalen Zuständen befinden wir uns gleichsam auf der Schwelle zum ich-zentrierten Leben.

Nur wer seine Absichten, Wünsche, Befürchtungen mitteilen kann, vermag sie auch zu verbergen.

Unsere sublimsten Wertgefühle sind mit unseren elementarsten Leibempfindungen verbunden. Wer grob angerempelt wird, fühlt sich in seiner Würde verletzt, der auf den Fuß Getretene auf den Fuß seiner Integrität getreten.

Die Akzeptanz des Todes entwickelt sich im besten Falle mehr oder weniger harmonisch mit der Erfahrung des körperlichen Verfalls.

Die Götter der Griechen, denen im Gegensatz zu den Menschen ewiges Leben beschieden war, sind meist in guter körperlicher Verfassung, voll Jugendfrische oder in rüstigem Alter.

Aber wurde ihnen ein leichtes Leben rechtens darum zugesprochen, weil es den Schatten des Todes nicht kannte?

Das im Vergleich mit den ungeheuren zeitlichen und räumlichen Dimensionen des Universums kurze, flüchtige, winzige menschliche Dasein könnte einem nichtig und eitel erscheinen. Aber dies ist eine ebensowenig plausible Schlußfolgerung wie jene von seiner erwünschten oder geglaubten ewigen Dauer auf seine Sinnhaftigkeit.

Nichts wird sinnlos an Tätigkeiten und Verrichtungen wie dem Jäten des Gartens, dem Pflücken und Einmachen des reifen Obstes, dem Brotbacken oder dem Geburtstagsständchen, weil sie rückschauend betrachtet nur kurz währten und in manchem Aspekt nicht ganz gelangen oder weil sie vorausblickend betrachtet dem geschwächten Kranken oder dem Sterbenden nicht mehr möglich sein werden.

Seine Vergänglichkeit ist kein Einwand gegen das Leben.

Nur krankhafte Skrupel hemmen den Impuls, Blumen zu schenken, die doch rasch dahinwelken.

Was wir unter Liebe, Sorge und Verantwortung verstehen, erhält Bedeutsamkeit nur in einer Welt, in der dasjenige, was wir lieben, worum wir uns sorgen, wofür wir Verantwortung tragen, Gefahren, Bedrohungen und möglichem Leiden ausgesetzt ist.

Es ist ein Glaube im Sinne religiösen Glaubens, der jene inspiriert oder verführt, die in der Wissenschaft Lebensorientierung suchen und in der wissenschaftlichen Methode den Pfad ins Herz der Dinge sehen.

In der Pathologie des Nervensystems nicht nur die Ursache, sondern auch den Grund zu sehen, aus dem der Erkrankte seine Geliebte erdrosselt oder sein Kind mißhandelt hat, heißt den Begriff von Vergehen und Schuld, von Verbrechen und Strafe aufzulösen.

Wir können nicht dankbar sein, wenn jener, vom dem wir annehmen, daß wir ihm zu Dank verpflichtet sind, nicht anders handeln konnte, als er uns half oder förderte.

Das Theater, das No-Spiel der Japaner, die griechische Tragödie oder die römische Komödie, gibt uns bisweilen ein besseres Muster an die Hand, um das Leben zu begreifen, als die Wissenschaft der Psychologie und Soziologie.

Es ist wahr, die einen ziehen auf der Kirmes des Lebens eine Niete, die anderen schießen den Hauptgewinn ab, aber das macht jene vielleicht nicht weniger glücklich und diese nicht weniger unglücklich.

 

Aug 19 20

Einmal noch

Tropft einmal noch
zur blauen Stunde
dein weiches Du
in meine Wunde,
schließt einmal noch
mit weichem Munde
mein Aug du zu?

Schwebt einmal noch
wie Schwäne sacht
dein helles Lied
durch meine Nacht,
daß einmal noch
Gesanges Macht
an mir geschieht?

Strömt einmal noch
wie Rosenlicht
dein süßes Ja
in mein Gedicht,
als wäre noch
geschehen nicht,
was doch geschah?

 

Aug 18 20

Luftwurzeln

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Worin zeigt sich die Dummheit der Philosophen? – In der Anbetung der Vernunft.

Worin die Dummheit der Wissenschaftler? – In der Vergötzung der erklärenden Methode.

Dasein ist jenseits von Vernunft (und Unvernunft).

Wie die Erde nicht an Fäden hängt und von keiner Schildkröte getragen wird, so schweben auch wir gleichsam im Freien ohne festen Halt und tragenden Grund.

Wir befürchten nicht, daß die Erde plötzlich klafft und uns verschlingt, daß unser Gegenüber sich plötzlich in Luft auflöst.

Wie zweifeln nicht daran, daß wir nicht als Double unseres gestrigen Selbst aufwachen, auch wenn wir die Fäden der Erinnerung nicht vollständig zurückspulen können.

Wir wissen in einem basalen Sinne, daß die Sprechpuppe oder die digitale Stimme der Mailbox nicht meint und nicht versteht, was sie quiekt und quakt.

Wir wissen, daß unser Hund zwar auf seinen Namen hört, doch nicht versteht, daß er einen hat.

Uns überkommt kein Zweifel derart, daß wir an unserem Schreibtisch sitzend in einem unserer Wahrnehmung unzugänglichen Sinne (oder weil der Faden der Erinnerung über Nacht gerissen ist) nicht mehr dieselben sein könnten, die gestern an demselben Schreibtisch saßen.

Wir sind uns sicher, daß die Rosen in der Vase sich nicht in Luft auflösen, wenn keiner sie wahrnimmt; obwohl es keine Möglichkeit gibt, dies empirisch zu prüfen.

Mit Lebewesen, die in einer Welt zu Hause wären, in der sich die Gegenstände (einschließlich ihrer selbst) ohne Vorankündigung und Grund in Nichts auflösen könnten, wären wir nicht in der Lage, uns über basale Angelegenheiten zu verständigen.

Müßten wir befürchten, daß sich die Rosen, die wir unserer Freundin zum Geburtstag schenken, sich kaum in die Vase gesteckt in Luft auflösen könnten, verlören sie in dem Maße an Wert, wie unser Vertrauen darauf, daß sie sich wenigsten einige Tage halten, an Sicherheit einbüßte.

Unser Dasein ruht aufgrund der Annahme einer gewissen Dauer der Dinge in einem wenn auch fragilen Gleichgewicht.

Würde sich die Bedeutung der Begriffe, die wir täglich verwenden, in einem unvorhersehbaren Ausmaße ändern, würden wie bald verstummen.

Das Wort gilt, und wir verlassen uns auf die Zusage. Warum? Weil dies die Bedeutung oder Spielregel für das ist, was wir Zusage oder Versprechen nennen.

Wären alle unsere mentalen Zustände kausale Bilder physischer Zustände unseres Gehirns und unsere Handlungen mit ihnen identische Naturereignisse, wäre das Leben ein Traum. – Und wir hätten nicht einmal die Chance, dahinterzukommen und den Schleier zu lüften.

Wäre unser Gehirn eine Rechenmaschine, wie könnten wir uns verrechnen, wie den Fehler bemerken und revidieren?

„Woher weißt du das?“ – „Ich habe es selbst gesehen.“ Mit solchen Auskünften geben wir uns zumeist und zurecht zufrieden, ohne die Bedeutung dessen, was mit den Begriffen „ich“ und „sehen“ gemeint ist, in Frage zu stellen.

Während einer angeregten Plauderei wägen wir nicht jedes Wort ab und haben nicht für jede Äußerung einen zureichenden Grund in petto. Dennoch würden wir den Verdacht, wonach wir nicht im eigenen Namen sprechen, sondern als Sprachrohr unzugänglicher fremder Mächte, als Ausgeburt einer sinnlosen Skepsis zurückweisen.

Wir können an der Wahrheit mancher Aussagen Cäsars in seinem Bericht an den römischen Senat zweifeln, aber nur, wenn wir die Bedeutung seiner Aussagen, wonach er dies und jenes gesehen, gesagt, getan habe, nicht in Frage stellen, sondern so verstehen, wie wir sie gebrauchen, wenn wir von uns behaupten, wir hätten dies und jenes gesehen, gesagt, getan.

Wahre Erinnerung kann kein Bild dessen sein, woran wir uns erinnern; denn dafür haben wir kein Kriterium.

Warum hat er das getan? – Er wollte es. Dafür, daß er dies eher als etwas anderes oder gar nichts wollte, kann er Gründe angeben; aber nicht dafür, daß er es wollte.

Die Vernunft ist kein Wesen, keine Person, kein Richter, der ihre eigenen Befugnisse legitimieren, ihre eigenen Grenzen ein für alle Mal abstecken könnte. – Wir finden nur Argumente, die mehr oder weniger stichhaltig, einleuchtend, plausibel sind. Aber das Spiel der Argumente wiederum auf einem Argument oder einem letzten Grund, der das ganze Spiel trägt, gründen zu wollen, wie etwa das Haus auf seinem Fundament, mutet widersinnig und töricht an.

Jener scharfsinnige Kopf, der die anthropologische Mannigfaltigkeit der Artung und Gesittung, die bunten Einsprengsel der Begabung und auch das so unterschiedliche Talent zur moralischen Lebensführung der Menschen in einem kalten und ernüchternden Licht vor Augen hatte, glaubte dennoch, dies krumme Holz mit dem scharfen Eisen seiner sittlichen Vernunft glattschaben zu sollen.

Die Wurzeln des menschlichen Daseins gehen nicht in die haltgebende Tiefe eines festen Grunds, sondern sind gleichsam Luftwurzeln.

In dem Maße, wie unser Leben von Konventionen, Ritualen, Regeln und Gebräuchen durchflochten und durchkreuzt ist, können wir es nicht auf objektive Faktoren oder die Einheit einer natürlichen Art zurückführen. Denn alle konventionellen Ordnungen, ob die Mathematik, die verbale Alltagsverständigung oder das sprachliche Kunstwerk, unterliegen Kriterien wie dem Korrekten und Inkorrekten, dem Angemessenen und Unangemessenen, dem Richtigen und Falschen, während natürliche Ordnungen mehr oder weniger deterministischen Gesetzen gehorchen, deren Erfüllung diesseits der Normen menschlichen Ermessens geschieht.

Der Vogel singt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, dasselbe vom Dichter einzufordern, zeugt von wenig Kunstverständnis.

Der Vogel singt nicht eigentlich wie der Sänger, der ein Notenbild vor Augen hat; die Noten liest er ab, indem er sie singend interpretiert, der Vogel interpretiert nichts.

Die Anthropomorphismen und Metaphern, mit denen wir über Tiere reden, bringen sie uns nur scheinbar nahe, in Wahrheit verstellen sie uns die Fremdheit ihres Daseins.

Du oder ich zu sein sind keine Formen des Wissens, sonst könntest du ja wissen, wie es wäre, ich, und ich, wie es wäre, du zu sein.

Es ist merkwürdig und erstaunlich, daß wir mittels bedeutender Dichtung fühlen können, was wir bisher kaum oder nur dunkel gefühlt haben, und mittels großer Malkunst sehen können, was wir bisher so nicht gesehen haben.

Der Atheist wird nicht gläubig aufgrund der Gottesbeweise des Anselm, aber vielleicht durch das Erlebnis einer religiösen Liturgie.

Der Dichter verstummt nicht, weil ihm die Worte ausgehen, sondern weil sie schal werden, ihren Glanz und ihre Frische verlieren wie ein morastig gewordener Teich, weil sie fade schmecken wie ein abgestandener Wein.

Ein anderer verstummt, weil ihm das Salz des Lebens, mit dem er das Brot des dichterischen Worts gewürzt hat, schal geworden ist – jenes Salz oder jene kaum definierbare Würze, die wir schmecken, wenn wir „ich“ sagen und „du“.

Und wieder einer mag die eigene Sprache wiederfinden, nachdem er die allzu scharfen exotischen Gewürze, mit denen er seine exquisiten Gerichte überfeinerte, weggeworfen hat und zu schlichter frugaler Kost, bestreut mit Kräutern des heimischen Gartens, zurückgekehrt ist.

 

Aug 17 20

Über den Begriff der Emotion

 

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Peter befürchtet, daß seine Freundin (wieder einmal) zu spät zu ihrer Verabredung kommen wird.
Ich befürchte, daß meine Freundin (wieder einmal) zu spät zu unserer Verabredung kommen wird.

Die beiden Sätze haben verschiedene Wahrheitsbedingungen. Der deskriptive Satz gilt uns unter folgender Bedingung für wahr: Wir wissen, daß Peter mit seiner Freundin verabredet ist, und beobachten ihn dabei, wie er die Zeit des Wartens damit verbringt, unruhig auf und ab zu gehen, wie er immer wieder auf die Uhr blickt und in die Richtung schaut, aus der sie auftauchen muß; so werden wir leicht zu der Vermutung gelangen, welche Befürchtung Peter umtreibt.

Die Aussage in der ersten Person gilt uns unabhängig von einschlägigen Beobachtungen für wahr, falls wir den Sprecher für einen aufrichtigen Zeitgenossen ansehen.

Das, was Peter oder der Sprecher befürchtet (im Vokabular der klassischen analytischen Philosophie „intentionaler Gehalt“ der Emotion genannt), wird durch den Nebensatz ausgedrückt, nämlich, daß seine Freundin unpünktlich sein wird.

Ist die Emotion ein mentaler Zustand oder ein seelisches Ereignis, das sich im Innern der sie erfahrenden Person abspielt, sodaß wir nur durch ihren Bericht davon in Kenntnis gesetzt werden könnten? Nein, denn wir können die beiden Sätze als gleichwertig betrachten.

Die Annahme, seelische oder mentale Zustände wie Empfindungen, Wahrnehmungen, Emotionen und Erinnerungen seien im Innern der sie erfahrenden Person gleichsam eingekapselt und nur durch Introspektion oder Intuition des Subjekts zugänglich, ist ein konstitutiver Bestandteil des cartesianischen Mythos. Doch der auf seine Freundin wartende Peter wird auf Nachfrage bestätigen, daß er in der Tat fürchte, seine Freundin komme zu spät; um diesen Satz zu bilden, muß er gelernt haben, seine Emotion zu benennen. Die Sprache, mit der er dies ausdrückt, kann er indes nicht, wie Wittgenstein klar erwiesen hat, als private Sprache erlernt haben.

Wir wissen, daß einer Schmerzen hat nicht nur aufgrund der Beobachtung seines Schmerzverhaltens, sondern auch dank seiner Äußerung, daß er Schmerzen habe, falls wir unter normalen Umständen keinen Anlaß haben, an seiner Aufrichtigkeit zu zweifeln.

Wir können Emotionen wie Furcht, Traurigkeit und Ärger bis zu einem gewissen Grad oder auf eine gewisse Dauer verbergen; aber daraus folgt nicht, daß sie von Natur aus private Seelenzustände sind.

Scham können wir kaum verbergen, denn sie drückt sich beispielsweise darin aus, daß der Betroffene rot wird oder verlegen unter sich blickt. Freilich, allein aus der Tatsache, daß einer rot wird, können wir nicht schließen, daß er sich schämt; dazu müssen wir herausfinden, daß er sich aufgrund eines ihn beschämenden Fehltritts schämt oder weil eine Person in der Nähe ist, deren Gegenwart ihn verlegen macht.

All jene Emotionen sowie Stimmungen, zu deren Ausdruck es keiner sprachlichen Fähigkeiten bedarf, wie Angst, Zorn, Ekel, Kummer und Eifersucht sowie Ausgelassenheit, Aggressivität, Freude und Traurigkeit, verbinden uns mit unseren tierischen Verwandten und Ahnen. Sie haben einen körperlich-physiognomischen Ausdruck wie das Erbleichen oder Erröten, Zittern oder Erstarren, Frösteln oder Schwitzen, Naserümpfen oder Stirnrunzeln; sie beziehen sich auf ein Objekt wie die Furcht auf ein gefährliches wildes Tier, der Zorn auf einen Angreifer oder Beleidiger, der Ekel auf ein faules, stinkendes Gewebe, der Kummer auf den Entzug eines Objekts der Begierde und die Eifersucht auf die Bedrohung durch einen Nebenbuhler; zu guter Letzt liefern sie uns Motive oder Gründe, mittels angemessener Reaktionen und Handlungen wie Flucht, Ausweichen oder kluge Eingriffe und Manöver den Anlaß ihres Auftretens abzuschwächen oder zu beseitigen.

Von diesen elementaren Emotionen unterscheiden wir Gefühle und emotionale Einstellungen wie Hoffnung und Besorgnis, Liebe und Haß, Reue und Scham, Ehrgefühl und religiöse Scheu, deren Inhalt wir gewöhnlich nicht als einfaches Objekt aufzeigen und benennen können, sondern in der Form eines abhängigen Aussage-, Kausal- oder Konzessivsatzes erfassen. Die Katze fürchtet sich vor dem Hund, aber Peter fürchtet, daß ihn seine Freundin verlassen wird. Der Hund, der Herrchen die Treppe hinaufsteigen hört, wedelt mit dem Schwanz und freut sich auf ein Leckerli. Aber Hans hofft darauf, daß er das Examen besteht, um danach nach Italien reisen zu können. Die Katze zeigt ihre Zuneigung, wenn sie sich an ihren Mitbewohner anschmiegt und schnurrt. Aber Peter drückt seine Liebe zu seiner Freundin dadurch aus, daß er ihr Blumen schenkt, obwohl sie sich in letzter Zeit von ihm entfernt hat. Die Katze bezeigt ihre Abneigung, wenn sie den Nachbarshund anfaucht. Hans aber haßt seine ehemalige Freundin seit dem Tag, als sie ihn während seines Krankenhausaufenthaltes betrogen hat. Hansens Freundin hat ihren Fehltritt bereut, auch wenn sie keinen Weg zu ihm zurück fand.

Der treue Hund kann nicht befürchten, daß sein altes Herrchen bald stirbt; freilich wird er, wenn er gestorben ist, Zeichen von tiefer Traurigkeit zeigen. Aber die animalische Trauer ist von anderer Art als die Trauer des Angehörigen, der sie auch mittels konventioneller Gesten zum Ausdruck bringen kann (so trug man traditionell eine schwarze Krawatte oder eine schwarze Binde um den Ärmel), auch wenn das Gefühl der Traurigkeit einer inneren Leere oder Gelassenheit gewichen ist.

Die religiöse Scheu vor dem Numinosen hat ihren Ursprung vermutlich in der Scheu vor dem Leichnam; es ist ein charakteristischer Unterschied zwischen Mensch und Tier, daß Tiere ihre toten Verwandten oder Gruppenmitglieder nicht rituell bestatten, während der Totenkult singuläre humane Züge trägt. So gehören zu den wichtigsten Fundstätten der Archäologie nicht zufällig Gräber und Zeugnisse ritueller Bestattung wie Grabbeigaben und Totenspenden.

Antigone nimmt eher die von Kreon verhängte Todesstrafe auf sich, als ihrem Bruder die rituelle Bestattung zu verweigern. Für sie ist die Totenspende eine Form der Liebesbezeugung, die ein älteres ungeschriebenes Gesetz einfordert, das sie höher stellt als die kalte Staatsdoktrin, die den Ritus dem zum Feind erklärten Bruder verwehrt.

Jemandem, der ein großes Gewese um einen Fehltritt in seiner Vergangenheit macht, der sich indes als nichtig oder eingebildet erweist, würden wir nicht das Gefühl echter Reue und aufrichtigen Bedauerns zusprechen; hier handelte es sich vielmehr um eine krankhafte Form von Hypokrisie. Die Sprachabhängigkeit jener Emotionen, die wir im Gegensatz zu den animalischen höherstufig nennen können, wird in diesem Fall in der Tatsache faßbar, daß ihr Inhalt eine propositionale Struktur hat, die der für deskriptive Aussagen maßgeblichen Wahrheitsbedingung unterliegt. Denn nur wenn sich die Reue auf ein tatsächliches Ereignis in der Biographie bezieht, sprechen wir ihr die Eigenschaft zu, echt und aufrichtig zu sein, ansonsten wäre sie geheuchelt und beispielsweise der Ausdruck einer neurotischen Störung.

Scham und Verlegenheit sind ein Ausdruck dafür, einem anderen etwas schuldig geblieben zu sein, ihm die gebührende Achtung versagt oder ein ihm gegebenes Versprechen nicht eingelöst zu haben. Doch jemandem, der bei jeder Gelegenheit rot wird und ständig aus unerfindlichen Gründen verlegen unter sich blickt, würden wir kein echtes Schamgefühl zusprechen, sondern eine neurotische Persönlichkeitsdeformation unterstellen.

Im Falle eines Menschen, der sich von feindlichen Mächten beobachtet und bedroht glaubt und sie sich vom Leibe zu halten rituelle Abwehrzauber und magische Praktiken einsetzt, würden wir nicht vom echten Gefühl religiöser Scheu, sondern von Aberglauben und im schlimmsten Falle von einer religiös verbrämten Form einer paranoiden Psychose sprechen.

Es ist bezeichnend für den Unterschied zwischen Mensch und Tier, daß Tiere keine Emotionen vortäuschen und beispielsweise Furcht, Kummer oder Trauer heucheln können. Der Heiratsschwindler dagegen kann dem hinters Licht geführten Opfer Liebe vorgaukeln, der Neurotiker kann Schuldgefühle für Fehltritte empfinden, die er nicht begangen hat.

Im Gegensatz zu den Tieren spielen Menschen Theater und stülpen sich auf der Bühne Masken eines fremden Gefühls über; denn der Schauspieler kann Gefühlen Ausdruck verleihen, die er nicht hat, und das in einem Maße (dem Maß seiner Kunstfertigkeit), daß die Zuschauer davon mitgerissen werden und der Täuschung so lange sich gerne hingeben, bis der Vorhang fällt.

Wenn wir höflich sind und unser Gegenüber nicht vor den Kopf stoßen wollen, lächeln wir und spielen souverän oder in geübter Routine und Selbstdisziplin den Heiteren und Aufgeräumten, auch wenn wir insgeheim von dunklen Wolken der Schwermut und Trübsal überschattet werden. Hier sprechen wir nicht von Heuchelei, sondern von bewährten Formen des Anstands und höherer Sittlichkeit, falls uns daran gelegen ist, das zarte Gemüt des anderen zu schonen.

Aber ist das wahre Leben nicht auch eine Form des Theaters, bei dem uns das Schicksal Masken des Gefühls überstülpt, die wir so lange tragen oder in einem fatalen Szenenwechsel immer wieder wechseln müssen, bis der Vorhang fällt?

Sich mittels stoischer Abhärtung allen Gefühlsanwandlungen zu entziehen, scheint uns ein allzu heroisches und lebensfeindliches Ideal. Doch das übermäßige Wuchern einzelner Emotionen wie der Furcht oder Eifersucht können wir in glücklichen Fällen mit dem scharfen Messer der Selbstanalyse und Selbstvergewisserung beschneiden oder mit dem paracelsischen Antidot der Stimulierung des Gegengefühls, die Furcht im Hortus conclusus heiterer Geselligkeit, die Eifersucht im Spiegel vertrauter und erhebender Freundschaft neutralisieren.

 

Aug 16 20

Geschlechterwahn

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Wenn wir versehentlich die falsche Bahn nehmen und unseren Termin verpassen, beruht unser Mißgeschick auf einem Irrtum, der irrtümlichen Annahme, jene Bahn sei die richtige, wo es doch die andere war.

Wenn wir einen Fuchs, der in etlicher Entfernung über die Lichtung spurt, für einen Dachs halten oder eine Gans für eine Ente, irren wir uns nicht in der Wahrnehmung, sondern in der Zuordnung des Wahrgenommenen zu einem zoologischen Paradigma oder deskriptiven Muster.

Von einem, der ein Huhn für einen Adler, einen Wurm für einen Drachen ansieht, oder einem, der mit seinem Regenschirm spricht, weil er ihn für ein lebendiges Wesen, sagen wir seine Tante, hält, würden wir nicht sagen, daß er sich irrt.

Doch ist es nicht immer leicht, die Grenze zwischen Irrtum und Wahn oder anderen Formen seltsamer deskriptiver Zuordnungen zu bestimmen. Denn wenn wir in einem Buch lesen, wie ein Zwerg auf eine Schlange trifft und sie für einen Drachen ansieht, wissen wir, daß es sich wohl um ein Märchen handelt.

Wir wären nicht geneigt, in den alten Griechen, die Bäume und Quellen von Dryaden und Wassernymphen behaust und belebt sahen, für Stümper in der Botanik und Geologie oder Kandidaten für psychotische Formen der Wahnwahrnehmung zu vermuten.

Der Mann, der sich für eine Frau hält, ist entweder einer der seltenen Fälle, die an den Folgen einer embryonalen Fehlentwicklung des Gehirns leiden, oder er ist psychotisch.

Freilich können kleine Jungs Mißbrauchsopfer einer sich fortschrittlich dünkenden Pädagogik werden, die ihnen diesen Unfug einredet; aber solche Anflüge verdunsten leicht und haften nicht wie der giftige Stachel des psychotischen Wahns.

Die spontane Wahrnehmung des Körperschemas von Mann und Frau ist eine genetische Disposition; manchmal kann man sich bei der Zuordnung des natürlichen Geschlechts irren, wie aufgrund geschickter Kostümierung im Fasching. Doch trotz massiver Alltagswahrnehmung die natürlich gegebene Bipolarität der Geschlechter zu leugnen und von einer beliebigen Vielzahl nicht natürlich festgelegter Geschlechteridentitäten zu faseln, ja in öffentlichkeitswirksame und pädagogische Verordnungen zu gießen, überschreitet die Grenze des bloßen Irrtums – denn weniger als ein Prozent der Gesamtbevölkerung sind aufgrund einer Chromosomenschädigung des Embryos (DSD = Disorder of Sexual Development) nicht eindeutig einem der beiden natürlichen Geschlechter zuzuordnen, obwohl sie nicht das darstellen, was der Volksmund Zwitter oder Hermaphrodit nennt (denn diese sind wie die Mehrzahl der zwittrig angelegten blühenden Pflanzen oder Würmer sexuell funktionstüchtig, wenn sie Selbstbefruchtung auch zu verhindern wissen; bei den geschädigten menschlichen Individuen aber sind sexuelle Merkmale der beiden Geschlechter nur rudimentär ausgeprägt).

Irrtümer beruhen auf falschen Annahmen, setzen demnach die Möglichkeit wahrer Annahmen voraus, die wir im einfachsten Falle aufgrund der Verifizierung einer Hypothese erhalten. So wenn wir sagen, dieser Stoff sei Wasser, denn diese Annahme kann aufgrund einer chemischen Analyse bestätigt oder widerlegt werden. Doch die Annahme, die Identität einer Person beruhe auf der Präsenz eines unkörperlichen Geistes, ist keine Hypothese, die etwa mittels einer medizinischen Untersuchung abgeklärt werden könnte, sondern die Folge eines begrifflichen Fehlers in der Grammatik der Redeweisen von Person, Körper, Geist und Bewußtsein.

Die Zuordnung der geschlechtlichen Identität einer Person ist in der Regel keine Frage des Wissens und kein Inhalt einer Hypothese, die aufgrund von Forschung und Analyse bestätigt oder wiederlegt wird. Denn wenn wir auf einem amtlichen Formular die Angabe zum Geschlecht machen sollen, schauen wir nicht, gleichsam wie aus einer Ohnmacht erwacht, an unserem Körper herab, um festzustellen, ob wir Mann oder Frau sind. Die Zuordnung der Geschlechtsidentität unserer eigenen sowie aller anderen uns begegnenden Personen erschließen wir im Normalfalle nicht aus umständlichen Beobachtungen. Sie gehört, können wir sagen, wie sehr viele andere formale und kategoriale Formen unseres Weltumganges, zum Vorragt unseres Vor-Wissens.

Aufgrund der Verifizierung durch chemische Analyse können wir sagen, wir wissen, daß es sich bei diesem Stoff um Wasser handelt. Doch bei der angemessenen Form der Anwendung von Begriffen wie Person, Bewußtsein, Ich, Raum, Zeit und Gegenstand, aber auch Körper und Geschlecht handelt es sich nicht um Weisen des Wissens, die zu wahren und falschen Aussagen führen, sondern um formale Begriffe unserer logischen und sprachlichen Grammatik.

Das Gerüst der formalen Begriffe unserer Grammatik ist keine Form und kein Inhalt des Wissens, sondern gleichsam ein Vorrat und Bestand vorbewußter natürlicher Vor-Urteile, die sich wie der Fluß in der Landschaft der Sprache verhalten, die Wittgenstein mythologisch nannte.

Die in die Grammatik und Logik unserer Sprache eingebetteten Begriffe kennzeichnet im Gegensatz zu rein empirischen Begriffen die Eigenschaft, uns nicht allererst aufgrund von Beobachtungen der Außenwelt oder mittels Erinnerungsanalysen zugänglich zu sein und zur Verfügung zu stehen, sondern gleichsam spontan, mühelos, ohne Suchen und Zögern: Wir müssen ins nicht, um festzustellen, daß wir zwei Augen, zwei Hände und zwei Gonaden (oder zwei weibliche Brüste) haben, eigens im Spiegel betrachten, und ebensowenig uns fragen, ob wir als Mann oder Frau angeredet werden, wie wir uns etwa vergebens daran zu erinnern suchen, ob die Augenfarbe einer uns nahe stehenden Person eher grün oder eher blau ist.

Die Aussage: „Die Schüler der Klasse 1b sind vollständig versammelt“ impliziert oder ist bedeutungsgleich mit der Aussage: „Alle Schüler der Klasse 1b, sowohl Jungs als auch Mädchen, sind in der Klasse versammelt.“ Die schlichte Anrede „Meine Damen und Herren“ vor versammeltem Publikum „läßt keinen zurück“ und schließt niemanden aus, denn von den weniger als 1 Prozent der Bevölkerung, die sich aufgrund ihrer chromosomalen Schädigung keinem der beiden natürlichen Geschlechter zuordnen können, ist niemand unter den Anwesenden, denn diese Krankheit hat nicht nur physische, sondern auch einschneidende psychische Folgen, die den Betroffenen von der normalen Alltagskommunikation ausschließen.

Ein großes sprachliches Gewese zur Nobilitierung der homophil Veranlagten, immerhin etwa 4 Prozent der Gesamtbevölkerung, zu machen, erübrigt sich aus dem einfachen Grund, weil Schwule nun einmal Männer sind und Lesben nichts anderes als Frauen, die in die Anrede „Meine Damen und Herren“ vollständig miterfaßt werden.

Zeugt es von mangelnder Kenntnis der deutschen Sprache und ihrer Formenlehre und ist es also ein Zeichen von Dummheit, in der Grammatik der generischen Substantive wie „Lehrer“, „Schüler“, „Politiker“, „Zuschauer“, „Student“, „Dozent“, „Autor“ oder „Minister“, „Bürger“ und „Arbeiter“ nicht die deskriptive Leerstelle und die normative Valenz für die Anwendung auf beide natürliche Geschlechter erkennen zu wollen? Nein, dies sieht nur so aus wie ein freilich schwer verzeihlicher Irrtum im Gebrauch der deutschen Grammatik; hier handelt es sich vielmehr um einen, freilich mit einer gehörigen Portion von Dummheit vermengten Auswuchs dessen, was wir Geschlechterwahn nennen können.

Dieser Wahn scheint uns ein Symptom einer Krankheit zu sein, von der ein Volk heimgesucht wird, das in seinem Überlebenswillen stark geschwächt und dessen Energie, die eigene kulturelle Identität auf kommende Generationen zu übertragen, fast auf den Nullpunkt herabgesunken ist.

Die Leugnung des wesentlichen natürlichen Unterschieds der Geschlechter ist eine Maske, hinter der sich die Bestreitung und Verdrängung der prokreativen Macht verbirgt, die einzig in dieser Bipolarität angelegt ist. Die Bestreitung der Singularität der Fähigkeit, die der Verbindung von Mann und Frau zukommt, nämlich Kinder in die Welt zu setzen, erweist sich demnach als eine Form der Verzweiflung am Zukunftssinn der sozialen Gemeinschaft und an der Legitimität ihrer kulturellen Überlieferung.

Die Leugnung des wesentlichen natürlichen Unterschieds der Geschlechter oder der Geschlechterwahn muß in seiner symptomatologischen Nähe und klinischen Verwandtschaft mit anderen degenerativen Tendenzen betrachtet werden, wie der Verwischung des Unterschieds zwischen normaler und perverser sexueller Orientierung sowie des Unterschieds in der Höhe kultureller Leistungen aufgrund angeborener Talente zwischen den kaukasischen, asiatischen und dunklen Rassen, der Herabwürdigung der Rolle der sich der Pflege des Nachwuchses widmender Mütter oder der systematisch geförderten ethnischen Durchmischung des Herkunftsvolkes.

Nicht weniger evident ist der Zusammenhang des Geschlechterwahns mit dem für Massendemokratien kennzeichnenden Verlust des Wertempfindens und der Einebnung der Grenze zwischen Hoch- und Popkultur, sublimem Geschmack und vulgärem Reizkostüm; so sollen wir das mit Menstruationsblut angereicherte Geschmiere der ordinären Kunstmarktstricherin mit dem gleichen Ausdruck der Bewunderung wie die sublime Transparenz der Farben eines Vermeer goutieren.

Wo keine Rede mehr von Hochkultur sein darf, verblaßt auch der Sinn für die aus der Minne der mittelalterlichen Sänger entsprungene sublime Form der Fernsten-Liebe, wie wir sie von Goethe kennen.

Der absurde Gebrauch des Zwischen-Punktes zur Andeutung der Sinn-Leere, in der die wilden Fratzen beliebig zu definierender Geschlechterrollen ihr Unwesen treiben, überkleckert das Schriftbild mit den Hinterlassenschaften einer geistigen Diarrhö.

Der Narr der Brüderlichkeit, der die Grenze seiner Behausung nicht bewacht, wird von seinem Wahn vielleicht kuriert, wenn er eines Nachts im Schlaf von einer Räuberbande überfallen wird; doch selbst dies bleibt ungewiß, wenn er sich am nächsten Tag grüblerisch in sein Schuldgefühl versenkt und ein Lamento anhebt derart, sein Haus als Eigentum zu beanspruchen sei vielleicht die von den Ahnen überkommene Schuld, die es rechtens abzubüßen gelte.

Der Geschlechterwahn deutet dagegen auf eine grundlegende Unordnung im Verhältnis der Geschlechter und im seelischen Haushalt der Gemeinschaft, der auf keine einfache Therapie hoffen läßt.

Der Geschlechterwahn ist auch ein Symptom für die Schwächung der väterlichen Autorität; denn diese entspringt der Erkenntnis: pater semper incertus, nämlich in ungeordneten geschlechtlichen Verhältnissen. Die väterliche Autorität installiert allererst die Institution der monogamen Ehe und das Gesetz der Erbfolge unter dem Zeichen des zu sichernden und zu tradierenden Eigentums, sei dieses materieller oder kultureller Art; die Institution des Eigentums aber ist die eigentliche Quelle, aus der sich die Hochkulturen des Abendlandes speisten.

Der Geschlechterwahn ist daher sowohl ein Symptom der Anfeindung der durch gesetzliche Autorität garantierten Institution des materiellen und kulturellen Eigentums als auch ein Seitentrieb des Gleichheitswahns, der sich durch den Ruf nach der Ebenbürtigkeit von Hinz und Kunz, des Edlen und Gemeinen, des Begabten und des Kretins zu nobilitieren dünkt.

Die Duden-Redaktion unter der Leitung dümmlicher, vulgärer, ungebildeter Damen, stimmt natürlich das Hohelied auf die gendergerechte Sprache an. Was sie aber in Wahrheit veranstaltet, ist die allmähliche Emanzipation der deutschen Sprache von allen Normen und Maßstäben des gewählten, differenzierten, verfeinerten Ausdrucks; denn die Wortmassen, die ihr zufließen und auf die sie zugreift, entstammen den öffentlichen Kloaken des Zeitgeistes, wie er sich in den Medien absetzt, sammelt und unförmig verhärtet.

Fortschritt: von der Imago Dei und dem Eros des Schönen unter dem griechischen Licht zu den Halbaffen der Evolution, den blinden Genmaschinen der Neurowissenschaft und den polymorph-perversen Lebensschatten unter dem Stern der Apokalypse.

 

Aug 14 20

Zerfallende Gestalten

Die dich leicht gehalten,
edler Formen Sinn,
Blüten über blauem Grund,
sie gleiten, schwinden hin,
zerfallende Gestalten,
vom Kuß des Lichtes wund.

Die du dir erlesen,
schlanker Vase Pracht,
Rosen, Flieder, süße Glut,
erloschen in der Nacht,
und keines kann genesen
an deinem warmen Blut.

Den du dir erkoren,
Sanges weicher Reim,
aufs Laub des Schlafs getropft,
läßt dich eines Nachts allein,
fühlʼs, warst immer schon verloren,
o Herz, das sinnlos klopft.

 

Aug 13 20

Dein leichter Schritt ist schon verhallt

Dein leichter Schritt ist schon verhallt
auf den basaltenen Treppenstufen,
das warme Leben wurde kalt
und dunkel, was ins Licht gerufen.

Verweht ist bald der Wohlgeruch,
der schillernden Worte Schaum und Flocken,
kein Odem bläht des Traumes Tuch,
des Lebens grüner Born liegt trocken.

Die Lilien, deiner Lippen Bild,
sie blassen in der schmalen Vase,
was unser Wort mit Blut gefüllt,
rann hin, Wein aus gestürztem Glase.

Wie eines Sarkophags Relikt
lag unterm Kissen deine Spange,
nicht kehrt die Lerche, ins Licht entrückt,
kurz war ihr Lied, das Leid währt lange.

 

Aug 13 20

Streif ab

Streif sie ab, die feilen Blicke,
die geilen Wimpern schneide kurz,
die dir das lichte Bild beschatten.

Spuck sie aus, die faule Zunge,
den Reisekoffer steck in Brand,
aus dem die toten Worte stinken.

Wirf sie weg, die tausend Bücher,
stich aus, was du gelesen hast,
mit heißer Nadel wie Eiterblasen.

Gehe leichten Schritts ans Ufer,
sieh, was die Welle mit sich trägt,
sind Blätter welker Erinnerungen.

Frag nach Schatten nicht, nach Sonnen,
dich hebt die Knospe deines Bluts,
du fällst in Abgrunds blaue Stille.

 

Aug 12 20

Schwermut im August

Wenn rote Knospen aufgetan
ihr wildes Strahlenkleid,
durchschauert dich der kühlen See
tiefblaue Einsamkeit.

Entquillt ein dunkler Schmerzensduft
dem Blumenschoß der Nacht,
schwebt nieder deines Traumes Blatt
in einen toten Schacht.

Peitscht Schluchzen, Stöhnen und Geschrei
aus jedem Mund August,
sagt dir des Wassers zitternd Bild,
daß stumm du gehen mußt.

Und fällt im Dunkel reife Frucht
in deines Schlafes Gras,
fühlst du der Liebe süßen Biß,
von dem kein Herz genas.

 

Aug 12 20

Und es strömt das Leben

Und es strömt das Leben,
strömet sanft
dir von den Lippen,
strömt mit jedem Hauch,
mit jedem Seufzer,
und dem Tau gewordenen Wort,
dem veilchendunklen Kuß,
von deinem Mund.

Wie von schwarzen Wassern
steigt ein Duft
zum bleichen Mond,
da sein trunkener Strahl
der weißen Blüte,
der scheuen Schwester
bebenden Knospe,
sich herabgeneigt.

Und es strömt das Blut,
strömet sanft
dir aus den Wangen,
des Lebens Wärme fließt
aus deinen hellen Armen,
wehenden Zweigen,
die sich schon ganz vermählt
dem Wind der Dunkelheit,
strömet sanft
mit jedem Atemzug.

Wie von lichten Tropfen
fällt ein Klang
in einer Seele Schacht,
die dort lange, lange schlief,
und als gälten Rufe ihr
von fernen Sonnenauen,
aufwärts blickt
in die dunkelblaue Wölbung
ihrer ewigen Nacht.

 

Aug 11 20

Das alte Grauen

Das alte Grauen quillt und schwillt,
die Lebenswasser stocken,
der Glanz des Schönen ward verhüllt,
uns nähren Aschenflocken.

Was uns der grüne Tag genannt
im Schwung von Blütenkronen,
ist ganz in stummen Fels gebannt,
ins Starren von Dämonen.

Was wir der blauen Nacht geweiht
im Dankesspruch beim Weine,
ist wie die Inschrift zugeschneit
auf morschen Grabes Steine.

Das alte Grauen ist erwacht,
der Fluch der Eumeniden,
Gezücht der Erde und der Nacht,
uns ist kein Heil hienieden.

 

Aug 10 20

Wir gingen lange schweigend

Wir gingen lange schweigend, aus den Schilfen
kam uns des frühen Lebens Schauer an.
Und erste Blicke zuckten unter Grases
Wimpern, tropfend löste sich der Bann.

Wie aus des Flusses aufgeschäumten Wirbeln
ertönte deines Mundes heller Klang,
wie die auf Wellen schwingt, die weiße Knospe,
umhüllte Anmut deinen leichten Gang.

Ich aber zog dich fort von seufzenden Moosen,
dem Tränenglanz auf Dämmers grünem Samt,
bergan in herbe Düfte zwischen Reben,
wo sie der hohe Strahl zu Gold entflammt.

Dort sahen wir durchs Schattenspiel der Ranken
ins Blaue blitzen Stromes Silberband,
wir saßen lange schweigend, bis seine Veilchen
der Mond ins Haar der stillen Erde wand.

 

Aug 9 20

Traumgezwitscher

Schmelz der Schwermut, rosa Glimmer.
Feuchte Ranken windergeben,
bleichem Mond geweihte Tropfen.
Blaues Dämmern wilder Reben.

Traumgezwitscher schwanker Nester.
Die der Erde Schoß entquollen,
Seufzer, scheuer Hauch der Gräser.
Tränen, die ins Dunkel rollen.

Leiser, immer leiser rauschen
Wasser, die das Gold der Sage
zu den Schattenufern bringen.
Lieder, Glück der frühen Tage.

 

Aug 8 20

Ins Dunkel sinkt der Blütenschaum

Und hat der Wind davongetragen
aus deinem Haar den Sonnenflaum,
es bleibet uns nichts mehr zu sagen,
ins Dunkel sinkt der Blütenschaum.

Uns rufen goldene Abendstrahlen,
verlorene Stimmen in den Grund,
sie künden uns vom Quell der Qualen,
der Erde schmerzbetautem Mund.

Wir standen auf den lichten Höhen
und schauten auf des Wassers Glanz,
wir müssen zu den Ufern gehen,
zu flechten Abschieds schönen Kranz.

Wir winden ihn aus grünen Zweigen,
erglühtem Mohn und Veilchen bang,
wir wollen auf den Strom uns neigen
und lauschen: Fern verseufzt der Sang.

 

Aug 7 20

Wie flüchtig ist die Spur des Lebens

Die Inschrift ist schon fast verwittert,
der Efeu, der sie wild umrankt,
er ist noch grün und glänzt von Feuchte,
wenn deine Tränen längst versiegten.

Wie flüchtig ist die Spur des Lebens,
die zarten Risse weichen Schnees,
und hat auch Seufzen sie geschrieben,
sie schmelzen mit dem jungen Strahl.

Das leere Ich ist wie auf Spiegeln
ein blinder Hauch des warmen Munds,
ein Wasser, das im Dunkel rieselt,
und wird es hell, ist alles still.

Ein Lied, von einem Kind, das fiebert,
im Halbschlaf vor sich hin gelallt,
wie eines Vogels leises Schluchzen
verliert es sich im Schilf der Nacht.

 

Aug 6 20

Begriffsspiele

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Die einen Toren sagen, Kunst sei, was man dafür hält, die anderen, das Geschlecht könne man wählen. Oder sind es dieselben?

Die Empfehlung, das bessere Argument gelten zu lassen, ist selbst kein Argument.

Argumentieren ist eine Art Spiel; wir können den Unwilligen nicht zwingen, mitzuspielen.

Das beste Argument schwebt in der Luft, in der freien Luft des Spieles.

Die Statistik oder die größere Anzahl ist kein Argument und bietet keinen objektiven Grund dafür, einen Begriff, einen Maßstab oder eine Handlung zu empfehlen.

So und so viele machen dies, so und so viele machen jenes; daraus läßt sich nichts folgern und daraus folgt nichts.

Etwas in einer bestimmten Beleuchtung zu sehen, heißt nicht, es verzerrt zu sehen, sondern diesen Aspekt deutlicher, jenen Aspekt verschwommener.

Es gibt nicht die einzigartige universale Beleuchtung, in der wir alles richtig, scharf und deutlich sehen.

Auf dem Hügel stehend übersehen wir die Felder, Wiesen, Auen; auf dem Berggipfel stehend sehen wir auf den Hügel herab, auf dem wir kürzlich standen; die Felder, Wiesen und Auen dagegen verblassen in der Ferne.

Ich gehe nicht im Park spazieren, weil ich aufgrund wissenschaftlicher Studien über die gesundheitsförderlichen Aspekte von Spaziergängen mich zu diesem Tun entschieden habe; ich gehe spazieren, weil es mir gefällt, weil ich es will.

Ich entscheide mich nicht dafür, einem Freund die Treue zu halten oder für ein Kind Verantwortung zu übernehmen, weil mir die biologische Theorie erklärt, wie mir aufgrund intimer Nähe gewisse Hormone Bindungsgefühle aufdrängen.

Ich muß meine Überzeugung, Gras sei grün, nicht aufgrund der Tatsache revidieren, daß die physikalische Theorie von farblosen Entitäten handelt.

Aus der Möglichkeit, optischen Täuschungen aufzusitzen oder von einem bösen Dämon hinters Licht geführt zu werden, die Wahrscheinlichkeit zu folgern, daß wir uns in einer visuellen Scheinwelt oder trügerischen Traumwelt aufhalten, ist ein Fehlschluß.

Die Möglichkeit des Falschen ist eine Implikation des Begriffs des Richtigen und Wahren.

Wir können mit Figuren aus Holz oder Elfenbein korrekt nach den Regeln Schach spielen; aber wenn wir die Bauern wegnehmen, spielen wir ein anderes Spiel.

Wir können das Spiel des Begründens spielen; aber dies Spiel können wir in seinem Rahmen nicht wieder begründen.

Das kulturelle Erbe ist ein strukturell anderer Begriff als der biologische des genetischen Erbes.

Das kulturelle Erbe unterliegt anderen Gesetzen als den wissenschaftlichen der genetischen Theorie.

Wesentliche Begriffe enthalten einen biologischen Kern, wie der Begriff der Liebe, der im familiären Umfeld der elterlichen Fürsorge um die Nachkommenschaft entspringt und gedeiht.

In der Tat, wenn wir den biologischen Kern zerstören und den Acker der Familie, auf dem der Begriff gedieh, verwüsten, erlischt allmählich auch seine Anwendung im übertragenen Sinne.

Dennoch ist der Zusammenhang natürlicher oder naturkundlicher Begriffe wie der biologische der Sexualität und der animalischen Brutpflege mit kultürlichen oder werthaltigen Begriffen wie dem Begriff der Liebe alles andere als evident.

Wir sprechen mit guten Gründen von Erbkrankheiten oder vererbten Dispositionen zu Erkrankungen wie Psychosen, doch wenn wir von genetisch bedingten und statistisch auffälligen Abweichungen im Sexualverhalten als Perversionen sprechen, wie es Freud tut, können wir unseren naturkundlichen Studien keinen wertneutralen Begriff von Sexualität unterstellen. Hier vermengt Freud wissenschaftliche Befunde und werthaltige Deutungen.

Ist der genetisch homophil Veranlage pervers, weil er die Bedingung normaler Sexualität, durch Verschmelzung von Samenzelle und Eizelle eine lebensfähige Zygote hervorzubringen, nicht erfüllt? Aber er kann sie qua biologischer Voraussetzung nicht erfüllen.

Der Hinweis auf die Tatsache, daß das Menschengeschlecht unterginge, wäre die statistische Mehrheit der Menschen nicht mit der genetischen Neigung zu heterosexueller Vereinigung ausgestattet, ist allerdings ein Scheinargument, denn sie setzt die Wahrheit des Satzes voraus, die Existenz und Weiterexistenz der Menschheit sei besser als ihre Nichtexistenz und ihr Untergang. Die Eigenart des Wortes „besser“ verhüllt den Wechsel im Begriffsspiel, der hier vonstattenging.

Die biblische Offenbarung ist in dieser Hinsicht eindeutig; ihr gemäß gilt der Satz, es sei besser, der Mensch existiere, als daß er nicht existiere oder untergehe, aus dem guten Grund, daß er dem Wort oder Befehl Gottes entspricht, der sie als Mann und Weib nach seinem Bilde schuf und ihnen befahl, zu wachsen und sich zu vermehren.

Hier wird offenkundig, daß es sich bei der Eigenart des Wortes „besser“ um einen Tatbestand jenseits aller Vernunft und wissenschaftlichen Rationalität handelt.

Nur wenn wir in diesem geoffenbarten oder übervernünftig geglaubten Sinne die Existenz und Weiterexistenz der Menschheit für besser als ihre Nichtexistenz und ihren Untergang ansehen, hat die scheinbar wissenschaftliche Rede Freuds von den sexuellen Abweichungen wie Homosexualität, Fetischismus, Masochismus als Perversionen Bedeutsamkeit und Relevanz.

Mann und Frau als biologische Typen des sexuellen Dimorphismus verkörpern zugleich natürliche Realitäten und seelisch-kulturelle Werte. Wer die natürlich gegebene und kulturell bedeutsame Differenz leugnet, plädiert für eine scheinbar vielfältige, in Wahrheit und im Ergebnis sterile, unfruchtbare und monotone Lebenswelt und nimmt den natürlichen und kulturellen Tod seiner Herkunftsgruppe in den Kauf.

Die natürliche und kulturell bedeutsame Geschlechterdifferenz zu diskreditieren, einzuebnen, zu neutralisieren, zeugt von einem geschwächten, degenerierten Überlebenswillen.

Der Vater ist nicht nur der Erzeuger und Samenspender, sondern derjenige, der die Familie hütet und dem Nachwuchs den lichten Horizont der Zukunft eröffnet. Der Begriff des Patriarchats bezieht seine Bedeutsamkeit aus dieser kulturellen Funktion.

Wir befinden uns in jeweils anderen begrifflichen Kontexten, wenn wir den natürlichen Begriff des Samenspenders und den kulturellen des Vaters verwenden.

Die abendländische Kultur ist von ihren Anfängen bei den Griechen patriarchalisch, wie es sich im Triumph der olympischen Götter über die Götter der Unterwelt widerspiegelt.

Doch umfaßt der Lebenstag Licht und Dunkel, die Ekstase bunten Erblühens und das Grauen der Dämmerung.

Der hebräische Gott ist kein Vatergott, denn er hat nicht gezeugt, im Gegensatz zum christlichen, denn Christus ist der Sohn.

Wenn wir mit Goethe gegen die Anmaßungen der Physikalisten und Naturalisten an der farbigen Welt festhalten, können wir über Farben nicht nur als optische, sondern auch als ästhetische und sittlich wirksame Phänomene sprechen.

Goethes begriff von Natur ist kein naturwissenschaftlicher Begriff.

Wesentliche Antworten gehen notwendigerweise den Fragen voraus.

Wir wechseln die Bühne, Szenerie und Beleuchtung, wenn wir von demjenigen reden, was wir sehen, messen und gewichten, und den Maßstaben, die wir bei unserer Beobachtung, Messung und Gewichtung anlegen.

Den Maßstab, mit dem wir die Länge messen, haben wir axiomatisch festgelegt. Das Urmeter hat selbst keine Länge, sondern zeigt uns, was wir darunter verstehen.

Wir sprechen anders vom farbigen Licht, anders von einem bunten oder monochromen Stil.

Wir können statt Elle und Fuß den präzisen Maßstab des Meters festlegen. Aber wir können nicht alle Maßstäbe zugleich in Frage stellen.

Wir können uns fragen, ob wir uns wirklich vor einem Jahr mit unserem Freund im Park getroffen haben. Aber wir können nicht an unserer eigenen Existenz zweifeln.

Von der eigenen Nichtexistenz zu reden verstrickt uns unmittelbar in Paradoxien.

Die Möglichkeit, im eigenen Namen zu sprechen, oder die semantische Funktion der ersten Person ist die transzendentale Bedingung dafür, an beliebigen Begriffsspielen teilzunehmen, ja neue vorzuschlagen und zu erproben.

Wir bestimmen die Farbe eines Tuchs anhand das Farbmusters, das wir an es anlegen. Wir bedürfen keiner Vorstellung oder Idee, um das richtige Tuch mit der richtigen Farbe aus einem ungeordneten Haufen von Tüchern herauszufinden, wenn wir über das geeignete Farbmuster verfügen.

Wir sagen, das ausgewählte Tuch exemplifiziere die Farbe des Farbmusters.

Zwei verschiedenfarbige Tücher miteinander zu vergleichen ist etwas anderes als ein Tuch mit einem Farbmuster zu vergleichen.

Wir können zwei Dramen des Sophokles miteinander vergleichen, zum Beispiel in Hinsicht auf die dramatische Rolle des Chors; aber es handelt sich um ein anderes Begriffsspiel, wenn wir das Drama „Ödipus Rex“ als Musterdrama akzeptieren, und andere Dramen desselben Autors oder anderer Tragödiendichter an diesem Muster und Maßstab messen.

Wenn wir in der ägyptischen Wüste einen Pergamentfetzen mit einem Gedichtfragment finden, in dessen verstümmelten Zeilen einige Silben in einer Anordnung folgen, die wir den Metren der Sappho zuordnen können, ja darüber hinaus eine für diese Dichterin charakteristische Verwendung von Blumennamen oder die Erwähnung eines Eigennamens einer Person finden, die uns aus dem gesicherten Vorrat der Sappho zugeschriebenen Werke bekannt ist, können wir mit einiger Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, daß es sich um das Fragment einer echten sapphischen Ode handelt.

Alles philologische Detailwissen über Sapphos Werke muß uns als Maßstab dafür dienen, die Wahrscheinlichkeit, daß es sich bei dem unbekannten Fund um ein Fragment eines Sappho-Gedichtes handelt, zu erwägen, zu begründen oder abzuweisen.

Wenn wir Zeilen lesen, die eine fiktive Person in eigenem Namen zu einer anderen Person äußert, die ihrerseits in eigenem Namen darauf antwortet, kurz wenn es sich um einen Dialog handelt, der nicht die Aufzeichnung eines realen Gesprächs darstellt, können wir mit einiger Sicherheit vermuten, daß er einen Auszug eines Dramas und die Vorlage einer Theaterszene darstellt. Wir bestimmen ein solches Kunstding als Drama, weil wir es an das Muster und den Maßstab all der Dramen anlegen, die wir kennen.

Wir können uns irren, beispielsweise, wenn wir feststellen müssen, daß der Dialog eine Passage innerhalb eines beschreibenden und erzählenden Rahmenwerks darstellt, wie wir es in den Homer zugeschriebenen Epen finden.

Wir erkennen das Typische anhand von Mustern, die oft als Kontraste oder Supplemente angeordnet sind, wie die Gestaltschemata von Hund und Katze, Kind und Greis, Blume und Stein, hierzu gehören auch die typischen Körperschemata von Mann und Frau.

Wir erkennen ein Gesicht am abstrakten Gesichtsschema, den Gesichtsausdruck von Freude, Wut oder Ekel an konkreten Ausdrucksmerkmalen.

Der natürliche Geschlechtsdimorphismus von Mann und Frau ist der biologische Kern und das natürliche Muster der ästhetischen Werte von Anmut und Würde.

 

Aug 5 20

Ins Uferlose laß uns gleiten

O laß uns auf des Wassers Weiten,
von einem Schwan der weiße Flaum,
von seinem Lied der goldne Schaum,
ins Uferlose laß uns gleiten.

Laß uns ans Blau des Himmels schmiegen,
im Zwitschern eines Lerchenpaars,
im schwarzen Augenglanz des Maars,
ins Tal der Heimat laß uns fliegen.

O laß uns in der Sappho Hainen,
wo ihre Verse wiegt der Wind,
vom Schmerzensduft des Abends blind,
mit weichen Veilchen laß uns weinen.

 

Aug 4 20

Norm und Perversion

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Wäre wie in der frühen Christenheit Keuschheit und sexuelle Askese das höchste Ideal, könnte der Widersacher keinen moralischen Stich mit dem Argument machen, würden es alle beherzigen, stürbe die Menschheit aus. – Denn daß es die Menschheit geben soll, läßt sich nicht aus der Tatsache ableiten, daß es sie gibt.

Die Existenz einer Sache ist kein Argument, weder für sie noch gegen sie.

Der Biologe definiert Sexualität als Verhalten, das im darwinistisch günstigen Fall zur Vereinigung von männlichen und weiblichen Gonaden, von Samenzellen und Eizellen führt. – Gott aber, so sagt es die biblische Offenbarung, schuf sie nach seinem Bilde, als Mann und Weib erschuf er sie und trug ihnen auf: „Wachset und mehret euch!“

Wenn Sexualität ein natürliches Verlangen darstellt, ist es nicht töricht, sie zum moralischen Ideal zu erheben? – Doch weshalb sollten moralische Gebote ihr Kriterium an der Tatsache finden, daß wir sie nur widerstrebend erfüllen?

Wer wie Sigmund Freud zu wissen glaubt, daß gewisse natürliche Verhaltensneigungen, wie die sexuelle Anziehung zwischen Mann und Frau, zugleich eine Norm begründen, muß die davon abweichenden Neigungen wie Homosexualität, Sadismus, Masochismus oder Fetischismus folgerichtig als Perversionen betrachten.

Und Freud tut genau dies; doch kann er Perversionen nicht als Naturwissenschaftler diagnostizieren: Der seriöse Biologe kann ja nur statistische Aussagen treffen, nämlich, daß die Mehrheit der Mitglieder der menschlichen Spezies heterosexuelle Neigungen aufweist und eine Minderheit davon abweichende. Freud kann von abweichenden Neigungen als Perversionen nur als Psychiater reden, dem ein gewisses Ideal seelischer Gesundheit und Krankheit vorschwebt.

Ist aber seelische Krankheit nicht ein Symptom körperlicher Krankheit, wie die Psychose ein Symptom degenerativer Veränderungen des Gehirns?

Von einem Dementen erwarten wir nicht, daß er ein gegebenes Versprechen hält. Wir betrachten ihn in dieser Hinsicht nicht (mehr) als moralische Person. – Der Mörder, der seine Tat unter dem Einfluß eines psychotischen Verfolgungswahns begangen hat, wird strafrechtlich nicht belangt.

Der Unterschied von Mensch und Tier läßt sich auch so fassen, daß wir Tiere nicht als moralische Personen gelten lassen, die ein Versprechen einlösen oder brechen, einen Mord begehen oder verhüten, sich für eine Untat schämen oder sie wiedergutmachen oder sie mit fadenscheinigen Gründen bemänteln.

Mord ist kein natürliches Vorkommnis, moralische Personen sind keine natürlichen Personen.

Das Tier unterscheidet sich vom Menschen darin, daß es weder Verbrechen begehen noch geisteskrank werden kann.

Der Ehebrecher scheint aus dem Schneider zu sein, wenn seine Frau ihm den Seitensprung nicht verargt oder ihn mit gleicher Münze heimzahlt; der Straftatbestand des versuchten Mordes bleibt bestehen, auch wenn der Betroffene in christlicher Demut dem Schurken die Tat verzeiht.

Der Unterschied von Mensch und Tier läßt sich auch so fassen, daß wir Tiere nicht als natürliche Personen gelten lassen, deren seltsames Gebaren und Verhalten wir als Folge einer seelischen oder geistigen Erkrankung erklären.

Der vereinsamte alte Mann wird unwirsch, herrisch, aggressiv; das Verhalten des Schoßhündchens, das zu knurren beginnt und bissig wird, werden wir nicht als Symptom einer Neurose erklären.

Wie Nietzsche markig zu behaupten, alle unsere moralischen Begriffe würden hinfällig, wenn man den Gott des mosaischen Gesetzes vom Thron stößt, ist ähnlich begrifflich konfus und töricht, wie zu sagen, eigentlich lebten wir in einer farblosen und gestaltlosen Welt, denn die Weise, wie wir die Welt sehen, nämlich farbig und perspektivisch, sei nur die Folge unserer zufälligen subjektiven Beschaffenheit.

Die Röte der Rose ist genauso ein echter Bestandteil unserer Welt wie ihr Duft und ihre Schönheit oder die Tatsache, daß sie jemanden als Geschenk eines Freundes erfreut.

Wir können sagen, daß diese Rose rot ist, ohne uns über ihr Sein an sich zu betrügen, denn dieses ist eine Chimäre.

Nichts verpflichtet uns, irgendwelche Theorien der Naturwissenschaft, ob der Physik oder der Evolutionsbiologie, als unabdingbare Muster unseres Alltagsverständnisses zu übernehmen.

Ich gehe nicht als Mitglied der Spezies Homo sapiens spazieren, sondern als der Mensch dieses Namens mit dieser Biographie.

Wir können sagen, daß uns diese Tat für einen Mord gilt, ohne uns darum zu scheren, daß sie im Tierreich, dem Stamm X oder unter Robotern keinen Gegenbegriff hat.

Freud ist insofern begrifflich konfus, als er naturkundliche oder statistische Begriffe wie abweichendes Verhalten mit normativen Begriffen wie Perversion und Geisteskrankheit vermengt.

Wir legen eine Tonskala, ob tonal oder atonal, zugrunde und betrachten sie als Muster, das eine gegebene Komposition erfüllt oder nicht erfüllt.

Wir sagen, dieses Gedicht sieht so aus wie ein Sonett, ist aber keines, weil es das Muster, zwischen den Quartetten und Terzetten eine gedankliche und metaphorische Linie einzuziehen, nicht erfüllt.

Wir lassen es als Entschuldigung gelten, wenn unser Freund die Tatsache, grußlos an uns vorübergegangen zu sein, mit einer momentanen geistigen Abwesenheit erklärt; nicht aber, wenn der Schreiber des scheinbaren Sonetts uns den Pfusch mit seiner momentanen Zerstreuung zu erklären trachtet.

Es gibt keinen Begriff von Kunst ohne normative Implikationen; wenn wir darunter auch bloß eine Menge von Mustern verstehen und kein universal gültiges Ideal.

Wir erheben die Natur unserer Sexualität, verstanden als natürliches Verlangen nach Zeugung und Nachkommenschaft, zur Norm, wenn wir (etwa im Sinne Platons) Fruchtbarkeit als kulturelles Kriterium ansetzen und kulturell höherstufiges Verhalten kulturell unfruchtbarem, destruktivem und selbstzerstörerischem gegenüberstellen.

Wer ist dieses Wir, das die Natur zum normativen Muster erhebt? Nun, eine Elite, ein Volk, eine Kulturnation wie die Griechen, die Römer, die Franken.

Die Einsicht, daß Norm und Perversion begrifflich unauflöslich verflochten sind, ist so grausam und herrlich wie die Einsicht in die Todumfangenheit des Lebens.

Die Reduktion von fruchtbarer Sexualität oder produktivem Tun auf rein selbstbezügliche Erotik oder dem, was Kierkegaard die ästhetische Existenzform nennt, wäre in diesem Sinne eine Grundform von Perversion.

Wie wir die Dinge nicht ohne Farbe, Gestalt und Perspektive wahrnehmen können, so keine moralisch relevante Handlung und kein Kunstwerk, ohne sie an Wertmaßstäben und Mustern zu messen und zu gewichten.

Wir können uns im eigentlichen Sinn im Traum nicht verrechnen, denn auch die scheinbar angewandten Rechenregeln sind Bestandteil des Traums; geträumte oder bloß vorgestellte Regeln und Muster aber sind gar keine Regeln und Muster.

Der denkwürdige Vergleich der Hervorbringung des Kunstwerks mit dem sexuellen Akt, Zeugung und Schwangerschaft: das notwendige Dunkel, die Ungewißheit, die Nacht der Tragezeit; die Qualen der Geburt; die Freude über das Werk, wenn es das Licht der Welt erblickt, es sei denn, es war eine Eintagsfliege, eine Fehlgeburt oder eine Mißgeburt.

Daß einer mit einem Kunstwerk schwanger geht, läßt sich füglich nur vom Manne sagen.

Die kulturellen Relativisten sind ähnlich begrifflich konfus und bedeutungsblind wie die amoralischen Naturalisten. Die Naturalisten sagen, Farben und Werte seien Illusionen, die eigentliche Welt der physikalischen Dinge sei farblos und jenseits aller visuellen (und anderer ästhetischer) und moralischer Qualitäten. Die kulturellen Relativisten sagen, ästhetische und moralische Werte seien subjektive Zutaten zu dem Kuchen unseres Hier- und Soseins, der an sich nach nichts und daher jedem anders schmecke.

Kein Begriff von Fehler ohne Muster korrekten Verhaltens, kein Begriff von Perversion ohne normative Muster. Wenn wir den Begriff des Fehlers oder die Möglichkeit, Fehler und Fehlschlüsse zu machen, streichen, wird alles Rechnen, Argumentieren, Urteilen sinnlos. Wenn wir den Begriff der Perversion oder die Möglichkeit, moralische Fehler und Untaten zu begehen, streichen, wird alles Handeln, Rechtfertigen, Bewerten sinnlos.

Sokrates nahm an, gedankliche und moralische Fehler beruhten auf Geistesschwäche, der Unfähigkeit zur Einsicht in ein universal gültiges oder ideales Muster; doch bedürfen wir keiner allgemeinen Idee des Guten, um spontane Gewißheit darüber zu erlangen, daß unser Tun von Übel ist. Darüber hinaus ist sein Irrtum umso bedenklicher, als er den Hang zur Perversion oder der Herabwürdigung normativer Muster, ob ästhetischer oder moralischer Provenienz, als mentale Schwäche verkennt; er erweist sich indes als eine dämonische Macht, welche die biblische Offenbarung mit dem Bild von der Ursünde erhellt.

Dies scheint das Eigentümliche an der dämonischen Macht der Perversion, ob sexueller, ästhetischer oder moralischer Natur: Sie bezieht ein Großteil ihrer Energien und Antriebe gleichsam aus der Polemik oder dem Krieg gegen die normativen Muster des Feindes (der Mutter, des Vaters, der Familie, kurz des Patriarchats, der Schönheit, der liebenden Sorge, des Anstands). Ihre Exzesse der Obszönität, der Verhäßlichung und Degradierung werden von den medialen Voyeuren gierig aufgesogen und als Sprach- und Bilderbrei unter allgemeinem Applaus wieder erbrochen.

 

Aug 4 20

Letzter Strahl

Mögen Tropfen süßen Lichtes
auf dein Haupt herniederzittern,
schließt sich auch der Sonnengarten
hinter blauen Schattengittern.

Mag das Zwielicht grüner Wellen
noch dein Angesicht umfließen,
wenn die Blüten auf den Teichen
ihre hellen Fächer schließen.

Mögen Seufzer deine Lippen
noch mit mildem Glanz befeuchten,
wenn der Veilchen blaue Augen,
weil sie weinen, weicher leuchten.

Wankt der letzte Strahl voll Bangen,
Lichtes letzte Fäden fliegen,
wollen Hand in Hand wir harren,
Herz an Herz im Dunkel liegen.

 

Aug 3 20

Geh mit mir hinab

Geh mit mir hinab die Dämmerpfade,
immer fernen Wassers Glitzern nach,
Blattes Rieseln immer nur im Ohre,
wird der krumme Weg auch nicht mehr grade.

Ist mir nur dein leiser Sang Geleite,
schimmert mir dein Auge noch im Dunkel,
brennt mich zärtlicher die Dankesträne,
ahn ich zwischen Schatten Sternenweite.

Betten wir uns abseits unterm Moose,
wenn die Nacht mit ihrem Eulenflügel
über unsre bange Stirne streift,
weißer Mond, neig dich, o letzte Rose.

Herz an Herz verrinnt des Blutes Klage,
und kein kühler Tau, der uns erweckt,
wenn im Tal die Morgenglocken tönen
und im Fluß wogt Gold von alter Sage.

 

Aug 2 20

Erloschen

Des hohen Geistes Sonne ist erloschen,
was noch in dieses Tales Dämmer schwelt,
ist Fäulnis morscher Hölzer, morscher Seelen,
lepröser Schorf, der an den Worten klebt.

Die Flamme, die sich Hochsinn weiterreichte
von Kelch zu Kelch, mit goldnem Laub umkränzt,
des kalten Aberwitzes trunkner Unhold
hat in der Jauchegrube sie erstickt.

In diesem Tale hängt der Kranz der Jahre
an einem rostigen Nagel, und wechselt nicht
der ausgedörrten Sprache Blatt die Farbe,
blutlose Zunge röchelt in toter Luft.

Und neigt sich nieder Mondes Grabesblume,
ist es, als glömmen manchmal Tränen auf
an nächtlichen Grases scheu erzitterter Wimper,
was aber rinnt, ist unfruchtbarer Tau.

 

Jul 31 20

Das tote Wort

Wie eine Mücke starr liegt auf dem Blatt,
scheint tot das Wort, das golden-grün gefunkelt,
und wär ein Hauch, der jene krabbeln macht,
ist keiner, der das tote Wort erweckte.

Und ist der trockne Kiesel blaß und matt,
ein frisches Lebenswasser läßt ihn schillern,
einmal verblichnes Wort, so schwer es wog,
schenkt keines Gottes Atem Glanz und Farbe.

Mit seinen morschen Adern ohne Blut
flammt herbstlich auf das Laub im Abendstrahle,
der Mund, der seinen Abschiedsgruß gelallt,
ein welkes Blatt schwimmt er auf Lethes Wellen.

Die späte Traube, bereift von Winternacht,
glüht purpurn Freunden in den schönen Schalen,
das wie vergessne Frucht vom Baume fiel,
das süße Lied fault unter stummen Schatten.

 

Jul 31 20

Wir tasten fühllos

Die Kruste auf der Haut des Sinns
vermag kein Öl, kein Spruch zu lösen,
den Star in trüber Augen Grund,
kein Dorn des Lichtes will ihn stechen.

Wir tasten fühllos volle Frucht.
Die uns an Wimpern glänzten, Tränen,
sie schluckte Staub, den unwirsch wir
und eilig uns vom Fuße streifen.

Auf glattem Teint der Schönen sieht
der hohe Geist lepröse Flecken,
in eines klugen Schwätzers Hirn
Gewürm den Nerv der Liebe nagen.

Und was wie graue Traube starrt
in einem Weinberg ohne Erben,
erblaut nicht unterm Tau der Nacht.
Wo sind die Schauer, die uns weckten?

Uns singt kein Quell der Katharsis
für ungeweihten Lebens Schwären,
und keines Heilands Mund hat Hauch,
worin die toten Aschen stäubten.

 

Jul 30 20

In uns die Ströme

Wie sich in uns die Ströme erben, Ströme
fremder Quellen, von Traumgestrüpp verhüllt,
die unter fremden Sonnen glänzten, Knospen
mit sich reißend, Muscheln, Wappen, Kronen,
und führten Schlamm, Gebein und Totenkränze,
des hellen Tages gurgelnd Wahngeschlinge,
und hat der Wind sich müd gestöhnt im Schilf,
trank Gold an ihren Ufern Abend still,
die Silberflosse tunkte ein der Mond.
Wir wissen nicht, ob sie in Blütenbuchten,
ob durch Morast sie, Täler grünen Schlafs
ins Meer gemündet, versickert sind im Karst.
Und was die Wellen sangen, Sagen schäumte
der Ruderschlag vergangner Völker, Schrei
und Fluch der Opfer, deren Blut sie färbten,
in unseren Adern ist es noch nicht ganz
verstummt. Denn manchmal dringt in unsres Traumes
Fenster ein Duft versunkner Gärten, die einst
an ihren Wassern grünten, geisterhaftes
Zwitschern eines Vogels, dessen Nest
in ihrem Rohr geschwebt, und manchmal stockt
der Atem uns, und neigt der Mund der Rose
sich des Munds, wenn jählings unter uns
der alten Ströme morsche Ufer brechen.

 

Jul 29 20

Gespenster der Stadt

Gespenster gehen durch die Einkaufsstraßen,
in prallen Taschen tragen sie den Tod,
ihr Bildnis zittert in den Fensterscheiben,
doch auf dem erznen Schild des Engels nicht.

Ihr Träumen reißt, ein fahles Zwielicht-Flackern,
in kalte Zahlenströme das Gesicht,
in ihres Lächelns papierner Jahrmarktblüte
schwirrt sich die blaue Abort-Mücke müd.

Und was sie reden, rinnt wie schwere Tropfen
von Blatt zu Blatt herab auf stummes Moos,
und wenn sie lieben, welkt an ihren Seufzern
von Kuß zu Kuß der Glanz von stillen Rosen.

Der Überdruß verklebt die starren Wimpern,
vertaner Blicke unfruchtbares Licht,
ins Wüste zucken ihre Gesten, Quallen,
die irren Muskels Krampf ins Grauen peitscht.

 

Jul 28 20

Aristide Maillol

Dir rankten weicher Linien des Lebens
um tauend runde Frucht der Weiblichkeit,
wenn um getunkten Fuß die Woge lächelt,
sich Locken knoten um den Wirbel Luft,
gespreizte Finger Hauches Säume heben,
das Fleisch sich bäumt zum Schauer-Kuß hinan,
und niederquillt das Haar in grünen Schaum.
Die Nacktheit ward dir Gipfelglanz und Schatten-
schlucht, worin ein Quell zum Monde singt,
die Flechten lösten Nymphen deinem Mund.
Die süßen Duftes in den Garten stieg
aus tiefem Mythenblau des Altertumes,
und Blumenseufzer fälteln ihr Gewand,
Wind-Lippen, die hellen Schlafes Wasser necken,
hielt dir, die Göttin, Samen hin und Früchte.
Du hast den runden Bronzeklang des Lichts
aus schluchzendem Geschling des Sonnenmeeres
mit lauschenden Fingern in den Leib gebannt.
Du bogst des Hauptes schwere Schmerzensknospe
nieder auf den stummen Schoß, die Nacht.

 

Siehe:
https://de.wikipedia.org/wiki/Aristide_Maillol#/media/Datei:Aristide_Maillol_(1861%E2%80%931944)_Bildhauer_Maler_Grafiker._Bronze._Friedhof_am_H%C3%B6rnli,_Basel._(3).jpg

 

Jul 27 20

Mein Lied für dich

Daß mein Lied, aus fernen Quellen Hauch,
deiner Schläfe Pochen kosend kühle,
wie vertraute Hand des Schattens Strähne
zögernd aus der Stirn dir streife.

Daß es glitzernd wie ein Tropfen falle
in des Traumes grüne Wasserschale,
eine kaum gefühlte Träne langsam
über deine Wange niederrinne.

Daß von Edens aufgetanen Knospen
es den Duft in dunkle Zimmer trage,
Schimmer einer goldbetauten Traube,
die an blauen Wassers Hang geglüht.

Daß mein Lied wie Sichelmondes Schneise
eines wirren Dickichts Dunkel öffne,
weiche Moose auf den bangen Pfad
deiner Heimkehr zu den Veilchen breite.

 

Jul 27 20

Grünen Lebens Ranken

Wenn noch grünen Lebens Ranken
an den Wänden beben,
sehen wir zu frohem Danken
Flügel niederschweben.

Wenn im Regen sie erglänzen,
schwere Tropfen triefen,
werden Wehmut bald begrenzen
Himmels blaue Tiefen.

Sind im Herbst sie Flammenmale,
flackern am Gemäuer,
heben wir des Herzens Schale
in das Opferfeuer.

Hat ein Reif sie übertrauert
mit des Grabes Linnen,
Sonne hat ihn weggeschauert,
milde Tränen rinnen.

 

Jul 26 20

Der Kuß des Abendrots

Wir stiegen auf grünen Lichtes weichen Matten
aus Schluchten langer Qual und banger Nacht,
die weißen Blüten sagten uns, das Rieseln
klarer Wasser, was die scheue Lippe barg.
Und was uns bienenhell im Gras gesummt,
war ausgeschwirrt aus goldenen Traumes Waben.
Uns sandten aus dem Schneegeviert der Höhe
Rosen einer fremden Sonne fremden Duft,
der um den Dorn des Abschieds Flaum gewebt.
Wir hielten inne an dem Wegekreuz,
wo das Geröll ins Blütenlose starrte,
und saß ein Vogel auf dem Schmerzgebälk,
der sang, wie letzten Grußes liebes Winken
flog in die Laube der Dämmerung er heim.
Wie Falter, bunter Tanz im scherzenden Wind,
die ein Alpenwasser lieblich spiegelt,
wurden eins wir mit dem Geist des Bergs,
der blaue Himmelslust aus Wolken trinkt.
Wir fühlten Odem, hohen Schöpfers Mund,
der aus der Tiefe ruft die Lebensquellen.
Uns sog der sanfte Kuß des Abendrots
in süß verworrner Worte Rankenspiele.

 

Jul 25 20

Alles sagt Lebwohl

Alles sagt Lebwohl im Abendlicht,
was nahe sich mit Knospenaugen schließt,
das Wehen rätselhaft aus Efeublättern,
was fern aus Quellen traumwärts rinnt, das Rauschen,
vom Dunst des Schmerzenslichts beschlagne Fenster,
die keine zarte Hand dir wieder öffnet.
Doch lächelnd nur im Blütenschaum der Mond,
der seinen müden Stab ins Wasser tunkt,
und er versinkt, ein Seufzer welker Rosen,
und Tropfen weinend milder Dankbarkeit
der alten Erde Wimpern, feuchtes Gras.
Dir nimmt das Zögern vor der letzten Biege
Gestirn, das durch verworrnes Laubwerk stürzt,
und hebst auf den Altan der Nacht das Herz,
wo sich des Abgrunds Flammenadern zeigen,
das Delta eines Stroms aus Eden, der sich
ins grenzenlose Meer ergießt, ein blaues
Wogen sternenübersäter Sänge,
die noch lange an der Mauer schäumen,
basaltner Stein des Schlafs, von Moos begrünt.

 

Jul 25 20

Feierlicher Stille Wasser

Wunder sind des hohen Lichtes Tropfen,
die mit Wohlklang auf die Blätter fallen,
Efeu an der grauen Friedhofsmauer,
und werden auf dem Ahnengrabe Glanz.
Trost ist uns der weißen Wolken Spiegel,
feierlicher Stille Wasser, und der Geist,
der uns aus mild geneigten Zweigen weht.
Wie leise geht das Leben mit den Schatten
in den Abend, es pflückt ein Lebewohl
auf Hügeln, die schon dämmern, Veilchen, Lilien,
Anemonen, wie hüllt, ein blaues Tuch,
die Nacht, gesäumt mit Heimwehblicken, ein.
Wir schauen nicht zurück in jene Buchten
voller Schwermutblau, nach vorne nicht,
in jenen Abgrund, an dem des letzten Abschieds
letzte Blume schwebt, wir stehen schweigend
Hand in Hand vor Mondes großer Blüte,
die sich duftlos auf die Erde neigt.

 

Jul 24 20

Ich schwirre um dein Aug

Ich schwirre um dein Aug wie die Libelle
über einem grünen Teich, entronnen
allem fernen Ziel, und zitternd doch,
ob mich der feuchte Glanz noch lange hält,
denn dunkel schwebt wie banges Schilf die Wimper,
und heimatlos macht mich das Blütenblatt
des Lids, das sanft sich unterm blassen Monde
schließt. Ich taumle, eine trunkne Biene,
um deines Blumenmundes warmen Hauch
und sauge Lust aus jedem klaren Tropfen,
den wie an Doldenspitzen dein süßes Wort
mir in der Sonne perlt, wie graut mir aber
vor der Dämmerstunde, wenn das bittre
Harz der Wehmut quälend langsam quillt.
Ich niste, ein herabgefallener Käfer,
im Wirbel deiner Locke, in weiches Dunkel
eingehüllt, und funkle manchmal wie Achat
und Carneol von Zwielicht überschwemmt,
wenn unter Lauben du des Abends wandelst,
doch graut mir vor dem Sturm, der kommt,
schon geht ein Beben durch die Angst der Zweige,
schon sickert fahler Glanz aus müden Knospen,
die ihre Tränenschalen auf den Teichen drehn,
Sturm, der deines Haares zarte Büschel
grausam schüttelt, Sturm, der mich mit Blitzen
eines harten Kamms aus dem Asyl
der Träume fegt, dorthin, ins Unbehauste,
dorthin, ins Niemandsland der stummen Schatten.

 

Jul 23 20

Der Garten der Kultur

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Scheinbegriffe wie „Gegenstand“, „Objekt“, „Ding“, „Seiendes“ sind deshalb mit äußerster Vorsicht und semantischem Fingerspitzengefühl zu behandeln, weil sie vorgeben zu sein und zu können, was sie nicht sind und nicht vermögen: Begriffe, die etwas über die Welt der Tatsachen sagen; stattdessen sind sie ziemlich versteckte Hinweise, nämlich auf die Art, die Struktur und die grammatische Form derjenigen Sätze, in denen wir über Äpfel, Bäume, Gärten, Peter oder Pierre und Deutschland oder Frankreich sprechen.

Wenn wir von Äpfeln als von Gegenständen oder Dingen sprechen, meinen wir damit, daß sie in eine semantisch-grammatische Leerstelle eines Satzes passen, in dem andere Leerstellen oder Funktionen mit Ausdrücken wie „reif“ oder „unreif“, „süß“ oder „sauer“, „von diesem Jahr“ oder „vom Vorjahr“ ausgefüllt werden können. Der Satz aus dem metaphysischen Jargon „Es gibt Äpfel“ ist daher entweder sinnlos oder bedeutet, daß wir mit dem Ausdruck „Äpfel“ Sätze der genannten Art und Struktur bilden können.

Wenn wir von Menschen reden, meinen wir damit, daß wir Sätze wie „Peter ist Hansens Freund“ oder „Claudia ist mit Peter verheiratet“ bilden können. „Mensch“ ist die semantisch-grammatische Leerstelle oder Funktion eines Satzes, die durch einen Eigennamen ausgefüllt und erfüllt werden kann. Der Satz aus dem metaphysischen Jargon „Es gibt Menschen“ ist daher entweder sinnlos oder bedeutet, daß wir den Ausdruck durch Eigennamen und ihnen sinnvoll zukommende oder nicht zukommende Relationen ersetzen können, wenn wir zum Beispiel von Helga fälschlicherweise behaupten, sie sei mit Peter verheiratet.

Wenn wir scheinbar metaphysische Sätze über Gegenstände als kryptische Hinweise und Fingerzeige auf die logische Form und die semantisch-grammatische Struktur unserer Ausdrucksweise durchschauen, müssen wir uns im nächsten Schritt davor hüten, diese fürderhand einfache logische Form als elementare Basis und Fundament mißzuverstehen, worauf wir alle sprachlichen Ausdrücke für unsere komplexere Wahrnehmung und verwickeltere Erfahrung aufbauen könnten, indem wir etwa Sätze bilden wie: „Die Äpfel in der Schale schmecken sauer und der Baum, an dem sie wuchsen, gehört Peter.“ Denn daß die Äpfel ein Eigentum von Peter darstellen, weil der Garten, in dem der Apfelbaum steht, sein rechtmäßig erlangtes väterliches Erbe darstellt, ist nicht in demselben Sinne eine Erfahrungstatsache wie die Tatsache, daß sie sauer schmecken.

Eigentum ist wie alle sittlichen Begriffe (sittlich im Sinne Goethes) keine höherstufige Form von Begriffen, die wir verwenden, um unsere Sinneseindrücke wie süß und sauer zu bezeichnen; was wir vom Eigentum und anderen Formen sittlicher Existenz aussagen, kann aus Sätzen über unsere Sinneseindrücke und Wahrnehmungen nicht mittels Komplexion und Synthese aufgebaut und ermittelt werden.

Wir bemerken diesen Unterschied unmittelbar am semantischen Unterschied der von Peter geäußerten Sätze: „Der Apfel schmeckt mir sauer“ und „Der Garten gehört mir“; denn den ersten Satz könnte auch Hans, Pierre oder Claudia äußern, nicht aber den zweiten.

Wir kennzeichnen diesen Unterschied auch in der Weise, daß wir sagen, ob der Apfel süß oder sauer schmeckt, ist eine Frage der (sensorischen) Wahrnehmung, nicht aber, wessen Eigentum der Garten ist, in dem er reifte; denn dies ist eine Sache der durch rechtliche Spielregeln festgeschriebenen Konvention. Dies aber meint das Gegenteil von Beliebigkeit. Denn würde sich Hans plötzlich als Eigentümer des Gartens ausgeben, wäre eine solche Prätention eine strafrechtlich zu ahnende Form des Betrugs.

Daß wir in der sittlichen Welt leben, gehört zur Signatur unserer geschichtlichen Existenz, unserem Schicksal, aus dem Garten Eden, dessen Eigentümer nicht der Mensch, sondern Gott war, in eine aus Licht und Dunkel, Heil und Unheil gemischte Welt vertrieben zu sein.

Das Eigentum gehört in der sittlichen Welt wie alle Formen von Hierarchie, Ordnung und kultureller Hege zu den Maßstäben und Maßgaben des Katechon, des Aufhalters der gänzlichen Verwilderung und Verwüstung; denn wäre der Garten nicht Peters oder irgendeines Menschen Eigentum, würde er mangels Sorge und tätigen Bemühens um sein Wachsen und Gedeihen, wozu nicht nur das Pflanzen und Veredeln, sondern auch das Jäten des Unkrauts und das Beschneiden wuchernder Triebe gehören, bald ganz und gar verwildern.

Zur Pflege und Hut des Gartens wie zum Sinn des Gartens der Kultur überhaupt gehört auch die Verpflichtung, ihn mittels probater Mittel, von der Umzäunung und Bewachung bis zum Einsatz der Flinte, vor übelwollenden Eindringlichen, Knospenschändern, Fruchtbesudlern und Sinnzertrümmerern zu schützen. Wer das Loch im Zaun nicht mehr zu flicken willens ist, hat wie jener, der die Schwelle des Hauses, das bekanntlich unsere Sprache ist, nicht mehr hütet, sich und seine kulturelle Existenz bereits aufgegeben.

Vom Geschmack der Äpfel des Paradieses haben wir keinen Begriff, ebensowenig wie von der Sprache Adams. Wir könnten uns nicht vorstellen, Adam habe seiner Eva Liebesbriefe geschrieben oder Minnelieder gesungen.

Die Sprache der Dichtung und ihre Bilder, Wendungen, Metaphern spiegeln wie unsere Gärten und deren Blumen und Früchte das heimische Element, das territoriale Aroma, das Licht des heimatlichen Himmels.

Die Bilder der dichterische Sprache, die ihres heimatlichen Wurzelgrunds und der herben und süßen Aromen der Blumen und Früchte ihres heimischen Gartens entfremdet ward, sind blaß und schmecken fade, ihre Metaphern hinken mit schmerzlich verrenkten Versfüßen durch Wildwuchs und alle Konturen verwischenden Dunst.

Der überzüchtete Geschmack mag sich mit den Federn der Aras schmücken, auf das zarte Moos unserer Lieder sinkt der weiße Flaum der Taube herab.

Doch sogar im Hain von Kolonos singt die Nachtigall.

Die Serenade Mozarts ist durchtränkt vom süßen Abendhauch der neapolitanischen Bucht, die Gedichte Goethes sind Schalen, wo neben heimischen Beeren und Äpfeln Zitronen und Orangen glühen, umrankt von Lorbeer und Myrthe.

Der um sein Sterben weiß, umfaßt seine Existenz mit einem Worte: ich.

Der christliche Gott ist im eigentlichen, uns nahe gehenden Sinn Person, denn er ging durch den Tod in Christus.

Wenn der Garten Peters Eigentum ist, wissen wir, daß er die Wahrheit sagt, wenn er sagt: „Der Garten gehört mir.“ – Doch nur wenn Peter sagen kann: „Dies ist mein Garten“, kann er als Eigentümer gelten. Könnte er es nicht mehr sagen, würde ihm der Eigentumstitel aufgrund geistiger Umnachtung abgesprochen.

Von der Sprache Adams wissen wir nicht zu sagen, ob sie die uns unentbehrlichen Personalpronomina und vor allem das der ersten Person enthielt; falls wir uns überhaupt einen Begriff einer impersonellen Sprache machen können.

Unsere Sprache wird demnach nicht durch ein ontologisches Gerüst mittels Scheinbegriffen wie „Gegenstand“, „Objekt“ und „Ding“ oder „Etwas“ gestützt, sondern hängt und schwebt und zittert gleichsam an den unscheinbaren Fäden der Personalpronomina und allen voran dem der ersten Person in der bewegten Luft der geschichtlichen Existenz.

Unsere natürliche Sprache ist ein Spiegel, eine Funktion und ein symbolischer Ausdruck unseres bewußten Lebens – dies gilt auch und gerade, wenn dieser Spiegel vom Atem des Gedichts mit den Trübungen und Schatten des kaum Empfundenen und traumhaft fast Unbewußten angehaucht wird.

Wir finden uns nicht in der noch so dichten Beschreibung unseres Lebens wieder, wenn sie auch der akribische Bericht über jemanden unseres Namens wäre; es könnte immer die Erzählung vom Leben eines anderen sein, unseres Doppelgängers, wenn wir nicht als Akteur des eigenen Dramas auftreten, der von sich und im eigenen Namen spricht und Äußerungen seines Erinnerns, Bejahens und Verneinens an diesen oder jenen richtet, ja auch wenn er nur zu sich selber redet.

Die knorrigen Obstbäume und die alten Rosenstöcke haben nicht wir selbst gesetzt, begossen und umhegt, sondern die vor uns waren und von denen wir den Garten und seinen Reichtum geerbt haben. Dies Erbe anzutreten und den Auftrag der Hut, Pflege und Weitergabe der geistigen Überlieferung in Kunst und Dichtung mit der Demut der Beschenkten und dem Stolz der Schenkenden zu beherzigen, ist der Sinn unserer geschichtlichen Existenz.

 

Jul 22 20

Frauenklage

Wie stürzen blind aus toten Himmeln Tropfen,
wie schamlos bricht ihr kaltes Klatschen ein
und spritzt den Glanz auf meiner Schmerzen Mal.
Das Buch des Lebens hab ich ausgelesen,
schlugʼs zu für immer, deinen und meinen Namen,
und was wie eine Ranke sie umschlungen,
fand durchgestrichen ich darin. Nun komme,
Nacht, birg mich in deines Schweigens Schrein,
die Sonne rollte, Glut geballten Wahns,
ins tiefe Meer hinab, sie kehrt nicht wieder,
die schwarze Flut steigt an, die Einsamkeit,
tritt über alle Ufer, sie schwemmt Gefieder
herabgestürzter Vögel, die grauen Blüten
ausgeseufzter Sommer ins zerknickte Schilf,
das Gold der Sterne ist in ihr zerflossen.
Die schwarze Flut steigt an, du kehrst nicht wieder,
ein ausgeraubtes Nest ward mir der Traum,
der Schlaf ein Wanken über bange Stege,
und unter ihnen schluchzte Nacht zur Nacht,
mein Herz ist eine aufgebrochne Muschel,
leergesaugt von kalter Gottheit Rausch.
Wie blutlos lallt der Mund, der ungeküßte,
wie stürzen blind aus toten Himmeln Tropfen.

 

Jul 21 20

Nun ist die Stunde

Nun ist die Stunde, ist die hohe Zeit.
Weht nicht der Zweig von einem trunknen Winde,
was sich im Uferschilfe glitzernd bricht,
trug es dein Atem nicht aus blauem Grunde?
Ich harrte lang in dieser Klüfte Grauen,
worin die Blume des Munds zu Eis gerinnt,
dem trüben Brunnenschacht versiegter Wasser,
in den nur Mondes weiße Flocke niederschwebt,
und was im wilden Kraut der Nächte raschelt,
fühlloser Klaue tödlicher Fang ist es,
nicht Menschenschritt, der sich durchs Dickicht wagte
und wirbelte süßen Duft ins Blütenlose.
Mir blieb, ins Ausland verbannt des Herzens, nur,
aus Zwielichts dünner Wolle einen Traum
zu wirken, aus fernen Meeres Brausen Seide,
blaue, zu weben für mein dunkles Wort.
Ich schlief, ein Singen hat der Tiefe mich
entrissen, ein Vogelruf, ein zweiter, Antwort
hellen Bluts durch Laubes Schattengitter,
und Ton fand sich in Ton, wie Blüten, Schaum,
die Welle an Welle im gleichen Takt sich wiegen.
Nun fühle ich verlorenen Edens Hauch,
nun weiß ich um die Wiederkehr, wenn Liebe
dich aus dem Reich der Schatten hebt und du,
betaute Blätter um verheilte Schläfen,
mit sanften Blicken mir vom Frühling sprichst.
Nun ist die Stunde, ist die hohe Zeit.

 

Jul 20 20

In manchen Worten klang es nach

In manchen Worten klang es nach,
in manchen Blicken war es Licht,
doch wenn der goldne Ring zerbrach,
ertönt es, leuchtet es uns nicht.

Wie traurig schimmert der Asphalt
und wie im Regen mattes Gras,
ward einmal Glut des Traumes kalt
und Lächelns Huld zerbrochnes Glas.

Und pocht die Hand an jenem Tor,
wie ist der Widerhall so leer,
wie blaßt Erinnerns Duft und Flor,
fällt süßer Namen Tau nicht mehr.

In manchen Blumen war es Hauch,
in manchen Liedern war es Wein,
wie weht des Abends grauer Rauch,
wie singt die Nachtigall allein.

 

Jul 20 20

Lichtes Zepter weckt den Stein

Lichtes Zepter weckt den Stein,
Tau trieft im Flechtenbart,
da gräbt der hohe Strahl sich Furchen,
das Saatfeld mohngefleckter Bilder.

Des Mittags Falter biegt die Schatten
zarter Wimpern auseinander
und trinkt den dunklen Glanz
aus süßer Schwermut Augen.

Der Mundschenk der Götter, Abend
gießt goldnen Lichtes Tropfen,
sie schimmern noch am Blumenmund,
sie rinnen in das Gras des Schlafs.

O Nacht, dein Stern ist einer Mutter
Abschiedskuß, und wie die Knospe
lautlos ihren Duft verschließt,
umhüllen dich die Efeuranken.

 

Jul 19 20

Nähe des Göttlichen

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Man sieht so aus, wie man ist, und man wird, wie man aussieht.

Das Gesicht ist die Landschaft der Seele. – Hier finden wir alles, vom sanften Leuchten aus Eden bis zum harten Licht verkarsteter Steppen.

Der Pöbelinstinkt haßt die Form, die ein überlegener Geist aus der schlüpfrigen Knetmasse des Traums, aus dem Wasser des Unsagbaren sich zum Lied geballt hat.

Schimmernde Ranken geglückter Gesten.

Dornichte Pfade im Dämmerschein verworrener Zeichen.

Die sich nicht ertragen und verzeihen, ihrer selbst nicht entrinnen können, brauen das Gift der Ranküne und des Argwohns gegen das sich in leisen Gesten feiernde Leben, die Anmut der Bewegung und die rhythmische Fülle des Ausdrucks.

Das kollektive Unbewußte ist das Gewürm der Masse, das aus dem Untergrund und den Abwasserkanälen des Molochs Stadt hervorkriecht.

Das Unbewußte Freuds ist keine Naturkonstante, sondern trägt an der Wahn-Wucht, mit der es an den Dämmen der kulturellen Formen nagt, die historische Signatur des von ihm scharfsinnig diagnostizierten Unbehagens.

Die goldenen Blätter aus den Rokokogärten Verlaines, verweht in die Pfützen der großen Stadt.

Denke dir, eben seist du erwacht, und mit dir die Welt. Ist es dann nicht purer Zufall, wo und als was, als Mann oder Frau, als Kind oder alter Mensch, du dich wiederfindest? – Solcherart metaphysische Träume verführen uns zu den schiefen Begriffen von Kontingenz und Notwendigkeit.

Was sich logisch in einen Schluß knüpft, empfinden wir als unausweichlich, zwingend, notwendig; also den Status gewisser Sätze. Warum sollten wir all das, was sich nicht in diese Form bringen und zwingen läßt, als kontingent und zufällig betrachten?

Das Empfundene und Gefühlte hat keine Abmessungen physischer Natur; die physikalischen Gegenstände, einschließlich des Gehirns, sind ohne Rückgriff auf sensorische Merkmale beschreibbar. – Solcherart metaphysische Distinktionen verführen uns zu schiefen Gegensätzen wie dem von Geist und Materie.

Sollen wir, weil der Roteindruck nur einen Ort im Gesichtsfeld, aber keinen im physikalischen Raum hat, vom visuellen Bild der Rose sagen, es sei immateriell, und von der wirklichen Rose, sie sei gleichsam geistlos?

Die ionischen, dorischen, äolischen Völker der Griechen waren insofern begnadet, als sie die Nähe des Göttlichen in ihren Werken und rituellen Gebärden von der Plastik und Malerei bis zum Tempelbau und den Opfern, vom Epos bis zur lyrischen und tragischen Dichtung geradezu unwillkürlich zum Ausdruck brachten.

Der Mythos weiß von jenem Hirten Endymion zu berichten, der dem Kuß der Mondgöttin Selene sich hingab. – Vielleicht keine unwillkommene Form wonnigen Verscheidens. – Sollen wir nicht sagen, jener Dichter, der erstmals den Mondstrahl als erotisch-tödlichen Anhauch göttlicher Nähe empfand, habe damit den Grund dieses Mythos freigelegt?

Die kulturelle Blüte jener aristokratischen Hochkultur, wie sie uns aus der homerischen Odyssee immer wieder entgegenleuchtet, ist bis in Einzelzüge mit den höfischen Sitten, Riten und Gepflogenheiten der ritterlichen Kultur des hohen Mittelalters vergleichbar.

Die Odyssee zeigt im Motiv des dem Helden gewährten Nostos, der durch etliche Gefahren hindurch bewältigten Heimkehr, die Erfahrung göttlicher Gnade; darin geht sie im mythologischen Gewand über die Möglichkeit der Erkenntnis Gottes hinaus, die Paulus der natürlichen Vernunft zubilligt.

Emporgeschleudert von der hohen Woge des Geschicks, ein winziger Tropfen, in unsäglichem Augenblick an der schwarzen Wimper eines dämonischen Windes zitternd, und niedersinkend noch spiegelt er den Glanz der nächtlichen Sternwelt, der unerreichbar fernen, schönen: die tragische Erfahrung.

Die Hagia Sophia dämmert unter der Sichel des Halbmonds; im Westen brennen die Kathedralen.

Die apollinische Kultur durchtönte das Rauschen des Meers mit sanftem Strahl, der Leviathan schnappte vergebens nach den goldenen Blitzen und tauchte ins Dunkel zurück; schwarze Woge, zerteilt von den lichten Saiten der Leier. – Nun wird Nacht für Nacht das Brausen lauter, nun steigen die Ungeheuer der Tiefe ans Ufer und biegen das wehrlose Schilf auseinander.

Der öffentliche gereckte Phallus, in allen Farben grell schillernd, Geifer, Hohn, Spott ejakulierend, wird als neues Freiheitsemblem umjubelt; die blutenden Wunden des Gekreuzigten werden für anstößig und obszön befunden und von den Sittenwächtern der Schamlosigkeit verhüllt.

Die Tiara, die Gewandung, der Stab des römischen Bischofs glänzten im würdevollen Schimmer altlateinischer gravitas und dignitas; heute laufen närrische Pfaffen in Jeans und offenem Kragen durch die grinsende Gemeinde.

Der Widerwille und die ironische Verschmitztheit gegen das Feierliche und Festliche des hohen Ritus und der weihevollen Begehung entstammen der wahren Empfindung, ihrer nicht würdig zu sein.

Wie die Mutter Venus dem Äneas erscheint die Göttin Athene ihrem Schützling Telemach in Menschengestalt; und beide ahnen die Nähe des Göttlichem am süßen Duft und Anhauch ihrer Rede, an der sanften Flamme, die ihren trüben Sinn mit neuer Lebensglut behaucht.

Bei Mozart enthüllt sich manchmal die Nähe des Göttlichen in Tönen, die wie Glühwürmchen im Dunkel des Grases schwirren, in weißen Schaumkronen auf dämmernden Wellen, die wie selige Schmerzen unterm Mondlicht schmelzen, im weichen Niedersinken purpurner Mohnblüten auf die bleiche Stirn des Verlassenen; bei Bruckner, dem letzten Offenbarer, im Brausen eines Jenseitswinds, der die starren Zweige unserer Einsamkeit schüttelt und auseinanderbiegt, auf daß wir in der erschreckenden Leere das tiefe Nachtblau des Grenzenlosen gewahren.

Beschaut man sich die genealogischen Sagen der Griechen, findet man am Ursprung nicht nur von Flüssen, Bergen, Wettern und Gewächsen, sondern auch von Orten und Städten, Gesetzen und rechtlichen Ordnungen, Gerätschaften und Musikinstrumenten das Walten des göttlichen Geistes.

Lippen, ungesalbt, Schläfen, unbekränzt, Herzen, unbeschnitten.

Stadt Gottes – und du siehst im stumpfen Morgengrauen auf den Kehricht trostloser Feste.

Süßes Licht oder die Verklärung des Ödipus.

Atem Gottes – und eine dünne, brüchige Maske fällt wie ein welkes Blatt herab.

Hauch des Heils – und die trockene Rinde der Erinnerung zerstäubt.

Olivenhain – unter den Tränen funkelnder Sterne sehend gewordene Nacht.

Lautlos fallen Flocken schimmernder Abwesenheit auf das Ahnengrab.

Schiefer Mund eines letzten Staunens.

 

Jul 18 20

Mein Lied stürzt wie die Möwe

Mein Lied stürzt wie die Möwe um ein Boot,
das untergeht. Sein Flügel trinkt den roten
Schaum, Widerschein der Lohe auf dem Kamm
der Wellen. Hebt es des Windes starker Rücken,
fällt eine Feder, trudelt aufs Verdeck ein Flaum,
klebt fest an eines toten Mannes Schläfe
und leuchtet purpurn wie von edlem Wein.
Mein Flug ist Anmut und mein Lied ist Klage,
und wenn das Segel bricht, wird es zum Schrei,
denn jener, dem die Rückkehr nicht beschieden,
hat mir den Gruß noch zugewinkt, weil ich
der heimatlichen Ufer Nähe ihm verkündet.
Wie ein Gespenst trat bald der Mond hervor
und hat von Schnee ein weißes Grabtuch
auf Dächer, Firste, Gärten der Vaterstadt
gebreitet. Da sah ich schon des Feuers Zähne
sich durch die Taue, die alten Hölzer fressen,
da hörte ich den Schuß, den tödlichen.

 

Jul 17 20

Im Anfang

Im Anfang war nicht Dust und Dunst,
nicht Schrei der Irre, Wahngebärde,
des frühen Lichtes Liebesgunst
hob sich die Blüte aus der Erde.

Der Tafeln helle Zeichenspur,
der Honig aufgeblühter Münder,
der Rebstock rankender Natur
war Traum und Tat der edlen Gründer.

Die Sage duftete im Mohn,
in weiche Locken eingeschlungen,
dem Monde hat Endymion
im Tau des Kusses nachgesungen.

Das Gold der Nächte war erwacht
in Zweigen, tropfend von den Schauern,
die blauen Fittichs Hauch gebracht,
es quoll im Efeu durch die Mauern.

Im Anfang schied der Dichterfürst
das edle Wort von dem gemeinen,
die Knospe auf dem Sonnenfirst
von Augen, die im Dunkeln weinen.

Wir bleiben holden Geists umringt,
erfühlen wir an herbstlichen Farben,
daß Feuer aus dem Welken springt
und unsre Herzen noch nicht starben.

 



Neueste Einträge

Kategorien

Beliebte Einträge

Top