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Dez 14 19

Die Rettung

Plötzlich zupft der Kleine, Filzhut schräg,
Hahnenfeder aufrecht, Augen Basedow,
Brustkorb aus Chitin und Spinnenbeine,
zupft dir an der Hosennaht, gerade
als du blind ins Schwarze springen willst,
grient dich an und sagt (mit einer Stimme,
Schmirgelpapier verklebt mit Goldlack):
„Tu es nicht, wart noch, komm, drehen wir
noch ʼne Runde!“ Geht vor, nein wuselt,
und wie gebannt durch seine nach Gras
und Fellen duftende Aura, folgst du ihm.

Drunten flackert der Rhein, loderndes Öl der Sage,
Schuppen von Schiffsschrauben gerupfter Nixen.
Nenn ihn wie Horaz Maecenas iocosus, Witzbold,
Pfiffikus, wenn der sich wieder einmal zuviel
Knoblauch reingestopft und sein Mädchen gegen
seinen Kußmund die Hände hebt und an des Bettes
Kante rückt, nenn Götterzwerg ihn, deinen Retter,
Sohn des Hermes von einem leichten Mädchen,
führt er dich ja die Brücke runter, flugs am Rhein-
ufer lang in Richtung Stolzenfels, es ist schon
angestrahlt, das Schloß, wie ein Kirmes-Tand aus
Pappmaschee und Zuckerwerk, vorbei am
Hospital, wo dir im Arm die Mutter starb,
stumm und wie ein kleiner Vogel unter Satans
Sonne ausgedörrt, die Seele war schon lang zuvor
hinausgeschlüpft in eine räudige Katze,
die auf dem Ahorn saß und schaute elend
mauzend in das Fenster – und weiter dort am Strom,
wie es raschelt, das Gras, und auseinanderseufzt
vor dem heißen Pfeifen dieses Knirpses,
und dazwischen zucken gezackter Schlangen
Flammen, Feuerstätte im Lager der Vaganten,
seiner Brüder mit Mähnen von blauem Tang und Teer,
schimmernd um den Hals die Narbenschnur,
seiner Schwestern mit der Wölfin spitzen Brüsten,
auf der Stirn das Blenden schwarzer Sonnenflecken,
Kniee, die wie Monde aus dem Dunkel tauchen.

Ja und ja, dort ist ein Klirren, Schwirren, ist ein
Fletschen weißer Zähne, Schnalzen geht aus
purpurroten Mündern, und zum Schwingen
bunter Röcke, aufgewallter Locken singt,
kehlig, schnarrend, gurrend einer, dem am Gürtel
blitzt des goldenen Dolches Sichelmond:

Wir fahren durch die Lande
im Herzen Sand vom Strande,
und brennt die morsche Scheuer,
so war es unser Feuer.

Pflückt sich der Gott die Trauben,
ein Rausch, den wir ihm rauben,
will uns der Dämon hetzen,
sind Lieder, ihn zu letzen.

Uns nähren dunkle Feste
wie Flammen dürre Äste,
wen unsre Frauen küssen,
der wird sein selbst entrissen.

„Nun, mein Sohn“, flüstert mir der Zwerg ins Ohr,
„solche Flammen, solche Küsse, bringen sie nicht
schöneren Tod ins einmal durchglühte Leben? Schau
diese schmachtend zerbissenen Lippen, grüner Nächte
Augen, schneeige Molke der wogenden Brust,
willst du ins kalte Wasser, willst du armselige
Motte nicht lieber von solcher Glut deine papierne
Hülle verzehren lassen?“ Und du, ein Fremdling
fahler Rasse und erloschener Blicke sehnsuchtstrüber
Tränen, dem des Siegelringes Glutrubin im Schlaf
eine geile Metze vom Finger abgezogen,
statt im Wiehern der Silberstute „Dawn of the day“
unterm scharfen Sporn zu hören, wie das Leben
ruft nach fernen Bildern, neuen Reichen, hat
Reue dich entseelt, wie eines Töpfers ohne Ton
hängt dir die sehnenschlaffe Hand in müden Sausens
Gras. Ja du, der weiß, wer diesem Volke singen,
tanzen will mit seinen Frauen, findet nicht mehr heim,
und mit freiem Atem, offener Stirne stehst du
unter ihnen auf und hebst zu singen an …

 

Dez 13 19

Ich sagen können

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Wir sagen, er sei im Nebenzimmer und schlafe; den wir meinen, ist demnach nicht identisch mit seinem Bewußtsein.

Worin liegt das Widersinnige, wenn einer sagen würde: „Ich schlafe.“?

Wir sehen, wie einer lächelt, nicht wie er sich erinnert. Wir müssen ihm unter gewöhnlichen Umständen glauben, wenn er sagt: „Ich erinnere mich …“

„Wer hat das gesagt?“, fragt der Lehrer. „Ich“, sagt der Schüler. Ist, wer hier ich sagt, die materielle Entität, deren Ort ich bestimmen kann? Nein. Es hätte eine Maschine sein können.

Das Gedicht von Trakl, das Andante der Schubert-Sonate wirken auf mich schwermütig; sind das Gedicht und das Musikstück schwermütig? – Und wieviel davon, die erste Zeile, die ersten drei Takte oder das Ganze?

Er hat Schmerzen im Fuß; aber der Fuß hat keine Schmerzen.

Wir bedauern nicht den schmerzenden Fuß, sondern jenen, der Schmerzen hat.

Derjenige, der Schmerzen hat, ist nicht der Körper, der am Fuß verletzt worden ist; aber auch nicht die Seele, denn sie hat keinen Fuß, in dem sie Schmerzen empfinden könnte.

Ich finde in alten Briefen die Beschreibung einer Wanderung zu zweit; und dann erkenne ich, daß der eine der Wanderer ich selbst gewesen bin.

Woran erkenne ich, daß ein Foto mich selbst darstellt? Weil es mir so ähnlich sieht?

Nichts scheint mir ähnlicher als mein Spiegelbild; dennoch kann es passieren, daß ich auf ein spiegelndes Schaufenster zugehend mich nicht wiedererkenne.

Es könnte sein, daß alle Erkenntnis, wie Platon meint, eine Art Wiedererinnerung wäre; doch nicht mein Wissen von mir selbst.

Ich erinnere mich, daß ich gestern im Park spazierenging. Der Sachverhalt, gestern im Park gewesen zu sein, ist der Inhalt meiner Erinnerung, doch die Tatsache, daß sie meine Erinnerung ist, wird darin nicht abgebildet und erfaßt.

„Mir geht es gut.“ – Ist dies der Ausdruck eines Körpergefühls?

Ich sehe, wie er lächelt und sich angeregt unterhält; ich sage: „Ihm geht es gut.“ Das Lächeln und das angeregte Plaudern sind Kriterien meiner Feststellung, daß es ihm gut geht.

Habe ich Kriterien zur Hand, um mit Grund sagen zu können: „Mir geht es gut.“?

Das Wissen, aufgrund dessen ich sage: „Es geht ihm gut“, ist echtes Wissen, insofern es als scheinbares Wissen entlarvt werden kann, wenn sein Lächeln und sein angeregtes Plaudern sich als Masken einer tiefen Traurigkeit dingfest machen lassen.

Wenn ich ohne zu heucheln oder zu lügen, bekenne, daß ich mich wohl fühle, kann meine Äußerung nicht angezweifelt werden.

Äußerungen, die nicht angezweifelt werden können, stellen keine Form des Wissens dar. Demnach ist das Wissen von mir selbst, das sich in solchen Äußerungen kundtut, kein eigentliches oder epistemisches Wissen.

Daraus folgt: Das, was wir Selbstbewußtsein nennen, ist keine Form des Wissens.

Wissen kann in Aussagesätzen analysiert werden; sie haben die grammatische Form: „Ich weiß, daß p.“

Daraus folgt: Wir können die grammatische Form der Aussagesätze nicht für den Ausdruck dessen verwenden, was wir mit Selbstbewußtsein meinen.

Aber ich sage doch: „Ich fühle mich gut.“ Nun, dann ist dies keine Aussage im strengen Sinn, sondern ein Ausdruck, ähnlich wie auf primitiver Stufe „Oh!“, „Schön!“ oder „Aua!“

Das, was wir mit Ich meinen, kann man nicht analysieren wie ein Wassermolekül oder einen Hirnzustand.

Zu sagen „Das Foto stellt N. N. dar“ oder „Es ist seine Unterschrift“ ist etwas anderes als zu sagen „Der da auf dem Foto bin ich“ oder „Das ist meine Unterschrift.“

Beruht die Möglichkeit, ich zu sagen, auf einer Form der (symbolischen) Identifikation? Nein. – Ich kann dieses Fahrrad, dieses Auto, diese Frau aufgrund von Dokumenten oder gewissen Kriterien als mein Fahrrad, mein Auto, meine Mutter identifizieren, aber nicht meine Hand, meinen Körper, meine Erinnerung.

Die Möglichkeit, ich zu sagen, ist die unmittelbare Voraussetzung und Bedingung der Sprache, die wir sprechen.

Ein Austausch von Zeichen, der wie ein Roboterprogramm nicht gleichsam an der Angel des Ich-Sagens, der ersten Person Singular (und Plural) oder des Selbstbewußtseins schwingt, ist nur scheinbar eine Sprache.

Alle sprachlichen Handlungen, die wir performative Sprechakte nennen, wie das Behaupten, Fragen, Befehlen, Wünschen oder Deklarieren hängen und schwingen an der Angel des Ich-Sagen-Könnens und des Selbstbewußtseins.

Was wir äußern, ist bestenfalls logisch stimmig und konsistent; doch die Tatsache, daß wir uns auf logisch stimmige und konsistente Weise äußern, ist keine logische Tatsache, sondern beruht auf der (außerlogischen) Möglichkeit, ich sagen zu können.

„Alle Menschen sind sterblich.“ – „Sokrates ist ein Mensch.“ – „Also ist Sokrates sterblich.“ – Doch die Erkenntnis, daß ich sterben werde, ist keine logische Folgerung, sondern beruht auf unmittelbarer Einsicht, auch wenn die Erfahrung des Todes anderer in sie eingeht.

Ich bin mir vorsprachlich gleichsam transparent im Medium der Empfindung; die Empfindungen sind gleichsam das liquide und fluide Element, in dem das vorsprachliche Ich sich tummelt und badet.

Ich spüre die Kälte in der Hand, im Körper; ich kann sagen, daß mir kalt ist, daß ich friere. Ich sage nicht, meine Hand, mein Körper friert.

Nur scheinbar können wir mit Äußerungen wie: „Es tut weh“ oder „Wie herrlich (schön, schrecklich)!“ in ein anonymes sensorisch-sensuelles Feld des Vor-Ichs gelangen; denn die natürliche Ergänzung dieser Äußerungen lautet: „Es tut mir weh“ und „Wie herrlich (schön, schrecklich) mich das anmutet!“

„Er erinnerte sich daran, wie er einst als Kind in diesem Garten spielte.“ Um die Identität dessen, der sich erinnert, mit demjenigen, an den er sich erinnert, zu markieren, sagen wir: „Er erinnerte sich daran, wie er selbst einst als Kind in diesem Garten spielte.“ Doch damit haben wir die Stufe des Selbstbewußtseins noch nicht betreten, denn es könnte ein mechanisches Verfahren geben, mit dem die Erinnerung eines N. N. daran, daß ein N. N. einst in diesem Garten spielte, modelliert würde.

Dies wird klar, wenn wir sagen: „Ich erinnere mich daran, wie ich einst als Kind in diesem Garten spielte.“ – Und dies können wir zur Verdeutlichung umformulieren und sagen: „Ich erinnere mich daran, einst als Kind in diesem Garten gespielt zu haben.“ Was wiederum sinngleich ist mit der Formulierung: „Ich erinnere mich: Ich habe einst als Kind in diesem Garten gespielt.“

Dagegen läßt der Satz: „Er erinnert sich: Er hat einst als Kind in diesem Garten gespielt“ ohne zusätzliche Markierung („selbst“) offen, ob es sich um dieselbe Person handelt.

Es ist charakteristisch für den Ausdruck der Selbstgegenwart, daß wir sie mit Verben des Empfindens, Fühlens, Denkens, Erinnerns (verba sentiendi et cogitandi, im Lateinischen mit dem a. c. i. und Reflexivpronomina zu konstruieren) in der ersten Person Präsens bezeichnen. Denn zu sagen: „Ich fühle …“ ist epistemisch gesehen etwas anderes, als zu sagen „Ich fühlte …“ und „Ich erinnerte mich …“ etwas anderes als „Ich erinnere mich …“

Die Aussage „Ich erinnerte mich“ impliziert nicht die Tatsache, daß ich mich jetzt daran erinnere, im Gegensatz zu der unter normalen Umständen gemachten Aussage „Ich erinnere mich.“

„Ich hatte gestern um 10.45 Uhr stechende Schmerzen im Fuß“ – aber es könnte 10.55 Uhr gewesen sein; Unklarheiten oder Zweifel dieser Art tauchen nicht auf, wenn ich sage: „Ich habe stechende Schmerzen im Fuß.“

Insofern ist der Ausdruck in der ersten Person der Vergangenheit „Ich fühlte/erinnerte mich/dachte …“ dem Ausdruck in der dritten Person der Gegenwart „Er fühlt/erinnert sich/denkt …“ verwandter als der Ausdruck in der ersten Person der Gegenwart „Ich fühle/erinnere mich/denke …“ dem Ausdruck in der dritten Person, ob nun im Präsenz oder der Vergangenheit, bei denen die bekannte epistemische Asymmetrie auftritt.

„Ich habe ihm gestern das ausgeliehene Buch wiedergebracht“ ist der Aussage epistemisch verwandter: „Er ging gestern im Park spazieren“ als der Aussage: „Ich verspreche dir, das Buch morgen wiederzubringen.“ – In der ersten Aussage könnte ich lügen, in der zweiten könnte ein Irrtum stecken – beides aber nicht in der dritten. Ich könnte mein Versprechen zwar nicht im Ernst machen, aber dann würde ich nicht lügen, sondern unaufrichtig sein.

Ich kann nichts im Namen eines anderen oder stellvertretend versprechen. Insofern ist die Rückbezüglichkeit in Haupt- und Nebensatz unabdingbar, wenn ich beispielsweise sage: „Ich verspreche dir, daß ich das Buch morgen wiederbringe.“

Daß ich dich gestern gefragt, gebeten, dir etwas versprochen, zu etwas geraten oder vor etwas gewarnt habe, kann bezweifelt oder in Abrede gestellt, ja widerlegt werden, nicht aber, wenn ich dich jetzt etwas frage, um etwas bitte, dir etwas verspreche, dir zu etwas rate oder dich vor etwas warne.

Aussagen, die einen unmittelbaren Ausdruck der Empfindung, des Gefühls, der Erinnerung oder des Denkens oder Sprechakte in der ersten Person Präsens darstellen, können nur inkonsistent sein, wenn der Sprecher der betreffenden Sprache nicht mächtig ist oder ihre Inkonsistenz als Kriterium für gewisse Formen von Wahnsinn gilt: „Es zieht und mir wird warm“, „Es tut weh und stimmt mich heiter“, „Ich lüge, indem ich dir sage …“, „Ich verspreche es dir, aber werde es nicht tun.“

Der letzte Punkt erhellt auch aus der Tatsache, daß wir üblen Nachreden, Beleidigungen, Flüchen die performative Kraft nehmen, indem wir den Sprecher für geistig minderbemittelt, unzurechnungsfähig oder verrückt erklären.

„Ich habe sie geliebt“ ist epistemisch der Aussage „Er hat sie geliebt“ verwandter als dem Sprechakt: „Ich liebe dich.“ Das Narrativ einer Liebesepisode in der Vergangenheit ist gleichsam episch abgeschlossen, während das Liebesbekenntnis von Angesicht zu Angesicht dramatisch offen ist; es impliziert ja Aussagen wie: „Du kannst mir vertrauen“, „Du kannst, was immer geschehe, dich auf mich verlassen“, „Du kannst, wann immer du willst, zu mir kommen.“

Aufgrund der unmittelbaren Selbstbezüglichkeit des Liebesbekenntnisses ist es nicht möglich, stellvertretend zu lieben; wenn wir auch im Namen eines anderen uns um einen Anvertrauten oder Schutzbefohlen kümmern können.

Der Schauspieler auf der Bühne meint nicht, was er sagt, wenn er der Schönen seine Liebe gesteht, wie er es meint, wenn er es ihr nach der Aufführung hinter der Bühne ins Ohr flüstert. Daß wir das Ich und das Ich-Sagen fiktionalisieren können, ist eine Voraussetzung dramatischer, epischer und lyrischer  Kunst. – Nur wenn wir Sappho oder Goethe als historische Personen von dem fiktiven oder imaginären Ich unterscheiden, das sie in der Liebesode oder der Marienbader Elegie beschwören, verstehen wir ihre Dichtungen.

Wir sind gegenwärtig für uns selbst und andere in dem, was wir sagen und tun. Daher bürdet uns die unmittelbare Gegebenheit, wir selbst zu sein, eine sittliche Haltung oder die Pflicht auf, was wir tun und sagen, so unzweideutig und klar wie möglich zu tun und zu sagen. So werden wir uns selbst und anderen durchsichtiger für das, was wir sind – auch wenn ein Rest von Undurchsichtigkeit, Zweideutigkeit und Verborgenheit haften bleibt, wir wissen nicht, ob wegen der Schwäche unserer Natur oder einer ihr eingesenkten, alle Bruchstücke unserer Vergegenwärtigung transzendierenden numinosen Größe.

 

Dez 12 19

Der Tropfen, der dich weckte

Ein Windhauch,
der Pollen stäubt von der Blüte,
der Fussel fällt aus dem Haar.
Sie bleiben, was sie sind,
bis sie der eiserne Fuß des Schicksals zertritt.

Tropfen gleiten vom Moos zur Erde,
aus Wolken ins Wasser.
Untergegangen und verschmolzen
sind sie unauffindbar,
ohne verschwunden zu sein.

Das Kind, das nicht weiß,
daß Tautropfen
und Schneeflocken
zwei Gestalten eines Stoffes sind,
empfindet nicht weniger getreu
als der Dichter, der es weiß
und der Verwandlung nachsinnt
mit dem Klöppel der Zunge,
der leicht oder heftig
gegen die Glocke der Stille schlägt.

Den Tropfen,
den Kristall des Lichts,
die gefrorene Träne des Wanderers im Schnee,
die Eisblume am Fenster
kannst du zerlegen, schmelzen,
verdunsten lassen,
den Tropfen,
der auf das weiche Blatt des Schlafes fiel
und dich weckte,
nicht.

Jemandes Haut kannst du ritzen,
ihm ein Haar ausrupfen,
die Träne von der Wange ihm küssen,
dem Haut, Haar und Träne zu eigen,
bleibt dir verborgen
und er sich selbst.

Die Dinge der Welt kannst du
wie das Wassermolekül
zerlegen, analysieren,
oder diese Sätze,
doch nicht jenen,
der sie sagt,
und er sich selber nicht.

Du oder ich,
wir sind uns jeder selbst
wie das befruchtete Ei,
in dem sich zwei Lebensstränge
ununterscheidbar
verflochten haben,
sind uns selbst
und eins dem anderen
die Welt.

Nur manchmal klingen wir
wie zwei Saiten einer Geige,
die der Meister,
den wir göttlich nennen,
mit einem warmen Bogenstrich
gemeinsam beben läßt,
und scheinen uns verschmolzen
wie eins ins andre rinnend
Tränen –
und rasch fliegt auf der Ton
mit unsres Rauschens Doppelschwinge,
wird leiser und erstirbt
in einer Lichtung, fern
und aller Sehnsucht unzugänglich.

 

Dez 12 19

Wie leer die Tage sind

Das hohem Quell entflossen
und deine Seele sang,
das Lied blieb ungenossen,
dein Mund war allzu bang.

Als süße Stimmen flogen
zur grünen Jugendzeit,
hast du dich weggelogen
in stolze Einsamkeit.

Die Blumen, die erhellten
so manche dunkle Spur,
sie welkten zu entstellten
Gespenstern toter Flur.

Als Sommers reife Beeren
wie Küsse glänzten rot,
hast du sie abzuwehren
getan, als wärst du tot.

Dann kamen Herbstes Farben
wie Glut und goldner Wein,
du aber mußtest darben,
warst ohne Frucht allein.

Nun da die Flocken fielen,
dein Herz ist worden blind,
du kannst es kaum mehr fühlen,
wie leer die Tage sind.

 

Dez 11 19

Als würde Licht die Herzen weiten

Und war ein reines helles Fließen,
als spräche mit sich selbst die Nacht,
ein banges Herz schlug wieder sacht,
als würden Ranken es umschließen.

Wie einer Knospe scheues Beben,
bevor sie sich der Erde neigt,
hat Mondes Blume sich gezeigt,
als tränke sie im Tau noch Leben.

Und war ein engel-weiches Schreiten
auf kaum erwachter Erde Schoß,
ein Seufzen schauerte im Moos,
als würde Licht die Herzen weiten.

 

Dez 11 19

Moseltal

Mostgeruch aus feuchten Kellern,
Bruchstein, Schiefer und Basalt,
und der grüne Blick des Sommers
aus steilem Wingert, Blattgerank
von Reben, zartgezackte Schatten.

*

Und im weißen Haar des Alten,
der am Ufer an der Böschung lehnt,
der weichen Mosel kaum gefühlter Hauch.

Sprich mir, alter Moselwinzer, sprich
von der traubenschweren Last der Tage,
vom Grillenlied aus Schründen warmen Schiefers,
dem braunen Glucksen frischen Mosts,
dem Tuckern der Schiffe durch den Dunst des Schlafs,
vom Geläut der Vesper, das noch schwingt,
wenn deine Träume durch die Gärten wehen,
wie lose Blätter oder Fetzen Nebellicht.

Doch nein, sag nichts, ich seh ja deine Hand,
die zittert, weil die Fülle wog zu schwer,
und gefurchte Rinnen auf den Wangen,
am wilden Strahl verdorrte Tränenbetten,
und deine Augen grau wie nachts der Fluß,
wenn einsam schwache Lichter streifen,
seh deine Stirn von Fragen kahl und schief
den Mund, weil zuviel Seufzer starben.

*

So steig ich denn ein letztes Mal empor,
vorbei an Andachtsbildern der Passion,
wo flehentlich wie arme Seelen Kerzen flackern,
dankbar für den hohen Geist der Ahnen,
die mir den Pfad gebahnt, die Bilder schön geformt,
und höre nur wie eines Fremden meinen Atem,
das Knirschen meiner Schritte im Geröll.
Vorbei an Strünken alter Eichenbäume,
die tiefer sich ins Dasein als meine Seele krallten,
die keine Wurzeln trieb im dunklen Lebensgrund
und keine Frucht wie sie, ein Eichhorn oder Reh
zu nähren, einem Kind in scheuer Hand Gefühl
der eignen Wärme mitzuteilen, am Kreuz vorbei,
wo Ehrfurcht niederkniet und Liebe weint,
und auf der Höhe, wie goldenen Weines Strahl,
darf einmal noch ich schauen auf die Mosel,
die wie zum Abschied lächelt, wohl wissend,
im Arm des Bruders findet sie Vergessen bald.

 

Dez 10 19

Nachhall in der Dämmerung

Ist es, weil süß im Blattwerk saust
ein Schwirren, Zwitschern alter Seelen,
weshalb du wandelst unbehaust
ins Schluchzen kleiner Vogelkehlen?

Bleibt, was ins Tal sein Gold ergoss,
von grauen Höhen, Nebelpässen,
durch Zweifels Dämmer Strahlen schoss
auf grüne Wellen, unvergessen?

Glänzt dir, wenn Sommers Flamme spricht
in Mückentanz und Grasgeflimmer,
im Laubengang des Abschieds Licht,
ein Auge hell im dunklen Zimmer?

Bleibt dir, von weißem Nichts genarrt,
wenn Flocken alle Bilder trüben,
des Wassers Lied im Eis erstarrt,
ein Herz, den Gang der Welt zu lieben?

 

Dez 9 19

Einst und jetzt

Den Fussel oder warʼs ein Flaum,
vom Hühnerhof hereingeweht,
hat von der Schulter dir die Mutter
(der erste gute Anzug, Kind)
mit der vom Wringen roten Hand
flugs weggewischt.

Wie lange ist das her,
jetzt ist der Flaum verbrannt,
der Anzug ward zu Lappen,
die Hand, die immer Staub
und gerne Stäubchen wischte,
selber Staub.

*

Und mit den Kameraden (alle
in ihren neuen blauen Anzügen,
die weißen Rüschenmädchen
knieten fern in anderen Bänken)
mit allen einzustimmen:

Du geheimnisvolle Rose
Du Pforte des Himmels
Du Morgenstern
Du Trösterin der Betrübten


Wie ist der Klang verhallt,
jetzt tropft durch die Stille
der Nacht aus der Küche
monoton der Wasserhahn
in das öde unterirdische
Museum der Erinnerung,
wo dumpf gurrend eine Taube
auf dem einäugigen Kopf
der Madonna sitzt.

*

Aus aufgeplatzten Scheiten
Zischen, Sprühen, Singen,
wenn rings die Nacht
die funkelnde Spindel drehte
und dunklen Augen
der helle Tau des Traums
im Schein der Flammen glänzte.

Vom Wasser haben wir’s gelernt,
vom Wasser.
O Wandern, Wandern meine Lust,
o Wandern!

Das Wasser ist verrauscht,
die Wege sind geteert,
ergraut das Herz
im kalten Rauch der Nacht.

 

Dez 8 19

Schmerz-Knospen

Und magst am Abend du erlauschen,
ins dunkle Moos gelehnt,
wie fremde Leben sanfter rauschen,
dem eignen wie entwöhnt.

Die Schatten, Schimmer, Zärtlichkeiten,
die blasse Blume Mund,
die Lilien auf dem Grab der Zeiten,
sind deiner Seufzer Grund.

Dich kann ein Wasser nicht mehr spiegeln,
das übers Ufer schwillt,
Schmerz-Knospen, lichtbetaut, besiegeln
der Ranken Rätselbild.

 

Dez 8 19

Die Heiterkeit

Wie dichterisch ist Heiterkeit,
ob Blüten tragen dunkle Fluten,
ob still verlöschen Rosengluten,
der Sprache immergrünes Kleid.

Nah tropft ein Schlehendorn von Licht
und sinnend geht auf braunen Wegen
ein Wanderer der Nacht entgegen,
von Heimkehr fern ein Fenster spricht.

Die Heiterkeit bleibt fest im Sturm,
wenn Samen, Keime, Zeichen fliegen,
sie singt, wo finstre Denker schwiegen,
und lächelt, zuckt im Kern der Wurm.

Und ist der Liebe blauer Blick
vom welken Blatt des Lids verschlossen,
bleibt treu ihr Sinnen unverdrossen,
erfuhr sie einst des Schauens Glück.

 

Dez 7 19

Die Leiche Wort

Denn nicht die Meinung zählt, nur warm
der Hauch auf kaltem Spiegelglase,
von Träumen blind, nur nackt ein Arm,
der seine Blöße fühlt im Grase.

Die Meinung nimmt, des Parasiten Bauch,
vom Blut der Bilder angeschwollen,
die Sicht ins Wahre wie ein Rauch,
aus Phrasenmunde aufgequollen.

Die Meinung macht die Lücke dicht,
die Leere zwischen Geist und Sinnen,
sie löscht der Wunde dunkles Licht,
aus der gefühlter Tropfen rinnen.

Die Meinung ist die Leiche Wort,
einbalsamiert von totem Wissen,
Empfindung aber bettelt fort
und wühlt im Dung nach einem Bissen.

 

Dez 6 19

Die Wiederkehr

Es kehrt des Abends noch zurück,
ein Blütenstern auf grünen Wellen,
als rauschten fremde Wasser Glück,
das Lied aus lang versunknen Quellen.

Und kommt ein Wind und streicht
das Haar wie einstmals warme Hände
sanft aus der Stirn, wird Schlummer leicht,
der Tau von Veilchen küßt die Lende.

So biegt sich sacht das müde Haupt
wie Knospen unter eigner Fülle
ins Dunkel, Efeu, mondbestaubt,
und birgt sich in den Schoß der Stille.

 

Dez 5 19

Wenn im Abendwind die sanften Veilchen

Wenn im Abendwind die sanften Veilchen
beben und auf dunklen Wassern scheint
Mondes blasse Blume, bleib ein Weilchen,
Liebe, noch, bis uns das Schweigen eint.

Wenn in Herbstes Gärten zart verrinnen
Vogelruf und Schlummers heller Tau,
hüllt des Nebels traumgesponnenes Linnen
uns die Wehmut in sein weiches Grau.

Wenn aus Asphalthöfen aber steigen
Zischen, Maulen, Grölen, Lärm der Welt,
flehn wir unter grünen Liedes Zweigen,
daß der stille Schnee der Gnade fällt.

 

Dez 5 19

Sonne

Daß ich, Sonne, mich dir wiedergebe,
wenn deine Feuerklingen
mein graues Herz durchdringen,
und mein Lied auf zarten Stielen schwebe.

Daß ich deinem tollen Lachen reife,
als Frucht der Nacht entquelle,
wie vollen Mondes Mirabelle,
Eos Rosenatem mich umschweife.

Daß dein goldnes Messer zärtlich schäle,
zur süßen Frucht geschwollen,
von der schon Abschiedstränen rollen,
meine glutgenährte reife Seele.

Schneid sie durch, die Bissen lächelnd reiche
den Kindern, Katzen, Hunden,
wird wohl sie ihnen munden
die von deinen Küssen traubenweiche.

 

Dez 4 19

Bittgesang

Der du dem Grün verlorn
duftlos hast gewacht,
mag dir erblühen noch
die Rose der Nacht
überm Dorn,
o hartem Dorn.

Der du vom Denken grau
lichtlos hast gewacht,
mag dir erglänzen noch
die Träne der Nacht,
Himmels Tau,
o weicher Tau.

Der du um Liebe bang
trostlos hast gewacht,
mag dich erquicken noch
der Vogel der Nacht
mit Gesang,
o süßem Sang.

 

Dez 3 19

Das scheue Glück

Hell schwingt der feine Nerv der Saite,
ein Zweig bog sich zurück,
du siehst in blaue Weite.
Rührst du daran nur leicht,
der süße Ton entweicht.
Ein Gast, ein scheuer, ist das Glück.

Eisblumen an den Fensterscheiben,
die Sonne kehrt zurück,
du hoffst, sie möchten bleiben.
Hauchst du sie an nur leicht,
der zarte Flor erbleicht.
Wie Tau von Blüten rinnt das Glück.

 

Dez 2 19

Magenbitter

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Am dicken Ende kommt es zutage: Der Jude ist eine Erfindung des Antisemiten.

Auch ein Asket – der Teufel hat ihm in die Suppe gespuckt.

Besser als der rechtgläubige Exorzismus: Pan furzt und die Hexen suchen das Weite.

Sie meinen, etwas kitzle sie am Geschlechtsteil ihres Denkens, und was sie daraufhin lallen, sei Poesie.

Der Unhold tötet, plump und ungeschlacht, wie er ist, mit einem Schlag – die Holde verabreicht ihr süßes Gift mit Blicken, Küssen, Worten für ein lebenslanges Siechtum.

Der kommende Weltstaat ohne Nationen und Grenzen wird von einem Zentralkomitee gesteuert, in dem Narren, Transvestiten, Junkies, Drogen-, Mädchen- und Waffenhändler, Pornostars, Kinderschänder und andere Triebtäter das Sagen haben.

Die männliche Hebamme – welch eine Groteske.

Der weibliche Dirigent – welch eine Parodie.

Boxerinnen – welch ein verkommenes Geschlecht.

Im frommen Judentum müssen sich die Mädchen und Frauen nach der Monatsblutung einer rituellen Waschung unterziehen, um wieder an der Sabbatfeier teilnehmen zu können.

Die unfruchtbaren Eier im seelischen Zyklus gewisser Intellektueller werden in Schriftform ausgeschieden und in den Periodika veröffentlicht.

Die jüdischen Hohepriester hatten eine feine Nase für die unreinen Ausdünstungen der Frauen.

Nur wer eine feine Witterung für den animalischen Geruch der Frauen hat, versteht ihr Wesen.

Et incarnatus est – warum als Sohn, nicht als Tochter? Nun, dies ist ein Grund, im jüdischen Umfeld.

Wer gebären kann, lebt inniger, empfindender, gedankenvoller als der flüchtige Samengeber.

Hüterin und Samenflüchtling.

Mittels der monogamen Ehe verpflichtet die Gebärmutter den Zeuger.

Das Blumengebinde der sexuellen Verführung und Lust, das SIE IHM umlegt, auch wenn es sich um eine billige, grelle Plastikattrappe handelt, ist zugleich die Sklavenkette, an der er hinter ihr hergezerrt wird.

Mädchen und junge Frau – der Kosmos von Haartönungen, Hautcremes, Wimperntusche, Nagellack, Strümpfen, Dessous, Büstenhalter, Parfums und Blumen.

Wie sie wirken, wie sie erscheinen, davon sind sie besessen, wessen Blicke sie ergattern.

Sie geht spazieren, Blicke pflücken.

Gälte die Maxime: Kein Wort zuviel! als moralischer Imperativ – dann stampft alle Zeitungen ein, legt Feuer an die Bibliotheken, knebelt die Schwadroneure hinter den Kathedern und vor den Kameras.

Die Schwarze, die mit Indianern, Eskimos und Cowboys ihre Gospels und Spirituals nicht singen mag – o Schwester im Geiste!

Regietheater: Schändung des Autors, Vergewaltigung des Schauspielers.

Sie dulden nur, was sie selber sind, gemeine Kerle.

Ihre Sätze sind Nesseln, Lattich und Disteln, die gepflegten Beete des großen Stilisten verachten sie als langweilig und öde.

Das Wachstum der Brüste, die Dehnung des Beckens, die Behaarung von Achselhöhlen und Scham, das Einsetzen der Monatsblutung – das sind die echten Existentialien im Leben der Frau.

Philosophen, die über Frauen schreiben, als wäre ihre Scham wie bei den marmornen und gipsernen Antiken in den Museen glatt und unbehaart.

Der erste Eisprung in der Pubertät und das Aussetzen der Regel im reifen Alter bilden den Lebenszyklus der Frau – auch im Empfinden, Fühlen, Denken.

Das Interesse der Frauen an Düften, Salben, Parfums und Essenzen, an Samt und Seide, Ornament und Gewebe, Blättern und Blüten entspringt ihrer Natur.

Den Frauen die Hintertür der Quote in die Alma mater zu öffnen, bedeutet den Anfang vom Ende der technischen Zivilisation. –  Den Rousseauisten, Romantikern, Goetheanern kann es ja nur recht sein.

Das schamlose Maul des Feministen und Genderisten, der den Unterschied der Geschlechter für eine soziale Konstruktion ansieht, stopfe man aus rein didaktischen Gründen mit einem frisch gebrauchten Tampon.

„Shoa“, „Holocaust“, „Rassismus“ – grelle Diskursattrappen, mit denen wie dazumal die Kleinen mittels Butzemann, Beelzebub und Vitzliputzli moralisch unaufgeregte und skeptisch abgeklärte Zeitgenossen eingeschüchtert werden sollen.

Ausdrucksreich, nuanciert, vielschichtig sind Sprachen von Völkern, die eine imperiale und kolonialistische Vergangenheit hinter sich haben.

Das Wogen und Rauschen des homerischen Verses und die Abenteuer der frühen Seefahrer und Kolonisten.

Die hohe, stille Bläue des Südens und die schwellenden Trauben mediterraner Gärten leuchten in Hölderlins Versen nach seinem Aufenthalt in Bordeaux glühender, inniger, vollkommener auf.

Wir sehen nicht das feinnervige Spiel der Muskeln um Augen und Mund und deuten es sodann als Lächeln – wir sehen es unmittelbar.

Woran erkennen wir den Unterschied von Lächeln und Lachen? Nun, wir sehen ein süßliches, verschmitztes, mildes Lächeln und hören ein höhnisches, derbes, schmutziges Lachen.

Nur was Augen, eine Nase, einen Mund, kurz ein Gesicht hat, kann lächeln. Ja, wir müssen sagen, nur ein menschliches Gesicht kann lächeln.

Wir können gezwungen lächeln oder ein Lächeln vortäuschen, doch ein Roboter nicht; würde er lächeln, flößte uns dies automatisierte Verhalten kein Vertrauen ein.

Es ist sinnlos zu fragen, ob der auf Lächeln programmierte Roboter seine freundliche Miene nur vortäuscht.

Der grinsende Affe lacht nicht wie du und ich, denn er könnte seinem Mienenspiel keinen Ausdruck von Hohn, Verachtung oder Vulgarität verleihen.

Wir hören nicht Geräusche, um sie sodann als artikulierte, sinntragende Laute zu interpretieren. Wir hören einen reden und verstehen ihn oder nicht.

Was wir Seele nennen, ist sichtbar in den Regungen des Leibes.

Keine Zahlen ohne Finger. Nur Menschen, die mit den Fingern auf gewisse Mengen zeigen und an den Fingern abzählen können, lernen rechnen.

Zahlen sind keine abstrakten Entitäten, sondern konkrete Zeichen für Rechenschritte oder rechnerische Operationen.

Zu sagen, es gebe keine unendliche Zahl oder der Zahlenstrahl sei unendlich, ist Unsinn.

Wonnen des Hasses, Qualen der Liebe.

Das Recht, von keinem geliebt werden zu wollen, auch nicht von höheren Wesen.

Das Recht zu hassen, wen immer man will.

Das Recht zu schweigen, wann immer man will.

Das Recht auf klare, unzweideutige sprachliche Mitteilung – auch von Philosophen.

Sie haben nichts auf dem Herzen – und das teilen sie in einer Suada von gischtenden Phrasen mit, die sie für modern, ja postmodern halten.

Wer möchte auferstehen, um all diesen Kreaturen wieder ins Angesicht zu blicken?

Der wahre Held der Zeit: Wer da zufrieden leben könnte ohne Internet, TV und Zeitung.

Die Waffe der Frauen sind Worte – oder das Schweigen.

Die meisten haben ein Verhältnis zu Tieren wie Kinder zu Puppen.

Ein Hauch – und das Kartenhaus stürzt ein. Ein Wort – und das Bild von diesem oder jener verblaßt.

Was sie witzig, lustig, komisch finden, was sie zu wieherndem Gelächter reizt, offenbart ihre ganze Niedertracht.

Welcher Magenbitter nach der Blutwurst der täglichen Nachrichten, der täglichen Eindrücke auf Straßen und Plätzen?

Die alten Griechen gönnten sich nach der tragischen Schlachtwurst den Magenbitter des Satyrspiels.

Die nichts zu sagen haben, kämpfen mit aller Leidenschaft gegen die Zensur.

Der Kampf gegen das Gespenst des Schnurrbarts wird immer glühender und verbissener, je mehr er dem Grinsen der Katze in Lewis Carrolls „Alice’s Abenteuer im Wunderland“ gleicht, das noch sichtbar ist, wenn sie selbst sich schon in Luft aufgelöst hat.

Daß sich Mopse und Afghanen ohne Dolmetsch verstehen! Meine Mopse, sprich Zeitgenossen, bleiben mir ein Rätsel.

Die meisten beziehen ihr Ansehen aus der Tatsache, daß die Umstehenden so kurzsichtig sind.

Es bedarf keines Grundes zu töten, der Wille genügt, Gründe finden sich immer.

Höher, reiner, sublimer als Mozart? Nein. – Aber tiefer geht es immer, bis zu Rock, Techno und Jazz.

Schachtelsätze, die Gedankensurrogate gewisser Intellektueller – die letzte Schachtel ist leer.

Parteien – Furunkel im Hintern des angeblichen Souveräns, der sich nicht einmal kratzen darf.

Verlogenheit aus Instinkt – das echte Talent, um in der Republik nach oben zu kommen.

Gegen ihre schmierigen Vertreter im Kulturbetrieb darf rechtens antisemitische Aversionen hegen, wer die ernsten Frommen, also echte Juden, hochschätzt.

 

Dez 1 19

Wenn wir dunkel liegen

Daß uns wenn wir dunkel liegen,
aus den Tälern der Erinnerung
Lüfte streifen, Seufzer wiegen
wie von Lippen rot und jung.

Daß auch wenn die Wangen blassen
unter grauen Abends Schnee,
Träume uns die Rosen lassen,
Rosen sagen: „Laß und geh!“

Abgrund, den wir blind durchmessen,
wo der letzte Sinn zerschellt,
mache weich ein Kuß vergessen,
Blatt, das auf die Stirn uns fällt.

 

Dez 1 19

Ranken zarter Lettern

Du kalte Amme, Luft, dein Wiegen
ist ohne Sinn, das Nest ist leer,
die krummen Fänge ließen liegen
nur weißen Flaum – Flaum, nicht mehr.

Wer hat den Becher ausgetrunken,
warst du es, Liebe, schmeckte nicht
zu bitter meine Seele? Funken
warf sie, kleine, auf dein Angesicht.

Die letzte Glut in schwanken Blättern
erlischt, im Brief, wie mein Herz so grau,
verschwimmen die Ranken zarter Lettern
von Tränen, unfruchtbarem Tau.

 

Nov 30 19

Wenn fern die dunklen Wasser weinen

Was unterm Strahl gereift zum feuchten Glanz,
muß lang im Dämmerlichte gären,
es sprüht der weichen Wogen Schattentanz
vom bunten Licht der letzten Fähren.

Wie sänftiget des Dichters milder Wein
die wilde Schwermut, die wir fühlen,
tief unterm Sichelmond allein,
o goldne Tropfen, unsern Schmerz zu kühlen.

Sind Augen nicht in blauen Abends Grund,
die uns mit hellen Tränen scheinen?
Wie lauschet unser Herz von Sehnsucht wund,
wenn fern die dunklen Wasser weinen.

 

Nov 29 19

Aschenwolken wehen Nacht

Aschenwolken wehen Nacht,
Schatten wandeln auf den Wegen,
Kreuz, das dunkler ragend fragt:
„Blutete mein Holz nicht Segen?“

Ausgeglühten Lebens Blatt,
fahler Tanz auf schwarzem Wasser,
Herz, das leiser schlagend klagt:
„Wie wird liebes Antlitz blasser.“

Echo stirbt im Brunnenschacht,
wo die Wünsche untergingen,
Mund, der sich verschließend sagt:
„Stumm bleib ich bei stummen Dingen.“

 

Nov 28 19

Was Liebe fragt

An einem grob gestutzten Stecken
hält sich die Rose eine Weile –
gab so mein Herz dir einen Sommer
leichten Aufruhns für dein Lächeln?

Der Kreise schreibt, der Wassertropfen,
sie weiten sich in sanften Wellen –
gab so mein Atem deinem Fühlen
weiches Zittern, leises Lächeln?

Auf Wassern treibend, Mondes Blüte,
die rasch verblaßt auf grünen Wellen –
gab so mein Auge dir den Spiegel
sanften Aufschauns für ein Lächeln?

 

Nov 27 19

Der Kranz

Wie kleines Dasein Güte hebt,
wenn wir zu schönem Kranze binden
des Sommers Grün, den Schmerz ins Licht
von Blüten, weißen Sternen, winden.

Und weihen ihn dem schwarzen Stein,
worauf wir Namen meißeln ließen,
die unsres Herzens Mitternacht
erhellen, Monde, die zerfließen.

Wie graues Dasein Sonne lockt,
mit Reben höher sich zu ranken,
in goldner Trauben feuchtem Glanz
dem grenzenlosen Blau zu danken.

Und funkeln Blicke uns im Wein,
der Liebe lang versunkne Sonnen,
umkränzet unser Herz ein Laub,
dem Flammen aus der Nacht geronnen.

 

Nov 26 19

Als weiße Flügel Ferne tranken

Als weiße Flügel Ferne tranken
über letztem Rosenglühen,
wollte ich mit ihnen fliehen,
als weiße Flügel Ferne tranken.

Beim Schneien von Magnolienblüten
über mondbetauten Steinen
wollte ich mit ihnen weinen,
beim Schneien von Magnolienblüten.

Beim Niedersinken kleiner Falter
über brunnengrünen Scherben
wollte ich mit ihnen sterben,
beim Niedersinken kleiner Falter.

Als deine hellen Tränen rannen
über veilchenblasse Wangen,
nährten sie mein dunkles Bangen,
als deine hellen Tränen rannen.

Als kleine Falter niedersanken
und Magnolienblüten schneiten,
wollte ich ins Blaue gleiten,
wo weiße Flügel Ferne tranken.

Als dunkel lag des Abschieds Schwelle,
gaben deine veilchenfeuchten
Wangen mir ihr schwaches Leuchten,
als dunkel lag des Abschieds Schwelle.

 

Nov 26 19

Torheit, Weisheit, Liebe

Torheit fragt, warum ins Licht sich reckt
Baum und Blume, Liebeslieder
blauen Himmel spiegeln, Dunkel schreckt
Herz und Hoffen, tropft es nieder.

Weisheit sieht, wie hell auf Schatten schwimmt
Sang der Nachtigallen, Tränen
Abgrunds Samt begeisten, Traumgras glimmt,
überschwirrtʼs ein Flügelschlag von Schwänen.

Liebe ahnt, erglüht im Zwielicht Schnee,
Purpurrosen und die blauen,
weichen Wassers Blicke, wie ihr Weh
sanften Hauches Veilchen tauen.

 

Nov 25 19

Abwärts schwebend

Abgepflückt
von kalten Windes
spitzen Lippen
rotes Ahornblatt
am wilden Kuß
verglühtes Herz
des Sommertags
Opferflamme
die erlischt
abwärts schwebend
sahest ja das Totenmal
des vollen Monds
und blutig drunten
der Turteltaube
zarten Flaum
die Herbstnacht
fängt dich nicht mehr auf
in ihrer zitternd
hingehaltnen Bettlerschale
dem treu gedient
dein Grünen
dein Säuseln
in der blauen Luft
der Erde hohem Baum
sagt dein graziöses
Niedertaumeln
Lebewohl
nur die blasse Malve
leise schwankend
fühlt es
wie du sanft
im Gras versinkst

 

Nov 24 19

Blauend blaß aus Übergängen

Blauend blaß aus Übergängen
zwischen Schlaf und Gras
flirrend Flieders Überhängen.
Wasser, grünes Glas.

Tropfenüberklungne Stunden,
dunklen Schluchzens Moos
und mit Efeu schmerzumwunden
Grabstein namenlos.

Pochen stockt, wie Kinderschritte
rasch verschluckt vom Schnee,
weich, als ob ins Dunkel glitte,
was dir tat so weh.

 

Nov 23 19

Hoffe nicht auf Wiederkehr

Leide, doch leide nicht zu sehr.
Du gehst hinab ins dunkle Schweigen,
wenn sich die späten Rosen neigen.
Hoffe nicht auf Wiederkehr.

Singe Schaum und grüne Flut.
Am Ufer, wo die Lilien winken,
wird dir das schmale Boot versinken.
Hohe Woge löscht die Glut.

Gehe hin, doch nicht mehr her.
Der Weg, wo du den Duft getrunken,
ist bald im tiefen Schnee versunken.
Hoffe nicht auf Wiederkehr.

 

Nov 23 19

Rotes Ahornblatt

Rotes Ahornblatt
von Sonnen ausgeglüht
von Liebesqual
das von seinem Zweig
ein Seufzen löst
ein Hauch der Nacht
und sein Torkeln schimmert
des Monds Gespielin
für eine kleine Weile
stillen Schwebens
abwärts gaukelnd
und tastet nicht nach Halt
am Blick der Schwestern
abwärts tänzelnd
im vollkommnen Tanz
des Niedersinkens
o letztes Glück
der Erde dunklen Schoß
leise sterbend
leise küssen

 

Nov 22 19

Wir gehen in die Abendstrahlen

Wir gehen in die Abendstrahlen
des Sommergartens, still versinken
im Lindenduft die süßen Qualen,
die wir aus feuchten Blicken trinken.

Wir sitzen auf den Marmorsteinen
und lauschen, könnten sie uns stillen,
wie Brunnen sich ins Dunkel weinen,
sich schluchzend Schalen überfüllen.

Verklungen ist das Spiel der Wasser,
des Dämmers Milch vertropft an Rinden
und unsre Schatten werden blasser,
bis sie im vollen Mond verschwinden.

 

Nov 22 19

Ein weißes Blütenblatt

Ein weißes Blütenblatt
fiel auf das zarte Grün,
wie schlug dein Herz so matt,
als weiß das Blatt dort schien.

Ein leiser Hauch der Nacht
verwehte ihren Duft,
du hast so lang gewacht,
doch fade blieb die Luft.

Wie macht der Wellenschlag
an dunkle Ufer bang,
wie kurz der Sommertag,
die Sommernacht wie lang.

 

Nov 21 19

Dionysos, so fern

Es war so still, nur Schatten schwebten.
Im Gras wir beide, Frau und Mann,
und ungestillt die Herzen bebten,
bis Mondes kalte Milch zerrann.

Die Worte lagen rings wie Trauben,
noch unreif und rasch ausgespien,
die Küsse wollten es nicht glauben,
daß Lieder in die Bläue fliehn.

So hieß der ferne Gott uns schweigen,
der dunkle Glut im Wein entfacht,
ihm tropft ein Glanz von Efeuzweigen,
wenn ihm der Mund des Sanges lacht.

 

Nov 21 19

Schmelzende Eisblumen

Schöne Ranken an den Fensterscheiben,
Frostes weiße Blumen, unfruchtbar,
die nicht blühen und nicht lange bleiben,
ihr erstarrter Traum ist schmerzensklar.

Wenn sie dann im Frühlingswinde weinen,
ein kristallnes Herz verrinnt so leicht,
ohne Seufzen schmilzt ihr blasses Scheinen,
ist es wahr: auch unser Herz erbleicht.

Fließt der Blick erfrischt durch reine Gläser,
Himmels Fahnen flattern wasserblau,
sehen wir im Hof die dürren Gräser,
möchten weinend auch zergehn im Tau.

 

Nov 20 19

Der Weg im Abendlicht ist nicht mehr weit

Der Weg im Abendlicht ist nicht mehr weit,
schon will der Blick ins Dämmer-Tal erblinden,
wo zarte Schimmer noch vom Leben künden,
als sprühte fallend ferner Liebe letztes Scheit.

Ein Schauer löst sich jäh vom dunklen Laub.
War es ein Vogel, den dein Kommen scheuchte,
war es des Sommers schwermutsüße Feuchte?
Dein Herz ist für das helle Rieseln taub.

So legst du dich ins Gras, die Wimper kann
die blaue Flut der Nacht nicht lange halten,
du willst in fremder Sterne Blick erkalten,
und zum Kristall erstarrt, was Liebe sann.

Wie dunkler Sang aus dunklen Quellen trinkt.
Die Stimmen, die in hohen Kronen wogen,
sie sind an jene Ufer schon gezogen,
wo unter Asphodelen sie dir winkt.

 

Nov 20 19

Gang ins Schweigen

Wir haben nun nicht weite Ziele mehr,
der Abend steht schon grau und blütenlos,
wir sind vor weichem Seufzen ohne Wehr,
das aus den Wiesen steigt, der Erde Schoß.

Was geisterhaft auf jenem Hügel thront,
gießt unsern müden Herzen keinen Tau,
ins Tal, das wir nicht sehen, rollt der Mond,
die alte Nacht verschließt den Weltenbau.

So bleibt uns nur zum dunklen Liebeslicht
der treuen Blicke zarter Wechseltausch,
einander schöpfend Glanz ins Angesicht
verebbt in Schweigen Wort und Kuß und Rausch.

 

Nov 19 19

Du warst der Blume leises Bitten

Du warst der Blume leises Bitten
nach Tränen, die den Blick verhüllen
vor Sichelmondes stummen Schnitten,
mit stillem Glanz das Auge füllen.

Du warst der Duft aus blauem Süden,
was weiche Wasser dunkel sagen
den Sanften und den Weinens Müden,
war dein Gesang in Sommertagen.

Wie Tropfen, die im Schneelicht zittern,
ein Lindenblatt in alten Briefen,
sind hingestreut in blinden Splittern
die Bilder, die im Innern schliefen.

Du warst der Blume leises Bitten
nach Tränen, die im Herzen quellen,
o daß sie nicht umsonst gelitten
und meine Tränen sie erhellen.

 

Nov 18 19

Die zerbrochene Äolsharfe

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Gründe, Vernunft, Argumente, Theorien: Fetische der Philosophen, die mit ihnen – vergebens – die fatalen Wahrheit verdecken und bannen wollen, daß wir grundlos leben und nur in Zweifelsfällen wägen, was wir tun und sagen.

Wir reden so dahin, ohne zu wissen, was wir sagen.

Auch wenn wir nicht gemäß dem rationalen Muster leben und handeln und reden, wie es die Philosophen von Sokrates bis Kant und Habermas gutheißen oder uns vorschreiben, folgt daraus nicht, daß wir Gefahr liefen, wie Musikautomaten angesehen zu werden oder Papageien einer eingebauten biologischen Partitur.

Die Philosophen lassen sich vom verführerischen Bild des Grunds und Fundamentes, auf dem ein Gebäude steht, gern zu theoretischen Annahmen letzter Begründungen inspirieren; doch das Firmament und Himmelszelt ruht nirgends auf, die Gestirne schweben gleichsam losgelöst und frei im Leeren.

Wir spielen, voller Unschuld, doch manchmal mit tödlichen Folgen, Schicksal miteinander.

Wenn die soziale Maske auf das biologische Muster paßt, verstehen wir einander wie Mann und Frau oder Kinder und Greise intuitiv.

Die perfideste Rache: den anderen in den Wahnsinn treiben.

Der perfekte Mord: den anderen in den Selbstmord treiben.

Ikonographie des Alltags: Das Kind läuft dem roten Ball nach, die Alte schiebt ihren Rollator vom Supermarkt, der Bettler hält die Schale hin.

Grundformen der Kommunikation: zwei, die Güter tauschen oder Worte; einer schenkt dem anderen ein Gut oder ein erfreuliches Wort; einer raubt dem anderen sein Gut oder die Möglichkeit, sich auszudrücken; einer raubt dem anderen sein Gut und zerstört es.

Tausch, Gabe, Raub und Zerstörung bilden die Bilanz der menschlichen Kommunikation.

Aller Ehren wert ist die Illusion der Unsterblichkeit der Seele, wenn sie sich aus der Hoffnung nährt, den vom Tod aus den Armen gerissenen Geliebten wiederzusehen.

Bedenklich, ja verächtlich ist diese Illusion, wenn sie aus dem Ressentiment des gekränkten, zukurzgekommenen und übervorteilten Lebens aufkeimt, um seine jenseitige Rache an dem stärkeren, reicheren oder verbrecherischen Leben zu ermöglichen.

Die dumpfe Hefe der Religionen gärt vom Ressentiment der Rache und Vergeltung.

Was sollen dem alten Weib, das mit zitternder Hand in der Gnadenkapelle eine Kerze entzündet, die dogmatischen Lehren eines Athanasius oder Augustinus?

Wasserspiele, Trompe-l’œil, Irrlichter, farbige Schatten, perspektivische Täuschungen, rätselhafte Echos, kurz: köstliche Spiele zwischen Sein und Schein locken in den Garten der Kunst.

Rokoko, bezaubernde Tändeleien, durchschimmernd wie Porzellan, Serenaden auf schwankenden Booten, in denen die Geige aus perlenden Schäumen der Flöte nixenhaft auf- und niedertaucht, im Sommerduft des Parks verhauchte Arien, Schäferspiele zwischen seufzenden Wassern und rosenüberwachsenen Pavillons, neckendes Spiel der Blicke hinter bunten Fächern, zitternd wie vom Trinken und Schillern ermüdete Falter, enge Mieder, künstlich inniger zu schluchzen, weite blumenbestickte Röcke, lüsterne Spiele des Winds.

Wie dumpfer Seele Schwere sich löst in wehenden Zweiges Schatten, dem zarte Fäden webenden Licht des Abends, dem leise in der Dämmerung des Grases glucksenden Wasser, in Sonnenflecken auf milchiger Birkenhaut.

Alter Baum, der für sich steht auf weitem Feld, knorrige Fäuste gegen die unbarmherzige Sonne reckend, gebeugt unter den nassen Flüchen des Winds, als rausche in seinen Zweigen noch das Lied des Hirten, der vor Zeiten sich schläfrig an seinen Stamm gelehnt hat.

Mag der Dichter die Äolsharfe der Sprache in den Wind des Zufalls halten, besser als sie für eine Partitur gezinkter Noten zu mißbrauchen.

Die sich groß dünken und als Frucht ihrer Bemühungen die Stücke der eigenhändig zerbrochenen Windharfe ins johlende Publikum halten.

In den Maaren steigen am Rande noch Bläschen aus der Tiefe der Vergangenheit dieser Vulkanseen; so die Erinnerungen aus der Seele des Dichters.

Aus der Vergangenheit steigt bisweilen ein Name auf, völlig abgelöst vom Bild und der Stimme seines Trägers, wie im Dunst über grauem Wasser ein voller Mond; mag es uns dermaleinst mit dem eigenen Namen ebenso ergehen.

Glück war, aus dem Wirbeln und Stäuben des Schnees mit glühenden Händen und Ohren sich als Kind in die Stube der Großmutter zu flüchten und die kalten Füße in den zahnlosen Rachen des gußeisernen Herds zu stecken.

Glück auch, nach dem strengen Aufstieg aus dem Moseltal sich in der Höhe zwischen kitzelnde Gräser zu legen und wie in Trance zu den ziehenden Schneebergen der Wolken zu blinzeln, während einzelne große Schweißperlen über die Wange in den Mundwinkel rannen – ihr Salz zu schmecken und an das Meer zu denken.

Glück, sich in die Frische und sich erneuernde Macht des Wassers zu neigen, sich von seinem murmelnden Schweigen überrinnen zu lassen, sein immer altes, immer neues Lied aus dem Ächzen von Röhricht und Binsen herauszuhören.

Ja, Glück der Ungewißheit in diesem jähen Wehen der Zweige und Flattern der Blätter, wenn schneller graue Wolke aufziehen, erste Tropfen wie winzige Warnschüsse auf fettem Kohl und dürrem Reisig platzen, wird man noch rechtzeitig trocken heimkehren, und die Lust wandelt einen wie eine süße Ohnmacht an, reglos auf der Wiese liegen zu bleiben, sich von Blitzen grüßen zu lassen, sich segnen zu lassen von warmen Sommerschauern.

Bange Seligkeit des einsamen Kindes auf dem Rücken des Pferds, das sich immer schneller dreht, und die da winken an der Seite des Karussells, sind es noch die Eltern, die Freunde noch, und die kleine Hand, die sich ängstlich an die harten Roßhaare geklammert, gibt sich frei und schwankt auf und ab im Wind wie eine vom Gitter gerissene Ranke.

Glück sogar, ist der Tod ein guter Tänzer, der dich in einem letzten rauschenden Walzer dreht und herumwirbelt, und seitlich an den immer weiter zurückweichenden Wänden winken die Freunde, die Geliebten, selbst einige finstere Gesichter sind darunter, die sich nun ein wenig aufhellen.

Gewiß ist die Monarchie die würdigste Regierungsform, wenn bis in den Dämmerwinkel der Köhler, Diebe und leichten Mädchen goldene Schimmer der kaiserlichen Embleme dringen und die schönen Parkanlagen um die Hofburg selbst das feinnervigste Sensorium der Musiker und Dichter mit dem Plätschern ihrer Brunnen, dem duftigen Schaum ihrer Fontänen und den Wohlgerüchen ihrer exotischer Blüten zu Werken inspirieren, deren süße Geheimnisse bestricken und deren Teint durchsichtig schimmert wie die zarte Haut der jungen Kaiserin.

Banges Glück, wenn der Einsame unterm schrägen Dach schlummerlos liegt und aus ebenso einsamer Höhe der Nacht blaue Kühle durch das kleine offene Fenster strömt, unvermutet indes wie über das Ufer schlagende Wellen ferne Glocken den Morgen verkünden, den Anbruch des Tages, zu dem sie einladen wie weich dahinziehende Wasser den mutigen Kahn.

 

Nov 17 19

Ermattende Terzinen

Wir wollen schweigend in den Abend gehen,
wenn über uns die dunklen Kronen schwanken
und gelbe Blätter auf den Pfaden wehen,

die wilden Rosen, die sich umeinander ranken,
weil späte Strahlen sie ins Leben heben,
sie glühen noch wie große Herz-Gedanken.

Die Hände, die wir uns wie Blinde geben,
durchströmt, was schmale Lippen uns versagen,
des Blutes Sang mit veilchenleisem Beben.

Wir wollen eins des andern Wehmut tragen,
als liehe Nacht uns blauer Flügel Schatten,
mit denen wir in bangen Pulsen schlagen,

bis wir in weicher Küsse Tau ermatten.

 

Nov 17 19

Abschiedsterzinen

Noch rieseln lächelnd goldene Tränen
auf unsern Pfad aus Abends Dämmerkronen,
wir lassen schweigen alles Wollen, Wähnen,

als möchte uns der Geist der Zeit verschonen,
verbergen Schimmer uns und Dunkelheiten,
daß dort im Heimattale Menschen wohnen,

die unser harrend schon das Mahl bereiten,
ihr Kuß mag uns den Reif vom Herzen hauchen.
Doch wollen weiter wir ins Brachfeld schreiten,

bis einsam wir ins kalte Sternlicht tauchen,
einsamer noch wie Schnee im Mondlicht sehen
Jasmin, den wir nicht pflücken und nicht brauchen,

mit Liebeszeichen wieder heimzugehen.
Uns bleibt nur zarter Halme leises Rauschen,
die süßen Worte, die so bald verwehen,

die Abschiedsworte, die Hand in Hand wir tauschen.

 

Nov 16 19

Horaz, Ars poetica, 156–178

Aetatis cuiusque notandi sunt tibi mores,
mobilibusque decor naturis dandus et annis.
Reddere qui uoces iam scit puer et pede certo
signat humum, gestit paribus conludere et iram
colligit ac ponit temere et mutatur in horas.               160
inberbus iuuenis tandem custode remoto
gaudet equis canibusque et aprici gramine Campi,
cereus in uitium flecti, monitoribus asper,
utilium tardus prouisor, prodigus aeris,
sublimis cupidusque et amata relinquere pernix.               165
Conuersis studiis aetas animusque uirilis
quaerit opes et amicitias, inseruit honori,
commisisse cauet quod mox mutare laboret.
Multa senem circumueniunt incommoda, uel quod
quaerit et inuentis miser abstinet ac timet uti,               170
uel quod res omnis timide gelideque ministrat,
dilator, spe longus, iners auidusque futuri,
difficilis, querulus, laudator temporis acti
se puero, castigator censorque minorum.
Multa ferunt anni uenientes commoda secum,               175
multa recedentes adimunt. Ne forte seniles
mandentur iuueni partes pueroque uiriles;
semper in adiunctis aeuoque morabitur aptis.

 

Jeglichen Alters Ethos solltest fein du verzeichnen,
schneidere jedem Charakter altersgemäße Kostüme.
Worte plappert der Knabe schon nach, seine Fußspur
zeigt sich im Lehm, er spielt gern mit Freunden, und übermannt ihn
Zorn, ist er gleich wieder brav, ein rollender Spielball der Stunden.                160
Flaumlos noch der Jüngling, den Aufpasser endlich vom Halse,
tollt er mit Pferden und Hunden, im Gras des sonnigen Spielfelds,
Wachs in der Laster Hand, für Moralapostel wie Leder,
sieht nicht, was morgen zählt, und zählt nicht, was heut er verjubelt,
gierend nach Hirngespinsten verstößt er das Herz seines Herzens.                165
Neuen Zielen geneigt strebt das reife Alter nach Geltung,
bildet Freundeskreise, stellt sich in den Dienst eines Amtes,
scheut vor Dingen zurück, die man nicht so leicht wieder loswird.
Manch Beschwernis umlauert den Greis, kaum hat er gefunden,
was ihm im Sinn war, läßt miesepetrig erʼs liegen, er scheut die                170
Nähe oder faßt alles nur bang an, mit fröstelnden Händen,
zaudert, vag hoffend und schlaff, das Morgen sollʼs bringen,
heikel, ein Krittler, voll des Lobs für verflossene Zeiten,
da er noch jung war, geißelt er, brandmarkt die Unart der Jugend.
Vieles Angenehme bringen sie uns, die kommenden Jahre,                175
vieles rauben die scheidenden wieder. Doch was den Alten
ziemt an Rollen, laß Jugend nicht spielen, nicht Knaben wie Männer,
stets wird man bleiben bei dem, was jedem Alter gemäß ist.

 

Nov 15 19

Letzte Rosengluten

Verlöschen letzte Rosengluten
und neigen Blüten sich zur Erde
in weicher Schmerzgebärde,
dann send uns, Abend, blaue Fluten.

Verebbt der Ruf der Purpurreiher,
Erinnerung an den Süden
bezwang das Herz der Müden,
dann webe, Traum, den zarten Schleier.

Klirrt dumpf der grüne Geisterspiegel,
aus denen Schwäne tranken,
des Lebens bunte Bilder sanken,
dann hüll uns, Nacht, in sanfte Flügel.

 

Nov 14 19

Schubert

Wo deine große Seele singt,
rührt sich an der hohen Mauer
Efeu, grünen Lebens Trauer,
dem weicher Regen Funkeln bringt.

Im Moos, der dunklen Erde Schlaf,
hörst du, Traum ward alles Sinnen,
Tropfen zitternd niederrinnen,
den Ton, der dich im Herzen traf.

Und weitet sich des Atems Gang,
seufzen Wasser, die schon sinken,
Rosen haben wieder Trinken,
und die Verzagten lauschen bang.

Im kargen Dasein unerreicht,
Liebe kommt, dich anzuschauen,
gib die Veilchen ihr, die blauen,
denn Liedes Tau hat sie erweicht.

 

Siehe:
https://www.youtube.com/watch?v=-FEODPzkKSw

 

Nov 14 19

Erfrorene Bienen

Daß unter Himmels grauer Leere,
Schnee deckt der Halme Rauschen zu,
des Mundes Blume wiederkehre,
das Leid im Liede atme Ruh!

Von Leichentüchern sind die Schwellen
zu Lebens Triften bleich verhüllt,
verebbt sind grünen Lichtes Wellen,
die dunkle Herzen angefüllt.

Des Gartens bienen-goldnes Singen
erfror in Kelchen aus Kristall.
Wo wir durch rote Tulpen gingen,
rollt eines Mondes weißer Ball.

Daß frostbehauchte Totenaue,
Reif glitzert kalt auf Kreuz und Gruft,
der Liebe Träne wieder taue,
der laue Abend atme Duft!

 

Nov 13 19

Das weite Tal des Gleichmuts

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Warum um Himmels willen soll denn ALLES auf EINES (oder überhaupt auf ETWAS) hinauslaufen, das strömende Chaos sich in eine höhere Ordnung ringeln und kringeln, die schlammigen Flüsse ins Meer des Lichtes münden, die bunten sybillinischen Blätter der Seele auf der dünnen Leine einer grauen Allegorie zum Bleichen aufgehängt werden, die tausend Geschichten der Perser, Griechen, Römer, Germanen im preußischen Licht einer blassen sittlichen Sonne als EINE Geschichte lesbar werden?

Nur Sätze haben Sinn, das Dasein der Menschheit hat keinen.

Die von sich behaupten, alles von Adam bis Adolf übersehen zu können, sind blind für die Abgründe, die sich zwischen den Zeiten, den Völkern, den Sprachen auftun.

„Geschichte der Stadt Osnabrück“ – na schön; „Geschichte der Philosophie“ – das riecht schon nach Betrug.

Gewiß, wir können Abgründe der Zeit überspringen: Wenn Horaz von den unterschiedlichen Rollen, Charakteren und sittlichen Masken spricht, wie sie auf der Bühne der Welt und des Schauspieles auftreten und vom Dichter geformt werden sollen (ars poetica, 156 ff.), verstehen wir genau, was er meint; denn wie die biologische Polarität der Geschlechter stattet uns auch der natürliche Prozeß des Alterns mit den immer gleichen habituellen Gepflogenheiten, mit den bis zur Monotonie gleich gedrechselten und geschnitzten Phrasen und Physiognomien aus.

Der Kleinbürger vermag den Graben zwischen seinem idyllischen Traum von der Gartenlaube (oder bei bierseliger Laune den obszönen in derselben) und den mythischen Größenphantasien der Cäsaren oder der Vision der Symbolisten von der reinen, vollkommenen lyrischen Sprache, die leer, ohne Inhalt ist wie der rosige Schimmer der Nachmittagssonne auf welken Hortensien, nicht zu überspringen.

Unüberbrückbare Welten liegen zwischen den ohne Mörtel verfugten Quadern der Sprache Cäsars und den leise plätschernden Seufzer-Wellen Brentanos.

Seltsamerweise verbindet bisweilen das Absurde, das Irrationale, der Albtraum Menschen fernster Zeiten und Regionen mehr als Sippenangehörige die Gemeinschaft des Blutes. Denn es ist dasselbe Feuer, das in der Hölle der Buddhisten, Christen und Mohammedaner die Verdammten brät, auf daß sich die Erlösten an ihren Qualen und Schreien delektieren.

Horaz deutet an (ars poetica 203 ff.), wie der von den Griechen übernommene Aulos (eine Art Doppel-Oboe) von einem primitiven Ding aus Holz oder Knochen zu einem raffinerten Musikinstrument aus Metall mit Klappen verfeinert wurde, sodaß die auf ihm im Theater zu Gehör gebrachten Melodien präziser ausgeführt und ausdrucksreicher vorgetragen werden konnten. Dieses Detail ist in ein größeres Mosaik kulturgeschichtlicher Betrachtung eingefügt, wonach sich der schlichte Geschmack eines noch bäurisch geprägten Theaterpublikums subtilisiert, ja dekadenter Übersteigerung zugeneigt habe, nachdem sich aus einem Bauernvolk in Waffen nach der Niederwerfung der Karthager, des römischen Hauptfeindes, in der ihr zugewachsenen Muße eine Elite verwöhntester Ansprüche herausgebildet hat:

Postquam coepit agros extendere uictor et urbes
latior amplecti murus uinoque diurno
placari Genius festis impune diebus,
accessit numerisque modisque licentia maior.

Darauf begann der Sieger das Land zu vergrößern, die Städte
dehnten den Mauerring aus und an festlichen Tagen ward straflos
schon am hellen Tage getrunken, ein Hoch auf den Genius,
da sind Versmaß und Melodie ins Kraut aufgeschossen.

Horaz blickt auf die Phänomene einer luxurierenden Selbstfeier der Elite, vielleicht im Schatten der konservativen Augusteischen Kulturpolitik, ersichtlich skeptisch, der wackere, biedere Mann ist ihm, dem Artisten auf dem lyrischen Hochseil, lieber als der Spätling, der, den Kopf in farbig ausgeleuchteten Klangwolken, den Boden unter den Füßen zu verlieren droht.

Die Zügel im Zeichen der großen Freiheit schleifen lassen führt in Verwahrlosung, Verluderung und Verbrechen; sie unter dem Banner der starren Ordnung eng um Seele und Leib zu schnüren, macht fühllos und stumpf.

Erst ließen sie Haare und Nägel wachsen, und stank es auch in der Bude, sie gaben sich genialisch; dann kamen sie kahlgeschoren in härenen Hemden nach Haus und knallten dir die radikale Phrase vor den Kopf.

Die Weisheit der Antike sieht den Moment im Wechsel und Fluß und weiß um seine Wiederkehr, auf Regen folgt Sonnenschein, erst herrscht der Monarch, dann eine Elite, schließlich der Pöbel, dann geht es wieder von vorne los. Die Borniertheit der Moderne sieht den Moment als Phase eines zielhaften Laufs, der im Idealzustand oder mindestens in der eigenen Selbstgefälligkeit gipfelt.

Weil gewisse Kleingeister abstrakte Kunst und atonale Musik für entartet ansehen, bin ich nicht gehalten, sie zu schätzen oder zu lieben.

Zwischen den Gipfeln der Neigung und Abneigung dehnt sich das weite Tal des Gleichmuts, wo die Betrachtungen stiller und flüchtiger schön die Wolken sich zeigen.

Auf dem Kuhfladen schimmern purpurne Mücken.

Hätte er anders handeln können? Wir wissen es nicht; das entbindet uns nicht der Pflicht, ihn zu maßregeln oder zu bestrafen, falls er eine Untat beging.

Der bissige Hund wird noch ärger wüten, wenn wir ihn von der Kette nehmen.

Sie überschwemmen die Seiten mit freien Versen, weil sie das Wasserzeichen der Strophe nicht fanden.

Die großmäulig und hemdsärmelig die Konventionen von Metrum und Rhythmus mißachten, grüßen brav ihren Verleger und überreichem dem Lektor einen Blumenstrauß.

De Sade wird nicht dadurch erträglich, daß beschriebener Kot nicht stinkt.

Autoren, die mit Worten ringen und ihre Niederlage penibel zu Protokoll geben, können Scharlatane oder Märtyrer sein, manchmal findet man nicht heraus, was von beidem.

Frauen wurden als das schwächere Geschlecht deklariert, weil sie fühlender als der Mann dem Sturm nachgeben, an dem dieser zerbricht, länger leben und weniger bereuen, das Schicksal aus ihren Augen blitzt und ihr Schoß die Lebensmacht birgt.

Des Mannes Ohnmacht ist seine Potenz.

Wer den Kreislauf der Eliten beschleunigen möchte, soll sich auch offen zu den Spänen bekennen, die das große Hobeln erzeugt.

In den finsteren Katakomben der Macht hält der Machthaber vor dem Wurm seine Shakespeare-Monologe.

Man muß gleichmütig wie Diogenes werden, um sich unter dem schlechten Atem der moralischen Erpressung nicht zu übergeben.

Das Monster zu Füßen, zu Häupten den Engel, das macht noch kein Weltendrama.

Zwischen nächtlichem Schweigen und dem Lärm des Tages die grauenden Nebel, in denen fremd und unverständlich Rufe hallen, man weiß nicht, wem sie gelten.

Hat alles gelesen, sinkt sprachlos ins Grab.

Wir kneten unsere Zeichen nicht in den Lehm der Natur; diese muß mitschwingen, damit sie uns mitteilen und tragen.

Das Spielkind lugt erst scheu hinter der Schürze der Mutter hervor, dann lächelt es, reißt sich los und läuft auf die Spielkameraden zu.

Das Spielkind kann bis ins hohe Alter unvermutet wieder lächeln und sich plötzlich wieder losreißen.

Bittere Armut beschmutzt die Seele genauso wie obszöner Reichtum.

Die Verklärung des Hungerleiders und Depravierten ist die Christentum und Sozialismus gemeinsame Dummheit.

Was den moralisch immer Empörungsbereiten in Harnisch bringt: ein zufriedenes Leben, das sich um andere nicht schert, sondern im Stillen sich an den Früchten des eigenen, sorgsam eingehegten Gartens gütlich tut.

 

Nov 12 19

Frostige Terzinen

Gefrorene Tropfen, Lichtkristalle hängen
an toten Fäden, blitzen, wenn sie beben.
Es ist, als ob die weißen Schalen klängen,

die überm Schlaf der Weidenbüsche schweben,
und weicher lösen Bilder sich in Teichen.
Die Schwermut will den dunklen Blick nicht heben –

er haftet fern am Gold von Sonnenreichen –
nicht eignen Schmelzens bunte Schlieren schauen,
die unterm wilden Flockenfluge bleichen.

Und Träne wird den Schmerzkristall nicht tauen.

 

Nov 11 19

Mimnermos, Distichen

τίς δὲ βίος, τί δὲ τερπνὸν ἄτερ χρυσῆς Ἀφροδίτης,
τεθναίην ὅτε μοι μηκέτι ταῦτα μέλοι,
κρυπταδίη φιλότης καὶ μείλιχα δῶρα καὶ εὐνή,
οἷ᾽ ἥβης ἄνθ εα γίγνεται ἁρπαλέα
ἀνδράσιν ἠδὲ γυναιξίν: ἐπεὶ δ᾽ ὀδυνηρὸν ἐπέλθῃ
γῆρας, τ᾽ αἰσχρὸν ὁμῶς καὶ κακὸν ἄνδρα τιθεῖ,
αἰεί μιν φρένας ἀμφὶ κακαὶ τείρουσι μέριμναι,
οὐδ᾽ αὐγὰς προσορῶν τέρπεται ἠελίου,
ἀλλ᾽ ἐχθρὸς μὲν παισίν, ἀτίμαστος δὲ γυναιξίν,
οὕτως ἄργαλέον γῆρας ἔθηκε θεός.

 

Was wär Leben, Genuß ohne Aphrodite, die goldne,
lieber wär ich tot, wäre dies mir abhold,
heimliches Kosen und schmeichelnde Gaben und Freuden des Bettes,
Blüten der Jugendzeit sind so voller Reiz
Männern wie Frauen: Wenn aber kummerbeladen das Alter
anrückt, das häßlich macht und entwürdigt den Mann,
reißen den Geist in Stücke ihm die widrigen Sorgen,
und sein Herz erquickt nicht mehr der Sonnenschein,
Knaben ist er verhaßt, nicht achten seiner die Frauen,
solche schwere Last häufte dem Alter der Gott.

 

Nov 11 19

Winter-Terzinen

Nun sieht man tote Blätter, Hülsen treiben
auf trüben, sonnenfernen Teichen, Funken
aus Aschen stieben, Blicke, die nicht bleiben.

Das Gold des Herbstes ist hinabgesunken,
verschüttet ist der lichte Tau der Trauben,
des Glückes Wein, den ich nicht ausgetrunken.

Wie einsam ist das Gurren der Turteltauben,
wie einsam ist das Herz, es pocht ins Leere,
gespenstisch starren Sommers kahle Lauben.

Daß Mondes kalte Sichel wiederkehre,
es wie verdorrte Halme hinzumähen,
und heim zur Erde fiele alles Schwere.

Dann kommt und schlinget, Schnäbel wilder Krähen!

 

Nov 11 19

Rauschen, versickern

Wie könnt es ein Lächeln geben ohne Augen
und Mund, Gesichtes Wahrheit am menschlichen Körper,
doch lächelt kein Körper, sondern ein menschliches Wesen.

Ist Lächeln wie Weinen Ausdruck seelischen Lebens
und kann verleibt nur lächeln der Mensch, so wissen
wir, Plato lag falsch, unkörperlich ist keine Seele.

Wie könnt es Gedanken geben ohne die Zeichen
für richtig und falsch, den falschen Satz verneinen,
den wahren bejahen wir sprachbegabten Tiere.

Ist Reden wie Denken Ausdruck gemeinsamen Lebens
und werden in Zeichen Gedanken sichtbar, so wissen
wir, fehl ging Descartes, rein innerlich ist kein Gedanke.

*

Wir leben die Jahreszeiten der Seele, wurzelnd
im Mutterboden der Sprache, fruchtend, verdorrend.
Gefrorene Quellen unterm Bogen wechselnder Monde

sind ausgesetzt wir auf verschneiten Gipfeln des Schweigens.
Kommt gütig der Strahl und taut uns, rinnen wir rauschend
einander entgegen, doch müssen wir wieder versickern.

 

Nov 10 19

Weißt du noch

Weißt du noch die jähen Regenschauer,
als uns alte Gräber eitel fanden,
weißt du noch den Efeu an der Mauer,
als an Kreuzen wir verlegen standen,

und das schöne Weib, das kleine Kerzen
pflanzte auf des schmalen Grabes Moose?
Sind wie Wolken ihre, unsre Schmerzen
ganz entrückt, wie dunkler Duft der Rose?

Bleibt von allem, was wir innig fühlen,
denn kein Rest als dumm ein Fleck von Tränen,
wenn wir in vergilbten Briefen wühlen?
Was, am Ende bleibt nur ödes Gähnen?

 

Nov 9 19

Die Flucht vor der Leere

Schau jene heimlich an,
die sich einsam wähnen,
sie stehen lose dumm herum,
wie vor gischtendem Wasser
mit eingezogenem Schwanz
der zitternde Hund.
Sie spielen mit der Kippe
im asphaltierten Hinterhof,
oder an der Haltestelle,
wenn es dunkel wird,
zählen sie die Lichter,
die dort im Hochhaus
flackern eines nach dem andern auf:
Keiner ist ja innerlich erfüllt,
selig in sich selbst,
nein, Augen schweifen,
Blicke irren, ob es wo
doch irgendetwas gibt,
das erregt, des dumpfen Fühlens
Laken, das schlaff herabhängt,
ein heißer Windstoß bläht,
Schläfe, wo der Schlummer pocht,
ein süßer Faustschlag weckt.
Weint da nicht ein Kind,
fällt vom Dach kein Vogel,
wird kein Mensch geschlagen,
schreit es nicht im Untergrund,
quillt aus keuschem Mund kein Blut?
Dann und wann genügt ein Blatt,
das vorm Winde raschelnd rollt,
das monotone Tropfen
eines Wasserhahns,
ein dummer Gassenhauer,
den ein Witzbold pfeift –
schöner freilich wäre,
schwebte ihnen jählings
wie Dämmerlaubes Pfirsich
einer Wange weicher Flaum.
Der Käfer, der unter der Bank
aus dem Dunkel krabbelt,
ist auch sein Horn
ein Abendrot aus Ebenholz,
ist allzu fern und kann den hohlen
Geist mit seinen kleinen
Augenpunkten nicht erfüllen,
schon wirft ein eleganter Schuh
seinen Schatten über ihn,
und es knirscht.
Tötungslust ist unausrottbar
ein Trieb, seine Wurzeln
saugen Tropfen der Bitternis
aus einer Luft,
in der die Bläue nicht mehr träumt.
Denn alle Leere in der Welt
wird uns zur Hohlform einer Gier,
für die kein Reiz mehr abfällt,
Gier des nimmersatten Ohrs und Blicks,
Mutwillen, dem kein Kitzel
die Haare aufstellt,
lauernde Trübsal,
der nichts klingt und klatscht
wie wilden Sinns geworfner Stein
aus schwarzem Brunnenloch.
Es hockt der Dämon schon
am Tor des Lebens
und darüber steht:
„Die ihr tretet ein,
laßt alle Hoffnung fahren!“
Doch kein Vergil gibt uns Geleit,
und Beatrice hebt uns
auf die Schwelle nicht,
wo Gnadenstrahl erwärmt.
Uns ist des Daseins Hölle ohne Sinn
der Flammen, die bestrafen oder sühnen,
Inferno ist uns Langeweile,
das ohne Feuer brennt,
wenn flammenlos
die Seele Ödnis dörrt.
Das müde Erz des Willens schmiedet
dieser Dämon zum Hammer um
und zerschlägt die Schale
eines tauben Eis,
das voller Luft und unfruchtbar.
Man schnippt die Kippe weg,
heilfroh, wie trunken
unters Surren der Maschinen
sich zu ducken,
in den Pferch des flatternden
Geschwätzes sich zu zwängen,
man seufzt erleichtert auf,
wenn der Nachtbus hält,
seines Grinsens blöde Maske
der Nachbar ins grelle Licht uns rückt.
Nur das Kind ist nicht allein
mit des eignen Atems
Wogen oder Wolken,
im Tropfen und im Blatt,
im Käfer und im Lied
findet es sein Ebenbild,
nur der Genius ist einig
einsam mit sich selbst,
sprüht auch wunderlich
der Seele Scheit
ein letztes Mal,
bevor es ausgeglüht
zum Abgrund stürzt.

 



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