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Dez 1 21

Hier im Dunkel

Hier keimen wir im Dunkel, zarte Fühler,
wie Sprossen, die sich zitternd aufwärts drehen.
Wir schauen aus dem Abgrund auf zu Gipfeln
und auf den Gipfeln leuchtend Engel stehen.

Hier rinnen in das Dunkel lichte Tropfen,
wir hören, da ans Ufer wir uns knien,
den Abgrund uns mit neuen Namen rufen.
Wir strömen, reiner Herzen Melodien.

Hier wehen in das Dunkel weiße Knospen,
die auf des Abgrunds dunklen Wassern schwimmen.
Es sind ins Schweigen blühend Blumenworte,
die schlafen wir als ferne Sonnen glimmen.

 

Nov 30 21

Fremd

Wie fremd ward ihm die Sonne,
wie fremd der Mond, die Nacht.
Wie fremd ward ihm die Wonne,
die Blick und Kuß gebracht.

Wie fremd ward, was er fühlte,
es perlte ab wie Tau.
Und was in ihm noch glühte,
erlosch und wurde grau.

Was zögernd er geschrieben,
die feine Spur im Sand,
ist Rätselschrift geblieben,
die keine Deutung fand.

Ein Tropfen, der sich wußte
im Ozean allein,
ein Weichtier ohne Kruste,
zerkocht in Gottes Wein.

Fremd wurden ihm die Mienen,
zu Masken bald erstarrt,
ob sie zu lächeln schienen,
ob höhnisch ihn genarrt.

Wie leicht der Blume Leben,
wie still der Blume Tod.
Wie leicht, sich hinzugeben,
ein Duft im Abendrot.

 

Nov 29 21

Wer handelt? Wer spricht?

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Hat der Hund bei den piekfeinen Leuten, bei denen sein Herrchen nach geduldigem Antichambrieren endlich einmal hat Zaungast spielen dürfen, die kostbare Ming-Vase auf dem Parkett mit seinem hemmungslosen Schwanzgewedel in tausend Scherben gewedelt, wird nicht er, der Hund, zur Verantwortung gezogen und haftbar gemacht, sondern sein Besitzer, die juristisch belangbare Person, die nun des Hauses verwiesen und zur Kasse gebeten wird.

Der Hund tat, was er tat, nicht mit Absicht; aber kluge Vorsicht und Voraussicht hätten sein Herrchen davor gewarnt, kostbare Ming-Vasen dem Wedeln seines Schwanzes auszusetzen.

Der schlaue Hund, der darauf dressiert ist, seinem Besitzer den ins Gras geschleuderten Ball zurückzubringen, tut es nicht, weil er die Absicht hegt, dem Herrchen eine Freude zu bereiten, sondern in Erwartung einer Belohnung, und wenn sie nur aus einem Zuspruch oder jenen Streicheleinheiten besteht, die ihm gewiß nicht versagt werden.

Werden wir gefragt, wer die Zerstörung der kostbaren Vase verursacht hat, sagen wir nicht, der Hund, sondern sein Besitzer; einem Hund sprechen wir nämlich keine Handlungen zu, denn Handlungen sind absichtsvoll ausgeführte, willkürliche Körperbewegungen, die auch hätten unterbleiben können.

Der Hund, und wäre er noch so schlau, hätte sich angesichts der kostbaren Vase nicht sagen können: „Nun will ich das vermaledeite Schwanzwedeln einmal für eine Weile unterlassen, sonst gibt es einen Heidenärger, und mein gutes Herrchen wird ziemlich sauer auf mich, sollte die kostbare Ming-Vase infolge meiner hündischen Unart in die Brüche gehen!“

Sein Herrchen freilich könnte sich sagen: „Hätte ich den Hund doch nur zu Hause gelassen; dann wäre mir eine Menge Ärger erspart geblieben. Richtig böse kann ich ihm ja nicht sein, ist er doch mein liebes Hündchen, vom dem ich nicht weiß, ob er mit dem Schwanz oder der Schwanz mit ihm wedelt!“

Tiere sind wie Pflanzen Instantiierungen und Inkarnationen ihrer jeweiligen Spezies oder ontologisch betrachtet Exemplare des durch sie verkörperten Allgemeinbegriffs. Menschen sind sowohl Instantiierungen und Inkarnationen der Spezies Homo sapiens als auch Personen, die absichtsvoll handeln und Handlungen unterlassen können, Personen, die sprechen oder schweigen können.

Wenn wir vor der Vereinssitzung unseres Schachclubs fragen: „Wer führt heute den Vorsitz?“, erwarten wir, den Namen der betreffenden Person zu hören. Wir erfahren, daß es Peter ist, der heute Hans vertritt, denn dieser konnte nicht kommen, er liegt mit Fieber zu Hause im Bett. Peter bleibt Peter und wird nicht zu Hans, auch wenn er dessen Funktion übernimmt und den Vorsitz führt.

Wenn wir auf eine Person deuten und sagen: „Das ist Peter!“, zeigen wir wohl auf den Körper dessen, der Peter heißt, aber wir meinen, wenn wir von Peter sprechen, nicht seinen Körper; auch wenn wir von Peters blonden Haaren, seiner Handverletzung oder davon sprechen, daß er nach Italien gereist ist, beziehen wir uns auf eine Person namens Peter, die blonde Haare und eine Verletzung an der Hand hat und die nach Italien gereist ist. Peter könnte, ohne daß wir davon erfahren hätten, seine Haare braun gefärbt haben, seine Verletzung könnte ausgeheilt sein, er könnte längst von Italien zurückgekehrt sein; das ändert nichts daran, daß wir Peter meinen, auch wenn wir ihm fälschlicherweise Eigenschaften zusprechen, die er nicht hat. Denn Eigenschaften wie die, blonde Haare zu haben, unter einer Handverletzung zu leiden oder nach Italien gereist zu sein, gehören nicht zur Substanz dessen, was Peter als Person ist.

Wenn wir von Peter sagen, daß er einen traurigen Eindruck macht, meinen wir nicht, daß sein Gehirn in einem neuronalen Zustand ist, der Traurigkeit bewirkt, denn derselbe neuronale Zustand dürfte sich zur gleichen Zeit bei einer Menge anderer Menschen vorfinden; sondern wir sprechen von Peter, nicht von den körperlichen Ursachen seines Befindens, sondern vom wahrnehmbaren Ausdruck seines Befindens.

Der Neurologe könnte aufgrund der Untersuchung von Peters Hirnzustand voraussagen, daß er einen traurigen Eindruck hinterlassen muß; doch spricht er dann nicht von Peter, sondern von allen menschlichen Organismen, deren neurologische Untersuchung einen ähnlichen Befund ergibt und dieselbe Voraussage begründet.

Wenn wir danach fragen, wer dies oder jenes getan, so oder so gehandelt hat, erwarten wir als Antwort den Namen einer Person, nicht den Hinweis auf die Instantiierung oder Verkörperung einer Spezies, sei es einer tierischen Spezies oder von Homo sapiens.

Als Antwort auf die Frage, wer das Verbrechen begangen hat, genügt uns weder der Hinweis auf einen lebendigen Körper noch auf Teile oder Zustände eines lebendigen Körpers wie das Gehirn oder einen bestimmten neuronalen Zustand des Gehirns; wir geben uns erst mit einer Antwort zufrieden, die den Täter als handelnde Person benennt.

Der Name einer Person gibt uns die Antwort auf die Fragen: Wer handelt? Wer spricht? Die Person wiederum ist die Substanz, die einen Körper hat und nur als Person fungiert, wenn sie verkörpert ist; die Person hat alle Eigenschaften, die ihr Körper hat; denn wir sagen: Peter ist 180 cm groß, 45 Jahre alt, 78 Kilo schwer und leidet unter Schmerzen aufgrund einer Handverletzung.

Aber die Person ist nicht identisch mit ihrem Körper oder mit den Eigenschaften und Zuständen ihres Körpers. Denn wenn wir sagen, Peter spricht fließend englisch, meinen wir nicht, daß seine Sprechorgane Laute zu bilden fähig sind, die ein Engländer ohne weiteres versteht. Denn würde er nicht selbst verstehen, was er sagt, nicht wissen, was er mit dem Geäußerten meint, würden wir, was er tut, nicht sprechen nennen.

Die Person handelt, hat die Absicht, etwas zu tun, oder versäumt es, etwas zu tun; die Person spricht oder beißt sich auf die Lippen und schweigt. Nicht aber, wie schon Aristoteles erkannte, die Seele. Unter „Seele“ verstehen wir die Tatsache, daß ein lebender Organismus beseelt ist, und das heißt, sich mehr oder weniger deutlich dessen bewußt zu werden vermag, was er empfindet, fühlt, erleidet. Dies gilt für Pflanzen, Tiere und Menschen gleichermaßen. Beseeltheit ist kein uns als Personen auszeichnendes Merkmal.

Die Seele ist keine eigenständige Substanz, denn wäre sie es, bliebe ihre Verbindung mit dem Körper der Person, die sie hat, mysteriös, wie alle gescheiterten Versuche der philosophischen Tradition von Descartes über Malebranche bis zum deutschen Idealismus, eine solche Verbindung zu konstruieren, erweisen.

Die Person ist eine Substanz, die keine mysteriöse Verbindung mit ihrem Körper hat; vielmehr ist der Körper ein integraler Bestandteil der Person. Ähnlich den Linien und Farbflecken, die ein integraler Bestandteil eines Gemäldes sind; wenn wir es betrachten, nehmen wir nicht nur einzelne Linien und Farbflecken wahr, sondern sehen das Bild als Ganzes.

Wenn die Person es ist, die handelt und spricht, vermag sie es freilich nur als jene Substanz, die einen beseelten Körper hat.

Die Person ist nicht die Identität des Bewußtseins, denn diese ist zwar die Voraussetzung dafür, eine Person sein zu können, doch kann sie die Anonymität des Allgemeinbegriffs nicht abschütteln und durchbrechen; aber nur Peter, unser Freund aus dem Schachclub, ist Peter.

Weil eine Person zu sein sich nicht in der Identität des Bewußtseins erschöpft, sind alle Versuche, eine Philosophie methodisch auf der Grundlage des Bewußtseinsbegriffs, also auf einem fundamentum in mente, zu errichten, unzulänglich, ob wir nun an das kartesische Cogito, die transzendentale Subjektivität Kants, das Ich Fichtes, die Phänomenologie des Bewußtseins Hegels oder das Pour soi Sartres denken.

Der Körper spricht nicht, der Mund sagt nichts, das Gehirn übt seine neuronalen Aktivitäten in tiefer Stille aus.

Man kann einer Person den Mund verbieten, nicht, weil dieser, sondern weil jene am falschen Ort das Falsche gesagt oder sich im Ton vergriffen hat.

Schweigen ist ein Sprechakt.

„Dico ergo sum“ – „Ich spreche, also bin ich“ ist die Maxime und das Schibboleth der Person.

Wenn wir unser Wort darauf geben und versprechen, dem Freund das geliehene Gut in zwei Jahren wieder auszuhändigen, tun wir dies, auch wenn wir wissen, daß unsere leibliche und seelische Verfassung während dieser Zeit mehr oder weniger eingreifenden Modifikationen und dramatischen Wandlungen unterliegen wird. Doch ist die Zeit verstrichen, und wir lösen unser Versprechen ein und halten Wort, tut es dieselbe Person, die es gegeben hat.

Haben wir unser Versprechen und das gegebene Wort vergessen, werden wir dafür haftbar gemacht, wenn wir in der Lage gewesen sind, unsere Erinnerung daran wachzuhalten. Freilich, sind wir aufgrund einer geistigen Erkrankung dazu nicht in der Lage gewesen, wird uns das Versäumnis nicht angerechnet.

Wenn geistige Erkrankung unseren Status als Person einzuschränken vermag, folgern wir daraus nicht, daß er dadurch gänzlich aufgehoben wird; denn wir gehen davon aus, daß die Substanz der Person nicht die Summe ihrer leiblichen und mentalen Eigenschaften ausmacht. Doch erkennen wir, daß wesentliche geistige Eigenschaften wie die Identität des Bewußtseins eine Grundlage dafür bilden, als Person handeln und sprechen zu können. Sind wir aufgrund geistiger Erkrankung zu absichtsvollem, zweckgerichtetem, vernünftigem und verantwortlichem Handeln und Sprechen nicht mehr fähig, fallen wir gleichsam auf den Status einer Person in nuce oder in potentia zurück, einem Kleinkinde nicht unähnlich. Das Kleinkind erlangt aufgrund natürlicher Reifung den vollen Status einer Person; der Kranke mag ihn mittels künstlicher medizinischer Eingriffe wiedererlangen.

Die Person ist nicht die Summe ihrer lebensgeschichtlichen Erfahrungen, Erlebnisse und Taten, sondern die Instanz, die sich an sie erinnern, davon sprechen, sich an ihnen ergötzen, etliche bedauern, etliche bereuen kann.

Wäre die Person die Identität des Bewußtseins und die Einheit ihrer lebensgeschichtlichen Erfahrung im Gedächtnis und wäre beides, Identitätsbewußtsein und Gedächtnis, eine kausale Funktion bestimmter Teile des Gehirns, würden sich Peter in Hans und Hans in Peter verwandeln, wenn ihre kausal relevanten Hirnareale operativ gegeneinander ausgetauscht würden. Doch wenn Hans weiterhin so handelt und spricht wie Peter und Peter wie Hans, nähmen wir sie über kurz oder lang als die uns bekannten Personen wahr. – Und sie sich selbst? Früher oder später wohl auch sie selbst.

Sprechen heißt etwas meinen; etwas meinen heißt einen Gedanken zum Ausdruck bringen. Gedanken können wir nur mittels Sätzen oder satzförmigen Ausdrücken darstellen. Sätze können einen Gedanke nur mitteilen, wenn sie grammatisch regelkonform gebildet und mit einem Minimum an semantischem Ausdrucksreichtum ausgestattet sind. Also unterliegt alles Sprechen Kriterien der Korrektheit und Adäquatheit.

Diejenigen, die in Jahrhunderten vor unserer Zeit die Sprache gebildet, geprägt und überliefert haben, und diejenigen, die sie in der Gegenwart mit uns teilen, vermitteln uns die Kriterien der sprachlicher Wohlgeformtheit und Adäquatheit des Ausdrucks.

Wir müssen bekanntlich nicht alles sagen, was wir meinen, ohne Gefahr zu laufen, nicht verstanden zu werden. Denn wenn wir nach dem heiteren Mahl bei unserem Freund zu dem verabredeten Spaziergang aufbrechen wollen, sagen wir nach einem skeptischen Blick aus dem Fenster zu ihm: „Nimm einen Regenschirm mit!“ Damit implizieren wir, was wenn auch ungesagt leicht von dem Angesprochenen ergänzt werden kann: „Es regnet“ oder „Es sieht nach Regen aus!“

Plaudern wir angerregt mit Freunden, unterliegen unsere Äußerungen, wollen wir uns verständlich machen, zwar den Kriterien grammatisch-syntaktischer Wohlgeformtheit und semantisch hinreichender Expressivität, sie sind aber gleichsam durch unsichtbare Anführungszeichen als uneigentlich, spielerisch, fiktional gekennzeichnet. Treiben wir wie üblich das beliebte Konversationsspiel, uns über Abwesende zu belustigen und zu mokieren, die gottseidank keinen Einspruch erheben und uns keine Hemmungen auferlegen können, wird unsere bisweilen anzüglich oder schrill getönte Rede – je kühler der Krug, umso heißer das Herz – paradoxerweise gerade dadurch semantisch gemildert und moralisch geläutert, daß wir sie ins Phantastische und Legendäre, ins Burleske und Groteske, jedenfalls irreal Anmutende übersteigern. So atmen wir leichter, im Dämmerlicht lasziven Geplauders befreit von der drückenden Last des hellen Werktags, Wahrheitsansprüchen mittels Argumenten und stichhaltigen Beweisen gerecht werden zu müssen.

Die Plauderei ist, recht verstanden, eine literarische Gattung.

 

Nov 28 21

Ontologische Fragmente

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Wie sollte sich eine geschändete und verunstaltete Sprache der Knospe gleich in aller Unschuld auftun und ihren Wohlgeruch verbreiten, um den summenden Befruchter anzulocken?

Wie sollte die zur politischen Aussage und lärmenden Sozialkritik herabgewürdigte Kunst schön sein können wie die Blume, deren Daseinszweck darin liegt, nichts als Blume zu sein und sich in neuen, ihr ähnlichen, noch schöneren Blumen zu vermannigfachen?

Das aufgepfropfte Reis blüht auf, denn es zehrt vom alten Stamm. Der man die schönen Augen ausstach, die Dichtung versinkt im eigenen Dunkel.

Das Amt für Sprachpflege betraut man mit Analphabeten und Illiteraten.

Das Ministerium für Kultur übernimmt jemand, der bei den Namen Mozart und Leibniz zuerst oder an nichts anderes als an Marzipankugeln und Schokoladenkekse denkt.

„Kultur“, dem Sinne nach schöner Blüten, schmackhafter Früchte und nährender Saaten Hort und Acker, die vieler Generationen für ihre Pflege und Hege bedürfen, wird zu einem verrottenden Komposthaufen, über dem parasitäre Fliegen schwirren und sirren.

Mancher wird als großer Denker gefeiert, wenn er Erkenntnisse zu Markte trägt, die jener an Tiefsinn und Bedeutsamkeit gleichen, daß es nachts dunkel ist, weil die Sonne nicht scheint.

Die Fortschrittsfrommen blicken naturgemäß stets nach vorn, nicht indes nach oben; um in die Höhe und das grenzenlose Blau des Himmels zu blicken, müßten sie ja stehenbleiben. Welch ein Zeitverlust! Welch eine religiös verbrämte Bummelei!

Die Lilie des Heils erblüht nicht auf den trostlosen Rasenflächen zwischen neu betonierten Sozialbauten.

Torheit widerlegt sich selbst, wenn sie von der sprachlichen Relativität allen Wissens faselt.

Die Bedeutung des Wortes „Katze“ ist nicht relativ zur Bedeutung des Wortes „Hund“ (oder zu den Bedeutungen aller anderen Wörter, die unser Wörterbuch verzeichnet); in einer Welt ohne Hunde bliebe jenes schöne Tier mit den blitzenden Augen und dem sanften Fell eben jene Entität, die wir mit „Katze“ bezeichnen.

Es ist ein grundlegender Irrtum der strukturalistischen Linguistik und der auf ihr fußenden postmodernen Philosophie anzunehmen, die semantische Relation von Name und Bedeutung sei ähnlich willkürlich, arbiträr und konventionell wie die phonologische Relation zwischen Lautbild und Vorstellung, wie sie sich in den unterschiedlichen Lautgebilden unterschiedlicher Sprachen darstellt. Aber was „the cat“, „le chat“, „il gatto“ und „die Katze“ meinen, ist dieselbe semantische Entität.

Torheit behauptet, wir sähen die Dinge nicht, wie sie an und für sich sind, sondern nur so, wie sie aus unserem Blickwinkel erscheinen. Das kommt der Behauptung gleich, wir seien blind, WEIL wir Augen haben.

Das Grinsen der Katze bleibt nicht wie für Alice im Wunderland noch eine Weile in der Luft hängen, nachdem sie sich davongeschlichen hat.

Ihr Grinsen geht wie ihr gereckter Schweif mit der Katze von dannen; denn sie ist eine natürliche Einheit, dasjenige, was Aristoteles Substanz nennt.

Wir haben mittels sorgfältiger Beobachtung und zoologischer Forschung festgestellt, daß es sich bei Katzen, Löwen und Tigern um dieselbe tierische Familie, nämlich die Feliden, handelt. Die Ähnlichkeit des Körperbaus und des Verhaltens der Katzenartigen gibt uns einen vernünftigen Grund für diese begriffliche Klassifikation; sie beruht nicht auf einer Ähnlichkeit, wie wir sie zwischen Bildern, Vorstellungen und Ideen assoziieren, sondern auf objektiver Wahrnehmung.

Mittels gestischer oder sprachlicher Deixis, also unter Verwendung des Zeigefingers oder des Demonstrativpronomens, isolieren wir aus der vagen Menge der Feliden genau dieses Exemplar, das dort in seinem Körbchen liegt und das wir „Bella“ nennen.

Die Natur ist die erste Lehrmeisterin unserer Sprache und des an sie gebundenen ontologischen Wissens; denn die Substanz dessen, was wir „Katze“ nennen, ist die Katze, dagegen ist die Substanz dessen, was wir „Bett“ nennen, wie Aristoteles erkannte, nicht das Bett, sondern das Holz, aus dem es gefertigt ist.

Sprachliche Kompetenz zeigt sich in der Fähigkeit des Kindes, dieses schöne Tier mit den blitzenden Augen und dem sanften Fell „Katze“ zu nennen; objektives Wissen zeigt sich in der Fähigkeit des Schülers, die Katze in die Gattung der Säugetiere einzuordnen, ontologisches Wissen in seiner Fähigkeit, aus der Klassifikation der Katze als Säugetier zu folgern, daß ihr all jene Eigenschaften zukommen, die Säugetiere aufweisen, also intrakorporal zu empfangen, das befruchtete Ei im Leib der Mutter auszutragen, lebend zu gebären und ihre Jungen zu säugen.

Theorien, die nicht widerlegt werden können, sind keine; daher ist es nach Karl Popper rechtens, Marxismus und Psychoanalyse als Schein-Theorien zu betrachten. Aber widerlegte Theorien, muß man gegen Popper einwenden, teilen nicht dasselbe Schicksal wie ausgestorbene Arten; denn diese haben gelebt und echte Nachkommen gezeugt, jjene haben durch Schein-Zeugung wie etwa durch eine devote Mimikry und ausufernde Paraphrasen ihres gestelzten Jargons nur blutlose Halbwesen und sterile Phantome hervorgebracht.

Meisterdenker der Postmoderne scheinen ihren Ruhm der Maxime zu verdanken, denken heiße im Dickicht der Sprache die Orientierung und den Verstand verlieren, Desorientierung, Verwirrung und Ratlosigkeit aber als neuartige Formen des seelischen Aufschwungs und des geistigen Taumels zu genießen.

Ein Gerüst, mit dessen Hilfe ein Gebäude errichtet oder restauriert wird, kann und soll am Ende der anfallenden Arbeiten wieder entfernt werden; doch Schein-Denker errichten ein bizarres Gerüst aus sinnlosem Gerede, es hat weder eine dienende Funktion noch wird mit seiner Hilfe ein für sich stehender Bau aufgezogen. Doch sollen wir dem inhaltsleeren Phantom am Ende um seiner gewagten und verstiegenen Konstruktion willen unsere Bewunderung zollen.

Das ptolemäische Weltbild wurde widerlegt; aber das kopernikanische kann, so es die tatsächlichen Umläufe der Gestirne adäquat beschreibt, nicht wiederlegt, sondern nur wie durch Newton erweitert oder durch Einstein vertieft werden.

Angst vor der Wahrheit ist, wie Epikur und Lukrez wußten, ein Grund für den Aberglauben.

Torheit und heuchlerische Toleranz verbinden sich in Behauptungen wie jener, der Kalender der Maya sei in deren Kulturkreis nichts anderes als der julianische und gregorianische in unserem.

Der Schriftsteller Jorge Luis Borges entwarf folgende fiktive zoologische Klassifikation eines imaginären chinesischen Kaiserreichs: a) Tiere, die dem Kaiser gehören, b) einbalsamierte Tiere, c) gezähmte, d) Milchschweine, e) Sirenen, f) Fabeltiere, g) herrenlose Hunde, h) in diese Gruppe gehörige, i) die sich wie Tolle gebärden, j) unzählbare, k) die mit einem ganz feinen Pinsel aus Kamelhaar gezeichnet sind, i) und so weiter, m) die den Wasserkrug zerbrochen haben, n) die von weitem wie Fliegen aussehen.

Wir erkennen darin typische logische und ontologische Fehler und Mißgriffe wie Unbestimmtheit, Mischung des Realen und Imaginären, Selbstreferenz oder Nullreferenz, die natürlich von dem subtilen und augenzwinkernden Autor der „Bibliothek von Babel“ bewußt eingesetzt werden, um literarische Wirkungen wie Ironie, Irritation und Verblüffung zu erzielen.

Es wäre lehrreich, diese fiktive Klassifikation mit einer wissenschaftlichen, sachlich fundierten wie der für uns weiterhin maßgeblichen Carl von Linnés zu vergleichen. Doch nur eine monströse Intelligenz wie die eines Michel Foucault konnte sie ohne mit der Wimper zu zucken in seine angeblichen Paradigmen von Wissensformen als gleichrangig neben rein wissenschaftlichen Klassifikationssystemen einreihen.

Intelligenz und natürliche Klugheit in der Lebensbewältigung durch Umsicht und Vorsorge sowie den Gebrauch von Werkzeugen bieten uns keine hinreichenden Kriterien bei dem Unterfangen, den Unterschied zwischen Mensch und Tier zu markieren; ebensowenig das Bewußtsein, das Gedächtnis oder die Lernfähigkeit; suchen wir den Unterschied in der Tatsache, daß wir über Tiere sprechen, sie aber nicht über uns, daß wir ihr Leben erforschen, sie aber nicht das unsere; finden wir ihn in der Tatsache, daß wir Zeichen mit Bedeutungen verwenden, deren Verknüpfung sinnvolle oder sinnlose, wahre oder falsche Aussagen ergeben, Tiere aber Zeichen verwenden, die keinen objektiv darstellenden Gehalt haben, sondern rein kommunikativen Zwecken wie der Warnung, Drohung oder Werbung dienen.

Gewiß, wir können Sprachlaute auch als Signale gebrauchen, so rufen wir unseren Hund „Fips“ in der Absicht, ihn zu uns zu locken; nicht aber in der Absicht, auf die Tatsache, daß sein Name „Fips“ lautet, hinzuweisen, wie wir es tun, wenn unser Besuch danach fragt. Wir können, was Fips nicht kann, über Fips reden, ohne daß sein Name Signalcharakter hat.

Etwas meinen heißt durch sprachliche Mittel auf einen möglichen oder wirklichen Sachverhalt hinweisen. Wir können nichts meinen, was wir nicht sagen können. Und wenn wir etwas anderes oder das Gegenteil dessen meinen, was wir sagen, scheitert unsere Absicht, etwas zu meinen.

Wir erfassen das Verhalten von Lebewesen wie die Mäusejagd der Katze, indem wir ihre körperlichen Bewegungen als sinnvolles, zielgerichtetes Tun beschreiben (Lauern, Springen, Fangen, Totbeißen, Fressen) und aus dem Erfolg (oder auch Mißerfolg) des zielgerichteten Verhaltens auf seinen Zweck schließen (Stillung des Hungers, aber auch Spieltrieb). Der Zweck des Verhaltens muß dabei nicht als Absicht bewußt sein; so werden wir der Spinne nicht die bewußte Absicht unterstellen wollen, ein Netz zum Zweck des Beutefangs zu spinnen; aber genau zur Erfüllung dieses Zweckes tut sie es.

Wir erfassen eine menschliche Handlung mittels Beschreibung einer Bewegung (Drücken des Abzugs einer Pistole), Unterstellen einer Absicht (Tötung), Feststellung der Art ihrer Ausführung (Heimtücke) und ihrer Wirkung (Tod); hat die Person, die eine andere erschossen hat, aus niedrigen Beweggründen wie Mordlust, Befriedigung eines sexuellen Verlangens oder Habgier gehandelt, klassifizieren wir die Handlung als Mord. Durch Täterbefragung, Zeugenaussagen, direkte und indirekte Beweiserhebungen (Spuren, DNA-Analyse) können die Tatmerkmale objektiviert werden. Kann etwa dem Täter kein niedriger Beweggrund nachgewiesen werden, klassifizieren wir die Tat nicht als Mord, sondern als Totschlag.

Die Meinung, daß es sich bei diesem Sachverhalt um Mord und bei dieser Person um den Mörder handelt, kann im besten Falle durch ein gerichtliches Beweisverfahren erwiesen werden.

Absichten, Wünsche, Einstellungen zu haben ist nicht strafbar, auch nicht der Wunsch und die Absicht, jemanden zu töten. Nur post festum, nämlich einem, der es durch die Tat bewiesen hat, können wir nicht nur die Absicht, sondern auch die Fähigkeit unterstellen, einen Mord zu begehen. Dagegen kann man dem Bekenntnis einer Person, jemanden zu hassen und am liebsten tot zu sehen, nur selten eine ernsthafte Tötungsabsicht entnehmen.

Zur Ontologie zählen wir demnach nicht nur Objekte oder Entitäten wie die Katze und ihre Eigenschaften wie die, ein Säugetier zu sein, sondern auch Verhaltensweisen und Handlungen und ihre Eigenschaften wie die, einen Zweck oder eine Absicht zu erfüllen.

Ein fast komischer (und ziemlich windiger), dem Heiligen nachgeplapperter ontologischer Gottesbeweis: Könnte der schwache, törichte, unvollkommene, boshafte Mensch aus freien Stücken und ohne daß sich ihm gleichsam der Himmel geöffnet hätte auf die Idee eines alles vermögenden, allweisen, allgütigen und vollkommenen Gottes kommen? – Wenn aber nicht, so muß ihm Gott selbst die Idee eingeflößt oder offenbart haben. Also existiert Gott. – Doch könnte dies nicht auch Satan eingeflüstert haben, um den Menschen im Schweiße seines Angesichts bei der Stange zu halten?

Das Gesagte ist schon verhallt. Das Erlebte ist schon vergessen. Das Getane ist schon abgetan. Das Entstandene ist schon vernichtet. Da scheint einer zu träumen, und er träumt, er erwache, erwacht er aber, ist er schon entschlafen.

Der Esel, dem man ein Bündel Heu an einer Stange vor Augen hält, zieht den Karren immer weiter. Der Mensch, dem man die verlockende Frucht kommender Paradiese, Allbeglückung, Wohlleben und Umverteilung aller Güter zu seinen Gunsten, mittels staatlich gelenkter Indoktrination stetig vor Augen rückt, zieht den Karren immer weiter.

 

Nov 27 21

Gang in die Nacht

Wir zehren noch von Lauten wehen Sanges,
von Düften, sind die Blüten auch verblichen.
Die kleinen Sänger unsres Abendganges

sind den Volieren dunklen Leids entwichen.
Wir gehen einsam, hält uns auch ein Ahnen,
als ob noch Schatten ferner Liebe glichen.

Und nicht entrollen uns die Wolken-Fahnen
auf blauem Grund das königliche Zeichen,
nur Fetzen sind sie, grau vom Gram der Manen.

Doch kommt die Nacht, mag uns ein Mond erweichen,
quillt eine Träne er ins Laub hernieder.
Der Morgenstrahl soll uns nicht mehr erreichen.

O Nacht, verschließ uns mütterlich die Lider.

 

Nov 26 21

Die Fortschrittsfrommen

Sie schauen nicht, ob Zungen flammen droben,
ob sich in Wolken weiße Adler krallen.
Sie haben nur, den Gang zum Abgrund loben.
Sie scheinen Akrobaten, doch sie fallen.

Es quälen Wunderknospen die Banalen,
und dunkle Lust treibt sie, im Kot zu wälzen,
die höher ragen und sublimer strahlen.
Sie scheinen harsche Schollen, doch sie schmelzen.

Sie wachen auf erst, wenn Erinnyen beißen.
Prophetenwort heilt nicht, wenn Wunden eitern,
Gestank wird sie von ihrem Pfühle reißen.
Sie scheinen sich Titanen, doch sie scheitern.

 

Nov 25 21

Im Troste blauer Schatten

So wandeln wir im Troste blauer Schatten,
wenn sich des Abends Lid zum Traume senkt.
Der Tag hat uns sein goldnes Bild geschenkt,
ein bleicher Mond wölkt schon auf dunklen Matten.

Schlafwandlern gleich scheint unser Fuß zu schweben
auf nassem Gras, auf seufzerweichem Moos.
Leg ich mein müdes Haupt in deinen Schoß,
glänzt mir dein Blick wie nächtlich Tau an Reben.

Und was wir sagen, ist ein süßes Gleiten
von Blüten über grünen Schlafes Teich,
und was wir fühlen, ist den Kerzen gleich,
die sanft verlöschend Honigduft verbreiten.

 

Nov 24 21

Terzinen über den Kranz

Und was wir träumen, soll wie Tropfen rinnen
an alten Kruges veilchenblauen Wangen,
wie Duft, der ihm entsteigt, sei unser Sinnen.

Verweht in fernem Läuten, was wir sangen,
mag Schweigen uns in blaue Nacht entrücken,
Gezwitscher grüner Helle uns empfangen.

Wir gehen über hohen Klanges Brücken
zu Inseln, weißer Blüten träges Kreisen
will uns mit sanftem Taumel noch beglücken.

Dem blindem Sänger öffnen sich die Schneisen,
der Halme Dunkel beugt sich vor den Strahlen,
die sanft erlöschend Armut seligpreisen.

O schöner Kranz, gewunden unter Qualen.

 

Nov 23 21

Der alte deutsche Mief

Sprichst du mit ihnen, bist du schon geleimt.
Du müßtest ihre faule Sprache sprechen,
die Geistes Kapillaren dir verschleimt.
Verhalt den Atem, müßtest doch erbrechen.

Der Wurm, der Satz, krümmt sich, das Bild hängt schief,
die Soße Sinn trieft von den Rändern.
Es ist und bleibt der alte deutsche Mief,
ob Heil sie brüllen, ob devot sie gendern.

Was aus dem Schlund der Journalisten tropft,
gilt ihnen nun für reinentsprungen,
für weise, wer ihr Maul mit Phrasen stopft.
Gesang des Deutschen, er blieb ungesungen.

Laß kinderlos sie sterben, unbeweint,
die Väter nicht, nicht Mütter wollen heißen.
Die eitle Scham hat sie im Schwur vereint,
kein Volk zu sein von Schönen, Edlen, Weißen.

So kehre um, der Keim ist schon verderbt.
Leg unters Rauschen dich, wo Schwäne gleiten,
des Dämmerlaubs, von Theokrit geerbt.
Ins Dunkel lern mit Sapphos Chören schreiten.

 

Nov 22 21

Terzinen vom Duft der Verse

Die heiter duften, die Verse sollst du lesen,
denn leuchten sie wie Gras an Regentagen,
wirst du an ihrem grünen Duft genesen.

Und trübte manches Blatt der Rauch von Klagen,
quoll manches auf von salzgekörnten Flecken,
im Rhythmus fühlst du reine Pulse schlagen.

Doch ritzen dich im Dunkel Dornenhecken,
verlierst den Halt in wirren Zeilensprüngen,
magst du am schiefen Bild den Trug entdecken.

Glaub Spiegeln nicht, die dich verzerrend zwingen,
als hohle Fratze in die Nacht zu stieren.
Die Staub nur wirbeln, knick die Talmi-Schwingen.

Bei unbesonnten Versen mußt du frieren,
die aber schimmern mild aus Dämmerungen,
sind Blüten, die den Kranz des Dichters zieren.

Sie duften noch, ist längst der Vers verklungen.

 

Nov 21 21

Unterwegs

„Weißt du es noch, wohin wir gehen?“
„Ich weiß es nicht, wir ziehen nur,
weil sie begrünt, auf dieser Spur.
So grünt der Sinn, den wir verstehen.“

„Du meinst, daß wir den Ahnen trauen,
die einst in Fernen sich gewagt.“
„Ja, ihnen hat ein Gott gesagt,
auf seinen Wandelstern zu schauen.“

„Doch ist sein Wort ja lang verklungen,
kein Stern ist, der wie jener blinkt.“
„Ein uralt Lied wird neu gesungen,
die Blume ist es, die nun winkt.“

„Wenn aber Wege sich verzweigen,
wird dir vorm nächsten Schritt nicht bang?“
„Ich lausche bloß: Tönt fern Gesang?
Gut ist der Weg, den Musen zeigen.“

Gebahnte Wege sind auch Worte,
sie blühten schon von ehedem,
sie sprossen auf aus feuchtem Lehm,
ihr Duft führt uns zum alten Horte.

Und rauschen uns des Dichters Linden,
hat uns Erinnerung gewiegt,
das Dunkel nicht das Herz besiegt,
muß auch der Weg im Schweigen münden.

 

Nov 20 21

Du bist nah

Du bist im Gras, das aufseufzt, nah,
wenn ich durch Sommerwiesen streife.
Und wenn ich nach der Pflaume greife,
in Blattes Flüstern sagst du „Ja!“.

Hab ich das Fenster aufgemacht,
sie flattert auf, die scheue Taube.
Ich fürchte, daß mein Herz mir raube,
die naht, die schwarze Krähe Nacht.

Und wenn der alte Morgen graut,
find ich in deinen letzten Briefen
die Veilchenblüten, die dort schliefen.
O Augen, die mir hold geblaut!

Du bist im Schnee, der aufseufzt, nah,
wenn Lüfte mich umkosen, laue.
Mir ist, als ob das Herz mit taue,
mit jedem Tropfen sagst du „Ja!“.

 

Nov 19 21

Das neue Lied

Wir können weitgebahnte Wege gehen,
die sich durch sanfte Wiesengründe winden,
wo Tulpen nicken, Weidenschleier wehen.

Und wenn wir Menschen gleichen Sinnes finden,
die mit uns in den Sommerlauben schweifen,
ertönen Laute, die uns tiefer binden.

Doch irren wir, wo keine Früchte reifen,
kein Lächeln, keine Blumen unsrer harren,
im Schnee der Einsamkeit wir Schatten greifen,

im Moor der Trübsal nach Gebeinen scharren,
versinkt wie eine Puppe, nackt, zersprungen,
das Wort, die glucksend platzen, Blasen narren.

Hat aber rein der Quell ein Lied gesungen,
ein ungehörtes, lang um Blumenwangen
und füll den Krug, der Meisterhand gelungen.

Stillt wohl das Köstliche nur dein Verlangen,
wirst du nicht Freunde laden dir zum Feste,
lebt nicht das Lied erst, da es alle sangen?

Daß sie nicht heiser sind, die werten Gäste!

 

Nov 18 21

Terzinen vom menschlichen Zwiespalt

Kein Wort, das nicht wie welke Blätter zittert,
kein Leben, das nicht dunkle Mächte falten.
Der Sehnsucht Fenster hat der Tod vergittert.

Kein Bild ist, unsern lauen Blick zu halten,
wir schauen auf, und Stern und Blume blassen.
Als träumten wir, zerrinnen die Gestalten.

Und was uns wert, wir können es nicht fassen,
wir pressen alle Formen, bis sie fließen.
Wir lieben spät, zu spät, was wir verlassen.

Wir können, was wir haben, nicht genießen,
das unerreichbar Schöne macht uns leiden.
Wir welken hin, wenn rings die Veilchen sprießen.

Im Kusse lodert Angst uns vor dem Scheiden,
was wir verehrt, verlarvt sich uns zur Fratze.
Was uns verhaßt, wir wollen es nicht meiden.

Wie göttlich ist die Einfalt einer Katze!

 

Nov 17 21

Männliche Maske

Er kam aus Dämmerungen, ohne Hoffnung,
was über, unter, in ihm ausgerauscht,
als Muschel zu werfen auf den blanken Tisch
der Sonne, als zarten hohlen Vogelschädel
dem stolzen Tag aufs Fenstersims zu legen.
Und wär das Meer nicht schon, das Blut, verebbt,
vom salzigen Wind er zum Gespenst verhärmt,
was hätten Schatten ohne Herz zu sagen?
Doch suchte er wie Falter im Dunkel Süße
nach Blicken noch, nach jenem Liebesglanz,
der Feuer mischt mit süßer Feuchtigkeit.
Die Tropfen, die an Halmen zitternd glommen,
als ihm der alte Garten seinen Pfad
von Moosen ausgerollt wie einen Teppich,
sie waren die Erinnerung an Tränen,
die einmal, es war die Zeit der Fliederblüte,
mit Wärme seine hohe Wange kosten.
Und eignen schweren Duftes müde wogten
die weißen Rosenknospen, als flehten sie
nach ihr, der weißen Hand, die sie dereinst
wie kühlen Flaum zum heißen Antlitz hob.
Wo schwand sie hin? Und sank das Blumenantlitz
wie ein vom Wind gepflücktes Blütenblatt?
Hat neidisch auf ihr Blau die Veilchenblicke
der Azur in sein Aber-Meer gelöst?
Das Zwielicht kam, es siegt das Ungewisse,
so warf er sich wie einsam Tiere tun
ins hohe Gras, der Dunkelheit entgegen.
Und seltsam, wie schon dumpfer schlug das Herz,
durchglänzten warme Tropfen seinen Schlaf.
Doch waren seine Augen trockne Brunnen.

 

Nov 16 21

Der Gang zur Krippe

Und wenn wir schlafen, schweben leise Flocken,
und träumen wir noch Träume voller Bangen,
ertönen aus verschneitem Tal schon Glocken.

Erwachen wir, das Traumbild ist verhangen,
doch schläft die Welt, gehüllt in weiße Linnen,
verstummt die Stimmen, die dem Leben sangen.

So wollen wir auf eigne Fülle sinnen,
zu Bildern fliehen, die dem Blut entsteigen,
zu traurig-schönem Glanz, wenn Tränen rinnen.

Und finden wir im Bild, im Glanz nur Schweigen,
als wären wir im tiefsten Schnee begraben,
bleibt dürftig Hoffen: Tropft der Tau von Zweigen?

So öffnen wir, was wir verschlossen haben,
durchs Fenster wehen noch die fernen Töne,
die Schwelle glänzt von Himmels Blütengaben.

Wir suchen, wo ein Stern das Dunkel kröne,
und finden licht die Nacht um eine Krippe,
das Wort, das uns mit unserm Sein versöhne.

O Wort, du Tau auf trockner Menschenlippe.

 

Nov 15 21

Lichterprozession

Wenn wir Leuchtkäfern gleich im Wingert schweifen,
dem Rebendämmer streuen zarte Helle,
wird Mondes Blässe kaum zur Traube reifen.

Die wir entzündet auf des Abends Schwelle,
die Flamme hüten wir mit klammen Händen,
daß süßer Sang uns leite zur Kapelle.

Dort wollen wir dem hohen Bildnis spenden
die bang schon flackern, Lichter unsrer Seelen.
Nur glanzbetaute Nacht kann sie vollenden,

die schönen Gesten, die zum Dank uns fehlen,
wie fahlen Knospen, die sich erdwärts beugen,
die Tropfen, die ins matte Herz sich stehlen.

Wir ziehen hin, ein Engel mag’s bezeugen,
wie Seelen, fast erloschen, neu entbrennen,
wie Knospen, schon erblindet, wieder äugen.

Daß Nächte wir noch hell und gnädig kennen!

 

Nov 14 21

Terzinen auf den Nebel

Wenn sich die hohen Bildnisse verhüllen,
und Nebel schluckt die Rufe aus der Bläue,
die hellen Sänge, die Brunnenschalen füllen,

daß unser dunkles Lebens sich erneue,
ist uns, als wären wir umsonst geboren.
Die wir geschenkt, daß sich die Liebe freue,

die schöne Geste scheint im Dunst verloren,
das reine Blütenblatt, das wir ihr pflückten,
hat was aus Schwaden tropfte Gift vergoren.

Was aber steigt aus Herzen, grambedrückten,
hüllt dichter noch als Dampf die weichen Glieder,
die süßen Bilder, die uns einst entzückten,

erstickt in fahlem Munde Sapphos Lieder.

 

Nov 13 21

Feuer-Stanze

Als ob sie aufwärts flatternd Funken sprühten,
ein Schatten blaut, wo sie gegurrt, die Tauben.
Weißt du’s, ob Knospen oder Früchte glühten,
als wir geschlendert sind durch Abendlauben?
Da Liedes frühe Rosen schon verblühten,
sang noch ein Feuer uns aus Sonnentrauben.
Nun schürst nach Gluten du im kalten Herde,
nach Worten ich, daß hell die Nacht uns werde.

 

Nov 12 21

Wasser-Stanze

Auf Knospen fallend, daß sie seufzend schwingen,
im Halbschlaf mahnen Tropfen uns an Tränen.
Die Bergkristalle, die zu Gischt zerspringen.
Die Dämmerung erhellend Schnee von Schwänen.
Und weht von weißen Schiffen trunken Singen,
erwägen wir als Pflicht, sich glücklich wähnen.
Ist unser Tropfen dem Meer zurückgegeben,
wird ihn der Strahl zu Wolken wieder heben?

 

Nov 11 21

Stanze ohne Höhepunkt

Da sind noch Stimmen, Jauchzen oder Klagen,
doch mündend schon in unfruchtbare Meere.
Da sind noch Augen, Schimmer, stummes Sagen,
doch bald verschwimmen sie im Dunst der Leere.
Da sind noch Hände, Kosen oder Schlagen,
doch müde schon wie Sklaven der Galeere.
So wollen wir nichts hören, sehen, fühlen,
der Erde Würmer wühlen blind, sie wühlen.

 

Nov 11 21

Terzinen auf die Jahreszeiten

Im Maienduft am offnen Fenster stehen
und hören, wie die Abendglocken mahnen,
daß mit den Sternen Seelen untergehen.

Der Gräber denken, bang verstummter Ahnen,
wo Moose schon die Inschrift überflecken,
und Klopstocks Ode grüne Stille bahnen.

Im Sommer sich mit Gras und Küssen necken,
als könnten sie entflammen Ginsters Zungen,
in dunklen Mulden Lockenpracht verstecken.

Hat sich der Lerche Wehmut ausgesungen,
den weißen Kelch auf schwarzen Weihern finden,
der letzten Duft dem Herbste abgerungen.

Wenn Wege sich im Schnee ins Leere winden,
ein Purpurblatt noch zwischen Seiten pressen,
wie weichen Lebens Schlaf in harte Rinden,

daß wir das Lied der Rose nicht vergessen.

 

Nov 11 21

Maurice Carême, Au Cirque

Ah ! si le clown était venu !
Il aurait bien ri, mardi soir :
Un magicien en cape noire
A tiré d’un petit mouchoir
Un lapin, puis une tortue
Et, après, un joli canard.
Puis il les a fait parler
En chinois, en grec, en tartare.
Mais le clown était enrhumé :
Auguste était bien ennuyé.
Il dut faire l’équilibriste
Tous seul sur un tonneau percé.
C’est pourquoi je l’ai dessiné
Avec des yeux tout ronds, tous tristes
Et de grosses larmes qui glissent
Sur son visage enfariné.

 

Im Zirkus

Ach, wär der Clown doch aufgetaucht!
Er hätte Dienstag abend so gelacht:
Ein Magier im Umhang, schwarz wie die Nacht,
hat aus seinem Schnupftuch sie hervorgebracht:
ein Häslein, eine Schildkröte drauf,
eine Ente, recht hübsch.
Dann ließ er sie reden im Terzett
chinesisch, griechisch, tatarisch.
Doch der Clown lag mit Fieber im Bett:
Der dumme August fandʼs nicht nett.
Er hatte zu balancieren
auf einem durchlöcherten Faß.
So hab ich ihn gemalt ganz blaß
mit traurig-runden Augen und Schlieren
auf den gepuderten Wangen,
Tränen, sie rannen dem bangen.

 

Nov 10 21

Maurice Carême, Les Deux Scarabées

Un scarabée montait la rue,
Un scarabée la descendait.

-Passez donc, monsieur, s’il vous plait,
Puisque vous descendez la rue.

-Après vous, monsieur, s’il vous plait,
La remonter est plus ardu.

Chacun tenant son chapeau gris
Dans une main gantée de gris

Voulait être le plus poli
Des scarabées nés dans la dune.

Ils s’étaient croisés à midi.
A minuit, madame la lune

Les vit encore se souriant,
Se parlant et se saluant,

Chacun tenant son chapeau gris
Dans une main gantée de gris.

 

Die beiden Skarabäen

Ein Skarabäus stieg den Weg hinan,
ein Skarabäus kam herabgeschritten.

„Nach Ihnen, mein Herr, darf ich bitten,
der Abstieg ist nicht leicht getan.“

„Nach Ihnen, mein Herr, darf ich bitten,
der Aufstieg ist kein Schlendrian.“

Jeder lüpfte seinen grauen Hut
mit einer Hand in grauem Tuch.

Jeder wollte der höflichste sein,
Skarabäen, die der Sand geboren.

Seit Mittag standen sie Bein an Bein,
um Mitternacht sah Frau Luna die Toren

noch lächelnd sich die Zeit versüßen
mit Plaudern und höflichem Grüßen:

Jeder lüpfte seinen grauen Hut
mit einer Hand in grauem Tuch.

 

Nov 9 21

Der Winter der Liebenden

So sind die Sonnentage fortgegangen,
wie dumpf verhallen schwere Abendglocken.
Ein Schluchzen blieb, wo gestern Vögel sangen.

Die Wolken kämmt der Wind, die grauen Locken,
und tote Falter fallen auf die Erde.
Es ist, als ob der Freude Quellen stocken.

Daß uns nicht Trauern ohne Sanftmut werde,
betrachten wir das stumme Flockentreiben
wie treuen Himmels reine Schmerzgebärde.

Im Öden laß als Liebende uns bleiben.
Uns sollen Blumen noch im Dunkel sprießen,
im Frost erblühte auf den Fensterscheiben.

O Blumen, die am Sonnenkuß zerfließen.

 

Nov 9 21

Maurice Carême, L’Ogre

J’ai mangé un oeuf,
Deux langues de boeuf,
Trois rôts de mouton,
Quatre gros jambons,
Cinq rognons de veau,
Six couples d’oiseaux,
Sept immenses tartes,
Huit filets de carpe,
Neuf kilos de pain,
Et j’ai encore faim.
Peut-être, ce soir,
Vais-je encore devoir
Manger mes deux mains
Pour avoir enfin
Le ventre bien plein.

 

Der Oger

Gegessen habe ich ein Ei,
von Rinderzungen ihrer zwei,
drei würzige Lämmerlein,
Schinken vier vom Schwein,
fünf Kälbernieren,
sechs Vogelpärchen sollten nicht frieren,
sieben gewaltige Kuchen,
acht Karpfen, die mir fluchen,
neun Kilo Brot am Stück:
Der Hunger kehrt zurück.
Vielleicht muß ich am Abend,
am eignen Leib mich labend,
verschlingen meine Hände,
daß mir am guten Ende
platzen die Magenwände.

 

Nov 8 21

Liebe, die da ferne weilt

Ein Schimmer aus dem Schneelicht deiner Lenden,
Glanz deiner Augen, die der Sonne danken,
soll meine Zeilen aus dem Zwielicht wenden.

Und meinen Worten, die wie Blumen kranken,
da sie umsonst der Frühe Tau erwarten,
sie, die auf allzu dünnen Stielen schwanken,

entsende feuchten Hauch aus deinem Garten,
magst kleinen Blüten weiche Tropfen sprengen,
daß sie vergebens nicht ins Leere starrten.

So wird der heiße Tag sie nicht versengen,
Endymion mag sie dem Monde pflücken.
Und wandelst du in fernen Laubengängen,

wo bunter Vögel Stimmen dich entzücken
und süße Beeren an den Ranken locken,
wird mir der Vers an deinem Glück noch glücken.

O koste sie, so bleibt mein Wort nicht trocken.

 

Nov 7 21

Am Saum des Abschieds

Der Abend will die Rosenknospe schließen,
die einmal noch ein weher Strahl entflammt,
der Traube Glut aus blauer Schale fließen

auf unsrer Müdigkeiten dunklen Samt.
Die Vogelrufe, die ans Ufer uns geleitet,
zum Schweigen hat sie Mondes Gram verdammt.

Pans Huf hat uns ein Bett im Gras bereitet,
wir wollen Herz an Herz wie Träumer liegen,
bis sanft ein Flügel durch die Zweige gleitet,

die sich von seinem Hauch im Dunkel wiegen.
Als wär zerronnen uns das Leid im Tau,
wenn weinend Wange wir an Wange schmiegen,

als hätte sich der Kuß von Mann und Frau,
die Woge, worauf Feuerblüten treiben,
in Dämmerung gelöst und mildes Grau.

O Liebende noch am Saum des Abschieds bleiben!

 

Nov 6 21

Maurice Carême, L’École

L’école était au bord du monde,
L’école était au bord du temps.
Au-dedans, c’était plein de rondes ;
Au-dehors, plein de pigeons blancs.

On y racontait des histoires
Si merveilleuses qu’aujourd’hui,
Dès que je commence à y croire,
Je ne sais plus bien où j’en suis.

Des fleurs y grimpaient aux fenêtres
Comme on n’en trouve nulle part,
Et, dans la cour gonflée de hêtres,
Il pleuvait de l’or en miroirs.

Sur les tableaux d’un noir profond,
Voguaient de grandes majuscules
Où, de l’aube au soir, nous glissions
Vers de nouvelles péninsules.

L’école était au bord du monde,
L’école était au bord du temps.
Ah ! que ne suis-je encor dedans
Pour voir, au-dehors, les colombes !

 

Die Schule

Die Schule lag am Weltenende.
Die Schule lag am Rand der Zeit.
Innen waren geschwungene Wände,
Draußen Turteltauben, als hättʼs geschneit.

eschichten konnte man dort hören,
wunderbar von Anbeginn.
Wollen sie wieder mich betören,
weiß ich nicht mehr, wo ich bin.

Um die Fenster rankten sich Blüten,
wie man ihnen nie begegnet.
Blutbuchen im Schulhof erglühten,
in Spiegeln hat es Gold geregnet.

Auf den Tafeln schwarz wie Teer
segelten Großbuchstabenscharen,
wir sind vom Nord- zum südlichen Meer
zu neuen Inseln ausgefahren.

Die Schule lag am Rande der Welt,
die Schule lag im Zeitengrauen.
Ach, wieder dort aus dem Fenster zu schauen,
wie Taubengefieder den Hof erhellt!

 

Nov 6 21

Maurice Carême, Le Temps des Violons

C’est le temps des violons,
C’est le temps des violettes.
Le printemps joue au ballon.
Les fillettes lui font fête.
Et, comme balles au bond,
Les toits brillants se renvoient
Le salut de leurs pigeons.
Avril, prêtez vos souliers
Au soleil pour mieux sauter.
Frère Jacques, dormez-vous ?
Le ciel n’attend plus que vous.
Le bonheur vient d’accrocher
Sa corde neuve aux pommiers.

 

Die Zeit der Violinen

Es ist die Zeit der Violinen,
es ist die Zeit der Violen.
Der Frühling summt mit Bienen.
die Mädchen singen Triolen.
Wie Bälle, die springen,
kann man Taubenrufe hören
von hellen Dächern widerklingen.
Aus Strahlen mach dir Schlaufen,
April, um besser zu laufen.
Bruder Jakob, schläfst du noch?
Der Himmel wartet dein doch.
Das Glück spannt seine neue Saite
über blühender Gärten Weite.

 

Nov 5 21

Die Kleine, die hüpfte

Die Kleine, deren Zöpfe golden stoben,
sie tänzelte, sie hüpfte froh und sang
durchs Nieselgrau des tristen Morgens.

Sie huschte wie ein rotes Hörnchen
an dunklen Menschen-Statuen entlang,
die vor den Läden Schlange standen.

Wie silbern war ihr dünner Schrei,
als sie das heiße Händchen streckte,
wo hinter Scheiben Puppen äugten.

Doch ging die Mutter stumm vorbei,
sie hinterdrein, und blieb ganz unverdrossen.
Die Püppchen hatten ihre Augen schon geschlossen.

 

Nov 5 21

Bilder der Liebe

Wie vollen Mondes Auf- und Niedergehen
war deines Lächelns weich gedehnter Bogen
in Knospen, die von seinen Strahlen wehen.

Den Schwänen gleich, von Rosen angezogen,
sie sind wie Schnee und Schnee, worein sie tunken,
durchglittest sanft du meiner Schmerzen Wogen.

Wie Blüten, in der Nacht herabgesunken,
als hätte sie beschwert das Salz der Sterne,
hat Tau dein Blick aus meinem Blick getrunken.

Der Katze gleich, die in der Sonne gerne
sich wärmt, hast du am Fenster lang gesessen,
und was du fühltest, schwieg dir zu die Ferne.

Wie könnten, Liebe, deine Bilder wir vergessen.

 

Nov 4 21

Wir stehen stumm

Im harschen Hauch auf winterlichen Fluren
verweht, was uns aus schmal gewordnem Munde
quillt, deutungslos wie vage Nebelspuren.

Uns kümmert nicht der Ort, nicht, ob die Stunde
mag noch den Großen Wagen vor uns heben,
ob letzte Rosen tropft des Abends Wunde.

Wie dunkel ist verwaister Menschen Leben,
wenn Tränen nur den Liebespfad erhellen,
die lange zögernd an den Wimpern schweben.

Und rinnen sie und müssen sie zerschellen
wie Perlen Taus an harter Erde Steinen,
erlöschen wir wie ausgetrunkne Quellen.

Wir stehen stumm und können nicht mehr weinen.

 

Nov 3 21

Maurice Carême, Le Cheval

Et le cheval longea ma page.
Il était seul, sans cavalier,
Mais je venais de dessiner
Une mer immense et sa plage.

Comment aurais-je pu savoir
D’où il venait, où il allait ?
Il était grand, il était noir,
Il ombrait ce que j’écrivais.

J’aurais pourtant dû deviner
Qu’il ne fallait pas l’appeler.
Il tourna lentement la tête

Et, comme s’il avait eu peur
Que je lise en son cœur de bête,
Il redevint simple blancheur.

 

Das Pferd

Da lief ein Pferd mir über die Seite.
Es war ohne Reiter, war allein.
Gerade fiel mir zu zeichnen ein
den Strand des Meers und seine Weite.

Wer hätte mir die Kunde gebracht,
woher es kam, wohin es lief?
Es war groß, schwarz wie die Nacht,
warf einen Schatten auf meinen Brief.

Eigentlich hätte ichʼs wissen sollen,
rief ich nach ihm, würde es schmollen.
Es wandte den Kopf wie scheue Wesen,

und als hätte es Angst bekommen,
ich könnte in seinem Tierherzen lesen,
ist es wieder im Weißen verschwommen.

 

Nov 2 21

Si tacuisses …

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Wenn jeder vor seiner eigenen Türe kehrte, wären alle Wege sauber.

Wenn sich jeder um sich selber kümmerte, wäre allen geholfen.

Aber sich in fremde Angelegenheiten zu mischen und alles mißzuverstehen, alles in Unordnung zu bringen gilt als Zeichen eines moralisch hochstehenden Charakters.

Von nüchterner Vernunft nicht begrenztes Wohlwollen verschlimmert den Mißstand, zu dessen Behebung es unter allen Anzeichen von Empathie und Euphorie heroisch anzutreten pflegt.

Si tacuisses … Aber sie, die Meisterdenker, leiden am meisten unter dem pathologischen Zwang, nicht den Mund halten zu können.

Der wie eine Taube geräuschvoll aufflatternde Satz … der plötzlich abbricht, als wäre unhörbar ein Schuß gefallen … als hätte Apollon seinen Pfeil abgeschossen.

Amtlich bestallte Reliquienverehrer, die ein ganzes Professorenleben darangeben, sich in der blassen, immer weiter wuchernden Ranke einer Fußnote am Werk Platons, Kants, Hegels oder Adornos zu entwirklichen.

Ihre devotesten Schüler bekommen einen Ableger, der ihnen, wenn er durch eifriges Wässern Wurzeln bildet, ein glänzendes Examen in Aussicht stellt.

Die menschliche Eitelkeit geht dialektisch so weit, daß ein Philosoph, der das Glück darin sah, verborgen zu leben, und anderen nicht auf den Ruf und den Ruhm zu achten und zu bauen anempfahl, eben aufgrund dessen hoher Achtung und eines weiten Rufes gewürdigt zu werden bemüht war, und tatsächlich dadurch allbekannt und berühmt wurde.

Manche Propheten der Menschheitsbeglückung ähneln den vom Tourette-Syndrom heimgesuchten Autisten, nur daß sie anstelle von Flüchen und obszönen Interjektionen dem semantischen Zwang unterliegen, kontextfrei knallig-billige Plastikrosen, das heißt Begriffe wie Humanität, soziale Gerechtigkeit, Gleichheit und Weltrettung, in die Menge schleudern zu müssen.

Die korrekte und die mißglückte Bildung von Sätzen stehen gleichnishaft für den Sinn und Unsinn des menschlichen Lebens.

Dichtung ist ein anmutiger Tanz mit Worten, der die fatalen Fußfesseln und Fallstricke nicht fürchten muß, die dem gravitätischen Gang des Denkens mit Worten in den unscheinbaren Begriffen „wahr“ und „falsch“ allenthalben begegnen.

Doch sollten die Schritte und Figuren beim Tanz kein unkontrolliertes Gezappel und wildes Getrampel sein; hier finden wir der Poesie eigene Kriterien der präskriptiven Zuschreibung und der ästhetischen Urteilskraft wie plump und elegant, verworren und maßvoll, schwerfällig und behende, kraftlos und gespannt, farblos und schillernd und viele weitere mehr.

Die meisten wohlwollenden Ratschläge sind solche, um die man nicht gebeten hat.

Die uns raten, tun es meist, um uns nicht gleich zu ohrfeigen.

Das kulturelle Elend der Deutschen zeigt sich in dem trotz der Mahnungen und Menetekel von 1933, 1945, 1968, 1989 zügellos gebliebenen Verlangen nach sozialen Utopien.

Der nüchtern gewordene Geist, wie der eines Horaz, eines Seneca oder Tacitus, nimmt hin, daß es über das morgendliche Festmahl und den sonntäglichen Spaziergang mit Freunden oder wenn es hochkommt den abendlichen Kuß der Geliebten hinaus nichts zu erwarten gibt.

Die Resignation ist die Schwelle zum Glück, und sei es zu dem bescheidenen, auf einem bemoosten Stein in der Abendsonne zu sitzen und nichts weiter zu fühlen als die noch warmen Strahlen auf der Haut und nicht weiter zu sehen, als die letzten Strahlen eben reichen.

Würde man die Funktionsträger der politischen Elite durch Automaten ersetzen, die nur stumm die Lage berechnen und fällige Entscheidungen auf ihren Bildschirmen anzeigen, müßten Krethi und Plethi nichts entbehren, aber jeder Feinhörige dürfte für die Stille danken, in der all die hochmögenden Phrasen ungesagt blieben.

Wenn ein kleiner Verrückter einen großen der Verrücktheit zeiht, wie Schopenhauer Hegel, ist dies nicht allemal ein Ausweis von Vernunft.

Hegel mal Marx ist gleich Irrsinn im Quadrat.

Ein kopfstehendes schlangenlockiges Monstrum auf die Füße zu stellen macht aus ihm noch keinen Apoll.

Der Glaube, daß der Heilige Geist sowohl aus dem Vater als auch aus dem Sohne hervorgehe, ist die reine Vernunft gegenüber jenem, wonach sowohl das Ich als auch das Nicht-Ich aus dem absoluten Ich hervorgehen.

Die den Gedanken nicht ertragen, daß der Raum zwischen den Sternen und Galaxien leer ist und stumm, erlauschen sich Engelschöre. Das spricht vielleicht nicht für ihren Verstand, aber für ihren edlen Charakter.

Der Glaube, daß die Götter wie Menschen Händel und Liebschaften untereinander pflegen, ist die reine Vernunft gegenüber jenem, wonach die Rede zwischen Krethi und Plethi, läßt man ihnen nur freie Hand und gewährt ihnen eine Tüte blauer Luft, von rationalen Kriterien gelenkt und zu einer respektheischenden Verständigung erblühen werde.

Die Torheiten der Philosophen verbreiten sich epidemisch, wenn sie mit dem Nachhall der alten Heilsversprechen versehen wurden.

Jene, denen die Wahrheiten der Bibel nur ein Grinsen entlocken, blicken selig-verklärt auf zu den Kathedern philosophischer Heilsverkündigung.

Wenn Fichte, Hegel und Schopenhauer sich aus derselben Quelle nähren, kann diese trotz der Kritik der reinen Vernunft nicht ganz sauber sein.

Das Kind bemerkt, wie es größere Aufmerksamkeit der Eltern auf sich zieht, wenn es krank ist und sich unter der Decke verkriecht; desgleichen finden wir den neurotischen Patienten, der scheinbar grundlos krank wird und sich in seinem Unterschlupf verbirgt, in der törichten Hoffnung, gütige Augen würden ihn bald dort entdecken.

Wenn das Kind die Puppe wiegte, ließ sie den wonnigen Laut eines Babys vernehmen; nachdem das Kind die Puppe, um eine ungute Neugierde zu stillen, recht unsanft geöffnet hatte, blieb sie stumm.

Die despektierlich herabzerrende Geste, mit der man einmal glaubte durch das Herunterreißen der Talare den unter ihnen angesammelten Muff freizulegen, ist heute zur grauen Phrase der Festtagsreden und dem staubigen Rankenwerk feuilletonistischer Nachrufe erstarrt.

„Die Welt als Wille und Vorstellung“ – welch eine befremdliche Phantasmagorie, was für ein Irrwitz schon im Titel.

Wer wähnt, die Welt sei seine Vorstellung, hat vergessen, daß er der Sohn seiner Eltern ist.

Mißtrauen wir den Geistesblitzen in der währenden Nacht der Vernunft.

Der Kunsthandwerker versteht sich darauf, mit wenigen routinierten Griffen die Töpferscheibe wieder in Drehung zu versetzen, die Meißener Porzellanfigur zu kitten, ohne daß die Bruchstelle zu sehen wäre, dem Kirchenfenster transparentere farbige Scheiben einzufügen; die kurzsichtigen Bürokraten und betriebsblinden Sozialingenieure aber, denen gesinnungsethisch verblendete Politik ihre Entscheidungen zur allbeglückenden Modernisierung der Gesellschaft überantwortet, können die marktschreierisch ausgerufenen Eingriffe in die Feinmechanik und das undurchsichtige Netzwerk des ökonomischen oder sozialen Systems nur unter dem unausbleiblichen Risiko ihrer Beschädigung vornehmen.

Gott als Substanz, ens verum, ens realissimum, causa prima, causa finalis … – die christliche Theologie als parasitärer Wurm, der sich durch den Leichnam der antiken Metaphysik frißt.

So mag Pascal es gemeint haben: Die Gebete, die Riten, die Hymnen sind echt und ursprünglich, nicht der Weihrauch der Theologie, der sie im Zwielicht surrealer Begriffswolken verschwimmen läßt.

Der parasitäre Wurm der Theologie frißt sich durch den Leichnam der antiken Metaphysik, bis er schließlich im Ekel und Überdruß von Atheismus und Nihilismus kraftlos von ihm abfällt.

Man kann Begriffe definieren, konstruieren, dekonstruieren – aber keine natürlichen Sprachen, die uns eine ins Dunkel der Vergangenheit reichende Überlieferung vermacht hat.

Der Gebrauch von „wissen“ führt uns auf die notwendigen Bedingungen des korrekten Gebrauchs von „wahr“ und „falsch“.

Die Bedingungen des korrekten Gebrauchs von „wahr“ und „falsch“ sind objektiv; dieser Umstand schließt nicht aus, sondern impliziert, daß „Objektivität“ ein korrelativer Begriff zu „Subjektivität“ ist.

Denn wir können „wissen“ nicht korrekt verwenden, ohne zu sagen: „Ich weiß“ oder „Wir wissen“; das mittels der Personalpronomina der ersten Person aufgespannte syntaktische Netzwerk aber verweist uns auf räumlich und zeitlich verschiebbare Positionen seiner Befestigung, während die Semantik von „wissen“ davon unberührt bleibt.

So können wir logisch konsistent nicht sagen: „Ich wußte, daß der Mond der einzige Erdtrabant ist“, denn dies würde implizieren, daß wir jetzt eine Wahrheit verkennen, die wir einmal erkannt hatten; ja, eine Wahrheit in der Vergangenheit einmal eingesehen und gewußt zu haben impliziert, sie auch in der Gegenwart noch zu wissen, falls nicht Geistesschwäche oder Demenz unsere Wissensbestände aufgelöst hat.

Freilich, wenn wir den Satz in ein passendes syntaktisches Netz fügen, dem wir räumliche und zeitliche Koordinaten zuordnen, können wir ihn ohne Widerspruch behaupten und etwa sagen: „Unser Geographielehrer hat uns anhand eines astronomischen Modells vorgeführt, wie der Mond um die Erde kreist. Da wußte ich, daß der Mond der einzige Erdtrabant ist.“

Daß der Mond der einzige Erdtrabant ist, bildet eine Tatsache und ist keine Vorstellung von der Welt, die natürlicherweise verschwindet, wenn wir in den Schlaf oder eine Ohnmacht sinken; sie bleibt auch dann eine objektive Wahrheit, wenn wir aufgrund einer Geistesschwäche daran gehindert würden, ihrer inne zu werden. Allerdings, ihrer inne zu werden impliziert, daß du oder ich oder wer immer sagt: „Ich weiß, daß der Mond der einzige Erdtrabant ist.“

Der semantische Zusammenhang zwischen dem Gebrauch von „wissen“ und dem Gebrauch von „wahr“ und „falsch“ ist ein interner und logisch notwendiger Zusammenhang, der syntaktische Zusammenhang zwischen dem Gebrauch von „wissen“ und dem Gebrauch der Personalpronomina der ersten Person ist ein externer und logisch nicht notwendiger Zusammenhang.

 

Nov 2 21

Maurice Carême, Le Poète

Il reprit encore sa feuille
Et crut devenir enragé.
Il tournait comme un écureuil
Que l’on retiendrait encagé.

Il pensait bien à un chevreuil,
Mais qu’en faire ? Etait-ce à Mellier,
Etait-ce, un soir, à Grand Verneuil
Qu’il l’avait vu au bord d’un pré ?

Dire qu’il est des fruits qu’on cueille
A la main, sans se déplacer,
Qu’il est des loriots, des bouvreuils
Qui chantent comme on joue aux dés !

Il repris encore sa feuille
Et demeura tout étonné
Il avait douze vers rimés,
six vers en é, six vers en euil
qui ne lui avait rien coûté.

 

Der Dichter

Erneut war ihm der Versfuß verrenkt,
er glaubte, schon verrückt zu sein.
Ist im Kreise herumgeschwenkt,
wie ein Eichhorn in des Käfigs Pein.

Das Bild eines Rehs hat ihn abgelenkt.
Wohin damit? Warʼs bei Götzenhain,
oder als sich die Nacht gesenkt,
bei Großkrotzenburg am Main?

Da werden sogar Hände geschwenkt,
und doch bleibt man starr wie ein Stein,
da ist die Luft von Zwitschern durchtränkt,
als würfle man Würfel zu zwein!

Der Versfuß war wieder eingerenkt,
sein Erstaunen war nicht klein,
ein Dutzend Reime nannte er sein,
sechs auf „-ein“ und sechs auf „-enkt“,
und keiner riß ihm aus ein Bein.

 

Nov 1 21

Maurice Carême, Le Chat et le Soleil

Le chat ouvrit les yeux,
Le soleil y entra.
Le chat ferma les yeux,
Le soleil y resta.

Voilà pourquoi, le soir
Quand le chat se réveille,
J’aperçois dans le noir
Deux morceaux de soleil.

 

Die Katze und die Sonne

Machte die Katze die Augen auf,
trat die Sonne hinein.
Machte die Katze die Augen zu,
blieb dort der Sonnenschein.

Drum, wenn sie abends erwacht,
sehe ich aus zwei Schlitzen
kleine Sonnen der Nacht
in der Dunkelheit blitzen.

 

Nov 1 21

 Maurice Carême, La Lune

Ah ! Quel dommage !
La lune fond.
Il n’est plus rond
Son gai visage.

Quelle souris
En maraudage
La prend, la nuit,
Pour un fromage ?

Elle maigrit
Que c’est pitié :
Plus qu’un quartier
Qui s’amincit…

Mais sans souci
Presque au cercueil
La lune rit
Avec un œil.

 

Der Mond

O je, wie schade!
Der Mond schmilzt hin,
spitz wird sein Kinn,
sein Lächeln fade.

Wer hätt die Maus bedacht,
daß sie den Mond erläse
anknabbernd ihn bei Nacht
als ein Stück Käse?

Er magert schnell.
Wohl ist es schad:
Um mehr als 90 Grad
ist weniger er hell …

Doch kein Gesicht gemacht!
Beinahe ganz im Loch,
der Mond, er lacht
mit einem Auge noch.

 

Okt 31 21

Stanzen von den Ton- und Schaumgebilden

Wie Töpfers feuchte Hände Formen sinnen
aus dunkler Erde Ton, die Hüften schwellen
der schlanken Vase, doch wie Tränen rinnen
die Perlen, die den steilen Wuchs erhellen,
sie trocknen Gluten, süßer Flammen Minnen,
die schöne Tochter Schwestern zu gesellen.
Vollendet ist das Werk, wenn Blüten ragen,
die uns von Lebens stiller Schöne sagen.

So ist dem Dichter Schaum anheimgegeben
von Wogen, die aufs Ufer Mondnacht gießen,
Gespinste, die auf dunklen Wassern schweben,
in zarter Knospen Schmelz sie einzuschließen,
er kann noch scheue Ranken ihnen weben,
die um den reinen Schlaf der Schwäne fließen.
Vollendet ist das Werk, wenn Düfte quillen,
am Liebesblick die Knospen sich enthüllen.

 

Okt 31 21

Maurice Carême, Pour Ma Mère

Il y a plus de fleurs
Pour ma mère en mon cœur
Que dans tous les vergers
Plus de merles rieurs
Pour ma mère en mon cœur
Que dans le monde entier
Et bien plus de baisers
Pour ma mère en mon cœur
Qu’on en pourrait donner

 

Meiner Mutter

Es gibt auf meines Herzens Rain
für meine Mutter Blumen allein
mehr als in allen fremden Beeten.
Mehr Amselsänge, die ihr benedein
in meines Herzens Schrein
als je die Welt durchwehten.
Mehr Küssen, stumm erflehten,
gönnt ich das Bild der Mutter mein,
als je die Frommen, die ihm beten.

 

Okt 31 21

Maurice Carême, Le Chaperon Rouge

« Chaperon rouge est en voyage »,
Ont dit les noisetiers tout bas.
Loup aux aguets sous le feuillage,
N’attendez plus au coin du bois.

Plus ne cherra la bobinette
Lorsque, d’une main qui tremblait,
Elle tirait la chevillette
En tendant déjà son bouquet.

Mère-grand n’est plus au village.
On l’a conduite à l’hôpital
Où la fièvre, dans un mirage,
Lui montre son clocher natal.

Et Chaperon rouge regrette,
Le nez sur la vitre du train,
Les papillons bleus, les fleurettes
Et le loup qui parlait si bien.

 

Das Rotkäppchen

„Rotkäppchen ist auf Reisen“,
hat’s sanft vom Haselstrauch gehallt.
Wolf, komme aus des Dickichts Schneisen
und warte nicht auf sie im Wald.

Die Tür, sie ächzt nicht wieder,
streckt zitternd sie die Hände aus
und drückt die Klinke nieder,
zückend schon den Blumenstrauß.

Großmutter konnt im Dorf nicht bleiben,
man brachte sie ins Hospital,
wo ihr durch fieberdüstre Scheiben
der Kirchturm flirrt im Heimattal.

Rotkäppchen aber sieht verdrossen,
am Zugfenster drückt sie die Nase platt,
die blauen Falter, die grünen Sprossen
den Wolf, der so schön gesprochen hat.

 

Okt 30 21

Traumpfad am Rhein

Wie heimatlich ist hier die Luft, es scheinen
die Wege alle in den Rhein zu münden,
wo die verirrten Seelen sich vereinen.

Wie sanft sich Himmels Schieferbrauen ründen,
und immer sprühen helle Wolkenlitzen,
die sich im Abendrot um Türme winden,

auf denen weiße Turteltauben sitzen,
im Schlafe gurrend, wenn die Glockenklänge
mit Schwalbenrufen durch das Dunkel blitzen.

Ach, gehen wir noch einmal still die Gänge,
wie Hand in Hand sich liebend Anvertraute.
Vernimmst auch du der Dämmerung Gesänge,

als ob im schwarzen Ried schon Glitzern taute
und Mondes schneebeflaumte Schwäne flössen
durch weichen Wassers aufgeschluchzte Laute?

Auf daß wir einmal noch des Weins genössen,
wie sänftigte der zarte Klang der Schalen,
als ob uns Rosen um die Herzen sprössen.

O wie versanken, Rosen, eure Strahlen.

 

Okt 30 21

Die Reliquien

Der Wahrheit Kelch liegt umgehauen,
das Gold des Weins, das ihm entquollen,
verblich im ersten Morgengrauen.

Als zögernd Vogelruf erschollen
vom Garten mit den wehen Trieben,
ließ lauer Hauch die Krümel rollen,

die auf dem bleichen Tuch geblieben,
vom Brot, dem ungesäuerten,
wie Vätergeist es vorgeschrieben.

Die treuen Sinn beteuerten,
und Hoffnung aßen, Glauben tranken,
daß ganz sie sich erneuerten,

sie bargen sich in Schattenranken
und flohen vor den Feuerzungen,
dem Blut, das dunkle Engel tranken.

Den Spatzen nur ist es gelungen,
sie flatterten zum Tisch des Boten
und labten ihre kleinen Zungen

an den Reliquien des Toten.

 

Okt 29 21

Maurice Carême, La Peine

On vendit le chien, et la chaîne,
Et la vache, et le vieux buffet,
Mais on ne vendit pas la peine
Des paysans que l’on chassait.

Elle resta là, accroupie
Au seuil de la maison déserte,
A regarder voler les pies
Au-dessus de l’étable ouverte.

Puis, prenant peu à peu conscience
De sa forme et de son pouvoir,
Elle tira d’un vieux miroir
Qui avait connu leur présence,

Le reflet des meubles anciens,
Et du balancier, et du feu,
Et de la nappe à carreaux bleus
Où riait encore un gros pain.

Et depuis, on la voit parfois,
Quand la lune est dolente et lasse,
Chercher à mettre des embrasses
Aux petits rideaux d’autrefois.

 

Der Kummer

Man verkaufte den Hund samt der Leine,
die Kuh und den Schrank, schon betagt,
doch Käufer für den Kummer fanden keine
die Bauern, die man fortgejagt.

So blieb er auf der Schwelle sitzen,
vor dem verwaisten Hause dort,
und sah die Elstern stibitzen,
der Riegel vor der Stallung war fort.

Dann wurde allmählich er inne
der eignen Schöne, eigner Macht,
ihm blitzten aus des alten Spiegels Nacht,
der alles barg in seinem treuen Sinne,

Schimmer auf von alter Möbel Pracht,
von der Pendeluhr, vom Feuer im Herd,
und vom Tischtuch, blaukariert,
wo noch ein großer Brotlaib gelacht.

Manchmal sieht man ihn seitdem,
bei einem Mond, zum Glücklossein verflucht,
wie er Kordeln anzubringen sucht
an den kleinen Gardinen von ehedem.

 

Okt 29 21

Maurice Carême, Le Muguet

Carillonnez ! car voici Mai !
Cloches naïves du muguet !

Sous une averse de lumière,
Les arbres chantent au verger,
Et les graines du potager
Sortent en riant de la terre.

Carillonnez ! car voici Mai !
Cloches naïves du muguet !

Les yeux brillants, l’âme légère,
Les fillettes s’en vont au bois
Rejoindre les fées qui, déjà,
Dansent en rond sur la bruyère.

Carillonnez ! car voici Mai !
Cloches naïves du muguet !

 

Das Maiglöckchen

Maiglöckchen, Mai ist gekommen,
schwing deine Glocken, die frommen!

Unter des Lichtes Schauern
raunen die Bäume sich Reime,
Gemüse sprießt lächelnde Keime
zwischen den Gartenmauern.

Maiglöckchen, Mai ist gekommen,
schwing deine Glocken, die frommen!

Mit schimmernden Augen, schweifenden Herzen
sind die Mädchen zum Wald entflohn,
wieder die Feen zu treffen, die schon
im Heidekraut Reigen tanzen und scherzen.

Maiglöckchen, Mai ist gekommen,
schwing deine Glocken, die frommen!

 

Okt 28 21

Maurice Carême, L’automne

L’automne, au coin du bois,
Joue de l’harmonica.
Quelle joie chez les feuilles !
Elles valsent au bras
Du vent qui les emporte.
On dit qu’elles sont mortes,
Mais personne n’y croit.
L’automne, au coin du bois,
Joue de l’harmonica.

 

Der Herbst

Dem Saum des Waldes nah
Herbst spielt Harmonika.
Wie sich die Blätter freuen!
Im Walzerschritt reißt da
der Wind sie mit sich fort.
Es heißt, sie sind verdorrt.
Doch niemand glaubt es ja.
Dem Saum des Waldes nah
Herbst spielt Harmonika.

 

Okt 28 21

Maurice Carême, Simple Vie

C’est du soir en fruit,
De la nuit en grappe
Et le pain qui luit
Au clair de la nappe.

C’est la bonne lampe
Qui met, sur les fronts
Rapprochés en rond
Sa joie de décembre.

C’est la vie très simple
Qui mange en sabots,
C’est la vie des humbles :
Sourire et repos.

 

Schlichtes Leben

Es ist im Apfel Abendrot,
Nacht in der Beere,
es leuchtet auf das Brot
aus weißen Linnens Leere.

Es ist der Lampe Güte,
die Stirnen hat erhellt,
was liebend sich gesellt,
als ob ein Schnee erblühte.

Es ist das schlichte Leben,
man ißt im groben Schuh,
das Leben, das ergeben
nur Lächeln sucht und Ruh.

 

Okt 28 21

Adagietto

Wie Flocken, die im Dunkel leuchten,
sind Töne, die herniederschweben
und süßer Liebe Wange feuchten.

Als könnten sie uns noch erheben,
die wir bei welken Blumen kauern,
mit Engelsodem uns beleben.

Sie sprühen Duft von milden Schauern.
Sie gleichen veilchenblauen Blicken,
die lang wie bange Küsse dauern.

Und wenn sie unser Herz entrücken,
will uns die Nacht wie Faltern scheinen,
die Tropfen mondnen Taus beglücken.

O dunkler Glanz uns, daß wir weinen.

 

Siehe:
Gustav Mahler, Adagietto, 5. Symphonie, Claudio Abbado:
https://www.youtube.com/watch?v=yeaCjyxrgGY

 

Okt 28 21

Maurice Carême, La Bise

” Ce sont des feuilles mortes “,
Disaient les feuilles mortes
Voyant des papillons
S’envoler d’un buisson.

” Ce sont des papillons “,
Disaient les papillons
Voyant des feuilles mortes
Errer de porte en porte.

Mais la bise riait
Qui déjà les chassait
Ensemble vers la mer.

 

Der Nordwind

„Das sind welke Blätter“,
sprachen die welken Blätter,
als Falter sie erspähten,
die aus Büschen wehten.

„Das sind Schmetterlinge“,
sprachen die Schmetterlinge,
als welke Blätter schwirrten,
von Tür zu Türe irrten.

Nordwind hat gelacht,
leicht war ihm die Fracht,
als beide er zum Meer verbracht.

 

Okt 27 21

Maurice Carême, La Fillette et le Poème

“Le poème, qu’est-ce que c’est ?
M’a demandé une fillette :
Des pluies lissant leurs longues tresses,
Le ciel frappant à mes volets,
Un pommier tout seul dans un champ
Comme une cage de plein vent,
Le visage triste et lassé
D’une lune blanche et glacée,
Un vol d’oiseaux en liberté,
Une odeur, un cri, une clé ?”

Et je ne savais que répondre
Jeu de soleil ou ruse d’ombre ? -
Comment aurais-je su mieux qu’elle
Si la poésie a des ailes
Ou court à pied les champs du monde ?

 

Das Mädchen und das Gedicht

„Was ist das, ein Gedicht?“,
so fragte mich ein Mädchen,
„ein Regen, glättend sich die langen Flechten,
an mein Fenster klopfend Himmelslicht,
ein Apfel, ganz allein auf einem Feld,
das wie ein Käfig nur von Wind gefüllt,
das Antlitz, traurig und verloren,
des Mondes, schimmernd wie gefroren,
ein Schwarm von Vögeln, der ins Blaue singt,
ein Duft, ein Schrei, ein Tor, das schwingt?“

Darauf ich, als ob ich auch was wüßt:
„Spiel des Lichtes oder Schattenlist?“
Wie hätte besser ich gewußt als sie,
ob Flügel hat die Poesie,
ob barfuß sie durch Wald und Wiesen schießt?

 



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