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Mai 5 24

Sonett für einen kranken Dichter

Nur schlafen, schlafen will der Sinnverstörte,
ein Lichtgekränkter, der ins Dunkel flieht,
daß er die leeren Augen nicht mehr sieht,
vergißt, was er aus rohem Munde hörte.

Liegt er wie waidwund hinter Traumes Gittern,
ist ihm, er sei ein Stein, der fällt und fällt
in eine Brunnenacht, das Herz der Welt,
und er erwacht, wie Wasserspiegel splittern.

Du sollst nicht schlafen, Dichter, sondern wandern
in stiller Zeichen ferne Sonnenauen,
wo Verse Flüsse sind, die sanft mäandern.

Dort magst du pflücken und in Kränze winden
die roten Knospen, Veilchen auch, die blauen.
Vergil nimm mit, Arkadien zu finden.

 

Mai 4 24

Fall ins Nichts

Flüchten wir auf Flügeln, Taubenflaum,
Wolken wollen, Seufzer sanft uns tragen,
Rauschen dunkler Tiefe hört sich kaum,
Lied des Lichts, es darf von Liebe sagen.
Flüchten wir, wo hell die Quelle singt,
zu Arkadiens veilchenblauem Saum.

Auch wenn Dämmerung uns kühl umringt,
wollen wir umschlungen warm uns halten,
Trübsinn in die müden Herzen dringt,
winken ferne uns schon Lichtgestalten,
die ein frommer Dichter Engel heißt,
Dichter, der vom Paradiese singt.

Doch im Dunkel sind wir wie verwaist,
sternenlose Nacht läßt uns erschauern.
Wenn der Sturm dich grausam mir entreißt,
soll mein eitler Flug nicht länger dauern.
Fall ins Nichts, wenn Liedes Brücke bricht,
Flut ist noch, wo Schaum des Mondes gleißt.

Fall ins Nichts, wenn Liedes Brücke bricht.

 

Mai 3 24

Flüchte, Dichter

Flüchte, Dichter, ostwärts zu Mongolen,
wo du fliegen lernst von Traum-Schamanen,
Psalmen klatschen im Geflirr der Fahnen,
dort, wo Flammen singen, Herzen tauen.
Flüchte, Dichter, ostwärts zu Mongolen.

Bei den Herden und den braunen Frauen
magst du unter weißen Wolken zelten,
wandern mit dem Mond zum Tor der Welten.
Schluchzen darf dein Lied, wie Schnee zerronnen,
bei den Herden und den braunen Frauen.

Dort, wo Knospen scheinen Purpursonnen,
in der Stille meeresgrüner Matten,
liegt dein Herz entrückt im Wolkenschatten,
und dein Vers erglüht wie Gladiolen,
dort, wo Knospen scheinen Purpursonnen.

Flüchte, Dichter, ostwärts zu Mongolen.

 

Mai 2 24

Im Halbschlaf gesungen

Im nächsten Besten uns die Augenweide,
ein schmaler Streifen nur von Gelb und Grün.
Die Wolke mag durch hohe Bläue ziehn,
ihr Schatten weicht, ein letztes Bild vom Leide.

Und stillumhüllt ist sich das karge Leben,
versunknen Falters Puppe, kaum bewußt,
wie con sordino süß erstickte Lust
mag einsam dunklen Fühlens Saite beben.

So auch dein Singen, Dichter, halb im Schlaf,
als reichtest du im Traum die Anemone,
o süßer Blick, der in dein Grauen traf,

der Liebe, die dir hold entgegenschreitet,
daß sie im Abendrot noch bei dir wohne,
bis über euch die Nacht den Fittich breitet.

 

Apr 30 24

Vom Sinn der Rede

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Die Begriffe, mit denen wir vom Maßstab sprechen, seinen Umfang, seinen Wert, seine Mächtigkeit beschreiben und festlegen, sind kategorial verschieden von den Begriffen, mit denen wir über das Gemessene sprechen.

Als Lineal können wir kein weiches Wachs verwenden.

Zeitliche Phasen lassen sich auf räumliche Dimensionen projizieren. – Die im hölzernen Türrahmen eingekratzten Linien, die das Wachstum des Kindes anzeigen. – Die Ziffern der Uhr, über die der Stundenzeiger streicht.

Wir können die Farbskala beliebig fein nuancieren; die Farben in Zahlenwerten für Lichtfrequenzen darstellen, die selber farblos sind.

Er hat allzu lange auf den Freund gewartet; woran messen wir die Länge – an der Uhr oder der Intensität der Erwartung?

Das Adagio schien zu schleppend vorgetragen. – Messen wir unseren Eindruck anhand des Metronoms?

Den zeitlichen Rhythmus von Versen messen wir an der durchschnittlichen Frequenz des menschlichen Herzens; so sagen wir, ein rein daktylischer Hexameter ist schnell, ein aus Spondeen zusammengesetzter langsam, doch können wir von der durchschnittlichen Herzfrequenz nicht sagen, sie sei schnell oder langsam.

Könnten Tiere dichten, der Kolibri sänge keine Epen, der Wal spuckte keine Epigramme aus.

„Statische Gedichte“ ist eigentlich eine contradictio in adiecto.

Ist Zeit die Woge, sind wir ihr ephemerer Schaum.

Das dämmernde Zimmer der Verwaisten oder Liebenden, die flackernde Kerze des bangen oder intimen Gesprächs.

Begriffliche Verwirrung entsteht, wenn wir den kategorialen Unterschied zwischen Rede und Schrift nicht berücksichtigen oder verwischen. – Das lyrische Gedicht bedarf des genauen, rhythmisch nuancierten Vortrags; die Druckseite täuscht über seine Wirklichkeit.

In der direkten, lebendigen Rede sind wir anwesend und spannen den Schirm unserer raumzeitlichen Gegenwart über dem Nullpunkt des Ich-Sagens auf.

Ich zu sagen impliziert zu meinen: „Ich bin jetzt hier.“

Die Angabe räumlicher und zeitlicher Stellen und Bezüge erfolgt in der direkten Rede mittels deiktischer Hinweise, deren Ursprung die Null-Koordinate des sprechenden Ich darstellt.

Die Zeit des Redens ist die Zeit der vergehenden Gegenwart. Die Zeit vergangener oder zukünftiger Ereignisse, über die wir sprechen, ist von der Redezeit prinzipiell verschieden.

Sage ich: „Reich mir doch bitte die Karaffe!“, erwarte ich, daß der Angesprochene tue, worum ich ihn gebeten habe. Lese ich in einer Erzählung: „Er bat den Gastgeber, ihm die Karaffe zu reichen“, erwarte ich gar nichts; jedenfalls bin ich nicht enttäuscht, wenn ich weiterlese: „Der Gastgeber tat aber nicht, wie ihm geheißen, sondern lächelte maliziös, denn der Gast war schon reichlich angetrunken.“

Sage ich: „Morgen gehen wir wie abgemacht in den Park!“, drücke ich eine Absicht aus oder mache eine Zusage. Lese ich in der Erzählung, daß die Freunde verabredeten, am kommenden Tag in den Park zu gehen, bin ich nicht enttäuscht, wenn ich weiterlese und erfahre, daß einer der beiden die Verabredung nicht eingehalten hat.

Wie Architektur keine gefrorene Musik, ist geschriebene Sprache keine Kristallisation der gesprochenen.

Der Brief scheint der gesprochenen Sprache noch nahe; doch kann jemand in einem Brief nicht auf das Bild an der Wand zeigen, sondern muß den Maler und das Motiv eigens nennen. Auch wenn er eine Abbildung beifügt, kann er die selbstgefällige Geste nicht vorführen, mit der er auf die Original-Radierung von Barlach zu zeigen pflegt.

Nur in der direkten Rede können wir Aufforderungen machen wie „Mir ist lieber, du gehst an meiner rechten Seite!“ oder bindende Feststellungen treffen wie: „Die Sitzung ist eröffnet!“

Begrüßungen und Verabschiedungen sind integrale Bestandteile gesprochener Sprache, die durch rituelle Gesten wie Händeschütteln, Umarmung oder Abschiedskuß verstärkt zu werden pflegen.

Lyrische Dichtung ist das blühende Reis, das auf den Stamm der gesprochenen Rede gepfropft worden ist.

Akustisch aufgezeichnete Gespräche weisen Lücken der Verständlichkeit auf, insofern wir der sie erhellenden Sichtbarkeit der Gesten, der Blicke, der Mimik ermangeln.

Die Situation und die wesentlichen Eigenschaften des menschlichen Lebens wie Geschlecht, Alter, ethnisch-kulturelle Herkunft und soziale Position sind gleichsam Verengungen oder Buchten im Fluß der mündlichen Rede, die ihren Verlauf verlangsamen oder beschleunigen.

Aber die Bedeutung der Rede ist keine Funktion der natürlichen und sozialen Eigenschaften des Sprechers, sondern der Worte, die er gebraucht, auch wenn solche Eigenschaften ihnen Kontur und Kolorit verleihen.

Wir können sagen: Der Zweck der Rede ist die Steuerung des Willens und Verhaltens, die Beeinflussung des Wahrnehmens, Fühlens und Denkens des Angesprochenen; ihr Mittel die Art und Weise der Sprachverwendung.

Wir denken an einen der Ursprünge lyrischer Dichtung im magischen Zauberspruch; der altgermanische Vers verwendet zur Intensivierung seiner Beeinflussungsmacht die Assonanz und die stabreimende Alliteration.

Die vollkommene Form des lyrischen Gedichts will bezaubern und entrücken, wenn es wie Goethes Wanderers Nachtlied ineins mit der Stille der Natur die Stillung der Seele beschwört: Warte nur/balde/ruhest du auch. – Es ist zu bemerken, daß in diesen vollendeten Versen die rhythmischen Einheiten, die Kola, mit den Verseinheiten kongruieren.

Urformen der Rede sind die Aufforderung (Befehl, Bitte) und die Frage. Die deskriptive Aussage und die Mitteilung sind konsequente Zuwächse an diesen Urformen. – „Vorsicht, dort ist der Weg abschüssig!“ – „Aber das ist doch nur eine harmlose Mulde!“ – „Gehen wir hinüber zu dem Fichtenwäldchen!“ – „Aber das sind keine Fichten, sondern Tannen!“

Die Rede dient der Bahnung des Wegs durch das Dickicht und die Fährnisse des Lebens.

Erst wenn wir unterwegs eine Rast einlegen, kommt die expressive Funktion der Rede rein zur Geltung. – „Puh, war das ein steiler Anstieg!“ – „Wie gut, im Schatten zu verweilen!“

Nach schwerem Aufstieg gemächlich auf der Hochebene wandeln – und alsbald läßt die geistige Spannung nach und die Rede ergeht sich in sentimentalem oder zänkischem Gewäsch.

Ohne Fühlung der immer lauernden Gefahr, ohne Bewußtsein der wesentlichen Not, des unaufhebbaren Mangels oder wie der Psalmist sagt, die Furcht des Herrn verdampft die geistige Spannung, verlottert, verludert und verlallt die menschliche Rede.

K., der Protagonist in Kafkas Schloß, ist auf beschämende Weise fasziniert, angezogen und abgestoßen von der Spannung und Gefahr, die ihm aus dem Dunstkreis und dem Nimbus eines gewissen dekadenten Herren und Schloß-Bürokraten namens Klamm wie Stromstöße anfallen; von ihnen wird er wachgehalten, erregt, gehetzt und dazu verleitet, die immer sich entziehende Quelle der Macht und der Gnade doch noch zu erreichen.

Substanz der Rede: vergehende Zeit.

Sklaven der Zeit atmen und wandeln wir, reden und denken wir.

Folgt in der Rede Wort auf Wort, folgert das Denken aus der gegebenen Voraussetzung und einer irgend angenommenen Regel.

Rede und Gedanke sind in die zeitliche Struktur der Aufmerksamkeit, des wachen Sinnes, der Vergegenwärtigung, Erinnerung und Ahnung eingesenkt.

Der Gedanke, der sich nur vom Gängelband der Worte leiten läßt, ist ohnmächtig, chimärisch und blind, der Gedanke, der nicht von der Fülle und dem Reichtum der sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten zehrt, ist matt, farblos und leer.

In Büchners Drama Dantons Tod spricht die Geliebte des Protagonisten, über dem das Fallbeil schon blinkt, das große Wort, das tödlich-schöne, das sie mit ihm auf immer vereint: „Es lebe der König!“

Wir sprechen, wie Heidegger sagt, vorlaufend in den Tod – wenn denn unser Wort Gewicht haben soll.

Der entzündete Blinddarm des Kulturbetriebs, die wabernde Adipositas des Geredes in Foren, Talkshows und Seminaren.

Wir könnten uns zum Behaghelschen Gesetz der wachsenden Glieder der Rede auch ein umgekehrtes denken, ein Gesetz der Verknappung, Verdichtung und Verwesentlichung der Rede – zum tragischen Ende hin, wenn der aufgesparte Atem sich für das kaum noch Sagbare verhaucht. – Aber nein, es gilt vielmehr, das Nichtsagbare, um das wir wissen, unangetastet zu lassen und zu schweigen.

So wäre der Sinn der Rede, alles zu sagen, was klar und deutlich zu sagen ist, um am Ende über das Wesentliche zu schweigen.

Wir kennen aber neben der alltäglichen Rede den rituellen Gebrauch der Sprache in heiligen Zeremonien und Gottesdiensten. Hier ist das Wort dichterisch erhöht und rhythmisch gesteigert, ja es streift alsbald die in das Gemurmel ihrer Litaneien Versunkenen der Flügel des hymnischen Gesangs.

Im mystischen Ritus der Eucharistie tritt das Wort, gereinigt von den farbigen Schatten des kreatürlichen Lebens, als reines schöpferisches Licht entgegen, um in Brot und Wein verwandelt in den dunklen Kreislauf des verweslichen Leibes einzugehen; das inkarnierte Wort des Heils aber soll nicht heidnisch kräftigen, sondern das Gedächtnis an eine paradiesisch-surreale Existenz wecken, in der die Blume des Worts noch Lebenskraft aus reinen Quellen gesaugt hat.

Das Gedächtnis, dies vom Krebs des Zeitgeistes zerfressenste Organ.

Die so geschichtsblind sind, daß sie überall aufgehen wollen, im Fortschritt zum Abgrund, in Europa ohne Nationen, in der Menschheit ohne Individualkulturen, können vom Volk nicht reden, weil in ihnen die gesichtslose Masse schon emporgequollen ist.

 

Apr 30 24

Der Schmerz starb nicht

Das Wasser schwarz, darüber graue Hügel,
kein Stern, kein Mond, der Abgrund grenzenlos.
Ein lichter Tau verrinnt im dunklen Moos,
es zittert schon des Morgens banger Flügel.

Dort bist gelegen du im Sterbezimmer.
Dein Mund war leer. Ob er ins Herz noch floß,
als ich den schweren Vorhang auf dir schloß,
der Kindheit weicher Schmelz, der süße Schimmer?

Ein Blasebalg hat dumpf die Brust gehoben,
ist, müder Knecht, bald aus dem Takt gefallen.
Da hielt er still. Die Sonne schwamm im Rhein.

Der Schmerz, der unsre Seelen hat verwoben,
starb nicht, er lebt und leuchtet auf kristallen
wie Gläser, die hell tönen, schenkt man ein.

 

Apr 29 24

Sonett von den Fahrenden

Die Flamme war’s, sie zog mich aus der Tiefe,
als hätte treue Liebe sie entfacht.
Es sang kein Vogel mehr im Laub der Nacht,
doch war mir , eine süße Stimme riefe.

Sie saßen um das Feuer, Fahrtgenossen,
vom Glutgesicht des Holzes schon betört,
und Schatten, wie vom Singsang aufgestört,
umtanzten sie und wogten und zerflossen.

Da schmeckte ich das Salz auf meiner Lippe,
und trank vom Krug, der mit dem Mond gekreist,
ich fand den Ton und hielt ihn, goldnes Siegel,

das mich erhob, Geblüt von ihrer Sippe,
doch er zerbrach. Ich blieb wie eh verwaist,
und ihre Augen waren leere Spiegel.

 

Apr 28 24

Fahrt ohne Ziel

Die Welle klatscht an umgestürzte Bäume
und seufzend leckt sie über Vogelkot,
der Tag ist Dämmer, kalt das Abendrot,
Dunst näßt die Luft, ein Wölken leerer Träume.

Wie eine Leiche glänzt auf braunen Fluten
und sich im Schilf des Uferschlamms verstrickt,
hat trüb das Aug des Monds hervorgeblickt
aus dürrer Halme Gittern, Schattenruten.

Dein Kahn ist ruderlos dahingeschwommen,
du träumtest, Dichter, dunkler Wogen Spiel,
von dumpfer Wasserelegie benommen.

Da sahst du auf zur Nacht voll blinder Funken,
und wußtest heimatlos dich, ohne Ziel.
O wär der morsche Kahn doch gleich versunken.

 

Apr 26 24

Trostloses Veilchen

„O Wolke, hohe, sanfte, gnadenreiche,
die selig durch die tiefe Bläue schwebt,
sieh doch, wie ich vor heißem Durst erbleiche,
wie geisterhaft schon meine Knospe bebt.

Magst, Grazie, du nicht deinen Lauf verhalten
und milde Tropfen, wenig Tröpfchen bloß
mir sprengen auf den ausgedörrten Schoß,
daß wieder sich die Blüten mir entfalten?“

„Du dauerst mich wohl, kümmerliches Veilchen,
gern möcht ich, die belebt, dir Feuchte regnen,
daß sich die Wangen röten , die so bleich.

Doch kann verweilen ich nicht , nicht ein Weilchen,
ich bin befugt, Erwählte nur zu segnen,
die Rosen fern in Venus’ Gartenreich.“

 

Apr 25 24

Unter Wolken schlafen

Die monotone Brandung nur zu hören
von einem fernen, rätselbittern Meer
in Nächten, endlos und gestaltenleer,
und keiner Muschel Mund, uns zu betören.

An einem süßen Namen zu ersticken,
der uns der Liebe Odem eingeschreint,
und in den Tränen, die wir ihr geweint,
nur schalen Tau der Schwermut zu erblicken.

Das Rauschen hat vergittert uns das Ohr
für Töne kristalliner Himmelssphären,
die einst das Herz erwählter Dichter trafen.

Das Wort, das sich im Schaum der Nacht verlor,
es kann als Stern, es kann nicht wiederkehren.
O unter stillen Wolken traumlos schlafen.

 

Apr 24 24

Der Rang der Seelen

Wie wunderlich sie sind, der Seele Ränge:
Die anmutvolle schwebt heran und gleich
bricht sich ein Lichtstrahl aus dem Feenreich,
die tumbe hinkt verzagt durch düstre Gänge;

die königliche läßt den Ring sich küssen,
woran ein Stern aus Edens Nächten sprüht,
das kalte Herz, von ihr behaucht, erglüht;
die niedre feixt vor Wappen, die zerrissen.

Sie spiegeln Götter, äffen die Dämonen,
wie Blinde mußten sie einst Lose ziehen,
wie Platon schrieb und dunkel Orpheus sang.

Wenn Pöbelseelen feist im Lichte thronen
und zu den Schatten scheu die edlen fliehen,
weißt du, daß wahre Ordnung nicht gelang.

 

Apr 23 24

Dido

… lacrimae volvuntur inanes.
… die Tränen, sie rollen ins Leere.

mortem orat: taedet caeli convexa tueri.
Tod erfleht sie: der Aufblick zum Azur ist ihr zuwider.

… concepit furias evicta dolore

… in der Ohnmacht des Schmerzes ward sie schwanger vom Wahne

 

Verlassen, irr, gehetzt von Eumeniden.
wie geht sie nah uns, die sich ausgesehnt,
o Liebe, Angst ans Efeublatt gelehnt,
hintaumelnd, Seele von sich selbst geschieden.

Der Sonne feind, faßt sie vorm Dunkel Grauen,
wie des zerschellten Schiffes hohlen Rumpf
durchbebt sie Abgrunds Stimme, orphisch-dumpf,
ein öder Schoß, die Kränkung edler Frauen.

Vergil, der dich aus keuschem Geist geboren,
hat selbst den Totenvogel hören schreien,
den Opferbrand aus eignem Mark entfacht,

und war zum Mund der Stummen auserkoren.
Was sind wir, denen lose Worte schneien
wie blasse Blüten in der Frühlingsnacht.

 

Apr 22 24

Unerreichtes Thule

Ein weher Duft wogt noch um weiße Dolden,
ein Schatten bist du mir vorangeschwebt.
Das Lid der Nacht hat wimpernscheu gebebt,
kaum floß der Sonne Kuß ihm zu, rotgolden.

Und haben wir die Heimat auch verloren,
sie hüllt ein Dunst, vertaner Liebe Traum,
am Verse grünte fernen Eilands Saum,
als wär ein Jenseits-Thule uns erkoren.

Auf Schwingen bist du mir vorausgezogen,
zu nisten dort im Laube des Gesangs,
den Unbehausten bald, o bald zu trösten.

Mich macht das Rauschen bang, der Schaum der Wogen,
mein Vers erstickt im Sog des Untergangs.
Du singe, Nachtigall, sing den Erlösten.

 

Apr 21 24

Das Trugbild

Ein Tropfen bloß, in kühlem Hauch gefallen,
und Kreise pulsen, weichen Wassers Falten,
ihr Schimmern ist im späten Licht verhalten,
sie laufen aus wie müden Mundes Lallen.

Als wehten Düfte heller Blütensterne
uns Bilder ferner Sommer, lang versunken,
sie stieben auf, bacchantisch-wirre Funken,
verlöschen in der bilderlosen Ferne.

Und wähnst du deine Zeichen treue Siegel,
inständig wie ein keuscher Kuß gedrückt
auf der Geliebten Stirn, der hingeneigten:

Schon in der Luft erblinden sie wie Spiegel,
das süße Antlitz ist im Dunst entrückt,
Trug war, Gespinst, was dir die Musen zeigten.

 

Apr 20 24

Mann bleibt Mann

Wort wird Dichtung, wenn sich paaren
jäher Blitz der Mythennacht
und Selene, laubumdacht –
schon singt Bacchus frohen Scharen.

 

Wenn sie auch dem Zerrbild trauen,
Komödianten schrill wie schlecht
jährlich wechseln das Geschlecht,
Mann bleibt Mann – Frauen Frauen.

Wahre Zwiefalt nur zeugt Leben,
Doppel, das die Eins gebiert,
Licht, das sich in Nacht verliert,
Nacht, in die Gestirne schweben.

Einsam siechen die Sterilen,
auch wenn Drohn an Drohne klumpt,
Schoß, der sich die Frucht gepumpt,
Samen, die ins Dunkel fielen.

Mütterlich nur wird sie reifen,
Seele, die sich rein bewahrt,
nährt den eignen Keim sie zart,
Göttliches kann sie umgreifen.

Die da wähnen, zu bestimmen,
was der Geist der Ahnen leiht,
sind zur Narretei befreit,
Namen, die im Dunst verschwimmen.

Väterlich nur wird sie blühen,
Seele, die am Stab der Pflicht
höher rankt ins Abendlicht,
Frucht, sie wird dem Dank erglühen.

Doch die statt zu dichten schwätzen,
Harlekine der Moral,
Schaum das Maul, die Herzen kahl,
die Erinnye wird sie hetzen.

 

Apr 19 24

Bildnis des Dichters

In schlaflos-öder Nacht, am grauen Tage
schleppt sich der Pilger ohne Stab und Steg,
kein Stern weist noch, kein Zeichenmal den Weg,
ihm quillt kein Tau, schluchzt keiner Quelle Klage.

Was singen, die an Lichtes Strömen gehen,
von Bildern der gezähmten Flut betört,
der Uferlose hat es überhört,
nur was ihm dunkel rauscht, kann er verstehen.

Bist, Dichter, du das Meer, das brückenlose,
magst du ins Schilficht helles Schäumen hecheln,
doch deine Muscheln tönen Tiefsee-Schrecken.

Bist du, die einsam glüht, die Purpurrose,
macht uns ihr Duft wie Kinder manchmal lächeln,
die Glocken sanft aus bangen Träumen wecken.

 

Apr 18 24

Das Beste

Am Abend unter Lauben Brot und Wein,
und fernhin blassen goldnen Tages Bilder.
Die Schatten und das Zwielicht stimmen milder.
Sein selbst vergessen und vergessen sein.

Was sanft die Grenze zwischen hier und dort,
den Unterschied verwischt von Sturz und Schweben,
was leicht uns löst zu Abschied und Vergeben,
der Rose Duft, das dichterische Wort.

Still wandeln hin in herbstlich-heiterm Licht,
wenn im Gezweig des Dämmers Früchte leuchten,
in Augen sehen, die sich dunkelnd feuchten,
und schweigen, wo des Wortes Brücke bricht.

Und wieder in der Sommernacht allein
wie somnambul am offnen Fenster stehen
und Düfte atmen, die im Traum verwehen.
Sein selbst vergessen und vergessen sein.

 

Apr 17 24

Gang bis in die Nacht

Weil sich Geheimes berge dort aus Zeiten,
da Kühlung hat ersehnt die heiße Schläfe,
wo sie auf sanfter Flügel Rauschen träfe,
so klommen wir hinan, den Sinn zu weiten.

Der Strom im Tal glitt müde aller Sagen,
doch sprudelte bacchantisch-bang ein Quell,
und droben wölbte sie sich muschelhell,
die Waldkapelle, Licht aus Jugendtagen.

Da starrten fremd am Eingang Runenzeichen,
auf dem Altar ein Tuch, getränkt mit Blut,
ein Zischen stieg bis in die Lilienstille,

das Gnadenbild, von schwarzer Nattern Brut.
Wie mußte Anmut vor dem Grauen weichen.
Nacht gärte unter Tages fahler Hülle.

 

Apr 16 24

Tiere im Sonett

Wenn sie ins Aug ihm fliegt, die zarte Mücke,
als hätte sie gesandt das Hochgericht,
rast selbst der tumbe Oger und erbricht,
die grad er in sich schlang, die besten Stücke.

Liegt Leda, welk, gedunsen, auf dem Bette,
und vor ihr schwebt ein weißer Flaum, der Schwan,
greint sie: „Du hast mir Unrecht angetan,
tilg, dummer Dichter mich aus dem Quartette!“

Und huscht dir wieder ein Gespenst ins Zimmer,
ist es der toten Liebe Schatten wohl.
Schon hockt als Eule sie im Vers-Gezweige,

wie kläglich ist ihr Rufen, fahl und hohl.
Nein, scheuch sie nicht, sie kehrt zurück ja immer.
Sprich: „Friß die Maus, den fetten Reim, und schweige!“

 

Apr 15 24

Stille Liebe

Lose Worte, sie verrinnen,
keiner hat auf sie noch acht.
Doch die glänzen auf von innen,
Verse sind’s, Gestirn der Nacht.

Glitzern sie auch, Netze reißen,
Porzellan, ein Schrei, ein Sprung.
Doch im Dunkel währt ein Gleißen,
sprich, o sprich, Erinnerung.

Ist im Nu der Hauch entschwunden,
und die Blüte fällt herab,
Dichtung hat sie neu gefunden,
Hauch war, Blüte, was sie gab.

Tau der Worte, frostgeronnen,
und das Antlitz blieb verhärmt.
Ihre Küsse sind wie Sonnen,
stille Liebe, die uns wärmt.

 

Apr 14 24

Der Kranz des Dichters

Die wilden Disteln, Sanftmut lernt sie jäten,
damit die Rose freier atmen kann.
Versauern soll er nicht, der alte Mann,
quillt Süße noch von Blütenblättern, späten.

Daß Grobiane nicht den Kranz zerzausen,
in den er weiße Rosen flocht und Mohn,
scheut er der Menge Grausamkeit und Hohn
und birgt sich, wenn die Phrasenstürme brausen.

Dann mag ins Schilf der Schatten er sich knien,
an einem Strom, ob Euphrat oder Nil,
das Flechtwerk heben auf das weiche Wasser,

und wie es kreist, fühlt er der Musen Spiel:
Die Ringe weiten sich, doch werden blasser,
der milden Düfte Träume, sie entfliehen.

 

Apr 13 24

Stanzen am Tag und bei Nacht

Der Vorhang weht, wie hoch die Wolke schwebt,
ein herber Wohlgeruch von Meergestaden,
wo noch im Schlaf der Dünung Ginster bebt,
will uns in blauer Lüfte Wogen baden.
Die Kissen, Liebe, weck mit heißen Hieben
und laß der Träume weiche Daunen stieben.

Die Kiesel knirschen, festlich ist dein Schritt,
es glänzt im Haar dir eine Perlmuttspange,
ein Tropfen, der vom trunknen Blattwerk glitt,
küßt du mir neckend von der blassen Wange.
Ein Summen sagt uns von den feuchten Blicken
umschwirrter Rosen, Zauberhauch der Wicken.

Und haben wir kein Meer, es schwatzt der Bach,
mit Bruder Strom vereint es noch zu finden,
uns aber dient sein hohes Schilf zum Dach,
daß keiner sieht, wo dunkle Seufzer münden.
Und rötet sich der Himmel, strömt ein Singen
ins Licht des Abends unter Laubes Schwingen.

Schon schlürft der feiste Mond den Dunst der Felder,
der Horizont, Lidstrich von schwarzem Teer.
Uns nährt ein Schweigen mild, die Nacht der Wälder,
das Graubrot Wort schmeckt, Liebe, uns nicht mehr.
O führ mich noch bis an die dunkle Schwelle,
dann wende lächelnd dich gen Südmeers Helle.

 

Apr 12 24

Finis Patriae

Wir sehen Messer in der Sonne blitzen,
emporgereckt von meucheldunkler Hand,
die lilienblasse Anmut, die sie ritzen,
ist unsres Blutes, unserm Schmerz verwandt.

Wir hören pervertierte Geister bellen,
der Schoß der Unschuld sei der Unzucht Hort,
die ihres Geifers Säuren ganz entstellen,
die Liebe wirft das Treuesiegel fort.

Nicht unser sind die Wege mehr, die Auen,
wo wilder Horden Flamme schon zerfrißt,
die uns die Nacht erleuchtet, Goldikonen.

Kein Herakles, dem wir den Mut zutrauen,
das Haus zu misten aus und nicht zu schonen,
wer in der Heimat reinen Quell gepißt.

 

Apr 11 24

Stimme und Zeichen

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Wir vernehmen sein Stöhnen und verstehen, der Freund hat Schmerzen. – Aber wir können nur verstehen, daß er gestern unter Schmerzen gelitten hat, wenn er es sagt.

Daß er gestern Schmerzen hatte, kann er nicht stöhnen, geschweige denn, daß er befürchtet, morgen wieder unter Schmerzen zu leiden.

Wir können das Sema (das sprachliche Zeichen) nicht aus dem Soma (dem unartikulierten Anzeichen) ableiten.

Wir können die Semantik nicht physiologisch begründen.

Wir wissen wohl, die Sprache heißt darum natürlich, weil die Fähigkeit der Rede im Wachstum des Gehirns und der Sprechorgane angelegt ist; doch ist sprechen keine unmittelbare Übersetzung neuronaler Muster und Ereignisse in Lautgebilden. Wäre dem so, könnten wir Zeichen von Anzeichen nicht unterscheiden; könnten wir keine Behauptungen über konkrete und abstrakte Phänomene, Weltereignisse oder mathematische Gleichungen aufstellen oder ihre Wahrheit bestreiten; denn ob etwas wahr oder nicht wahr, etwas real oder fiktiv ist, diesen Unterschied würden wir nicht begreifen.

Die Sprache als Kundgabe von bedeutsamen Zeichen ist kein Phänomen der biologischen oder neurophysiologischen Evolution.

Wir hören den Vogel singen; doch gäbe es uns nicht, sänge er nicht.

Gesang ist eine Kategorie, die auf den Klassifikationen menschlicher Sprache beruht. – Gesang der Vögel ist keine ornithologische Kategorie, sondern eine Metapher der Wissenschaftssprache.

Auch wenn die menschliche Stimme über ein hochdifferenziertes Repertoire zum lautlichen Ausdruck von Empfindungen und Gefühlen verfügt, würden wir allein aufgrund dieser noch so nuancierten Verlautbarungen nicht von einer zeichenhaft artikulierten Sprache reden.

Die Aufzeichnung sprachlicher Zeichen ist keine Visualisierung oder Projektion neuronaler Muster und Erregungskurven.

Wir können mittels unartikulierter Laute oder rein mimisch und gestisch nicht mitteilen, daß wir KEINE Schmerzen haben.

Das beredte Schweigen, Christus vor Pilatus.

Verstünde sie unsere Sprache, könnte die Nachtigall dennoch nicht verstehen, wenn wir ihr kundtun, daß wir ihre stimmlichen Verlautbarungen ein Singen nennen.

Wir beobachten, wie einer ziellos daherschlendert (er schaut in die Auslagen der Schaufenster, hält ein Schwätzchen mit einem zufällig getroffenen Bekannten) und ein anderer geradewegs auf sein Ziel losgeht (ein Bote bringt ein Paket zu einer Apotheke ). Aber wir können mittels Beobachtung seines gegenwärtigen Verhaltens nur sehr selten feststellen oder begründet vermuten, was einer in der nächsten Woche zu tun beabsichtigt (er will seinen alten Freund besuchen; er will eine Atlantiküberquerung mitmachen und holt den alten Überseekoffer vom Dachboden).

Die kulturanthropologische Bedeutsamkeit, die aus dem Unterschied von männlicher und weiblicher Stimme hervortritt, ist in Zeiten wie diesen ein Anathema.

Die beruhigende, einwiegende, einlullende Stimme der Mutter. – Der metallisch-peitschende Befehlston auf dem Exerzierplatz.

Der Augur, der im Vogelgeschrei das göttliche Fatum vernimmt.

Der Dichter, der im Rauschen des Quells die Stimme der Muse erlauscht.

Rilke vernahm im Heulen des Sturms über dem adriatischen Meer bei Duino die Stimme des Engels; aber sie war kein unartikuliertes Heulen, sondern diktierte ihm den Anfang der ersten Duineser Elegie.

Der paranoide Psychotiker wittert in der harmlosen Bemerkung des Nachbarn eine Drohung. – Der Kranke transponiert die Äußerung in einen fremden Kontext, den wir nur aus der genauen Beobachtung seines Gebarens und anhand der Variation der Kontexte seiner Äußerungen ermitteln können.

Die Präsenz der Stimme gibt uns den unmittelbaren raumzeitlichen Kontext, der die sprachlichen Zeichen trägt. – „Herein!“ bedeutet, der Anklopfende möge die Tür öffnen, um denjenigen an Ort und Stelle vorzufinden dessen Stimme er vernommen hat.

„Herein!“ bedeutet: „Ich bitte Sie, einzutreten.“ – Sprechen heißt, den gegenwärtigen Kontext durch den virtuellen Mittelpunkt zu fixieren, der durch das Pronomen der ersten Person gefüllt werden kann.

Der Hörer hört meine Stimme, ich die seine, aber ich höre auch meine eigene Stimme; doch nicht so, wie mein Gesprächspartner sie hört, sondern im Resonanzraum meiner Lungen, meiner Brust, meines Schädels. Deshalb kommt uns die Aufzeichnung der eigenen Stimme, wie auch das Bild des eigenen Körpers, fremd vor.

Der Doppelgänger taucht als sichtbares gespenstisches Phänomen auf; seltener ist das psychotische Vernehmen der halluzinierten eigenen Stimme, meist durchkreuzt von höhnisch widersprechenden fremden Stimmen.

Der Charakter und die ästhetische Eigentümlichkeit der individuellen Stimme, ihr Charme oder ihre Schrillheit und Brüchigkeit, gehören, wie der individuelle Charakter der eigenen Person überhaupt, zu den Fatalitäten, die uns Türen öffnen oder verschließen.

Die gleichsam transzendentale Illusion der Selbstvertrautheit im Vernehmen der spontan erzeugten Laute ermessen wir am somnambulen Lallen des Kinds.

Das Schicksal und die Welt des Mannes sind allein schon aufgrund des Stimmbruchs des Knaben sehr verschieden vom Lebensschicksal der Frau.

Das Charisma der Stimme im Gesang, ihre Dämonie in Agitation und Propaganda.

Die christliche Utopie, daß sich die Erlösten in die Chöre der Engel einreihen dürfen.

Dichtung bleibt solange dem Charisma der gehobenen und erhabenen Stimme verpflichtet, als sie in ihren künstlerischen Mitteln wie Alliteration, Assonanz, Reim und Rhythmus vom Lied sich nicht gänzlich verabschiedet.

Seraphische Kantilene und diabolisch zerrüttetes Krächzen.

Die sich schrill überschlagende Stimme der an ihrer Mutterschaft verzweifelten Hysterikerin.

Wir kennen fruchtbare Ansätze einer Physiognomie des Gesichts, der Hand, der Schrift, doch eine Phonognomie, eine Lehre über den Zusammenhang von Stimme und Stimmung, Laut und Affekt, Stimmklang und Charakter zählt zu den Desiderata der Forschung.

Der ontologische und logische Abgrund zwischen dem unartikulierten Schrei und der Artikulation des Pronomens der ersten Person kann nicht durch rein naturkundliche Erklärungen überbrückt werden.

Den ontologischen Unterschied kennzeichnen wir mittels der Begriffe Organismus und Person, den logischen mittels der Begriffe Unbezüglichkeit (semantisch leere Menge) und Bezug (Referenz).

Das Stöhnen ist die unwillkürliche Reaktion eines lebenden Organismus auf eine Schmerzempfindung; die Äußerung „ich“ ist die Antwort einer Person auf die Frage des Lehrers, wer morgen ein Referat halten wird. – Stöhnen meint nichts und niemanden, „ich“ bezieht sich auf denjenigen, der es sagt.

Sehe ich, daß der Vordermann den rechten Blinker gesetzt hat, gehe ich mit gutem Grund davon aus, daß er die Absicht hat, demnächst rechts abzubiegen. – Wir sagen, das von ihm gesetzte Zeichen hat intentionalen Charakter. – Hat der Fahrer den Blinker aus Versehen gesetzt, ist meine Annahme eo ipso unbegründet.

Das Zeichen wird korrekt gelesen, wenn seine Intention oder die Absicht dessen, der es kundtut, verstanden worden ist.

Die unwillkürlich hervorgestoßenen Flüche eines Menschen, der unter dem Tourette-Syndrom leidet, überhöre ich geflissentlich.

Der Kontext deskriptiver Äußerungen ist variabel: „Hier ist der Titusbogen“, sagt der Fremdenführer, wenn wir unmittelbar davorstehen. „Dort ist der Titusbogen“, wenn ihn einer in einiger Entfernung danach fragt. „Der Titusbogen befindet sich in Rom“, sage ich mir, nach Hause zurückgekehrt.

„Der römische Titusbogen“ ist ein deskriptiver Ausdruck, der folgendes bedeutet: Es gibt etwas, das wir Titusbogen nennen, und diesen hat Kaiser Titus errichten lassen und er befindet sich in Rom.

Durch Einsetzen deskriptiver Ausdrücke in performative Äußerungen gelangen wir zu kontextunabhängigen Aussagen. Statt „Sieh doch, jetzt beginnt sich die Sonne zu verfinstern“ heißt es „Am 9.4.2024 war im Gebiet von Massachusetts eine totale Sonnenfinsternis zu beobachten.“

In der U-Bahn vernehmen wir die automatische Stimme vom Band „Nächster Halt: Hauptbahnhof“; wir unterstellen nicht dem Automaten die Absicht, uns über diese Sachlage zu informieren, sondern denjenigen, die ihn eingerichtet haben.

Es mutet wie ein spezifisches Hörvermögen an, aus der chaotischen Fülle der Geräusche die allein bedeutungstragenden Laute oder Phoneme herauszufiltern. – Aber ist es ein spezifisches Sehvermögen, die rote Ampel als Hinweis zu verstehen, den Wagen anzuhalten, oder das Hinweisschild „Halt“ als Aufforderung, den Weg nicht fortzusetzen?

Nennen wir den Rauch ein Anzeichen für Feuer, 40 Grad auf dem Fiebermesser ein Anzeichen für Fieber, jähe Rötung der Gesichtshaut ein Anzeichen für (schamhafte) Erregung, bemerken wir, daß die Gründe, die diese Phänomene zu Anzeichen machen, externe Ursachen darstellen: das Feuer, die grippale Infektion und der affektive und neuronale Impuls. – Dagegen sind die Gründe, die wir geltend machen, um bestimmte Laute oder Lautreihen als bedeutsame Zeichen oder Zeichenketten aufzufassen, keine externen Ursachen, sondern interne Gegebenheiten, wie die Absicht des Sprechers und die semantischen Möglichkeiten und syntaktischen Strukturen der jeweiligen Sprache.

Wir benutzen zwei Kriterien, um sprachliche Zeichen von bloßen Anzeichen oder Symptomen zu unterscheiden: die Möglichkeit zur Korrektur und die Möglichkeit der Verneinung.

Die erhöhte Körpertemperatur kann auf einer bakteriellen oder einer Virusinfektion beruhen; die Analyse von Speichel oder Blut kann uns darüber ins Bild setzen. Doch die Fiebermessung mittels eines geeichten Thermometers kann weder in dem einen noch dem anderen Krankheitsfall „irren“. – Dagegen ist es möglich, daß die Äußerung „Ich habe Schmerzen“ einer Wahrheitsprüfung nicht standhält, auch wenn sie in beiden Fällen, der Äußerung des Kranken und derjenigen des Simulanten, grammatisch wohlgeformt daherkommt.

Wir nehmen nicht an, daß es, wie gewisse Philosophen (Platon, Aristoteles, Kant, der frühe Wittgenstein) glaubten, eine allgemeingültige kategoriale Form der Verwendung sprachlicher Zeichen gibt. – Wir müssen nicht ein substantielles, phänomenales oder fiktionales Etwas unterstellen (hypostasieren), an das wir alle möglichen Prädikate anheften. Sätze wie „Es regnet“ oder „Die Sprache spricht“ zeigen, daß es auch ohne solche semantischen Musterkataloge geht.

Daß jemand kein Fieber hat, heißt nicht, daß er nicht krank ist. Dagegen weist uns die Möglichkeit der Verneinung oder Falsifikation des Satzes „Ich habe Schmerzen“ auf die Tatsache hin, daß es sich um eine gültige Verwendung sprachlicher Zeichen handelt.

Wenn die Astronauten auf der Gegen-Erde landen und auf uns ähnliche Bewohner stoßen, die sich ähnlicher Laute zur Verständigung bedienen, wie wir es tun, könnten wir daraus nicht folgern, daß es sich dabei um eine Sprache handelt, wie eine jener, die wir auf der Erde sprechen. Es könnte auch die verbale Übersetzung neuronaler Muster sein, die wir nur mit dem Gesang der Vögel oder den Interjektionen des Schmerzempfindens vergleichen könnten. – Wie sähe der semantische Turing-Test in diesem Falle aus? Er müßte zumindest zeigen, daß die Äußerungen der Exo-Planetarier nicht korrigierbar und nicht verneinbar sind wie die Aussagen unserer Sprache, denn es wären keine semantisch bedeutsamen Aussagen, sondern Anzeichen oder Symptome neuronaler Ereignisse.

Die Möglichkeit der Verneinung von Zeichenketten ist ein wesentlicher Ursprung ihrer logischen Verknüpfung mittels Wahrheitsfunktionen; denn wir lassen auf der elementaren oder trivialen Ebene die Konsistenz der behaupteten und der zugleich verneinten Aussage nicht zu.

Doch finden wir keine metaphysisch-moralische Verpflichtung zur logischen Konsistenz; wir könnten als allgemeinen Bezug all unserer Zeichen und Zeichenverknüpfungen auch den semantischen Nullpunkt postulieren, der zen-buddhistischen Leere nicht unähnlich, in der, was wir äußern, unmittelbar aufgehoben ist und verschwindet.

Wir enden, wo wir begannen, mit dem referenzlosen Schrei, nur ist dieser Schrei – stumm.

 

Apr 10 24

Klage und Zuspruch

„Auch hohen Sommers Goldikonen blassen,
worin ich meinen dunklen Schmerz getaucht,
der hellen Verse Duft ist schon verraucht,
in sternenloser Nacht steh ich verlassen.

Im weißen Tuch des Winters sind wie Falten
die Pfade, die ich einst gewandert bin,
dort geistern Schatten, dumpfe Ungestalten,
kein Blumenwort weht einen Hauch mir hin.“

„So wende dich, wo sanfte Hand gehäuft
des Herbstes Purpurfrucht in Silberschalen,
aus Aschen dir geschürt noch Lebensgluten.

Dein Vers muß nicht wie zarte Veilchen fahlen,
wenn milder Glanz ihn, Liebestau, beträuft
und später Rosen Abendröten bluten.“

 

Apr 9 24

Der Schmerzkristall

Vorm Andachtsbild, wo zwischen Schattengittern
der Jungfrau sanfter Blick nach uns getastet,
hat oft ein Zwerg, ein buckliger, gerastet
und hob empor zerfurchter Hände Zittern.

Nein, nein, um solche Gunst mocht er nicht flehen,
daß er der Schönen, kommt sie ihm entgegen,
und ihre Wangen sind noch feucht vom Regen,
könnt Aug in Aug in blaue Ferne sehen.

O nein, er bittet, daß sie sich erbarme,
ihn leite bald, heut Nacht, in die Gefilde,
wo milde Strahlen die Erlösten grüßen

und alle Spiegel sind vom hohen Bilde,
sich keiner bang verbirgt, gebeugt vom Harme:
Dort leg er ihr den Schmerzkristall zu Füßen.

 

Apr 8 24

Verwittert

Die Farbe blättert ab, kaum blieben Spuren
von lichtem Grün, der Ähren blondem Haar,
verdunkelt sind die mohnbetupften Fluren,
ein Aschenmal, wo einst die Sonne war.

Da flattern Schatten, löchrig und zerschnitten,
die Arm in Arm gewandelt, trennt nun Ruß,
vergilbter Mund, wo rosig hingeglitten
im Laut ein mitgehauchter Liebesgruß.

Wie Bilder der Erinnerung verwittern,
als ob auf bunten Flitter Säure rann,
es schimmert aus dem Nebel ein Gerippe.

Mag wohl ein Dichter lösen ihren Bann,
sieht er noch Tau an müden Wimpern zittern,
sich bangen Atems röten blasse Lippe.

 

Apr 7 24

Die Zeit des Dichters

Der Dunst verfließt, am Wasser kniet die Klage
und taucht hinein der Locken ganze Nacht,
es sind im Schilfe Stimmen schon erwacht,
und Mond und Venus halten sich die Waage.

Die Halme zittern, aber frische Molke
schäumt über in den Eimern, euterwarm,
es flattert auf der Lerchen heißer Schwarm,
dem hohen Blau zu zwitschern und der Wolke.

Dies ist die Zeit, dies eines Dichters Stunde,
in reiner Lüfte Glanz den Vers zu baden,
den Pfeil des Reims zu schnellen in die Frucht,

zum Ehrengast die Sonne einzuladen,
daß sie erhelle dunkler Sage Schlucht,
was sticht und heilt, vom Strahl uns gebe Kunde.

 

Apr 6 24

Das Zeugnis

Ein stummer Schatten wie an Sonnenuhren
schien er zu kreisen um ein leeres Ich,
nicht eine Stimme auf erwachten Fluren
drang in ihn, daß sein Sichverweigern wich.

Ein Menhir, schon von Moos und Frost verwittert,
der aus dem Dunst der Endmoränen ragt,
hat seinen Ernst kein Tropfen Licht durchzittert,
kein blauer Blick das Grauen ihm verjagt.

„Ich brachte ihm von Veilchen zart ein Bund,
zum Zeugnis, daß noch Wunder nahe leben,
da löste Lächeln ihm die starren Züge.

Und als der Strahl dem Dunkel sich ergeben,
war mir, als ob uns Urstrom heimwärts trüge,
Sang, quellend aus der Erde Schattenmund.“

 

Apr 5 24

Wider den Universalismus

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Abendländische Mythen, die aller skeptischen Säure und sprachphilosophischen Analyse trotzen: DIE Menschheit, DIE Wissenschaft, DIE Vernunft, DIE Geschichte. – Aber „Menschheit“ ist nur eine oberflächliche Klassifikation anthropologischer Provenienz ohne metaphysische Tiefe, „Wissenschaft“ der Sammelbegriff für bestimmte Tätigkeiten, die in gelehrten Einrichtungen abendländischer Herkunft gepflegt werden, „Vernunft“ keine autonome Entität und eigenständige mentale Fähigkeit, sondern der Inbegriff aller kontextabhängigen Sprechakte, mit denen wir Handlungen als vernünftig oder unvernünftig kennzeichnen, „Geschichte“ aber ist eine mythische Chimäre, die bei näherer Betrachtung in viele Geschichten, Erzählungen, Novellen und Anekdoten zerfällt.

Manchmal können sich Geschichten in dramatischen Höhepunkten verknoten und verdichten; so gruppiert und strukturiert Herodot seine mannigfaltigen Erzählungen und Novellen um den leuchtenden Knoten des Kampfes der griechischen und der persischen Kultur.

Der Mythos von der EINEN Menschheit. Angesichts der Verschiedenheit der ethnischen und rassischen Physiognomien beschleichen einen Zweifel, ob all dies aus EINEM Schoß hervorgekrochen ist.

Die Fabel von dem EINEN Ursprung der EINEN Menschheit aus dem Urelternpaar, das ausgerechnet in der afrikanische Savanne beheimatet war, mutet einen mittlerweile wie eine identitätspolitische Parole an.

Für die Abstraktionen, die unsere Sprache erlaubt, wie DIE Menschheit, DIE Wissenschaft, DIE Vernunft, DIE Moral und DIE Geschichte, gilt: Sie sind semantische Kürzel für mannigfaltige Tätigkeiten und Ereignisse, die kein inneres Band notwendig verknüpft.

Musik – die universale Sprache des menschlichen Geistes, die von Hinz und Kunz in Hintertutzingen und Honolulu verstanden wird: was für eine sentimentale Dummheit, welch ein süßlicher Kitsch.

Wertblinde Universalisten der Moral, die sich als die einzigen Siegelbewahrer menschlicher Würde aufspielen, postulieren, einem jeden Menschen denselben Wert zuzusprechen. – Wie, auch Hitler und Jesus, dem Sexualmörder und Buddha, dem Schmarotzer und dem fleißigen Arbeitsmann und Familienvater?

Die jeweilige Sprache der öffentlichen Meinung scheint der gemeinsame Käfig ihrer Sprecher zu sein; die Wohlmeinenden weisen darauf hin, daß man ja durch ihre Gitter nach draußen schauen könne.

Inmitten des Gemeckers der Ziegen ertönt der silberne Ton der Hirtenflöte. Schweigen die Ziegen, um ehrfürchtig einem höheren Ethos und Melos zu lauschen? Weit gefehlt!

Frechheit und Vermessenheit wollen sich neben dem Hochsinn und der Anmut in derselben Loge breitmachen. – Das menschheitstümelnde Gewese der Universalisten will Hinz und Kunz und Rilke und Trakl gemeinsam unter Aufsicht der Kulturbeauftragten der Stadt München über den lärmenden Trostmarkt schicken; das Ende wird sein, die Proleten grölen auf den Bänken, unter denen die Dichter sich vor den Zumutungen verstecken.

Die meckernden Ziegen erhalten Pardon, denn ihr ästhetischer Sinn vermag das schöne Melos des Hirtenlieds nicht zu erfassen; anders die Vulgarität, sie weiß ganz genau, daß ihr kein Logenplatz gebührt, und drängt sich doch hinein.

Jede Landschaft hat ihr Klima, ihre Fauna und Flora, jedes Ereignis hat seinen geschichtlichen Horizont, jeder Mensch seine durch Herkunft und Veranlagung bestimmte Situation.

Verkümmert der für die Landschaft der Eifel typische Ginster aufgrund ungünstiger klimatischer Bedingungen, trocknen gar die Eifelmaare aus, verblaßt das Landschaftsbild, das wir kannten, allmählich, bis es zu einer bloßen Datensammlung im geographischen Archiv herabsinkt.

Der glatte Austausch und die hingeschluderte Synchronübersetzung von klischeehaften Wendungen und Phrasen, die gestanzte Rhetorik politischer Reden in Kommissionen und Parlamenten erzeugt den trügerischen Schein einer weltumspannenden Gemeinsamkeit der Meinungen und Gesinnungen, der Regionen und ihrer kulturellen Eigenheiten.

Die bukolische Landschaft Vergils ist das von Großstädtern erträumte Idyll eines imaginären Arkadien.

Es gibt einen europäischen Symbolismus in der Dichtung von Baudelaire und Verlaine über Verhaeren und Maeterlink bis zum frühen George und Hofmannstahl (von den Engländern, Belgiern, Polen u. a. zu schweigen), aber sinnfälligerweise keinen amerikanischen, chinesischen, japanischen. Hier wirken die dichterischen Quellen alter europäischer Überlieferung.

Welch eine dumme Aufforderung: Habe Mut, dich deines Verstandes zu bedienen. – Ja, eine gefährliche, wenn der Stumpfsinn, die Vulgarität oder der Fanatismus sich angesprochen fühlen.

Wir sprechen vom Ethos poetischer Gattungen, wie der Ode und des Sonetts; denn die Ode verlangt eine Art mythisch inspirierten feierlichen Aufsingens und rhythmisch gestraffte Formen, wogegen das Sonett sein Ethos in der gedanklich doppelsinnig gestuften Ordnung im Reim kontrastierter und verschlungener Quartette und Terzette erfüllt.

Wir gelangen zu unseren tiefsten Überzeugungen („Wir ruhen in Gottes Hand“ – „Wir fallen unaufhörlich ins Leere“) nicht aufgrund rationaler Argumente, sondern aufgrund von Winken des Schicksals, die uns in zufälligen Begegnungen oder in Träumen widerfahren.

In der geistigen Wüste des Ersten Weltkriegs fand Wittgenstein in einer Provinzbuchhandlung in Galizien Tolstois „Kurze Darlegung des Evangeliums“, ein Buch, das ihn stark beeindruckt und sein Leben lang begleitet hat. – Es ist klar: Etwas war schon in ihm, das durch die Lektüre ins Schwingen geriet. Soviel läßt sich sagen: Die Frohe Botschaft ist keine rationale Einsicht in transzendente Dimensionen und ihre Lehre keine argumentativ begründbare universelle Moral, sondern ein Anruf, den nur zu hören vermag, wer guten Willens ist.

Der Gang durch das Inferno kann, wie bei Dante, schließlich in elysischen Gefilden münden.

Ein Dichter ohne Provinz seiner Erfahrung, ohne Dialekt und Idiolekt seiner Herkunft gleicht einem, der seine Muttersprache vergessen und sie durch ein bodenlos-globales Esperanto ersetzt hat; doch in Esperanto läßt sich keine originäre Dichtung schreiben.

Die Kriterien dessen, was man als vernünftig oder unvernünftig, als gut oder schlecht wertet und abwertet, sind derart unterschiedlich, daß es an Selbsttäuschung grenzt, von einem einheitlichen, universal gültigen Begriff der Vernunft und der Moral ausgehen zu wollen, wie es die Idealisten seit Kant tun.

Die peinlichen Zweideutigkeiten, die ihnen durch die Lappen gehen! – War es nicht sowohl unvernünftig wie schlecht, das dem Freund gegebene Versprechen nicht einzuhalten und damit den Bruch der Freundschaft und den Verlust des Freundes zu riskieren? Ja, aber der böse Wille, oder wie der Talmud sagt: der böse Trieb, ist, wie es scheint, immun gegen die Einwände der Vernunft. Ja, der Schuldner verfügte über die Summe, die er von seinem Freund ausgeliehen hatte, und dennoch …

War es nicht unvernünftig von Jesus, seinen Einzug nach Jerusalem von der begeisterten Schar der Anhänger feiern zu lassen und so unnötiges Aufsehen beim Hohen Rat und der römischen Besatzung zu erregen? Ja, aber die Pfade der Vorsehung sind verschlungen, nicht gerade und einsinnig, wie es vernünftige Erwägung gern möchte.

War es nicht im Sinne vernünftiger Abwägung der heiklen Situation, daß Petrus im Palasthof des Hohepriesters seine Zugehörigkeit zur Jüngerschaft Jesu verleugnete? Ja, aber es war schlecht, und seine reumütigen Tränen, da der Hahn dreimal krähte, haben es bezeugt.

War es nicht unvernünftig und moralisch fragwürdig, daß Dido ihrer Natur als einer zweiten Diana untreu wurde und dem erotischen Zauber der Venus und den tückischen Plänen Junos erlag, um den trojanischen Fürsten Aeneas zu ehelichen? Ja, doch die Pfade der Vorsehung sind verschlungen und in das Zwielicht göttlichen Fatums gehüllt; denn die Absicht, Aeneas ehelich auf Dauer an sich zu binden, mußte scheitern, und das 4. Buch der Aeneis mußte eine Tragödie innerhalb des Epos werden, auf daß die Bestimmung des Trojaners zum Gründer Roms nicht vereitelt würde.

Wir finden keine universal gültigen Regeln für das angemessene oder unangemessene, das richtige und falsche menschliche Handeln, worunter auch das sprachliche Handeln zu rechnen ist. – Natürlich ist die Lüge erlaubt, wenn sie ein Leben rettet oder vor Schande bewahrt. – Natürlich ist das Leben nicht der Güter höchstes, wie uns die Tatsache vor Augen stellt, daß wir Helden nennen, die das ihre für die Rettung anderer dahingeben; die Tatsache, daß wir den Kapitän einen feigen Schurken nennen, der als erster heimlich das sinkende Schiff verläßt.

Aufgrund ihrer semantischen Kraft zur Abstraktion mittels Substantivierung von Hilfsverben wie „das Sein“ gelangte die griechische Sprache als erste zu den schwindelerregenden Gipfeln eines Platon und Aristoteles, nicht die chinesische oder japanische.

Die rationalen Maßstäbe der logischen Konsistenz und der narrativen Kohärenz bieten uns keine universal gültigen Kriterien zur Beurteilung angemessenen und unangemessenen Handelns. – Gewiß, wir sind konsistent, wenn wir bei Brüchen in einer Gleichung Zähler und Nenner jeweils mit demselben Faktor multiplizieren. Doch wir könnten auch den Nenner eines Bruchs mit der Reihe der natürlichen Zahlen multiplizieren, um eine abnehmende Reihe zu erhalten; es kommt darauf an, was wir wollen.

Das Kind fädelt Perlen auf eine Kette; doch an jeweils bestimmter Stelle läßt es eine Lücke oder fügt ein buntes Steinchen ein; es kommt darauf an, ob es die Stellen festhält oder wechselt, und wenn es sie variiert, in welcher Systematik. – Wir können das Ergebnis nicht voraussehen, aber nicht, weil das Handeln völlig zufällig oder chaotisch wäre.

Wer immer dieselbe Geschichte erzählt, gilt als Langweiler. – Aber selbst wenn wir dieselbe Geschichte wiedererzählen, unterlaufen uns unwillkürlich Varianten.

Die Epitheta der homerischen Götter sind gleichbleibend und stereotyp; doch je nach Kontext können ihre Bedeutungen schillern, mehr oder weniger hervortreten.

Der Mensch vor und nach einer religiösen Bekehrung; er mag dieselben Dinge sagen, doch sie haben einen anderen Index in seinem um 180 Grad gedrehten Überzeugungssystem erhalten. – Was für den Heiden Götter waren, werden für den zum Christentum Bekehrten Dämonen. Die einst von ihnen erzählten Mythen mögen im Wortlaut erhalten bleiben, doch hat sich ihr Sinn gewandelt.

„Geschlossene Gesellschaft“ – dies ist die soziologisch zentrale Kennzeichnung; denn in geschlossenen Gesellschaften wird unter den jeweils versammelten Mitgliedern und Auserwählten über das ökonomisch, sozial oder rituell Entscheidende verhandelt; freilich muß man seine Clubkarte oder einen anderen Identitätsnachweis vorzeigen, um hineingelassen zu werden. Ob es sich dabei um das Festkomitee des örtlichen Karnevalsvereins, das römische Konklave zur Wahl des neuen Papstes oder eine Versammlung von Mafiabossen handelt, steht auf einem anderen Blatt.

Die abertausend Linienbündel der ethnischen und kulturellen Herkünfte konvergieren nicht im Brennpunkt einer univoken und homogenen Zukunft. – Es sei denn, die menschlichen Identitäten werden von totalitärer Hand durch Gehirnwäsche zum Verblassen gebracht oder demnächst mittels genetischer Manipulation ausradiert.

Im bewußten Leben mögen wir etliche Grade und Stufen von Aufmerksamkeit finden, aber seine Grundform ist nicht reflexiv, kein Produkt einer epistemischen Spiegelung. – Der Betrunkene oder Demente redet abgebrochen, ungrammatisch, wirr, aber nicht, weil ihm das eigene Selbstbild verschwommen wäre.

Der stereotype Gebrauch des Namens oder des Pronomens der ersten Person täuscht oft narrative Kohärenz vor; aber der Übergang der Rede des Kleinkinds, das sich mit dem eigenen Vornamen benennt, zum systematischen Gebrauch des Pronomens der ersten Person ist kein kontinuierlicher.

Der Universalist der Vernunft und der Moral rettet sich vor den Widersprüchen des Daseins in den rhetorisch abgedichteten Hörsaal des akademischen Diskurses. – Der philosophische Anarch (Ernst Jünger) wandelt auf den verschlungenen Pfaden des Geschicks und vernimmt die Polyphonie der Stimmen des Lebens, die sich ihm nicht zur Homophonie sokratisch-diskursiver Wahrheitsprüfung verdichten.

Draußen weht bisweilen ein rauher Wind oder Kugeln pfeifen an der Schläfe vorbei; das kümmert den Anarchen nur insofern, als daß er den ihm Nächsten Deckung oder Obhut verschafft. Den Wind klagt er nicht an, und ob jene, die da schießen, Kriminelle sind oder Partisanen, überläßt er dem Polizeibericht oder dem Historiker.

Der Universalist will alles über den Leisten vernünftiger und moralischer Urteile schlagen; dem Wind ist das gleichgültig, aber der Partisan und Weltveränderer bedienen sich des Leistens bald als eines probaten Totschlägers.

Die hybride Hoffnung des Universalisten gleicht dem Ansinnen eines Menschen, mittels Hauchens ein Guckloch in die zugefrorene Scheibe der Unkenntnis, die Eisblumen der Inkonsistenz und Inkohärenz zu schmelzen, auf daß jedermann die Welt klar zu sehen vermöchte; indes, der Liebende sieht ein anderes Licht als der Zyniker, der Machtbesessene eine andere Welt als der Todkranke.

Schon früh bezeigt der Universalist seine Anlage für Intriganz und billige Gleichmacherei, wenn er in den Weltreligionen nur eine einzige herausklügeln und schönfärben will; freilich seinen Gipfel an Arroganz und Selbstvergötzung erklimmt er, wenn er all das Wogen und Wallen der Rinnsale und Bäche und Strome des Wissens jeglicher Landschaften und Zeitalter in den einen Ozean des einen Geistes zu gewahren vorgibt, in dem er sich selber spiegelt.

Mit einer zügellos gewordenen allegorisch-dialektischen Methode schinden sie einen universalen Sinn aus dem Tohuwabohu der historischen Abläufe, um sich post festum als hohepriesterliche Deuter und Gralshüter des Fortschritts in Szene zu setzen.

 

Apr 4 24

Die Zaubrerin

Als sie die Blüten streuten, kindlich-froh,
in weichen Schleifen, hold gebognen Ranken,
um einem höhern Gnadenlicht zu danken,
warst du der dunkle Wald, in den ich floh.

Warst Mutter du, warst du die Zaubrerin,
die mich genährt, vergiftet hat mit Tränen,
das Brot des Worts hast du gespickt mit Spänen
vom Holz des Kreuzes, mir verholzt den Sinn.

Nacht war dein Haar, dein Mund verblühter Mohn,
und deiner Stimme somnambules Zittern
lief um den Rand des Brunnens, wo ich lag.

Dein blauer Blick entwirklichte den Sohn,
ihm blieb die Dämmerung vom goldnen Tag,
ein dunkles Schluchzen hinter Schattengittern.

 

Apr 3 24

Verlorener Bote

Gedenk der Heimaterde,
die dich ausgesandt.

Wenn sich der Morgendunst allmählich klärt,
von Tropfen glitzernd, bitter-süßen,
wie dort das Kreuz, gehauen aus Basalt,
das Unding, aller Dinge schmerzlich-wahre Mitte,
und fast von Moosen übergrünt, vergessen,
in einen schiefermatten Himmel ragt.
Dort, wo der Ginster schäumt und Summen webt,
wo Erde gärt und Asche blüht, im Wasser Geysir spukt,
in heißen Mittags schlafenstrunkner Stunde,
bist, scheuer Mensch, du einst entlanggegangen.

War noch ein Echo wach in dir von Glocken,
Geläut, das früh die Nebelschleier aufgetrennt,
als du am runden Maar in schilfgewiegter Dunkelheit gelegen,
erwacht vom dämmergrünen Kuckucksruf,
der dir von einer Schöpfung ungeheurer Weite
der Fülle Widerhall, der Klage Unmaß gab?

Nein, dein Kopf war jetzt ein Bienenkorb erhitzten Schwirrens,
und brachten Nektar die Gedanken, so von Blüten
ferner Auen, unbekannter, südlich sonnenheitrer Triften,
du weißt nicht, Orchideen, Chrysanthemen, Oleander,
ach, schlichten Veilchen auch, dem einen gleich, das sie dir einst,
das sie dir einst gepflückt, dir in das Buch gepreßt.
Und plötzlich bist du wildnisüberschattet
von schwarzer Locken Wogenfall,
und nur ein Glanz ist nah, der Glanz von Augen,
da wachst du, hingestreckt im Stoppelfelde, wachst du auf.

Jetzt spute dich, die Sonne sinkt, jetzt eile,
du bist ein Bote ja, mit einer Botschaft, froh und ernst.
Was Leides dir geschieht und schmerzt und niederdrückt,
es sollte wie die Wunde sein des Läufers,
des Herolds, der vom Wunder der Errettung Kunde bringt,
denn seiner harren, die schon nachtlang zweifelnd bangen,
und fällt er hin, mag auch das Knie noch bluten,
er rafft sich auf, holt Atem und läuft zu.

Der Mond, ein Mahnmal überm Grab des Tages, schwebt herauf,
erloschen ist der Lerchen Sonnensang,
dort schauert Laub, tautriefendes, von Reben,
du siehst aus Höhen in der Tiefe freudig ihn
im späten Strahl vom Schaum des Abgrunds glimmen,
den heimatlichen Strom.

Dir aber girrt der Abendwind im Haar,
und an die Schläfen schmiegen seufzend sich die Blätter,
schwellend-goldener Trauben Hüterinnen.
Dir ist, als ob der warme Schiefer unterm Mondlicht ächzt,
im Tale aber schluchzen müde Wellen.
Und über dir erstarrt zu Gletschern Dunst und Wolke,
du zitterst vor dem Hauch, dem eisigen, der Ewigkeit.

Ach, sink nur nieder auf die harte Stufe, wo ein schwaches Flackern
von Kerzen vor dem Andachtsbild dir spricht
und spricht von unerlöster Einsamkeit der Kreatur,
Verlorenheit, wenn alle Pfade dunkeln,
kein Stern ist, der noch in die Heimat führt.

Ein Bote warst du,
dem Erinnerung, die zarte Schale,
worin die Blume süßen Duftes schwamm,
am Schmerz zerbrach,
verlorener Bote,
dem die Botschaft hingewelkt.

 

Apr 2 24

Apotropäische Stanzen

Die sanft gewellt empor ins Blaue ragen,
die Tempelsäulen, nun wie Eremiten,
und durften einstmals Architrave tragen,
wo Götter und Giganten sich gestritten.
Wir wollen sie verachten, die Vandalen,
die uns das Bildnis hoher Seelen stahlen.

Und knien wir im Dämmer vor Altären,
wo aufwärtsteigen heißer Hymnen Funken,
wie fühlen wir uns Geister fremder Sphären,
gleich Schwänen, die ihr Haupt ins Wasser tunken.
Der Schwelle Wächter seien Cherubscharen,
vorm Lärmen der Bacchanten uns zu wahren.

Bringt uns Gesang von Quellen süßes Wehen
aus fernen Gärten, wie in Sommernächten,
wenn wir am Fenster der Erinnerung stehen,
bebt unser Mund, gesalbt von Gnadenmächten.
Erinnyen, hetzt, die ihm den Quell vergiftet,
der, was da bleibet, dichterisch uns stiftet.

Die Nattern aber, die im Blattwerk schleichen
und eklen Schleim auf reine Knospen sprühen,
sie sollen vor des Dichters Siegel weichen,
an seines Reimes Lichtkristall zergehen.
Daß uns das Paradies heimischer Blüten
vorm dumpfen Pöbeltritte Mauern hüten.

 

Apr 1 24

Die letzten Zeilen

Am Morgen aufzubrechen wäre leicht,
wenn Heiterkeit uns grüne Ströme wehen,
an Uferschilfen Hand in Hand zu gehen,
doch hat ihr Rauschen uns nicht mehr erreicht.

Das Veilchen, einst, in fernem Einst gepflückt,
lag noch verblaßt in einem Band von Goethe,
als seines Geistes Schwert, daß es sich röte,
der Seele Eingeweide ihm zerstückt.

Die Flamme züngelt wohl am Docht, die heiße,
doch zwischen Moos und Rosen singt sie nicht.
Nur eine ist, die seine Inschrift liest:

Dein Auge gibt im Dunkel mir das Licht,
dein Mund die Nacht, daß sie von Reimen gleiße,
o ströme, bis die Schale überfließt.

 

Mrz 31 24

Sonett vom magischen Bild

Gespenstisch-blaue Schatten, kahler Raum,
ein Spiegel nur, barock mit Goldvoluten,
in seiner Nacht erglänzen dunkle Fluten,
und weicher Wellen Last ist lichter Schaum.

Ruht nur dein Blick, kannst du die Augen sehen,
jäh aufgetaucht wie Inseln aus dem Meer,
ihr graues Flackern ruft dich: „Komm, komm her!“
Du weißt nicht, ob sie drohen, ob sie flehen.

Ein Dämon ist es, der dich angeschaut,
du bist es selbst, der immer sich entrückte,
die Seele, der vor ihrer Wahrheit graut.

Da krümmt ein Purpurstrich sich, eine Wunde,
wie einer Beere Blut, die man zerdrückte.
Die Augen schließ: Es seufzt aus diesem Munde.

 

Mrz 30 24

Orpheus renatus

Nichts konnte ihre Stunde mehr verklären,
da knospenhell der Mond aus Nebeln stieg,
ihr Blick ihm sagte, was der Mund verschwieg.
Doch schwamm er schon auf Flüssen fremder Sphären.

Bald kniete er vorm Kreuz auf Demutmoosen,
an dem ihr Name, matten Schimmers, stand.
Warum noch zögern an des Abgrunds Rand,
nicht taumeln in den Schlaf, den blütenlosen?

Wach hält ihn unerlöster Liebe Rufen,
wie Asche, die von fahlen Feuern weht.
Zu pflücken aus dem Dickicht ihren Schatten,

steigt abwärts er die stygisch-feuchten Stufen,
daß lächelnd sie ihm folgt, dem blinden Gatten,
wenn er des Orpheus Gang zu Ende geht.

 

Mrz 29 24

Die Nacht war lau

Dem Andenken an Hildegard Hilten

Sie lag dem Lärm entrückt in einem Tale,
wo einst der Leprakranken harter Schrei,
ihr Silberglöckchen keinen rief herbei.
Ihr Auge war gefroren, Schnee die Haare.

Der unerschöpflich quoll von schrillen Tönen,
den trocknen Mund hast öfters du getränkt.
die Stirn, gerunzelt meist, vom Tag gekränkt,
war glatt, als könnte Dunkel sie versöhnen.

Ihr Sterben war ein Abschied ohne Klagen,
vielleicht war sie vom Rauschen noch gebannt,
vorm Fenster floß der Strom der hohen Sagen.

Dann klafften zwischen Atemzügen Klüfte,
bis ihre Seele keinen Steig mehr fand.
Die Nacht war lau, voll zarter Frühlingsdüfte.

 

Mrz 28 24

Die Umkehr

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Unser Ziel: durch die zerklüftete Karstöde der radikalen Sprachskepsis in die grünende Auenlandschaft des schlichten Liedes gelangen.

Der Strom des Hexameters mäandert durch die heroische Landschaft des Epos; aufgrund des Wechsels von Daktylen und Spondäen, dank der unterschiedlichen Zäsuren im Vers bewirken seine Schlingen und Schleifen spielerische Variationen im Inneren einer erhabenen Monotonie.

Aus dem Kelch der Bitterkeit, den der Erwählte im Garten Gethsemane erblickte, tropfte ein Tropfen herab, und aus der erwachten Erde sproß die Wunderblume empor, deren Duft den Trauernden tröstet, deren Tau den Verwundeten heilt.

Wären Sätze nur sinnvoll, wenn sie entweder wahr oder falsch sind, wäre dieser Satz sinnlos.

Die Dimension des Sinns ist der Dimension der Wahrheit vorgeordnet.

Wir können uns nicht an den Methoden und Ergebnissen der Wissenschaft orientieren, wenn wir den Sinn unseres Daseins erfassen wollen.

Das Wasser des Musenquells auf dem Helikon der Gegen-Erde, das nicht wie das unsere aus H2O besteht, sondern aus XYZ, stillt den Durst des Gegen-Hesiod genauso wie das hiesige den Durst Hesiods.

Der wie besessen gegen die Türe hämmert, um am Ende entkräftet und ohnmächtig an ihr herabzusinken, hat nie bemerkt, daß sie nicht abgeschlossen war.

Die in der Nacht schreit, die verlassene Seele, kann die Erinnerung an den Gute-Nacht-Kuß der Mutter nicht trösten.

Der Spiegel der Sprache, der den Sinn seitenverkehrt abbildet.

Das Kind tritt vor Wut gegen das Tischbein, an dem es sich gestoßen hat; der Entgeisterte zerschlägt den Spiegel, der ihn in seiner Nacktheit und Erbärmlichkeit gezeigt hat.

„Die Substanz ist … (Wasser, Feuer, Atome, Leere, Geist)“ – Verführung des Verstands durch die Suggestionskraft der Grammatik.

Ich könnte sagen, die Sonne kreise um die Erde, ohne zum ptolemäischen Weltbild zurückkehren zu wollen.

Wie von der Palette des Malers könnten wir von der Farbpalette des dichterischen Stiles sprechen.

Wenn wir jemandem Sehvermögen attestieren, meinen wir damit schlicht, daß er nicht blind ist. Aber wenn wir von Denkvermögen sprechen, meinen wir damit nicht, einer könne 2 und 3 addieren, sondern er könne sehen, daß 2 + 3 dasselbe ist wie 3 + 2.

Die Zahlen von 1 bis 100 zu addieren ist einfach, wenn auch mühsam; aber zu sehen, daß 1 + 100 und 2 + 99 und 3 + 98 und so weiter dieselbe Summe ergeben und damit das Muster und die Gaußsche Formel der Addition, ist nicht ganz so einfach – aber auch eine Form des Sehens.

Jemandem Hörvermögen zuzusprechen heißt schlicht zu sagen, er sei nicht taub; und die Unterschiede von leise und laut, andante und allegro zu hören ist einfach. Nicht ganz so einfach ist es, den Krebsgang der Tonfolge in einer Bachschen Fuge oder am Tristanakkord zu hören, was wir sein Schweben, gleichsam seine lustvolle Unerlöstheit nennen können.

Die gedankliche Umkehr, die Umkehr des philosophischen Sinns hat eine Analogie in dem, was das Evangelium Metanoia nennt.

Die hohe Luft, in der die Erlösten atmen, nährt sie mit einer Unbekümmertheit und Heiterkeit, die sich vom Zeitlichen nicht mehr gänzlich aufzehren läßt („Laßt die Toten die Toten begraben.“ – „Seht die Vögel des Himmels …“).

Die Beruhigung, die uns zuteilwird, wenn wir vom unseligen Verlangen, das Geheimnis des Lebens zu ergründen, ablassen.

Sätze, die sich gleichsam selber tragen, wie die Verse großer Dichtung. – Von ihrer eigenen Aura ins Schweben gebrachte Ikone.

„Können Sie das beweisen (begründen, ableiten)?“ – so stürmt der Theoretiker alter Schule auf den von der Begründungsobsession kurierten Schüler Wittgensteins ein.

In der Sonntagspredigt für philosophische Konvertiten heißt es: Alles ist da, alles ist sichtbar, alles ist vernehmbar, für den, der Augen hat zu sehen, Ohren hat zu hören.

Nur der Stumpfsinn sieht sich genötigt, auf einen Fortschritt des Denkens zu setzen.

Nur Frauen gebären Kinder, nur Männer zeugen sie, keine Gender-Chimären. – Der Mißbrauch der Worte, der philosophische und der ideologische, schüttet Gift in die klare Quelle unserer sprachlichen Gewißheiten.

Der Zweifel am Sinn des alltäglichen Sprachgebrauchs, der sich von Descartes an wie eine Erbkrankheit bis zu den deutschen Idealisten und ihren zeitgenössischen Nachfolgern ausgebreitet hat, kann nur durch eine radikale gedankliche Umkehr gebrochen werden.

Wir bedürfen keiner wissenschaftlichen Bestätigung und Rechtfertigung unseres alltäglichen Sprachgebrauchs. – Mag die Erde um die Sonne kreisen, unsere Rede vom Sonnenuntergang wird dadurch nicht angefochten. Die poetische Imagination von unserer Herkunft aus dem Garten Eden wird durch erdgeschichtliche und evolutionsbiologische Forschung nicht widerlegt.

Der Sinn der Worte wird dunstig, verschwommen, leer, wenn wir sie vom Nährboden ablösen, aus dem sie ihre Lebensstoffe saugen, ähnlich der in fremde Erde verpflanzten Blume; der Sinn des Begriffs „Liebe“ wird pervertiert, wenn wir ihn vom Nährboden mütterlicher Hingabe und väterlicher Fürsorge ablösen.

Aus welcher Angst erwächst die zwanghafte Suche des Philosophen nach Sätzen, die eine absolute Gewißheit ausdrücken sollen? – Angst des Kindes, das sich in einem hohen Baumwipfel verstiegen hat und am letzten Zweig sich festklammernd erstarrt.

„Dies ist meine Hand!“, ein Satz, den der Philosoph Moore als Ausdruck absoluter Gewißheit verkündete. Aber im Gewühl des Spiels, bei dem Kinder ihre Hände aufeinanderklatschen, kann eines zurecht ausrufen. „Das ist nicht meine Hand!“

Fichte wähnte die Bedeutung von „Ich“, aus allen alltäglichen Umgebungen abgetrennt, als absoluten Nullpunkt philosophischer Gewißheit fixieren zu können; aber was ist fluider, fließender, gleitender als der Gebrauch des Pronomens der ersten Person: „Hab ich das gesagt? Da war ich noch ein anderer Mensch.“ – „Ich kann meinen Gefühlen nicht mehr trauen.“ – „Dies ist ein Ding, das keiner voll aussinnt,/Und viel zu grauenvoll, als daß man klage:/Daß alles gleitet und vorüberrinnt./Und daß mein eignes Ich, durch nichts gehemmt,/Herüberglitt aus einem kleinen Kind/Mir wie ein Hund unheimlich stumm und fremd.“

Der Zuckerstein der absoluten Gewißheit des Fichteschen Ich löst sich im Tee der Alltagsrede auf, den er versüßen mag, aber den Kenner ungesüßt zu sich zu nehmen pflegen.

All die abgetrennten, anämischen, atemlosen Worte, von denen die Phrase des Ideologen zeugt: „Gerechtigkeit“, „Gleichheit“, „Freiheit“, „Fortschritt“, „Zukunft“.

Die Lebensmächte, die jene köstlichen Früchte reifen lassen, nach denen wir langen, entziehen sich unserer Verfügungsmacht.

Der Liebesscheue dichtet die große Liebe der Dido, der Stammler die große Rede der Gottheit.

Wir suchen Antworten auf Fragen, die keine Antwort zulassen oder keiner Antwort bedürfen.

Die Suche aufgeben heißt anzukommen.

Die Welt, das Leben sind, wie sie sind. Dies ist ein ebenso profaner wie esoterischer, ein ebenso trivialer wie mystischer Satz.

Die Scheibe der Bedeutung war infolge metaphysischen Nebels beschlagen; wir rätselten über die Dinge, die sich dahinter nur undeutlich und verschwommen zeigten. Dann wird sie von der Hand einer nüchternen Reinigungskraft abgewischt, und wir sehen klar.

Einer geht scheinbar zielgerichtet und schnurstracks vorwärts. Dann reißt ihn etwas um und zurück, ein Gedanke, eine Erinnerung. Er dreht sich um und setzt den Gang in umgekehrter Richtung fort, in der Richtung, aus der er gekommen ist.

Die Umwendung mutet wie eine Verwirrung an; in der Rede wie ein plötzliches Stottern oder Verstummen.

Hat einer vergessen, was er tun wollte, tut er etwas anderes; ohne etwas zu vermissen.

Das Verschwinden der Neurose ist wie die Umkehr des gedanklichen Systems. Als würde es um seine Achse gedreht.

Der von seiner Verwirrung Geheilte sieht, was er sieht, fühlt, was er fühlt, sagt, was er sagt, ohne es wie zuvor im Zustand gnadenloser Anfechtung prinzipiell in Frage zu stellen. – Natürlich wird er zugeben, daß er sich irrte, als er vermeinte. eine Fichte zu sehen, obwohl es sich um eine Tanne handelte. Doch er wird seiner Wahrnehmungsfähigkeit nicht mehr grundsätzlich mißtrauen, gleichgültig, ob es sich um eine reale oder photographierte Fichte oder Tanne handelt.

Es geht nicht darum, seine Meinung im Lichte dieser oder jener Theorie (oder Ideologie) zu bilden oder zu ändern; es geht darum, ohne vorgefaßte Meinungen und Theorien auszukommen.

Die therapeutische Wahrheit der pyrrhonischen Skepsis. Nicht ihre metaphysische Wahrheit.

Wir können nicht sagen, der Zufall sei uns Notwendigkeit oder Schicksal genug – nicht sagen, wir hätten einen anderen Mann zum Vater, eine andere Frau zur Mutter haben können; denn in diesem Falle wären wir nicht, der wir sind.

Die Umkehr der Denkrichtung befreit uns von allzu hohen, übertriebenen Erwartungen, sie ernüchtert, doch zu einer Nüchternheit, die der Dichter heilig nennt.

 

Mrz 27 24

Im Herbstlicht der Erinnerung

„Gras, es schäumt, und Knospen, wie sie schwingen,
warum noch weilen auf verwaisten Schwellen,
hörst du sie nicht, homerisch-grüne Wellen
von frohen Fahrten, Blumeninseln singen?

Doch nahe sind auch Wasser, minder tiefe,
die unter Schwanenflügeln sanft sich falten.
Fühlst du sie gleiten nicht, die Traumgestalten,
als ob der Mond sie in die Schilfe riefe?“

„Ich bin zu alt, um nochmals aufzubrechen,
zu mürb, um Frühlings bittres Mark zu saugen.
Ich kann nur leise noch mit Schatten sprechen,

die mein im Herbstlicht der Erinnerung harren.
Es fleht zu mir der feuchte Glanz von Augen,
die durch das Uferschilf des Schlafes starren.“

 

Mrz 26 24

Hauptseminar „Goethe“

Der Feinsinn in der letzten Reihe schwimmt
ein loses Blatt auf grauen Rauschens Wellen.
In dem, was jene Troglodyten gellen,
ist nicht ein Funke, der nachts weiterglimmt.

Er schweigt, denn nur wer faselt, wird gerühmt.
Wer Goethes Iphigenie gendernd schändet,
ihm, dem Kretin, wird wild Applaus gespendet.
Mit Zoten sagt man, was der Schalk verblümt.

Die Schönheit halten sie für flach, für fade,
ein trocknes Stroh, das noch kein Blitz entflammt.
Die Unbehauchten kennen keine Gnade,

der Anmut, deren feuchte Wimper zittert,
hat man die nachtgeneigte Stirn zerschrammt.
Der Kelch, der uns sein Licht geschäumt, zersplittert.

 

Mrz 25 24

Halt im Untergang

Verstummte Muscheln, die wie Monde bleichen,
um Hüften heißer Dünen giftet Kraut.
Und eines Himmels schmutzig-welke Haut
scheint tätowiert mit rätselstarren Zeichen.

Da ist ein Meer, ein Schäumen auch von Wogen,
als schluchze Lymphe, übersprengt mit Blut.
Es steigen Wolkenkraken aus dem Sud
und schlürfen blind der Sterne lichten Rogen.

Halt gönnt dir noch im Untergang ein Schwingen
von Gittern reinen Klanges aus Kristall,
der Nachtigallen somnambules Singen,

als wär es Frühling in verwaisten Gärten.
Doch fällst du, fällst ins blütenlose All.
Da wachst du auf vom Kusse des Gefährten.

 

Mrz 24 24

Die Aura des Leibes

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Die natürliche Intelligenz ist die conditio sine qua non der künstlichen. – Doch natürliche Intelligenz vollzieht sich nach anderen Prinzipien als maschinelle, denn sie ist in die leibhaftige Gegenwart des Menschen und ihrer Rhythmen, Gesten und Zeichen eingebunden.

Ein Roboter hat keine Überzeugungen, keine Erwartungen, Befürchtungen, Absichten und Erinnerungen, keine Gefühle von Dankbarkeit oder schuldhafter Verfehlung, der Stoff, von dem wir uns geistig ernähren. – Eine rein algorithmische Maschine kann nicht glauben, daß sie von verwandten und doch fremden Mächten erzeugt worden ist, daß sie einst nicht existiert hat und auch einmal nicht mehr existieren wird. Ein Roboter macht keine Fehler, sondern funktioniert nicht auf Befehl, er stirbt nicht, sondern geht kaputt.

Das Rind zeugt ein Rind, der Mensch einen Menschen, aber der Staat den Leviathan.

In der degenerierten Kulturbetriebsschickeria schillert der Abschaum, der aus den Abwasserkanälen der Vulgarität und Perversion aufgestiegen ist.

„Am Knochen haben wir keinen Befund“, sagt der Orthopäde zum Patienten, „demnach rühren die Schmerzen von den Muskeln“ – Nein; sie könnten auch Symptom geistiger Erkrankung sein.

Wenn Ähnliches nur Ähnliches hervorbringt, wie hätte Gott die Welt und den Menschen erschaffen können, ohne eine Spur seines Wesens zu hinterlassen?

Satan, sollte er, was angesichts seiner monströsen Taten und Untaten nicht unwahrscheinlich ist, bei der Erschaffung des Menschen hineingepfuscht haben – war er dabei Gottes hämisch grinsender Assistent oder sein demiurgischer Gegenspieler?

Das Wort ist herabgesunken zum flatus diaboli.

Die Sprachquader römischer Inschriften, eines Horaz, eines Caesar und Tacitus bedürfen keines rhetorischen Mörtels.

Der große, der gepriesene Name wird zum Gespenst seines Trägers, das nach seinem Ableben unter den Dächern der Gelehrten und Geliebten umgeht.

Manche Frauen wirken bekleidet nackter als unbekleidet.

Der Wind spricht anders mit den Dünen, anders mit den Schilfen des Strands.

Tiere und Roboter können sich nicht selbst mißtrauen, verachten und hassen.

Die Aushöhlung der Mechanismen der Auslese führt zur Verdummung der Eliten und zur allgemeinen Nivellierung des ästhetischen Geschmacks.

Cultura facit saltus.

Der Charakter des Mannes spiegelt sich im urtümlich-anonymen Gewimmel der luxuriös verschwendeten Samenzellen; der Charakter der Frau in der physiologischen Hut und der beschränkten Anzahl der zur Befruchtung vorgesehenen Eizellen. – Aggressivität, Heroismus und Abenteuerlust des Mannes sind ebensowenig ein kulturelles Konstrukt wie die Vorsicht, Sanftmut und Liebes- und Bindungsfähigkeit der Frau.

Flatus diaboli. Was Kain verübte, kann nicht ohne Einflüsterung Satans geschehen sein.

Das Mal der Seele läßt sich nicht wegschminken.

Die tausendfach bezeugte Tatsache des Ethnozids bestätigt die Bedeutung ethnischer Identität.

Mors ultima Musa.

Mittels eines Pakts mit dem Satan wähnt der vertriebene Mensch, ihm werde das Tor zum Garten Eden wieder aufgetan.

Klingt die dämonisch inspirierte Musik eines Adrian Leverkühn nicht himmlisch?

Das Spezifikum der Conditio humana bekundet sich in der Tatsache, daß nur der Mensch, nicht aber das Tier (geschweige denn der Roboter) geisteskrank werden kann.

Die Geisteskrankheit und die Neurose gleichen der zerrissenen oder durchlöcherten Aura des menschlichen Leibes.

Große Dichtung ist durchhaucht von der Aura des menschlichen Leibes, ihre Rhythmen sind seine Rhythmen.

Der gestörte, unterbrochene, diffus gewordene Rhythmus, ob des menschlichen Leibes oder der Dichtung, ähnelt dem Stottern und allmählich verstummenden Glucksen einer Quelle.

Enttäuschte kindliche Gemüter wähnen, vor dem gänzlichen Erlöschen der christlichen Glaubensglut zu den alten heidnischen Gottheiten flüchten zu können. Doch wie lächerlich, im Zeitalter forstwissenschaftlich gehegter Wälder und globaler Elektrifizierung in die Haine Dianas zurückkehren oder im Donner wieder das Grollen Thors vernehmen zu wollen.

Die neuheidnischen Bewegungen der vorletzten Jahrhundertwende gipfelten entweder in wenig graziösen Tänzen nackter Vegetarier oder mündeten im Judenhaß.

Im Jammertal wird das Holz des Heiles nicht ergrünen.

„Komm!“, „Geh weiter!“, „Hier entlang!“, „Achtung, dort lauert der Feind!“ – solche und viele Aufforderungen und Mitteilungen dieser Art vermag die menschliche Geste stumm auszudrücken; sie in Worte zu fassen scheint dann nur wie ein kleiner Sprung.

Der Abstand, den wir unwillkürlich von Mensch zu Mensch einzunehmen pflegen, ist instinktiv vorgeprägt; im natürlichen oder konventionellen Umgang zwischen Mutter und Kind, Freunden und Liebenden oder Arzt und Patient verringert er sich auf ein Minimum, ohne daß die Leine der Scham, der Ehrfurcht oder Angst an uns zerren würde.

Lesen wir Puschkins „Eugen Onegin“, „Väter und Söhne“ von Turgenjew oder die Erzählungen von Tschechow, meinen wir, Rußland gehöre zur europäischen Kultur; verstört und bezaubert von den „Brüdern Karamasow“ oder den „Dämonen“ Dostojewskis fühlen wir uns in asiatische Steppen versetzt.

Zeichen titanischer Europäisierung war die Gründung von Petersburg durch seinen Namensgeber Zar Peter den Großen; Zeichen der Rückkehr zu den asiatischen Ursprüngen war die Umbenennung der Stadt unter den roten Zaren.

Zeichen der Abkehr von der Rezeption der Antike in Architektur, Dichtung und Kunst sind der Verfall des künstlerischen Geschmacks in den Betonwüsten der Städte und die Verkümmerung des Studiums der antiken Sprachen und Kunstwerke an Schulen und Hochschulen sowie die zunehmende Mißachtung oder Diskreditierung klassischer Autoren, deren Formenstrenge sich am Vorbild von Ode und Elegie maß.

Wer an Gestalten wie Rudolf Borchardt, Gottfried Benn oder Ernst Jünger misogyne, homophobe und bellophile Wirkungen des Giftes toxisch-weißer Männlichkeit diagnostiziert, darf sich der berechtigten Hoffnung hingeben, hohe mediale Aufmerksamkeit oder akademische Würden zu erlangen.

Insekten bilden nur in einem schwachen analogen Sinne Staaten, nicht im faktischen; denn ihren Gemeinschaften fehlt die Institution des staatlich verankerten und sanktionierten Gesetzes. Die wachhabende Ameise, die ihren Staat nicht mehr wehrhaft unter Einsatz ihres Lebens vor feindlichen Eindringlingen verteidigt, begeht im Gegensatz zum Politiker, Soldaten und Offizier keinen mit der Kapitalstrafe zu ahndenden Hochverrat, sondern leidet unter einem den Instinkt beeinträchtigenden physiologischen Defekt.

Tugend impliziert die Möglichkeit des Lasters.

Sind Bienen fleißig? Ist ihr Verhalten als Emsigkeit und Opferbereitschaft zu beschreiben, wie es Vergil in seinen Georgica tat, um es als Vorbild römischer Staatsethik zu verklären? – Wären Bienen fleißig,
könnten sie tun, was ihnen ihr Instinkt verwehrt, nämlich, sich auch einmal am Nektar der Blüte egoistisch gütlich tun, statt ihn unversehens ins Nest zu transportieren, sie könnten einen Tag lang den lieben Gott einen guten Mann sein lassen, ohne die Quelle ihres heimlichen Genusses den Schwestern getreulich und dienstbeflissen mitzuteilen.

Die Dummheit der Evolutionspsychologen wird nur noch übertroffen von der Begriffsblindheit der naturalistischen Philosophen.

Die Bedeutung eines sprachlichen Ausdrucks kann nicht in Aussagen über physische und neuronale Muster übersetzt werden.

Der Affe im Zoogehege weiß nicht, daß sein Pfleger lächelt, auch wenn er die veränderten Gesichtszüge wahrnimmt, auch dann nicht, wenn er sich auf eine Weise verhält, als wüßte er es.

Naturalistische Philosophen verwechseln sprachliche Kommunikation mit Verhaltensreaktionen auf visuelle oder akustische Wahrnehmungsreize. – Sie unterstellen, die Wahrnehmung des Klingeltons interpretiere der Hund als Zeichen, daß es etwas Leckeres zu fressen gebe. Doch wenn der erwartete Leckerbissen ausbleibt, fragt sich der Hund nicht, ob er das Zeichen mißverstanden oder sich seine Bedeutung geändert hat.

Die Absonderung von Speichel ist keine Form der Erwartung, sondern das Symptom des bedingten Reflexes. – Erwarten wir den Besuch eines Freundes, sind wir nicht enttäuscht, wenn statt seiner ein Bekannter klingelt und uns mitteilt, der Freund könne nicht kommen, denn er liege krank danieder, sondern wir sind besorgt. Wir sagen nicht: „Ach, wie dumm!“, sondern: „Laß uns gemeinsam einen Krankenbesuch machen!“

Wir klären die Begriffe, indem wir sie gleichsam in modellartigen Versuchsanordnungen anwenden.

Der Versuch, Begriffe aus der Sphäre der Sittlichkeit wie Tugend und Laster oder des Rechts wie Vergehen und Strafe auf natürliche Tatsachen und Ereignisse anzuwenden, muß begriffsnotwendig scheitern; es sei denn, es handele sich um Formen des Mythos oder um dichterische Metaphern.

Das Licht der Wahrheit hat keine Wellenlänge.

Die Sonne der dichterischen Welt haben wir nur im farbigen Abglanz metaphorischer Wendungen und Bezüge, das Licht der poetischen Aussage erfassen wir im wandernden Schatten übertragener Bedeutungen.

Die Wahrheit des menschlichen Daseins enthüllt sich uns in den Formen und Mustern, in denen sich unsere leibgebundene Gegenwart kundtut.

Die Seele ist die Aura des Leibes.

Ihr war seine Gegenwart wie ein lastender Schatten; betrat sie den Raum, schien es heller zu werden.

Sein glasig-abwesender Blick schien alles Bitten und Flehen von sich abgleiten zu lassen.

Wir können, was menschliches Leben bedeutet, nicht physiologisch ableiten, allenfalls physiognomisch.

Der Geschmack der Madeleine, der Proust unwillkürlich die Erinnerung an seine Kindheit aufschließt, ist nicht der Geschmack der Speise, die unser Heißhunger hinabschlingt.

Der Schmerz um die verlorene Liebe ist dem Phantomschmerz nicht unähnlich.

 

Mrz 23 24

Die Rose süßen Lichts

Dort flackern leise Lichter, angezündet
von scheuer Trauer. Sanft sind ihre Hände,
sie wölben Stille um die Totenspende,
bis die umhegte Flamme Atem findet.

Die Anmut kniet, vom Marmor Moos zu schaben,
damit die Inschrift wieder reiner scheine.
Es ist, als ob ein weiches Veilchen weine,
als tropfe lichter Tau aus Perlmuttwaben.

Des Dichters Name, Frucht vom Vers umrankt:
„Was mir zur Nacht erhellt den Fluß der Reime,
die Rose süßen Lichts, sie sei bedankt.

Aus tiefer Liebesblicke Born geronnen,
die Tränen nährten mir die dunklen Keime,
sie sproßten auf zu Knospen fahler Sonnen.“

 

Mrz 22 24

Auf verlorenem Posten

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Denunziatorisch gesinnte Banausen lesen keine Bücher, sie schnüffeln darin.

Sagt man „Kafka“, kommt als konditionierter Reflex aus dem Mund des braven Schülers und Adepten des Zeitgeists: „Ach, der tyrannische Vater!“ Gregor Samsa, der Käfer – „Symbol der Entfremdung menschlicher Beziehungen in der patriarchalischen Familie“ (oder ebenso glatt von der Zunge „der kapitalistischen Gesellschaft“).

Die Kulturbetriebsschickeria sendet ihre Schnüffler, Scharlatane und Denunzianten aus, um aus dem Schrank eines Kafka die schmutzige Wäsche herauszuwühlen, unter der ledernen Zwangsmaske des Tübinger Psychiaters Autenrieth Hölderlin nachzufühlen und nachzuäffen und vor der Schwarzwaldhütte bei Todtnauberg den Abdruck des Klumpfußes aufzuspüren.

Wie den Ursprung der Sprache verkennt, wer ihn in der Wortgebung des Schreis oder der Interjektion zu finden meint, banalisiert und trivialisiert einer denjenigen der Dichtung, der sie als bloßen Ausdruck der Leidenschaft und des Gefühls oder gar einer gefühlvoll metaphorisch ummäntelten moralischen Haltung betrachtet.

Sine ira et studio – das Gebot der Enthaltsamkeit von spontanen Sympathien und Ressentiments gegenüber den dargestellten Akteuren oder moralisch imprägnierten Stellungnahmen hinsichtlich der dargestellten Entscheidungen und Begebenheiten des nüchternen Historikers.

Soll man aufdringlich betonen, es habe sich um die Entscheidung eines grausamen, niederträchtigen und blutrünstigen Gewaltherrschers gehandelt, die zur Hinrichtung der Widerstandsgruppe um Claus Schenk Graf von Stauffenberg führte? Allerdings: Konnte man von diesem Herrscher anderes erwarten, etwa, daß er, moralisch erschüttert durch die heroische Tat dieser Männer, sich eines Besseren besonnen hätte und vom Amt zurückgetreten wäre? Dies scheint ebenso lächerlich wie das erstere eitel.

Das Gedicht kann als Form der von den Romantikern so genannten „Gemütererregungskunst“ wirken, ohne daß sein Verfasser sich solcher Erregung hingegeben haben müßte.

In eine Maus verwandelt gibt das Wort der Dichtung, bang vor der Katze der öffentlichen Meinung, nur noch ein leises, unverständliches Fiepen von sich.

Zwei, drei Generationen, von Catull über Horaz und Vergil bis Ovid, das war der Höhepunkt der lateinischen Dichtung im Goldenen Augusteischen Zeitalter. Ziehen wir sodann die Linie vom Göttinger Hain bis zur Weimarer Klassik und fragen: Ist dies eine Analogie im Sinne der historischen Morphologie eines Oswald Spengler? – Erhebliche Zweifel melden sich an, angesichts der Unvergleichbarkeit der Sprachen und Kulturen ebenso wie der grundverschiedenen poetischen Darstellungsmittel.

Klopstock hat die antiken Odenmaße der deutschen Sprache einzuverleiben gestrebt, aber anders als die harmonische und sinnfällige Übertragung der griechischen Metren in die lateinische Sprache durch Horaz drückte die deutsche bisweilen der enge Schuh, sodaß sie in freien Rhythmen das Weite suchte.

Man kann Dichtung nicht einzig auf der Grundlage von historisch-biographischen Daten ableiten und verstehen. – Wir haben nur dürftige und oft fragwürdige Splitter aus der Überlieferung über das Leben der Sappho; doch verstehen wir, obwohl es sich wie meist um ein Fragment handelt, jene Verse, in denen das dichterische Ich in einer priesterlichen Maske die Göttin Aphrodite hymnisch anruft, sich in dem Hain zu offenbaren, wo Apfelbäume und Rosen blühen, Weihrauch auf Altären emporsteigt und edler Wein für sie bereitsteht, den die Göttin selbst mit Nektar vermischt den Eingeweihten des Thiasos einzuschenken aufgefordert wird.

Nennt man vollmundig Kafka einen Dichter der Moderne, mag man vielleicht darauf hinweisen, daß in der Tat der Landvermesser im „Schloß“ zu einer neuesten technischen Errungenschaft, dem Telefon, greift; doch was er vernimmt, wenn er in die Muschel lauscht, sind geisterhafte Stimmen. – Schon die antiken Dichter vernahmen solche oder ähnliche Stimmen im Rauschen des Wassers und im erregten Laubwerk der Bäume.

Wir Kinder wähnten, im Summen der Hochspannungsleitungen die Stimmen fremder Sprachen aus Übersee zu erlauschen.

Das Ende der Dichtung ist besiegelt, wenn die technokratische Herrschaft des Weltimperiums, um das Ideal der Gleichheit zu verwirklichen, den Säuglingen nach der Geburt einen Chip ins Hirn implantieren läßt, der sie im Fühlen, Denken und Sprechen mit den Angehörigen ihrer jeweiligen sozialen Gruppe auf gleiche Wellenlänge einstimmt.

Das auditive Gedächtnis des Dichters – der Bienenkorb eines kaum durch den Schlaf unterbrochenen Summens und Singens fremder Stimmen, des Seufzens und Klagens der Abwesenden und Toten.

Ein wenig Klarheit oder der Anschein von Verständlichkeit stellt sich ein, wenn sich eine Stimme vordrängt und diktiert, was der überwältigte oder überrumpellte Schreiber demütig oder resigniert zu Papier bringt.

Der sublime dichterische Stil eines Vergil und Horaz nährt sich von der syntaktischen Sperrung von Hauptwort und Bezugswort, zwischen denen sich der Ausblick auf fernere Lichter, Schatten, Stimmungen der Seele auftut. Die Sperrung kann auch wie ein sprachlicher Kontrapunkt wirken, wenn in den Zwischenräumen Bedeutungen auftauchen, die einen Schatten auf das Ausgesagte werfen.

Die wallende Gewandung und ihre wechselnde Färbung und Musterung in den metrisch gezügelten oder gelockerten Rhythmen eines Goethe oder Brentano und das fadenscheinig-blasse oder steifleinene Vers-Hemd zeitgenössischer Literaten.

Heute, nach Dezennien der Schmähung und Diskreditierung der väterlichen Autorität und der sogenannten bürgerlichen Familie als Hort der Finsternis und des Traumas, mutet uns Kafkas Erzählung „Das Urteil“, wenn man sie, wie von geistlosen Literaturwissenschaftlern oder ideologischen Moralisten nicht anders zu erwarten, auf den außerliterarischen Stoff reduziert, abgestanden und fade an. – Anders ihr sprachlicher Ausdruck, insofern er mit dem Rätselhaften und vom Verstand nicht Faßbaren ringt.

Aufgrund der Überzüchtung des Verstandes, wie sie die zeitgenössischen Curricula in Schule und Hochschule im Zeichen von Digitalisierung und KI vorantreiben, verkrüppeln das Gemüt und die intuitiven Begabungen des Menschen auf Insektenmaß.

Manche Verse, wie von Verlaine oder Trakl, sind geflügelten Küssen gleich, Falter, die an exotisch-fremdartigen Blüten saugen, um trunken zur Erde zu stürzen und zu sterben.

Eine Wanze, durchs Mikroskop betrachtet, wirkt monströs.

Auch die Grenze des Verstehbaren können wir fühlbarer, rätselhafter, bedrohlicher auf uns wirken lassen; etwa als nur zeigbare, nicht sagbare Grenze der Sprache oder als Deus absconditus.

Die Sprache bietet mehr Möglichkeiten, vom lichten Pfad des Verstehens und der Verständigung in das dunkle Dickicht und den Wald voller Rätsel abzuirren, als uns guttut.

Maße des dichterischen Rhythmus finden wir im Herzschlag, im Atemholen, im Wechsel von Wachen und Schlafen, von Gedanke und Traum, von Tag und Nacht, von Ebbe und Flut, von Frühling, Sommer, Herbst und Winter, in der Spannung von Schwerkraft und Licht, Nähe und Ferne, in den Mondphasen und Sternenzyklen, in der Wechselrede von Herz und Hirn und vielem mehr.

Das seiner Umgebung allzu entrückte Wort beginnt zu schillern, setzt eine Art metaphysischen Grünspan an und wird unverständlich wie „Bedeutung“, „Sinn“, „Sprache“ und „Geist“.

Die römischen Begriffe populus und natio spiegeln einander; sie sind vorstaatliche Prägungen des sozialen Lebens. Völker gründen Staaten, Staatsangehörigkeit kann ethnische Identität nicht tilgen; die Kurden sind ein Volk, auf drei Staaten verteilt, das sich zu behaupten und einen eigenen Staat zu gründen bestrebt ist.

Das ethnische Substrat der Völker bildet ein eigentümliches individuelles Ethos aus, das ihre Lieder, ihre Mythen, ihre Epen färbt und ihre malerischen und plastischen Erzeugnisse atmosphärisch umhüllt: die ionische Färbung der homerischen Epen; die ethnisch-kulturelle Aura der griechischen Säulenordnung – dorisch, ionisch, korinthisch.

Mag es uns allgemeines Stirnrunzeln der erwachten Gutmenschen einbringen, wenn wir der Idee der Weltgesellschaft unter der Herrschaft der Trikolore mit Mißtrauen begegnen, die Bedeutung des ethnischen Substrats und der Polarität der Geschlechter als Bedingung der sinnvollen Rede vom Volk und der Liebesdichtung vom Minnesang bis Goethe und des romantischen Lieds nicht abzuschütteln vermögen oder den Gipfelschnee der poetischen Achttausender zu betreten nur den Bergsteigern vorbehalten, die sie unter Inkaufnahme hoher Risiken erklimmen, wir wissen, wir stehen auf verlorenem Posten, es mutet an wie der heroisch-imaginäre Kampf des Don Quijchote: komisch, grotesk und vergeblich.

An der Schneegrenze überrascht den einsamen Wanderer der Enzian mit seiner wundersamen Pracht, deren Schönheit gleichsam dem menschlichen Auge abgewandt ist.

Schiller konzipierte seine Gedichte in Prosa, die sich oft schon in versrhythmische Kola gliederte, doch flocht er die Reime zumeist nachträglich ein; Goethe strömten die Reime unwillkürlich wie Seerosen auf den Wellen des Rhythmus dahin.

Die lyrische Dichtung ist anders als das Epos strophisch gegliedert; die reichste Entfaltung deutscher Strophik der Neuzeit vom vierzeiligen Volksliedton über die sechszeilige Strophe bis zur achtzeiligen Stanze finden wir bei Goethe und den Romantikern; bei Heine schon und später im Expressionismus sehen wir den Formenreichtum auf meist vierzeilige Gebilde geschrumpft oder gänzlich überwuchert und aufgelöst. – Die Strophe aber ist keine äußerliche Klammer, sondern hat ein eigenes Ethos, eigene Aussage- und Strahlkraft; anders der fließende Volksliedton bei Eichendorff und Brentano, anders die schweren Quader der Marienbader Elegie Goethes.

 

Mrz 21 24

Mehr nicht

Mehr nicht als zu zweien gehen
unter wolkenweißen Schlehen,
und der Anmut sanfter Blick.
Mochten harte Schnäbel schreien
in das blütenweiche Schneien,
deine Stille war das Glück.

Glück auch, deinem Singsang lauschen,
dunklen Puls mit hellem tauschen,
hat sich Herz an Herz gepreßt.
Und dem flatternden Verlangen,
blind im Netz des Blicks verfangen,
bot des Haares Nacht ein Nest.

Heiß gepflückt am blauen Morgen,
Frucht, sie hab ich nachts geborgen
in der weißen Schale Lust.
Was als feuchter Glanz geronnen
aus geheimen Schmerzensbronnen,
Träne war es, unbewußt.

Herbst gab uns sein Leuchten stiller,
langes Dulden, Traumerfüller,
goldne Trauben wurden Wein.
Doch als sich die Schatten längten
kalt das Abendrot verhängten,
blieb ich mit dem Traum allein.

Einsam will ich auf verschneiten
Stufen in die Höhe schreiten,
wo das Holz des Leidens ragt.
Und die ich entzünde, Lichter,
machen stumm den alten Dichter,
dem wie Nacht der Morgen tagt.

 

Mrz 20 24

Der letzten Reime Laich

Es tönet uns kein Rauschen mehr von Wellen,
wie einst im Glanz von Hellas Nacht Homer,
verstummt sind unterm Asphalt, unterm Teer,
die Sapphos Verse netzten, Heiltumsquellen.

Dem sich verklärt der Dunst zur Morgenröte,
in buntem Abglanz gab der Vers zurück
des hohen Geistes sonnentrunknen Blick,
irrt als Gespenst durch Phrasenschwaden: Goethe.

Uns narrt im Ohr der Seele, dem verstopften,
obszönes Kichern und letales Keuchen,
und scheint es endlich still, ist uns, als tropften

Erinnyen Eiter in die Musengrotte,
um grünen Liedes Weiher zu verseuchen,
daß auch der letzten Reime Laich verrotte.

 

Mrz 19 24

Perlmutt und bunter Schaum

Perlmutt wie matt, der bunte Schaum verschwunden,
Barock der Sommer, Herbst ein Rokoko.
Weißt du, wieso die stille Anmut floh,
die mit den Blüten, keck ins Haar gewunden?

Sie nahm im Park beim Rauschen der Fontänen
aus einer Schale Obst in Karamell,
ein kleiner Hund, ein Spitz mit weißem Fell,
hat leis geknurrt, Schnee blendete von Schwänen.

Die zart sie hob aufs Wasser, Orchideen,
sind lang versunken, und ihr Haar ward grau.
Dir blieb, auf winterkahler Trift zu gehen,

die lieblich sang, ward keines Dichters Frau.
Hat sie den Spielgefährten stumm begraben,
quoll Süße noch aus des Erinnerns Waben?

 

Mrz 18 24

Ein Tag der Liebe

Da rosig schon Magnolienblüten prangen
und Duft wölkt wie der Veilchen Frühgebet,
hat Schauer auch den Efeu überweht,
ein Tag der Liebe scheint uns aufgegangen.

So magst du wohl, als wär dein Fuß beflügelt,
leicht streifen Tau von Halm und zartem Gras,
der Wassersturz, wie hell zerklirrend Glas,
ruft uns zum Teich, wo still ein Schwan sich spiegelt.

Ich streue nur von Versen schwache Funken
dem Pfad, der deinen Schritten Anmut windet,
doch wenn die Dämmerung herabgesunken,

sind sie wie Mücken, die verworren kreisen,
sie glimmen noch, doch ihre Seele schwindet.
Mag uns der Venus Glanz den Heimweg weisen.

 

Mrz 17 24

Goldener Bilder Verlöschen

Aus einer Nische Dämmerung und Staub
schaut noch ein Engel auf die Trümmer nieder,
der Schwestern Flügel und zerbrochne Glieder,
es rankt um ihn schon dunklen Efeus Laub.

Die Hymne, die mit Weihrauchwolken stieg,
ist wie die Glut, die stirbt, kurz aufgelodert,
die Zungen des Gesanges sind vermodert,
der Irrsinn schreit, der lang im Zwielicht schwieg.

So müssen, Liebe, wir denn Abschied nehmen
von goldner Bilder kindlich-reinem Trost,
und wandeln durch die Nacht wie leere Schemen

in hohen Dämmers Schilf am Lauf der Lethe,
den Trank zu trinken, der uns zugelost,
des Dufts vergessen, der im Psalm uns wehte.

 

Mrz 16 24

Aus den Angeln

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Sinn: weder Faktum noch Konstrukt.

Jemand, der trotz faktischer Zugehörigkeit zum männlichen Geschlecht als Frau angesprochen zu werden wünscht, ist entweder krank oder der deutschen Sprache nicht mächtig.

Wir werden einen, der eine Fichte als Tanne bezeichnet, aufgrund des Hinweises auf gewisse botanische Merkmale eines Besseren belehren.

Benennungen oder im Jargon gesprochen performative Sprechakte sind korrigierbar.

Zu glauben, performative Sprechakte machten, was sie benennen, allererst zu einem Faktum, gilt nur bei Benennungen bestimmter sozialer Institutionen, beispielsweise der Freundschaft; nenne ich Hans nicht mehr meinen Freund, ist es mit der Freundschaft vorbei. – Ansonsten, wie im Falle physikalischer und biologischer Tatsachen, ist die Annahme, der Name bringe das Benannte ans Licht der Welt, eine Form magischen Denkens.

Was wir Sinn, Bedeutung und Norm nennen, ist keine natürliche Tatsache; der Evolutionsbiologe, mag er auch eine weltweit anerkannte Koryphäe seines Fachgebietes sein, der behauptet, aus der Lehre Darwins folge, daß der Sinn des Lebens, also auch des menschlichen, in der Optimierung der biologischen Fitness bestehe, ist ein philosophischer Kretin.

Wenn die polygame Lebensweise des Mannes darwinistisch betrachtet von größerem biologischem Vorteil ist als die monogame (mit mehreren Frauen können eben mehr Nachkommen desselben genetischen Musters erzeugt werden), folgt daraus nicht, daß wir, eingeschüchtert durch das pseudophilosophische Geschwätz eines die Grenzen seines Fachgebiets hochnäsig überschreitenden Meisterdenkers, am sozialen Sinn der abendländischen Errungenschaft der Einehe verzweifeln müßten.

Wären normative Gehalte wie Treue, Fürsorgepflicht, Verantwortung und Opferbereitschaft nichts als ein Ausdruck natürlicher Anlagen, müßten sie nicht in Gesetzestafeln gemeißelt, in moralischen Kodizes aufgeführt, gelernt und verinnerlicht werden.

Erwiesen sich die Zurückhaltung und Rücksichtnahme eines Menschen als Ausdruck pathologischer Schüchternheit oder als Form von Masochismus, wären wir ihm nicht zur Dankbarkeit verpflichtet.

Die menschliche Sprache ist ein sowohl faktisches wie normatives Gebilde.

Das grammatische Faktum der deutschen Sprache zu leugnen, daß Substantivbildungen wie „der Lehrer“, „der Arzt“, „der Kunde“, „der Fahrer“ oder „der Bürger“ das natürliche Geschlecht der jeweils benannten Person nicht markieren, ist entweder ein Ausdruck von Dummheit oder ideologischer Verblendung. Ausdrücke dieser Art künstlich und zwanghaft zu sexualisieren („die Büger:innen“) verformt das grammatische Skelett der Sprache und ist somit normwidrig.

Die obszöne Sexualisierung der Sprache ist keine konventionelle Bereicherung ihres Wortschatzes, sondern eine Deformation ihrer grammatischen Struktur.

Der Sprachgeist, der uns gegenwärtig anweht, ist giftig und verursacht Brechreiz.

Der lyrische Rhythmus haucht dem alltäglichen Wort Anmut und Würde ein.

Dichtung vermag das gewöhnliche Wort in eine außergewöhnliche, ja transzendente Atmosphäre zu tauchen.

Der heutzutage beliebte unreine Reim ist ein Ausdruck der Verlegenheit und der Resignation angesichts der Verschmutzung der medial geschändeten Sprache.

Das grammatische Genus für ein geschlechtliches Wesen zu halten blieb den illiteraten Narren des Zeitgeistes vorbehalten.

Allgemeinbegriffe wie Verantwortung, Feindschaft oder Liebe sind Verdichtungen und Kristallisationen von Tätigkeiten. So ist ja Liebe, was Eltern tun, die sich um ihre Kinder kümmern.

Das alte Rom hatte einen sublimen Sinn nicht nur für Abstraktionen, sondern auch für ihre Personifikation. – „Bonus Eventus“ bezeichnet eine ländliche Gottheit, der man für einen guten Ernteertrag Dankopfer darbrachte.

Dummheit folgert aus der Nachricht, daß der Bankräuber eine Geisel genommen habe, es müsse sich dabei um eine Person weiblichen Geschlechts handeln.

Allerdings, als mythische Wesen und als Gottheiten personifizierte Allgemeinbegriffe wie „die Horen“, „die Musen“. „die Parzen“, „die Eumeniden“ oder Allegorien wie „Caritas“, „Bona Fides“, „Spes“ und „Iustitia“ sind Feminina – und diese grammatische Eigenschaft verdankt sich gewissen natürlichen Eigenarten des weiblichen Geschlechts.

Die neuronale Struktur der Sprachzentren des menschlichen Gehirns hat keine Ähnlichkeit mit der grammatischen Struktur der menschlichen Sprache.

Grammatiken sind keine bloß konventionellen Gebilde, auch wenn die artikulierten Laute in Bezug auf die gemeinten realen oder irrealen Gegenstände mit Ausnahme der Onomatopoesien konventionell sind. Sie wurzeln tiefer, beispielsweise im Thymos, im Ethos und der Weltsicht der Sprecher.

Es gibt gereimte und ungereimte Gedichte; aber es ist kein Zufall, daß die antiken Sprachen aufgrund der quantitativen Silbenmessung die ungereimten lyrischen Gattungen der Ode, der Elegie und des hexametrischen Epos ausgebildet haben, die akzentuierenden germanischen und romanischen Sprachen aber den Stabreim und den Endreim.

Grammatische Formen ermöglichen uns, nicht nur konkrete und abstrakte Gegenstände und Ereignisse zu bezeichnen, sondern auch, sie in temporale, modale und logische Bezugssysteme einzuordnen.

„Die gestrige Examensprüfung hat der Student bestanden.“ – „Daß der Geselle die morgen anberaumte Meisterprüfung bestehen wird, darf er wohl hoffen, weil er sich hinreichend darauf vorbereitet hat.“ – „Obwohl er fleißig gebüffelt hat, wurde dem Schüler die Klausur zu einem Debakel.“ – „Hätte der Kandidat nur eifrig gepaukt, wäre er nicht durch die Prüfung gefallen.“

Insbesondere die grammatische Möglichkeit zur Bildung des irrealen Konditionalis ist ein Eckstein für das philosophische Leistungsvermögen unserer Sprache. – Beispiel: Wären die Anfangsbedingungen der Entstehung des Kosmos um ein Jota von den tatsächlichen abgewichen, würden wir nicht existieren.

Je stärker das Gefälle, umso heller rauschend der Strom. – Die Steigerung des dichterischen Ausdrucks ist eine Funktion der Beschränkung seiner metrisch-rhythmischen Bedingungen.

Wir können das Präsens als unmarkiertes Tempus verwenden; so wenn wir sagen: „Wir sind miteinander befreundet“ oder „Ich pflege in der Nacht zu schreiben.“ In der Dichtung finden wir den Gebrauch des Präsens als Form der Evokation einer unbestimmten, unwirklichen, ja traumhaft zeitlosen Gegenwart, wie etwa bei Stefan George:

Der hügel wo wir wandeln liegt im schatten ·
Indes der drüben noch im lichte webt ·
Der mond auf seinen zarten grünen matten
Nur erst als kleine weisse wolke schwebt.

Die Dichtung vermag die Sprache gleichsam aus den Angeln der temporalen und logischen Alltagsverortung zu heben. – Daher ist sie den Zwängen und Engen der Alltagsprosa entrückt, deren Pforten leicht zu öffnen, aber auch zu schließen sein müssen, aus welchem Grund sie in den festen Angeln grammatisch-logischer Strukturen aufgehängt sind.

Wenn indes prosaische Geister die Sprache aus den Angeln der Grammatik heben, ist das Ergebnis alles andere als poetisch.

Die Sprachquader eines Livius, Caesar, Sallust oder Tacitus; der Quark, der aus den Spalten der Gazetten quillt.

In vielem ähneln die Psychiatrie und die Psychoanalyse einer rationalisierten Form des Exorzismus.

Die Pschoanalye ist der vergebliche Exorzismus jener Geister, die sie selbst heraufbeschworen hat.

Es sind die alten, aus dem gelichteten Wald der Aufklärung geflohenen Geister und Dämonen, die im Dickicht kranker Nerven und im verhedderten neuronalen Netzwerk des Psychotikers Unterschlupf gefunden haben. Dort hört er sie wimmern und klagen oder muß schmerzhaft fühlen, wie sie verzweifelt an seinen Empfindungsfasern zerren.

Die groteske Epiphanie der Musen im Stimmenhören des Wahns.

 



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