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Jan 13 24

Was die Wasser sangen

Auf trüber Flut erschien ein helles Bild,
ich stand verloren auf der alten Brücke,
im Schaum der Wellen glänzten tiefe Blicke,
als wäre ich, was aus dem Dunkel quillt.

Und ging ein Fremder ich ins Abendrot,
nahm mich ein bitter-süßer Reim gefangen,
die fernen heimatlichen Wasser sangen:
„Den heißen Durst löscht dir ein kühler Tod.“

Ist Sommernacht das Fenster aufgetan,
und später Rosen dunkle Düfte quälen,
hör ich tief ächzen an den Uferpfählen,
der meiner harrt, den alten Eichenkahn.

Schon treiben Vers und Schmerz auf schwarzen Wogen,
den Knospen gleich, die Liebe sich gezogen.

 

Jan 12 24

Narzissen auf dem Grab

In denen du gesunken bis zum Grund,
die Augen, die nun mondnen Lachen gleichen,
wie sie zu brechen vor den deinen weichen,
bis Seufzen quillt hervor aus bleichem Mund.

Daß sie entschwebe, Seele fehlt der Ort,
und ward im kranken Leibe schon zersplittert,
ein stummer Schrei, von bangem Traum umgittert,
hat sie gefleht um sanfter Liebe Wort.

Narzissen hast du auf dem Grab gesät,
sie glänzen wie von Tränen blasse Wangen.
Was ihr getan, gelitten, sei verhangen
von einem Schleier, den kein Odem bläht.

Hörst aber du den Docht der Flamme knistern,
o wende dich von toter Seele Flüstern.

 

Jan 11 24

Im Schutt des Tags

Wie tief der Blick war, der uns angeschaut,
als würde er von blauen Buchten künden,
um still-beseligt in das Meer zu münden,
wenn Liebesschauer allen Schmerz getaut.

Wir aber hasten wirren Funken nach,
bis sie im blinden Dickicht sich verlieren.
Log auch der Traum, zu Gärten uns zu führen,
ein Schatten war, was Schattenfrucht sich brach.

Wir seufzen mit dem Wind, der Halmen singt,
blaß-dürren, die aus Asphaltritzen sprießen,
und können doch mit keinem Stromlied fließen,
weil keins die harte Kruste mehr durchdringt.

Der Blick der Muse war, was uns berückte,
o blaue Nacht, im Schutt des Tags erstickte.

 

Jan 10 24

Im Schnee der Angst

Erloschen sind die Blüten, sind die Flammen.
Geh dunkle Pfade durch den Schnee
der Angst, geh, Liebe, sie mit mir zusammen,
bis ferner Heimat Duft uns wieder weh.

Wie Waisen halten wir uns bei den Händen,
wir wandeln schweigend über blauem Eis,
kein Laub, das weht, uns milden Hauch zu spenden,
kein Grün, das uns gelobt, bald blüht ein Reis.

Dein Atem nur, er sagt mit Dunstgebilden,
daß in die Leere Geist und Form zerrinnt
und die wir träumen, o in Lichtgefilden,
die Wasserrosen längst versunken sind.

Mag, Dichter, sich dein Vers denn nicht erbarmen –
den Kelch, der glüht, reich Schlafes Mohn den Armen.

 

Jan 9 24

Verletzter Fühler

Kein Schimmer bricht durchs neblige Gefild.
Den hellen Gruß aus dunkelblauen Tiefen
erstickt Geröll, die uns ins Offene riefen:
Muscheln, Traumklang, feiner Schwingung Bild.

Kein Wohllaut dringt durch toten Lärmes Wand.
Das Laubendunkel, wo Gesänge glommen,
hat zischend blinder Strahl uns weggenommen,
die weichen Federn, sie sind mitverbrannt.

Nichts rettet, wo die Gottheit sich entfernt.
Wie einerlei ist, wenn sich Ringe tauschen,
wie einerlei, wenn ferne Wellen rauschen,
das Wort verfault, von Licht und Sinn entkernt.

Mag, Dichter, dir die Wunde Tau noch kühlen,
verletzter Fühler kann, er kann nicht fühlen.

 

Jan 8 24

Wie Funken … Stimmen

Laß einmal um die Flamme uns noch schreiten,
die Dankbarkeit am Traubenhang entfacht.
Es steigt Selene schon, der Geist der Nacht,
das Herz dem hohen Trauersang zu weiten.

Dort flehen Schatten zu den Sterngeschwistern,
an Krügen tropft noch Glanz von goldenem Wein.
Ein fremdes Fühlen hauchen sie uns ein,
der Scheite Lohe, dunkel-süßes Flüstern.

Wie Funken, die zum blauen Abgrund stieben,
sind Stimmen, aus der Schmerzensglut geschürt.
Die Schwermut singt, vom Tau der Nacht gerührt,
vom Rosenhag, ob wohl ein Duft geblieben.

O wehten, Dichter, deinem Liede Schwingen,
entsunkener Rosen Duft uns heimzubringen.

 

Jan 7 24

Duft von Jenseitsauen

Auf den Tod eines Dichters

Wo du gewandelt fern auf schroffem Grat,
da Knospen selten-süßer Anmut scheinen,
bist du gestürzt, doch ließest du den deinen
in Falten zarter Verse ihre Saat.

Es möge dir, als sickerte das Blut,
geweht noch haben Hauch von Engelsschwingen,
dich in das stille Land der Seligen zu bringen,
wo reine Quellen glänzen: Es ist gut.

Uns aber ward das Abendlicht getrübt,
die Blüten, unter deinem Blick voll Funken,
die auf den Schoß des Liedes dir gesunken,
sie starren grau, wie Kinder ungeliebt.

Doch strömt dein Rosenwort noch durch das Grauen
den Duft der Liebe wie von Jenseitsauen.

 

Jan 6 24

Die blaue Knospe

Die blaue Knospe, wie sie schwebte,
auf einem Wasser kristallin
floß in die Nacht ihr Tau dahin –
o Blumenlippe, die erbebte.

Sie tat dem Kuß sich auf Selene,
daß sie vom eignen Duft betäubt
die Pollen in das Dunkel stäubt –
o süßen Flehens Kantilene.

Der hohe Strahl hat ausgetrunken,
was in der Schale übrig blieb,
bis ihren Schmelz der Wind zerrieb –
o Blüte, die zum Grund gesunken.

Der wohl im Garten Eden blühte
und salbte Gottes Ebenbild
mit feuchtem Glanz und Düften mild –
o Kelch, der unterm Blitz verglühte.

Wir irren hin durch Ödgefilde,
die Schatten eines trüben Scheins,
die rohen Wiedergänger Kains –
o graziöse Lichtgebilde.

 

Jan 5 24

Lux autumnalis

Wenn über Garben Kraniche entschweben,
erzittert herbstlich leuchtend Blatt an Blatt.
Von Sommern, da hier Pan geschlummert hat,
träumt sich zur Feier noch das welke Leben.

Als seinen Schlaf beschneiten weiße Schlehen,
die Flöte lag im Gras, bestäubt von Mohn,
war ihm, als säng das Schilf mit wehem Ton:
„O laß im Tau Selenes mich vergehen!“

Sie taumeln schon, des heitern Daseins Zeugen,
die Blätter bangt vor grauen Winters Hauch.
Uns bleibet eine Spur der Hoffnung auch,
wo Kinder sich ins bunte Rascheln beugen.

Mag, Dichter, dich das Licht des Herbstes lehren,
die Dunkelheit, die keimt, still zu verehren.

 

Jan 4 24

Das letzte Lied

Die Türe fiel ins Schloß, es war der Wind.
Und was ans Fenster schlägt, sind dürre Äste,
sind eines langen Sommers kahle Reste.
O atme Dunkelheit, als wärst du blind.

Die Wolken sind schon müde, bald fällt Schnee.
Was dir noch bleibt, der Kerze stilles Scheinen,
des Adagiettos leises In-sich-Weinen,
Erinnern, Blüten auf dem Heimatsee.

Und wachst du auf, wie ist die Nacht so hell,
der Docht ist abgebrannt, der Schmerz verklungen,
als hätte dich der Liebe Arm umschlungen,
springt dir im Innern auf ein süßer Quell.

Mag, Dichter, dich das letzte Lied noch tragen
zur Au, wo Lilien aus dem Dunkel ragen.

 

Jan 3 24

Die Schlafwandlerin

Schlafwandlerin am hellen Tag,
blaß schäumten dir die Herbstzeitlosen,
die Wangen schienen keusche Rosen,
wo Tau von süßen Nächten lag.

Und was du sagtest, weicher Hauch,
ist in der blauen Luft zergangen,
von deiner Lippen Purpurprangen
stieg bittrer Kräuter Silberrauch.

Du bist geschritten anmutleicht
auf schmalem Grat vor jähen Tiefen,
wo dir verlorene Seelen riefen,
doch hat ihr Ruf dich nicht erweicht.

Den du betört mit feuchtem Blick,
ging hin, zu sammeln schwarze Beeren,
die Süße deines Munds zu mehren,
und kam nie aus der Nacht zurück.

Und der getaucht tief in dein Haar,
hat Seufzer wie im Schlaf vernommen,
ist irren Lichtern nachgeschwommen
und sank wie in ein totes Maar.

Den du als Dichter wohl erkannt,
gabst Gift du ein mit wilden Küssen,
daß er, der Muse Hauch entrissen,
zu stummem Siechtum sei verbannt.

Doch als das Wimmern du gehört,
rief nicht ein Kind aus tiefstem Bangen,
Trost deiner Brüste zu erlangen,
bist du erwacht, von Gott verstört.

 

Jan 2 24

Die erloschene Flamme

Gott hat die Flamme dir entfacht,
daß wir das Dunkel selig nennen,
wo Rosen überm Abgrund brennen.
Gott hat die Flamme dir entfacht.

Die Heimat, die uns ward geraubt,
im Garten deines Lieds zu finden,
wo Flüsse süßer Reime münden,
hat sich das kahle Kreuz belaubt.

Gewaschen hat uns ab den Grind,
der unterm Unstern uns befallen,
geweht ins Blaue leeres Lallen
der Blumen Tau, der trunkne Wind.

Mit Wohlgeruch hast du genährt,
die angewidert von den Speisen,
den schalen Resten für die Waisen.
Dein Rosenwort hat uns verklärt.

Nun scheint erloschen all die Glut,
umsonst, wenn wir die Asche schüren.
Wer wird uns aus dem Dunkel führen,
wer uns entzünden Geist und Blut?

 

Jan 1 24

O Ströme blauen Rauschens

Kristallenen Wassern gleich aus Schneelichthöhen,
wenn Veilchenduft der Maiennächte quillt,
sind Stimmen, die in Chören talwärts gehen
zum Strom, der hoch ins blaue Rauschen schwillt.

Wie weißer Blüten Schmelz, von Händen, holden,
geflochten in der Anmut grünen Kranz,
sind Lieder, wenn im Abendlichte golden
an ihnen perlt der Liebe sanfter Glanz.

Wie heller Tropfenklang auf Grabessteinen,
versickert er im dunklen Moose schon,
ist Trostes voll der Silberflöte Weinen,
trinkt Schwermut Licht vom nachtentquollenen Ton.

Besprenge, Dichter, dürrer Verse Halme
mit weichem Tau von sternumranktem Psalme.

 

Dez 31 23

Die Bilder blassen

Es schimmern Blüten noch auf grünen Teichen,
als glaubten sie, daß Sommer nie verglüht.
Wir schauen all das Prangen und erbleichen,
wir fühlen, wie der Gnade Strahl uns flieht.

Mit Düften haben sie verklärt das Leben,
daß es ins Blau sich träumt im Todestal.
Wir wähnten ihr das Mark des Worts zu geben,
doch blieb der Liebe Antlitz blaß und fahl.

Sie singen süßer, wenn sie auch verbluten,
die Herzen im Genist der alten Nacht.
Uns geißelten der Sonne Feuerruten,
und Seufzen nur gab Versen bleiche Pracht.

So wollen stumm wir heim ins Dunkel sinken,
die Bilder blassen, wenn wir Lethe trinken.

 

Dez 30 23

Auf fremder Heimat Schwelle

Dem in der Jugendzeit wie Blütenhelle
ein Leuchten sich an hoher Stirn gezeigt,
krumm sitzt er nun, das Haupt herabgebeugt,
dem Bettler gleich auf fremder Heimat Schwelle.

Er sinnt den Auen nach, heimischen Schollen,
ob golden er noch Sonnenfrüchte fand
und ihm gelöscht der Seele Fäulnisbrand
ein Wasser, blau der Erde Nacht entquollen.

Die Früchte lagen schwarz bei dürren Halmen,
die Quelle schwieg, von trübem Lallen matt,
ein Engel, Sternensangs im Düstern satt,
schlug es laut gähnend zu, das Buch der Psalmen.

Wärst, Dichter, du ins Steppenland gegangen,
zu Hirten, denen Flammenzungen sangen.

 

Dez 29 23

Die schwarze Sorge

… sed Timor et Minae
scandunt eodem quo dominus, neque
decedit aerata triremi et
post equitem sedet atra Cura.

Horaz, c. 3,1, 37–40

 

Dir war, gestanden hätte sie am Kai,
zum Abschied dir zu lächeln und zu winken.
In der Kajüte weckt dich auf dein Schrei,
du fühlst ihr Haupt an deine Schulter sinken.

Nein, ihr entfliehst du nicht, die immer neu
aus Träumen kriecht und banger Ranken Zittern,
dich schwarz umflatternd, bis zum Tode treu,
der Frucht, dem Wort die Süße zu verbittern,

Schmarotzerin, die dir am Herzen saugt,
daß ihre Augen glänzen, deine blassen.
Hinkst du zum Abgrund, müd und ausgelaugt,
wird sie für junges Blut von deinem lassen.

Als Dämon hat der Dichter sie beschworen –
rast auch der Rausch, sie geht uns nicht verloren.

 

Dez 28 23

Wo die Wege münden

Die Wege scheinen endlos, wir sind müde.
O Liebe, eingeschlummert wärst du fast,
als fiel aus Laubes Nacht ein Tropfen Friede,
doch rauscht sie auf, unsteten Lebens Hast.

Wie Kinder, die sich bei den Händen fassen,
laß tapfer wandern uns durch diesen Wald,
der Heimat denke nicht, die wir verlassen,
die Glut im Herde, Asche ist sie bald.

Hör wie im Traum die Nachtigallen singen
vom Engel, der blau-goldene Blüten streut,
daß Unschuld sie zur hohen Lichtung bringen,
wo sie am stillen Strahle sich erfreut.

Weh, Dichter, daß vom Irrlicht du mußt künden,
aus Sümpfen quillend, wo die Wege münden.

 

Dez 27 23

Der Liebe Zwiegespräch

„O komm, die Luft ist lau,
zu Auen laß uns gehen,
nach Anemonen sehen,
ob sie beglänzt von Tau.“

„So gib mir deine Hand,
wir wollen wie zwei Waisen
auf kühn verzweigten Reisen
uns halten unverwandt.“

„Sieh, Becher reicht der März,
magst einmal es erfühlen,
wie Blumentränen kühlen
der Sehnsucht heißen Schmerz.“

„Geh mit mir an den Teich,
daß wir uns darin spiegeln,
die Grenzen sich entriegeln,
in eins verschwimmen weich.“

„Doch engt der Tag uns neu,
daß uns nur Worte lindern
die Einsamkeit wie Kindern,
spricht eine Fee getreu.“

„Der Efeu, der dort grünt,
will mir von Stille sagen
jenseits von Lust und Plagen,
wenn alle Schuld gesühnt.“

„Hier ist des Dichters Grab,
der einsam hat gesungen,
von Schatten ward verschlungen,
was heller Sang ihm gab.“

„Laß uns das Moos vom Stein,
die Flechten sachte schaben,
daß von der Schrift erhaben
die Sage leuchte ein.“

In Nächten, sternelosen,
ward mir das Lied zum Licht.
Es hat die Glut von Rosen
entflammt mein Lobgedicht.

 

Dez 26 23

Die Entfremdung

Von Schilfen stiegen wir und schlaffen Wogen,
vom müden Rauschen eingepferchten Stroms,
mond-milden Glanz zu schauen unter Ranken,
von knotig-krummem Holz emporgeschraubt,
und Luft zu atmen, die aus Höhen quillt.
Jäh sprang die Angst des Daseins, eine Echse,
dir übern Fuß und wölkte grünen Staub.
Der aufgelassene Wingert ließ an Trauben,
verrunzelten, nur Fäulnisschimmer übrig,
den Himmel schlossen Wolken, schwefelgelb.
Da schien zu bergen uns der Eichenhain:
In kühle Schauer blitzten wie Gedanken
an eines Dichters hohe Einsamkeit
die goldenen Funken durchs erregte Laub.
Du hast, des Abendfriedens sanfte Tochter,
leise vor dich hin gesummt, ich aber,
ich hörte schon die heiße Säge kreischen
und sah den Ort entweiht und leer und kahl,
des Himmels Söhne der Nacht geopfert, Nacht,
vom Irrlicht über Grabeshügeln fahl,
sah Nägel auf erhabenen Bildern kratzen.
Da nahm ich dich, auch wenn du zögertest,
ins Tal zurückzukehren bei der Hand.
Kein Vogel sang, die Leere uns zu füllen,
wir hörten wohl die Wasser rinnen hin,
als wären Quellen ewig, unerschöpflich.
Wir wandten uns, Rinnsale, die versickern.
Wie Dickicht wuchs das Schweigen zwischen uns,
dein Duft floß noch, doch wie aus fremdem Dunkel.

 

Dez 25 23

Nänie auf einen Dichter

Dein Lächeln war ein süßes Licht,
der Lilie Schnee im Schattenhang,
wie einer Quelle heller Sang
dein Moos beträufendes Gedicht.

Sind wir fast taub vom Lärm der Welt,
tönt fern dein Lied, o fern im Traum,
fahlt in der Nacht die Lilie kaum,
glimmt sie bald auf, vom Mond erhellt.

Dein Blick war’s, der von Liebe sprach,
die wie ein Hauch die Wunde kühlt.
Im Puls, den wir am Wort gefühlt,
flog hoch dein Herz, bevor es brach.

Und scheint das Leben uns wie tot,
wenn sich der Rose Anmut schließt,
belebt uns noch, wenn heimwärts fließt
dein Rosenlied im Abendrot.

 

Dez 24 23

Jähen Wunders Schein

Gefangen in der Höhle, wird uns die Zeit,
die leere, gezählt von Tropfen, vollen:
Sie klingen hell am Stein und rollen
hinab zum dunklen Abgrund Ewigkeit.

Die Düsternis wird wahnhaft nur erhellt,
als würde fahler Grünspan gleißen.
Nichts geht uns nah, nichts ist verheißen,
Tag ist wie Nacht, ein trüber Traum die Welt.

Ein Beben ging, es tat sich auf der Spalt:
Da floß ein Bild hinein von grünen Auen,
ein Rauschen linderte das Grauen
von Strömen fern, von einem nahen Wald.

Ein Augenblick, wie jähen Wunders Schein,
ein Augenblick: das Tor geschlossen.
Doch blieb ein Duft, zum Hohn ergossen:
der Sehnsucht Schmelz und des Erinnerns Pein.

 

Dez 23 23

Der erloschene Stern

Der Stern, der uns gestrahlt, der Stern,
auf unsern Pfad, den wahnes-wirren,
daß wir im Dunkel nicht mehr irren,
wie fern scheint er uns nun, wie fern.

Weil uns erlabt ihr Lobgesang,
sind mit den Hirten wir gezogen,
der hohe Geist war uns gewogen,
zu stimmen ein voll Überschwang.

Wie müde Quelle, die versiegt,
ein Echo längst versunkner Sage
klingt unserm blindgeweinten Tage,
was einst den Schmerz in Traum gewiegt.

Sie fanden unter goldnem Laub
ein Lächeln, stiller Nacht entbunden.
Und sagten Rosen auch von Wunden,
ihr Glanz hat wachgeküßt den Staub.

Wie sind dem Licht des Heils wir fern,
uns rauschen Schatten, Efeublätter.
O Hymnen auf der Liebe Retter,
kein Stern zieht uns voran, kein Stern.

 

Dez 22 23

Ein Engel kam

Heroischer Gesang hat seine Stirn gekühlt,
doch muß der Knabe sie mit Asche schwärzen.
Die Liebe heißt ihn, daß ihr Herz sich fühlt,
zu kitzeln sie mit Liedes Flaum und Scherzen.

Ein Engel kam, hat ihm versehrt mit Glut
den Mund, da hörte man den Alten lallen,
entriß ihm der betörten Enkel Hut,
damit dem Charisma sie nicht verfallen.

Der Ranken dunkle Schrift, sie wird verbrannt,
auch wenn noch Knospen sich zum Lichte recken.
Der Dolch der Deutung hat sie schon entmannt,
die nicht mehr zucken, wenn die Flammen lecken.

Hörst aber, Dichter, du nachts Wellen schlagen,
knie überm Psalm: Die Kinder Zions klagen.

 

Dez 21 23

An einen Dichter

Heb einmal noch den Kelch ins Licht,
wie Märzenbecher grüne Auen,
bis sich um ihn Traumdunkel flicht
und Tränen, holde, niedertauen.

Noch einmal schöpf aus reinem Quell
das Wort mit runden Fühlens Krügen.
Ein Herzgeheimes werde hell,
gleich Blüten, die uns Scham verschwiegen.

Such lechzend nicht auf dunklem Hang
nach feuchtem Gold bacchischer Trauben.
Es atme blaue Luft dein Sang,
und Amor taucht aus Schattenlauben.

Uns bannt nicht mehr die trunkne Flut,
wo Schäume blasser Knospen gären.
Füll deinen Vers mit eignem Blut,
daß hohe Bilder uns verklären.

 

Dez 20 23

Erdenwallen

Blätter weichen ohne Trauer,
wenn der Herbstwind sie verweht,
und uns sagen leise Schauer,
Liebe kommt und Liebe geht.

Wie sie trunken niederfallen,
schimmern, wendet sie ein Hauch,
sinke unser Erdenwallen
in den Grund, den stillen, auch.

Wasser, ach, sie seufzen milder
unter blitzendem Kristall,
unsre Schmerzen dämpfen Bilder,
Funken aus dem dunklen All.

Wie entschwindend noch entzücken
blasse Knospen auf dem Fluß,
fern schon sind wir nahen Blicken,
die gefeuchtet sich im Kuß.

Muß in Urnacht auch verwesen,
wem der Gott die Flamme lieh,
uns zum Sinnbild auserlesen
schmilz, o Schnee der Lilie, nie.

 

Dez 19 23

Verlorene Pfade

Die Pfade schienen im Gerank verloren
und über Steppengrases Silberschimmer
die heiße Luft Vergessenheitsgeflimmer:
Ihr wußtet nicht, warum, wozu geboren.

Am Rinnsal habt ihr euch entlanggewunden,
ein müdes Lallen und ein trübes Gleiten,
zum Ursprung sollte es Enterbte leiten:
Ihr habt den Born im dunklen Grund gefunden.

Ihr beugtet euch hinab in Zwielichtschluchten.
Es kündeten die Schauer aus der Tiefe,
daß hier ein Lied, ein seliges, nicht schliefe
bei Wassern, die kein Eden mehr befruchten.

Den Weg zurück, ein Engel könnt ihn weisen,
doch zugewuchert sind der Botschaft Schneisen.

 

Dez 18 23

Traumverhangen

Ich sah im Teich es süß zerfließen,
dein holdes Angesicht.
Sumpf ist nun dort, Zwielicht,
in dem nur dürre Halme sprießen.

Und wo wir Hand in Hand gegangen,
auf grünen Dämmers Saum,
schwitzt Asphalt grauen Schaum,
von Dünsten, bleichen, traumverhangen.

Wo du’s gesagt, mit Augen, feuchten,
an dunklen Raunens Quell,
hört man nun Wutgebell,
und Lampen grellen Drohens leuchten.

Als Gegenwort hab ich die Rosen
dir auf den Schoß gehäuft.
Wie stumm das Rinnsal läuft
durch Dornen, duft- und blütelosen.

Das Fernweh hieß dich sie zu finden,
azurne Orchidee.
Mir blieb im wehen Schnee
vor leeren Himmeln zu erblinden.

 

Dez 17 23

Falbes Gras

Als könnte Blätter, die sich welkend krümmen,
ein warmer Hauch, ein sanftes Glühen glätten.
Wie Blüten auf des Schlammes Fluten schwimmen,
versehrte Schöne kann kein Tau mehr retten.

Der matte Stein, von Wassern weich umflossen,
mag wie Erinnerung noch fahl aufscheinen.
Die Quelle, hat auch Moos ihr Lied umschlossen,
hörst unterm Asphalt du nicht einmal weinen.

Den Worten, deren Blutstrom Pfropfen stauen
in Adern, grau und wässrig angeschwollen,
kannst du die Sage nicht mehr anvertrauen,
durch die des Lebens hohe Pulse rollen.

Des Sinnbilds Lilien hat man ausgerissen,
nur falbes Gras läßt noch vom Ursprung wissen.

 

Dez 16 23

Die Flammen des Dionysos

Da stoben über dunklen Hügeln Funken,
wie aus dem Abgrund aufgescheuchte Seelen.
Die Hirten hatten herben Most getrunken,
ein Girren kam aus rauhen Mädchenkehlen.

Und einer weckte auf die müden Scheite,
daß wieder Glut aufseufze aus der Feuchte
die Anmut um die wilde Flamme schreite,
doch über allem stand der Ur-Nacht Leuchte.

Und als das Feuer sich ins Mark gefressen,
stieg aus dem toten Holz ein süßes Singen,
sie aber tanzten, allen Leids vergessen,
in wogenden, geheimnisvollen Ringen.

Dionysos war unter ihnen – Knabe,
die Flammen schürend mit dem Thyrsosstabe.

 

Dez 15 23

Die Rosen des Adonis

Der Eber hat, erzählt sie uns, die Mythe,
die zarte Haut dir tödlich aufgeschlitzt.
Der blühend du im Arm lagst, Aphrodite,
hat dich vorm dunklen Abgrund nicht beschützt.

Die warmen Tropfen, die zur Erde quollen,
hat wohl verwandelt ihre Zaubermacht,
daß deine Schöne uns bleib nicht verschollen
und auferstehe in der Frühlingsnacht.

Es muß das Wort, das dichterische, geben
sein Blut Gespenstern, Nornen alt und grau,
bis aus der Angst es sanfte Blicke heben,
zu öffnen seinen Blütenkelch dem Tau.

Verglüht der Mond, fühl, Dichter, Rosenatem,
den Duft des Worts, der Goethe trug zu Hatem.

 

Dez 14 23

Endymion

Ein Quietschen kam des Nachts von fernen Gleisen,
das Krankenzimmer war von Wehmut blind,
du wolltest, Dichter, heim gen Auen reisen,
wo Verse Tau auf blassen Blüten sind.

Am Fenster klebten trüben Sehnens Flocken,
und auf den Gängen schlich die Atemnot,
dir war. du könntest ihn mit Liedern locken,
sie zu begleiten, Meistergeiger Tod.

Da schüttelte aufs Kissen dir Selene
den Schnee des Schlafes, hellen Duftes Mohn,
und bot dir ihrer Lende weiche Lehne,
zu bergen dich wie einst Endymion.

O einzuschlafen unter Liebesblicken,
die uns in dunkelblaue Nacht entrücken.

 

Dez 13 23

O rinne hernieder

Uns locken nicht Krümel vom Tische des Herrn,
der Grind der Hände, die danach tasten,
hat uns bewogen, lächelnd zu fasten –
uns nähre mit lieblichen Funken der Stern.

Wir dehnen die Seufzer, die Küsse uns nicht
mit Kerzen, die sich knisternd verzehren,
mit Schatten, die helle Fühlung verwehren –
uns stille der Lilie schneeiges Licht.

Aus Falten der Nacht geschüttelt, Kristall,
geschliffen von seraphischen Blicken,
mag kindliche Herzen entzücken,
uns rolle hin Reimes schwach schimmernder Ball.

Und flossen uns Sommernachtlüfte so lau,
da wir am offenen Fenster gestanden,
nun liegen gekrümmt wir in frostigen Banden –
o rinne hernieder und töne uns, Tau.

 

Dez 12 23

Fühl die Schwingung

Fühl die Schwingung in der Dunkelheit,
Saiten, die wie Nerven wissen,
ob du ganz bist, ob zerrissen,
grün dein Pfad noch oder weiß verschneit.

Taste in erhabener Schrift Gesicht
leises Lächeln des Erkennens,
Tränen eines dunklen Brennens,
lächle selbst, nein, weinen mußt du nicht.

Schau auf eines Meisters Landschaftsbild,
wie die stillen Lauben beben,
tote Tupfer leuchten, leben,
geh zum blauen Grunde, lausch, er quillt.

Doch die Stadt, der Lärm, sie machen roh,
Masken sind, doch nicht zu lesen,
Wort verhallt, wie nie gewesen,
treuen Blicks ein Hündlein nur stimmt froh.

 

Dez 11 23

Der Strahl der Einung

Fern fühl ich es, fühle das Beben,
schon zittert des Horizonts Lid.
Daß wieder der Strahl von mir flieht,
die Schale der Nacht soll ich heben.

Muß bitteren Tau ich auch saugen,
wie blind von den Tropfen des Traums,
im rauschenden Blattwerk des Baums
sind Augen, die glühen, sind Augen.

Es heißen mich Schatten, zu steigen
auf Hügel, wo rein es entspringt,
ein Wasser, o Wasser, das singt,
was Tage und Werke verschweigen.

Doch kann ich die Hände nicht falten,
zu schöpfen den tauigen Glanz,
so sink ich, nicht halb und nicht ganz,
hinab zu den Zwittergestalten.

Kann aber kein Traum mich mir einen,
zerschlag ich die Schale der Nacht.
Strahl ist’s, was mich zu mir gebracht,
ihn laß ich, ihn lasse ich scheinen.

 

Dez 10 23

Die Enterbten

Stamm, der im Bild sich verklärt,
bleckende Maske aus Haut
und dem Gehörn eines Gotts,
tanzend den Tänzer in Trance.

Volk, das sich adelt im Lied,
Linien voll Anmut sich ritzt
auf seines Festtages Kelch,
von der Legende umkränzt.

Reich, das die Krone dem Haupt
seines Gesalbten gewährt,
aber der Dichter, er hüllt
ihn in die Aura des Sangs.

All das ist ihnen verhaßt,
Antlitz des Daseins, Gestalt.
Suizidal ist ihr Wunsch,
unterzugehen im Schlamm.

Vulgarität ist das Maß,
und die Nuance, der Duft,
wehend aus südlicher Nacht,
welkt am Gestank ihres Munds.

Grau ist Enterbten, was blüht,
Asche streut über das Feld,
wem alle Keime verdarb
Fäulnis des wissenden Marks.

 

Dez 9 23

Von letzten Dingen

Wieder und wieder gelallt,
nistet ins Ohr sich der Trug,
krakenweich tastend ans Herz,
das nicht mehr singt, sondern schmatzt.

*

Todes obszöne Monstranz,
mondbleich gereckt überm Schlaf
wogender Seelen am Strand,
wo schon Leviathan schäumt.

*

Wenn die Posaune erschallt
und sich die Grabplatte hebt,
klappern Gerippe auch rings,
bleib stur ich liegen allein.

Will sie nicht sehen aufs neu,
die mir das Leben vergällt,
Fluch auf den weibischen Gott,
der mir und ihnen vergibt.

Will auch nicht hören den Chor,
auf Esperanto am End,
das mich mein Lebtag gequält,
singen das Schillersche Lied.

*

Wie sie grotesk schwappt und schwankt,
auf trüber Flut von Geschwätz,
Blume des Munds, Celluloid,
Hölderlins Zunge, gepierct.

*
Paula, so nennt sich nun Paul,
baumelt ihr auch der Schwanz.
Schindet er sich einen Schlitz,
gilt’s nun für lesbischen Scherz.

*

Volk, ein Gespinst, das man reißt
gleich einem Schleier vom Aug,
und was sie sehen, ist nichts
als das gesichtslose Fleisch.

*

Heimatlos wurde das Wort,
ein Eremit, der nun schweigt
vor einem schweigenden Meer,
unter der sternlosen Nacht.

 

Dez 8 23

Fäulnisschimmer

Stefan George zum Gedächtnis

 

Wer je die Flamme umschritt
Bleibe der Flamme Trabant!

Stefan George, Der Stern des Bundes

 

Was uns geleuchtet zur Nacht,
schien hoher Ankunft Gestirn,
doch nur ein blinder Komet
hat sich ins Leere versprüht.

Sonne und jeglicher Stern
gaukelnde Funken des Nichts,
wir, ein schmarotzend Gewürm,
das seinen Ursprung zernagt.

Was einst geflammt in der Schrift,
Zeichen von Purpur und Gold,
schabte wie Talmi uns ab
schartiges Messer Verstand.

Schatten im Lichtlaub des Tags
ward uns die Rose Gespinst,
hechelnde Zungen der Nacht
ätzt uns traumwölkender Kalk.

Quelle, die dichterisch sang,
leuchtende Blüten genährt,
hat uns verschüttet der Wahn,
edenwärts führe Asphalt.

Hauchen wir tauigem Glanz
Seufzer, ersterbende, nach,
hat schiefen Mundes ein Mensch
zitternde Veilchen bespuckt.

Weist uns ein Flackern den Ort,
schlagen durchs Holz wir den Pfad,
ist es der Fahrenden Fest,
Tanz, der den Tänzer entgrenzt.

Moira verbog uns den Kreis,
Fliehkräfte schmerzten im Mark,
da auch die Mitte geschwankt,
trübte die Flamme schon Rauch.

Irrend in sternloser Nacht,
gönnt uns noch Fäulnis ein Licht,
wie über Gräbern es schwelt,
löschte die Kerzen der Wind.

 

Dez 7 23

Traum ist, was wir singen

Wie sich Wolken ballen,
wollen wir uns binden,
lichte Tropfen fallen,
wieder uns entwinden.

In den Rosenhängen
mag uns Duft verwirren,
in den Laubengängen
falber Falter Schwirren.

Schlaf ist, was wir sagen,
Schnee auf fernen Matten,
Wasser, die uns tragen
zu den blauen Schatten.

Rätseldichte Ranken
wogen wir im Winde,
miteinander schwanken
macht das Leid uns linde.

Traum ist, was wir singen,
Tau für wunde Seelen,
Tanz von Schmetterlingen
über Asphodelen.

 

Dez 6 23

Die Entrückte

Erst war es nur ein helles Splittern,
als wär zerbrochen ihr das Glas.
Ihr dürrer Leib begann zu zittern,
da stand’s, beim Buch, worin sie las.

Bald mochte sie auch nicht mehr lesen,
der Zeichen Sinn ward ihr entstellt,
als wär ein Teppich er gewesen,
der wirr in bunten Zwirn zerfällt.

Sie sah im Spiegel eine Fremde,
die unverschämt sie angegrinst,
und schlüpfend aus dem Rüschenhemde
verblich ihr Schimmer, ein Gespinst.

Dann kam Herr Niemand sie besuchen,
ein wulstig-braunes Pansgesicht,
er bringe Muttern Erdbeerkuchen,
doch seinen Namen wußt sie nicht.

Am Morgen hat die sanfte Kleine
mit warmem Brei sie vollgestopft.
Im Dunkel schien ihr, einer weine,
und Tränen sind ihr hell getropft.

Noch einmal stand das Fenster offen,
noch einmal war die Nachtluft mild.
Man hat sie fiebernd angetroffen,
halb in ihr Hochzeitskleid gehüllt.

Die Kerzen waren angezündet,
ins Auge drang noch Feuchte ein.
Es war, als ob ein Schluchzen mündet
in einen kleinen weißen Schrein.

 

Dez 5 23

Der verschüttete Born

Es war das Flackern der geweihten Kerze,
was uns die Schatten lieh zu hohem Spiel,
es war das Glühen aus geheimem Schmerze,
was wach uns hielt unendlich fernem Ziel.

Nach jeder Biegung glänzen frische Wasser,
an müder Stirne pocht der Sonnentag,
und scheinen unterm Mond die Blumen blasser,
glüht schon im Morgenrot der Rosenhag.

Sinkt auch das Abschiedswort von eigner Schwere
wie volle Knospe auf die Schwelle hin,
das Schweigen tut sich auf, die blaue Leere,
wo Zeichen wölken, stumm von Anbeginn.

Die einen lassen sich von Wellen treiben
und greifen Schäume noch im Untergang,
die anderen hören hinter trüben Scheiben
der Scheite Zischen und den Zeisigsang.

Wir haben uns geneigt bemoostem Borne,
ob ihm ein blaues Rauschen noch entstieg,
wir dünkten uns dem Preisgesang Erkorne,
das Herz der grauen Gaia aber schwieg
.

 

Dez 4 23

Das Flackern

Ein Efeugerank war mein Wort,
hat sinnig die Mauer begrünt,
hat purpurn das Moos überzackt –
nun weht es, weht zweifelnd es fort.

Ein leuchtendes Wort war dein Blick,
hat treulich das Dunkel erhellt,
das Rätsel im Reim mir gelöst –
nun weicht er, weicht schweigend zurück.

Ein Silbergeflock war mein Wort,
hat Schneelicht in Verse geweht,
ein Glanz, der die Nacht überhöht –
nun schmilzt es, schmilzt blassend es fort.

Voll gütiger Glut war dein Blick,
zu tauen die Angst aus dem Eis,
zu wärmen den frostigen Vers –
wie halt ich sein Flackern, sein Flackern zurück?

 

Dez 3 23

In der Früh

Die Mähre hab ich noch gehört,
Geklapper schwer und müder Hufe,
vom Leben noch nicht ganz verstört,
sang leis ich auf bemooster Stufe.

Das dunkle Muhen in der Früh
hat aus dem Traume mich gerissen,
ich fror und fühlte warm das Vieh,
gefleckten Fells schwoll mir das Kissen.

Und himmelblau war das Geläut,
mich hat der Hymnen Gischt getragen,
gleich einem Boot, das unvertäut
getrieben wird aufs Meer der Sagen.

Dann hob der Rhythmus fremder Zungen
das mütterliche Wort hinan
in eine Apsis, lichtdurchdrungen,
sein Kelch ward schmerzlich aufgetan.

Ein Rosengarten hat den Knaben
ins Dickicht seines Dufts gelockt,
ich sog den Wohllaut mir aus Waben,
schwieg vor der Tafel, dumpf, verstockt.

Bis jener rann auf weißen Lenden
die Milch des Monds aus schwarzem Laub,
ein Klatschen traf aus heißen Händen,
ein zartes Bild zerfiel zu Staub.

 

Dez 2 23

Der Atemlose

Da wir den Uferpfad gegangen,
wie war das Wasser blau.
Nun hab ich weiter kein Verlangen
als nach dem blassen Tau.

Du hattest vor dich hin gesungen,
ein Lied, so kindlich-schlicht.
Ich hab die Dunkelheit gewrungen,
Lichttöne tropften nicht.

Du ließest auf dem Wasser treiben
die Knospe, rot wie Blut.
Daß keins beim andern könne bleiben,
sprach mir die graue Flut.

Und als auf weichem Moos wir lagen,
war feuchter Glanz dein Blick.
Nun wirft ein Dunst auf leeren Tagen
ins Zwielicht mich zurück.

Der Mandelkern schien sich zu süßen,
mein Nein schmolz in dein Ja.
Wie muß den Trug ich bitter büßen,
nur zweie sind sich nah.

Dich hat das Wort, die scheue Rose,
in seinen Hauch gehüllt.
Ich aber blieb, der Atemlose,
vom Wohlduft ungestillt.

 

Dez 1 23

Das Singen der Sirenen

Die Muschel hat sie ausgespien, die Welle
bald kehrt sie, reißt den Kelch von Perlmutt mit,
die Träne aber, die ins Dunkel glitt,
steigt mit dem Mond, der Liebe Tau, ins Helle.

Ermannter Geist hat ausgewischt die Bilder,
die einst sein Ahne sah im Sternenschaum,
verlassne Liebe webt nächtlichem Saum
Traumrosen, ihre Dornen stechen milder.

Dem Meister schien die Münze Wort entwertet,
matt vom Gebrauch, das Sinnbild abgeschabt,
sie umzuschmelzen hat ihn Gott begabt
mit Feuergeist und Tau der Nacht, der härtet.

Dir bleibt, an Charons Kniee dich zu lehnen,
am Rand der Welt, horch, singen die Sirenen.

 

Nov 30 23

Über Traumes Sund

Wir setzten uns auf eine Bank,
als fänden wir im Irrsal Rast,
der Geist blieb kalt, das Fühlen schwank,
hat Hand auch heiß die Hand umfaßt.

Wir beugten uns hinab zum Teich,
das Wasser spiegelte uns mild,
da fiel ein Flaum schneeblütenbleich,
und in dein Bild zerrann mein Bild.

Wir legten uns aufs weiche Moos,
als habe Ich am Du genug,
doch ließ die Urangst keines los,
wie wild uns Herz ans Herz auch schlug.

Im Schilf des Dämmers lag das Boot,
wir trieben über Traumes Sund,
als quille Licht im Liebestod,
stieg Venus aus dem blauen Grund.

 

Nov 29 23

Der zerbrochene Kelch

Gleich einer Muschel, Gastgeschenk der Welle,
als kaum das Meer verebbt, die fromme Flut,
glänzt auf des Waldes Höhe die Kapelle,
ein Mondstein, der im dunklen Moose ruht.

Wir stiegen oft, das holde Bild zu schauen,
das Lächeln, das sich Liliendüften neigt,
den Knaben, sanft gewiegt vom Samt, dem blauen,
den Stern der Nacht, wenn Tag und Abgrund schweigt.

Nun meiden wir den Zufluchtsort, wie Waisen,
die aus dem Vaterhause man vertrieb.
Wer will vom Ödland in die Wüste reisen,
nach Lilien schauen, wo nur Asche blieb?

Der Ungeist hat das Bild des Heils geschändet,
zerbrochen liegt der Kelch, der es gespendet.

 

Nov 28 23

Legende von der armen Magd

O Dichter, schließ ins Herz sie ein,
die auf der sanften Schulter trug,
den sie dir aufgefüllt, den Krug,
mit einem Wasser demutrein.

Sie war nur eine arme Magd,
ihr Schlaf umknistert hell von Stroh,
ihr Blick aus dunklem Indigo
hat keiner Bitte sich versagt.

Sie schürte aus der Asche Glut,
leis summend buk sie keusches Brot,
und ihre Hand vom Wringen rot
war rauhem Fell der Tiere gut.

Sie hat die Jungfrau still verehrt,
in der Kapelle lang gekniet,
daß sie des Knechtes Blick vermied,
verschleiert bang, was er begehrt.

Sie hat aus Kräutern auch gebraut
den Trank, der kranke Seelen heilt,
sie wußte, wie man Knöchlein feilt
und Mark von schwarzen Wurzeln kaut.

Da hat der Dämon wild gelacht,
die Haut befleckt mit braunem Tau
dem Knecht, dem Bauern und der Frau,
die rein blieb, schwor man, hat’s vollbracht.

Als schon die Flammen sie umloht,
hat man den Schrei gehört, den Schrei,
„O Jungfrau, Magd du, steh mir bei,
nur eine Träne meiner Not!“

Wo ihre Asche hingestreut,
ein klares Wasser bald entsprang,
das wundersam der Seele sang,
die ihre Schuld bereut.

Birg, Dichter, sie in Liedes Schrein,
die auf der sanften Schulter trug,
den sie dir aufgefüllt, den Krug,
mit einem Wasser, demutrein.

 

Nov 27 23

Das Fabeltier

Du Quelle, die ich fühlte nah,
da ich im Wachtraum waldwärts ging,
du dunkler Duft, der mich umfing,
seid ihr noch da?

Gleich Säulen ragten auf die Buchen,
die Tritte dämpften Moos und Gras,
ich ging, das Fabeltier zu suchen,
von dem der Knabe wunders las.

Und zwischen Bangen und Frohlocken
schritt ich auf stiller Pfade Grün,
da wurden mir die Lippen trocken,
zur Quelle beugte ich mich hin.

„Ich will dir nur Erquickung bringen“,
hat mir geraunt der Wasserschwall,
„auf daß du mögest heller singen
als mondbetört die Nachtigall.“

Bald knöpfte Wind mir auf die Bluse,
und dunklen Dufts beschwor mich Mohn,
zu summen vor mich hin, die Muse,
ins Haar griff sie mir neckisch schon.

Da zog’s mich wieder in das Dunkel,
ob noch das Wunder mir gescheh,
es traf mich schwarzen Augs Gefunkel,
in Traumes Dickicht stand das Reh.

„Du holder Knabe“, hört ich’s sagen,
such länger nicht, eratme hier,
du mußt nach fernem Sinn nicht jagen,
du selber bist das Fabeltier.“

Da hab ich eingeatmet Süße,
des Waldes Harz und goldenen Schlaf,
daß meinem Mund das Lied entfließe,
wie ich im Traum mich selber traf.

Du Quelle, die ich fühlte nah,
da ich im Wachtraum waldwärts ging,
du dunkler Duft, der mich umfing,
seid ihr noch da?

 

Nov 26 23

Der Wein der Dichtung

Der Glutorange Sonnenpracht,
die dumpfes Brüten, das verhockte,
ins Gartendämmerdickicht lockte,
fault nun in kalter Erde Nacht.

Die Feldmaus hört mit feinem Ohr
des glänzend-fetten Wurmes Schmatzen,
und grauste ihr nicht vor den Tatzen,
hätt sie die Frucht geschleckt zuvor.

Die Amsel hat den Wonneton
kaum in das Zwielicht ausgesendet,
scheint auch des Lebens Kreis vollendet,
der Wurm zuckt ihr im Schnabel schon.

Wenn Leben sich von Leben nährt,
magst, Dichter, du den Durst uns stillen,
den Wein in blaue Krüge füllen,
der lang im Herzverlies gegärt.

Wir trinken ihn im Abendrot,
das durch der Verse Dämmer leuchtet,
bis uns ihr Bild die Augen feuchtet,
die Liebe, die wir wähnten tot.

Und sehen wir, efeuumkränzt,
den Mond in Liedes Schilfe sinken,
gib uns den herben Most zu trinken,
daß uns der Strom der Heimat glänzt.

 

Nov 25 23

Matthew Arnold, Shakespeare

Others abide our question. Thou art free.
We ask and ask – Thou smilest and art still,
Out-topping knowledge. For the loftiest hill,
Who to the stars uncrowns his majesty,

Planting his steadfast footsteps in the sea,
Making the heaven of heavens his dwelling-place,
Spares but the cloudy border of his base
To the foil’d searching of mortality;

And thou, who didst the stars and sunbeams know,
Self-school’d, self-scann’d, self-honour’d, self-secure,
Didst tread on earth unguess’d at. – Better so!

All pains the immortal spirit must endure,
All weakness which impairs, all griefs which bow,
Find their sole speech in that victorious brow.

 

Shakespeare

Andre erstarren, wenn wir fragen, du schwebst schon in Fernen.
wir fragen, wir fragen – du sendest dein Lächeln, dein Schweigen
vom Gipfel des Wissens. Wie den höchsten ersteigen,
da seinen funkelnden Schnee er entblößt nur den Sternen,

den Fuß unverrückbar ins Meer darf er stemmen,
auf daß die Himmlischen auf seinen Graten hinschreiten,
läßt er Wolkenschleier in die Talgründe gleiten,
der Todverfallenen herzblindes Spähen zu hemmen.

Auch dir war es vergönnt, Stern und Strahlung zu fühlen,
dein eigener Lehrer, eigenen Ruhms Herr und Meister,
bahntest du Pfade zu ungeahntesten Zielen.

Alle Qualen, die sie erdulden, die göttlichen Geister,
alle zehrende Schwäche, alle drückende Trauer
zeigt klar die Schrift der Stirn, der hehren Mauer.

 



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