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Aug 7 21

Lucius Annaeus Seneca, Epigrammata I

Omnia tempus edax depascitur, omnia carpit,
omnia sede movet, nil sinit esse diu.
Flumina deficiunt, profugum mare litora siccant,
subsidunt montes et juga celsa ruunt.
Quid tam parva loquor? moles pulcherrima caeli
ardebit flammis tota repente suis.
Omnia mors poscit. Lex est, non poena, perire:
hic aliquo mundus tempore nullus erit.

 

Alles rupft der Zahn der Zeit, alles zermalmt sie,
alles stürzt sie vom Thron, keines läßt sie in Ruh.
Flüsse verrinnen, Meere versanden, Küsten vertrocknen,
Ebene wird das Gebirg, ragender Gipfel bricht ein.
Was nur von Kleinem reden? Der Wunderbau dieses Himmels
wird mit einem Mal gänzlich von Flammen verzehrt.
Alles fordert der Tod, vergehn ist Gesetz, keine Strafe,
ihre Stunde, sie kommt: Pracht dieser Welt wird zu nichts.

 

Aug 6 21

Der Schatten spricht

Ein Schatten schwebe ich wie Moos an Mauern,
an dem der Tauglanz abends niederrinnt
und dem die Nacht nur kaltes Seufzen gönnt.

Ein Blatt glitt ich von einem faulen Stengel
in eines Pfuhles odemloses Graun,
ich löse mich in blinder Würmer Schmatzen.

Ein Rätselwort bin ich auf fremder Zunge,
ein Kern unschmelzbar einer Bitterfrucht,
spuckt man mit einem Fluch mich wieder aus.

Ein Nest des Mondes liege ich voll Schlangen,
ich habe nichts als Zischen nach dem Schaum,
der purpurn von den Strahlenfingern tropft.

Ein Nagel fiel ich rostig von dem Balken,
woran umsonst des Heiles Inschrift hing,
sie fiel mit mir zum Staube, der nicht liest.

Ich bin die nackte Puppe tränenlos,
das Kind, enttäuscht, da ich gewiegt nicht schluchzte,
ließ in der Kammer Spinnen mich umweben.

Ich flocht ein Dichter mir den Lilienkranz,
doch rührte Wehmut auf sein Duft und Schimmer,
so muß verbannt im dunklen Turm ich hausen.

 

Aug 5 21

Advocatus Diaboli

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Von den hohen Quellen des Christentums verbleiben in den dürftigen Rinnsalen der Kirchen nur sentimentale Dummheiten und den Vulgus betörende Lügen.

Im Begriff der Gnade liegt die hierarchische und antiegalitäre Wahrheit unverdienter Erhöhung und übermäßiger Erniedrigung.

Wenn entgegen der Rede des Paulus hysterische und moralisch übererregte Frauen in der Kirche das Sagen haben, ist sie untergegangen – also ist sie untergegangen.

Die Dogmen der frühen Kirche, also die entscheidenden, sind ein Amalgam von Platonismus und Offenbarungsglauben, daher ist ihr Wert auf den schwachen Kurs blasser Symbolik gesunken, nachdem sich der platonische Wesensbegriff als Chimäre entpuppt hat.

Die sentimentale Dummheit und Verlogenheit in der Annahme einer moralischen Überlegenheit der Armen.

Der erhabenste, würdigste und ästhetisch vollkommenste Ausdruck von Frömmigkeit, die lateinische Messe, wurde von aufgeklärten Schwachköpfen und künstlerischen Banausen geschmäht, an den Rand gedrängt und verworfen.

Der süße Kitsch und schlüpfrige Brei moralisierter Verkündigung ist der Honigtopf der unbeschnittenen Herzen, in den der Teufel nur allzu gern die behaarte Pfote steckt.

Die Vergötzung des Armen, des Fremden, des Anderen ist das masochistische Residuum der Religion der Nächstenliebe.

Die kulturelle Elite des heidnischen Rom ließ sich spätestens seit Konstantin taufen; daher der ungeheure Reichtum des alteuropäischen Christentums an Gelehrsamkeit, Dichtung und Philosophie.

Vom Protestantismus bleibt nur eine innerlich hohle intellektuelle Anmaßung.

Welche Kraft der Bilder von Himmel und Hölle bei Dante; von der Hölle wollen sie gar nichts mehr wissen oder verwechseln sie mit apokalyptischen Visionen des Untergangs, und ihr Himmel besteht aus den rosa Wölkchen einer philiströsen Sonntagspredigt, die heitere Schatten werfen, anders als jene, die Schauer der Bangigkeit hervorrufen, Wolken des Gerichts.

Für Luther war der Kern des evangelischen Lebens die klassische Ehe und Familie, wo gebetet und gearbeitet, gezeugt und gesungen wurde, wie er es der Gemeinde selbst vorgelebt hat; heute schmähen seine vorgeblichen Erben die alttestamentliche Bündnistreue in der Monogamie von Mann und Frau und zerbrechen sich die Zunge in einer grotesken Gender-Rhetorik.

Das auf dem Testament der Juden fußende Christentum schließt jedes neuheidnische Bekenntnis zum Feminismus und Sozialismus oder zur Utopie arianisch-selbstermächtigter Welterlösung aus.

Uns bleiben die alten Riten, die den schwachen Geist sich unter die Fittiche des Überwirklichen flüchten und bergen lassen, uns bleiben die grandiosen ambrosianischen Hymnen und die schlichten Kirchenlieder, der transzendente Goldgrund der Ikonen und der mittelalterlichen Malerei, das Geheimnis der Rosen und Lilien im Hortus conclusus, die geistlich inspirierten Bilder der Renaissance, die wuchtigen romanischen und die lichttrunkenen gotischen Dome, die sublime und expressive Plastik der Portale, Säulen und Nischen, uns bleiben die Gralsepik und die Legenda aurea, uns bleiben Missale Romanum, Requiem, Choral und Kantate, Palästrina, Desprez, Bach, Händel, Mozart, Mendelssohn und Schubert, um nur diese zu nennen, aber auch die Sinfonien Bruckners oder die Werke Messiaens, die in uns den tieferen Sinn des Christentums wachzuhalten vermögen.

Was wäre Proust ohne die gotische Kathedrale, ohne Saint-Denis und Chartres?

Was wäre Baudelaire ohne den paradoxen Trost der Dämonie, was seine Blumen ohne die Disteln des Advocatus Diaboli?

Noch in den Pastoralen und Idyllen des Rokokos oder seiner ironisch gebrochenen Wiederkehr bei Verlaine weht der Geist der Prophetie von der goldenen Abendstille der Natur.

Ist es auch eine Illusion, wir verdanken ihr sublimste Werke.

Aus der Lehre Wittgensteins vom Sagen und Zeigen, vom Sagen und Schweigen spricht nicht nur die herrische Stimme der formal gereinigten Logik, sondern auch die leise der christlichen Mystik.

Freilich muß man sich krank wissen, um nach dem Heil zu verlangen, fast verloren gegeben haben, um nach dem Retter zu rufen.

Wären die Gimpel und Scharlatane der evangelischen Akademien im Recht, die statt um die Erlösung vom Bösen zu beten Bonbons emanzipatorischer Erfrischung reichen, wäre die Bergpredigt ein Programm für moralische Extremisten und theologische Nihilisten.

Die historische Größe des Christentums rührte von der Verschmelzung eines hochsinnigen aristokratischen Ethos mit dem Sinn für das Heilige und Numinose, das sich nicht nur im Glanz der Throne widerzuspiegeln vermag, sondern auch in der unscheinbaren Anmut und zarten Gebrechlichkeit der Alltagsdinge.

Zeichen, Gesten und Taten der Hingabe, Demut, Liebe, sie können nicht befohlen, nicht einmal angeraten werden, sondern müssen sich zeigen, sich ereignen.

Den faden Geschmack der Leere und Langeweile in der Neige des Lebenskelches empfinden nur, wie Pascal, Baudelaire, Mallarmé oder Verlaine, denen wenn auch noch so flüchtig ein Vorgeschmack seliger Erfüllung vergönnt war.

Die der numinosen Dämmerung des stillen Gebets vor der ewigen Lampe den grellen Aufschrei der Gasse vorziehen, sind die Philister der Aktualität und die Pharisäer der Versöhnung durch Geschwätz.

Die neuen Gnostiker suchen mit der Wünschelrute einer höheren Moral nach Wasseradern unter dem grauen Asphalt, den sie selbst über den moosigen Grund der Empfindsamkeit und Empfänglichkeit ausgebreitet haben.

Die Lauten im Lande scheuen die Stille und Einsamkeit des pascalschen Raumes, weil ihnen dort dämonische Spiegel die eigenen Fratzen zeigen könnten.

Die Kapelle am Waldessaum ist verwaist und verfallen; das schlichte barocke Gnadenbild, das einst den Weihrauch der Hymnen und die Lilien der Andacht und Verehrung lächelnd entgegennahm, steht beschmutzt und rissig neben Kerzenhaltern, Vasen, Spaten, Reschen und Gerümpel in einer Seitennische, in die das Zwielicht einer nicht enden wollenden Abenddämmerung fällt.

Ein Volk ohne Mythos ist wie ein Drama ohne Peripetie, Wende des Schicksals, an der ein Göttliches sich zeigt.

Ein Hölderlin sänge keine Hymne mehr auf den Rhein oder den Ister, sondern eine Nänie auf die im Geschwätz versandeten Ufer Babylons.

An der Unruhe des Blicks und dem Stammeln der Zunge ermessen wir die Abwesenheit Gottes, die den Dichter keinen Halt am speckigen Glanz oder der grauen Leere der Bilder finden läßt, an der sich philiströse Saturiertheit und konformistische Avantgarde ergötzen.

Der die Ferne fühlt, der Dichter ist mit jenen nicht verwandt, die sich in den parfümierten Kissen oder dem fäulnisbunten Laub der Gegenwart wälzen.

Er steht in der Angst der Welt, der Nacht, die am hellen Mittag wie ein Grabtuch das Gesicht der Dinge verhüllt.

Hoffnung wird jenem, dem der Stern der Weisen erloschen ist, nicht, auch nicht im dichterisch noch so vollendeten Ausdruck der Hoffnungslosigkeit.

 

Aug 4 21

Der Schauer

Ein Schauer geht durch Blatt und Gras,
der Ruf der Nachtigall verstummt,
das alte Zwielicht aber summt,
verwunschen wie ein Mund aus Glas.

Ein Fetzen liegt im Uferschlick,
voll Krakeln einer Mädchenhand,
daß sie der Liebe Stern nicht fand,
daß dunkel blieb der Liebe Blick.

Ist keiner kommen, der es las,
sie sank wie eine Muschel leer,
sie tauchte ohne Wiederkehr.
Ein Schauer geht durch Blatt und Gras.

 

Aug 3 21

Verwaiste Kapelle am Rhein

Die lieblich winkte eurem Maiengang,
wie eine Muschel weiß auf grüner Schwelle,
sie ist ergraut, verwaist, die Waldkapelle,
verweht der träumerische Glockenklang.

Der ihr die Veilchen, Lilien habt gebracht,
Madonna mit dem Kind auf holden Armen,
so strahlt ihr Lächeln keinem mehr Erbarmen,
so wurde heller Mittag Mitternacht.

Geweihter Rauch, der euren trunknen Psalm
ins blaue Überwirkliche getragen,
geweihter Wein, zu stillen fromme Klagen,
sind worden fade Neige, stummer Qualm.

Vor der Ruine brütet träg ein Sumpf,
der Quelle Blumenmund hat ausgesungen,
der kühle Trunk der heißen Wanderungen,
das Lied zerrann in Schluchzen, wild und dumpf.

 

Aug 2 21

Bojen über Untiefen

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Der Fäulnisschimmer der politisch-moralisch korrekten Weltanschauung über dem Totenanger der Kultur.

Der Kot der Trivialität am Kothurn erhabener Phrase.

Der Wasserspiegel der moralischen Erregung steigt ihnen sogar, wenn die Eisberge der Stupidität schmelzen.

Wörter wie „Dame“, „gnädige Frau“, „Knabe“, „Mädchen“, „Magd des Herrn“ oder „Schicksal“ und „Gnade“ wurden ihnen infolge einer pathologischen Verödung im Sprachzentrum unaussprechlich.

Objektivität und Subjektivität, Welt und Sprache sind korrelative Begriffe. Tropfen fallen, Flocken wirbeln, doch nur wir stellen fest, daß es regnet, daß es schneit; jemandes Gesichtsmuskulatur kommt in Bewegung, doch nur wir bemerken, daß er lächelt. Eine Hand stößt ein Messer in eines Menschen Rücken, doch nur wir fällen das richtige Urteil, daß einer einen Mord begangen hat, denn wir sehen nicht nur den objektiven Bewegungsablauf, sondern legen auch unsere Meßskala, unser Muster, unseren Kriterienkatalog von Handlungsmerkmalen, Motiven und Absichten an ihn an.

Was wir anhand unserer Farbskala treffend und korrekt mit einem Farbnamen bezeichnen, existiert objektiv als Spektrum von Lichtwellenfrequenzen, aber nicht als Farbe.

Entgegen landläufiger Auffassung schränkt die Subjektivität unseres Sehens, Bemerkens und Sprechens nicht die Objektivität der Wahrnehmung und Erkenntnis ein, im Gegenteil, sie ist allererst die Voraussetzung dafür, daß sie zur Geltung kommen kann.

Nur ein Urteil, das wir uns subjektiv, aber syntaktisch korrekt und semantisch möglichst vollständig, gebildet haben, können wir anhand objektiver Maßstäbe bestätigen oder verwerfen. Außerhalb des sprachlichen Rahmens dieser methodisch kontrollierten Handlungen von Bestätigung oder Verwerfung ist die Rede von Objektivität sinnlos; doch die Tatsache, daß nur sprachliche Subjekte wie wir uns Urteile bilden können, schmälert nicht die Kraft ihrer objektiven Geltung.

Daß vielerorts Dummköpfe und jedenfalls klassischer Bildung Ermangelnde die Fäden der Macht und die Hebel der Entscheidung in Händen halten, weist darauf, daß Intelligenz, geschweige denn Bildung oder verfeinerte Geschmackskultur, kein auszeichnendes Selektionskriterium für solche Funktionen in solchen Kreisen darstellt.

Dumme Leute faseln von der Subjektivität aller Wahrnehmung, auch wenn sie wie die meisten und mit den meisten vor der roten Ampel sicherheitshalber innehalten.

Wir sind, was wir sind, und spielen nicht die Rolle derer, die wir zu sein vorgeben, es sei denn wir sind Betrüger, Scharlatane und Heiratsschwindler oder wirkliche Schauspieler auf der echten Bühne.

Die Frau, die den Säugling säugt, spielt nicht Mutter, der Mann, der seinen Sohn die Namen von Vögeln lehrt, spielt nicht Vater.

Freundschaft und Liebe zeigen ihr wahres Gesicht in der Stunde der Not, im Augenblick der Gefahr; sonst war es nur sentimentales Geschwätz.

Ist die Grenze allen Sehens und Sagens, was wir transzendentale Subjektivität nennen, muß auch die ihr korrelierende Objektivität transzendental genannt werden, denn sie ist die Grenze dessen, was wir beobachten und besprechen können.

Bojen, die sich aus der Verankerung gerissen haben, stellen selbst jene Gefahr dar, vor der sie warnen sollen.

Das Boot der Sprache bedarf des Tiefgangs und der offenen Strömung, aber auch der Sprachkritik, die Bojen befestigt, wo die Fahrrinne verschlammt und seicht geworden ist.

Von der katholischen Kirche bleibt nur ein süß-saures Lächeln beim heuchlerischen Versöhnungsgruß, von der evangelischen die grenzenlose Verlogenheit intellektueller Grenzüberschreiter.

Wer Patriot sein will, kann es schlecht, wenn sich ihm das Vaterland vor seinen Augen in eine Chimäre auflöst.

Das Wrack der Sprache versinkt im Sand einer Bucht ohne Namen.

Der größte Dramatiker und, nebenbei gesprochen, auch der größte Lyriker (wie seine Chorlyrik beweist) der Griechen, Sophokles, war ein hochsinniger Patriot, der als Ephebe den Sieg der Hellenen über die Perser bei Marathon besang, im Mannesalter die Kasse des attischen Seebundes unter der militärischen Führung seiner Heimatstadt Athen betreute und im Greisenalter einen Hochgesang auf den heiligen Hain der Eumeniden in seiner Geburtsprovinz Kolonos anstimmte. Ein deutscher Dichter, selbst dieses Formats, würde wegen seiner hochherzig bekundeten Vaterlandsliebe unter Generalverdacht gestellt, seine Dramen nicht länger aufgeführt werden.

Wird der Strom der Sprache seicht, weil die oberen Quellen und fruchtbaren Zuflüsse versiegen, wird er brackig aufgrund mangelnder Regenerationskraft, was fruchten da schon die paar Tropfen aus dem Tränenkrüglein einsamer Sprachpfleger?

Wir müssen uns mit Nuancen von Grautönen und Schattenranken des Zwielichts begnügen, wo das Mittelalter seinen transzendenten Goldgrund malte.

Mag sein, heute wirkt das maßvoll-erhabene Schreiten der griechischen Chöre starr, pompös und befremdlich, das artige Trippeln und Nicken der Tänzer des Barocks und Rokokos allzu zimperlich, manieriert und überzüchtet, der Schwanenfuß des klassischen Balletts allzu gespreizt und fast kränklich; indes, was all dies ablöste, dies Zucken und Strampeln, dies Flüchten und Klumpen, dies exaltierte pseudoexpressive Getue auf schweißbenäßten Bühnenbrettern ist uns nichts weniger als ein beredter Ausdruck des ästhetischen und geistigen Niedergangs.

Nur ein vernagelter Kopf konnte von der Erweiterung des Kunstbegriffs faseln; nur einer, der sich um die Tatsache herummogelte, daß große Kunst für die wenigen und seltenen da ist, von der sozialen Plastik.

Als könnte man die Regeln des Anstands und die Fesseln gegenseitiger Verpflichtung in einem Maße erweitern und lockern, daß sie nunmehr auch Beleidigungen, Betrügereien und tätliche Übergriffe mit umfaßten.

Die gewöhnlichen Namen der Alltagssprache haben nicht die deskriptive Bedeutung, wie wir sie beispielsweise Namen einer physikalistischen Beschreibung zuordnen; wir meinen ja nicht ein gewisses Quantum von H2O, wenn wir von einem Teich oder einem Regenguß sprechen. Wir meinen aber auch nicht das Feuern gewisser Neuronen, wenn wir von jemandem sagen, er lächle oder mache einen tristen Eindruck.

Der physikalistisch erweiterbare Satz „Das Teichwasser wird von einer benachbarten Quelle gespeist“ und der mythopoetische, nicht weiter übersetzbare Satz „Das Teichwasser wird von einer Quellnymphe gespeist“ haben dieselbe syntaktische Struktur; doch dies darf uns nicht, wie die Autoren des Rationalismus und der Aufklärung, zu der Annahme verleiten, der Satz des Mythos stelle ähnlich wie der wissenschaftliche Satz eine Erklärung für ein Naturphänomen dar, jedoch mangels seriöser Forschung und rationaler Erkenntnis nur ein nichtinformatives Surrogat eines solchen.

 

Aug 1 21

Was uns bleibt

Der Duft des Sommers ist verbraucht,
die Knospe Schönheit will sich schließen,
ein Seufzen hat das Glas behaucht
mit Bildern, die ins Dunkel fließen.

Das Wort, das Wein aus Gnade ward,
ein kühler Trunk für heiße Qualen,
ist unterm Weltenlärm erstarrt,
ein Sediment in grauen Schalen.

Uns bleibt nur Warten auf den Frost,
der Blumen geisterhafte Ranken
an Fenstern, Gras im Schlaf gesproßt,
die duftlos blühen und nicht schwanken.

Uns bleiben Linnen, anmutweich,
die Zeitenschorf und Abraum hüllen,
ein Wehn von Flocken hymnengleich,
die uns die stummen Mulden füllen.

 

Jul 31 21

Der Entflohene

Nur wenigen sind Gnadengaben eigen,
wie in der hohen Zeit des Christentums,
sind sie auch kränklich, matt und weltverloren,
wie eine Blüte, die im Brachfeld zagt,
ist doch ein feiner goldner Staub gestreut
auf ihre blassen Lider, wenn sie träumen.
Wer hat den Blick, den Geist emporgehoben
weit über Abfallhalden wüster Zeit,
wenn auf dem Purpurgrat der Abendwolken
sie einen jähen Flügel blitzen sahn?
Nur Tiere wissen es und können glauben,
der Hund, der sich zu seinen Füßen schmiegt,
und auf der Schulter sitzt die Ringeltaube,
ins Ohr ihm gurrend von Verwunschenheit.
Bestallte Deuter mit zerlallten Zungen,
die Bitterkeit aus schalen Trauben pressen,
erklären ihn, der stumm, den Blick gesenkt,
vor ihnen bleibt, zu einem Menschheitsfeind,
der ihrer Sprache faule Frucht zertrat,
an Buchten fliehend seligen Entsagens,
wo tiefer ihm ein Meer, die Leere, rauscht
und höher steigt ein Stern in Jenseitsbläue.
Dorthin kehrt er zurück, wenn von den Schuhen
den Staub des Mitleids er geschüttelt hat.
Dort bricht die Waben er des süßen Schweigens,
den Honig, der von weißen Blüten stammt,
die unterm Monde des Erinnerns schneien.

 

Jul 30 21

Das Glück der Tränen

Das Paradies wird Hölle, Fülle Qual,
wenn mühelos wir reife Früchte pflücken,
als fette Maden schmatzen uns durchs Mahl,
gleich Parasiten auf der Erde Rücken.

Ein Glück, das unter Tränen nicht erglänzt,
ist wie das Unglück, das vom Schmerz Betäubte
kaum fühlen, Glück, vom Dunkel unumgrenzt,
ist wie Narcissus, der sich selbst bestäubte.

Brennt auf dem Pfad von Nesseln auch die Haut,
wir sehn in Dämmerzweigen Äpfel leuchten.
Der Brunnen, den wir seufzend aufgebaut,
wird sanftes Sanges dürre Tage feuchten.

 

Jul 29 21

Adel will nicht alles sagen

Hochsinn will sich nicht vermischen,
Dunst mit Dünsten nicht vermählen,
dulden kein vulgäres Zischen
in den Hymnen, den Chorälen.

Adel will nicht alles sagen,
was das Herz, die Sinne kitzelt,
gern des Grinsens sich entschlagen,
wenn Herr Phallus schamlos witzelt.

Sprüht den Trüben einzig Leben,
wenn sie Fell an Fell sich reiben,
mag er sich den Knospen geben,
die auf weichem Wasser treiben.

Hoheit wird verhöhnt, belächelt,
wie der Kelch, der einsam funkelt,
scheu sich öffnet erst, umfächelt
von den Schwärmern, wenn es dunkelt.

 

Jul 28 21

Schmutzig starrt die Asphaltlache

Dem Andenken an Oskar Loerke

Schmutzig starrt die Asphaltlache,
stumm beleckt von Schattenzungen,
Gras vergilbt im Dung der Brache,
Lied, du bist umsonst erklungen.

Umgestürzt die Blumenschale,
Hochsinn, der gefüllt sie hätte,
wurde klein mit einem Male,
Dichter, deine Grabesstätte.

Ausgesaugt von schwarzen Spinnen
muß der Balg im Leeren schwanken,
wo ins Dunkle Tropfen rinnen,
Dichter, deines Hauches Ranken.

In das weiche Moos der Erde
rammen sie die Eisenpflöcke,
und sie sinken hin, Entehrte,
Muse, deine Rosenstöcke.

 

Jul 27 21

Es lauscht das graue Leben

Wieso dort Schatten beben, Zweige schwanken?
Das Fenster öffne, hör den Wind.
Warum sich Knospen in die Höhe ranken,
begreifen, die im Lichte sind.

Es fühlt das frühe Leben Blut und Wärme,
hat weich ein Wort es angehaucht.
In kühle Bläue schreiben Vogelschwärme,
des Sommers Sänge sind verbraucht.

Wieso durch Dickicht wir zum Gipfel stiegen?
Zu sehen fern des Meeres Glanz.
Warum ins Unbekannte Pollen fliegen,
begreifen Liebende nur ganz.

Es lauscht das graue Leben Abschiedsweisen,
wenn weich ins Gras der Regen quillt.
Des Wassers Uferschilfe bilden Schneisen
dem Strahl, daß er sein Schluchzen stillt.

 

Jul 26 21

Schuld und Scham

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Der Beschämte versteckt sich.

Scham ist eine soziale Tugend, keine individuelle Neurose.

Freuds Psychologie krankt an der Vermischung oder Verwechslung von sozialen Schamgefühlen und neurotischen Schuldgefühlen.

Homer kennt die mit der höfischen Kultur einhergehenden Formen der sozialen Scham, das unsichtbare Gitter, an dem sich die Rituale der Höflichkeit wie das Willkommens- und Abschiedsritual, die Manieren beim Festgelage und Symposium oder die Zeremonien beim Opfer und der Totenbestattung emporranken.

Ein Verstoß gegen die rituellen Formen des Umgangs führt zum Gesichtsverlust, der eigentlichen Quelle der sozialen Scham.

Tragische Schuldgefühle entspringen der Unfähigkeit, was man dem anderen schuldet, aus eigener Kraft und eigenem Vermögen zu entgelten.

König Ödipus vermochte das Unheil, das aufgrund seiner Blutschuld der Pest gleich die Polis befallen hatte, aus eigener Kraft nicht zu tilgen; er bedurfte der Entsühnung durch den Gott.

Gesichts- und Ehrverlust kann den sozialen Tod zur Folge haben.

Der Beschämte verhüllt sein Gesicht, der ehrlos und gemein Gewordene stülpt sich grinsende Masken der Anteilnahme, des Wohlwollens und des Verständnisses über.

Das monströse Bild des puritanischen Glaubens, Gott bleibe nichts, nicht einmal die geheimste Regung und die intimste Geste, verborgen, und kein Mensch könne vor ihm sein Gesicht wahren, bedeutete den ersten Schritt zum Atheismus oder zur Gleichgültigkeit des modernen Nihilismus.

Die Psychologisierung der Sünde als autonome Form individueller Schuld war ein Schritt in Richtung der Säkularisierung religiöser Begriffe.

So degenerierten die Kirchen von Stätten ritueller Gnadenspenden zu psychologisch und sozial orientierten Therapiezentren, die sich von den weltlichen nur durch den Gebrauch einer unverständlich gewordenen Sakralsprache unterscheiden.

Eine romantisch überspitzte Lektüre Rousseaus vernebelte den Geist deutscher Dichtung bis zu ihren glänzendsten Gipfeln mit dem Irrglauben von der Unschuld einer idealisierten und vergöttlichten Natur, die für ihr durch Menschenwerk gestörtes Gleichgewicht mit Sintflut und Pestilenz, Chaos und Götterdämmerung Rache an dem schuldig Gewordenen nimmt.

Die Natur existiert jenseits der menschlichen Begriffe, aber der Mensch, den man den Triebkräften und Launen seiner Natur überläßt, ist nur roh, ungebildet und gefährlich.

Sinnbild einer einzig dem Menschen erreichbaren Harmonie sind weder die Wildnis tropischer Schreie noch der graue Asphalt totenstiller Hinterhöfe, sondern der sowohl nach botanischen als auch ästhetischen Prinzipien gehegte und gepflegte Garten, in dem weder Affen kreischen noch Motoren heulen, aber sinnig geführte Wasser milde von Schale zu Schale plätschern.

Die Handlungen und Sprechakte des Menschen enthüllen uns seine auf Kultürlichkeit angelegte Kreatürlichkeit.

Der Garten, der niemandem gehört, verwildert.

Seine Artgenossen empfinden im Angesicht des verendeten Tieres, das fault und vermodert und zum Aas wird, nicht die mit Grauen vermischte Scheu, die uns den Leichnam feierlich in die Erde senken läßt.

Der große japanische Tuschmaler mußte tausende Schriftzeichen tausendfach wiederholen, bevor seine aus tiefer Versunkenheit entspringende Geste mit dem Pinsel jenen Grad von Geistesgegenwart hat annehmen können, die wir als spontan, intuitiv oder natürlich empfinden.

Die Faszination durch den nackten Wilden in der Malerei der frühen Moderne ist schon ein Ausdruck des Selbstzweifels der europäischen Kultur. In der massenhaften Selbstentblößung der zeitgenössischen Pornographie ist dieser Zweifel zur Gewißheit geworden.

Die gefeierte hysterische Entblößung auf den Jahrmärkten und bei den Festumzügen der Eitelkeit ist eine Beschämung und Entwürdigung der Intimität des Paares.

Nicht alles zu benennen und mit dem Speichel des Sagbaren zu besudeln, ist ein Gebot der Sprachethik.

Das im Gedicht hinter dem Schleier symbolischer Diskretion nur Andeutbare schamlos ins grelle Rampenlicht zu zerren, ist kein Ausdruck sprachlichen Freimuts, sondern dichterischer Verarmung und mentaler Verrohung.

Horaz senkt den Ton des öfteren, wenn der Sinngehalt des Gedichts über die Ufer der Strophenform zu treten droht.

Goethe ergötzte sich in kleinen Formen am obszönen und gewagten Ausdruck, doch in den großen wie der Elegie, der Hymne oder dem Sonett hüllte er den Körper der Geliebten in das Rankengeflecht der Minne.

Der durch asoziale und kriminelle Handlungen schuldig Gewordene kann mittels Strafe und Schuldentilgung entsühnt werden; dennoch mag er in den Augen der anderen sein Gesicht auf immer verloren haben.

Wenn Gottes Majestät die Reinheit und Heiligkeit hat, von der das Alte Testament spricht, konnte die Sünde Adams menschlich nicht entsühnt werden.

Die mythischen Götter sind in den Augen der jüdischen Propheten schuldige, verworfene Götzen, Bösewichte und Schlächter, von denen bei noch so grandiosen Opfern an Blut und Gesängen keine Entsühnung, kein neues Leben, zu erhoffen ist.

Der Paranoiker läuft von den Wassern des Lebens davon, weil er in ihrem Rauschen Verwünschungen vernimmt.

Diskretion übergeht die Blöße, die sich der andere durch Dummheit, rüdes Benehmen oder auch ein Mißgeschick gegeben hat, mit Schweigen oder verhüllt sie mit bunten Fetzen und Fragmenten, die sein besseres Ich in besseren Tagen hinterlassen hat.

Wer immerfort alles, was ihm einfällt, ungehemmt ausplaudert, hat nichts zu sagen.

Die Hölle Dantes und der alten düsteren Kirchenlehre bezieht ihre Rechtfertigung und ihren Kredit aus unserem eingewurzelten Argwohn gegen die scheinbar so versöhnliche Idee, daß am Ende allen alles vergeben wird.

Die Einsicht in die Vergeblichkeit aller menschlichen Angelegenheiten löst uns von einer Art geistigem Starrkrampf, der uns an der Hoffnung festhalten läßt, die Rechnung, die wir mit diesem oder jenem noch offen haben, könne endlich noch beglichen werden.

 

Jul 25 21

Wir und sie

Ächzend unter toten Wissens Brocken
können wir nicht still, nicht heiter sein,
und des Wohllauts Quellen fielen trocken,
Bilder weichen Fließens wurden Schein.

Jene blühten, Fromme hoher Strahlen,
schlossen ihre Knospen vor der Nacht,
und sie träuften Wein aus schönen Schalen
auf geblümter Fliesen Rankenpracht.

Schielend zwischen Rauch und Neonleuchten
missen wir der Blumen Gegenblick,
Tränen, die uns trübe Augen feuchten,
glänzen in die Einsamkeit zurück.

Jene aber schauten, Sterngeweihte,
sich in Sanges Wasserspiegeln klar,
wanden, daß ihr Tag den Sinn erneute,
weiße Blüten sich ins dunkle Haar.

Dämmerungen haben kalt Gewitzten
ausgemerzt die Messer scharfen Lichts,
was als Trug der Mythe wir zerschlitzten,
war ein bunter Schleier vor dem Nichts.

 

Jul 24 21

Die letzte Fahrt

Empfange still den Hauch, den abendkühlen,
von Zweigen in die Dämmerung entsandt,
von Stirn und Wangen laß ihn gnädig spülen
die Fieberglut, die ohne Sinn gebrannt.

Fühl einsam, wie dich weiße Rosen streifen,
die zweifach dir der Sommer aufgetan,
sie ließ der Strahl, dich lassen Schatten reifen,
im Dunkel schluchzt das Wasser unterm Kahn.

Die Ruder eingezogen magst du liegen,
wenn über dir die blassen Blüten schwanken,
sich schwarze Flügel um die Lenden schmiegen,
dringt schon ein süßes Seufzen durch die Planken.

 

Jul 23 21

Glück und Unglück

Das Glück ist wie ein dunkles Flüstern
von Blättern, die schon Schatten sind,
ein Wasserglanz, vertropft im Düstern,
der sagt mit Düften „Sinke!“, Wind.

Das Unglück ist wie helles Schrillen
von Gläsern, die der Strahl zerkratzt,
ein Kelch, den goldne Tropfen füllen,
woran ein Mund vergebens schmatzt.

Das Glück ist wie ein banges Lauschen
auf Quellen, die verschüttet sind,
und keinem sickert weich das Rauschen,
löst es ihm auf nicht Starrsinns Grind.

Das Unglück ist wie stummes Sehren
von Gräsern, die der Mond beschneit,
ein Kelch, den Lippen bebend leeren,
doch nimmer stillt die Bitterkeit.

 

Jul 22 21

Die geschändete Sprache

Geknebelt kann sie röcheln bloß, nicht singen.
Die taube Zunge formt nichts mehr, was lebt.
Wie trügen sie hinan gestutzte Schwingen?
Wie schwebte, was am Leim des Argwohns klebt?

Der Schönen haben sie die Locken abgeschnitten,
die helle Brust mit Teer des Hohns beschmiert,
sie hinkt, die einst in weicher Anmut kam geschritten,
im Mund den Knebel wird sie nackt zum Markt geführt.

Der Dichter sucht im Auge der Geschändeten
den stillen Stern, der Nacht und Leid erhellt,
nur Weiße starrt, das Schneelicht von Geblendeten,
der blauen Iris Wunder ist entstellt.

Mag er im Grabe der Erinnerung wühlen
nach Bildern, die ein Holdes noch bewahrt,
das Wort erschlafft, kann er den Hauch nicht fühlen
die Sprache schwellen ihm zu hoher Fahrt.

 

Jul 21 21

Giltst denn mir noch, Himmelsbläue

Giltst denn mir noch, Himmelsbläue,
wie den leichten Schwingen, freien Stimmen,
die auf deinen Wellen furchtlos schwimmen,
sinkt es auch, schäum um das Herz, das scheue.

Hab hier nichts als taube Worte scharren
aus der Erde dunklen Endzeitmuren,
wie ein Grautier vor knirschendem Karren
schleppen, schichten sie in kahlen Fluren.

Hat dein Seufzen, Wasser, mich verlassen,
dem sich rosig aufgetan die Vogelmire,
daß an dir sich dumpfer Sinn verliere,
Blüten hätt ich, müßten sie auch blassen.

Hab hier nichts als stummes Starren
auf der Erde runzelböses Grinsen,
Lauschen nur, wie Geister scharren
in verdorrter Ufer Schattenbinsen.

 

Jul 20 21

Der Löwe und das Hirtenkind

Der Löwe litt am bösen Dorn,
er legte seine wunde Tatze
dem Kinde auf den keuschen Schoß,
dem Hirtenkind die Riesenkatze.

Der Knabe blickte unverstört
in zweier Augen wilde Feuer,
hat es mit seinem Lied betört,
dem Hirtenlied das Ungeheuer.

Den Dorn zog er mit milder Hand,
sanft wurde ihm der Geist der Wildnis,
da ihn das Hirtenlied gebannt,
das Lied und reiner Unschuld Bildnis.

Uns brennt der Erdgeist unerlöst
in unterweltlichen Höllenschmieden,
und ist kein Gott, der uns vergönnt,
im Lied die Wildnis zu befrieden.

 

Jul 19 21

Das Weltklima existiert nicht

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Peter begrüßt seinen Freund Hans mit einer Grußformel wie „Servus!“ oder „Hallo!“ und einem Handschlag. Diesen alltäglichen, konventionell mehr oder weniger vage geregelten Vorgang nennen wir Begrüßung.

Die Begrüßung besteht in der Tatsache, daß Peter und Hans Grußformeln austauschen und sich die Hand schütteln; die Tatsache bleibt bestehen, auch wenn sich Peter und Hans nur begrüßen, ohne sich die Hand zu geben, oder wenn sie sich stillschweigend die Hände reichen. Die Begrüßung ist nicht etwas, was es gäbe, ohne daß sich Leute auf die eine oder andere konventionell geregelte Art willkommen heißen würden.

„Wie geht’s, wie steht’s?“ ist keine echte Frage nach dem Befinden, sondern eine zur Konvention verblaßte Formel.

Begrüßungen sind vollständig individualisiert, denn sie vollziehen sich an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit zwischen konkreten Individuen, die wir mit Namen benennen können.

In Briefen, Anschreiben, E-Mails finden wir den Niederschlag der in archaische Zeiten vor Erfindung der Schrift zurückreichenden Begrüßungsrituale in der Form der Anrede und der Datierung unter Angabe von Ort und Zeit.

Begrüßungen sind deklarative Sprechakte, deren Besonderheit sich darin zeigt, daß sie tun, was sie sagen.

Einer, der dazu befugt ist, äußert aus räumlich und sozial überragenden Warte: „Die Sitzung ist eröffnet“, und wenn die versammelte Menge von Individuen in ihren Gesprächen verstummt und ihre Aufmerksamkeit auf den Sprecher auf dem Podium wendet, geschieht, was er verkündet hat. Die Sitzung ist jene soziale Tatsache, die aufgrund der Begrüßung durch den Vorsitzenden konstituiert wird.

„Die Sitzung dauerte eine Stunde“ bedeutet die soziale Tatsache, daß eine bestimme Menge von Personen an einem bestimmten Ort eine Stunde lang zu einem bestimmten Zweck versammelt war. „Der Regen dauerte fast eine Stunde“ bedeutet die physische Tatsache, daß eine bestimmte Menge von Wassertropfen an einem bestimmten Ort fast eine Stunde lang vom Himmel fiel. Die soziale Tatsache wird im Gegensatz zur physischen nicht durchgehend von kausalen Gesetzen determiniert, denn jemand kann die Sitzung aus freien Stücken vorzeitig verlassen.

Was wir Regen nennen, ist mehr als die Menge der an einem Ort in einer bestimmten Zeitspanne niedergegangenen Wassertropfen. Denn wir könnten uns leicht eine exotische Gruppe denken, in der nur das Vorkommen von Wassertropfen zählt, nicht die Tatsache, daß es regnet. In einer anderen nicht ganz so exotischen Gruppe ist der Regen (wie alle übrigen Wetterphänomene) keine physische Tatsache, sondern eine mythisch-religiöse, die den Willen einer Gottheit ausdrückt.

„Schönes Wetter“ sagen wir beim Anblick des blauen Himmels, wenn die Sonne scheint und uns zu einem Spaziergang verlockt; die Wetterlage mutet uns düster und unwillkommen an, wenn uns ein scharfer Wind in die warme Stube scheucht und erste Flocken schneien. Das Wetter ist das, was wir an Wetterphänomenen wie Wolken, Regen und Wind, Nässe, Trockenheit, Hitze und Kälte wahrnehmen und mit Meßinstrumenten wie dem Thermometer und Barometer messen können.

Zyklisch wiederkehrende typische Wetterphänomene wie den täglichen Regenguß über den tropischen Wäldern, Scirocco und Monsun, die im Frühjahr vom Tauwasser anschwellenden Flüsse der Hochgebirge wie der Alpen oder des Himalaya, Nordlicht und Alpenglühen ordnen wir ihren jeweiligen regionalen Bereichen zu; bei statistisch gehäuften Wetterlagen über Wüsten wie der Sahara oder der Wüste Gobi und über Ozeanen und Kontinenten sprechen wir von klimatischen Zonen.

Doch ist es reiner Unfug aus den Jahresdurchschnittstemperaturen der Sahara, der Antarktis und des tropischen Regenwalds, also signifikanten Wetterwerten unterschiedlicher Klimazonen, wiederum eine Jahresdurchschnittstemperatur der Erde zu ermitteln und vom Weltklima zu reden. Temperaturdaten aber sind meteorologischer Grundbestand an Daten, die geeignet sind, anhand ihrer statistisch signifikanten Verteilung die Grenzen von spezifischen Klimazonen abzustecken.

Das Weltklima existiert nicht.

Die Begriffe solcher Art im Munde führen, tun es, wie es die Inbrunst, aber auch das ressentimentgeladene Stirnrunzeln ihrer Äußerungen bezeugt, aus Glaubensüberzeugungen, Weisen einer neuen apokalyptisch getönten Weltfrömmigkeit, nicht auf Basis methodisch strenger und wissenschaftstheoretisch fundierter Prüfung der verwendeten Begriffe.

Die Namen für Wetterphänomen wie Regen, Schnee und Gewitter sind, was ihren ontologischen Sinngehalt betrifft, physische Analoga zu historischen Begriffen wie der Gründung Roms, der Völkerwanderung und dem Ersten Weltkrieg oder sozialen Begriffen wie Person, Handlung und Gesellschaft.

Ohne Wassertropfen kein Regen, ohne Sandkörner kein Sandhaufen; auch wenn wir eine gewisse Zone von ontologischer Unbestimmtheit akzeptieren müssen, wodurch wir andererseits lästige Scheinfragen wie jene nach der bestimmten Menge von Tropfen oder Körnern, die ein vages Tröpfeln zu einem veritablen Regen, ein kaum merkliche Erhebung im Sand zu einem echten Haufen machen, abschütteln können.

Ähnliches gilt für Scheinfragen wie jene, ob der Schuß auf den österreichischen Thronfolger in Sarajewo der erste Schuß des Weltkriegs war, oder jene, ob das Überschreiten des Rubikons durch Caesar der erste Schlag gegen die römische Republik gewesen ist.

Der Regen ist kein Wesen sui generis hinter dem Wetterphänomen der niedergehenden Regentropfen; der Krieg ist kein Wesen suigeneris hinter den respektiven feindlichen militärischen Handlungen von Truppen zwischen der offiziellen Kriegserklärung und der Unterzeichnung der Kapitulation durch Sieger und Besiegte; die Gesellschaft kein Wesen sui generis hinter den sprachlichen und tätlichen Handlungen der sie bildenden Personen.

Ebensowenig ist das Klima, geschweige denn das Weltklima, ein Wesen sui generis hinter den statistisch signifikanten Wetterphänomenen der regionalen Klimazonen.

Der Regen ist die meteorologische Tatsache, daß eine bestimmte Menge von Wassertropfen zu einer bestimmten Zeit über einer bestimmten Landfläche niedergeht; er besteht nicht aus den Wassertropfen, sondern aus dieser Tatsache. Der Krieg ist die historische Tatsache, daß in einer bestimmten Zeitspanne feindliche Handlungen durch militärische Truppen vollzogen werden; er besteht nicht etwa aus der Anzahl der abgefeuerten Schüsse, sondern aus dieser Tatsache.

Sprachliche Benennungen und ontologische Begriffsbildungen wie Namen und Eigennamen, beispielsweise in dem Satz: „Der Krieg dauerte vier Jahre“ oder in dem Satz: „Peter hat sein Versprechen gehalten“, verleiten uns dazu, das mit den Namen Gemeinte als Wesen sui generis zu verstehen, das wie die chemischen Elemente Wasserstoff und Sauerstoff eine von der Molekülform des Wassers unabhängige ontologische Geltung beanspruchen dürfte.

Aber Peter ist jene Person, die uns wesentlich in dem sozialen Phänomen des gehaltenen oder auch gebrochenen Versprechens kenntlich wird und begegnet.

Natürlich ist Peter darüber hinaus noch alles Mögliche, beispielsweise freundlich, hilfsbereit und pflichtbewußt, aber diese Eigenschaften enthüllen sich uns erst in sozialen Gesten und Handlungen seiner Person, wenn er uns lächelnd den Vortritt läßt, für den erkrankten Freund Einkäufe erledigt oder das einmal gegebene Versprechen hält.

Wir haben keine physiognomischen, geschweige denn neurologischen Analysen anhand von Peters Gesichtsmimik betreiben müssen, um sagen zu können, daß er lächelt. Dennoch sind natürlich die wirklich stattfindenden Ennervationen an Peters Gesicht reale Merkmale, die in die Tatsache eingehen, die wir benennen, wenn wir sagen, daß er lächelt.

Auf ähnliche Weise gehen bei unserem Wahrnehmungsurteil, daß es regnet, die gesehenen und gefühlten Wassertropfen als reale Merkmale in die Feststellung der Tatsache ein, daß es regnet.

Doch die Feststellung der Tatsache, daß es regnet, ist im Gegensatz zur Wahrnehmung von realen Wassertropfen eine Funktion unseres Sprachvermögens und jener semantischen Weise der Begriffsbildung, die uns dank der Konstruktion von Aussagesätzen möglich ist, wie eben der Feststellung, daß es regnet.

Wir ermessen den ontologischen Unterschied von Entität oder Ding und Tatsache an Folgendem: Jemanden, der Wassertropfen nicht sehen oder auf der Haut fühlen könnte, hielten wir für kurzsichtig oder in seinem Tastsinn gestört und unempfindlich, während wir vermuten, daß jemand, der den Satz, daß es regnet, nicht bilden oder verstehen kann, der deutschen Sprache nicht mächtig ist.

Der ontologische Unterschied zwischen Dingen und Tatsachen erhellt aus dem epistemischen und logischen Unterschied, daß die Wahrnehmung von Dingen mehr oder weniger genau oder trügerisch, dagegen die Feststellung von Tatsachen richtig oder unrichtig, wahr oder falsch sein kann.

Jemand mag im dunklen Zimmer liegend draußen den Regen plätschern hören und halb im Traum imaginieren, es sei eine Art Musik, während er sich doch der bestehenden Tatsache bewußt ist, daß es regnet. Er könnte tags darauf seinem Freund von seinem imaginären Höreindruck erzählen, doch müßte er, um sich deutlich zu machen, Vergleiche oder Metaphern heranziehen, etwa die Wassermusik von Händel, während der Gedanke, der sich in einer Aussage über eine bestehende oder nicht bestehende Tatsache kundgibt, keiner Vergleiche und Metaphern, sondern nur der Zuteilung des Prädikates wahr oder falsch bedarf.

Folgt daraus, daß es Tatsachen wie den Regen, den Krieg, die soziale Handlung ohne die Möglichkeit und Wirklichkeit sprachlicher Begriffsbildung und Aussage nicht gibt, daß alles, was wir bewahrheiten oder als ungültig erklären können, gleichsam mit der Angel der Subjektivität schwingt? Ja und nein. Ja, denn nur wenn wir vom Wetter reden, gibt es außer fallenden Tropfen, kristallisierten Wassermolekülen und Lichtbrechungen, was wir Regen, Schneefall und Regenbogen nennen, nur wenn wir von feindlichen Kampfhandlungen reden, gibt es, was wir Krieg nennen; nur wenn wir von konventionellen Grußformeln und einladenden Gesten reden, gibt es, was wir Begrüßungsrituale nennen; nein, denn die durch die sprachliche Begriffsnildung und die semantische Funktion der Aussage festgestellten Tatsachen sind keine unbefragbaren und unbezweifelbaren privaten Empfindungen und Gefühle, sondern mitteilbare und überprüfbare öffentliche Angelegenheiten.

Klima gibt es wie Sprache, Moral, Kunst, Kultur und Gesellschaft nur im Plural.

Wenn man alle Farben mischt, entsteht schmutziges Grau.

Wenn man Weine unterschiedlicher Anbaugebiete und Lagen wahllos zusammenschüttet, entsteht ein ungenießbares Gebräu.

Man kann nicht gleichzeitig Walzer und Foxtrott tanzen.

Man kann sich nicht gleichzeitig nach Art der Eskimos und auf feine englische Art begrüßen.

Ähnlich wie bei den obskuren Bildungen „Weltethos“, „Weltmusik“ und „Weltkultur“ handelt es sich beim Begriff „Weltklima“ um einen sprachlogischen Zwitter, der es aufgrund inkonsistenter Eigenschaften nur zu einer ideologischen Scheinexistenz im von der Realität hermetisch abgedichteten medialen Echoraum weltanschaulicher Sekten bringt.

Wenn man alle natürlich vorkommenden und künstlich erzeugten Klänge und Geräusche als Formen von Musik deklariert, bezeugt man nicht nur seinen degenerierten musikalischen Geschmack, sondern auch die Tatsache, daß der Begriff Musik mangels jedweder Möglichkeit an Distinktion und Differenzierung zu einem ontologisch leeren Begriff entartet ist.

Wenn man alle Wetterphänomene aller Klimazonen zu Symptomen eines einheitlichen Weltklimas deklariert, erweist man dessen ontologische Unbestimmtheit oder Leere.

 

Jul 18 21

Fließt noch scheue Wärme

Fließt noch scheue Wärme
uns von Hand zu Hand,
mildert Tau das Dunkel,
Tau an Kelches Rand.

Süßer fließt das Schweigen
uns von Mund zu Mund,
zwei zerbrochene Siegel
bildeten ein Rund.

Kindern so verloren
nackt im Wald der Nacht
hat ein banges Schimmern
Blick für Blick gebracht.

Müssen wir versinken,
Blüten auf dem Teich,
müssen wir ertrinken,
Lilienblüten bleich.

Daß kein Stern uns halte,
Flocken blind geschneit,
Hauch der Liebe walte,
schmilz uns Seit an Seit.

 

Jul 17 21

Die Wurzellosen

Wurzellose sind wie Parasiten,
die um alte Rinde saugend ranken,
und im Dunkel nicht erfühlt, erlitten,
schwätzt das Irrlaub dürre Ungedanken.

Ihre Seelen sind wie unbestäubte
Knospen, die im Winde klatschend schlagen,
lüstern von der Phrase, die betäubte,
kann ihr Zwitterwesen Frucht nicht tragen.

Ohne Zukunft, ohne Horizonte
trügen sie mit Wappen und Emblemen,
Blättern, die kein Segensblick besonnte,
schamlos grelle, anmutlose Schemen.

Haben sie auch Gifte, bittre Gallen,
auf des Wirtes edles Haupt zu seichen,
siecht er hin, und seine Kronen fallen,
werden bald auch sie verstummt verbleichen.

 

Jul 16 21

Als könnten Tränen noch erweichen

Als könnten Tränen noch erweichen
den schmerzgeschliffenen Kristall,
als träumten Blüten noch, die bleichen,
vom Mond in nächtelangem Fall.

– Laß deine kühle Hand noch ruhn
auf meiner Stirn, der heißen,
in deiner Rosen rotes Blut
tauch ein ich meine weißen.

Als könnten Abschiedsblicke lesen
versunkener Gärten Blumenschrift,
waidwunde Anmut noch genesen,
verstrickt im Farn der Dämmertrift.

– Laß deinen warmen Mund noch ruhn
auf meiner Brust, der toten,
in deiner Rosen weißer Glut
verblassen meine roten.

 

Jul 15 21

Der Gnadenborn

Aus Moosen weich emporgequollen,
das Wasser trug ein Lächeln mild,
der Liebe Bildnis ist verschollen,
verschollen ist der Liebe Bild.

Sie sind zum Gnadenborn gegangen,
das kleine Kind, die alte Frau,
sie brachten weißer Lilien Prangen,
im Kelch der Rosen süßen Tau.

Sie haben ihren Schmerz gesungen,
die alte Frau, das kleine Kind,
ihr Lied hat höher sich geschwungen
als Lerchenruf im blauen Wind.

Sie streuten auf die dunklen Wellen
das Blütenlicht, den frohen Dank,
sie weilten lange noch im Hellen,
als schon die Abendsonne sank.

Aus Moosen weich emporgequollen,
das Wasser trug ein Lächeln mild,
der Liebe Bildnis ist verschollen,
verschollen ist der Liebe Bild.

 

Jul 14 21

Ordnung und Verfall

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Dem Deutschen der Gegenwart leben oder gar dienen heißt im Sprachmatsch waten.

Jeder Kontakt bedeutet auch die Gefahr der Ansteckung mit giftigen Unwahrheiten und pathogenen Phantasmen.

Je näher man den Sachen rückt, umso fremder und rätselhafter wirken sie; je länger man lebt, umso unwirklicher wird alles.

Der Hunger und der Tod sind die großen Sklaventreiber. Nicht einmal Kafkas Hungerkünstler ist frei, nicht einmal der todesverachtende Märtyrer.

Alterstorheit zeigt sich im Stellen unmöglicher Fragen wie der, ob es nicht besser wäre, nicht geboren zu sein.

Angesichts all der feixenden Fratzen und gurgelnden Schlünde, auf die man traf, von den Greueln der großen Schnauzbärtigen einmal abgesehen, wird einem die Frage Cur deus homo immer enigmatischer.

Ob man seine Schwächen und Schwären mit schillernden Ordensbändern überdeckt oder ins warme Honiglicht von Klageleuchtern reckt, man bleibt an ihnen kleben, bleibt, ein verfitzter Faden, an sich selber hängen.

Worte, die man nicht länger im Munde führen will, weil an ihnen der Dunst der Lüge und die Spucke der Heuchelei haften.

Um sich aufrecht zu halten, muß er sich selbst vergötzen und beweihräuchern.

Es ist ein Vorurteil zu glauben, ein Volk, das die größten Dichter und Denker hervorgebracht hat, sei von sich abgefallen, weil es auch den größten Narren und Verbrechern gehuldigt und sich ihnen preisgegeben hat.

Ob wir uns durch den Blick des anderen erhöht oder gedemütigt, bestätigt oder beschämt fühlen, wir sind allemal nicht bei uns selbst.

Die sich zur Herrenrasse überhoben, müssen fremden Völkern dienen.

Der Rhein ließ sich begradigen, doch der Strom des Lebens zernagt die frisch befestigten Ufer immer aufs neue.

Das Wort Heimat verliert seinen Sinn, wenn die Ahnen in ungeweihter Erde ruhen oder ihre Grabmäler geschändet und umgestürzt sind.

Je sorgfältiger betrachtet, je genauer beschrieben, umso kühler, fremder, mysteriöser der Eindruck.

Die Gnadenkapelle sog ihre magische und heilbringende Aura aus der heidnischen Quelle, über der sie errichtet worden war.

Wir fegen und wischen, täten wir es nicht, erstickten wir bald im eigenen Kehricht. Welchen Besen haben wir, den Haushalt der Seele auszumisten?

Die Ordnung, die uns gewährt ist, bedarf des unermüdlichen Kampfes wider die Mächte der Unordnung und des Verfalls.

Wer entkräftet liegen bleibt, verklärt seine Ohnmacht mit einer verlogen-blumigen Rhetorik der Nächstenliebe und heuchlerischen Euphemismen einer universalistischen Moral.

Eines Tages wacht man auf, in einer Hand gelähmt, auf einem Auge blind, auf dem Küchentisch die Todesanzeige des Freundes oder der Geliebten.

Je sublimer der Gedanke, umso fragiler das Gleichgewicht seiner Bestandteile.

Gelähmt in der Öde des Herzens, umspukt in der Krypta des Geistes, greift ein dostojewskischer Held zum Messer, um überhaupt etwas bewirkt, überhaupt eine Tat getan zu haben.

Die Lust ist der schnell rinnende, einsam glänzende Tropfen auf der zerfurchten Stirn der Begierde.

Wer die Menschheit retten will, hat sich selbst verloren.

Einsames weißes Blütenblatt auf dem Brackwasser der Kloake, das Antlitz des Erlösers unter der Rotte der römischen Soldateska.

Aus dem Urlaub in den Bergen heimgekehrt, pilgert der große Dichter zum Grab seines zwischenzeitlich verstorbenen Hündchens.

Auch wenn wir uns die Ohren zuhalten, wir hören das Seufzen der Erde unter dem unerbittlichen Pfluge in uns widerhallen.

Trost, daß jenseits des Menschen noch Wasser rauschen.

Langeweile baut Raketen und stürzt sich in den Abgrund zwischen Sternen.

Eine tiefe Einsicht des frühen Wittgenstein: Der Name für einen Gegenstand zeigt, daß er ein logisches Individuum ist, das wir im Satz durch ein spezifisches Symbol darstellen. Wir verstehen, daß es sich um denselben Gegenstand handelt, wenn dasselbe Symbol wieder auftaucht. Dabei ist die Tatsache, daß es den Gegenstand gibt oder nicht gibt, für den Aufbau der logischen Syntax ohne Belang.

Wir können nur etwas sinnvoll äußern oder etwas Sinnvolles sagen, wenn, was wir sagen, auch unwahr sein könnte; so wenn wir Hans Peter nennen, weil er ihm als seinem Zwillingsbruder wie ein Ei dem anderen gleicht, oder Hans Eigenschaften zusprechen, die nur auf Peter zutreffen, wie die Eigenschaft, an dem Ort und zu der Zeit in unser Blickfeld geraten zu sein, als er für uns unsichtbar zu Hause weilte.

Wir können etwas wissen nur, wenn wir es auch nicht wissen könnten; daher ist es unsinnig zu behaupten, daß es sich bei dem ego cogito oder dem intuitiv gegebenen Selbstbewußtsein um eine Form des Wissens handele, denn wir können, was wir sind, ja nicht nicht wissen oder etwa sagen: „Ich habe es wohl gesehen, aber weiß nicht genau, ob ich es war, der es gesehen hat.“

Sie wollen die Welt verbessern, aber nicht ihr eigenes übergriffiges Benehmen und lärmendes Gebaren.

Sie wähnen, der Kampf um die Reinheit der Meere und die Integrität der Natur rechtfertige die Verpestung der Sitten und die Verluderung der Sprache.

Sie sind närrisch genug zu glauben, beim grammatischen Genus handele es sich allemal um die semantischen Geschlechtsteile der Sprache, die eine neu in Mode gekommene obszöne Schamhaftigkeit hinter grell bemalten Feigenblättern und bunten Flicken zu kaschieren habe.

Bücher zu schenken ist oft eine Form mentaler Übergriffigkeit.

Strenge Diät der Lektüre ist der erste Schritt zur Erlangung geistiger Unabhängigkeit und schlanker Seelenanmut.

Vielleser sind oft wie geistig lahme Globetrotter, die den zu Hause Gebliebenen aus Reiseprospekten zitieren.

Dummheit ist das uferlose Meer, Weisheit das unter Wettern schwankende Schiff, das keinen Hafen findet.

Liederlich im Auftritt, schludrig im Ausdruck.

Der Sinn der Dichtung gleicht dem schillernden Tropfen, der sich aus dem Dunst und Nebel der Dämmerung kondensiert.

In der feinnervigen Verästelung des Blatts und in den harmonischen Proportionen des Gliederbaus der Tiere zeigt sich der Sinn des Lebens, wie in der logisch-grammatischen Struktur des Satzes der Sinn der Rede.

Die Vase fällt zu Boden und zersplittert in tausend Stücke, der Kristall wächst im Dunkel der Erde zu einer geheimnisvoll funkelnden Ordnung.

Chemische Elemente, Kristalle, Organismen deuten auf die Äquivalenz von Sinn und Struktur, Funktion und Wohlgeordnetheit.

Das Tagebuch bricht ab; etliche leere Seiten künden von unheimlicher Stille.

Die Kirchen tun nur noch so, als ob sie das Heil verwalteten; dieses entfloh, eine schüchterne Taube, längst in die traurigen Hinterhöfe, wo ihr der Zweifel Sonnenkörner streut.

Daß sie im täglichen Gebrauch verblaßt, ist keine Einrede wider die schöne Prägung der Münze.

Die garstigen Raben der Demagogie, des rhetorischen Muckertums und der Gesinnungsgängelei nisten gern im Dickicht des deutschen Charakters.

Man sinkt in die Anonymität des Lebens der Insekten; könnte eine Ameise eine Autobiographie verfassen, sie unterschiede sich in nichts von der ihrer Schwestern.

Dämonisch ist die Lust an der Zerstörung, die sich in den Mantel des großen Neubeginns hüllt.

Der Sinn des pflanzlichen Daseins ist die Bestäubung, in der sein Keim über den eigenen Verfall hinaus bewahrt bleibt. Daher der erstaunliche Aufwand an Prachtentfaltung, ätherischer Lockung und ornamentaler Anmut. Welcher Keim, wenn es nicht der physische der Nachkommenschaft ist, die schon im pubertären Geschwätz enttäuscht, bewahrt den Sinn eines individuellen menschlichen Lebens über seinen Verfall und Tod hinaus? Die unsterbliche Seele können wir nicht mehr glauben. Blieben auch die Anmut einer Geste und die einmal im Kairos der Begegnung aufging, die Knospe eines liebenden Worts, eine Weile im Gedächtnis der Treuen lebendig, die dankbaren Empfänger entgehen dem Schicksal nicht, nicht der Nacht des Chaos und Verfalls.

 

Jul 13 21

Asphodelenbucht

Blauen Klangs herabgetropft
Abend an den toten Mauern,
einsam hat das Lied gelockt
Veilchenblüten sich aus Schauern.

Gras, das schon die Schrift bedeckt,
taugetränkte Abschiedszeichen
sind von Flammen sanft umleckt,
Flammen, die den Rosen gleichen.

Was umsonst der Schmerz gesucht,
quillt, ein Licht, aus hohen Kronen
in die Asphodelenbucht,
wo die stillen Geister wohnen.

 

Jul 12 21

Schmach und Dank

Das Leben altert zum Gespenst,
das fade graue Mehl der Rede
stäubt von steinernen Tischen,
das Flüster-Gras, verstummt und ausgeblichen,
gebettet Schicht für Schicht
Gelebtes und Geträumtes gleich,
es wartet auf den Gnadenfunken.

Nur jene grünen auf vom Tod,
die lichten Kronen, die im Dunkel wurzeln,
behaust von Zwitschern und von Tau behaucht,
besamt von Schweige-Blitzen,
erfrischt am Lied der Tropfen,
vom eignen Rauschen selig-müd.

Dem Schlummerlosen knirscht der Balken
vom Spuk des Ungelebten,
im Hinterhof der Leere bellt ein Hund,
noch durch des Mondes Laken sickert ihm die Schmach,
und blättert er nach Trost in alten Alben,
ruft jedes Lächeln „Schlaf!“,
und jedes Auge zwinkert ihm „Leb wohl!“.

Nur jene wandeln dankend in den Tod,
die Dämmerung und Nacht und Grauen
mit Tropfen eignen Bluts erhellen,
auf Wasser, die ins ferne Schattendelta rollen,
Glaubensblüten wehen, weiß und fromm,
nur jene, die dem Ungewissen werfen zu,
die stillen Duldens ihrem Herbst entquollen,
süße Frucht, die nach erhöhtem Dasein schmeckt.

 

Jul 11 21

Schimmer in den Nachtvoluten

Die dem Gnadenlicht sich weihten,
dürfen mit den Schatten spielen.
Freie, die auf Schatten reiten,
können nach den Sternen zielen.

Augen, die dem Dunkel wehren
mit dem Glanz von feuchten Gluten,
können lang von Tränen zehren,
Schimmer in den Nachtvoluten.

Worte, die wie Knospen zittern
über grauen Trauermalen,
Worte, zögernd zwischen Gittern,
öffnen sich den Liebesstrahlen.

 

Jul 10 21

Tiefer atmen hilft dir nicht

Und tiefer atmen hilft dir nicht,
die Luft ergraut von Aschenpollen,
kein Flügel, der die Flucht verspricht
zu Sängen, reinem Mund entquollen.

Du schließt dich tiefer in dich ein,
die Knospe bleich im Geistertale,
kein Wandrer kommt und gießt den Wein
der Lieder in die Opferschale.

Und deine Sonne schwimmt im Dunst,
erstickte Worte, Blut im Kote,
zertretne Blüten, Lohn der Kunst,
im Mark geronnen, Psalm für Tote.

 

Jul 9 21

Die unbeweinte Taube

Die Taube pickt verstreute Samen.
Sie sieht dich nicht, du siehst sie gern,
weiß keinen Sinn, weiß keinen Namen,
so nah ihr wohnt, seid ihr euch fern.

Sie mag den Wind, den Regen kennen,
den grünen Schatten, wo sie gurrt,
doch weiß sie nicht, wie Tränen brennen,
.durchquert der Mond die Schattenfurt.

Sie schaukelt, flattert mit Gespielen,
und neckend krümmt sich Zeh um Zeh,
doch rührt sie nicht, wenn Flocken fielen,
wie weißer schweigt ein Grab im Schnee.

Mag Sonne fühlen ihr Gefieder,
den Hauch, den Sommernacht ihr weht,
ihr Flügel sinkt und steigt nicht wieder,
kein Liebes ist, das bei ihr steht.

 

Jul 8 21

Wortkrücken für Zungenlahme

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Der Dunst kann wieder Wasser werden, die ausgetretene Flamme schweigt für immer.

Der Vater hat es bitter bereut, den Sohn zu diesen engherzigen Philistern ausgesandt zu haben.

Die Unerlösten grinsen am breitesten und grölen am lautesten.

Die innere Leere und den Abgrund der Sinnlosigkeit mit Lektürefetzen zuschütten.

Was Dunst ist, Wolkenschleier, neblige Trübe, und sich nicht zur Dichte und funkelnden Klarheit des Tropfens hat kondensieren wollen, preist der rohe Geschmack und die verfaulte Seele als die große Errungenschaft des freien Ausdrucks.

Keine Gruppe ohne Feindseligkeit, keine Gesellschaft ohne Zensur, Ikonoklasmus, Denkmalschändungen und Umbenennungen von Plätzen und Straßen; hier gibt es nur Gradabstufungen, ob man nun Bücher öffentlich verbrennt oder Autoren mittels Ächtung mundtot macht.

Wer nicht das erwartete poetische Knistern und Prasseln, Rischeln und Rascheln bedient, dem neigt man kein Ohr.

Mit verknoteter Zunge lallen sie von Freimut und Redefreiheit.

Groteske oder makabre Komödie, wenn Hinz und Kunz das unbeschränkte Recht zugesprochen wird, auf den Brettern, die sie für die Welt halten, sich selbst zu verwirklichen.

Die nur eigene Wunden lecken, können fremde Größe nicht einmal sehen, geschweige denn bewundern.

Zwischen ja und nein, wähnen sie, lägen tausend Möglichkeiten.

Wer anklopft, muß das Losungswort sagen, bevor wir ihm öffnen.

Liederliche Erscheinung, ungekämmte Sätze.

Freilich, wer nur grammatisch glatt frisierte Sätze äußert, hat noch nichts zu sagen.

Die kosmischen Konstellationen und die verästelten Strukturen der pflanzlichen und tierischen Organe sind nur eine von vielen möglichen Variationen aus dem Repertoire der aus sich selber tönenden Leere.

Die Perversion hält sich für das Maß aller Dinge.

Für die Schmeißfliege strömt der Dunghaufen nichts als Wohlgerüche aus.

Das Flimmern des Unrats ist für die Abortfliege wie der glänzende Fetisch für den Entarteten.

Kein Satz, also auch kein Gedanke, kann sich selbst enthalten. Sätze, die so tun wie der Satz „Dieser Satz ist wahr“ oder der Satz „Dieser Satz ist falsch“ sind entweder nichtssagend oder widersprüchlich.

Soll ich, nachdem ich erfahren habe, daß der große Schnauzbart dem Komponisten Anton Bruckner einen Klotz von Tempel errichten wollte, seine Symphonien mit neu erwachtem Mißtrauen hören?

Der verkommene Lump, der seine Lumpereien als Ausdruck einer genialen Ausnahmeexistenz rechtfertigt.

In den Aggregatzuständen des Wassers haben wir ein Bild für die Metamorphosen seelischen Lebens und dichterischer Sprache.

Die Adern und Nervenbahnen des Blattes sind Chiffren des Pan.

Es gibt einen internen Zusammenhang zwischen der logischen Tiefe des Gedankens und der grammatischen Oberfläche seines Ausdrucks.

Die in Marmor gemeißelten Namen der Cäsaren und all die verwehten Seufzer der Namenlosen.

Die Vernunft versteht den Unterschied des Sinnvollen und des Unsinnigen, der Wahnsinn versteht nicht einmal sich selber.

Die des Abends ängstlich ihre Tore hinter sich verschließen, kommen aus dem grellen Scheinwerferlicht der Bekenntnisbühne, wo sie von der Ruchlosigkeit des Eigentums predigten.

Wie die scharfen Grenzziehungen und Unterscheidungen von logischen und ontologischen Kategorien vor begrifflicher Verwirrung und überschwänglichem Gerede bewahren, so die Grenzen der Apartheid und die Mauern der Diskriminierung zwischen Mitgliedern wesensfremder oder verfeindeter Kulturen und Rassen vor Übergriffen, sozialen Unruhen und Bürgerkriegen.

Dem Täter fremder Herkunft wird leichter verziehen als dem eigenen Sproß.

Wer da unwillig, verstört und ungeläutert Abschied nimmt, erleichtert sich den Trennungsschmerz, indem er die Werte, die Schönheit, die Früchte des Herkunftsbereichs ins Zwielicht taucht, die Falten und Schründe im Antlitz der Geliebten grell beleuchtet und den schimmernden Apfel durch den Wurm diskreditiert, den er nun in allen findet.

Geistige Kastraten, die von der fruchtbaren Fülle zwischen den stupiden heteronormativen Identitäten von Mann und Frau faseln.

Der Himmel, von dem die von den Flammen der eigenen Passion Gefolterten phantasieren, hat den Realitätsgehalt einer Fata Morgana in der flimmernden Luft der Wüste.

Der vom Lärm der Welt Geschundene sehnt sich nach der Stille des epikureischen Gartens; den Überempfindlichen quälen dort noch das Summen der Bienen und das Flattern der Tauben.

Der Satz, der wie ein Stein ins Gras herabfällt, der Gedanke, der noch unruhig wie eine Lerche darüberschwebt.

Sprachliche Ausdrücke, die uns in der Situation genügen, weil sie wie „Guten Morgen!“ oder „Adieu!“ tun, was sie sagen.

Das Wasser löscht das Feuer, das Feuer erhitzt das Wasser; doch entschwebt es in Dünsten, bleibt es immer noch Wasser. Wasser des Lebens, Feuer des Geistes.

Daß Philosophen die Welt regieren sollen – Traum eines Philosophen, mit dem der Stab der Gerechtigkeit über der Welt zerbrochen wird.

Die Fixen meistern die Lage, die Langsamen und Schwerfälligen gelangen ans Ziel.

Ihre Schänder schminken und maskieren die Sprache wie ein Flittchen und sagen, sie habe es ja selbst gewollt.

Der Dichter, dessen Versen man exotische Duftnoten attestiert, hat nur ein vulgäres Parfum versprüht.

Wenn man gewisse Gedichte schüttelt, treiben die trübenden Schweb- und Gärstoffe nach oben, die sie aufzulösen nicht mächtig waren.

„Weil es mir einfiel“ ist ein Verdikt über den gedanklichen Gehalt.

Für den Versehrten können ein paar klare Gedanken und Sätze der Krückstock sein, mit dessen Hilfe er vor Anbruch der Nacht doch noch nach Hause gelangt.

 

Jul 7 21

Dryade

Sie wachte auf und barg die junge Stirne
scheu in eines Blattes grüne Schale.
Um ihre Hüften floß der mütterliche Hauch,
Seufzen, das mit Moos und Farn begrünte.

Sie reckte Arme, denen Rispen sprossen,
eine schüchtern stammelnde Beterin,
in Lüfte, die von wilden Rufen blauten,
aus dem Kelch der Hände gießend Tau.

Und kamen Nächte, da sie Augen suchten,
Funken, knisternd durch ihr aufgelöstes Haar,
der sich an ihren Knien wetzte, Schnabel,
und in die weiche Brust geschlagen Krallen.

Noch brachte ihrer Schwestern Trost der Tag,
wenn der Sonne sie ihr Blütenlächeln schenkten,
dem Wind des Blattgeplauders Heiterkeit,
doch hüllte Dämmerung in Fäulnisodem.

Der Dämon ließ den Sommer ihr nicht wogen,
bittrer knirschte sich in ihren Schoß die Nacht,
sie warf umsonst ihm hin das Opfer süßer Früchte,
unter seinen Eulenblicken welkte ihre Haut.

 

Jul 6 21

Und wandelst ferne du

Und wandelst ferne du an Wassern,
wo Funken weißer Blüten stieben,
spielt sanft ein Wind mit Nebelschleiern,
die von den frühen Leiden blieben.

Sind Sonnen dort wie blasse Knospen,
gerankt an hohen Wolkengittern,
Schnee streut ein Mond dir hin von Veilchen,
an denen weiche Tropfen zittern.

Und glaubst du einsam dich, verlassen
auf diesen schwanken Jenseitsgängen,
es nahen schon wie Schwestern Schatten,
die sanft umhüllen mit Gesängen.

Dort fließen Tag und Traum zusammen,
kein Bild bleibt wehem Liebessinnen,
kein Kuß kann mehr das Blut vergiften,
und keine Träne wird mehr rinnen.

 

Jul 5 21

Geh stumm

Geh stumm nur deinen Dämmerpfad,
frag nicht, ob rings noch Ähren wehen,
frag nicht, ob längst die Sommermahd
nur tote Stoppeln ließ dir stehen.

Hörst du ein Seufzen in der Nacht,
frag nicht, kommt es von warmen Lippen,
frag nicht, ob es der Wind gebracht
von grauer Gischt an fernen Klippen.

Scheint dir das Leben wie entrückt,
frag nicht, ob kalte Flocken fielen,
frag nicht, ob heißer Hauch gepflückt
dir Blüten von geneigten Stielen.

 

Jul 4 21

Der immerwährende Wechsel

Ist alles da, liegt alles dir zu Füßen,
die Kiesel bunt, die Worte rundgeschliffen
von Himmelswassern, die in Meere fließen
und atmen sprühend auf an Blütenriffen.

Und alles stockt und schwindet hin, erbleichen
im Dämmerlichte Moos und Male,
kein Duft, kein Mund kann sie erweichen,
der Schmerzen muschelweiße Opferschale.

Ist alles da, schwebt alles dir zu Häupten,
die Wolken und die Worte weich zerfasert
von Wirbeln, pollengoldbestäubten,
Nymphäensäulen, sternenzart gemasert.

Und alles starrt und alles schweigt, versinken
im Schneegestöber Saat und Seelen,
und keine bleiche Lippe weiß zu trinken
sich Leben aus kristallenen Asphodelen.

 

Jul 3 21

Die Schmach

Schmach ist das Stigma aller Lebensschwäche,
der Sud, der ätzend tropft aus Hohnes Lefzen
auf Stirn und Wange, Auge und Geschlecht.

Das Ohr der Reinen warnt nicht ein Geläute
von Silberglöckchen an zerfressenen Gliedern,
sie wittern siecher Seelen Fäulnisdunst.

Doch alles steht im Banne der Verschattung:
der Edle unterm Flügel dunkler Engel,
der unter Gott, die Gottheit unterm Hauch des Nichts.

Und fiele auch ein Schnee, der Halm und Schatten löschte,
aus einem Himmel, den wir gnädig nennten,
verborgene Wunde tränkte ihn mit Blut.

 

Jul 2 21

Gedächtnismilde Schauer

Des Kusses goldener Schimmer,
den dir mein Abend hebt
aus einem weichen Wasser,
erhellt die Stirn, entschwebt.

Ein Efeudunkel tropft
gedächtnismilde Schauer,
wenn du vorübergehst
an jener Gartenmauer.

Zwei Kerzen sagen noch
von süßen Liebesqualen,
zwei Knospen blicken noch
aus nahen Blumenschalen.

Die sanften Worte pflück,
die aus dem Dunkel sprießen,
ihr Duft trägt dich zurück
zum Hort, den wir verließen.

 

Jul 1 21

Die Wiedergängerin

Aus Dämpfen steigt sie auf, ein Rascheln
von Seidenstoff genügt, Papier, das reißt,
durch Ritzen im Gemäuer sickert sie, ein Seufzen,
verfangene Biene, die im Vorhang schreit.

Aus Abendschauern hohen Laubes tropft
sie auf des Überdrusses Schwelle, glitzert,
ihr Schluchzen hört der Schmerz der Liebe
im Regen, der nicht aufhört in der Nacht.

Sie schwappt, ein blauer Schatten, überm Wasser,
das von verwehten Blütenblättern fault,
sie sät dem Dichter in die feuchten Furchen
ein Knirschen zarter Nachtigallenknochen.

Und sieht sie, wie die junge Lockenschöne,
die Wangen fieberfleckig vom Gewühle,
sich aus dem Hause des Verräters schleicht,
verrunzelt ihre Haut, die Hand verknöchert,

und in sich zischend, hebt sie ihren Buckel
auf einen unsichtbaren Wurzelstock,
streut Perlen auf den Weg, zu leuchten,
mit ihres Speichels süßem Gift betaut.

 

Jun 30 21

Aus blauem Abgrund

Wo am Abend Glocken heimwärts läuten,
will ich dämmern, wo von Schattenzweigen
schneien hin, als wäre es in Träumen,
weiße Apfelblüten, will ich schweigen.

Wo aus blauem Abgrund Wolken quellen,
will ich Knospen stillen Lebens denken,
mußte Liebesleid mich auch entstellen,
mußten auch Dämonen mich verrenken.

Wo die Kindheitspfade sich verlieren,
will ich einsam zu den Ahnen gehen,
Odem hoher Weisheit will ich fühlen
bei den Dichtern, die um Blitze flehen.

 

Jun 29 21

Das Gewitter

Ein Schleier, Feuchte hauchend, milde,
Gespinste silbergrau geblähte,
in Schauern dumpfer Traumgebilde
verwirrt sich, was die Sonne säte.

Und keinen Flügel mag mehr dulden
der Winde Aus- und Einwärtssaugen,
es füllen sich bemooste Mulden
mit dem Gestank von trüben Laugen.

Die Blitze sind wie Feuerschlangen,
die aus dem Niemandsschlunde zischen,
das Grauen ist ins Tal gegangen,
wo Aschen sich und Rosen mischen.

Und dampft die Erde aus den Schründen,
bleibt noch Getröpfel, leises, laues,
daß Herzen linder sich empfinden,
vom Himmel sinkt ein Band, ein blaues.

 

Jun 28 21

Schattenrisse, Puppen, Avatare

Schattenrisse, Puppen, Avatare, die Auto fahren,
essen, schlafen, träumen, sich umarmen.
Statt Mark und Nerven Blindgestrüpp
von Phrasen, durch nummerierte Kapillare
sickert zerstampfter Blüten fade Lymphe.
Was sie einander sind: milchige Flecken
auf der Haut, die mondne Blässe eines Händedrucks,
die, erschlafft der Griff, gespensterhaft erlischt.

Daß ein ernüchterter van Gogh sie malen könnte,
die Leere, wie sie gnadenlose Augen sehen,
das Vakuum, die Transparenz des Nichts,
die um ihr schreiendes Gewese schweigt,
die Leere, die in ihnen schwülstig schwadroniert,
vom Fleischermarkt des knurrenden Tags
bis in den schluchzenden Schlachthof des Traums,
von Allverbrüderung im Schlamm,
von Fäulnissümpfen molchiger Umklammerung.
Und küssen sie, und stechen sie,
mit Wahn-Wulst-Lippen, mit psychotischen Messern,
gluckst, mühsam aufgewallt, das Blut so hohl,
wie klaglos es aus namenlosen Wunden rinnt.

Nicht daß sie einsam wären,
verwehte Blätter auf brackigen Untot-Wassern,
die im bleichen Strahl des Mondes schwappen,
die Möglichkeit zur Einsamkeit ging ihnen aus,
Gespenstern, die an Windes Leine kläffen,
verdunstete zu einem Grinsen, feig von gleich zu gleich.
Der Laich des Glücks ist fahl, ein stummes Einvernehmen,
wenn sie in Schuppen lüsternen, letalen Funkelns
in- und auf- und miteinanderschwärmen,
Geisterfische unterm scheelen Blick der Sonne,
die ihre Reuse jäh ans dämmernde Ufer zieht.

 

Jun 27 21

Am Wasser laßt mich liegen

Laßt dämmern mich in hohen Halmen,
am Wasser laßt mich liegen,
bis mich die Schatten überwachsen,
bis mich die Schatten wiegen.

Und rudert ihr zum andern Ufer,
hör ich das Wasser rauschen,
was aufseufzt unterm Schlag der Ruder,
dem Liede will ich lauschen.

Ich fühle noch des Mondes Lächeln
den Schmerz des Abschieds kühlen,
ich fühle noch durch junge Gräser
das alte Dunkel wühlen.

 

Jun 26 21

Und kommt es hoch

Die Sonne stieg, die Sonne schwand,
die Erde dreht sich, selbstverloren,
das Blatt des Wortes ist verbrannt,
die Frucht des Weines ist erfroren.

Und kommt es hoch, sind’s achtzig Jahre,
daß Schauern tropft vom Grün der Erde,
wacht auch kein Engel an der Bahre,
es glättet sich die Schmerzgebärde.

Der Mond nahm ab, der Mond nahm zu,
was hast du von der Welt gesehen,
voll Hoffnung bandst du dir den Schuh,
dann weißt du nicht, wohin noch gehen.

Und kommt es hoch, sind’s Südens Strände,
wo Rauschen bleicht das Blau der Meere,
am Salz verwittert deine Hände,
das Herz die runzlig-graue Beere.

 

Jun 25 21

Indirektes Licht

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Wenn man den Knaben, den Jüngling, den Mann ausschließlich von Kindergärtnerinnen, Erzieherinnern, Lehrerinnen und Dozentinnen umglucken, verhätscheln und beschwatzen läßt, darf man sich nicht wundern, wenn sein Gemüt Wachs in der Hand des Zeit- und Weltgeistes wird, Worte wie Kampf, Abenteuer, Eroberung und Sieg ihm die Haare zu Berge stehen machen und sein Gelüst und Gemächt zur Zeugung verkümmern.

Die wirksamste Methode, rassistische Ressentiments zu erzeugen, besteht in der staatlich verordneten und pädagogisch überwachten Dauerberieselung mittels antirassistischer Propaganda.

Die Erbschuld der deutschen Nation soll mittels Vermischung mit fremden Rassen und Überlagerung durch fremde Kulturen, also durch Selbstauslöschung, getilgt werden.

„Er hat überlegt gehandelt“ heißt nicht: Er hat stundenlang sich im Sessel gerekelt und Pläne geschmiedet, wie er den Garten bestellt, sondern: Er ging zum Schuppen, nahm den Rasenmäher und die Gartenschere, schloß die Maschine an und mähte den Rasen, begutachtete die Rosenstöcke und beschnitt sie kunstgerecht. – „Er hat mit Bedacht gehandelt“ heißt nicht: Er ging beim Schachspiel alle Regeln durch, um sich für den nächsten Zug zu entscheiden, sondern: Er überblickte die Situation und nahm die Dame aus der Gefahrenzone. – „Er hat absichtsvoll gehandelt“ heißt nicht: Er durchmusterte vor seinem geistigen Auge das Wörterbuch der typischen Redewendungen, um die ins Gespräch passende herauszupicken, sondern: Er sagte wie aus der Pistole geschossen: „Du bist ja nicht ganz bei Trost!“

Weil die Decke der Illusion nicht wirklich wärmt, hört man das ständige Klagen und Jammern über unzumutbare Lebensbedingungen.

Wehe, wenn die vom Leben Enttäuschten und die Virtuosen der Klage die Tüchtigen, Gesunden oder diejenigen, die sich immerhin tapfer über Wasser halten, schurigeln, in den Ohren liegen, ihnen Lebensgift in die Suppe mischen.

Der Krüppel kann bisweilen einen feineren Sinn für die Anmut einer Geste und die betörende Grazie einer Haltung an den Tag legen als der gutgewachsene Banause.

Indirektes Licht zeigt oftmals Konturen und Profile, die im direkten und allzu grellen verschwimmen und untergehen.

Die einen sagen, seine Zeilen zeugen von geistiger Zerrüttung, die anderen von echter Inspiration und dichterischer Kraft. – Gibt es hier Maßstäbe der ästhetischen Urteilskraft? Ja, die suggestive Macht der Bilder und die Prägnanz der Worte.

In der Wüste abgestandener Klischees wirkt die Palme eines prägnanten Worts wie eine Fata Morgana.

Im Bereich begrifflicher Analyse sind Zuschreibungen wie „subjektiv“ und „objektiv“ zumeist unzulänglich. Der Wahrnehmungseindruck ermangelt nicht der gegenständlichen Evidenz, weil er anders als durch den Vorgang des Tastens, Fühlens, Sehens oder Hörens nicht zustandekäme.

Auch wenn wir im ästhetischen Urteil über die Qualität ihrer Interpretation divergieren, haben wir dieselbe Klaviersonate gehört. Wir verweisen mittels Heranziehung der Partitur auf dieselbe Sonate, wenn wir sagen, der Pianist habe sich in Takt 32 vergriffen.

Wir können nichts sagen, ohne zugleich etwas zu zeigen. – Wir gebrauchen Namen für Gegenstände und Ereignisse nicht ohne die Möglichkeit, durch die Verwendung von Zeigewörtern wie hier und dort, hierhin und dorthin, zuerst und sodann ihnen einen Ort oder Richtungssinn im raumzeitlichen Koordinatensystem zu geben, dessen kontinuierlich wandernder Mittelpunkt wir ebenfalls mit einem Zeigewort angeben: ich.

Wir können nicht nur mittels Nennen und Zeigen über die geteilte Wahrnehmungssituation reden, sondern ebenso über die mitgeteilte fiktive oder imaginäre Situation wie bei der Erzählung über ein vergangenes Erlebnis oder dem Hinweis auf ein Vorhaben; auch in diesen Fällen gebrauchen wir dieselben Zeigewörter für Raumstellen und Zeitpunkte wie bei der demonstratio ad oculos: „Dort sah ich unseren Freund Peter, der mir, nachdem er mich erkannt hatte, rasch entgegenging.“

Gleiches gilt für Verweise in allen möglichen Sorten von Texten: „Wie oben schon angedeutet“, „Wie ich weiter unten ausführen werde.“

Die Tatsache, daß wir aus logischen Gründen keine letzten Begründungen für unsere Aussagen angeben können, verurteilt uns weder zu resignierendem Schweigen noch legitimiert sie ein zügelloses Schwadronieren.

Die Welt ist gewiß nicht, was wir uns vorstellen, denn wir werden öfters darüber belehrt, daß wir mit unseren Vorstellungen, beispielsweise über die Fauna in der Wüste Gobi, falsch liegen, beispielswese von einem Zoologen, der uns nach einem längeren Aufenthalt vor Ort darüber ins rechte Licht setzt.

Zu behaupten, man wisse, was die Welt im Inneren zusammenhält, beispielsweise ein blinder Drang und Wille, weil man bei geschlossenen Augen lange in sich hineingehört habe, ist vom logisch-semantischen Niveau her nicht besser, als zu behaupten, man wisse, was die Affen innerlich bewege, weil man bei geschlossenen Augen im Zoo lange ihrem Gebrüll gelauscht habe.

Wir können von demjenigen, was der gewöhnliche Gebrauch von Worten in uns an Vorstellungen oder Intuitionen auslöst, nicht auf ihre Bedeutung schließen. Was immer Menschen sich beim Klang des Wortes „Wasser“ mögen gedacht haben, die Bedeutung von H2O hat sich ihnen auf diese Weise nicht erschlossen.

Jagd und Saat, Beute und Frucht, Wildnis und Garten, Zelt und Haus, Nomadentum und Seßhaftigkeit sind die beiden hervorstechenden kulturellen Lebensstile, die noch immer die Tiefenschicht der dichterischen Bildsprache prägen.

Augenscheinlich kann man von den Berichten des Paranoiden über seine Ängste und Fluchten auf etwas schließen, was wir ein ruhiges, angenehmes und unverstörtes Leben nennen dürfen; ja auch umgekehrt, um das Ausmaß der Leiden des ersten zu ermessen, bedürfen wir der Maßstäbe des zweiten.

Um dem für dumm verkauften und übertölpelten Publikum ein sinnfälliges Bild vom ehelichen Leben oder den Freuden und Pflichten der Elternschaft zu vermitteln, hält man ausschließlich Heiratsschwindlern, Ehebrechern, Opfern sexuellen Mißbrauchs und kinderlosen Perversen das Mikrophon hin.

Der dank staatlich gelenkter Erziehungsmaßnahmen und kommerzieller Medienpropaganda banausisch und stumpf gewordene Geschmack reagiert nur noch auf grobstoffliche Reize gewalttätiger Motive oder sentimental-verlogener Selbstenthüllungen, für die sublimen Wonnen der künstlerischen Form und Gestaltung ward er unempfänglich.

Das Seltene den Seltenen.

Die Zeugungsfähigkeit und die Möglichkeit zur Schwangerschaft, also die zweigeschlechtliche menschliche Natur, geben uns den einzig sinnfälligen Rahmen, um von denjenigen Personen in ihren naturwüchsigen und sozialen Rollen zu sprechen, die wir Vater und Mutter nennen.

Auf dem Bühnenraum der Familie spielt sich das Drama der menschlichen Existenz vorzüglich ab, ob als Tragödie oder Komödie, als Rührstück oder Posse.

Familienerinnerungen sind die langwierigsten und verwickeltsten Stränge in unseren Erzählungen, ob wir sie anderen oder uns selbst zum besten geben. Manchmal verheddern sich die Fäden, sodaß wir einen professionellen Hermeneuten benötigen, um sie uns zu entwirren.

Genealogische Linien sind Linien des Schicksals.

Anhand des weiblichen Personals der griechischen Mythologie läßt sich eine universal gültige Psychologie der Frau entwickeln.

Manche mythischen Frauenmasken sind sowohl individuell, denn sie haben Eigennamen, als auch, wie die Nereiden, die Musen, die Dryaden, die Harpyien oder Sirenen, Gruppenwesen.

Die Erzählung vom Krieg um Troja entfaltet die tragikomische Intimität zwischen Aphrodite und Ares.

In der auratische Nähe jener Gottheit, der er sich verwandt fühlt, spricht sich die charakterliche Neigung des Menschen aus, so verführt die Nähe der Aphrodite Paris zu bübischem Allotria und fatalen Turbulenzen, die Nähe der Athene schenkt Odysseus Mut, listige Entscheidungen, Geduld.

Die grundlegende semantische Tatsache, daß bestimmte Namen, nämlich Eigennamen, Individuen benennen und bestimmte andere Namen, nämlich Gattungsnamen, Mengen von Individuen, führt uns zur grundlegenden logischen Form gültigen Schließens: Wenn Nona, Decima und Morta die Eigennamen der Parzen sind und jene Parze, die den Lebensfaden durchtrennt weder Nona noch Decima ist, muß sie Morta sein. Die semantische Form des Namens enthält die logische Form des gültigen Schließens.

Allgemeinbegriffe geben uns oft den Rahmen, innerhalb dessen wir auf ihre Träger oder Inkarnationen zeigen können; so wenn wir mit der entsprechenden Geste äußern: „Da geht unser Freund.“

Die Behauptung, die logische Ordnung von Singularitäten und Mengen sei nur eine zufällige Projektion unserer sprachlichen Einteilung in Eigennamen und Gruppennamen, ist sinnlos, weil jene Ordnung und diese Einteilung die Grenze dessen darstellen, was wir überhaupt sinnvoll meinen und sagen können.

 

Jun 24 21

Der letzte Gast

Wenn graue Himmel sich erhellen
und mit dem Tau zerrinnt der Staub,
siehst du, wie edle Trauben schwellen,
Hauch rühren auf das müde Laub.

Die du gepflückt im Dämmertale,
die weiße Knospe, noch verhüllt,
auf stillem Wasser in der Schale
geht auf ihr Schoß, ein Leuchten quillt.

Wenn du dann dämmerst, krank, verlassen,
nur eine Mücke ist dein Gast,
mag deinen Geist kein Grauen fassen,
hörst du ihr Sirren, zärtlich fast.

 

Jun 23 21

Weiß nicht mehr

Wie tönt das Singen immer leiser,
wie eines Vogels, der schon ferne schwebt,
weiß nicht mehr, ob es mir gegolten,
ob mir umsonst das Herz gebebt.

Wie wird das Glänzen immer blasser,
wie eines Wassers, das die Wolke schwärzt,
weiß nicht mehr, ob mich Augen meinten,
ob nur ein Irrlicht hat gescherzt.

Wie wird die Schläfe immer tauber,
wie eines, der sich Schlaf aus Giften trank,
weiß nicht mehr, ob mich Zweige streiften,
ob eine Hand ins Dunkel sank.

Wie tönt das Singen immer leiser,
wie einer Nachtigall, da es schon tagt,
weiß nicht mehr, ob es mir gegolten,
ob sich umsonst das Herz zernagt.

 

Jun 22 21

Denkstein, Flamme, Lied

Es war der Denkstein an der Grabesstätte,
und die ihm eingraviert, Emblem und Namen,
es waren Trauersang und Grabbeigaben,
wie Schwert und Spange, Reif und Muschelkette,
noch blieben Lichter, die von ferne scheinen,
und blaue Veilchen, die statt unser weinen.
Es kann das Bild, Reliquien der Ahnen,
das Herz erheben zu den Sternenbahnen.

Den Sinn gab uns die Flamme, steinumhegte,
des Hauses Mitte, Wärme heller Nächte,
und die sie barg, Hand, sehende, gerechte,
die unsren Kummer mit der Asche fegte,
und was die Mutter schloß in schöne Schreine,
des Erben Zier, geschliffne Edelsteine.
Doch will Nomadengeist den Herd verheeren,
die harte Hand, des Vaters, wird ihm wehren.

Ums Haus erblühte, was der Edle säte,
ins dunkle Wasser sanken weiße Rosen,
er brach die wilden Ranken, band die losen
von Reben, daß der Traube Lust sich blähte,
und wie vom herben Kräuterduft benommen,
ist ihm ein Schwanenlied ins Schilf geschwommen.
Das Lied, es breitet wie ein Tau den Schimmer,
das Lied, es glänzt ins Dunkel uns noch immer.

 

Jun 21 21

Die Sonnendolche ritzen

Die Sonnendolche ritzen,
es schaben Lichtes Krallen,
kein Wort trägt Blütenspitzen,
nur trüben Schleim der Quallen.

Der Glanz von Namen, Blättern
zerklirrt im dürren Laube,
vom stillen Gras der Lettern
blieb Windes Pfiff im Staube.

Was in den Schilfen bebte,
des Wassers dunkle Sage,
kein Hauch, der dich belebte
im hohlen Spreu der Tage.

Noch fluten Ozeane
von Monden fremder Sänge,
noch mildert Schaum dem Schwane
die bangen Übergänge.

 

Jun 20 21

Auf blauen Wassers Seide

Auf blauen Wassers Seide,
blauer Lüfte Wellen,
volle Knospen, weiße,
weich verblätterndes Geschmeide,
Rosen, die aus dunkler Ahnen Furchen quellen,
kühle Tropfen, heiße.

Irisierende Kristalle,
kühlen Odems Epigramme,
schreiben Rätselschimmer auf die Erde,
Flocken, zagend lang im Falle,
löschen aus die zarte Flamme,
später Rosen Schmerzgebärde.

Auf dünnen Pergamenten,
hohen Leidens Opferfluren,
blühen aus den trocknen Ritzen,
sprießen aus den Staub- und Grab-Pigmenten
Farn und Gräser zierlich auf zu Sinnfiguren,
verschränken sich zur Aura dunkler Bilder weiße Blütenspitzen.

 

Jun 19 21

Der Abschiedsgruß

Die ihren Abschiedsgruß gewinkt,
die Hand gleicht einer trägen Knospe,
die duftlos unter Gräser sinkt.

Die Seele, der dein Winken galt,
ward einer Lerche Melodie,
die tief im blauen Grund verhallt.

Der Kuß, der Hauch, der dich geweckt,
wie Regen trocknen Schiefer tränkt,
hat zarte Adern aufgedeckt.

Was kühlen Schimmer brachte, schwand,
die Wolke, Spiel des blinden Winds,
die Sonne sticht, das Herz wird Sand.

 



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