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Jul 7 18

Die Verwandlung der Schwestern

Ne l’ora che comincia i tristi lai
la rondinella presso a la mattina,
forse a memoria de’ suo’ primi guai,

e che la mente nostra, peregrina
più da la carne e men da’ pensier presa,
a le sue visïon quasi è divina.

Zur Stunde, da die Schwalbe ihre Klage
am Morgen anhebt, sie ist wohl bedrückt,
gedenkt sie ihrer frühen Unglückstage,

wenn unser Sinn ist mehr entrückt
dem Fleische noch, Gedanken ihn nicht engen,
scheint göttlich er von seiner Schau verzückt.

Dante Alighieri, Divina Commedia, Fegefeuer, IX, 13–18

                               *

Die Zeichen, die ins Tuch sie eingewebt
der treuen Schwester Prokne, sie zu lesen,
ein Herz, das aus demselben Blute bebt,

vom selben Schmerz am Zwillings-Quell genesen,
schäumt heller als der Liebe heißer Strahl,
im Blick des Mannes ist er Dolch gewesen,

in Philomelas Schoße Todesqual.
Als unter trunknem Schritt die Halme bogen,
von Blättern, Lippen rannen Seufzer fahl,

im Schwirren weicher Rohre Locken flogen,
war fremden Gottes Traumgesang das Heil,
da sie aus Kelchen Sonnenglut gesogen.

Der Rebe krumme Wurzel wurde Beil,
zu metzeln, zu hacken den Bastardspross, den schönen
Kopf vom Rumpf zu trennen, rachegeil,

den Vater mit dem Schreckensmahl zu höhnen,
das sie im Saft geschmort von Blut und Wein,
die Silberschale mit dem Haupt zu krönen.

Beflügelt ward die Flucht, das Grauen Schein,
der dunklen Schwestern aus der Höhe blaute
und hob aus Schwere sie ins leichte Sein

verzückter Federn, vom Kuss der Luft betaute.
O Wunder, wie hoher Geist aus dem Verfall,
aus Wahn und Chaos Schönes sich erschaute,

der Schwalbe Flug, das Lied der Nachtigall.

 

Mythos:
Prokne, Schwester der Philomela, wird dem rohen fremdländischen Thraker-Herrscher Tereus angetraut, doch hat es seine unbezähmte Geilheit und Besitzgier auf die schöne Philomela abgesehen, er lockt sie in einen Wald, um sich an ihr zu vergehen. Der dort von dem Missetäter in einem Stall gefangenen Frau hat er die Zunge abgeschnitten, auf dass sie die grausame Wahrheit nicht über die Lippen bringen und ihrer Schwester anvertrauen kann. Sie aber webt die Zeichen ihrer Leidensgeschichte in ein Tuch und vermag es ihrer Schwester Prokne auszuhändigen. Diese kann die Zeichen lesen und befreit Philomela, dabei geraten die beiden Mädchen im Wald in den rauschhaften Umzug des Dionysos. Im Aufruhr und ekstatischen Tanz der Mänaden werden ihre finsteren Rachegelüste entfacht. Sie zerstückeln bacchantisch erregt den kleinen Sohn Itys aus der ehelichen Verbindung zwischen Prokne und dem Vergewaltiger, der aus dem überhitzten Gefühl der Blutsverwandtschaft der Schwestern zu einem Bastardspross herabsinkt, sie kochen aus den Fleischbrocken ein Mahl und setzen es dem Vater zum Hohne vor. Nachdem er sich reichlich daran gelabt hat, offerieren sie den abgeschlagenen Kopf seines Sohnes auf einer silbernen Schale. Die anschließende Flucht der Mädchen vor der Mordwut des entsetzten Vaters gelingt nur dank des Eingreifens einer höheren Macht: Zeus, Gott des Lichts und der kosmischen Weisheit, verwandelt die Schwestern in Vögel, in eine Schwalbe und eine Nachtigall. So sehen wir im Lichte des Mythos die Verwandlung der dunklen Schwestern im Aufschwung zur Helle des olympischen Himmelslichts vor dem Hintergrund des Grauens und Schreckens, woraus sie sich beflügelt in die Lüfte retten, die Schwalbe beschenkt mit der Anmut ihres Flugs, mit der Süße ihres Lieds die Nachtigall.

 

Jul 6 18

Das Zeichen

Gehen wir ins Schweigen
hohen Lebens
heim zur Quelle
der sich liebend neigen
Traum und Blüte
sanften Bebens
Fliehen aus den Tälern
wir ins Helle
die aus Blicken
hoher Güte
sich ergießt
in die Blumenschale
unsrer Schauer
lautlos fließt
Dass den Tagen
die im Dunst ersticken
am trüben Fensterglase
heißer Hauch
das Zeichen male
Dass um unsrer Fragen
vagen Blumensaum
Lichtes Bienen schweifen
von den Staubgefäßen
die in weißer Stille
gegenständig zagen
reine Pollen streifen
Dass aus eignem Sein
wir ein Wasser schöpfen
das im hohen Leuchten
sich wandelt uns
in Wein

 

Jul 5 18

Gespinst der Nacht

Im Gespinst
der nächtigen Spinne
wirren
Windes
blinde Hände
Durch den Dunst
der Schattenwände
sirren
Schattenschwalben
Tropfen
zittern
an den weichen Wangen
Anemonen
Dass der dunklen Erde
Dulden
heller werde
Glänzen rinne
in den Grund
wo die toten Seelen
wohnen
Ihr Tränen
eines Kindes
wenn die bangen
Traumgedanken
an den Schattengittern
ranken
o wenn im Blau
das über Gräsern winkt
im Gespinst der Nacht
der Morgentau
ihm lächelnd blinkt

 

Jul 5 18

Worte leer gesprochen

Hülsen
die ins Abseits rollen
Worte
leer gesprochen
Knospen
die sich wieder schließen
Hände
bange Vögel
in Traumgestrüpp gekrochen
und die manchmal
uns noch fließen
Tränen
blauer Mohn
dämmerfahl
unter grauen Schauern
lange schon
verschollen
und die manchmal
uns gemahnen
Schattenranken
zarter Flechten Qual
auf Friedhofsmauern
an die hohen Ahnen
ausgeseufzte Lieder
im namenlosen Staube
auf und nieder
schwanken

 

Jul 5 18

Einmal noch II

Einmal
Stäuben noch
wie keuschen Schnees
im Sternenhauch
von weichen Mooses Wort
das wimpernd schon auf Tropfen
sinnt

Einmal noch
Knirschen
goldener Körner
wenn Schaum des Winds
zwischen Schlaf und Schilf
fernes Lichtgefieder
blitzt

Einmal noch
Kühlung
heißem Puls
wenn Mädchen-Plauderns
Wasserfaden
wilder Huf des Satyrs unter-
bricht

Einmal
Fühlung noch
wenn weiße Blüte
von sanfter Geisterhand gepflückt
letzter Kuss
auf stumme Lippen
sinkt

 

Jul 4 18

Die Quelle

Gras und Schilf
Nest eines Munds
der mit Kristallen sang
brach sich der Strahl
an Wellenstrophen
schöpfte
sich ein Auge
mit den Schattenwimpern
Schlaf
Ging ein Traum
zum Quell und sprach:
Mich dürstet
nach dem Mund
der mir singt
die Ferne nah
der mir füllt
die weiße Knospe
mit dem reinen Lied
dass ins Licht
ich mich entfalte
Und die Quelle sang:
Sinke nieder
auf den Grund
Schauer hat
mein Gras
mein Mund
ist glatt
ein Spiegelglas
lass von Blitzen
meiner Lieder
deiner Knospe
Hülle ritzen
deine Qualen
werden Tropfen
und sie rinnen
auf die offnen
Blütenschalen
als hätten deine
Schattenwimpern
dir aus innrer Quelle
geschöpft die reine
Gunst der hohen Helle

 

Jul 4 18

Wozu

Mund wozu
wenn reinen
Wassers Lächeln
ungeküsst
verrinnt

Aug wozu
wenn scheuer
Knospe Schmerz
unter Blüten-
Lidern dunkelt

Herz wozu
wenn Geläut
der Abendglocke
unterm Schnee
erstickt

 

Jul 3 18

Sichtschneisen I

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Ich kann dein Leben nicht leben, du nicht meinen Tod sterben.

„Es könnte alles anders sein“ – das ist Unsinn.

Wärst du ganz anders, existiertest du nicht als derjenige, der du jetzt bist.

Wäre alles anders, existierte derjenige nicht, der glaubt, sich dies vorstellen zu können.

Es gibt kein externes Kriterium, an dem gemessen alles als so oder anders gewertet werden könnte.

Einer nimmt einen fremden Namen an, einer schreibt unter einem Pseudonym:
Es ist derselbe, der gestern Hans und heute Peter gerufen wird; es ist derselbe, der gestern mit seinem Geburtsnamen und heute mit einem fiktiven Namen zeichnet.

Wäre es nicht derselbe, verlöre der Begriff „Pseudonym“ seinen Sinn.

Wäre ich morgen ein anderer, könnte ich von dieser seltsamen Metamorphose nichts wissen.

Die Schatten in Dantes Hölle sprechen mit der ihnen ganz eigenen lichten Stimme.

Der Priester, der eine Taufe vollzieht, auch wenn er während der Zeremonie von abscheulichsten Phantasien gequält worden ist, hat den rituellen Akt dennoch vollgültig vollzogen.

Der Täufling hat einen Namen, auch wenn der Priester beim Aussprechen des Namens an etwas ganz anderes gedacht hat.

Dieser Vorgang ist ein semantisches Modell der Benennung und der Konstitution von Sinn.

Doch eine Maschine ohne Bewußtsein hätte den semantischen Ur-Akt nicht gültig vollzogen.

Warum? Sie könnte nicht wissen, dass sie eine Maschine ist, deren semantische Handlungen Schein-Handlungen sind, weil sie per definitionem nichts weiß.

Eine Maschine kann nicht sprechen, nicht nur weil sie nicht wissen kann, dass sie eine Maschine ist, sondern weil sie nicht einmal wissen kann, dass sie existiert.

Die Maschine könnte nicht meinen, dass sie keine Maschine sei, so wie wir von seelischer Auszehrung heimgesucht oder wie manche verrückten Philosophen von der verrückten Idee besessen meinen können, wir seien keine Menschen, sondern Maschinen.

Dass etwas da ist, irgendetwas, und sei es ein flackerndes Nichts, bevor es ein Gesicht annimmt, diese Tatsache ist symmetrisch und gleichursprünglich damit, dass etwas für irgendeinen, für mich oder für dich, da ist.

Der Hinweis darauf, dass etwas da ist, ist gleichsinnig mit der Aussage, dass etwas in den Gesichtskreis dessen tritt, der sagen könnte: „Da!“

Es muss Ur-Namen, Ur-Zeichen oder Ur-Begriffe geben, die nicht mittels Kombination bereits bekannter Zeichen gebildet werden.

Ein solcher Ur-Begriff ist „ich“. Wir kommen nicht von der Verwendung von „du“, „er“ und „sie“ zum Begriff „ich“.

Ein anderer ist „dies da“, der Sinnhorizont aller Dinge und Ereignisse, die dem Ich widerfahren.

Ein anderer wiederum „nicht“, womit wir die Grenze zwischen dem, was uns, und dem, was anderen widerfährt oder sonstwie geschieht, ziehen.

Mithilfe der Negation durchfurchen wir das Feld des Sinns, an den Seiten häufen sich die irrelevanten Möglichkeiten oder die ins Unkraut gefallenen Samenkörner.

Die Möglichkeit, wer? zu fragen, deutet auf den ontologischen Grund der Sprache.

Wer hat es gesagt, wer spricht?

Auf die Frage wer? antworten wir durch Angabe eines Namens. Peter hat es gesagt.

Peter ist nicht die Summe aller möglichen Beschreibungen, die wir von Peter durch Auflistung von Eigenschaften geben können, Eigenschaften wie Geschlecht, Größe, Alter, Beruf, Krankheiten, Vorlieben.

Peter ist nicht die biologische und soziale Identität als eine beliebige Summe von Eigenschaften. Wir treffen ihn nach zwanzig Jahren wieder, er hat sein Geschlecht umwandeln lassen, seinen Beruf gewechselt, ist von der Kinderkrankheit genesen und spielt heute lieber Schach als Fußball. Aber es ist derselbe Peter, mit dem wir in die Schule gingen.

Wir unterscheiden die biologisch, psychologisch und sozial definierte Identität oder Persönlichkeit von der semantisch-ontologischen Identität, die wir mit dem Namen verbinden, den der Täufling durch den Taufakt erhält.

Wir könnten im ungünstigsten Falle anhand unserer Beobachtungsdaten nicht mehr ermitteln, ob der Mann, der morgens das Haus verlässt, zu dem wir ihn abends als unseren Freund Peter begleitet hatten, derselbe Mann, Peter, ist. – Er aber weiß es.

Peter muss nicht wissen, dass Peter das Haus verlässt, nur, dass er es ist und kein anderer.

Wer meint, diese Rose sei rot, während sie in Wahrheit gelb ist, mag sich irren, weil er vielleicht fehlsichtig ist oder nicht gelernt hat, das Farbprädikat „rot“ korrekt zu benutzen. Doch wenn er im Ernst meint, die Blume sei rot vor Zorn, scheint er sich nicht auf eine Weise zu irren, die wir einsehen und korrigieren können. Er hat den Horizont des uns alltäglichen Sinns überschritten und spricht aus einem anderen Sinnhorizont als dem uns geläufigen.

Vielleicht ist er ein Dichter. So würden wir Dichtung als Entwurf einer Welt betrachten, in der die uns geläufigen Antworten auf die Fragen nach der semantisch-ontologischen Identität Wer? und Was? ungewöhnlich und neuartig ausfielen. So spricht im 26. Gesang des 1. Buchs der Divina Commedia Dantes die Zunge einer Flamme für den in die Hölle verbannten Odysseus.

Wenn die Rede davon ist, eine Rose neige ihr Haupt, verbleiben wir im Umkreis konventioneller Metaphorik. Wenn wir hören, die Rose sei eine verwunschene Prinzessin, die ihren Duft demjenigen aufspart, der ihre Schönheit ehrt, ohne sie zu pflücken, vernehmen wir den echten Märchenton.

Die Negation ist das Tor zum semantischen Begriff des Sinns.

Wir reden von Peter, und schließen dabei alle Personen, die nicht Peter sind, aus dem Sinnhorizont aus.

Wir sprechen Peter alle möglichen Eigenschaften zu, und können dabei im Zweifel sein, ob er musisch begabt oder ein Banause, tapfer oder feige, ehrgeizig oder träge ist, doch wenn sich herausstellt, daß er nicht die Person ist, die wir im Park gesehen haben, sondern deren Zwilling, sprechen wir über einen anderen.

„Es könnte alles ganz anders sein“ – aber wenn es so wäre, wüßten wir es nicht.

Denn auch der dies sagt, wäre nicht mehr derselbe.

Also macht es keinen Unterschied.

Daraus schließen wir: Sätze, die keinen Unterschied erkennen lassen im Falle, dass sie gelten oder nicht, sind sinnlos.

„Wäre ich nicht geboren, gäbe es die Spezies Mensch nicht, hätte David Goliath nicht besiegt“ – das sind unsinnige Annahmen, denn die Welt, die sie antizipieren, ist von der unseren begrifflich prinzipiell verschieden und demnach für uns unzugänglich.

Peter kann seine Freundin Carla an seiner statt mir das Buch aushändigen lassen, das er versprochen hat, mir an besagtem Tage wieder zurückzugeben. Doch nur er selbst, nicht ein anderer, kann dieses Versprechen gegeben haben.

Wir können auch sagen, in den wesentlichen subjektiven Bezügen unseres Lebens können wir uns nicht vertreten lassen.

Die Tatsache, dass einer den roten Fleck dort als Rose sieht, ist eine andere ontologische Tatsache, als diejenige, die der Satz beschreibt, dass dort eine rote Rose ist.

Der Blick kann nicht auf den Inhalt oder die Beschreibung des Gesehenen zurückgeführt werden.

Wir können die Tatsache der Wahrnehmung oder das Dasein der subjektiven Welt nicht auf die wahrgenommenen Inhalte zurückführen.

„Dort geht Peter.“ Dieser Satz, wie alle Sätze, deren Inhalt aus der Beschreibung von Sinnesdaten oder Beobachtungen besteht, ist eine Funktion der Tatsache, daß es jemanden gibt, der den Satz aufgrund seiner Wahrnehmung äußern könnte.

Die Tatsache, dass einer spricht, gehört einer anderen ontologischen Ebene an als das, was er äußert.

Wer redet, führt sich gleichsam selbst im Munde, die von ihm geäußerte Rede kann jeder andere nachsprechen.

Die hier etablierten Begriffe wie ego cogitans, Selbstaffektion, Subjektivität oder Dasein sind Fingerzeige, aber ohne selbsterklärende Evidenz.

Eine Evidenz finden wir in der bemerkenswerte Tatsache, dass die originären Zeichen oder Symbole für die Ich-Instanz sowohl singulär als auch universell sind: Der Pfeil auf der Wanderkarte steht für den je Einzelnen, der daran seinen Standort erkennt, und kann von allen Verständigen gelesen werden.

Eine andere Evidenz gewährt uns die sprachliche Tatsache, daß die Bildung der reflexiven Fürwörter mich und mir, mit denen wir leicht selbstbezügliche Empfindungen, Handlungen oder Widerfahrnisse wie „ich fühle mich schwach“, „ich wusch mir die Hände“ oder „ich verletzte mir den Finger“, ausdrücken können, sich eines anderen Wortstammes bedient als die nichtreflexive Form des Nominativs ich.

Das deutet auf die elementare Einsicht hin, dass die mit „Ich“ gemeinte Instanz nicht das Produkt oder Erzeugnis einer Reflexion ist, also auch nicht gelernt oder antrainiert werden kann.

Der Spiegel sagt nicht: „Du bist es.“

Und würde er es sagen, müsstest du, um zu verstehen, was er meint, schon gewusst haben.

Die Schachfigur belegt ein bestimmtes Feld auf dem Schachbrett. Das ist ein Modell der Bestimmtheit des Sinns.

Doch oft ist das Bedeutungsfeld vage oder verschwommen, ohne dass wir vor den Kopf gestoßen sind oder aus dem Spiel aussteigen.

Wenn wir von unserem Freund, der am Schreibtisch noch an einer wichtigen Arbeit sitzt, mit einem Fingerzeig Richtung Sofa und die Zeitungen auf der Anrichte aufgefordert werden, uns noch ein bisschen zu gedulden, werden wir, auch wenn „ein bisschen“ ein unbestimmter Ausdruck ist, doch ungeduldig, wenn wir den Lokalteil schon ganz gelesen haben, ohne dass sich unser Gastgeber gerührt hat.

Mag für Gott ein Äon wie ein Regentropfen an der Fensterscheibe verrinnen, uns kann die kurze Zeit, die wir auf den Geliebten warten, eine Ewigkeit dünken.

Wir können das Warten als Zumutung oder Selbstentfremdung empfinden. Wir können auch gleichsam zu uns selbst zurückkehren und uns der Wirklichkeit der stets gewärtigen inneren Leere stellen. Denn diese wird nur kurzzeitig und scheinbar durch die Stillung physischer Bedürfnisse aufgefüllt oder verdrängt. In Wahrheit existieren wir wie Wartende an einem Gleis, das längst tot ist. Wenn wir auf dem aufgeplatzten Asphalt, aus dessen Ritzen Löwenzahn und Gräser sprießen, in Gruppen herumstehen, plaudern wir über mehr oder weniger exotische Reiseziele. Doch die Fahrpläne sind Makulatur. Da ragt der eine oder andere Erzähler heraus, der durch die Kühnheit, den Charme und die Großzügigkeit seiner Traumberichte fasziniert. So gelangen wir zur Einsicht, dass der uns gemäße Zeitvertreib auf die Flucht zu imaginären Zielen hinausläuft, die Dichtung.

Der Mensch, könnten wir sagen, lebt nicht vom Brot allein, er bedarf auch des Weins der Symbole.

Wir erkennen die Wirksamkeit der Symbole schon auf der natürlichen Ebene: So ist der Kuss das natürliche Siegel auf dem Bund der Liebe und Freundschaft, aber auch wie der des Judas des Verrats.

Die Redewendungen, die wir zum Gruß und Abschied, zu Lob und Tadel, Freude und Trauer, Anteilnahme und Beileid gebrauchen, gehören zu den Urformen unserer symbolischen Welt.

Der Dichter erweitert und vertieft die uns naturgemäß angewurzelte symbolische Welt, indem er ihr frisches Blut aus dem Adergeflecht seiner Verse zufließen lässt oder ein neues Sternbild an den leeren Himmel wirft, das dann und wann, in der blauen Stunde der Selbstversunkenheit, auf dem dunklen Wasser unserer Ratlosigkeit und Leere geisterhaft schimmert.

 

Jul 2 18

Flocke

Zieht dich die Taube
mit dem harschen Flattern
noch über eines Kirschbaums
Blätterschatten?

O nicht weit
nicht weit!

Wie fremd klang schon
ihr Gurren vor dem Fenster
das im Nest
zerrissener Briefe
unter deiner Küchenspüle
die blinde Brut
der flügellosen Wünsche
weckt

Da war ein Fleck
der deine Aussicht trübte
wie einer Rose
zart zerknüllte Wange
auf kalter Scheibe
(geisterhafte Wand
hier dieses Wort
und jenseits jener Duft)
der bald
verblasste

Nur rührt dich weißer Flaum
der wie aus einer Wolke
Flocke
der Erinnerung
aufs Fenstersims
dir lautlos
schwebt herab

 

Jul 2 18

Paul Valéry, Baignée

Un fruit de chair se baigne en quelque jeune vasque,
(Azur dans les jardins tremblants) mais hors de l’eau,
Isolant la torsade aux puissances de casque,
Luit le chef d’or que tranche à la nuque un tombeau.

Éclose la beauté par la rose et l’épingle!
Du miroir même issue où trempent ses bijoux,
Bizarres feux brisés dont le bouquet dur cingle
L’oreille abandonnée aux mots nus des flots doux.

Un bras vague inondé dans le néant limpide
Pour une ombre de fleur à cueillir vainement
S’effile, ondule, dort par le délice vide,

Si l’autre, courbé pur sous le beau firmament,
Parmi la chevelure immense qu’il humecte,
Capture dans l’or simple un vol ivre d’insecte.

 

Überströmt

Fruchtfleisch badet sich in einer jungen Schale
(es blaut in bebenden Gärten) doch ganz unbenetzt,
sie trennt die Kordel von des Helmes hohem Male,
rein leuchtet Gold, das dem Hals ein Grabmal setzt.

Schönheit, Rosen und Spangen falteten sie aus!
Sie trat selbst aus dem Spiegel, wo ihre Perlen quellen,
seltsam versprühter Flammen peitscht der trockne Strauß
das Ohr, verwaist auf nackter Worte sanften Wellen.

Ein vager Arm, dem transparent das Nichts geronnen,
zerfranst um einen Blumen-Schatten-Strauß betrogen,
vergeht in Kräuseln, schläft entwirklicht von den Wonnen,

der andre, rein dem schönen Firmament gebogen,
greift durch der Haare Fülle, die ihn weich umleckt,
im schlichten Golde trunknen Fluges ein Insekt.

 

Jul 1 18

Paul Valéry, Valvins

Si tu veux dénouer la forêt qui t’aère
Heureuse, tu te fonds aux feuilles, si tu es
Dans la fluide yole à jamais littéraire,
Traînant quelques soleils ardemment situés

Aux blancheurs de son flanc que la Seine caresse
Émue, ou pressentant l’après-midi chanté,
Selon que le grand bois trempe une longue tresse,
Et mélange ta voile au meilleur de l’été.

Mais toujours prês de toi que le silence livre
Aux cris multipliés de tout le brut azur,
L’ombre de quelque page éparse d’aucun livre

Tremble, reflet de voile vagabonde sur
La poudreuse peau de la rivière verte
Parmi le long regard de la Seine entr’ouverte.

 

Valvins

Willst du den Gürtel lösen diesem Wald,
der glücklich dich umfächelt, aufs Blatt geflossen,
in flüssigem Boot für immer Wortgestalt,
treiben Sonnen, ausgestreute Sommersprossen

auf seiner Lende Schnee, sie liebkost die Seine
gerührt oder ahnend Nachmittagsgesang
auf einen langen Zopf, benetzt von Waldes Träne,
zieht deinen Schleier sie durch Sommers Überschwang.

Doch dir nahe, den das Schweigen Schreien beut,
ganz im bloßen Himmelsblau verbreitet,
der Schatten, auf die Seite eines Buchs gestreut,

zittert immer, Schleiers Widerschein, der gleitet
auf die bestäubte Haut der grünen Ufersäume,
wo lang die Seine blickt, die Lider senken Träume.

 

Siehe:
https://www.google.com/search?q=Valvins&client=firefox-b&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=0ahUKEwjyl-n1yv7bAhUKCpoKHawGCzgQ_AUIDCgD&biw=1120&bih=595#imgrc=am7BSkEIxUMubM:

 

Jul 1 18

Paul Valéry, Vue

Si la plage penche, si
L’ombre sur l’oeil s’use et pleure
Si l’azur est larme, ainsi
Au sel des dents pure affleure

La vierge fumée ou l’air
Que berce en soi puis expire
Vers l’eau debout d’une mer
Assoupie en son empire

Celle qui sans les ouïr
Si la lèvre au vent remue
Se joue à évanouir
Mille mots vains où se mue

Sous l’humide éclair de dents
Le très doux feu du dedans.

 

Vor Augen

Wenn sinkt der Strand, wie
überm Auge Schatten weicht und weint,
wenn Träne ist Azur, sie
im Salz von Zähnen rein erscheint,

die Jungfrau, in Schwaden oder Luft,
die sie wiegt in sich und dann haucht
dem Wasser hoch aus Meeres Duft,
schläfrig in ihr Reich getaucht,

jene, kann sie auch nicht fassen,
wenn die Lippe windbewegt
gewillt ist zu verblassen,
tausend leere Worte, da sich regt

unter Zahnes Blitz, dem feuchten,
des Innern übersüßes Leuchten.

 

Jul 1 18

Paul Valéry, Hélène

Azur! c’est moi… Je viens des grottes de la mort
Entendre l’onde se rompre aux degrés sonores,
Et je revois les galères dans les aurores
Ressuciter de l’ombre au fil des rames d’or.

Mes solitaires mains appellent les monarques
Dont la barbe de sel amusait mes doigts purs;
Je pleurais. Ils chantaient leurs triomphes obscurs
Et les golfes enfuis aux poupes de leurs barques.

J’entends les conques profondes et les clairons
Militaires rythmer le vol des avirons;
Le chant clair des rameurs enchaînes le tumulte,

Et les Dieux, à la proue héroïque exaltés
Dans leur sourire antique et que l´écume insulte,
Tendent vers moi leurs bras indulgents et sculptés.

 

Helena

Azur, ich bin’s … Ich komme aus den Todesklüften
die Wellen hören, die in Klangkaskaden schmettern,
und schau Galeeren wieder in den Sonnendüften
aus Schatten steigen mit den goldnen Ruderblättern.

Nach Herrschern rufen einsam meine Hände,
ihr Bart aus Salz war meiner keuschen Finger Schmiege.
Mir kamen Tränen. Sie sangen ihre düstern Siege,
die Buchten, die verdunkelt vieler Spanten Wände.

Ich hör die Muscheln in der Tiefe, die Fanfaren
dem Flug der Riemen ihren Rhythmus wahren.
Das helle Lied der Ruderer fesselt Sturmes Stöhnen,

die Götter am Helden-Bug Galionsfiguren
des frühen Lächelns, dem Gischtes Spritzer höhnen,
mir recken vergebend sich die Arme der Skulpturen.

 

Jun 30 18

Paul Valéry, Au Bois Dormant

La princesse, dans un palais de rose pure,
Sous les murmures, sous la mobile ombre dort,
Et de corail ébauche une parole obscure
Quand les oiseaux perdus mordent ses bagues d’or.

Elle n’écoute ni les gouttes, dans leurs chutes,
Tinter d’un siècle vide au lointain le trésor,
Ni, sur la forêt vague, un vent fondu de flutes
Déchirer la rumeur d’une phrase de cor.

Laisse, longue, l’écho rendormir la diane,
Ô toujours plus égale à la molle liane
Qui se balance et bat tes yeux ensevelis.

Si proche de ta joue et si lente la rose
Ne va pas dissiper ce délice de plis
Secrètement sensible au rayon qui s’y pose.

 

Im schlafenden Wald

Die Prinzessin schläft im Schloss der reinen Rose
unter Geflüster, unter leichter Schatten Schwingen,
aus Korallen hauchen Stimmen, schwerelose,
und selig picken Vögel an ihren goldenen Ringen.

Sie hört die Tropfen nicht in ihrem Fall,
von ferne läuten nicht der leeren Zeiten Hort
noch überm Blättermeer der Flöten lauen Hall
zerstieben eines Waldhorns stockenden Akkord.

Lass Echo schläfern ausgestreckt Diane,
O immer einiger mit schmeichelnder Liane,
die wiegt sich, trifft dein Auge unter Blättern.

So nahe deiner Wange, Rose, die so träge schaukelt,
wird nicht der Falten Wonne dir zerschmettern,
geheimen Sinnes mit dem Strahle, der dort gaukelt.

 

Jun 30 18

Paul Valéry, César

César, calme César, le pied sur toute chose,
Les poings durs dans la barbe, et l’œil sombre peuplé
D’aigles et des combats du couchant contemplé,
Ton cœur s’enfle, et se sent toute-puissante Cause.

Le lac en vain palpite et lèche son lit rose ;
En vain d’or précieux brille le jeune blé ;
Tu durcis dans les nœuds de ton corps rassemblé
L’ordre, qui doit enfin fendre ta bouche close.

L’ample monde, au delà de l’immense horizon,
L’Empire attend l’éclair, le décret, le tison
Qui changeront le soir en furieuse aurore.

Heureux là-bas sur l’onde, et bercé du hasard,
Un pêcheur indolent qui flotte et chante, ignore
Quelle foudre s’amasse au centre de César.

 

Caesar

Caesar, ruhiger Caesar, deinen Fuß auf allen Dingen,
im Bart die harten Fäuste, im dunklen Auge hängen
Adler und Schlachtenbilder von Sonnenuntergängen,
es schwillt dein Herz und fühlt, es könne alles zwingen.

Vergebens wogt der See und züngelt sich zu Rosen vor.
Umsonst glänzt junges Korn in goldner Pracht.
Du straffst mit Knoten in des Leibs geballter Macht
die Order, die Axt für deines Munds verschlossnes Tor.

Der Weltkreis, Fernen, wo alle Linien verschwimmen,
das Reich, es wartet auf Strahl, Dekret und Scheites Glimmen,
zu stürzen diesen Abend in Morgenrotes Zorneslicht.

Dort unten vom Glück gewiegt, der Welle wandelbar,
treibt dumpf ein Fischer und er singt, er weiß nicht,
welch ein Blitz sich staut in deiner Mitte, Caesar.

 

Jun 29 18

Paul Valéry, Naissance de Vénus

De sa profonde mère, encor froide et fumante,
Voici qu’au seuil battu de tempêtes, la chair
Amèrement vomie au soleil par la mer,
Se délivre des diamants de la tourmente.

Son sourire se forme, et suit sur ses bras blancs
Qu’éplore l’orient d’une épaule meurtrie,
De l’humide Thétis la pure pierrerie,
Et sa tresse se fraye un frisson sur ses flancs.

Le frais gravier, qu’arrose et fuit sa course agile,
Croule, creuse rumeur de soif, et le facile
Sable a bu les baisers de ses bonds puérils;

Mais de mille regards ou perfides ou vagues,
Son oeil mobile mêle aux éclairs de perils
L’eau riante, et la danse infidèle des vagues.

 

Geburt der Venus

Aus mütterlicher Tiefe, frostiges Gewitter,
auf blanker Schwelle dort des Sturms, vom Gischt
das Fleisch so bitterlich zur Sonne ausgezischt,
verschüttet Diamanten sie, des Wirbels Flitter.

Ihr Lächeln kommt, es gleitet hin zu weißen Händen,
von gequetschter Schulter Morgenland fließt Tau,
der feuchten Thetis edler Perlen-Bau,
ihr Zopf bahnt einen Schauer um die Lenden.

Der kühle Kies, ihn netzt ihr Fuß zur Flucht gewandt,
gibt nach, die Höhlen seufzen Durst, der Sand
hat ihrer kindlichen Sprünge Küsse getrunken.

Doch tausend Blicke, harter oder weicher Glanz,
ihr reges Auge mischt unter die Schreckensfunken,
des Lächelns Feuchte und treuloser Wogen-Tanz.

 

Jun 29 18

Paul Valéry, Féerie I

La lune mince verse une lueur sacrée,
Toute une jupe d’un tissu d’argent léger,
Sur les bases de marbre où vient l’Ombre songer
Que suit d’un char de perle une gaze nacrée.

Pour les cygnes soyeux qui frôlent les Roseaux
De carènes de plume à demi lumineuse,
Elle effeuille infinie une rose neigeuse
Dont les pétales font des cercles sur les eaux…

Est-ce vivre?… Ô désert de volupté pamée
Où meurt le battement faible de l’eau lamée,
Usant le seuil secret des échos de cristal…

La chair confuse des molles roses commence
À frémir, si d’un cri le diamant fatal
Fêle d’un fil de jour toute la fable immense.

 

Feerie I

Der schmale Mond wirft einen Heiligenschein,
einen Rock aus Silberfäden leicht gewebt,
aufs Marmorsims, wo träumend eine Jungfrau schwebt,
Perlen- und Gaze-Schimmer hüllt sie ein.

Den seidnen Schwänen, die mit der Kiele Flaum,
halb in Licht getaucht, streifen Schilfes Rohr,
zupft sie unendlich einer Rose schneeigen Flor,
und auf dem Wasser kreist der Blütenschaum.

Heißt das Leben? … O Wonne Wildnis, blass und blasser,
wo stirbt das vage Pulsen golddurchwirkter Wasser
und hat kristallnen Echos geheime Schwelle überrannt.

Das Fleisch der weichen Rosen rings zerstreut es fängt
zu zittern an, als schneide Schicksals Diamant
des Tages Faden durch, woran das ganze Wunder hängt.

 

Jun 28 18

Paul Valéry, Féerie II

La lune mince verse une lueur sacrée,
Comme une jupe d’un tissu d’argent léger,
Sur les masses de marbre où marche et croit songer
Quelque vierge de perle et de gaze nacrée.

Pour les cygnes soyeux qui frôlent les roseaux
De carènes de plume à demi lumineuse,
Sa main cueille et dispense une rose neigeuse
Dont les pétales font des cercles sur les eaux.

Délicieux désert, solitude pâmée,
Quand le remous de l’eau par la lune lamée
Compte éternellement ses échos de cristal,

Quel coeur pourrait souffrir l’inexorable charme
De la nuit éclatante au firmament fatal,
Sans tirer de soi-même un cri pur comme une arme?

 

Feerie

Der schmale Mond wirft einen Heiligenschein,
wie einen Rock aus Silberfäden leicht gewebt,
aufs Marmorsims, wo träumend eine Jungfrau schwebt,
Perlmutt- und Gaze-Schimmer hüllt sie ein.

Den seidnen Schwänen, die mit der Kiele Flaum,
halb in Licht getaucht, das Schilf umkosen,
pflückt sie, streut sie aus den Schnee der Rosen,
und auf den Wassern kreist der Blütenschaum.

Holde Wildnis, Einsamkeit in Traum zerflossen,
da vom Mond mit Glimmerlahn durchschossen
ewig zählen Wellen ihre Echos aus Kristallen,

wer ertrüg den gnadenlosen Zauber solch
einer Nacht, wenn Sterne schicksalhaft zerfallen,
und zückte aus sich nicht blanken Schreies Dolch?

 

Jun 28 18

Laub von Schatten

Laub von Schatten
rankt
dem Efeu gleich
am schmalen Fenster
schlängelt
durch die Gitterstäbe
Blaue Früchte
klopfen
im Abendhauch
wie alten Flehens
Hände
an das Glas
woran ein Auge
heller Tropfen
blitzt
Blume die gezittert
auf dem Wasser
unterm Kuß des Lichts
und der Mund der Tiefe
seufzte
schließt die Knospe
um ein Herz
das nicht träumt
Auf der Schwelle
sitzt ein Kind
ausgerollt dämmert
bunt der Ball
noch feucht vom Tau
geknickter Gräser
Die es rief
Stimme aus dem Laub
der Schatten
sank
ein Glitzern am Blatt
dem Efeu gleich
hinab zur stummen Erde
Schwarze Ziffern
streuen Samenkapseln
in den Schnee des Monds
Keine Seele kommt
und liest
Abendblaue Knospe
schließt sich
um ein Herz
das nicht schläft

 

Jun 28 18

Lacrimosa

Lacrimosa dies illa
Qua resurget ex favilla
Judicandus homo reus.
Huic ergo parce, Deus.
Pie Jesu Domine,
Dona eis requiem.
Amen.

 

Jener Tag wird Tränen sehen,
wenn aus Aschen auferstehen,
Menschen vor dem Richter beben.
Laß, Gott, deine Engel schweben.
Jesus, Herr du mild und weich,
Laß sie ruhn in deinem Reich.
Amen.

 

Mozart, Requiem:
https://www.youtube.com/watch?v=mhYCaQkbkyw

 

Jun 27 18

Paul Valéry, Orphée

Je compose en esprit, sous les myrtes, Orphée
L’Admirable!… le feu, des cirques purs descend;
Il change le mont chauve en auguste trophée
D’où s’exhale d’un dieu l’acte retentissant.

Si le dieu chante, il rompt le site tout-puissant;
Le soleil voit l’horreur du mouvement des pierres;
Une plainte inouïe appelle éblouissants
Les hauts murs d’or harmonieux d’un sanctuaire.

Il chante, assis au bord du ciel splendide, Orphée!
Le roc marche, et trébuche; et chaque pierre fée
Se sent un poids nouveau qui vers l’azur délire!

D’un Temple à demi nu le soir baigne l’essor,
Et soi-même il s’assemble et s’ordonne dans l’or
À l’âme immense du grand hymne sur la lyre!

 

Orpheus

Geist dichtet unter Myrten mir Orpheusʼ Wunderglanz,
und Feuer rinnt von reinen Kuppeln nieder.
Er legt auf kahlen Gipfel seinen Siegeskranz,
da wölken eines Gottes hohe Lieder.

Der Gott singt und die Allmacht-Mauer birst.
Die Sonne sieht das Grauen, wie sich regt Gestein.
Nie gehörte Klage bannt auf hohen First
einem Heiligtume Goldes Zauberschein.

Er singt am Himmelsufer lichtumspült,
Orpheus! Fels wandert, wankt, ein jeder Stein, er fühlt
die Fee der leichten Last ins hohe Blau entrückt!

In einen Tempel halbentblößt Abend taucht den Flug,
sich selber sammelt, weiht er in den goldenen Fug
der Riesenseele, die dem Lied der Leier glückt!

 

Jun 27 18

Paul Valéry, La Fausse Morte

Humblement, tendrement, sur le tombeau charmant
Sur l’insensible monument,
Que d’ombres, d’abandons, et d’amour prodiguée,
Forme ta grâce fatiguée,
Je meurs, je meurs sur toi, je tombe et je m’abats,

Mais à peine abattu sur le sépulcre bas,
Dont la close étendue aux cendres me convie,
Cette morte apparente, en qui revient la vie,
Frémit, rouvre les yeux, m’illumine et me mord,
Et m’arrache toujours une nouvelle mort
Plus précieuse que la vie.

 

Die Schein-Tote

Ergeben, zärtlich, auf dem bezaubernden Grabmal,
ein Denkstein weiß von keiner Qual,
dessen Schatten, hingestreute Liebeszeichen
deiner Anmut Blässe gleichen,
dort sterbe, sterbe ich auf dir, ich stürze ein,

doch kaum gesunken auf des Grabes Stein,
da seine schmale Pforte mich zur Asche winkt,
erscheint die Tote, in die frisches Leben dringt,
erbebt, ihr Lid geht auf, ihr Biss, er macht mich rot
und reißt aus mir nur immer neuen Tod,
der mehr als Leben Fülle bringt.

 

Jun 26 18

Paul Valéry, Un feu distinct

Un feu distinct m’habite, et je vois froidement
La violente vie illuminée entière…
Je ne puis plus aimer seulement qu’en dormant
Ses actes gracieux mélangés de lumière.

Mes jours viennent la nuit me rendre des regards,
Après le premier temps de sommeil malheureux ;
Quand le malheur lui-même est dans le noir épars
Ils reviennent me vivre et me donner des yeux.

Que si leur joie éclate, un écho qui m’éveille
N’a rejeté qu’un mort sur ma rive de chair,
Et mon rire étranger suspend à mon oreille,

Comme à la vide conque un murmure de mer,
Le doute, — sur le bord d’une extrême merveille,
Si je suis, si je fus, si je dors ou je veille ?

 

Helles Feuer

Ein helles Feuer wohnt in mir, der fröstelnd sieht
des Lebens strenge Macht im Lichte ganz entblößt.
Ich kann nur lieben noch, wie mir im Schlaf geschieht,
die Anmut seines Spiels, im Glanze aufgelöst.

Die Tage schenken Blicke meiner Nacht erneut
nach ersten Schlummers schwerem Unheilsbeben.
Hat sich das Unglück willig in die Nacht verstreut,
dann kehren sie, mir Leben, Augen mir zu geben.

Bricht ihre Freude auf, hat Echo das mich weckt
nur einen Toten ans Ufer meines Fleischs gespült,
und eignes Lachen fremd hat mir ans Ohr geheckt,

wie in die leere Muschel Meeres Murmeln wühlt,
den Zweifel – an einem Strand, von Feenschaum beleckt:
Bin da ich, war ich, wach ich, hat mich Traum geneckt?

 

Jun 26 18

Schick Deinen Engel Herr

Schick Deinen Engel Herr
jenen leisen
dessen Flügelspitzen
Tau gestreift
silbern am Gesträuch
der Dämmerung
da Seine Aura
auf Tabors Gipfel
schwebte
Schick mir diesen Herr
daß er mir das Grauen
greller Bilder
trüber Träume
von den Lidern hauche
Schick Deinen Engel Herr
jenen jungen
der seine Fackel
in der Wolke Wohlgeruch
getaucht
von Gewürz und Ölen
als die Schöne
milden Sinns
Sein Haupt gesalbt
Schick mir diesen Herr
daß er mir die Fäulnis
welker Worte
Lügenpusteln
von den Lippen brenne
Schick Deinen Engel Herr
jenen kessen
der einen Apfel stahl
der aus übervollen Körben fiel
beim Hochzeitsmahl
zu Kanaan
und er schmeckte
Schick mir diesen Herr
daß er in die Lücke
meines Verses
blassen Reimes
eine goldne Locke drücke
Schick Deinen Engel Herr
jenen sanften
der mit Tränen harrte
und lehnte eines Flügels
weißes Beben
an den hohen Stein
des Felsengrabs
Schick mir diesen Herr
mein Gesicht zu hüllen
mit seiner kühlen Schwinge
daß unter Seufzern
eines Herzens
das verklingt
sein Flaum
noch bausche

 

Jun 26 18

Lebenslied verrinnt

Züngelt
flackert
die Flamme
wie das Wachs der Kerze
schmilzt
wie es weich
an den Seiten niederrinnt!
Wie es rinnt
und sich am Grund
in ungestalten Formen
neu verhärtet
unförmig
ungestalt!
Ist das Mark
durchweicht
schwimmt der Docht
im Sud der Leere
kann tauber Finger
sinkende Glut
nicht auf die Kuppe heben!
Rinnst
Lied des Lebens
rinnst du so
aus dem Brunnenmund
an Steines
schwarzer Wange
rieselnd
deinen Glanz vertröpfelnd
und verschluchzt
da drunten
fern vom Widerhall
von Blatt und Stirn
in grauen Lachen
die kalter Hauch
verharscht
unter Disteln stäubt
und Dorngestrüpp?
Wessen Hand
aufgewölbtes
Rosenblatt
finge denn
die Tropfen auf
Wasser
der Erinnerung?
Schon ist die Schmerz-Triole
Nachtvogels
nächtigste
Entäußerung
schwarzer Sonne
Schaum des Winds
auf der Birke
fahler Haut
hinabgeseufzt!
Und das Wort
das mich dir gab
das Wort
das dich mir gab
hat kaum das Auge
aufgeschlagen
blendet es
hohen Schicksals
Blitz
oder das fremde Auge
eines Leuchtturms
der schon wankt
und im Morast
versinkt
O der Kelch
den schöne Hand
ins Licht der Wunde hielt
und füllte sich mit Licht!
O das Tuch
das scheue Hand
dem Schmerzensantlitz lieh
und seiner groben Fasern
Dunkelheit
sog auf das lichte Bild!
Welches Blatt
finge denn
die Tränen auf?
Welche Hand
Wasser der Erinnerung?

 

Jun 25 18

Paul Valéry, L’Abeille

Aus: Charmes

Quelle, et si fine, et si mortelle,
Que soit ta pointe, blonde abeille,
Je n’ai, sur ma tendre corbeille,
Jeté qu’un songe de dentelle.

Pique du sein la gourde belle,
Sur qui l’Amour meurt ou sommeille,
Qu’un peu de moi-même vermeille,
Vienne à la chair ronde et rebelle !

J’ai grand besoin d’un prompt tourment :
Un mal vif et bien terminé
Vaut mieux qu’un supplice dormant !

Soit donc mon sens illuminé
Par cette infime alerte d’or
Sans qui l’Amour meurt ou s’endort !

 

Die Biene

Dein Stachel, ist er noch so dürr,
trägt, blonde Biene, Schicksalsfracht,
mein Bienenkorb wölbt zarte Tracht
aus Spitzentüll und Traumgewirr.

Stich in den schönen Kelch der Brust,
wo Liebe liegt im Schlaf, im Tod,
daß rinne mir ein hohes Rot
auf meines Fleisches runde Lust!

Ich brenne nach der raschen Qual,
die helle Pein, die schnell vergeht,
geht über dunkles Wundenmal!

So sei mein Sinnen lichtumweht,
von flinker Flügel Gold bedroht,
sonst schläft die Liebe, ist sie tot!

 

Jun 25 18

Blumenschale

Blumenschale
holdes Wölben
transparenter Hand
der das Wasser
aus dem Brunnenmunde
sang
ein Traum von Ebenmaß
ein Knospenkelch
aus reinem Glas
gelang
in stiller Schöpferstunde
Und bricht
durch ihre Spiegelwand
in Farbendunst
das Morgenlicht
füllt ihr Sein sich voller
mit dem Überhang
der Liebesgunst
weißer gelber Blütenblätter
auch wenn Schatten wirren
Blatt und Halm
auch wenn Tränen
an den Wimpern flirren
und sie rinnen
und sie fallen
aus der Schale
auf das harsche Linnen
wo im Blau
der Winternacht
blinder Tau
sie frieren
Hebt
ein Wort der reinen Kunst
sie auf seinen Blütenrand
wird ihr Glanz
sich nicht verlieren
Auch wenn Keim
und Duft
im dämmerndem Zimmer
schon verweht
leuchtet
bis die Nacht vergeht
leiser Schimmer
in der Blumenschale
saugt ein Falter
leiser Reim
vom Munde der Narzisse
letzte Küsse

 

Jun 24 18

Leiser Sang XX

Strahl hat dich geweckt
aus dem Schilf des Schlafs
Vogel sang
auf schwankem Halme
Blaue Zunge hat geleckt
an deiner Wange Wind
Du gehst die alten Wege
Wasser
hat sie vorgebahnt
frühen Liedes Rauschen
vom Nebeltal
über Moos und bange Stege
in den hohen Wald
am Licht der Quelle
zu lindern
deine dunkle Qual
Und du steigst
zur Wolkenhelle
auf mit Lerchen
die im Mittag schweben
barfuß auf warmem Stein
zu stehen
am Kräuterduft
dem zarten
dich zu laben
der Lieben zu gedenken
die am Strome leben
oder unter stillen Veilchen
warten
auf ein Wiedersehen
die das Brot dir gaben
und den edlen Wein
des Gesanges
Und dir träumt
wie deiner Lippen Hauch
in scheuer Blätter Wehen
ihnen Trost mag schenken
ganz umsäumt
von Flocken
weißer Schlehen
Und du harrst
einsam vor den Gittern
eines Bildstocks
der Passion
wo die späten Rosen
ranken
wo die letzten Schatten
zittern
Und aus dunklem Grunde
tönen dem verlornen Sohn
Abendglocken
wie ein fernes
frohes Danken

 

Jun 24 18

Leiser Sang XIX

Auf Herbstes kargen Hügeln
Feuer
als versprühten
im Sterben aufgereckte
Seelen
stumme Schreie
Welke Blätter
rote Zungen
die sich einwärts krümmen
ausgesungen
Du erblickst
vom Schatten-Garten
feucht und kalt
das Verschwelen
zarter Aschen
auf den Hügeln
Du hörst
unter wolkenmüden
Schatten-Schwingen
toter Hölzer
Purpurrippen
singen
Und schon bald
rinnt dein Warten
loser Staub
aus Mohnes
schwanker Kapsel
Was auf deinen Wangen
was auf deinen Lippen
früh geblüht
holdes Bangen
süßes Stammeln
ist verglüht
Die Morgenlicht
betaut
Duft verströmte
blonde Locke
ist ergraut
Rätselleise
ist der Schmerz
hinabgetropft
in roten Blattes
dürre Schneise
Auf die schwarze Erde
klopft
vergällte Frucht
Bläst der Wind
in Scheite
die zerbröckeln
stieben
aus dem Grab erwacht
Geister-Funken
in die leere Weite
vor das dunkle Tor
Dann ist alles
was dein Schauen hob
was dein Hauch beschwor
in die Nacht gesunken
Nacht
o tränenlose
schwarze Rose

 

Jun 23 18

Laudate Dominum

Laudate Dominum omnes gentes
Laudate eum, omnes populi
Quoniam confirmata est
Super nos misericordia eius,
Et veritas Domini manet in aeternum.

Gloria Patri et Filio et Spiritui Sancto.
Sicut erat in principio, et nunc, et semper.
Et in saecula saeculorum.

Amen.

 

Lobet den Herren, alle Stämme,
Lobet ihn, ihr Völker alle,
Denn ausgegossen ist
sein Erbarmen über uns,
des Herren Wahrheit bleibt in Ewigkeit.

Ehre sei dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist,
wie es war im Anfang, so auch jetzt und allezeit,
in Ewigkeit.

Amen.

 

Wolfgang Amadeus Mozart:
https://www.youtube.com/watch?v=rbWq6rWv2I4

 

Jun 23 18

Leiser Sang XVIII

Blaue Übergänge
weiße Blütensterne
Flieder und Jasmin
Seufzer kaum zerronnen
Brunnen und Zisterne
Sanften Blickes Anemonen
kühlen Duftes Rosmarin
Wo dichterisch
Wurm und Falter wohnen
ist die Klage
goldner Abendrand
am Blumenbecher
ausgegossner Tage
O roten Mohnes
mitternächtige Sonnen
Weißdorns schnee-
verwehte Überhänge
Veilchen scheinen
deinem Dunkel
Veilchen weinen
deinem Schmerz
Weide hingesunken
in das Schattengras
Biene hat getrunken
aus dem Rosenherz
Dunkler Glanz im Moos
Heller Tau
an Flockenblumenwimpern
Farne lassen
in die schmale Falte
deines Zweifels
reinen Glaubens
Sporen los

 

Jun 23 18

Leiser Sang XVII

Ruhig teilen
Adlerschwingen
Morgenluft
Flügel-Schrift
auf blauen Grundes
uferloser Drift
Teichen unterbricht
die Dunkelheit
in Wellen-Ringen
Morgenlicht
Gehen wir in Kreisen
um denselben Ort?
Sagen uns die Weisen
die vom Ursprung tranken
das geheime Wort
Flügelpaares
Ein-Gedanken?
Wie um Sonnen
Erden wirbeln
Sonnen-Gischt
an Finsternisse
toter Riffe
schäumt
hat Wortes Rose
Schatten
stummer Falter
Bienen-Tau
geträumt
Fließen
Sehnsucht-Wasser
wir ins Grenzenlose?
Engt unsren Gang
um Blütenränder
Windes Strähnen
dunkler Drang
Blumen-Schoß
Abschiedstränen
hinzugießen
uns in Seufzern
zu entselbsten?
Immer enger
schließen
Adlerschwingen
Kreis um Kreise
bis ein Pfeil
zur Erde schnellt
Und die Träne
fällt
sie welkem Duft anheim?
Weckt sie
in den Klüften
neuen Wortes
zarten Keim?

 

Jun 22 18

Leiser Sang XVI

Gipfelschnee
entrückter Glanz
Mondes stiller Gang
weiße Orchidee
Bergkristall
gefrornes Licht
Hörst den blauen Klang
du nicht?
Alpenrosen
Liebeszittern
unter Tropfen
und Gewittern
Und du säumst
im Staub
und du träumst
in Mauern
von den Schwingen
von den Fluchten
und in Dämmers Laub
lächeln dir
die fernen Buchten
Siehst du nicht
an schmalen Gittern
loser Winden
leises Zittern?
Hörst du nicht
liebesbang
wenn Veilchen
sich empfinden
blauen Sang?
Fühlst nicht
Orchideen
mit Mondes Faltern
untergehen?
Willst du harren
bis dein Herz vereist
Fratzen narren
deinen Geist?
Bis dein Haar
ganz
und gar
Schnee verweht?
Doch dann fehlt
ihm jener hohe
Mittagsglanz

 

Jun 22 18

Leiser Sang XV

Bist Hülse du
ohne Kern
graue Aura
um den toten Stern
Grauen
war von Anbeginn
schaler Rest
von Abendlicht
in schwarzen Pfützen
Und wo spuckte
Eva hin
den bald vergilbten
Grützen
Ganz verrunzelt
ist der Seele
ungeküsstes Angesicht
Sieh
was hohem Sohne
Elend bot
die blütenlose
Dornenkrone
Von einer Wunde
Glanz
war rot
des Paradieses Rose
zarter Jungfrau Herz
Geweihte Stunde
legt die Rose
auf den Kranz
der Dornenkrone
O daß die Schale
deiner leeren Seele
sich die Nachtigall
zum Nest erwähle!
Daß in Traumes Grauen
süße Tropfen
des Gesanges
niedertauen!

 

Jun 21 18

Leiser Sang XIV

Täubchen pickt
mir Samen
aus der Hand
und es nickt
fort und fort
pickt und zwickt
O Unverstand!
Hat ja bloß gepickt
mir aus der Hand
der leeren hohlen
stulte natus
nichts als Namen
vocis flatus
und statt Samen
fing es
leises Wort
Ungeschickt
ging es
Hauch und Reim
Reim und Hauch
auf den Leim
Armer Gauch!
Sing-Gekling
sinnverwaist
hat gestohlen
Vogelgeist
mein Federling

 

Jun 21 18

Leiser Sang XIII

Wer näht
wenn uferlos
die Stunden driften
Blumen auf die Säume?
Wer streut
in Nachtwinds
kalten Schoß
grauer Herzen
Falten
Blüten
des Gesangs?
Die aus Urnen
unaufhaltsam
springen
Die aus Wunden
in das Dunkel
münden
Schwarze Samen
singen
Schwarze Tropfen
künden
Knospen
heller Tage
Heiltum
goldner Sage
Wasser
stummem Untergang
erweckt
engen sich in Schilf
und Silbergras
weben weicher Schäume
Muschelklang
Blauen Hügeln
taut der Rebe
Traubenschimmer
dämmernd nieder
Rotes Laub
umkränzt
den Kelch
der hohen Stunden
Wein
erglänzt
im Herbst
der trunknen Lieder

 

Jun 21 18

Jenseits-Wind

Steigend
aber die Treppe
des dunkelen Ohrgangs
Leid-Gewinde
zum purpurnen Beben
des Totengeläuts
oder dass Nacht
hinströmt
der Wunder-Muschel
bitteren Glanz
In Jenseits-Wasser
löst sich die Wirrnis
fraulichen Haars
zerwühlt von blindem
Gefinger
löst sich Geflock
von aberweiß geflüsterten
Sonnen-Pollen
Im Jenseits-Wind
über wogendem
Klage-Gras
über wehenden Halmen
des Psalms
löst Dichter sich
dein ins Ungesagte
seltsam gespitzter Mund
zu kindlich
hingeschmolzenem Kuß
Deine ungeweinten
Tränen
Mutter
zittern an Lobgesanges
Ölbaumblättern
mondgestillte Tropfen
Deiner Narbe
unentzifferte Schrift
blühet
Vater
Initiale im Psalter
blickumflammter Seraphim
O Heimat
deiner Hüter-Türme
Herden-Glocken
tönen heimgekehrt
im Wellenschlag
des schlafumschilften
Stroms
O Herz
hinabgeschwemmt
in Bangens
wahngeschwärzte Schäume
du singst
umfiedert
vom Gefieder
eines Schwans
du singst
umlichtet
vom Lichte
eines Schwans

 

Jun 20 18

Leiser Sang XII

Schöne
tiefes Einst
An sanfter Wellen
grünen Säumen
da nelkenblaue Blässe
über schwarzem Grund
erzitterte
im Glockenton
der hohen Messe
Des Abends weicher Mund
selig
wenn du weinst
troff
im Schattenmoos
von hellen
und von dunklen Seufzern
wir gingen
durch den Veilchenduft
Im hohen Wingert
schon
rot behaucht
vom Lied des Pan:
ein gelber Lampion
Mond
dunstig seelengroß
wie in Caspars Träumen
Dämmernd schwebte
schilfgekost der Schwan
Äpfel schienen
Birnen Trauben
glänzender vom Kuß
des kühlen Taus
Der Nonnen
Flügel-Hauben
blähte
feuchten Winds
der Fluß
Unser war das Schweigen
das mit Sonnen-
tropfen
an letzten Blüten hing
gelber Rosen
nachtergebnes Neigen

 

Jun 20 18

Leiser Sang XI

Blicke blau
Locke licht
Wind
im Herzen
weich und lau
Meeres Kind
Muschelhelle
ist das Glück
Sonne fleckte
dein Gesicht
Lied erblüht
auf Atems Schwelle
Schaumbeleckte
kahle Binse
kehrt im Traum zurück
rosenüberglüht
Aus dem grauen Watt
uferlos
wirfst du einen Stern
in deine Nacht
der in Tränen
zitternd blinkt
bis ein weißes
Blütenblatt
in den Schoß
dir sinkt

 

Jun 19 18

Finis Germaniae

Faule Ware
stinkt das Wort
am Altare
lügt es fort

Die Hellen kuschen
bücken sich devot
vor Schleiern
o ihr Blüthen
liegt am Abgrund tot
und sie huschen
wenn die Dunklen feiern
Rotes Blatt im Mai
Finis Germaniae

Abschaum
ging ins Blut
in den Garten
Taggespenst

Die Dunklen warten
auf die Abendglut
krummen Dolch
am braunen Leibe
Blonder Strolch
malt einen Mond
auf die Fensterscheibe
Ist ihm alles einerlei
Finis Germaniae

Schwarzer Mohn
ward deutscher Geist
am Mammon
Lüge feist

Dichter reine Rose
entsage holdem Duft
ritze mit dem Dorne
heimatlose
Zeichen in die Luft
Hertha schläft im Borne
Lang verhallt ihr Schrei
Finis Germaniae

 

Jun 19 18

Leiser Sang X

Springt
er aus der Erde
hört er schon
Himmel singt
aus dem Quellen
seines Bluts
edler Sohn
der Wolke und des Lichts
Sänger sanfter Wellen
Hüter treuer Herde
in die Halme
hauchend
Wurzeln feuchtend
des Gedichts
aus den Spalten
rauchend
dunklen Augen
leuchtend
spielen Kinder
an den Ufern
und den Alten
tönt er linder
hohem Leben
pflanzt er zwischen Kliffen
in den Sonnen-Falten
goldnes Fest der Reben
trägt auf Wogen-Rücken
Tanz- und Lied-Girlanden
auf den weißen Schiffen
doch am Abend
strömt er weichern Ganges
zwischen Mondes gelben Sanden
wo ihn Schilfe schmücken
und vom Meere künden
Möwenschreie
und Delphine
und im Ewigen münden
Jahre des Gesanges

 

Jun 19 18

Ölgarten

Schwarze Tropfen
auf silbernem Blatt
die lautlos rinnen
in Geröll und Staub
Schwarze Tränen
auf Ölbaums Blatt
schwankend im Dunst
der schwülen Nacht
Und auf der Stirn
vom Meißel
höchsten Namens
schön geründet
Dunkelglanz
Und in den Augen
Nacht und Nacht
Und kein Flügel
der vom Strauche
Tau versprengt
Und kein Flügel
zu kühlen
Todesschweiß
Und kein Kelch
dem Zittern
eines Munds geneigt
voll Süße
oder Bitterkeit
Mund der Leben
auf die Toten
blinden Augen
Wunderlicht
gehaucht
Segen sprach
auf Weinstocks Frucht
o trockne Traube
ausgepreßt
verdorrt
Und jene schlafen
im Schatten eines Pfahls
auf Traumes Teppich
den mit Lilien
Palmenzweigen
ihm zu Füßen
sie gebreitet
jene schlafen
im Schatten eines Pfahls
er aber läßt
das Haar sich zerren
Locken narren
vom namenlosen Wind
aus Meeres
leerem Schaum
vom gnadenlosen Wind
aus Himmels
leerer Nacht

 

Jun 18 18

Das Täubchen

Täubchen hat so weich gegurrt
auf meinem Fenstersims
Hab ich ihm das Korn gestreut
hat es aufgepickt

War es satt und flog dahin
in seine ferne Welt
wo ihm Blattes Schatten träumt
Flaum aus Wolken fällt

Heute saß es wieder dort
doch nicht mehr allein
Körner gab es nun für zwei
Täubchen und Täuberich

Und sie flogen eines Schwungs
von meinem Fenstersims
zu der Tanne Dämmerung
Zapfen fiel herab

 

Jun 18 18

Leiser Sang IX

Die dort am Strand
o Welle nimm mich mit!
gekichert haben
und gegrinst
die Dunklen und die Hellen
mit ihren Rosenknospen
ihren Schlangenlocken
verwiesen dir
des Mundes Gaben
wie Hündchen die verbellen
hast ein Würstchen auch
du in der Hand
wisch von der Stirne das Gespinst
schlag nur wo sie hocken
die Augen nieder
wie vor der kalten Scheibe
dem entstellten Bild
der Seele in dem Leibe
wo sie aus Falten
in Tränensäcken quillt
sing keine Sonnen-Lieder
vor den Schatten
leg sie wie fromme Kinder
fernen Lotusreiches
Blüten vor das Lächeln
des Entrückten
auf die Stille eines Teiches
bis unter sanften Abends Fächeln
sie entschweben
hin zur tiefsten Mitte
und im Abschied beben
die geglückten
und verlöschen

 

Jun 18 18

Leiser Sang VIII

Lieh uns Flügel
hoher Engel
um zu steigen
über Steine
über Schädel
und Gebeine
in den Glanz
beschneiter Hügel
in des Himmels
blaues Schweigen
doch wir kauern
an dem Wasser
das nur dunkel
widerspiegelt
Nachtgefunkel
und wir schauen
wie in Splittern
auf den Wellen
wie in Schauern
banger Seele
jener Höhen
Flammen zittern
und wie Wicken
die sich winden
auf den Gittern
in das Blau
schenkst aus feuchten
Blicken
du den Tau
du das Leuchten

 

Jun 18 18

Leiser Sang VII

Zwischen Nacht
und Tag
scheue Tupfen
Blütenglimmen
auf den Matten
scheue Stimmen
die aufglosen
aus den Flüssen
niedertauen
weiß und vag
an den Moosen
heimzusuchen
müde Schatten
die sich winden
aus den Armen
hoher Buchen
aus den Küssen
dunkler Linden
Flocken-Herde
Flatter-Schar
sammelt ein
das hohe Tönen
Sonnen-Gang
auf grüner Erde
wahren Schönen
Widerschein
und die Bilder
auf den Friesen
blauer Hügel
leuchten klar
wie der Falter
Augen-Flügel
auf den Auen
auf den Wiesen

 

Jun 17 18

Leiser Sang VI

Dort weht
schweigend nur
der Seele Hauch
auf grüner Flur
und was vergeht
hat rein geblüht
ein weißer Rauch
kühles Licht
auf hohen Pfaden
kühl der Quelle Sang
worin ihr Windgesicht
Sylphen baden
nur oben glüht
Abgrundbläue
der Zwillingsstern
der Rose
die Gottes Nacht entsprang
drunten blüht
die zarte scheue
Herbstzeitlose
die Tag- und Jahreszeiten
hat zum Kranz verwunden
der Seele Gleiten
vom Tau zum Traum
über Schnee und Moos
Blatt und Flechte
Psalm und Klage
Steigen Sinken
hell und dunkler Stunden
windgeneckter Flaum
Staub der lautlos
schwarzer Mohn
aus Knospen rinnt
Schatten hoher Mächte
Lichtes goldne Waage
weiße Vögel trinken
blauer Lüfte Lied
Rose sinnt
auf schwankem Thron
dem Falter nach
der entflieht

 

Jun 17 18

Leiser Sang V

Wo Wolke
Dämmer
flüchtig weht
mit goldenem Stabe
scheucht die weißen Lämmer
froher Sonnenknabe
dort verhehlt
uns Enzian
Vergißmeinnicht
und rosige Zungen
leckend nach dem Klee
nicht Gottes Plan
ein Rosenlicht
der Nacht entrungen
zu schütten auf den Schnee
dem starren Geist
in Einsamkeit vereist
die Huldin ihm zu schicken
daß eigner Tränen Glut
und hoher Liebe Blicken
ihn wieder taut
und wahrer singt das Blut
wenn er sie schaut
dort geht die Seele
nackt auf Wasser
mit der Mücke
schwebt
die funkelnde Libelle
um die grüne Stele
macht Mondes Tücke
ihre Lippen blasser
liegt sie an der Quelle
totenbleich gestreckt
hat mit goldenem Stabe
wieder sie belebt
der Sonnenknabe
der wunderliche Knabe
ins Leben sie geneckt

 

Jun 17 18

William Butler Yeats, A Thought from Propertius

She might, so noble from head
To great shapely knees
The long flowing line,
Have walked to the altar
Through the holy images
At Pallas Athene’s Side,
Or been fit spoil for a centaur
Drunk with the unmixed wine.

 

Frei nach Properz

So edel ist vom Haupt
zum Glanz der runden Knie
die Welle schön gebauscht,
sie könnte wohl an Bildern
des Heiles zum Altare schreiten,
wo Pallas Athene thront,
oder Kentauren sich als Beute breiten,
von unvermischtem Wein berauscht.

 

Jun 17 18

Leiser Sang IV

Ein Oh!
ein Wehe!
tropfte
in die Leere
Lebens
krummer Schnabel
klopfte
ein So!
ein Gehe!
durch die Schale
ein Schlaflied
sinkt ins Nest
helle Daunen
weichen Webens
Traumes Rest
Gefieder
das ein Staunen
vor der Bläue
Himmel oder Meer
sich selbst entgleitet
ins Offne flieht
voll Früchte oder leer
wie luftigen Reimes
zarte Schwinge
kehret wieder
aufs Neue
seine Flügel breitet
Heimat schimmern sieht
und innig lauscht
ob im Horst des Heimes
grün umrauscht
sein Geschwister
singe

 



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