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Mrz 22 18

Der Gärtner und der Maulwurf

Sentenzen und Aphorismen zur Ästhetik

„Bilde, Künstler, rede nicht!“

Sah ein Knab ein Röslein stehn – was geschieht hier? Eine rhythmische Gedichtzeile bezeugt die doppelte und dadurch intensivierte dichterische Sichtweise: Das Gedicht sieht, daß und was sein von ihm heraufgerufener Repräsentant seinerseits sieht.

Die Abstrakten in der Malerei und die Dystonalen in der Musik, Brüder im selben Geist – und Ungeist.

Was man sieht, kann man nicht erfinden – nur leugnen.

Die Schöpferischen und die Repetitiven – Zeugen blühender und faulender Kulturen.

Wir erkennen das Genie an der vitalen Positivität des von ihm Gesetzten, das uns einen ursprünglichen, glühenden und nachhallenden ästhetischen Eindruck vermittelt, der keine moralinverkalkte Engherzigkeit und keine beckmesserische Kritik zuläßt – die duftende Grazie sapphischer Verse, die wunderliche Schlichtheit des deutschen Volksliedtones der Gedichte in der Sammlung „Des Knaben Wunderhorn“, die zauberisch-dunklen Echos im Labyrinth der Marienbader Elegie Goethes, die von zartem Rankenwerk durchbrochene Anmut Mörikes, um nur diese zu nennen.

Der geistig-seelische Parasitismus versteckt sich gern wie ein Maulwurf in den lichtlosen Hohlräumen ästhetischer Kritik und der vom Neid auf das Unerreichbare angegilbten moralischen Entrüstung.

Die Regel gibt keinen Anhalt für ihre Anwendung, wie der Repetitive glaubt.

Die sich vom Dung der von den Ahnen verbrochenen Greuel mästen – unter dem Beifall der es im nachhinein besser Wissenden.

Weil Parasiten mit dem Verzehr ihres Wirts nach und nach ihre Lebensgrundlage vernichten, ist es so, als äßen sie sich selbst.

Zuletzt muß der Gärtner dem Maulwurf mit dem Spaten aufs Haupt schlagen, um den Bestand seiner Beete zu retten.

Die Legende vom Zen-Meister, der sieben Jahre lang meditierte, um in sieben Minuten ein vollkommenes Bild aufs Blatt zu tuschen.

Der Maler sieht wohl mit den Augen und die Augen stecken im Kopf. Doch malt er nicht mit dem Kopf, sondern mit der Hand und die Hand hat gleichsam ihr eigenes Auge.

Die Hand ist vom ganzen Organismus enerviert. Aber das Nervengeflecht des Malers wurzelt in der Erde und in der Luft.

Schneidet sich der Maler das Nervengeflecht, das ihn mit der Erde verbindet, mutwillig mit dem Messer der Theorie oder hochtrabenden Geredes ab, gleicht er dem urtümlichen Riesen Antaios, der von Herakles besiegt wurde, indem er ihn von der Erde, seiner ihm Kraft spendenden Mutter, aufhob.

Kein Leben ohne Atmosphäre. So auch die Kunst: Ohne den Dunstkreis flüchtiger Ahnungen, ohne Schatten werfende Wolken weiterdrängenden Gefühls oder den unverhofften Schneefall wirbelnder Ideen ist sie tot.

Atmosphäre ist der Schöpfungsgrund. Den echten Künstler umhüllt sie wie Nebel den frühen Garten, wie Duft das gelbe Haar der Ähren.

Was soll ich nun vom Wiedersehen hoffen,/Von dieses Tages noch geschlossner Blüte? – Der Kuss, der letzte, grausam süß, zerschneidend/Ein herrliches Geflecht verschlungner Minnen – Diese Verse aus Goethes Marienbader Elegie umhüllt die Atmosphäre des frühen Sommertags und des am Abend heraufgezogenen Unwetters mittels der kunstvoll in die dichterische Landschaft gepflanzten Bilder von der noch geschlossenen Blütenknospe und dem gleich wirren Ranken verwobenen Geflecht sehnsüchtiger Triebe.

Wir verstehen die Worte des Gedichts nur aus der sie umgebenden mitgedichteten Atmosphäre. „Geschlossene Knospe“ bedeutet in unheilschwangerer Atmosphäre etwas anderes, ja das gerade Gegenteil, als wenn das Wort die sauerstoffreiche und anregende Atmosphäre des Sommermorgens umgibt: Die eine Knospe hat sich für immer vor der Welt verschlossen, die andere zeigt schon den ersten scheuen Schimmer ihrer sich entfaltenden Blütenblätter.

Der repetitive Kopf und der wiederkäuende Blick des Kritikers bringen immer dieselbe monoton-bleierne Atmosphäre mit, in der die Knospen des dichterischen Worts aufzugehen sich weigern.

Die Worte des Gedichts und die sie umgebende, auch jäh wechselnde, Atmosphäre sind eins wie Rose und Rosenduft. Wer ihren Duft nicht wittert, sieht diese Rose nicht.

Der Dichter ist der Gärtner, der den Wildwuchs und das Unkraut, das dem liebend eingegrabenen, zarten Keimling das Licht raubt, ausrupft und jätet. Kein Gedeihen seiner Aussaat ohne ein Stück Grausamkeit gegen sich selbst, denn was da fröhlich wuchert, der Hahnenfuß, der Knöterich und der Löwenzahn, sind nichts anderes als seine immer wieder ins Kraut schießenden spontanen Einfälle oder gehätschelten Klischees.

Der Dichter-Gärtner darf den Maulwurf für die Rose opfern. Hier gilt kein Artenschutz.

Zu viel an Aufwand mindert und trübt die ästhetische Wirkung.

Der fast erblindete Claude Monet kam zuletzt mit den hellen Farbtönen von Gelb und Orange aus.

Trakls überschaubarer Wortschatz ist reich genug zum Ausdruck der intimsten und sublimsten seelischen Regungen.

Die Ausdruckskraft der klassischen japanischen Dichtung rührt von der Zucht des konzentrierten Maßes von Waka und Haiku.

Was der Anschlag für den Pianisten, sind Pinseldruck und Strichführung für den Maler.

Der menschliche Geist kann nicht umhin, sich in Gestalten zu finden, zu verwandeln, zu deuten und zu verirren. So gibt ihm die Linie die Andeutung einer Richtung oder eines Umrisses, sie wandert und verliert sich im Vagen oder sie kehrt schlaufenförmig, verliebt-geringelt, asketisch-bekehrt oder zerrissen-reumütig in sich zurück, ohne in der Bewegung gänzlich zu ermatten. Und die Linie zieht eine Grenze, eine Narbe und Naht, es beginnen der Kampf und die Höchstspannung im Übergang zwischen Hüben und Drüben, Diesseits und Jenseits, der in einem hohen Bogen stehenbleibt oder ohnmächtig herabsinkt.

Im ersten Schwingen des Tons erhebt sich aus unbekannten dunklen Zonen der Gegenschwung des Gegentons, Spruch beschwört den Widerspruch, Wort flieht vor Gegenworts Schatten, doch bleibt er wie Schatten tun an ihm haften. Linie und Kreuz, Stimme und Echo, Strophe und Anti-Strophe – über Stufen und Fugen schöpft sich und erschöpft sich der Sinn.

Klassisch nennen wir den Ausgleich der Linien und Stimmen in wechselseitiger Abspiegelung und einander färbender Tönung. Weitung folgt der Engung, Strahlenstreuung der Engführung, Angst muß Atem holen, Freude sich verschwenden.

Einseitige Polarisierung und überzüchtete Spannung, ungestaltes Liniengespinst, zerriebenes Mehl der Stimmen kennzeichnen den schwachen oder desolaten Geist.

Der Unschöpferische flüchtet sich in die Surrogate und grellen Masken der Weltanschauung, des moralischen und politischen Bekenntnisses. Er humpelt Mitleid heischend oder skandalisierend auf den Krücken blutverschmierter Ideen.

Die auf den Massengeschmack schielende Herabwürdigung und Verramschung der Kunst für fremde moralisch-politische Zwecke vollendet das Programm der Aufklärung mittels gänzlicher Verfinsterung der ihr einmal eingesenkten göttlichen Funken.

Hohe Kunst geht einsame Pfade, sie kann kein Forum der Menge und kein demokratischer Deputierter des Massengeschmacks sein. Käme es soweit, die Oden des Horaz, die Marienbader Elegie und die Gedichte Stefan Georges würden für immer vom vulgären Taschen- und Zauberspiegel des kleinen Mannes weggewischt.

Nur der Meister kann den Meister loben, nur der Feinsinnige die Feinheiten des ätherischen Geistes, nur der Beflügelte das hintergründige Lächeln Ariels verstehen.

Das letzte Wort muß ein Gott ergänzen oder fühlbar ausgespart bleiben.

Die vorgeben, alles mit amtlich geprägter Münze gesagt und gezeigt zu haben, finden keinen Glauben oder allemal ungläubiges Kopfschütteln.

Der mit dem üppigsten Dekorum gerahmte Spiegel, der nur verschwommene Konturen enthüllt.

Horaz nimmt am Ende einer Ode oft den Atem zurück. So spiegelt sich in der unscheinbaren Lache, zittert sie vom Regen, das zerbrochene Antlitz der Sonne.

Das Ungesagte, Unaussprechliche, leuchtet fern wie der blasse Mond des japanischen Haiku durch das Gitterwerk der Gräser und Binsen.

 

Mrz 21 18

Wolkengesang

Ihr Wandler losen Entzückens,
traumgestaltige Wolken,
Blumen aus Wasser und Licht,
geschüttelte Knospen des Winds.
Ströme tragen euer Schatten-
Angesicht von Ufer zu Ufer,
nach euren Tränen lechzen
keusche Lippen und Zungen
blutumschäumter Seelen.
Einfalt nimmt dichterisch
Maß an Glanz und Klang
eurer Tropfen auf Blättern
und sich erweichendem Stein.
So fühlen ratlos wir den Fehl,
ziert ihr das blaue Tuch
des hohen Sommertags
mit euren Ornamenten nicht,
und stehen stumm wie Pan
unter Gottes blendendem Azur.
Abends kehrt aber ihr wieder
mit einem Kranz von Rosen,
die ihr huldvoll Blatt für Blatt
auf unsre blassen Lider senkt
wie Küsse den Entschlafenen.

 

Mrz 21 18

Eduard Mörike, Er ist’s

Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte;
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land.
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen.
– Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist’s!
Dich hab ich vernommen!

 

It’s him

Loops lets flutter spring so blue,
flutter freshly through the skies;
odor-sweets from earth arise,
memories of yore so true.
Violets by now in dreams,
wanting soon to come.
– Hark, sounds far a harp so gently beams!
Spring, hence there thou art!
Yet I’ve heard thee hum!

 

Mrz 21 18

Argos und das späte Glück

Hülle nicht dein Haupt
ins Flimmerhaar der Nacht.
Im Dickicht harre aus,
unterm Eulenflug halt wacht.

Öffne wie die Distel scheu
am Dorn den blauen Blick.
Wie Odysseusʼ Hund versink
in später Ankunft Glück.

Schwätzt Nächtliches der Wind,
schweige du dich leer.
Welke Blätter, Wortgespinst
von armer Schwelle kehr.

Hohler Wölbung gibt das Holz
Geigenton die Resonanz.
Schlichtes Gras im Morgenwind
rauscht die Seele ganz.

 

Mrz 20 18

Wandlungen

Der Brunnen spricht dir hell
aus dunklem Mund.
Sein Lachen glänzt
aus Margeriten rings.

Der Kiesel zeigt Adern blau
und rote Maserung,
hältst du ihn nur
in einen Wasserstrahl.

Verliebtes Auge färbt
ein Dunkel ahnungsfeucht,
die Lippen aber rot
des süßen Namens Glut.

Legt sein letztes Rosenblatt
der Abend dir aufs Herz,
o brich in seines Dufts
geheime Fernen auf.

 

Mrz 20 18

Deinen Blick zu finden

Kleine Schmerzenswabe,
getränkt mit bittrem Licht,
über Malen schwebend
traumesdunkler Schrift.

An Gräbern strich ich hin
und wirrte mich in Fäden,
Flammenfransen an blauen
Abends Totenkleide.

Einer Krähe Schrei
stürzte auf mich nieder,
als trüge ich ihr Nest
in meiner offenen Brust.

Zurück schnitt ich die Zweige
und sichelte die Schatten,
in ferner Gärten Blüten
zu finden deinen Blick.

Mondes blasse Träne
am trunknen Lid der Nacht,
sie glitt an einem Halme
in meines Schlafes Schacht.

 

Mrz 19 18

Hernach

Wer riefe Dinge wach,
die sich selber fremd
unter Schattenlidern schlafen?

Verhängte Fenster schließen
den schmerzlich-dumpfen Duft
von zuletzt und stumm gekämmtem Haar
im dämmernden Zimmer ein.

Die in verdunsteter Schale blichen,
Anemonen halten ihr Gesicht,
das in graue Wangen zerblätterte,
hellen Händen nicht mehr hin.

Ganz verwester Glanz
auf blindem Spiegel.

Das keine Lippe wieder rot bereift,
in den toten Winkel weggerücktes Glas
zwischen vertrockneten Fliegen
und dem für immer gelandeten
Schmetterling der Haarspange.

Wie abwesend hält der Haken
die verlassene Larve
eines blauen Mantels hin.

Die durchsichtige Haut des Briefs
aus Japanpapier,
den ein für allemal,
schmatzend,
ekstatisch gekrümmt,
liest und liest,
Tränentröpfchen die Punkte,
schmachtende Wimpern die Striche,
spitze Küsse die Ausrufezeichen,
von Vergessen flimmernd,
die lüsterne Raupe.

 

Mrz 18 18

Glaubensbotschaft

Schrecken, Flut aus Salz und Dunst,
wilder Übergang von Qual und Traum,
Meer,
blauer Überwurf der Nacht,
an dem wir zittern,
Gischtes Fransen,
Saat aufgespritzter Tropfen,
Geworfelte des Winds.

Doch blies es uns,
dem Glück Verschworne,
zum Humus eines stillen Lands,
wo wir auf schlanken Stiles Rand
der grausen Nacht entrückt
Blühens tauumperltes Haupt
zum warmen Schoß der Wolke recken.

Rupft uns der Herbst die Blüten
aus lauer Herzen Grund,
stößt die Krone uns herab
Winters gichtige Hand,
längst ist der Liebe Flaum entronnen
zu fernen Duftes süßem Mund,
die Glaubensbotschaft
unsres frommen Sinnes
überbrachte summend
die Mission der goldbestäubten Bienen.

 

Mrz 18 18

Nordwärts

Nach einem Bild von Klaus Fußmann

Es glänzt ein schmaler leerer Pfad,
herben Abends Erde leuchtet wild,
Raps flammt ohne Docht des Mohns,
vager Waldung Atem wölkt.

Heimat ist ein dunkler Schmerz,
hier schenkt dir klare Tropfen Zeit,
was aus fahlen Wolken rinnt,
Nordens Himmelslicht so grau.

Der Sommertag liegt unter Laken
gelben Schaums zerflossner Sonnen,
hingekrümmt der alten Nacht,
erflehend Schatten mütterlich.

In der kleinen Kapelle des Feldes
ist es still, Mund der Klage,
Mund des Jubels sind verstummt,
Glut der Glocke wurde Rauch.

Der Bäume dunkelgrüner Sinn
schweigt sich deinem Schweigen zu,
schwach seufzt ein Wasser, blauer
Fleck am Saume deines Traums.

 

Siehe:
https://www.google.de/search?q=%22klaus+fu%C3%9Fmann%22&client=firefox-b&dcr=0&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=0ahUKEwj1hZOh4_XZAhUL-qQKHZagB8MQ_AUICigB&biw=1260&bih=670&dpr=1.33#imgrc=sQ80HbMP3eTq-M:

 

Mrz 17 18

Abschieds weiche Luft

Längst hinter uns die Spuren
verwischten Wind und Regen,
wir aber matt von Gängen
weilen unterm Abendlicht

und schauen lichte Fluren,
der Ströme fernen Segen,
und was an Rebenhängen
rötet unseren Verzicht.

Kommt aber Nacht zu kühlen
der Herzen letzte Gluten,
zerschmelzet Grabgedanken
Mondes weißer Lilienduft.

Uns löst von grauem Fühlen
Gesanges Sternenfluten,
die leicht sich auseinanderranken,
atmen Abschieds weiche Luft.

 

Mrz 16 18

Blindes Verstehen

Sentenzen und Aphorismen

Die Ros‘ ist ohn‘ warum: sie blühet, weil sie blühet;
sie acht‘ nicht ihrer selbst, fragt nicht, ob man sie siehet.

Angelus Silesius

 

Rose,
oh reiner Widerspruch,
Lust,
Niemandes Schlaf zu sein
unter soviel Lidern.

Grabinschrift Rilkes

 

Wir nehmen den Begriff des blinden Verstehens per analogiam zu Begriffen wie blindes Vertrauen und blinde Liebe.

Wo auf dem Grund gleichsam ein Auge lauert, das nicht wie der Wasserspiegel eines Brunnens das reine Blau des Himmels widerspiegelt, sondern immerfort nach sich selber im zitternden Spiegel der Luft schielt, kann von Liebe nicht die Rede sein.

Der Liebende ist blind für das Licht, das von den zerstreuten Strahlen des Tages auf den Geliebten fällt.

Der Liebende ist blind für das Tageslicht, das den Geliebten wie einen abgelösten Gegenstand vor ihn hinstellt.

Das schließt nicht aus, daß der Liebende offenen Auges die Gegend mit sorgenden Blicken abtastet, ob dem, den er liebt, ein Hindernis drohe, ein Feind auflauere.

Wer im entscheidenden Augenblick nicht blind vertraut, ist der Freundschaft, die es ihm abverlangt, nicht wert.

Wer im Augenblick der Gefahr, da der Freund die rettende Hand reicht, sich Reflexionen hingibt, ob jener es denn ernst meine und er selbst es denn wert sei, stürzt schon in die Tiefe.

Das schließt nicht aus, daß dem Freund angesichts des Verrats seines Freundes die Augen aufgehen und er der Überlegung, was zu tun sei, Raum gibt.

Mit dem Verstehen ist es wie mit dem blinden Gehorsam. Daß ein Wort meint, was es uns sagt, daß „Rose“ Rose bedeutet, verstehen wir gleichsam in der Nacht der Sprache, wo zwischen dem Wortlaut und dem Sinn des Wortes kein Spalt offensteht, durch den das Licht einer Einsicht fiele.

Daß wir eine Blume als Rose, nicht aber als Koralle spezifizieren können, gehorcht einer grammatisch-logischen Regel der Zuordnung, die wir nicht erfunden haben und der wir nur auf Kosten der Verständlichkeit unser blindes Vertrauen entziehen können.

Natürlich steht es uns frei, angesichts einer Blume nicht nur mit dem korrekten Ordnungsbegriff der Rose herauszurücken, sondern als Kenner sie der Sorte der Gallica-Rosen zuzuweisen oder mit dem Eigennamen „Aimable Rouge“ als einer Unterart der Gallica-Rosen zu benennen. Dies sind die Freiheitsgrade, die uns bei unseren Wanderungen durch den logisch-grammatischen Raum des Sinns offenstehen.

Verstehen ist kein Teil einer Theorie. Es ist etwas, was wir tun. Wir verstehen, daß es klingelt, weil unser Freund verabredungsgemäß vor der Tür steht, INDEM wir die Türe öffnen. Du verstehst, daß deine Freundin Kummer hat, weil sie weint, INDEM du sie tröstest und ihr die Tränen abwischst. Du verstehst, was das „Lacrimosa“ in Mozarts Requiem, was die Arie „Erbarme dich, mein Gott“ in Bachs Matthäuspassion bedeutet, INDEM du tiefer atmest und seufzt oder weinst.

Du verstehst, was Frühling meint, Schönheit, Lust des Lebens, glücklich sein wollen, wenn der Sonnenstrahl dir in der Nase kitzelt und dich der Wandertrieb angesichts des Blütenschaums ferner Kirschgärten packt, der schimmert, als hätte es über Nacht geschneit. Du verstehst, was all das heißt, Reife, Fülle, Vollendung, wenn Äpfel rötlich aus der Dämmerung der Zweige leuchten oder du dich unter üppige Reben des glühenden Weinbergs legst und irgendein triviales Liedchen vor dich hinsingst. Du verstehst, was Abschied meint, Trauer, Tod und Klage, wenn du Allerseeelen durch den Novembernebel die einsamen Lichter auf einem Friedhof flackern siehst und der Deinen gedenkend, die hier oder woanders in der Erde liegen, Tränen vergießt.

Es ist ein tief eingefleischtes Vorurteil anzunehmen, wir verstünden erst und nur, was uns erklärt wird, was uns am Schnürchen wohlerwogener Gründe vor Augen abgezählt wird. Aber die Erklärungen, die Gründe und Theorien kommen erst post festum, wenn der Harz des Verstehens längst an der Rinde unserer alltäglichen Gewohnheiten herabgeronnen ist und sich ausgehärtet hat.

Der Musikwissenschaftler mag noch so sorgfältig Erklärungen und Gründe mittels Analyse von Tongeschlecht und Stimmführung, thematischer Variation und Orchestrierung für die ästhetische Wirkung von Mozarts „Lacrimosa“ anführen, den physisch oder seelisch Tauben werden sie nicht zu Tränen rühren.

Wir können nicht anhand der Evolutionstheorie uns über den Sinn des eigenen Lebens vergewissern.

Keine Wissenschaft schenkt uns die Weisheit, derer es bedarf, das Leben zu bestehen.

Es ist ein eitles Unterfangen, in dicken Wälzern über Ethik nachzuschlagen, wenn es gilt, hier und jetzt das Gute zu tun.

Die Suche und die Sucht nach Erklärungen ist ebenso wie das Schattenfechten mit Theorien ein Symptom mit sich selbst zerfallener Kulturen wie der westlichen. Das für uns Wesentliche, Sinn und Wert des Tuns und Redens, finden und pflücken wir wie das Kind Butterblumen auf der Sommerwiese, aber nicht im grauen Nebel der Theorie.

Wenn Übergescheite und Intellektuelle die geistige Atmosphäre mit ihrem Gerede ersticken, ist es mit dem schönen Leben vorbei.

Gott kommt aus seiner ewigen Nacht und teilt sie mit dem Blitz des Schöpfungsworts.

Daß alles sich vor dem Gerichtshof ihrer kleinen Vernunft mit Grund und Aber-Grund zu rechtfertigen habe ist jener fatale sokratische Schatten, von dem sie wähnen, er sei das Licht der Aufklärung.

Die Mutter befiehlt dem Kind „Räum das auf!“ und es gehorcht fraglos. So wird es groß.

Gott befiehlt durch seine inspirierten Diener, was zu tun sei. Sie aber erkühnen sich in maßloser Hybris, das göttliche Wort vor ihren von Rattenkot starrenden Richtertisch zu zerren.

Zu glauben, Gott befehle, was gut sei, weil es den Kriterien menschlicher Vernunft willfahrt, nicht aber sei es gut, weil Gott es befiehlt, ist eine Inspiration des Bösen.

In der Innerlichkeit der Nacht wandelt uns das Unendliche unendlich an, unendlich um.

Die Götzenanbetung der im geistlosen Scheinwerferlicht der Laboratorien sezierten Materieklumpen ist die gefeierteste Seelenverfinsterung.

Der aus dem Schlaf Auffahrende ertastet den Lichtschalter blind.

Der von besorgten Umstehenden angerufene Schlafwandler stürzt erwachend ab.

Der vulgäre Hang, jeder solle etwas Eigenes aus seinem Leben machen. So laufen alle mit derselben Konfektionsware herum.

Je dürftiger und stumpfsinniger das Leben, umso mehr bangen sie darum, umso besessener wollen sie es verlängern.

In einem Blatt grünen alle Hoffnungen, mit einem fallen alle ins Bodenlose hinab.

Der Namenlose, der sich im Dienst am Edlen verleugnet, fällt schon zu Lebzeiten der Vergessenheit anheim. Das ist seine Größe, doch selbst diese bleibt ihm verborgen.

Dichter-Eunuchen im Reigen des Dionysos.

Mit den Untaten anderer, mit dem von ihnen vergossenen Blut suchen sie vergebens ihr geistiges Vakuum zu füllen.

„Oh!“ und „Ach!“, Urworte der Dichtung. Nicht einmal Worte, Anruf und Seufzer angesichts des Unaussprechlichen.

Den Triebtäter setzen sie zum Dank für die Blutrosen, auf die er seine widerwärtigen Phantasien ejakulierte, auf die Bestenliste. Heute wird er von einem mauschelnden Salonmarxisten kanonisiert, morgen Schullektüre.

Das Schöne ist ein Funken aus Gottes unendlicher Sternennacht, der sich in einer Träne der Jungfrau vor dem Gekreuzigten widerspiegelt.

Gottes Nacht ist still, Schweigen, das wie die Blüten der Zentifolie sich Blatt auf Blatt bettet, das wie der Blick der Liebe sich unendlich in Gegenblicken vertieft.

Brunnen der Nacht, an dessen Umfassung das Salz des Lichts verweht, Kelch der Stille, an dessen Rand sich der schmutzige Grind des Lärms nicht niederschlägt.

Das Wort der Menge ist wild und verwildert, weil es zwischen Zähnen hervorgepreßt wird.

Weiße Blüte auf dem Teich der grenzenlosen Nacht. Altar einer Religion der Stille.

Sie wollen immer sein und gelten. Wie ermüden diese verkrampften Gesten.

Sie lärmen vor dem stummen Schacht des Grabes.

Wie tote Seelen wähnen sie, das vergossene Blut hauche ihnen neues Leben ein.

Dankbarkeit ist die Tugend der Edlen.

 

Mrz 15 18

Sinnbezüge

Philosophische Bemerkungen zur Grammatik von Wahrnehmungsaussagen

Wie wir sagen, daß wir an demselben Ort des Gesichtsraumes nicht gleichzeitig einen schwarzen und einen weißen, einen grünen und einen roten Fleck sehen können, so sagen wir, daß wir nicht gleichzeitig aus ein und derselben Schallquelle einen tiefen und einen hohen Ton (tief und hoch entsprechend der von uns gewählten Tonskala) hören können; wohingegen wir natürlich gleichzeitig einen tiefen und einen hohen Ton aus zwei verschiedenen Schallquellen hören können, nämlich einen Akkord.

Anders auf dem Feld der sich überkreuzenden Wahrnehmungen. Denn wir bemerken, daß unsere Sinnesfelder sich mehr oder weniger überschneiden oder vollständig überlappen oder daß unsere Wahrnehmungsräume mehr oder weniger vollständig ineinandergeschachtelt sind. Wir hören, was wir sehen, wir sehen, was wir hören. Wir riechen, was wir sehen, wir riechen, was wir schmecken.

Betrachten wir folgende Aussagen über Wahrnehmungserlebnisse:

Wir sehen Wasser aus einem Wasserhahn rinnen oder in einem Brunnen als Fontäne aufsteigen und hören gleichzeitig das schäumend-zischende Geräusch, wenn das Wasser auf das Becken herabstürzt.

Wir sehen das Laub des Baumes stark aufgerührt vom Wind und hören gleichzeitig das Rauschen der Blätter.

Wir sehen die Flammen im Kartoffelfeuer züngeln und hochschlagen und hören gleichzeitig das Knistern und Prasseln der brennenden Reiser.

Wir sehen ein Auto an uns vorüberrasen und hören etwas zeitversetzt das Heulen des Motors.

Wir sehen den Blitz und hören mehr oder weniger zeitversetzt den Donner.

Wir sehen die Rose und riechen gleichzeitig ihren Duft.

Wir schmecken die Süße der Erdbeermarmelade und riechen gleichzeitig den Duft von Erdbeeren.

Wir fühlen die Hitze der Herdplatte und verspüren gleichzeitig den Schmerz in der Hand.

Wir sehen die Bewegungen der Lippen unseres Gesprächspartners und hören gleichzeitig die von ihm artikulierten Laute.

Wir werfen hier einen kurzen Blick auf die Sinnbezüge zwischen den Sinnesfeldern und Wahrnehmungsräumen, die uns durch unsere Sinne und Wahrnehmungen erschlossen sind.

Sinnbezüge sind logische oder im Sinne Ludwig Wittgensteins grammatische Bezüge, keine physischen oder psychologischen Relationen, wie sie wissenschaftliche Forschung auf dem Gebiet der Physik und Psychologie zutage bringt.

So ist die Fähigkeit der synästhetischen Wahrnehmung, also die Fähigkeit, angesichts eines roten Farbeindrucks einen akustischen Ton zu hören, wie auch umgekehrt, mittels eines akustischen Eindrucks zum Sehen einer Farbe angeregt zu werden, eine psychologische Disposition, die gewiß mit neurologischen, also physischen, Abweichungen vom Nervenkostüm des Normalsterblichen übereinkommt.

Diese wissenschaftlich erforschbaren realen Bezüge sind KEINE Sinnbezüge, sondern statistisch erfaßbare Korrelationen, wie diejenige, die beschreibt, daß bei einer spezifischen neurologischen Sachlage spezifische psychologische Sachlagen wie das Sehen von Klängen oder das Hören von Farbeindrücken eintreten.

Daß es sich hier um keine Sinnbezüge handelt, die sich uns stets mit einem gewissen logisch-immanenten Zwang aufnötigen, sondern um akzidentelle Vorkommnisse und Relationen, ersehen wir aus der Tatsache, daß auch bei gegebener neurologischer und psychologischer Disposition synästhetische Wahrnehmungen ausbleiben können. Wie wir uns auch leicht vorstellen können, die Fähigkeit zu synästhetischen Wahrnehmungen zu besitzen und auszuüben, ohne durch eine spezifische neurologische und psychologische Disposition dazu veranlaßt worden zu sein.

Sinnbezüge dagegen lassen sich anhand der logischen Relationen von Sätzen angeben, die bestimmte Wahrnehmungen ausdrücken. So sagen wir, daß sich die Aussage über die Wahrnehmung eines roten Flecks im Gesichtsraum und die von demselben Beobachter in Bezug auf denselben Ort des Gesichtsfelds getroffene Aussage über die Wahrnehmung eines grünen Farbeindrucks ausschließen. Die Behauptung der einen Aussage impliziert die Negation der anderen Aussage, so daß gilt:

S1: Dieser Fleck ist grün

impliziert:

S2: Dieser Fleck ist nicht rot.

Das Vorliegen von Sinnbezügen der genannten und gemeinten Art können wir demnach leicht prüfen, wenn wir die sie ausdrückenden Aussagen unter Anwendung der logischen Implikation und der Negation untersuchen. Impliziert ein Satz die Negation des ihm sinngemäß verwandten Satzes, das heißt eines Satzes aus demselben logischen Raum, handelt es sich um einen Sinnbezug.

Wenn wir zur Bestimmung und Benennung der wahrgenommenen Dinge sich ausschließende oder sich systematisch verzweigende Ordnungsbegriffe wie Natur und Kunst, Pflanze und Tier, Rose und Tulpe, Wildrose und Kulturrose, Alba-Rose und Gallica-Rose (als Sorten von Kulturrosen), Aimable Rouge und Tricolore de Flandre (als Namen von Exemplaren der Rosensorte Gallica) benutzen, gelangen wir (wenn wir nur die genannten Begriffspaare berücksichtigen) mittels der einfachen Anwendung der Negation und der Implikation etwa zur folgenden Reihe von Aussagen:

I:
Wenn dies eine rote Rose ist
und diese rote Rose keine gemalte Rose darstellt,
handelt es sich um eine natürliche Rose.

II:
Wenn diese natürliche Rose keine Wildrose ist,
handelt es sich um eine Kulturrose.

III:
Wenn diese Kulturrose keine Alba-Rose ist,
handelt es sich um eine Gallica-Rose.

IV:
Wenn diese Gallica-Rose keine Tricolore de Flandre ist,
handelt es sich um eine Aimable Rouge.

Die Aussagenreihe I–IV bilden gleichsam eine begriffliche Stufenleiter innerhalb der Sinnbezüge, die wir an Aussagen über Phänomene unseres Gesichtsfelds anlegen können. Dabei spielt der ontologische Status dieser Phänomene keine exklusive Rolle.

Dagegen bilden die folgenden Aussagen über Phänomene unterschiedlicher Sinnesfelder und verschiedener Wahrnehmungsräume keine logischen oder grammatischen Sinnbezüge der genannten Art:

I:
Wenn ich die Fontäne aufsteigen sehe,
höre ich das Wasser rauschen.

II:
Wenn ich die blühende Rose vor Augen habe,
rieche ich ihren Duft.

III:
Wenn ich die Hitze der Herdplatte fühle,
verspüre ich einen Schmerz in der Hand.

Die in den Sätzen I–III beschriebene Koinzidenz von Sinneseindrücken visueller, akustische, taktiler und sensorischer Natur eröffnet uns keine logisch analysierbaren Sinnbezüge:

Ad I:
Ich könnte die Fontäne sehen, ohne das Rauschen des Wassers zu hören, weil es vom Kreischen einer Motorsäge überdeckt und verschluckt wird.

Ad II:
Ich könnte die Rose sehen, aber ihren Duft nicht riechen, weil ich verschnupft bin, oder Veilchenduft riechen, weil der Duft der Rose von dem Veilchenduft meines Einstecktuchs überlagert wird.

Ad III:
Ich kann mir vorstellen, die Hitze der Herdplatte zu fühlen, ohne einen Schmerz zu spüren.

Die Erläuterung zu Satz III ist besonders aufschlußreich, weil sie uns darauf hinweist, daß Sinnbezüge Relationen beschreiben, denen wir logische Notwendigkeit zumessen. So können wir in unserer dreidimensionalen Körperwelt nicht an demselben Ort zur gleichen Zeit zwei verschiedene Körper sehen. Oder wie gesagt aus ein und derselben Schallquelle einen hohen und einen tiefen Ton (gemessen an unserer konventionellen Tonskala) hören. Wir können uns das Gegenteil schlicht nicht vorstellen. Und diese Unfähigkeit ist kein Mangel unseres Vorstellungsvermögens, sondern eine Implikation der Sinnbezüge, in denen wir existieren.

Sinnbezüge zwischen Wahrnehmungsaussagen sind eine Funktion ihrer logischen Grammatik. Die Grammatik unseres Gebrauchs von Worten wie Ton und Klang, Körper und Gestalt oder Form, Ort und Dauer oder die Grammatik der Farbbegriffe umgrenzen den logischen Raum sinnvoller Aussagen über Phänomene der mit ihnen benannten Wahrnehmung.

Aufgrund grammatisch gehaltvoller Sinnbezüge ist für uns der Zusammenhang zwischen Farbe und Fläche oder Klang und Dauer oder Linie und Gestalt oder Körper und Tiefe immanent. Das erweist sich darin, daß wir uns keine Farbe ohne Fläche, keinen Klang ohne Dauer, keine Linie ohne gestalthaften Umriß, keinen Körper ohne Tiefendimension vorstellen können. Diese eigentümliche Art des Nicht-Könnens ist kein physisches Unvermögen, sondern weist auf die logisch-grammatischen Grenzen unserer Sprache und unseres sprachlich geprägten Weltumgangs.

Zufällige Verbindungen und Zusammenhänge zwischen Wahrnehmungen erachten wir nicht für solche, die in grammatisch gehaltvollen Sinnbezügen wurzeln. Betrachten wir folgende Sätze, zu denen uns die Verbindung des visuellen und des akustischen Phänomens anregt:

S3.1 Ich sehe Wasser aus dem Hahn rinnen und höre es plätschern.
S 3.2 Wenn ich Wasser aus dem Hahn rinnen sehe, höre ich es plätschern.
S4 Weil ich Wasser aus dem Hahn rinnen sehe, höre ich es plätschern.

Diese Aussagen repräsentieren offenkundig keine grammatischen Sinnbezüge, deren Vorhandensein wir nur auf Kosten des Sinnverlusts unserer Aussagen negieren könnten, wie wenn wir dem Begriff der Farbe die flächenhafte Verteilung der Farbe oder dem Begriff des Körper die Tiefendimension absprechen.

Die Sätze S3.1 und S3.2 implizieren NICHT den Satz S4.

Denn ich kann mir leicht vorstellen, Wasser aus dem Hahn rinnen zu sehen, ohne es plätschern zu hören, weil ich taub bin oder das typische Geräusch durch Straßenlärm überdeckt wird. Ich kann mir leicht vorstellen, daß ich zwar das Wasser aus dem Hahn rinnen sehe, aber nicht das von diesem Wasser verursachte Geräusch vernehme, sondern eine akustische Aufzeichnung eines solchen Geräusches höre, die das reale Geräusch überdeckt.

En passant erfassen wir damit auch die semantische Tatsache, daß KAUSALE Aussagen über unsere Wahrnehmungen stets einen kontingenten ontologischen Status aufweisen.

In der Kunst und insbesondere in Dichtung und Musik begegnen uns ästhetische Eindrücke, die sich weder in Aussagen über logische Sinnbezüge der genannten Art noch in Aussagen mit kausaler Relevanz übersetzen und ausdrücken lassen. Nennen wir sie imaginär, denn sie scheinen die Grenzen des Realen oder des logischen Raums, in dem unsere gewöhnlichen Wahrnehmungsaussagen beheimatet sind, zu überflügeln.

Die marmorne Gewandfältelung auf den Reliefs griechischer Göttinnen wie auf dem Fries des Parthenon vermag uns den imaginären haptisch-taktilen Eindruck des Weichen und Flüssigen zu geben, als würde Wasser durch unsere Finger rinnen. Die Rosen in den Gedichten Rilkes, allen voran diejenigen in seinem französischen Zyklus „Les Roses“, verbreiten zwar keinen realen Duft und dennoch vermögen sie uns einen imaginären olfaktorischen Eindruck von dunkler und wehmütiger Süße zu geben. Die betörenden Klänge des zweiten Satzes von Schuberts letzter Klaviersonate D 960 vermögen uns den imaginären taktil-vestibulären Eindruck eines leichten Schwindels und Vergehens in dem Realen entrückte seelische Räume zu vermitteln, deren Verortung uns rätselhaft und deren Dimensionen unermeßbar scheinen.

 

Mrz 14 18

Begriffsnetz und Egologie

Anmerkungen zur Philosophie der Subjektivität

Durch ein großmaschiges Netz entwischen die kleineren Fische, ein feingewebtes beschert uns auch diese.

Wir wollen dieses Bild auf unsere sprachlichen und grammatischen Muster oder unsere sprachlich gebildete Erfahrung münzen.

Den roten Fleck im Gesichtsraum können wir sehen, gleichgültig ob wir wach sind oder träumen, ob es sich um einen natürlichen oder künstlichen Gegenstand handelt.

Aber erst wenn wir sagen: Dies ist eine rote Rose, sagen wir etwas, das auch falsch sein könnte, wenn es sich in Wahrheit nicht um eine Blume, sondern um eine rote Koralle handelte.

Begriffe wie Blume und Pflanze, Koralle und Tier sind Ordnungsbegriffe zweiter Stufe, während wir Farbbegriffe als elementar oder als Begriffe erster Stufe ansehen wollen. Denn wir können etwas ohne weiteres als rot, grün oder grau bezeichnen, ohne uns aufgefordert zu fühlen, das Benannte näher zu spezifizieren. Während wir mit der bloßen Bezeichnung eines Phänomens als rote Blume ziemlich weit hinter unseren Möglichkeiten der Konkretion hinterherhinken, die zumindest eine Auskunft darüber erheischen, ob es sich um eine Tulpe, ein Veilchen oder eine Rose handelt.

Das erweist sich in Folgendem: Wenn wir einen roten Fleck im Gesichtsraum erkennen und jemand weist uns darauf hin, daß es sich nicht um eine Pflanze oder Blume handelt, ziehen wir die Vermutung, daß es sich um eine rote Koralle handeln könnte, in die engere Wahl.

Der Hinweis darauf, daß wir das Phänomen NICHT einem spezifischen Ordnungsbegriff zweiter Stufe wie dem der Pflanze zuordnen können, impliziert die Möglichkeit, daß wir es einem anderen Ordnungsbegriff wie dem der Tiere zuordnen können.

Wenn wir in unserem sprachlichem Schema nur den Unterschied zwischen den Ordnungen pflanzlicher und tierischer Lebewesen berücksichtigen und die Existenz von Mineralien und Gesteinen vernachlässigen, folgt aus dem Satz:

S1 Dies rötliche Etwas ist kein tierisches Lebewesen

trivialerweise der Satz:

S2 Dies rötliche Etwas ist ein pflanzliches Lebewesen oder eine Blume.

Wenn wir einen roten Fleck im Gesichtsraum korrekt als Blume erkennen, aber meinen, es sei eine Tulpe, während es in Wahrheit eine Rose ist, irren wir uns offensichtlich nicht in der Zuordnung zu dem relevanten Ordnungsbegriff, sondern in der Identifikation eines seiner Elemente.

Wenn wir die alternativen Elemente auf Tulpe, Veilchen und Rose begrenzen, folgt aus dem Satz:

S3 Dies ist eine Blume

trivialerweise der Satz:

S4 Dies ist eine Tulpe ODER ein Veilchen ODER eine Rose.

Wenn wir die Blume richtig als Rose identifizieren und wenn wir Wildrosen wie Sumpfrosen, Alpenrosen, Gebirgs- oder Dünenrosen von gezüchteten oder Kulturrosen unterscheiden, folgt aus dem falschen Satz:

S5 Dies ist eine Wildrose

der wahre Satz:

S6 Dies ist eine gezüchtete Rose.

Wenn wir uns bei den gezüchteten Rosensorten auf folgende Reihe einschränken: Alba-Rosen, China-Rosen, Damaszener Rosen, Gallica-Rosen, Moosrosen und Zentifolien,

folgen aus dem korrekten Satz:

S7 Die ist eine rote Rose

die beiden wahren Sätze:

S8.1 Diese Rose ist eine China-Rose ODER eine Damaszener Rose ODER eine Gallica-Rose ODER eine Moosrose ODER eine Zentifolie.

S8.2 Diese Rose ist KEINE Alba-Rose.

Denn die Alba-Rosen sind, wie schon ihr Name sagt, weiß (oder leicht rosafarben).

Wenn wir uns bei den gezüchteten Rosen auf Gallica-Rosen (also Rosen französischer Provenienz) beschränken und bei den Gallica-Rosen auf folgende Sorten: Aimable Rouge, Belle de Crécy, Duc de Guiche und Tricolore de Flandre, dann folgt aus der korrekten Feststellung:

S9 Dies ist eine Aimable Rouge

der wahre Satz:

S10 Es ist falsch zu behaupten, dies sei eine Belle de Crécy oder eine Duc de Guiche oder eine Tricolore de Flandre.

An dieser Stelle haben wir unser Begriffsnetz in einer Weise verwebt, daß wir keine engeren Maschen und Zwischenfäden mehr darin einfädeln und einfügen können.

Die Reihe oder Stufung unseres mehr und mehr verdichteten und feinmaschiger verwebten Begriffsnetzes sieht demnach in dem von uns gewählten exemplarischen Fall folgendermaßen aus:

I Lebewesen > Pflanze ODER Tier
II Pflanze > Tulpe ODER Veilchen ODER Rose
III Rose > Wildrose ODER Kulturrose
IV Kulturrose> Alba-Rose ODER China-Rose ODER Damaszener Rose ODER Gallica-Rose ODER Moosrose ODER Zentifolie
V Gallica-Rose > Aimable Rouge ODER Belle de Crécy ODER Duc de Guiche ODER Tricolore de Flandre
VI Aimable Rouge

Innerhalb des von uns gewählten sprachlichen Schemas gelangen wir von einem weitmaschigen Begriffsnetz, das aus Ordnungs- und Artbegriffen wie Lebewesen, Pflanzen, Blumen, Tulpen, Rosen, Wildrosen und Kulturrosen (I–III) geknüpft ist, zu einem engmaschigen Begriffsnetz, das aus Namen von Sorten wie Alba-Rose, China-Rose, Damaszener Rose, Gallica-Rose, Moosrose und Zentifolie (IV) geknüpft ist.

Zuletzt gelangen wie zu dem innerhalb unseres sprachlichen Schemas am dichtesten verwebten Begriffsnetz, das ausschließlich aus Eigennamen wie Aimable Rouge, Belle de Crécy, Duc de Guiche und Tricolore de Flandre (V) geknüpft ist.

Der Endpunkt unserer begrifflichen Bestimmungen ist der Name für eine spezifische Rosenart, Aimable Rouge (VI), den wir mittels des Verfahrens des systematischen Aufwickelns oder der Negation all jener Begriffsfäden gewinnen, die von ihm wegführen, angefangen von tierischen Lebewesen, Tulpen und Veilchen, Wildrosen und jenen Sorten von Kulturrosen, die nicht zur der Sorte der Gallica-Rose gehören.

Natürlich wird der Rosenkenner, dem wir eine Aimable Rouge zeigen, ihren Namen und den ihrer speziellen Sorte, Gallica, ohne weiteres auf den Lippen haben, ohne umständlich die von uns auseinandergefädelte und detaillierte begriffliche Vernetzung sich vor Augen führen zu müssen.

Allerdings haben wir mittels unseres Begriffsnetzes nicht alles gesagt, was zu sagen ist. Denn die wahrgenommene Rose namens Aimable Rouge ist mit dieser Benennung nicht vollständig gemeint. Was wir meinen, wenn wir sagen, dies sei eine Aimable Rouge, ist ja das singuläre Vorkommnis der Rose dieses Namens, die uns vor Augen steht oder auf die wir zeigen.

Wir müssen zu guter Letzt unser feingewebtes Begriffsnetz hinter uns lassen und etwa sagen:

S11 ICH sehe JETZT HIER eine Aimable Rouge.

Wir können das mit ICH und JETZT und HIER Gemeinte, die Inhalte der sogenannten Indikatoren, nicht als zusätzliche Fäden oder Gewebe unseres Begriffsnetzes auffassen. Sie sind vielmehr um im Bild zu bleiben Knotenpunkte oder Befestigungsösen, an denen unser Netz als Ganzes hängt und festgezurrt ist.

Wir müssen so weit gehen zu sagen, das was ICH JETZT HIER sehe, diese Rose namens Aimable Rouge, wäre NICHT DA, wenn ICH nicht DA wäre und sie nicht JETZT und HIER sähe.

Das heißt nicht, daß die wahrgenommene Rose ein bloß subjektives Phänomen oder eine Art Illusion oder Traumbild wäre, genauso wenig wie ICH ein bloß subjektives Phänomen oder eine Illusion oder ein Trauminhalt bin. Denn ich kann von einer Rose dieses Namens nur träumen, wenn ich auch erwachen und dann wissen kann, daß es sich um einen Trauminhalt gehandelt hat.

Wir können auch nicht das mit ICH und JETZT und HIER Gemeinte dadurch objektivieren, daß wir an ihrer Stelle im Satz Beschreibungen oder deskriptive Ausdrücke wie meinen Eigennamen, ein bestimmtes Datum und einen bestimmten Ort eintragen.

Denn wir können keinen letztlich schlüssigen Beweis dafür antreten, daß der mit jenem Eigennamen Bezeichnete ICH bin. Der mit JETZT bezeichnete Zeitpunkt und der mit HIER bezeichneten Ort existieren nur als Funktionen im subjektiven oder egologischen Feld dessen, der HIER und JETZT von sich ICH sagt.

Der auf der Uhr festgestellte Zeitpunkt ist nicht DERSELBE AUGENBLICK, an dem ich die Rose sehe. Der auf der topographischen Karte verzeichnete Ort, wo sich jene Rose befindet, ist nicht DIESELBE ORTSCHAFT, an der ich die Rose sehe.

Wenn mein Freund mir erzählt, er habe vor kurzem im Botanischen Garten von Frankfurt oder Leipzig eine Rose der Sorte Aimable Rouge gesehen, gehe ich freilich davon aus, daß er weder lügt noch mir einen Traum erzählt, sondern daß es die genannte Blume an jenem Ort tatsächlich gibt.

Was aber heißt das? Nichts weiter, als daß ich den von meinem Freund geäußerten Satz:

Ich habe kürzlich im Botanischen Garten eine Aimable Rouge gesehen

unter der Bedingung, daß ich mich zu dem besagten Botanischen Garten aufmache und die genannte Rose selbst in Augenschein nehme, bei nächster Gelegenheit meinem Freund gegenüber äußern könnte:

Ich habe kürzlich im Botanischen Garten eine Aimable Rouge gesehen.

Damit ist offensichtlich, daß die Instanz des mit ICH Gemeinten sowohl singulär als auch universell ist. Sie ist die Bedingung dafür, daß wir unsere Begriffsnetze mehr oder weniger engmaschig knüpfen und mehr oder weniger weit in den Fluß unserer Erfahrung auswerfen können. Was immer wir mit diesen Netzen einfangen, wäre als bestimmbares Phänomen nicht vorhanden, wenn ich oder du oder wer immer es nicht als Element einer sprachlich zugänglichen Erfahrung auffassen und benennen könnte.

Die von uns gewebten und angewandten Begriffsnetze wie das klassifikatorische von Aristoteles oder das botanische von Linné sind demnach nur scheinbar oder an der Peripherie ontologisch autonom. In letzter Instanz hängen sie von jener lebendigen und begrifflich nicht faßbaren oder ableitbaren Instanz ab, die uns unmittelbar zugänglich ist, wenn wir einen Satz äußern wie: Ich sehe eine rote Rose.

 

Mrz 13 18

Sprachliches Schema und grammatisches Muster

Anmerkungen zur philosophischen Sprachlehre

Wenn wir im Schwarz-Weiß-Raum lebten und du sagtest mir:

S1: Diese Fläche ist nicht weiß.

So wüßte ich, daß die von dir gemeinte Fläche schwarz ist, und ich sagte dir auf den Kopf zu:

S2: Diese Fläche ist schwarz.

In der zweidimensionalen Schwarz-Weiß-Welt gilt demnach folgende Implikation:

S1 > S2

Oder:

Wenn eine Fläche nicht weiß ist, folgt daraus, daß sie schwarz ist.

Die Sätze S1 und S2 sind keine Tautologien, denn es nicht dasselbe, zu sagen, etwas sei nicht weiß, und zu sagen, etwas sei schwarz. Demnach folgt hier aus einem Satz ein anderer Satz und die vom Folgesatz mitgeteilte Tatsache ist gegenüber der vom Ausgangssatz mitgeteilten Tatsache nicht trivial.

Nun, gehen wir in unsere alltägliche Mehrfarben-Welt. Hier gilt evidentermaßen die oben genannte Implikation NICHT. Denn aus der Feststellung, daß diese Fläche nicht weiß ist, folgt hier keineswegs, daß sie schwarz ist, sie kann blau, grün oder rot und noch etwas anderes sein.

Formulieren wir in unserer Mehrfarben-Welt folgenden Satz:

S3: Diese Fläche ist rot.

Aus diesem Satz können wir konsistent andere Sätze ableiten wie:

S4: Diese Fläche ist NICHT grün.
S5: Diese Fläche ist NICHT blau.
S6: Diese Fläche ist NICHT grau.

Wir gelangen zu folgendem sprachlichem Schema einer gültigen Ableitung:

Wenn S3, dann gilt S4 UND S5 UND S6.

Formulieren wir in unserer Mehrfarben-Welt folgenden Satz:

S7: Diese Fläche ist NICHT rot.

Aus diesem Satz können wir anhand unseres sprachlichen Schemas konsistent andere Sätze gültig ableiten wie:

S8: Diese Fläche ist MÖGLICHERWEISE grün.
S9: Diese Fläche ist MÖGLICHERWEISE blau.
S10: Diese Fläche ist MÖGLICHERWEISE grau.

Wir gelangen zu folgendem sprachlichen Schema einer gültigen Ableitung:

Wenn S7, dann gilt: S8 ODER S9 ODER S10.

Aus der Feststellung, daß eine Tatsache besteht, folgt demnach die Feststellung, daß gewisse andere Tatsachen NICHT bestehen.

Wenn ich gestern im Park war, folgt daraus, daß ich NICHT gleichzeitig im Kino gewesen bin. Wenn du das Kind von Paula bist, folgt daraus, daß du NICHT das Kind von Erika bist. Wenn du 180 cm groß bist, folgt daraus eine unendliche Reihe von negativen Tatsachen wie, daß du NICHT 170 cm groß bist, NICHT 181 cm groß bist usw. Wenn ich ein gebürtiger Rheinländer bin, folgt daraus daß ich KEIN Bayer bin.

Aus der Feststellung, daß eine Tatsache NICHT besteht, folgt die Feststellung, daß gewisse andere Tatsachen MÖGLICHERWEISE bestehen. Dies ist die schlichte semantische Ableitung der logisch nichtausschließenden Aussagen aus unserem sprachlichen Schema.

Wir können eine sich hieraus ergebende weitere Implikation so formulieren:

Aus der Feststellung, daß eine Tatsache NICHT besteht, folgt NICHT die Feststellung, daß notwendigerweise eine andere Tatsache besteht.

Wenn ich gestern NICHT im Park war, folgt daraus NICHTS Weiteres über die Orte, an denen ich mich aufgehalten habe. Wenn du nicht in Petra verliebt bist, folgt daraus NICHTS weiter über deine erotischen Neigungen, weder daß du in Irene verliebt bist noch daß du überhaupt verliebt bist. Wenn die Erde keine Scheibe ist, folgt daraus nicht, daß sie eine Kugel ist. Wenn du nicht 180 cm groß bist, folgt daraus NICHTS weiter über deine tatsächliche Größe. Wenn du kein Bayer bist, folgt daraus NICHTS weiter über deine tatsächliche regionale Herkunft.

In einer monochromen Welt wüßten wir uns weder zu orientieren noch könnten wir Feststellungen über den Farbwert einer gesehenen Fläche machen. Wir benötigen demnach zumindest EINEN Farbwert wie Weiß oder Schwarz UND seine Negation, um aus der Feststellung, daß diese Fläche NICHT weiß ist, zu folgern, daß sie schwarz ist.

In einer polychromen Welt wie der Welt unseres Alltags können wir uns leicht orientieren, weil wir von der Feststellung eines vorliegenden Farbwerts auf das Nichtvorhandensein aller anderen Farbwerte schließen können und von der Feststellung eines nicht vorliegenden Farbwerts auf das Vorhandensein eines der anderen möglichen Farbwerte schließen können.

Wir nennen das, was uns Orientierung und die Möglichkeit zu beliebigen Aussagen über visuelle Farbphänomene in unserer Welt verschafft, das sprachliche Schema oder das grammatische Muster, mit dem wir unsere Aussagen über die genannten Phänomene ordnen.

Dabei spielt es keine Rolle, wie unser Seh- und Farbsinn physiologisch ausgestattet oder unsere Farbwahrnehmungen kulturell determiniert sind. Sollten die alten Griechen oder Ägypter oder heutzutage irgendwelche exotischen Insulaner mit einem anderen Seh- und Farbsinn ausgestattet (gewesen) sein und ihre Farbwahrnehmungen kulturell anders determiniert (gewesen) sein, so verfügten und verfügen sie doch über ein sprachliches Schema oder ein grammatisches Muster, das wir an unser Schema und Muster wie einen Maßstab an den anderen (wie Zoll und Meter) anlegen und ineinander übersetzen können. Insofern gibt es keine prinzipielle Hürde zwischen ihnen und uns, die uns das Verständnis ihrer Aufzeichnungen oder Äußerungen über visuelle Phänomene unmöglich machen würde.

Wir setzen bei der Übersetzung von Äußerungen über visuelle Phänomene im Farbraum zwei fundamentale semantisch-logische Merkmale und Kriterien voraus, die wir insofern als universell oder allgemeingültig ansehen können, als sie zur semantischen Grundausstattung von Sprache und Grammatik überhaupt gehören: Identität und Negation.

Identität meint die Feststellung, daß etwas dieses Etwas ist, als das wir es benennen: Wir nennen etwas rot, weil wir gelernt haben, DIESES Phänomen im Farbraum so zu benennen.

Negation meint die Feststellung, daß etwas, was wir als rot zu benennen gelernt haben, NICHT zugleich grün sein kann.

Der hier ausgedrückte Sinn von Nicht-Können oder Notwendigkeit ist also gleichsam eine tragende Säule unseres sprachlichen Gebäudes, keine objektive Eigenschaft der Farben Grün und Rot. Denn WIR können nicht eine Fläche im Farbraum als grün und gleichzeitig rot ansehen, gleichgültig, was dies physikalisch bedeuten mag.

Wir unterstellen mit jeder Benennung von etwas als etwas seine Identität und das heißt die Gültigkeit seiner Benennung im Rahmen unseres sprachlichen Schemas.

Wir unterstellen mit jeder Benennung von etwas als etwas die Gültigkeit des Ausschlusses aller anderen gleichsinnigen Benennungen im Rahmen unseres sprachlichen Schemas.

Wenn wir etwas als rotes Quadrat benennen, wissen wir, daß es sich weder um ein rotes Rechteck noch um einen roten Kreis, aber auch nicht um ein blaues oder grünes Quadrat handelt.

Wir gehen allerdings auch selbstverständlich davon aus, daß es sich bei dem genannten Etwas nicht um einen roten Würfel handelt. Sagte uns jemand, eigentlich sei dies ein roter Würfel, dann korrigieren wir ihn dahingehend, daß wir sagen, er spreche wohl von einer Seite des Würfels – denn welche Farben die anderen Seiten aufweisen, falls es sich in der Tat um einen Würfel handelte, wissen wir nicht.

Wenn wir etwas korrekt als rote Rose benennen, wissen wir, daß es sich weder um ein rotes Veilchen noch um eine rote Tulpe, aber auch nicht um eine weiße oder gelbe Rose handelt.

Wir gehen allerdings auch selbstverständlich davon aus, daß es sich bei dem genannten Etwas nicht um eine rote Koralle handelt, denn wir unterscheiden innerhalb unseres sprachlichen Schemas nicht nur Rosen und Korallen, sondern Pflanzen und Tiere.

Bei der Anwendung unseres sprachlichen Schemas spielt es zunächst keine wesentliche Rolle, ob es sich bei der roten Rose um ein Exemplar im Rosenbeet unseres Gartens oder auf dem Genrebild eines flämischen Meisters handelt. Und dennoch ist dies erstaunlich, weil wir hier auf eine weitere grundlegende Unterscheidung innerhalb unseres sprachlichen Schemas treffen: den Unterschied zwischen lebendig und nichtlebendig.

Wir dringen leicht zur Bedeutung dieses grundlegenden Unterschiedes vor, wenn wir ihn anhand der unterschiedlichen grammatischen Muster erläutern, die unsere Begriffe von Natur und Kunst beherrschen. Kurz: Das Lebendige rechnen wir zur Natur, das Fiktive und Artifizielle zur Kunst.

Wir sagen, die gemalte Rosenknospe duftet nicht, ihre Blütenblätter erregt kein Wind, sie wächst und entfaltet sich nicht in einem natürlich-spontanen Vorgang, sie wird nicht von Insekten bestäubt und vermehrt sich solcherart nicht, sie welkt nicht und ihre welken Blätter fallen nicht vom Stiel herab. Oder einfach ausgedrückt: Die gemalte Rose ist weil nicht lebendig, sondern künstlich und fiktional den natürlichen Abläufen im Kreislauf der Jahreszeiten entzogen. Doch je kunstvoller und meisterlicher die fiktive Rose gestaltet ist, umso eher läßt sie uns an all die genannten natürlichen Vorkommnisse und Vorgänge denken – so wie uns andererseits die natürliche Rosenknospe an jene gemalten Rosen auf den Bildern niederländischer Meister denken läßt, in denen ihre vollkommene Naturgestalt kunstvoll und meisterlich getroffen und wiedergegeben worden ist.

Wir können auf der Ebene der reinen Erscheinung oder der rein phänomenalen Ebene schwerlich einen Unterschied zwischen dem roten Farbwert der natürlichen und dem der gemalten Rose ausmachen, insbesondere wenn diese auf geistvolle Weise wie bei den Niederländern mit Naturfarben dargestellt und in das illusionistische Spiel von Licht und Schatten getaucht ist.

Daraus ersehen wir, daß wir streng zwischen dem Phänomenalen (die natürliche UND die gemalte Rose) und dem Fiktionalen (die gemalte Rose) unterscheiden sollten.

Wenn wir uns auf die Tiefenstruktur unseres sprachlichen Schemas verlassen, erschließt sich uns die klassische Auffassung in einem deutlichen Licht, nämlich daß die Kunst uns die Erinnerung oder artifizielle Verdichtung der Natur in ihren künstlich zur Vollkommenheit und Einzigartigkeit gesteigerten Formen und Gestalten gewährt und vor Augen führt.

Wir bringen das uns Verständliche und Sagbare oder Darstellbare zur Sprache und in die Kunst, denn mehr als daß dieses etwas eine natürlich oder gemalte Blume (und kein natürliches oder gemaltes Tier wie eine Koralle) ist, und diese Blume eine Rose und diese Rose eine rote Rose, läßt sich nicht sagen.

Gehen wir einen Schritt weiter, einen Schritt gleichsam über die Sprache hinaus, und fragen nach der Berechtigung unseres sprachlichen Schemas und unserer grammatischen Muster, geraten wir ins Unverständliche und nicht Sagbare oder nicht Darstellbare. Denn mit den Bestimmungen, die uns die Sprache an die Hand gibt und die uns im Leben orientieren, haben wir den Raum des Verständlichen gleichsam ausgeschöpft.

Wir können unser sprachliches Schema auf das Ganze der Welt, das Ganze unseres Lebens und Daseins NICHT in dem Sinne anwenden, wie wir mittels seiner etwas als etwas wie dieses Phänomen als rote Rose bestimmen und benennen. Und das impliziert auch, daß wir NICHT in der Lage sind, unser sprachliches Schema auf sich selbst anzuwenden.

Denn könnten wir die Welt und unser Dasein im Ganzen als ein Etwas oder eine identische Entität bestimmen und benennen, als eine Tatsache unter all den Tatsachen, die wir in der Tat bestimmen und benennen können, müßten aus dieser Feststellung, wie wir gesehen haben, andere Feststellungen folgen, denen zufolge wir wüßten, was die Welt oder wir selbst NICHT sind – wie aus der Feststellung, dies sei eine rote Rose folgt, daß es sich dabei NICHT um eine weiße Rose, geschweige denn um eine rote Koralle handelt.

Aber was folgt aus der Feststellung, daß es die Welt und uns gibt?

Wenn wir die Negation innerhalb unseres sprachlichen Schemas und im Rahmen eines spezifischen grammatischen Musters anwenden, können wir aus negierten Sachverhalten, wie im Falle, daß diese Rose nicht rot ist, auf mögliche positive Sachverhalte oder mögliche Tatsachen schließen, wie daß die Rose weiß oder gelb oder lila sein könnte.

Doch wir können die Negation nicht auf unser sprachliches Schema überhaupt anwenden, denn nichts zu sagen, heißt nichts weniger als irgendetwas zu sagen oder heißt schlicht zu schweigen.

Wir können die Negation zwar im Rahmen bestimmter grammtisch-semantischer Muster auf Tatsachen und Tatsachenkomplexe anwenden und so vielleicht eine Welt imaginieren, in der es keine Rosen gäbe. Aber schon uns eine Welt zu imaginieren, in der es keine Pflanzen gäbe, übersteigt unser Vorstellungsvermögen, denn in unserer Welt ist die Existenz der Tiere zum größten Teil abhängig von der Existenz von Pflanzen, insofern sie sich von diesen ernähren, wenn aber die Existenz von Tieren so auch die Existenz von Menschen. Der begriffliche Unsinn steigt zwar gern zu Kopf, stinkt aber gen Himmel, wenn er aus der Anwendung der Negation auf Tatsachenkomplexe hervorgeht, die wiederum andere Tatsachenkomplexe bedingen oder implizieren. So steht es um die meisten Begriffe sogenannter möglicher Welten.

Was wäre demnach vom Begriff einer Welt ohne Menschen zu sagen? Nun, es ist eben ein sinnloser Begriff. Denn eine Welt jenseits des Menschen wäre eine Welt ohne Sprache, die Welt ist aber für uns das mittels der Sprache Denkmögliche. Folglich ist eine Welt ohne Sprache für uns nicht einmal zu denken möglich.

Denn wie wir sahen impliziert ein negativer Sachverhalt, wie daß diese Rose nicht rot ist, die Möglichkeit von Tatsachen, die der Rahmen unseres sprachlichen Schemas eröffnet, wie daß die Rose weiß oder gelb oder lila ist.

Was wäre demnach vom Begriff eines totalen Negation oder der Negation aller wirklichen und möglichen Tatsachen zu halten? Der Gedanke des Nichts ist aber kein Gedanke, denn er impliziert nicht die mindeste Denkbarkeit einer möglichen anderen Tatsache.

Und dennoch sind wir in inspirierten Augenblick getrieben, uns das Dasein der Rose gleichsam außerhalb unseres sprachlichen Schemas als Phänomen sui generis zu imaginieren. Diese Art der Inspiration ähnelt dem Gefühl der nackten Existenz, wenn wir seltsam erregt fühlen, DASS es die Welt gibt, DASS wir existieren und als sprachliche Wesen existieren, deren sprachliche Fühler gleichsam alles innerhalb der sprachlich zugänglichen Welt abtasten, was für sie Dasein und Bedeutung besitzt.

Wir kommen hier an die Grenze dessen, was wir sagen und meinen können.

Rilke hat diese Grenzerfahrung in einem seiner französischen Gedichte aus dem Zyklus Exercises et Évidences auszudrücken gesucht:

 

Rainer Maria Rilke, Cimetière

Y en a-t-il d’arrière-goût de la vie dans ces
tombes? Et les abeilles, trouvent-elles dans
la bouche des fleurs un presque-mot qui se
tait? Ô fleurs, prisonnières de nos instincts
de bonheur, revenez-vous vers nous avec
nos morts dans les veines? Comment
échapper à notre emprise, fleurs? Comment
ne pas être nos fleurs? Est-ce de tous ses
pétales que la rose s’eloigne de nous? Veut-
elle être rose-seule, rien-que rose? Sommeil
de personne sous tant de paupières?

 

Friedhof

Gibt es einen Nachgeschmack des Lebens in diesen
Gräbern? Und die Bienen, finden sie im
Mund der Blumen ein Beinahe-Wort, das sich
verschweigt? O Blumen, Gefangene unserer Gier
nach Glück, kehrt ihr nach unserem Tod zu uns
zurück in unsere Venen? Wie wollt, Blumen,
ihr unserem Zugriff entrinnen? Wie
nicht unsere Blumen sein? Fliegt auf all ihren
Blütenblättern uns die Rose davon? Will
sie Rose sein allein, nichts als Rose? Niemandes
Schlaf unter so viel Lidern?

 

Mrz 12 18

Kosmisch II

Aus dem dunklen Grunde,
wo die Nebel streifen,
stäubt Gefieder Funken
und Gesänge schweifen.

In den Bitter-Schründen
süßen sich die Knospen,
Blatt und Blicke finden
Sonnentore offen.

In der Sternen-Ballung
blitzt ein Urgesicht,
Liebe staut die Wallung,
die aus Erden bricht.

Hohen Wortes Odem
übergrünt die Fluren,
blau und grüner Käfer
bahnt die Rosenspuren.

Was Gestalten zündet,
west nicht augenlos,
was die Blüten ründet,
ist sich Frucht und Schoß.

Auf des Liedes grünen Hang
pocht die Hufe Pan,
weißer Schwanensang
wölkt dem Traum voran.

 

Mrz 12 18

Kosmisch I

Ewig um sich selber
wirbelt Gottes Geist.

Ihm wird alles selig,
hält es oder reißt.

Schmaler Fäden Fühlung
wirrt er heim ins Licht.

Galaxien ringeln
um sein Angesicht.

Lichtes Schaum verdichtet
er zu Blütenstaub.

Und sein Lied voll Trauben
glüht im Rebenlaub.

Strahlendolden blühen
stumm am Weltenpfad.

Singend drehen Seelen
ihm das Sonnenrad.

Wir sind ihm die Augen,
Wunderlicht zu schauen.

Ihm nur brennen Herzen
bis ins Morgengrauen.

 

Mrz 11 18

Fado VII

Soll wie abgeschälte Haut
von ausgeblühten Knorren
die Seele mir verdorren?

Die deinen Glanz geschaut,
wie eine Qualle blassen,
vom blauen Schoß verlassen?

Hebe sie ein Blütenblatt
auf Wassers leises Singen,
laß sie ins Schweigen schwingen.

Beuge dich an Schwester statt,
fühlʼs, wie ihre weißen Wangen
um eine letzte Träne bangen.

 

Mrz 11 18

Fado VI

Hat Gottes Schatten
mich verschluckt,
daß mir die Rose
grau erscheint?

Hat Teufels Stachel
mich gejuckt,
daß meine Seele
nicht mehr weint?

Wer gibt die Rose
mir zurück,
die Glut der Liebe
schmerzenswahr?

Wer läßt die Träne
meinem Glück,
macht Nacht und Seele
sternenklar?

 

Mrz 11 18

Fado V

Unter Gottes Wellenschlag
hat Schaum die Spur zerrieben,
die einst dein zarter Fuß
tänzerisch geschrieben.

Doch dein Leben west in mir
wie Fliederduft in Truhen,
wo die Hals und Haar umspielt
Tuch und Bänder ruhen.

Die Augen blau und licht,
die deinen Garten schmückten,
macht Herbst mir trüb und blind,
verschleiert die entzückten.

Doch deiner Blicke zart Getast
begrünt mir Traumes Ranken,
und blauen Tages Prangen blaßt,
wo deine Blicke sanken.

 

Mrz 10 18

Fado IV

Das Angesicht der Liebe,
das mir ins Dunkle schwand,
ist nun die weiße Blume,
die ich auf der Schwelle fand.

Und was in Tropfen flüstert,
wenn grauer Regen fällt,
ist deine ferne Stimme,
die mich am Leben hält.

Wenn Abends rote Rose
legt ihre Wunde bloß,
rinnen meine Tränen
in deinen fernen Schoß.

O Gottheit, die mit Küssen
wie mit Messern wühlt,
zerschneide mir die Sehne,
die dunkle Wehmut fühlt.

 

Mrz 10 18

Fado III

An Ufern blauer Nacht
schweben weiße Schwäne.

Ich weiß es nicht zu sagen,
was ich mir ersehne.

Von Zweigen tropfen Gluten,
traubenschwere Rebe.

Ich kenne nicht den Grund,
warum ich länger lebe.

Die Wogen heben dunkle
Lieder auf den Strand.

Sie singen von der Liebe,
die ich hier nicht fand.

 

Mrz 10 18

Fado II

Dunkelrote Rose,
schmerzenstrunkner Schein.

Nachgelalltes Leben,
dunkelroter Wein.

Schreie, Liebe,
Liebe, schweige.

Himmels blaues Veilchen,
schmerzenstrunkner Duft.

Veilchen füllen Locken,
Blick zerreißt die Luft.

Blute, Herz,
Herz, verblute.

Weißen Mondes Blüte,
schmerzenstrunkne See.

Blüte flammt ins Wasser,
Wasser löscht das Weh.

Schreie, Liebe,
Liebe, schweige.

 

Mrz 10 18

Fado I

Wovon soll ich singen
als von Schmerz und Blüten,
als von weißen Blüten,
die mir die Schmerzen bringen.

Wohin soll ich gehen,
wenn sich die Rosen neigen,
wovon die Lippen schweigen,
die dunklen Düfte wehen.

Wozu soll ich leben,
woran die Wasser schwellen,
das Seufzen grüner Wellen,
kann kein Herz mir geben.

Was soll ich besingen
als Rosen ferner Tage,
der Nächte wilde Klage,
die Dornen-Küsse bringen.

Willst du mich verstehen,
laß mich von deinen Augen
den Glanz der Träne saugen
und schluchzend untergehen.

 

Mrz 9 18

Gott verhüllt den Stern

Meeres ist der Schaum,
himmlisch das Gefieder,
es tönt den blauen Raum
Gewölke weicher Lieder.

Wärme hat der Stein,
grüne Feuer Wellen,
es rinnt ein roter Wein
aus Abends schwarzen Quellen.

Wimpern hat das Lied,
heller Blicke Dunkeln,
weil Liebe lautlos schied,
die blanken Tränen funkeln.

Gott verhüllt den Stern,
Schmerz war alles Scheinen,
es klagt aus Wäldern fern,
die Nachtigallen weinen.

 

Mrz 9 18

Hier frieren wir im Glanz

Hier frieren wir im Glanz
der todbetauten Frucht,
hier haben wir im Schnee
umsonst den Mohn gesucht.

Dort wollen wir beglückt
einander Blüten zeigen,
dort ganz in Duft entrückt
wie Duft zum Himmel steigen.

Hier dürsten wir am Born,
der stumme Schatten schäumt,
hier hat umsonst der Kelch
vom Wein des Worts geträumt.

Dort sollen im Gerank
die reifen Trauben schwellen,
dort aus umkränztem Trank
der Liebe Lieder quellen.

 

Mrz 8 18

Flocken in der Dämmerung

Wind spielt
im Laube
Schattenspiele.
Das Herz
wird still.

*

Flamme singt
Asche
ins winterkalte
Blau.

*

Müde Hand
schmiegt sich
an die Schwester
in den Schlaf.

*

Schwarzes Grollen,
schon fern,
Farnes Strähnen
glitzern.

*

Blitzen,
Klirren,
Sommer
wirft
das Fenster zu.

*

Teddybär,
ein Auge fehlt,
Stiefmütterchen,
verblaßt,
auf einem Kindergrab.

*

Kanne,
zerbeultes Blech
im Rasen,
zerschlissener Mund,
gierig
nach Seufzern.

*

Dürrer Zweig,
Greisin
auf der Bahre,
Blatt des Munds
blassend
ohne Tau.

*

Prasseln,
Klatschen
auf dem Blech
des Markts,
das Edle
ohne Hand
und Mund.

*

Blick,
verweint,
aus schmalem Fenster,
Flocken
in der Dämmerung.

*

Buch und blauer Krug
mit Hyazinthen
auf dem Tisch,
Seele,
die durch Zeilen irrend
auf die Schwester trifft.

 

Mrz 7 18

Mit den Rosen gehen

Mit den Rosen gehen,
Lust und Leid verwunden,
unter Blitzen stehen,
hohe Abschiedsstunden.

Ist was dort noch webt
am Gespinst der Nacht
Liebe, kaum bedacht,
Leben, ungelebt?

Mit den Veilchen sagen,
Tau sind alle Tränen,
Schmerz und Schweigen tragen,
Dämmerflaum von Schwänen.

Ist was dort noch quillt
in des Wassers Nacht
Liebe ungestillt,
Leben kaum erwacht?

Mit den Lilien sinken,
Duft und Lied verwehen,
ferne Blicke winken,
hell ins Dunkel gehen.

 

Mrz 7 18

Heimkehr ohne Klage

Wenn auf Lebens Kehre
kühl sich Schatten längen –
Veilchen-Lippen beben,
küssen aus den Engen.

Wolken, blasse Wangen,
Blätter letzter Sonne,
Heimkehr unter Schatten,
Tropfen letzter Wonne.

Kleiner Kehlen Necken,
Schmelz und Traum-Gefieder,
tief wie Liebe trinken,
süßer Wehmut Flieder.

Rauschet schwarz ein Samt,
Saum der goldnen Tage,
und die Schatten sinken,
Heimkehr ohne Klage.

 

Mrz 6 18

Stachelbeeren

Sentenzen und Aphorismen zur Ästhetik lyrischer Dichtung

Um an die Süße zu gelangen, muß man manchmal ein paar Blutstropfen riskieren.

Die Dummen schwören auf die Macht des Intellekts.

Die Stumpfen schauen aus dem Tran nur auf bei grellen Klecksen und Knallbonbons.

Der Geschmacklose giert nach immer schärferen Gewürzen.

Dem durch expressionistischen Blitz und Donner Versehrten könnten Verse von Verlaine oder Rilke jene Erquickung bereiten, die in Beethovens Pastorale der letzte Satz mit der Bezeichnung „Hirtengesänge – frohe und dankbare Gefühle nach dem Sturm“ verspricht.

Wenn du die Fliegen auf dem Dung mit der Fliegenklatsche erlegen willst, spritzt dir der Kot ins Gesicht.

Die Häßlichen verachten das Schöne wie die Geistlosen die Liebe.

Zwei Quellen des Pathos: die trübe der Lüge und die klare der Verehrung.

Staatlich bezuschußte, kulturbetrieblich vorgeführte, mediale Kreide fressende Dichter.

Sie stammeln, um den vulgären Tropf zu beeindrucken, sie winden sich in Pappierschlangenrätseln und täuschen Atemlosigkeit vor. Denn schrieben sie, was sie denken, tanzten triviale Mäuse auf dem Tisch.

Der Dichter am Mikrophon oder in der Talkrunde, Pegasus im Zaumzeug.

Erschwitzte Gedanken, parfümierte Gefühle.

Einfaltspinsel schmieren Vielfalt.

Das entscheidende Oder: Ablehnung aus der Fülle des Selbstgefühls oder der Leere des Ressentiments.

Farbverbot oder Bleistiftpflicht, ein Remedium für Orgien-Maler.

Verbot von Beiwörtern oder das Trockenlegen des Rhythmus, eine Radikalkur für Dichter mit zuviel Wasser im Gemüt.

Hinter Scheuklappen predigen sie Weltoffenheit.

Dunkelmänner, die das Loblied der Aufklärung singen.

Eine trübe Funzel in der Hand leuchten die Aufgeklärten dem Zeitgeist heim.

Zwei Hürden, über die Dummheit gepaart mit frecher Arroganz stolpert: die korrekte und logisch stringente Verwendung der Negation und die Verwechslung von Factum und Dictum oder Tatsache und grammatischer Form.

„Niemand“, glauben sie, sei die Negation von „alle“, und vice versa, denn ohne Krethi und Plethi sind sie ein Niemand, fühlen sich nichtig und leer, und der Gedanke, einige oder gar nur einer sei aus der Masse auserlesen, ist ihnen ein moralisches Anathema und daher logisch unzugänglich.

Indes, der echte Dichter schielt nicht auf die große Menge, er vermag auszudrücken, was den Wenigen, Seltenen, Aparten und von geheimen, dem groben Kerl unverständlichen Qualen und Ekstasen Heimgesuchten im Sinn liegt, aber nicht auf den Lippen.

„Der Schüler“, meinen sie, müsse ein Bub sein, und „der Lehrer“ ein Kerl mit Bart. Doch, daß die grammatische Form „der Schüler“ und „der Lehrer“ keine biologische Tatsache abbildet, ist ihnen semantische Luft.

Daß „Lehrerin“ die weibliche Form für die männliche „der Lehrer“ sei, das glauben und predigen sie wie weiland Tetzel den Sündenablaß mittels Auflösung des Gewissens im Dunkel des Spendenkastens.

Sie meinen, wenn der Dichter von Blumen und Düften redet, seien dies nur Metaphern für derbere und gröbere Realitäten. Aber er meint den wirklichen Duft der Seele, den köstlichen der Liebe, den welken des Abschieds, meint die wahrhaft schwarze Rose der Nacht.

Kastraten im Chor des Dionysos.

Heute heißt der Kindergarten Kita. Das sagt alles über ein Volk, das mit seiner Kultur und Sprache über Kreuz liegt.

Wie traurig nüchtern, funktional, klinisch sauber und moralisch ausgewaschen klingt „Kindertagesstätte.“ Welches Versprechen roter Äpfel und schöner Reigen hallt noch im Wort „Kindergarten“ nach.

Als hätte man sich schadenfroh darüber hergemacht, den letzten poetischen Reiz der Kindheit auszutreten, den ärmlichsten Garten der Poesie zu asphaltieren oder in Wildwuchs veröden zu lassen.

Kindergarten, das riecht allerdings nach Hort und Hut, nach Hege und Pflege, am Ende wird dort Kindern wie Pflanzen der Wildwuchs beschnitten, sie werden horribile dictu gar umgetopft und mit kalten Güssen lebensertüchtigender Disziplinierungsmaßnahmen aufgeschreckt.

Kinderseelen sollen ihnen wie Unkraut wuchern, wie Nesseln und Disteln kitzeln und witzeln, nicht wie aufgerichtete und angefädelte Blumenstiele in die Sonne wachsen.

So auch die neue Poeterei. Das Gitter der Metren und Rhythmen, an dem sich die Verse ins Licht emporranken, ward abgerissen, und die Verse wuchern auf wüster, von den unerschöpflichen Krügen des Reims nicht länger getränkter Erde bizarr und ungestalt dem Dunkel zu.

Erziehung zur Mündigkeit ist ein Euphemismus für Verwahrlosung.

Nicht mündig werden sie an solchen Stätten, sondern vorlaut, nicht souverän, sondern herrschsüchtig. Krakeeler, die lernen auf Kosten anderer und vor allem alter, der Schonung bedürftiger und behinderter Menschen zu rasen und zu wildern.

Unmündige, vorlaute, herrschsüchtige Zeilen, die manchmal wie Peitschen über die Ränder schlagen, manchmal drüsenkrank glotzende Augen als apokalyptische Früchte an ihre kahlen Äste kleben.

Kunst ist Stil, Stil die filigrane Geste, die ins Unsagbare weist.

Aus dem Aufruhr oder Qualm unaufgeräumter Seelen, denen höchste Epitheta des Stils wie „heiter“ und „lichtvoll“ nach billigem Fusel schmecken und an Flutlicht erinnern, erwächst kein Stil, die Gesten, die sie dem Passanten vom Fenster zeigen, sind nackte, obszöne Finger.

Nichtskönner leben vom Bettel vager Versprechungen, es morgen oder morgen endlich fertig oder morgen besser zu machen, oder vermarkten ihr Unvermögen als disiecta mebra unter dem Leichentuch des Fragmentarischen.

Das Klassische veraltet nicht, das Modische ist heute modern, morgen vormodern, übermorgen vergessen.

Maische ohne Hefe, unvergorene Trauben, daher der fade Geschmack des Machwerks, wenn das Leben seine sublime Würze verwehrt.

Das klassische Kunstwerk, auch das heiterste, hat den Ernst, den der Schatten des Todes wirft.

Es birgt die Weisheit der Ergebung, die sich selbst nicht unwürdig wegwirft.

Das Machwerk glaubt sich frisch, kühn und unverwüstlich und hat doch bloß Sodawasser in ein aufdringlich glitzerndes Champagnerglas geschüttet.

Dezenz, Unaufdringlichkeit und indirekte, darum umso nachdrücklichere Wirkung sind Merkmale des künstlerisch Vollendeten.

Widerhall, der sich im Labyrinth der Seele verliert.

Kein Begriff, der sich zwischen Duft und Blüte drängte.

Bild, das wie die Wasserspiegelung zerrinnt, wenn man danach tastet.

Zwischen der Haut des Wassers und dem Spiegelbild des Schwans ist nicht ein Hauch.

Das Kind, das sich freut und jubelt, wenn ihm der Ballon aus der Hand gleitet und in das Blau des Himmels steigt.

Der sublime Genuß, die Freude, wenn in die Wolke des Gesagten unverhofft der Strahl eines unwirklichen Mondes bricht.

Freude, die weint, weil sie nicht ermißt, was sie aus dem Dunkel hob.

Was anderes als Dank, wenn unter dem weichen Fuß des Genius Wasser rinnt und die Blume das herabgesunkene Haupt erhebt.

Und Dank auch, wenn der Arbeiter im Weinberg die Trauben, die er unter praller Sonne pflückte, oder der sorgsame Gärtner die Stachelbeeren, die ihn ritzten, dem Gast auf den Tisch breitet.

Das große Gedicht hat tief geatmet und ist weit, es sammelt am Morgen den Tau, am Mittag die hohe Stille, abends Blumen vom dunkelnden Hügel, in der Nacht die Tränen der einsamen Liebe.

Zeiten des Jahres, Zeiten des Blühens und Dahinwelkens, Odem und Blatt, Schnee und Staub der Seele.

Das vollkommene Gedicht birgt in einer versteckten Falte seines Gewands Körner, die in das dunkle Herz eines fallen, der sich verdorrt, unnütz und verloren glaubt, und er weiß nicht von wannen, ein kleines grünes Blatt ist in später Zeit ihm aufgekeimt.

 

Mrz 5 18

Poetenlaune

Ringeltäubchen
gurren mir,
wo ich schreibe
Blüten unterm Apfelbaum.

Fällt ein Fläumchen
aufs Papier
und ich reibe
es zu Metrenschaum.

Dicke Hummel
kreist mich ein,
wo ich kaue
mein Rosinenbrot.

Ihr Gebrummsel
wärmt den Reim,
dem ich traue,
zart flamingorot.

Schleicht ein Kätzchen
um mein Bein,
und ich brocke
ihm vom süßen Rest.

Sein Geschnurre
macht mich fein,
und ich locke
Kükenverslein in mein Nest.

Flattern Spätzchen
auf den Tisch
und stibitzen
Krumen schnabelfroh.

Ihr Geschnatter
macht so frisch,
mag nicht gackernd sitzen
hühnchenfromm im Stroh.

 

Mrz 5 18

Wellen singen Wind

Lächeln haucht die Blume
Einsamen der Nacht.

Bringst du mir die Blume,
die mich lächeln macht?

Gräser sagen Schauer,
Wellen singen Wind.

Ist dein Herz die Quelle,
wo sanft die Lieder sind?

Traumwärts rinnen Tropfen,
Wasser wiegt den Stern.

Stern schmilzt hin wie Tropfen,
bist Liebe du noch fern?

 

Mrz 5 18

Aus den Gärten der Hesperiden

Dem citrushellen Fleck,
der zwischen Kieseln quirlt
und über Gischt und Bäche hüpft,
folge nur, er wird nicht trügen,
wenn er von frisch begrünten
Myrtenzweigen tropft,
ein Schönheitspunkt auf weißer
Wange Hügel nistet, ein Hauch
von Mond des Nachts
dein dunkles Fenster trübt.

Wisse doch, der schattenlose Schein
fiel als du beim warmen Lied
der Flammen in der Wiege schliefst
durch blaue Furchen
hoher Frühlingswolken
aus Himmels Gärten
vom Baum der Hesperiden,
Töchtern des Gesangs
von Morgenstern und
Abendstern hernieder
und bleibt ein Sonnensinn
auf deinen dunklen Pfaden
schäkernd und verspielt lebendig

Wisse doch, was in jenen Gärten
süßen Saftes voll zu Glanz sich
und zur Reife ründet, was Jugendröte
Mund und Wangen schenkt
leichter Lebenden, ist hier ein Schein,
vag auf Wassern spielend, das Gold
an Kelchen des Gebets, verblassend
unter so viel Küssen, das Licht
aus Blüten sinkend in den Traum,
an dessen Ufer uns nur schwacher
Duft verbleibt, Koralle, die jäh
unter Wogen eines hohen Worts
auftut ihren Wundermund,
rasch graues Brausen wieder schließt.

Lauf ihm nur nach, versuche ihn
zu fangen, den schönen Schein,
wie frohes Kind die weiße Wirbel-
Flocke und was klebt an Windes Finger,
Schnee von Kirschenblüten,
Ginsters Lippe, gelbes Lindenblatt.

Und sitzt gedankenlos du manchmal
im alten Garten, lebst der Wärme,
die in Laubes Farben Sommer mischt,
läßt saugen herben Kräuterduft den Schlaf,
zuckst du erschrocknen Schoßes auf,
bestaunst, wie wunderlich die Frucht
dir zufiel, unbesehen, ungesucht,
als wäre sie geträumt.

 

Mrz 4 18

Natur und Kunst X

Der verschlungene, steinige Weg
über den Weinberg der Zeit,
wir flochten Laubes Schatten,
pflückten Seufzern Trauben,
mündet im Urstromtal.

Hier ragt die Ruine des Winds,
an gestutzten Säulenschäften
sprießt Gras und Löwenzahn
aus dem Staub des Akanthusblatts.

Auf das Moos des Blocks
mit dem Fries verstummter Hirten
und Aschenhaar von Nymphen
stellte gedächtnisgraues Herz
aus blassem Ton die Schale.

Wir füllen sie mit Tränen
und weihen sie der Nacht,
daß mit Blicken ferner Blüten
sie trinke hellen Dank
und dunkles Sehnen lichte.

 

Mrz 3 18

Asphodelen

Flügels Hauch,
Küsse auch.
Die im Abend kreisen,
federweiche Weisen.
Namenlose
Glut der Rose.

Blaue Stunde,
stille Wunde.
Der aus Herzen quillt,
Blickes Huld erfüllt
unbewußt,
Tau der Lust.

Samt der Nacht
schimmert sacht.
Die in Nächten flehen,
blind von Ufern wehen
Duft der Seelen,
Asphodelen.

 

Mrz 3 18

Heimat, deine Zweige

Graue Wellen, dämmernd
und verdämmernd grau.

Winde öffnen Blüten
eines fremden Lichts.

Heimat, deine Zweige,
Wort, das dort gegrünt.

Aus der Leere Brausen,
keiner Stimme Nest.

Namen ohne Knospen,
Auge und Gesicht.

Kindheit, deine Gärten,
Herz der Nachtigall.

Wellen, graues Schluchzen,
Wellen, grauer Sang.

Schnee fällt auf die Herzen,
Schnee der Träume Staub.

Heimat, deine Rosen,
unter Düften Schlaf.

Schnee fällt auf die Lider,
Schnee verhüllt den Schmerz.

Namen, leere Bilder,
abgewetztes Blatt.

Kindheit, deine Bienen,
goldnen Honigs Lied.

Wellen ohne Ufer,
Spiegel ohne Frucht.

Heimat, deine Zweige,
Wort, das dort geglüht.

 

Mrz 2 18

Vertane Glut

Locken, Blätter,
keck vom Wind gezupft,
Farn und Fächer,
regenübertupft,
blaue Sommernacht.

Schilfe tropfen
Milch auf Wassers Tuch,
Haar der Ähren,
herber Wohlgeruch,
ferner Kuckuck lacht.

Birken weinen
dunkles Harz vom Stamm,
Flocken fliegen,
Echse seufzt im Schlamm,
Mond steht überm Moor.

Knirschende Kristalle,
vertane Glut,
Hauch und Küsse,
Pfropfen Blut,
Mond schwebt fremd empor.

 

Mrz 2 18

Wenn die Rosen sinken

Lichtes große Knospen winken,
Rosen deinem Frühlingsgang.

Wenn die Rosen aber sinken,
schwebet Tau des Abschieds bang.

Sommers lockt mit Truges Scheinen
Schmetterling die Orchidee.

Weiche Veilchen müssen weinen,
Kuß der Flocken tut so weh.

Winterlichtes schmales Gitter
starrt von Schatten zart umrankt.

Ferne Liebe macht nicht bitter,
wenn dein Lied sich ihr verdankt.

 

Mrz 2 18

Natur und Kunst IX

Der Kitzel des Bizarren
betört die Öden,
der Kitsch des Schiefen
erigiert die Narren,
im Kult des Schnöden
fälschen Flache Tiefen.

Edlen Wortes Wein
glimmt in Laubenschatten,
hell ein Marmelstein
unter tausend matten.

Fäulnisreize brauchen
L’art-pour-l’art-Puristen,
in Kloaken tauchen
heuchelnd Moralisten,
es platzen Überspannte,
wenn Herzens Saiten reißen,
es zählt nur das Pikante,
wenn taube Mäuler beißen.

Sanften Wortes Lehre
tropft wie Tau von Moosen,
das Leichte ist das Schwere,
mild duften wilde Rosen.

 

Mrz 1 18

Natur und Kunst VIII

Die unverständlich schreiben,
sind leidend und von Sinnen
oder müssen übertreiben,
weil Hohles sie umspinnen.

Das hohe Wort ist rein
wie heller Liebe Blick,
es schenkt am Veilchenrain
edlen Duftes Glück.

Bedauern wir die Kranken,
es stammeln ihre Wunden,
unter weicher Klänge Ranken
mögen sie gesunden.

Das Sonnenwort ist Strahl,
der sich im Wasser bricht.
Sichelmond so schmal,
Stille trinkt sein Licht.

Die Glanz aus Gruben schachten,
wo Molch und Schlange schleichen,
soll edler Sinn verachten,
sein Gold nicht Talmi bleichen.

Das schöne Wort ist schlicht,
Mund des Veilchens fein,
lieblich, was es spricht,
es macht dich nicht gemein.

 

Mrz 1 18

Letzte Fahrt

Hohe Bläue,
Wimper hüllt,
Blüten flehen,
ungestillt.

Worte stechen
rätselhart
auf den Pfaden
letzter Fahrt.

Lachen Fenster
hell im Tal,
Sternen-Nägel
wissen Qual.

Dornen hat die
Dunkelheit,
Wundenkranz am
Pilgerkleid.

Atmen müssen
ohne Wald,
Brennholz ist
die Urgestalt.

Trockne Quelle
mir beschied
tränenloses
Abschiedslied.

 

Feb 28 18

Aus Tränen Trost

Wie leicht der frühe Flaum entschwebt,
kaum ist entwischt durchs Fenster
ein Sittich, gelb und blau.

Ist dein Liebling dir entflogen
den dein warmer Mund behaucht,
dein Finger zart geneckt,
soll umflattern dich mein Lied
und deine Wangen wärmen
leicht geweinte Tränen.

Im Birnbaum hängt ein Lampion,
wie entschlüpfter Liebe Larve,
erloschen, fahl und hohl.

Ist deines Sommers Garten auch
verwaist von süßem Summen,
Geflüster roter Blütenzungen,
soll dir in Winters Schattenhecken
wie nachtbetauter Flügel
glänzen meiner Tränen Lied.

 

Feb 27 18

Natur und Kunst VII

Was Kopfweh macht, ist keine Kunst.
Die mit Rätseln locken, mit Rätseln
kirren und verwirren schick,
sind innen faul, nicht süß und reif.

In steinigen Furchen zappelnd, mimen
sie Atemlosigkeit, als klömmen
sie auf steilen Pfaden, doch flach
sind ihre Rhythmen, ungefiedert.

Die mit Verses Stricken würgen,
sich an deinem Keuchen laben,
statt Reime Angeln legen zartem
Fuß, daß vor dem Ziel du strauchelst,

Unreine sind es, ohne Muse,
ihre Ironie grinst schadenfroh.
Das Glück graziös gelöster Knoten
als schales Happy-end zu schmähen,

bezeugt den Unflat stumpfer Seelen,
ruchlosen Ungeist, Verbrecher-Sinn.
Der Beschwörung angeschwollner Hals,
mit Blutwurst fett geölte Bilder

machen dreiste Lügen kenntlich.
Krüppel hassen das Naturgemäße,
der Anmut Gleiten, hohes Schreiten
an abendrötlich weich gewellten

Flüssen, Schwan des Worts, auf Wassern
blühend, zarte Gräse schüttert
Pfiff des Pan, hysterisch wiegeln
sie Staub zu falschen Wolken auf,

blind für Blattes feine Adern,
Sinn, der frei an Zweigen wächst,
im Geist des hohen Himmels grünt,
in Schicksalsstürmen zittert und

im Herbst des Lebens willig welkend
helle Schöne dunklem Sterben leiht.
Das echte Blatt zerreißen sie und
kleben die Fetzen auf das leere,

Wortes hohe Rose, entflammt
im Abend stummer Trauer, kaut
kalter Künstlichkeit Gebiß,
reiner Quelle Mund, die Kräuter

im zarten Moos mit Flüstern nährend,
verätzen sie mit roter Spucke
eines Schreis, doch schmerzt sie
nichts in aufgemalten Wunden.

Veilchens warme Röte hat Liebes-
kuß behaucht, aufgedunsne
Wangen haben Fieberflecken
oder falsches Rouge der Eitelkeit.

Wahre Schöne schlendert offnen
Haars durch milde Tropfen Lichts,
Abendstern ist Morgenstern,
Augenblick ist Ewigkeit.

Ihre Zirkuspuppe schleppen sie
am Schopf durch der Manege trampelndes
Gejohle. Nicht stillen Dankes Träne,
stieren Blicks ist Schänders Glück.

 

Feb 27 18

Der gute Hirt

Du bist die Wiese und der Duft,
der Morgentau,
das Abendrot.

Du bist der Heimat blaue Luft,
mein Herz ist grau,
mein Leben tot.

Du bist der Armen offner Schrein,
das Brot liegt da,
der Traube Trunk.

Du bist den Durstigen der Wein,
dein Kelch ist nah,
des Lichtes Prunk.

Du bist Verirrten hell ein Strahl,
ich lieg im Schlamm,
in Wahnes Harm.

Du kommst, ein guter Hirt, ins Tal,
du hebst das Lamm
auf deinen Arm.

 

Feb 26 18

Rufe überm Schnee

Riefest du nach mir,
bist duʼs, bist duʼs nicht?

Ist es einer Stimme
ferner Widerhall,
der im Traum verklingt?

Schien dein Auge mild,
ist im Finstern Licht?

Ist es einer Blüte
sanfter Widerschein,
der im Wasser schwingt?

Hauchte mir dein Mund,
hat der Winter Duft?

Ist es weicher Odem
alten Apfelhains,
der durch Flocken dringt?

Sandte mir dein Herz
Küsse blauer Luft?

Ist es frühen Waldes
zarte Nachtigall,
die im Dunkel singt?

 

Feb 26 18

Leise, säumend

Unter weißen Linnen
atmet es.
Himmels blaue Flagge
bläht der Wind.

Kleine Vögel tupfen
in den Schnee
spröden Lebens Spuren,
bald verweht.

Leise, säumend, langsam
sickert Tau,
zarte Wolken blühen
blaß am Rand.

Weide tunkt die Finger
in den Teich,
Wassers Seide faltet
noch kein Schwan.

 

Feb 26 18

Die Schönheit und der Schmerz

Hohe Rhythmen sind wie Blitze
in den Nächten, laß und schwül.
Daß sich laue Seele ritze,
Dornen hat der Rose Stiel.

Flocken fallen aus der Bläue
kalt und schauernd auf die Haut,
daß den Geist der Schmerz erfreue.
Schmerzkristalle Liebe taut.

Pollen sind des Liedes Reime,
Flamme seiner Blüte Kuß,
daß in Herzen Liebe keime.
Glut verzehret den Verdruß.

Samen bringen heiße Winde
aus der Wüste fahlem Sand,
daß Gesang die Würze finde,
die im Schnee des Schlafs gebrannt.

Schönes kommt aus Nadelstichen,
die das Ornament geblümt,
das auf Blättern unverblichen
Gottes große Taten rühmt.

 

Feb 26 18

Nachtstück

Wasser-Perlen klimpern
im Schrank,
Abflußrohre rülpsen.

Schwamm und Seife faseln
im Tran,
Stühle quietschen auf zwei Beinen.

Schnäbel stopfen Blätter
ins Bett,
Rosenknospen niesen.

Kükenballen zwitschern
im Schuh,
Buchstaben rieseln aus Büchern.

Löffel beklirrt das Messer
zum Tanz,
Diskant singt Porzellansopran.

Tapetenmuster bröseln
zu Brei,
am Wandbrett platzen Würste.

Schnee quatscht unterm Teppich,
im Flur
rocken Wolken: „We are sailing …“

 

Feb 25 18

Terzinen von der verlorenen Heimat

Schläfst hinter Wolken du im Abendrot,
Heimat, oder bin ich mit dir tot?

War es Pollensamt auf Tores Schwelle,
auf dem ein Licht der Heimat schlief?
Es waren Schimmer auf der Niemands-Welle.

Der Welle überm Grund, so grau und tief,
und Schimmer ohne Grund, wie Flecken Schweigen,
und Welle, die nach nichts als Wellen rief.

Die im Abendlicht sich dämmernd neigen,
es sind die Rosen nicht der frühen Zeit,
die bleichen Träume rinnen von den Zweigen.

Von Zweigen unter Himmeln, leer und weit,
und Träume ohne Glanz, wie hohles Leben,
und keine Rose unterm Schlaf verschneit.

Könnte dir nicht grünes Sinnen geben
die Laube, die im alten Garten stand,
und ihrer sanften Schatten mildes Beben?

Der Laube Dämmerlicht, es ward verbannt
von Teeres Grab, vom Asphalt ohne Keim,
kein Wort hat ihrer Asche Sinn genannt.

Wie kehrst du, Lied der Rose, jemals heim?

 

Feb 24 18

Dein Flügel veilchenweich

In Mondes totem Schein
kommst du hergeflogen
auf dem kalten Bogen,
läßt mich nicht allein.

Dein Flügel veilchenweich
koset blasse Wangen,
hebt ein zartes Bangen
weiße Blüte auf den Teich.

Sanfter Augen Wundertau
ist ins Herz gesunken,
Herz hat lang getrunken
tiefe Blicke, hohes Blau.

Hauchend hat dein Mund
Knospen aufgeschlossen,
heiße Tränen flossen
in den kühlen Grund.

 

Feb 24 18

Antike Siegel

Pindars ferner Hymnenschnee
unter schweigendem Azur,
homerisch überblaut
hohen Daseins Wogentanz –

Sapphos weicher Blumenkelch
in Schalen von Porphyr,
in grüner Nächte Hain
Liedes dunkler Wohlgeruch –

Honigglanz des Theokrit
in Waben süßen Wehs,
elegisch übertaut
Chrysantheme des Ovid –

Blaue Flugbahn des Horaz
im Wolkenflaum des Schwans,
prophetisch überglänzt
Abendrose des Vergil.

 



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