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Der Stammler

17.10.2017

Der Zarte ist gekränkt, steht nicht mehr auf,
bleibt einfach liegen, Decke überm Kopf,
das Leben ist ihm widrig, Welt abhold,
obʼs regnet oder schneit, die Sonne lockt,
die Vögel munter zwitschern, Hündchen bellt,
ob Morgen singt, dem Monde schreit der Kauz,
er wühlt sich tiefer ein ins Grab des Betts,
doch quält ihn, einsam nicht allein zu sein,
denn Traumgespenster sind ihm immer treu
und zeigen höhnend ihm sein zweites Ich,
das stumm und fahl die leeren Augen senkt,
die Maske wächsern ohne Charme und Glut.
Was fehlt ihm denn, dem Zarten, hat ihn so
verletzt, hat eine Holde ihn bezirzt
und schlüpfrig dann die Zunge rausgestreckt,
hat Schicksals rauher Wind die Venusfrucht
ihm vor der Zeit gepflückt, und war noch grün,
ist gar sein Kätzchen über Nacht, miau,
miau, mit einem Kater durchgebrannt,
die rollig, räudig der, und kratzte nicht
mehr mauzend an der Tür, miau, miau.
Gleichgültig was, ihm ist, als wäre er
unpäßlich für die Welt, ein Schuh, der quietscht,
tritt einer noch so sachte auf, ein Mund,
der immer näßt, und gelte es ein Kosewort,
und passen alle in ihr Futteral,
gebettet in die Nische samtnen Schlafs,
quillt er wie Stroh aus einem Seemannssack,
den nächtens Mäuse knisternd aufgeritzt,
und strömt dem Nachbarn luftig Wort um Wort
aus lüstern-schiefem Lästermaul und bricht
sich Geifer schäumend an dem faulen Zahn –
reißt ihm die Rede wie ein Dorn im Hals,
und gilt es nur, zum Morgen sagen „Oh!“
und „Ach!“ zum Abend. Aber schwappt der Saal
von Stimmen, schlängelnd umeinander schrill
die geilen Geißeln, zappelt ihm ein Fisch
die Zunge, kotgetrübtem Teich entschlüpft,
im trocknen Abseits, zuckt sich sinnlos müd.
So wälz dich unterm Abgrund sternenlos,
du fehlst ja keinem, bist dir selber Fehl,
dein Heim ist dir ein loses Schneckenhaus,
dein Garten ward in schwarzem Teer erstickt,
und eignen Dufts entbehrt dein grauer Herbst,
stirbst heimatlos, ein Stammler ohne Stamm.

 

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