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Scherben, stechend und glitzernd

28.02.2017

Die Reichen sind harmlos, sie sind ja schon reich; Vorsicht vor den armen Schluckern, den Habenichtsen und Lebensbummlern, sie wollen sich allererst bereichern und greifen gern in fremde Taschen.

Heute leben indes die Reichen die Begierden aus, die den armen Schlucker bedrängen, fader Luxus, lärmende Partys, ölglänzende Busen unter blendenden Segeln zeugen von eben jenem vulgären Geschmack. Eine widerliche Umarmung von unten und oben im Zeichen kultureller Barbarei.

Und doch bleiben wie eh und je Schönheit und Reichtum die Zielscheibe des Argwohns, des grindigen Neids und der böswilligen Verleumdung der Häßlichen und Minderbemittelten.

Der klumpfüßige Hephaistos zieht ein selbstgeschmiedetes Netz über die Bettstatt seiner wohlgeformten Schönen und ihres Liebhabers; und die homerischen Götter lachen, aber nicht über das in flagranti ertappte Paar, sondern über den gehörnten Ehemann.

Der vulgäre und egalitäre Geschmack tunkt den Pinsel wahllos in die Farbtöpfe; der vornehme Geschmack mag sich in den Nuancen zartblau angehauchter Grautöne genugtun.

Mit dem Leben verkrachte Weiber, Kreatricen der ausgebeulten Latzhosen-Ästhetik, geifern wider eine Stilikone der blonden Rasse, Gattin eines Präsidenten, der unerhörter- und schamloserweise auch noch Multimilliardär ist.

Die geistig Enterbten haben ihre eigenen perfiden Methoden ersonnen, sich Geltung zu verschaffen: Sie stimmen Klagegesänge über das Elend der Welt an. Sich beredt und hochtönend der Minderbemittelten aller Zonen anzunehmen ist ihr Weg zu den Fleisch- und Fördertöpfen, ihre humanitär vermummte Form des Parasitentums.

Selbstverwirklichung ist das Credo von Hochstaplern oder Kriminellen.

Wenn man die Antriebe, Gelüste und Neigungen, gegen die sich die Tabus aller menschlichen Gemeinschaften wie auch die Zehn Gebote richten, betrachtet, gewinnt man ein recht ernüchterndes Bild von der menschlichen Natur.

Einen Einblick in die eigentliche Schamlosigkeit und Niedertracht der menschlichen Natur oder wie es auch zu sagen wäre ihre Verderbtheit gewährt die Tatsache, daß es den mit abscheulichsten Verbrechen behafteten Kerl nach nichts mehr gelüstet, als weiter sein Dasein zu fristen, worin ihm eine Gemeinschaft entgegenkommt, die es sich als Zeichen fortgeschrittener Moral und Humanität anrechnet, das Leben eines, der sein Leben verwirkt hat, zu schonen, ja ihn soweit zu päppeln, daß es demnächst oder bald fröhliche Urstände feiern kann.

Der Begriff des Weißen zerfällt nicht in Spektralfarben.

Allerdings blitzt in den dümmsten Visagen ein Grinsen abgefeimter Schläue auf.

Vor nicht allzu langer Zeit konnte man im Dorf meiner Jugend ein Fahrrad, ohne es anzuketten, an die Wand des Hauses lehnen, in der man seinen Verwandten einen Besuch abstattete; nach zwei Stunden angeregten Plauderns und genüßlichen Löffelns fand man das Rad unangetastet an Ort und Stelle wieder vor. Heute gehen die Alten und Gebrechlichen bei Anbruch der Dämmerung nicht mehr aus dem Haus.

Der demokratische Massengeschmack giert nach Versklavung der Sinne und Betäubung des Geistes durch niederschmetternden Lärm, diabolisch-grelles Licht, pornographische oder blutrünstige Gesten.

Die Heiligung des Daseins vollzog sich im Alten Reich der Ägypter über die solare Herkunft des Gott-Königs. Nur seine Seele galt für unsterblich; daher die ungeheure Anstrengung beim Bau der Pyramiden, daher der Glanz der Bauwerke, Säulen, Bilder und Skulpturen. Heute verewigen sich Hinz und Kunz, indem sie im Rampenlicht wenigstens einen schmutzigen Witz loswerden dürfen.

Je sinnloser das Dasein, desto gereizter seine Verfassung.

Das Kapitel „Gereiztheiten“ in Thomas Manns Zauberberg enthält eine kultur- und zeitdiagnostische Analyse der Situation nach dem Ersten Weltkrieg. Es gipfelt im Duell der kulturheroischen Antagonisten Settembrini und Naphta. Daß der entlaufene Jesuit die extreme Lage nutzt, um sich selbst eine Kugel in den Kopf zu jagen, liest sich wie ein abschließender Kommentar des Autors zu den revolutionär-eschatologischen Verstiegenheiten, mit denen der kurzbeinige Verfechter des heiligen Terrors seine Umgebung faszinierte und enervierte.

Die reizbarsten Zeitgenossen scheinen heute die Verehrer eines tyrannischen Götzen und seines Erwählten zu sein, die jedes harmlose Augenzwinkern für eine bösartige Beleidigung ihres blutsaugenden geistigen Parasiten erachten.

Doch als welches Bündel hysterischer Überreiztheiten entpuppte sich der deutsche Michel!

Heute schwappen Wellen der Verdummung aus den Bezirken, die für Horte der Aufklärung gelten, wie der Psychologie und Psychiatrie, die sich und uns weismachen wollen, daß der Begriff der seelischen und geistigen Krankheit obsolet sei, oder der Kognitionswissenschaft, die Denken als Funktion von Algorithmen oder als Tätigkeit neuronaler Netzwerke mißversteht, oder der Philosophie, die den freien Willen leugnet, also dasjenige, was sie voraussetzt, wenn ihre Behauptung nicht das sinnlose Klappern eines Automaten sein soll.

Eine gute Probe geistiger Größe und seelischer Wohlgeordnetheit ist die Teilnahme an televisionären Talkrunden: Ihre Teilnehmer haben die Probe qua Teilnahme nicht bestanden.

Aussterbende Wörter und Begriffe, die aus dem Verkehr gezogen werden, bezeugen den Verfall dessen, was sie meinen: Hochherzigkeit, Lauterkeit, Feingefühl, Grazie, Anmut, Beschwingtheit, Erhabenheit, Größe, Ewigkeit, Schamhaftigkeit, Ehrbarkeit, Sanftmut, Andacht, Weihe, Beseligung, Heroismus, Opferbereitschaft, Entsagung, Vergeistigung, Veredelung.

Der Sinn des Lebens ist die Teilnahme und Förderung des eigenen Kulturkreises, angefangen von der intimen Umwelt von Familie und Freundschaft über Beruf und Arbeit bis zu den Höhen der Sprache und Kunst. Wer sich dem verweigert, ist entweder behindert und bedarf der Schonung oder kriminell und verdient Züchtigung.

Den Sinn des Lebens zu verstehen ist ähnlich schwierig und ähnlich einfach wie die Geste des Zeigens zu verstehen: Der Zeigende will nicht auf seine Hand aufmerksam machen, sondern auf den Gegenstand, den er mit der Geste meint.

Wir können dasselbe mit verschiedensten und beliebig variierbaren Mitteln ausdrücken, wie „Es regnet“ oder „It is raining“ oder indem wir dem Gast, bevor wir gemeinsam aufbrechen, einen Regenschirm aushändigen.

Bedeutungsblind nennen wie einen, der glaubt, jemand erleide einen Krampf, wenn er die Hand in einer Versammlung emporreckt, statt zu verstehen, daß er sich zu Wort meldet.

Wenn der Sinn des Lebens erlischt oder zerstört wird oder wenn man bedeutungsblind zu werden droht, empfinden wir Schwindel und erleben die Welt als unheimlich.

Die ärgerlichsten und fadesten Schwafler sind die aus gutem Gewissen einer höheren Moral.

Einer der hellsten Köpfe, Ludwig Wittgenstein, kam öfters ins Stottern oder hüllte sich in Schweigen, wenn er in Cambridge vortrug; den gefeiertsten Großsprechern rinnt heutzutage die Rede wie der Sand aus den Urnen.

Mein Großvater war vielleicht kein heller Kopf, aber von eigentümlicher Weisheit aus Schwermut; er sprach wenig, und wenn nur das Selbstverständliche wie „Gehen wir!“ oder „Es ist Zeit“ oder „Es gibt wohl Regen“.

Die Hysterischen oder der deutsche Michel in seiner moralischen Dauererregung fühlen sich durch jeden Taubenschiß auf dem Kragen in ihrer Ansicht bestätigt, die Welt sei aus den Fugen.

Solange es den alten katholischen Ritus gibt, hat die Welt eine Ordnung; wir Kinder waren am Fronleichnamstag sehr geschäftig, Blüten von Ginsterbüschen und Tulpen und Rosen zu rupfen und sie auf das Pflaster zu streuen, in schönen Ornamenten, dort, wo das Allerheiligste vorübergetragen wurde. Die Frauen haben währenddessen die Fenster zu ebener Erde mit Blumen, Kerzen und heiligen Bildern ausgeschmückt, die Männer haben Weiden geschnitten und sie zur Begrünung der Häuserwände dort befestigt. Wie folgten die Farben und das Schöne harmonisch der Form und dem Sinn!

Wie arm und grau wird das Leben, schwinden aus ihm mit den Festen die Riten der Kulturgemeinschaft oder werden von gewissenlosen Gesinnungsterroristen durch blutlose Surrogate verdünnt oder abgelöst, die den Kulturfremden nicht zu verständnislosem oder höhnischem Grinsen reizen sollen.

So steht es auch um den alten Liedschatz des frommen oder romantischen Deutschland; ich habe seit meiner Jugend nicht mehr das „Abendlied“ von Mathias Claudius in inniger Gemeinschaft singen hören.

Die Kunst beginnt ihre Feier des Lebens mit jedem Kind aufs Neue, dem unter Geplapper und Liebkosungen die Puppe lebendig wird.

Kunst, ein Spiel mit dem Gewöhnlichen und Alltäglichen, das ins Ungewöhnliche und Außeralltägliche ragt.

Wenn das Kind aus dem Mund der Puppe spricht, spricht es die Wahrheit seiner Seele aus.

Das Ziel der Kunst: ein Seil zwischen Himmel und Erde zu spannen, auf dem die Seele balanciert.

Reine, geläuterte, transparente Form, in der sich die Drehung der Gestirne spiegelt.

Sich konisch in die Höhe windender Kristall, lichtvoll und zugleich in sich dunkelnd.

Worte als schwingende Brücke, über die man nicht ans jenseitige Ufer gelangt, sondern auf der man immer weiter geht, so weit, bis man selbst zum jenseitigen Ufer wird.

Worte, sich schlängelnder Pfad, der im Unbekannten Blüten an seinen Ufern hervorlockt, und Tiere kommen, daraus zu trinken, und weiterfurchend in die ungeheure Ebene mündet, wo er in einem Geäder glitzernder Abflüsse und Abwege versickert.

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