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Kurzer Kommentar zu dem Gedicht „La poésie“ von René Guy Cadou

24.03.2016

und mich leset,
o ihr Blüthen von Deutschland

La poésie

Je te cherche sous les racines de mon cœur
Comme un enfant à l’intelligence retardée qui a peur
D’entrer dans l’eau qui parle seul et fait bouger ses mains
« Ô mon Dieu permettez que cette eau ne me broie pas comme Votre Moulin »
Je m’attarde résolument près des colchiques et des saules
Laissez-moi regarder par-dessus votre épaule
La route qui poudroie et l’herbe qui verdoie
Sans désirer jamais autre chose que cela
Mais Dieu qui n’entend pas l’amour de cette oreille
« Tu descendras au fond de toi et je surveille
Tes allées et venues Tu me dois de trouver
Dans l’eau de mes regards la noisette tombée »
Les yeux vagues ainsi qu’un veilleur de frontière
De songerie malade et de sens abîmés
Je plonge doucement mes mains dans la lumière
Sans penser un instant à les en retirer
Car il me plaît d’aider un corps qui s’aventure
Et cherche par delà sa forme préférée
Le spectacle d’une âme aveugle qui murmure
Le long du mur en pierre de l’éternité.

 

Die Dichtung

Ich suche dich unter den Wurzeln meines Herzens,
wie ein geistig zurückgebliebenes Kind, das Angst hat,
ins Wasser zu steigen, das vor sich hin spricht und seine Hände dabei schüttelt:
„Lieber Gott, mach, daß mich dies Wasser nicht zermahlt wie Dein Esel.“
Ich verspäte mich gern bei den Herbstzeitlosen und den Weiden.
Laß mich über deiner Schulter erblicken
den Weg, der staubt, und das Gras, das grünt,
diesem allein, nichts sonst mehr gelte mein Verlangen.
Aber Gott, der für die Liebe taub ist auf diesem Ohr:
„Du steigst in deinen Grund hinab und ich bewache
dein Kommen und Gehen. Du sollst mir im Wasser
meiner Blicke die Nuß finden, die hineinfiel.“
Meine Augen gehen ins Ungewisse wie die eines Wächters der Grenze,
kranker Träumerei und lädierter Sinne.
Ich tauche meine Hände sanft ins Licht,
ohne einen Moment daran zu denken, sie wieder zurückzuziehen.
Denn mir gefällt es, einem Körper beizustehen, der sich auf Abenteuer einläßt,
und ich suche hinter seiner Lieblingsgestalt
das Schauspiel einer blinden Seele, die raunt entlang
der Mauer aus dem Stein der Ewigkeit.

 

Wir nennen poetologische Gedichte solche Gedichte, die wie der römische Brunnen, dessen Wasser von Schale zu Schale fällt und so ein mehrfaches Echo seiner selbst erzeugt, sich gleichsam selbst belauschen und den Eindruck und den Sinn ihres Daseins in einem Spiegel auffangen, der wie der Schatten der Weide im Wasser ihre Gestalt verrät, aber auch trügerisch verwischt.

Wenn wir einen unwegsamen Pfad gehen – und Dichtung könnte der unwegsame Pfad heißen, den sie nicht nur geht, sondern ins Unbekannte hineinspricht –, so achten wir auf Hindernisse und plötzlich hervortretende Schatten, vor denen wir ängstlich zurückschrecken, aber auch auf zarte Lichtreflexe zwischen den Büschen und Gräsern, die die Aussicht auf eine Lichtung oder die Ruhe und das Stillen unseres Durstes an einem Gewässer verheißen.

Wenn wir auf das achten, was wir tun, sind wir mit den Gedanken bei der Sache. Wenn wir achtlos den Fuß auf Moos und Schnecke setzen, haben wir uns bald verirrt.

Wir sagen, der Art der Besinnung, die sich auf das richtet, was wir unmittelbar tun und erfahren, artikulierte Gestalt und transparenten Gehalt zu geben, sei der Grundzug des abendländischen Geistes, der sich vor allem in der Philosophie, aber auch in der Dichtung entfaltet, und gerade in der Dichtung, die wir poetologisch zu nennen berechtigt sind.

Wir können auch umgekehrt von dem ausgehen, was uns die Dichtung auf ihren unwegsamen Pfaden von Sappho an immer wieder und in einer verschwenderischen Fülle zeigt und darbietet, eine Fülle, die manchmal eine allzu glühende Sonne üppig gemacht oder ausgebleicht hat: Blüten und Früchte.

Warum Blüten, warum Früchte? Sie sind die Worte der Dichtung, mit denen sie uns mit dem Sinn des menschlichen Daseins wieder verbindet, wieder versöhnt. Blumen und Blüten bezeichnen die Schönheit, das Zeichen des Glücks und des gelingenden Lebens in der Liebe. Früchte und ihre kulturellen Abkömmlinge, allen voran Brot und Wein, bezeichnen die menschliche Gemeinschaft, in all ihrer Macht und all ihrer Gefährdung, denn sie werden auf dem Tisch des gemeinsamen Mahls und des gemeinschaftlichen Festes angerichtet, an dem wir teilnehmen oder teilzunehmen hoffen.

Gewiß, die Blüten vergehen, ehe man es gedacht, so manche Blume verbreitet einen betäubenden Duft. Gewiß, die Früchte verfaulen leicht, und so manche Frucht birgt einen Wurm oder ist giftig. Und gewiß verlockt ein gemeinschaftliches Glück den neidischen Nachbarn zu bösen Verleumdungen oder tückischen Übergriffen, und ein Judas findet sich immer am Tisch, der den Gastgeber verraten wird.

Wir sind frei und geneigt, das karge Dasein im Garten lieblicher, freundlicher, leuchtender zu gestalten, wir sind frei und geneigt, die Freunde zum Fest zu laden und sie mit Brot und Wein zu bewirten. Der Dichter, der in dürftiger Zeit um die entschwundene Geliebte oder die verlorenen Freunde klagt, beschwört mit nichts als der Zaubermacht der Worte ihre Heimkehr zu jenem Fest, auf dessen Tisch seine Blüten leuchten und seine Früchte locken – und wiederum sind es nur Worte, ist es die prophetische Macht dieser Worte, die da leuchten und locken.

Den hierzulande leider unbekannten französischen Dichter René Guy Cadou, von den Düften und Klängen und Himmelszeichen seiner Heimat in der Bretagne und an der Loire genährt, sehen wir in der sublimen Technik der Verwendung inkarnierter Bilder und Metaphern als Enkel der Symbolisten und in der Suche nach der menschlichen Wahrheit jenseits des artifiziellen Spiels als Erben Hölderlins.

In dem Gedicht „La poésie“ sieht sich der Dichter in der Gestalt des einfältigen Kindes, das angesichts der Angst der Welt einen Gott um Rettung anruft, die ihm, dem Dichter, verwehrt bleibt. Er möchte wohl am Ufer des Wassers, das dem einfältigen Kind Angst einjagt, in bukolischer Unschuld verweilen unter den Herbstzeitlosen und den Weidenbäumen. Ja, er fleht Gott an, über seine Schulter auf den Staub der Straße und das Grün der Gräser blicken zu dürfen:

Je m’attarde résolument près des colchiques et des saules
Laissez-moi regarder par-dessus votre épaule
La route qui poudroie et l’herbe qui verdoie
Sans désirer jamais autre chose que cela

Ich verspäte mich gern bei den Herbstzeitlosen und den Weiden.
Laß mich über deiner Schulter erblicken
den Weg, der staubt, und das Gras, das grünt,
diesem allein, nichts sonst mehr gelte mein Verlangen.

Wir müssen zum Verständnis auf das Märchen „La Barbe bleue“ aus der Sammlung „Les Contes de ma mère l’Oye“ von Charles Perrault aus dem Jahre 1697 verweisen, aus dem Cadou fast wörtlich zitiert (und dies nicht nur in diesem Gedicht). Es ist die Stelle, an der die von Blaubart ob ihres Ungehorsams mit dem Tode bedrohte Gattin ihre Schwester Anna, die auf einem hohen Turm der Burg nach Rettung durch ihre Freunde Ausschau hält, mit den Worten anruft:

Anne, ma sœur Anne, ne vois-tu rien venir ?
Anna, Schwester Anna, siehst du niemanden kommen?

Und Anna antwortet:

Je ne vois rien que le soleil qui poudroie, et l’herbe qui verdoie.
Ich sehe nur die Sonne, die Staub aufwirbelt, und das Gras, das grünt.

Der Dichter spricht also mit den Worten Annas, doch der Gott der Dichtung verwehrt ihm die Aussicht und die Bitte: Weder das Verweilen in bukolischer Stimmung noch die Beschwörung märchenhafter Erlösung sind ihm gegönnt. Er muß tiefer steigen, in sich selbst hinabsteigen, wie Gott befiehlt. Und Gott hat ein prüfendes Auge auf sein Tun und Lassen.

Wie in den alten Riten der Initiation ist dem Dichter ein Abenteuer aufgetragen, das hier mit dem enigmatischen Geheiß Gottes angedeutet wird, die herabgefallene Nuß zu finden. Um diesem Auftrag gewappnet zu sein, verwandelt sich der Dichter in einen Wächter, der die Grenze bewacht, aber auch auf der Hut ist vor krankhafter Träumerei und der verderblichen Wirkung trüber Sinne. Welche Grenze? Nun, die des schwachen Menschen, der sich leicht in romantische Träumerei verliert und vertändelt, der seine Sinne nicht schärft, um zu finden, was es zu finden gilt.

In solcher Weise gefaßt, wagt es der Dichter den neuen unbetretenen Weg zu gehen und seine Hände in das Licht zu tauchen, ohne der eingangs dem einfältigen Kinde widerfahrenen panischen Angst vor der Auflösung zu erliegen. Er ist erstarkt und ermannt zum Helfer seiner selbst, der sich zum letzten Abenteuer anschickt (im Vers „Car il me plaît d’aider un corps qui s’aventure“ hören wir einen leisen Nachhall der mittelalterlichen „Aventiure“).

Nun findet er, was zu suchen ihm der göttliche Befehl aufgetragen, „die herabgefallene Nuß“: Es ist die eigene Seele, die blind wie der Seher ihre Sprüche, das Gedicht, vor sich hinmurmelt, während sie an der Mauer der Ewigkeit, der Mauer des Paradiesgartens, entlangtastet.

Es ist keine Rede davon, daß die Dichtung wieder ins Innere des Gartens findet, wo sich die entschwundene Geliebte und die verlorenen Freunde zum Festmahl versammeln. Es wird dieses Äußerste diskret verschwiegen. Aber in diesem Schweigen und in diesem Raunen und Murmeln wird es beschworen.

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