Skip to content

Mit der Haut denken

06.09.2015

Mit der Haut denken wir an uns und wissen um eine wohltuende oder gefährliche Nähe der anderen.

Wir haben keine Entsprechung zur Hellhörigkeit bei der Haut, doch könnten wir Grade der Feinfühligkeit und Empfindsamkeit vom verhornten Stumpfsinn bis zur verweichlichten Empfindelei ausloten.

Wie der Grobian, nur von starken Impulsen und Stimuli erweckbar, der Gefahr ausgesetzt ist, den feindlichen Schattenwurf zu verdösen, so leidet der Empfindsame schon bei geringen Wechseln von Licht und Schatten an Schlaflosigkeit.

Die Welt wird uns in ihren realen Dimensionen und ihren mythischen Abgründen über die Differenzempfindungen der Haut bewußt: Wir spüren den trockenen Wüstenwind, das tropfende Wasser, die Wohltat des Sonnenlichts, die Härte des Steins, die weiche Frühlingsluft – wir erfühlen mit der Haut die Mächte des Seins und des Lebens, die uns der Mythos in übermenschlichen oder unterweltlichen Gestalten vor Augen rückt: in den Allegorien der Tages- und Jahreszeiten, von Erde, Meer, Feuer und Luft. Wir suchen schwärmerisch uns ihnen zu verbinden oder panisch erschrocken sie zu meiden. Denn die Haut ist nicht nur das Differenzorgan des Empfindens, sondern auch das metrische System für unsere Gefühle von Lust und Unlust, Freude und Angst, Sehnsucht und Schreckensschauer, Vertrauen und Mißtrauen.

Wie nahe liegen Ergriffenheit und Schrecken: Ein leichtes Wehen rührt das Gefieder des Eros, ein Schatten genügt, und die Haare stehen zu Berge.

Als wären die ausdifferenzierten Organe des sinnlichen Daseins Einstülpungen oder Ausstülpungen der Haut: das Auge, das Ohr, der Mund, das Geschlecht.

Wir sind in den Hautsack gestopft die Einsamen, durch einen Händedruck geöffnet die Gemeinsamen.

Die Haut treibt die große Politik des Körpers: Grenzwache und Grenzkontrolle, ökonomische und Handelsbeziehungen, Verteidigung, Außenbeziehungen und Bündnisse.

Das Selbstbewußtsein ist gleichsam das Zu-sich-Kommen der Haut.

Der Borderline-Patient, der sich die Haut ritzt, weil er sich der Grenzen seines Selbst nicht sicher ist. Der Katatoniker, der bei Stichen mit der Gabel nicht mit der Wimper zuckt, weil er sich in eine winzige Festung seines Selbst tief im Körperinnern zurückgezogen hat.

Mit der Haut sehen und atmen wir, mit der Haut lernen wir leben: Was ihr warm entgegenleuchtet, bedeutet uns Frieden und Daseinserhöhung, was sie frostig überschauert oder brennend sticht, Unheil und Gefahr.

Die Höllenstrafen sind Schmerzen der Haut: Brennen und Sieden, Ritzen und Schinden.

Das Paradies ist die Wollust der Haut: weiche Lüfte, sanftes Rieseln, goldene Wärme.

Die Haut sagt uns vom Lebenskern: Vertrauen und Mißtrauen. Das heilige Wasser hüllt uns in den Segen, die jähe Berührung zieht und schrumpft uns zurück.

Die Haut ist das soziale Organ par excellence: Die wesentlichen Tabus schreiben die Verhüllung und Verschleierung der Haut vor, Geschlecht und Brust und Gesicht. Intimität messen wir an der Lockerung oder Übertretung dieser Tabus in der ekstatischen Begegnung mit den Göttern und in der erotischen Begegnung der Geschlechter.

Die Haut ist das erotische Organ par excellence: Die Erregung gleitet über die Haut, verweilt an den Schwellen und Buchten, wirbelt über die Dünen als heißer Wind.

Die Haut ist das ästhetische Organ par excellence: Die wesentlichen Schönheitsideale beziehen sich auf die Haut. Die Haut des jungen Geliebten ist straff und gespannt, weich für Küsse und hellhörig für die zarteste Geste. Horazens ideale Geliebte hat eine Haut, die blendet wie parischer Marmor, leuchtet wie der Mond, der über dem dunklen Wasser aufgeht. Was er an sich als Niedergang erotischer Attraktivität fürchtet, sind Falten, Runzeln und Altersflecken.

Das mund- und muschel- und meerestierhafte Geschlechtsteil der Frau wirkt auf den Mann fremd, unfaßlich, ausdruckslos (im Vergleich zum primitiven Ja und Nein der Erektion). Es verkörpert ihm die seltsame Unio mystica von Eros und Thanatos, seiner Urangst, im Augenblick des Orgasmus in der Höhle der Geburt sich zu verlieren und aufzulösen.

Die Ode des weiblichen Geschlechts, die Sentenz des männlichen.

Das Meer des weiblichen Geschlechts, die Boje des männlichen.

Der Krieg nahm gleichsam den Panzer der Kröten, um die für die Speere und Lanzen des Feindes empfindliche Haut zu verbergen.

Mit der Haut fassen wir das ganze Leben, so wenn wir sagen, der und der fühle sich nicht wohl in seiner Haut, jener neige leicht dazu, aus der Haut zu fahren, dieser habe angesichts einer solchen Berührung die Krätze bekommen, einer habe sich tief gedemütigt und seine Haut zu Markte getragen, einem anderen wurde zum Zeichen seiner Ausstoßung aus der Gemeinschaft ein Mal aufgebrannt, jenem sei die frühe Wunde wohl vernarbt, aber nie verheilt.

Wir gewahren in der Beschneidung der Vorhaut des jüdischen Knaben den durch Opfer und Schmerz aussondernden Ritus der Heiligung des Gottesvolkes.

In der Entblößung der Haut der antiken Olympioniken und der frühen Koren sehen wir nicht Verlust von Scham, sondern stolze Erprobung männlicher Würde.

In der Nacktheit Jesu am Kreuz erblicken wir die uns versagte Größe stellvertretenden Leidens.

Die unreine Haut des Aussätzigen ist uns ein Ekel, weil sie uns an die Schwären und Gebresten unserer Seele gemahnt.

Comments are closed.

Top