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Wunderlicht

27.09.2015

Die Fortschritte des Verstands konterkariert die Aufklärung durch Rückschritte geistlicher Dummheit.

Die Seele des Menschen dürstet nach dem Wunder und dem Wunderbaren, nach dem Wunder der Verwandlung und nach dem Wunderbaren in der Poesie.

Das Licht, welches Gott durch sein Wort hervorgebracht hat, ist es das Licht, das du und ich jetzt und hier sehen oder vielmehr das durch die Strahlung von Photonen bewirkt, daß wir die Dinge erblicken können? Nennen wir dieses natürliche Licht das Licht Newtons. War jenes Licht des ewigen Wortes das Licht Newtons oder nicht eher das Friedenslicht und Wunderlicht, welches das Laub der Bäume und die Blüten der Blumen des Paradieses zum Leuchten brachte? Jenes Licht, das die Menschen, die gleich Gott in Eden wandelten, nährte, denn es wirkte Gedeihen den die Seele sättigenden Früchten der Bäume, nicht aber den Gelüsten der Menschen nach dem tierischen Fleisch?

Wurde das Wunderlicht der göttlichen Schöpfung nicht durch die primordiale Sünde und den Fall des Cherubs oder Satans Wirkmacht getrübt und verwandelt in die unerbittliche Sonne, die Sonne des Nichts, unter der wir leben und darben, arbeiten und sterben? Denn wir leben von demselben Licht, an dem wir sterben.

Was vom Licht gilt, galt ja auch von den ersten Menschenwesen, die nicht in Sünde aßen und zeugten, nicht in Sünde lebten und starben. Galt es aber dann nicht auch für die Welt insgesamt, von Tag und Nacht, Erde und Meer, allem Getier, das sie bevölkerte und bewohnte?

Mit der Schlange kommt das Tier in den Garten, welches das Licht des Wunders verschluckt.

Wenn du nachts über den entlegenen Anger gehst und es flimmern auf den Gräbern die Lichter wie Seelen, magst du einmal einer anderen Welt gedenken, in der die Zungen schweigen und nur die Augen reden.

Uns bleibt die Erinnerung, die das Schöpfungslicht aus unendlichen Fernen durch die Auren und Aureolen der Erwählten und Heiligen auf den Bildern und Ikonen aus der Blindheit erweckt. So ist uns die sakrale Kunst in diesem Sinne Arbeit und Dienst der Erinnerung.

Als das Schöpfungswort den Juden auf ihrer Wanderung nahe war, leuchtete es aus der Wolke, die ihnen den Weg wies. Es hat sich nach dem Untergang des Tempels in Jerusalem, wo es in der Menora anwesend war, in das ewige Licht der Lampe vor dem Toraschrein der Synagoge gerettet.

Aber auch die heidnischen Tempel und Altäre der Römer kannten die ewige Lampe, an welcher der fromme Beter sein Gebet und seine Frömmigkeit entzündet haben mag.

Wie seltsam, daß uns auch in der Abwesenheit des Lichts, im von Flechten überwucherten Stein, an der von Grünspan überschriebenen Mauer, die Erinnerung heimholt.

Das Wunderlicht lebt auch weiter im Klang. Im Lux aeterna des Mozartischen Requiems ist es fühlbar, ist es da.

Die Flammen, die vom Schwert des Erzengels Michael abgeschieden wurden vom Schöpfungslicht, lodern in der Glut der Styx, unterhalten die Feuer der Hölle, werden den Weltbrand entfachen.

Das Licht des Wunders, das Licht des Logos, es leuchtet in den Wunden Christi, es glimmt in seinen Tränen.

Es bleibt uns die Hoffnung, die Hoffnung auf Wiederkehr und Auferstehung. Sie nimmt Gestalt an in einem der höchsten und beredtesten Rituale der Christenheit, der Feier der Osternacht, in der das Licht der Erlösung in die Nacht des leeren Kirchenraums wie in die Nacht des Grabes getragen wird und beim feierlichen dreifachen Ausruf des Zelebranten „Lumen Christi“ seinen Weg in die Angst und das Harren der Welt antritt.

Spricht nicht aus der Weigerung Goethes, das Licht Newtons anzunehmen, die Erinnerung an das Licht des Logos?

„Was aber schön ist, selig scheint es in ihm selbst.“ Gemahnt Mörikes Beschreibung der Lampe nicht an die heiligen Lampen der Tempel, ins Rokoko des Gefühls, ins Biedermeier der Wohnstube verkleinert und sentimentalisiert? Und seine Gnome bleibt wahr: Denn selig zu preisen ist das Wesen, das keiner fremden Nahrung und keines Einspruchs bedarf, sondern mit sich selbst als dem Fernsten und Nächsten spricht.

Das Licht Edens scheint nicht wie fremde Sonne herab, sondern leuchtet aus den Dingen und Wesen selbst, als ihre Seele, ihr Gesicht, ihre Sprache.

Das Licht der Schöpfung ist das Licht der Erlösung – wiedergefunden wie das Lächeln, das sich unverhofft auf dem Antlitz dessen ausbreitet, der das Tor offen findet.

Das verklärte Angesicht des Herrn ist uns wie der Wein, der den Durst stillt, indem er ihn vertieft.

Wie fromm sind Kinder, die sich am Sprühen der Wunderkerze freuen.

Die Mysterien der Heiden, in denen Lichter angezündet wurden in den Höhlen und Grotten, waren Lichtsamen vom Logos spermatikos.

Der russische Filmemacher Andrei Tarkowksi hat die Not und Passion, die Angst um das Licht der Seele und die blinde Hoffnung auf seine Rettung in dem Film Nostalgia gedeutet, als er seinen Helden mit einer flackernden Kerze den der Hl. Katharina von Siena geweihten Bagno Vignoni durchschreiten ließ.

Die Lust ist ein Residuum der Freude an der Schöpfung, die Hefe auf dem Grund ihres Bechers – sie selbst aber ist unschöpferisch, auch wenn sie wie das Trompe de lʼoiel des Nachbilds den Zeugungsakt begleitet.

Die Lust ist mit der Scham unglücklich vermählt – die Scham aber ist der Vorhang vor dem Licht der Erlösung, mit dem sich die Sünde im Dunkel zu bergen wähnt.

Was könnte das menschliche Wort so luzide und kristallin werden lassen, daß es durchlässig würde für das Wunderlicht? Es müßte seiner selbst vergessen, vergessen, wem es entspringt, vergessen, wem es dient. Es müßte demütig werden wie der blanke Spiegel des Teiches, der die Wolken lauter und selbstlos widerspiegelt. Es müßte werden ein prophetisches Wort.

Der eitle Poet, der sich selbstverliebt über den Spiegel beugt, verdunkelt den Widerschein, trübt der reinen Wolken unverhofftes Blau.

Kindern oder kindlichen Seelen, die mit Worten spielen und sie wie Seifenblasen in die Lüfte entsenden, sie schillern lassen für den Augenblick ihrer Wahrheit, mag es gelingen.

Das Messiaslicht, das Israels Hoffnung erfüllte, das im Stern von Bethlehem erglänzte, im Angesicht der den Heiland verkündenden Engel und im Freudengesang der Hirten, es kehrt wieder in den in äußerste Fernen gerichteten Augen der Liebenden, die den Tod und den Abgrund der Trennung geduldig bestehen.

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