Skip to content


Mai 28 20

Wie ein Flöckchen fällt

Wie ein Flöckchen fällt,
glitzernd niederschwebt
auf die dunkle Welt,
sinnt es unentwegt:

„Ist mein Leben sinken,
nichts als Abschied blinken
in der Weltennacht,
leuchte ich doch sacht.
Mag nur zagend fallen,
fall ich ja mit allen
Flocken tief hinab
auf ein weiches Grab.
Mond mit seinen Strahlen
malt mir zarte Schalen
um mein Nichtigsein,
bin ich auch allein,
kann doch alles fühlen,
wenn die Strahlen kühlen.“

Flöckchen fällt dem Reh
auf die warme Nase,
kriegt sie keine Blase,
fühlet selbst kein Weh.

Und es schmilzt dahin,
leuchten war sein Sinn.

 

Mai 28 20

Wunderglanz des Schönen

Einzig Wunderglanz des Schönen
kann uns mit der Welt versöhnen
.

Mondbehauchtes Mosaik,
Laub im Regen, Nacht-Musik.

Laulich wie von Orchideen
Dämmers rosa Düfte wehen.

Totenklage ist versiegt,
wenn den Efeu Zwitschern wiegt.

Lichtes Flaum auf einer Lache,
goldnes Flüstern, Ginster-Sprache.

Silbrig aufgerauschtes Glück,
Weide küßt ein Sonnenblick.

Auge krokusblauen Maares
wimpert aus der Trübnis Klares.

Schatten zwei auf fernem Boot
lösen sich ins Morgenrot.

Ach, wie sie aus Lärm und Härmen
hin zum Schilf der Stille schwärmen,

Schlummer trinken mit dem Schwan,
dösen mit dem Mittagspan.

Sehnen weiß uns kein Verweilen,
muß mit Wolkenschatten eilen

bis zum lila Horizont,
wo sich noch ein Vogel sonnt,

und wenn wir ihn lächelnd fragen,
ob uns sein Gesang möcht tragen

ins gepriesne Zauberland,
wo die Liebe Heimat fand,

hat uns schon ins Blau gehoben,
Blau, mit Fäden Golds durchwoben,

einer Stimme warmer Klang,
der aus unsern Herzen drang.

 

Mai 27 20

Sonnenstrahlen

Wurzelfäden fein,
die ins Dunkel reichen,
zwischen Wurm und Stein,
saugen stumm den Saft,
keines muß erbleichen,
jedem blüht die Kraft,
reiner Bilder Hort,
dichterischeres Wort.

Sonnenstrahlen heiß,
Blüten aufzuwecken
zwischen Löß und Gneis,
Flocken zart gestreut,
jedes grüßt ein Necken,
keines hatʼs bereut,
feuchter Knospen Glanz,
grüner Lieder Kranz.

 

Mai 27 20

Wenn dein Boot versinkt

Wenn Tropfen auf dem Laubdach klingen,
fahl und geisterhaft,
in strenge Falten kühn sich schwingen,
Windes blauer Taft.

Mit Farnen sich der Nacht entrollen,
Mal des Monds verblaßt,
sich fädeln aus den Nebel-Wollen,
bis die Sonne praßt.

Wo Schlaf in trunkne Schilfe gleitet,
gluckste Wasser süß,
hat sich das Segel ausgebreitet,
Mund der Muse blies.

Und weht ein Duft von Traubenküsten,
Lächelns Knospe blinkt,
schon fühlst du Lippen, die dich mißten,
wenn dein Boot versinkt.

 

Mai 26 20

Blütenlos dein Maar ist Schlaf

Wie auf der Amphoren Bauch
Götter ruhn auf goldnen Thronen,
Nike ziert mit Lorbeerkronen,
Mythe: Bild, gebannter Rauch.

Hat geflügelt Pegasus
heiß mit seinen Silberhufen
Sang aus dunklem Quell gerufen,
wie zerrann des Sprühens Kuß.

Dem Gesang ein Blitz zerteilt,
Jüngling, Herz, es war geständig,
ist im Seufzer noch lebendig,
klopft die Wunde, die nicht heilt.

Blick, den blaue Iris warf,
ferner Jugend Bilder blassen,
mußt dem Dämmerlicht sie lassen,
blütenlos dein Maar ist Schlaf.

 

Mai 26 20

Metapoetisch

Wird es uns zu grell,
können Wolken wir verteilen
überm Gras der Zeilen,
und sie wölken schnell.

Graut die Leere trist,
lassen Blumen wir erscheinen,
die statt unsrer weinen,
Helle säumt die Dämmer-Frist.

Macht uns Schmachten bleich,
gießen Tropfen wir hernieder
auf die Knospen lila Lieder,
und sie fallen weich.

Wird es uns zu bunt,
Flocken werden stäuben,
stilles Weiß betäuben,
Traum der Erde Mund.

Schläfert uns der Takt,
engen wir den Rhythmus
am hellenischen Isthmus,
und der Versfuß knackt.

Floh uns Liebe, weil sie fror,
schreiben wir vom Glühen Briefe,
das nach ihren Tränen riefe,
und schon pocht es sacht am Tor.

Stellt ins Abseits uns ein Harm,
lassen wir dem Vers entsteigen
Seufzer-Rinnsal weicher Geigen,
und sein Schimmern ist voll Charme.

 

Mai 25 20

Poete lispelt Schmu hermetisch

Poete lispelt Schmu hermetisch,
sein Blick blakt endzeitschwarz,
doch sein Poem ist bloß ein blinder Zeitungsfetisch,
und sein Schwall dickt Harz.

Als tät er es beschmusen,
umfingert er das Mikrofon,
doch sein Poem erdrückt ein kalter Riesenbusen,
prall gefüllt mit Silikon.

Er will die Muse scheuchen
auf ihren Hintern Klaps um Klaps,
doch sein Poem erstickt in pubertärem Keuchen,
und es riecht nach Schnaps.

Mit Wohlklang-, dumpfen Reim-Faschisten
ging schrill und hetzerisch er ins Gericht,
doch sein Poem hinkt gerade noch ins Puff der Germanisten,
denn sein Versfuß hat die Gicht.

 

Mai 24 20

Wie blau das Wasser ist

Wie blau das Wasser ist,
und wie sie darin patschen,
sich auf die Bäuche klatschen,
wie jeder sich vergißt.

Der blonde Bursche, fett
in weichen Kummers Ringen,
wie würde er gern springen
von dem Fünfmeterbrett.

Wie blau das Wasser ist,
und stumm nur ein Gekräusel
und selten ein Gesäusel
von einer Nymphe trist.

Der Dichter, dürr und blaß,
er weiß, er kann nicht schwimmen,
doch traut er süßen Stimmen,
stürzt blind sich in das Naß.

 

Mai 24 20

Liebe soll dir nicht erkalten

Apfelbaum steht an dem Hange,
einsam reckt er sich zum Strahl,
lauscht er ganz dem Sonnensange,
Blüten, Früchte sind nicht fahl.

Magst du deine Hand bang halten
um der Kerze Flackerschein,
Liebe soll dir nicht erkalten,
wahrst du ihre Flamme rein.

Herbst läßt rotes Laub erschauern,
fällt die Frucht in Gräser sacht,
magst du an dem Herde kauern,
Funken sprühen in der Nacht.

Siehst du blütenlos die Krumen
in den Scherben grauer Zeit,
Abend haucht noch rosa Blumen
auf den Pfad, hat es geschneit.

 

Mai 23 20

Liedes Lust

Krug mit schön
bemalter Brust,
lichtgewölbt
Liedes Lust.

Feuchter Lehm
zart geballt,
geistbetaut
Versgestalt.

Dunkels Sproß
Knospe weiß,
Hymnenduft
Ehrenpreis.

Iris blau,
Liebesblick,
Wiederkehr
Reimes Glück.

Faltertanz,
schwanker Halm,
buntes Glas,
Weihepsalm.

Hinterhof,
Gang geheim,
klatsch und watsch,
Abzählreim.

Mondbetäubt
ich und du,
Kußrefrain,
Amour fou.

Flockenstill
Abendgang,
flaumgedämpft
Wiegensang.

Ausgeseufzt
Dämmer-Ried,
Honiglicht,
Totenlied.

 

Mai 23 20

Bleichen Mondes Asphodelen

Bleichen Mondes Asphodelen
ausgerauschten Wassers Saum,
lilienblasser Schaum,
Nektar unstillbarer Seelen.

Doch wir sahen goldne Strahlen
fluten in das Heimattal,
wecken unsrer Qual
Knospen, blaue aus den fahlen.

Schwarzen Moores Nebelsonnen,
und ein Schluchzen fließt hinab
in das Blumengrab,
herber Lippen düstre Wonnen.

Doch wir hörten über Hügeln
süßer Lüfte Traumgeläut,
fühlten uns erneut,
bebend unter Sangesflügeln.

 

Mai 22 20

Blauer Augen feuchtes Flehen

Dürrer Ähren dumpfes Schmachten,
Gaukeln trunkner Mücken,
blaue Mittagsglut,
und die an den Säumen lachten,
Mohnes lose Blüten
tropfen hin ihr Blut.

Wild umrankt von dunklen Reben
wehmutwarme Strahlen,
Kelch im Abendlicht,
schäumt aus ihm noch Leben
anemonenfarben
auf dein Angesicht.

Blauer Augen feuchtes Flehen,
wie ihr süßes Glänzen
Liebe hat vollbracht,
wirst vielleicht du erst verstehen,
wenn dir eine Träne
funkelt in der Nacht.

 

Mai 22 20

Summe mit, mein Kind

Wenn im Finstern Augen locken,
halt ich dich, mein Kind,
beißen dich die kalten Flocken,
wärm ich dich, mein Kind.

Hörst du es in Ecken knittern,
sei nur nicht verzagt,
mußt nicht vor dem Winzling zittern,
Mäuslein, das dort nagt.

Floß ein jäher Glanz ins Zimmer,
als hättʼs reingeschneit,
schau des Mondes weißen Schimmer,
und der Mond ist weit.

Rauscht es wie in hellen Träumen,
Quellen sind es, Kind,
Lieder, die im Winde schäumen,
summe mit, mein Kind.

 

Mai 21 20

Veilchen, Liebe ist nicht fern

Auch wenn wilde Böen gehen,
Zweig und schwache Ranke bricht,
Birken, dunkler Moose Licht,
wie sie ragen, wie sie stehen.

Dämmerschaum der Schlummermulden,
weiches Vlies der feuchten Gruft,
Moose, Schlaf im Veilchenduft,
wie sie harren, wie sie dulden.

Und die Herzens Eden meinen,
mondne Tropfen, blauer Stern,
Veilchen, Liebe ist nicht fern,
wie sie beben, wie sie weinen.

 

Mai 21 20

Das mürbe Mark der Sprache

Wo auf grüner Lache
Schlaf die Blüte haucht,
ist das Mark der Sprache
mürbe schon, verbraucht.

Schwanken auf den Wellen
Rosen, Schwäne fahl,
ist ihr Fest nur Gellen,
und ihr Wein ist schal.

Wo sich Abgrund heitert,
Indigo der See,
ist ihr Kahn gescheitert,
Nymphe ruft, vergeh.

Wenn aus Veilchen steigen
Seufzer blauer Nacht,
müssen wir verschweigen,
was uns elend macht.

 

Mai 20 20

Rosen, letzte Gluten

Rosen, letzte Gluten
an des Lebens Rand,
streue auf die Fluten,
bis verlischt der Brand.

Laß aus milden Händen
gleiten wie im Schlaf
Blüten, Grabesspenden,
auf das Epitaph.

Lauben, dunkles Wasser,
Schwirren, Flirren, Hauch,
Träume werden blasser,
und die Schmerzen auch.

 

Mai 20 20

Rose gramgeneigt

Rose gramgeneigt,
nun ist sie gegangen,
was gefleht hat, schweigt,
mit den wehen Stunden,
dunklen Seufzern, bangen,
Duft, er ist entschwunden.

Pocht es in der Nacht,
Schweiß auf deinem Kissen,
kaum bist du erwacht,
hörst du heiße Tropfen,
niemand mag dich missen,
an die Scheibe klopfen.

Sinkt das Dämmerlicht
in dem kranken Zimmer
bleich auf dein Gesicht,
flirrt an kahler Mauer
wie ein Wasserschimmer
süßer Jugend Schauer.

 

Mai 19 20

Kommt das Hundchen angelaufen

Kommt das Hundchen angelaufen,
tät noch herzig schnaufen,
springt aufs Kuschelkissen,
schnappt den Leckerbissen.

Sieht verdutzt das Miezekätzchen
hüpfen fort ein Spätzchen,
magst ins Ohr ihm surren,
wird es wieder schnurren.

Fiel der Ball ins Wasser, Bübchen
kommt und weint im Stübchen,
wirst von Nixen sagen,
die ihn plätschernd jagen.

Glänzen auf der Liebsten Wange
Tränen, frag nicht lange,
mußt sie fort ihr küssen,
wird sie nicht vermissen.

 

Mai 19 20

Wenn die Rosen sich entzünden

Tupfen gaukeln goldnes Licht,
schmieg an warmes Moos die Wange,
Seufzen feuchte das Gesicht,
Hauche grüner Wellen, bange.

Durch des Zirpens Nebel blind
taste dich ins Gras der Grillen,
rinne, riesle in den Wind,
wer soll deine Wehmut stillen.

Einer, der aus Flammen liest,
wenn die Rosen sich entzünden,
Blick, der sanft in deinen fließt,
blaue Bucht, in die sie münden.

 

Mai 19 20

Das Gold der Dämmerungen

Wenn das Gold der Dämmerungen
noch im Laube zögernd weilt,
wie auf Wogen, weich geschwungen,
sich des Schaumes Glitzern teilt.

Als wir unterm Kirschbaum lagen,
Tropfen kühlten schon das Gras,
was nur wollte ich dir sagen,
süß ein Wort, das ich vergaß.

Wenn des Nachts ein stilles Schneien
durch die Angst der Wälder weht,
wie ein blaues Benedeien
ein Geläut durch Mauern fleht.

Und wir standen stumm am Grabe,
Hauch der Nacht im Efeukranz,
heller Tränen Opfergabe
war des Dankes schwacher Glanz.

 

Mai 18 20

Weiche Mulden, sanfte Falten

Dem Andenken an Stephan Lochner

Lauben, Brunnen, Mulden
willst du dich ergießen,
heilen Herzens Licht,
Überquell der Hulden,
Hymnentau der Wiesen,
Lilien-Traumgesicht.

Rinnst durch blaue Falten,
die um Lenden wogen,
reiner Gnaden Quell,
Lächelns Heilsgestalten,
um das Kind gebogen
mit dem Apfel hell.

Atmest Gärten Fülle,
wo die Rose leuchtet
unter mondnem Tau,
veilchenweiche Hülle,
flüsternd überfeuchtet
von den Wassern blau.

Golden hat umsiegelt
Knospe großer Stille
das geneigte Haupt,
Lippen sanft entriegelt
süßer Klänge Fülle,
die an Liebe glaubt.

Die uns möchten heben
aus den Dorngefilden,
Augen licht und sacht,
in das schöne Leben,
sprechen Engelsmilden
in die Unheilsnacht.

 

Siehe:
https://www.google.com/search?q=stephan+lochner+Madonna+im+Rosenhag&client=firefox-b-d&source=lnms&tbm=isch&sa=X&ved=2ahUKEwjvrJzFtb3pAhVkQEEAHRbRAqEQ_AUoAnoECBUQBA&biw=1120&bih=593#imgrc=ZD5_REImjdjVhM

 

Mai 18 20

Guido Gezelle, Kerkhofblommen

Zoo daar ooit een blomke groeide
over ‘t graf waarin gij ligt,
of het nog zoo schoone bloeide:
zuiver als liet zonnelicht,
blank gelijk een Lelie blank is,
vonklende als een roozenhert,
needrig als de needre rank is
van de winde daar m’ op terdt,
riekend, vol van honing, ende
geren van de bie bezocht,
nog en waar ‘t, voor die U kende,
geen dat U gelijken mocht!

 

Kirchhofsblumen

Mag auch eine Blume prahlen
einmal auf dem Grabe dein,
mag sie noch so wunders strahlen,
reiner als der Sonnenschein,
weiß wie eine Lilie weiß,
wie des Rosenkäfers Gold,
sacht wie einer Ranke Reis
unterm Fuß sich windet hold,
Duft, daß eine Biene fand
Blütenhonig, süße Bürde,
weht, hat einer dich gekannt,
hin, da nichts dir gleichen würde.

 

Mai 17 20

Fernes Leuchten

Wie manche alten Blumenschalen,
ein karger Tau hat sie befeuchtet,
an hingeneigten Blüten, fahlen,
ein Bild uns wecken, das noch leuchtet.

Und wandelst du bemooste Wege,
wo einsam Weidenknospen schwingen,
wird dir ein Herz der Jugend rege,
hörst leise du ein Wasser singen.

Wenn aber herbstlich Fahnen blauen,
von alten Freunden sahst du keinen,
magst du im Dickicht streifend schauen,
ob traumversunken Rosen weinen.

Und sinnst du ferne nach den Flocken,
die vor dem Fenster langsam schweben,
fragst du, wenn dunkle Pulse stocken,
ob unterm Schnee noch Veilchen beben.

 

Mai 17 20

Guido Gezelle, Winterstilte

Een witte spree
ligt overal
gespreid op ‘s werelds akker;
geen mensche en is,
men zeggen zou,
geen levend herte wakker.

Het vogelvolk,
verlegen en
verlaten, in de takken
des perebooms
te piepen hangt,
daar niets en is te pakken!

 

Winterstille

Ein weißes Tuch
ausgebreitet
auf den Weltenacker sacht.
Und keine Menschenseele,
so sagt man wohl,
kein lebend Herz, das wacht.

Das Volk der Vögel,
schüchtern und
verwaist, auf den dicken
Ästen des Birnbaums
schwebtʼs und zwitschert,
es hat ja nichts zu picken!

 

Mai 16 20

In stillem Tale

Klösterlich in stillem Tale
schwebt ein Bauwerk wunderbar,
unbemalte schlichte Schale
für das Blühen kleiner Schar.

Wassers Leuchten in den Gängen,
zarte Muster sinnt der Fuß,
Andachtstunden voll Gesängen,
Himmels trunknem Licht zum Gruß.

Erde schenkt dem leisen Bauen
runde Früchte gelb und rot,
und wenn abends Lüfte grauen,
auf den Tischen Wein und Brot.

Sehnen nicht, nicht Seufzen wühlen
Klüfte zwischen Herz und Herz,
Wünsche sind verweht, die schwülen,
Fratze grellen Traums war Scherz.

Schwerer nicht als Duft und Tränen,
weißer Knospen weicher Charme,
wiegt geweihter Diener Wähnen,
Blüten auf Mariens Arm.

Dumpfer Horden leeres Lärmen,
das sich Wahnbegierden beugt,
fern verging vor süßem Schwärmen,
Herz, von stillem Geist gezeugt.

Blumen-Sterbeduft ist Danken,
Erde aber Toten leicht,
die ins Gras der Liebe sanken,
unterm Gnadenhauch erbleicht.

 

Mai 16 20

Guido Gezelle, Bonte abeelen

Wit als watte, en teenegader
groen, is ‘t bonte abeelgeblader.

Wakker, als een wekkerspel,
wikkelwakkelwaait het snel.

Groen vanboven is ‘t en, zonder
minke, wit als melk, vanonder.

Onstandvastig volgt het, gansch,
‘t onstandvastig windgedans.

Wisselbeurtig, op en neder,
slaat het, als een’ vogelveder.

Wit en grauw, zoo, dóór de lucht,
“bonte-abeelt” de duivenvlucht.

 

Schimmer-Espen

Weißes Bauschen, grünes Flirren
ist der Espen Blätterschwirren.

Rascher als ein Ringelspiel
ringeltʼs auf und kringeltʼs hin.

Grün glänzt oben wundersam,
und von unten schäumt der Rahm.

Immer kreist es, haltlos ganz,
ruheloser Winde Tanz.

Windes Wippe, auf und nieder
flattertʼs, eine Vogelfeder.

Weiß und grau verwehter Charme,
Schimmer-Espe, Taubenschwarm.

 

Mai 15 20

Ein Blütenblatt ruht dein Gesicht

Schon treibst, wie eine Knospe weiß,
du über Schlafes grünen Wogen,
ein Wind von Gluten Mohns noch heiß
hat müde sich am Tau gesogen.

Du bist dem Ufer schon verschollen,
das Grün des Waldes ist verblaßt,
wenn Farne sich ins Dämmern rollen,
hat blauer Kelch den Duft verpraßt.

Ein Blütenblatt ruht dein Gesicht
auf schwankem Abgrund, wo von Flossen,
daß du erzitterst, sprüht noch Licht,
die Milch der Sanftmut ist vergossen.

Nun sind die Träume, zarte Flocken,
geschmolzen unter Mondes Hauch,
und die zu den Atollen locken,
Tritonenklänge schmelzen auch.

 

Mai 15 20

Jahresring

Januar, im Schneelicht laß mich dösen,
Februar, bemalte Masken leih uns Bleichen,
Märzens laue Luft macht Sprödigkeit erweichen,
Mai den Tau von Schattenwimpern lösen,
Juni, Anemonen, mein Sonnenkind, und weiche Veilchen,
Juli, roten Mund dem Liede gib, ein blauend Wasser,
August, ihr Birnen, Pflaumen, wartet noch ein Weilchen,
September, Mond und Rosen schimmern blasser,
Oktober, goldner Trauben feuchtes Schwellen,
November, dunkle Kränze, kleiner Kerzen Flehen,
Dezember, Flocken schmelzend Küsse, Silberschellen,
bis nächstes Jahr, ade, auf Wiedersehen!

 

Mai 14 20

War noch Glanz am Saum

War noch Glanz am Saum
schneeverwehter Straßen,
Odem ging im Raum,
Schweigen ohne Maßen.

Rannen weich vom Blatt
Schimmer, hingeweinte,
wie noch Leben hat
Traumfarn, der versteinte.

War noch Wasser grün,
Knospen, Taues trunken,
öffnete Jasmin,
Schmerz, im Duft versunken.

 

Mai 14 20

Nah und unerreicht

In der kleinen Lache
eines Hinterhofs
fand ich Himmels Sprache,
still erglänzte dort
eine Wolke. Wäre
wahre Stille nicht
über Blauens Sphäre,
nur in vagem Licht
spiegelglatt gebettet,
wie in fremde Feuchte
eigner Blick sich rettet,
jäher Leere Leuchte?
Keiner kann es fassen,
Wolke, Anmut, Nichts,
mußt sie blühen lassen,
Blüte weißen Lichts,
nah und unerreicht,
bis die Sonne weicht.

 

Mai 13 20

Théophile Gautier, Sur le Carnaval de Venise

Il est un vieil air populaire
Par tous les violons raclé,
Aux abois des chiens en colère
Par tous les orgues nasillé.

Les tabatières à musique
L’ont sur leur répertoire inscrit ;
Pour les serins il est classique,
Et ma grand’mère, enfant, l’apprit.

Sur cet air, pistons, clarinettes,
Dans les bals aux poudreux berceaux,
Font sauter commis et grisettes,
Et de leurs nids fuir les oiseaux.

La guinguette, sous sa tonnelle
De houblon et de chèvrefeuille,
Fête, en braillant la ritournelle,
Le gai dimanche et l’argenteuil.

L’aveugle au basson qui pleurniche
L’écorche en se trompant de doigts ;
La sébile aux dents, son caniche
Près de lui le grogne à mi-voix.

Et les petites guitaristes,
Maigres sous leurs minces tartans,
Le glapissent de leurs voix tristes
Aux tables des cafés chantants.

Paganini, le fantastique,
Un soir, comme avec un crochet,
A ramassé le thème antique
Du bout de son divin archet,

Et, brodant la gaze fanée
Que l’oripeau rougit encor,
Fait sur la phrase dédaignée
Courir ses arabesques d’or.

 

Karneval in Venedig

Ein altes Lied, sehr populär,
das alle Geigen stöhnen,
die Hunde jaulen drüber her,
daʼs auch die Orgeln dröhnen.

Tabakdosen mit Musike
haben es im Repertoire,
selbst der Zeisig findetʼs schnieke,
Oma, als noch Kind sie war.

Töntʼs mit Kornett und Klarinetten
bei Bällen unter Laubes Stauben,
zucken Burschen und Grisetten,
erschrocken flattern auf die Tauben.

Die Schenke mit gewölbtem Dach
aus Heu und Stroh der Katen,
die Fete grölt, ein Höllenkrach,
der Sonntag glänzt, der Braten.

Fagott des Blinden, sein Gedudel
verhunzt es, denn er hält nicht Schritt,
die Bettlerin preßt ihren Pudel
und brummt es leise mit.

Arme Sänger mit Gitarren,
mager unter dünnem Kleid,
hört so elend man es schnarren
in Kneipen schnöder Lustbarkeit.

Paganini, genial-verrückt,
hat eines Nachts mit einer Spitze
das alte Thema aufgepickt,
mit seines Götterbogens Blitze,

bestickte neu den fahlen Schleier,
ein Flitter war an ihm noch rot,
und über jener alten Leier
hat Arabesken-Gold geloht.

 

Mai 13 20

Weg damit

Worte, die wie Gift zernagen
deines Geistes zartes Mark,
Bilder, die das Aug beschlagen,
gehst du durch den schönen Park.

Wünsche, die von Fremden kamen,
Raupenfraß am grünen Blatt,
Gesten, schlanker Anmut Lahmen,
hohles Fuchteln nimmersatt.

Die das Brunnenwasser trüben,
das geheim dein Blühen nährt,
dumpfe Kröten, die nicht lieben,
Fratzen, keinen Seufzer wert.

Küsse, die nach Asche schmecken,
lauer Lippen schaler Wein,
Hände, dürrer Schilfe Recken
nach des Mondes totem Stein.

Wracks auf schwarzen Ozeanen,
steuerlos, von Seetang schwer,
auf den Decks erwürgte Ahnen,
Verse ohne Wiederkehr.

Die das alte Neue schreien
ins zerpflückte Blumenohr,
Spott in deine Träume speien,
kalter Zungen Schlangenchor.

Eitle Schreiber, die dir künden
flink von großer Weltennot
und daß alle Wege münden
in ein dunkles Loch voll Kot.

Denker, die dir Brocken stellen,
Rätsel auf das sanfte Gras,
Dichter, die in Fetzen gellen,
was man in der Zeitung las.

 

Mai 13 20

Das Gedicht

Wie Tränen bang an Wimpern zittern,
und rinnen sie, hat Lächeln Glanz,
wie Knospen schwanken an den Gittern,
und gehn sie auf, wird Sommer ganz,

sieh, die sich Flammengeist hingeben,
und glühen sie, hat Liebe Licht,
sieh, die wie Falterflügel beben,
und gehn sie auf, glückt das Gedicht.

 

Mai 12 20

Grotte im Wingert

Da wir durch den Wingert gingen,
stand von rotem Laub umschauert
eine Grotte, Flechten hingen,
wo der Salamander lauert.

Und wir fühlten warm die Brocken
aus Basalt, doch blaue Schatten
kühlten dort die goldnen Locken
hohem Weibe mit den matten,

lang verblühten Wangen, Schründe
liefen durch des Mantels Wogen,
weichen Mundes Gnadenründe
hatte kalt die Zeit verzogen.

Doch dem Kind war abgebrochen
seiner Finger Segensdolde,
um die wunden Füße krochen
junge Spinnen, und der holde

Strahlenkranz, er war zerronnen.
Hoben aus dem Staub wir Kerzen,
die ein Goldgarn uns gesponnen
in den dunklen Samt der Herzen.

 

Mai 12 20

Abend über den Rheinwiesen

Wenn die Gräser leise wiegen
weiche Tropfen, grauen Schaum,
wollen wir im Abend liegen,
der noch Rosen stickt am Saum.

Und wir lauschen nur dem Hauchen,
das dem grünen Grund entsteigt,
sehen fahle Wasser rauchen,
wenn sich Mondes Knospe neigt.

Und ich fühle Feuchte wärmen
meine Wange, weinst du still,
auch wenn Lichtes Mücken schwärmen,
Dunkel ist, was Schwermut will.

Überwachset uns mit Schatten,
treue Halme, rinne Tau,
bis wir Herz an Herz ermatten,
bis uns weckt das ernste Blau.

 

Mai 12 20

Deutscher Sang

Wann wird schönen Geistes Flügel
wieder rauschen, Wunder-Aar,
segnend über deutsche Hügel,
Gnadenbanner froher Schar?

Wenn des Meeres Muscheln tönen
an erwählter Knaben Ohr
blaue Mythe und die Schönen
schreiten lilienweiß im Chor.

Wann wird deine Rose glühen,
hoher Minne sanfter Sang,
deine Lende Anmut sprühen,
deutschen Verses edler Gang?

Wenn auf grünen Matten leuchtet
Hymnenglanz aus reinem Born,
späten Wandrers Auge feuchtet
Ruf aus heimatlichem Horn.

 

Mai 11 20

Sei mein Wort die Laube

Sei mein Wort die Laube,
deinen Schmerz zu hüllen,
sei mein Lied die Taube,
sanften Gurrens Quillen.

Magst es tropfen hören,
auf das Blattwerk regnen,
soll dein Herz betören,
Traum mit Nachtglanz segnen.

Sei mein Lied die Schale,
deiner Blüte Neige,
schimmernd um die fahle,
bis ihr Duft entsteige.

 

Mai 11 20

Flocken an den Fensterscheiben

Flocken an den Fensterscheiben.
Sind es Blüten, ist es Schnee?
Lange werden sie nicht bleiben,
bleiben wird das Weh.

Mondes weiße Knospen blühen.
Ist es Winter, ist es März?
Bald schon werden sie verglühen,
bleiben wird der Schmerz.

Rosen, die am Traumgrat hangen.
Singt ein Vogel, rauscht ein Born?
Morgen sind sie schon vergangen,
bleiben wird der Dorn.

 

Mai 11 20

Schimmer einer schlichten Vase

Schon der Apfel dort im Grase
macht uns heiter, uns beglücken
Schimmer einer schlichten Vase,
will sie dir ans Fenster rücken.

Wollen nicht im Dunkel tasten
Unform, rauher Dinge Häute,
und es schweben bange Lasten,
blaut die Ferne von Geläute.

Schluchzen mondzerfurchte Wellen
auf von Abschiedsschmerzen,
soll noch lang die Nacht erhellen
uns ein Duft von Honigkerzen.

An den Tränen, die mir rinnen,
hat ein Traum dich mir entrissen,
sieh den weichen Glanz der Minnen,
Tau am Lide von Narzissen.

 

Mai 10 20

Badest du in Abendlüften

Badest du in Abendlüften,
malvenrosa sind betupft
deine Wangen, deine Hüften,
Haar, das Mondes Finger zupft.

Gießt den Milchglanz deiner Beine
du ins Gras, das willig sinkt,
trunken wie von goldnem Weine,
Herz, das deinen Atem trinkt.

Will in Tränen mild zerfließen
deiner Lider weicher Schnee,
weißer Knospe scheues Schließen,
Blume du auf stillem See.

 

Mai 10 20

Intime Blicke

Dem Andenken an Pierre Bonnard

Abendmilder Tau des Lichts,
der auf deinen Brüsten glimmt,
weint dahin sein süßes Nichts,
und dein Schmerz verschwimmt.

Rinnt dir weicher Locken Gold
in den Nacken, spürest warm,
meine Blicke sind dir hold,
Feuchte haucht dein Blumen-Charme.

Lende, leichter Wellen Spiel,
biegt sich unter bunten Rauch,
und sich wiegen hat kein Ziel,
löst vom Mund sich Seufzer-Hauch.

Taucht ins Gras der nasse Fuß,
Rosen, Veilchen schauen auf,
gurrt die Taube ihren Gruß,
Wolke hemmt den blauen Lauf.

 

Mai 10 20

Fülle der Zeit

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Dummheit und Schamlosigkeit reichen sich die Hand und verkünden im grellen Scheinwerferlicht coram publico, alle könnten alles sagen.

Wer sogleich auf des Menschen Rechte pocht, will verführen und betrügen.

Was nicht in die harte Goldmünze von Verbindlichkeit und Verpflichtung gewechselt werden kann, erweist sich damit als Falschgeld der Anmaßung und Talmiglitter eitler Ansprüche.

Triefauge zeugt mit Lall-Maul einen Bastard namens „Hab es längst gesehen, längst gesagt“.

Die höchste Kunst besteht nicht darin, alles zu sagen, sondern das Wesentliche fühlbar zu machen durch Verschweigen.

Gewisse Aureolen sind unsichtbar vor zu grellem Licht.

Sie schimmern vage nur in einem sanften Dämmerschein, den ein vulgäres Auge scheut.

Gedichte, Knospen weißer Rosen, die geisterhaft auf dunklem Wasser scheinen, in das sie wie vergehend ihre Fülle neigen.

Die Toren glauben, von Dünkel geschwollen, an Entwicklung, als könnte es noch werden; doch Vollendung steht am Ursprung.

Alkaios schenkte der Welt den schön gewundenen Kranz seiner makellosen Odenstrophe, Jahrtausende reichten ihn weiter, über Horaz bis zu Klopstock und Hölderlin.

Die charismatisch-autoritäre Herrschaft der aristoi, die sich mittels genealogisch-physiognomischer Auslese und platonischer Examinierungen selbst in ihre Räte und Logen kooptieren, ist die dem zuchtlosen Wesen der Plebs angemessenste Staatsform.

Was ist der selbstgefällig seine stromlinienförmig frisierten Phrasen und mit arroganter Selbstanklage gewürzten Sottisen herunterleiernde republikanische Staatsbeamte ohne Stil und Kultur gegen den musisch gebildeten Mandarin des chinesischen Kaiserreichs, der mit den Höflingen, ja dem Kaiser selbst, in köstlich nach Pflaumenblüten und Erdbeeren duftenden Versen um ein kleines Lächeln der Kaiserin wetteiferte?

Wie gut ist die monadische Existenz, auf daß wir vom widrigen Hauch des Fremden nur gestreift werden.

„Es steht ja nicht da!“, ruft der Begriffsstutzige aus. – „Es ist eine Ellipse!“, macht ihm der Kundige klar.

Er schreckte vor der Hand dessen, von dem es hieß, er habe alle Fesseln abgeworfen und sich selbst verwirklicht, wie vor der eines Leprösen zurück.

Die Neugier und Sensationslust erwarten sich das Funkeln eines geschliffenen Steins, doch hält der Dichter nur einen matten Kiesel hin, eine bleiche Muschel.

Das große Wort ist schlicht, das Zischen der tausend Zungen nur monströs.

Nach einem feuchten Händedruck wollen wir uns waschen; von dem Speichel aber, den sie über die Texte der Klassiker rinnen lassen, Schauspieler nennen sie sich, soll sich der Hörer gesalbt fühlen.

Reine, klare Höhenluft, sie macht den Geist luzide, so leuchtet unterm kalten Mond der Enzian.

Lautlos fährt der Komet ins Dickicht der Nacht, unfaßlich wie der Zauber dichterischen Worts, ein Aufglanz, und das Dunkel wieder.

Der Geist der Syntax ist der Genius des Gedichts. – So erhält die chinesische Lyrik ihr Schwebendes, Ungefähres, Unwirkliches. – So das schwer wie von Kapitellen herabhängende Laub goldener Bilder der Hymnus über der hohen Säule des indogermanischen Periodenbaus.

Das große Gedicht dient der Katharsis, nicht dem Ausdruck eigenen Empfindens.

Alles, was sie noch von dem letzten Dicht-Meister deutscher Zunge, Stefan George, wissen: Er habe was mit Knaben gehabt. Doch daß ihm galt, was Diotima im platonischen Symposium über die Stufen der Sublimierung des Eros kundtut, ob nun in Hinsicht auf Männlein oder Weiblein, das nicht, das gerade nicht.

Die Seele sieht ein fernes Licht, der Mund spricht wie von selbst.

Die kleine Schar, die sich abgesondert hat, der neuen Kunde harrend; und bleibt sie aus, lebten würdiger sie als der Rest.

Die Unterscheidung der Geister, der Instinkt der Lese? Pace Lessing, doch der Säer prüft das Korn, dem Winzer schwillt die reife Traube in die Hand.

Man kann nicht causaliter oder durch Trial and Error einen Tisch entwerfen und bauen; wir wissen, daß er wacklig auf drei Beinen, sicher auf vieren steht.

Gott kann die Knospe nicht durch Aneinanderreihen von Blütenblättern bilden.

Der richtige Gedanke der schlüssigen Folgerung ist da oder ist es nicht.

Du kannst entdecken, daß dies freundliche Lächeln nur Fassade war; doch nicht, daß dies Musikstück genau und ganz wie eine Fuge klingt, in Wahrheit aber keine ist.

Wir können den Kreis nicht durch eine noch so große Anzahl von Tangenten konstruieren.

Wenn wir die Idee des Mittelpunkts, des Zentrums, des Ursprungs haben, dann auch die des Kreises, der Peripherie, des Abgeleiteten.

Das Gedicht, ein Widerhall, wie des Waldhorns fern vergehendes Echo.

Der Mißwuchs und die Ungestalt geben uns eine Skizze des schönen Leibes und des wohlproportionierten Gebildes.

Die Schöpfung kann nicht gänzlich verfehlt sind, wenn sie einen Mozart hervorgebracht hat.

Man kann keine noch so primitive Flöte, und sie ist wohl das erste Musikinstrument aus Menschenhand, bilden, wenn man willkürlich Löcher in ein Schilfrohr bohrt; dazwischen muß ein Abstand sein, der eine Harmonie zumindest ahnen läßt.

Dichtung des Frühlichts und der Dämmerung, der reinen Töne transparenter Atmosphäre und der Zwischentöne von Wassern, die durch Laubes Schatten rinnen.

Hat, wie George mutmaßte, Antoine Watteau das Rokoko erfunden oder trat das schwermütige Lächeln des Pierrot gleich dem sich im Teich selbstverliebt spiegelnden Mond wie von Zauberhand aus dem kunstvoll bemalten und arrangierten Bühnendekor des Zeitgeschmacks?

Gewiß, kein George ohne den Glanz der Trauben im rheinischen Wingert, das dunkle Flüstern der Sage im Uferschilf, die melancholische Knospe des Mondes zwischen dämmernden Hügeln.

Doch auch nicht ohne die passionierte Katharsis der Dichtersprache der Romantik und Klassik und ihre zuchtvolle Beschneidung von allzu üppig überhängenden und schon gilbenden Ranken.

Die aus elektronischen Kästen springen, mit Plastikzungen Weltsprache quietschen, ohne etwas zu verkünden, was wie reife Frucht im heimischen Garten vom Baum der Erkenntnis fiele.

Kairos, wenn der süße Glanz der Frucht durch dämmernde Zweige tropft – Fülle der Zeit.

 

Mai 9 20

Träumen im Gras

Weißer Rosen weiche Fülle,
Dämmer mohnumglost
und der Abendwind haucht Trost,
Tropfen auf den Schoß der Stille.

Streue auf der Gräser Wellen
loser Locken goldnes Licht,
Knospen, die von Wehmut schwellen,
öffnen sich wie dein Gesicht.

Magst du schlafen, wenn ein Wasser
unter schwanken Schilfen geht,
und die Träume werden blasser,
Anemone schneeverweht.

Kommt ein Schimmer, Mondes Necken,
der im Teich gebadet hat,
soll die Lider sanft bedecken
Blumenodem, Schattenblatt.

 

Mai 9 20

Auf den Wassern Rauch

Silberpappeln ragen,
auf den Wassern Rauch,
und was wir uns sagen,
ist ein Rätsel auch.

Traumes Laub entsunken
Nachtigallenruf,
nachtgeweihter Funken,
was die Welten schuf.

Und wie Waldhorns fernes
Echo, Liedes Tau,
tropfen unsres Sternes
Küsse in das Blau.

Mondes weißer Flügel
streift den stillen See,
auf des Herzens Hügel
häuft das Schweigen Schnee.

Wie im Flaum von Schwänen
ruhen wir im Tal,
o ihr Veilchentränen,
weint auf unsre Qual.

 

Mai 8 20

Kind im Abendschein

Schimmer hat die Wange,
ist dir nicht mehr bange,
Kind im Abendschein.

Und an Schattengittern
rührt sich weiches Zittern,
rankt an ihnen Wein.

Auf des Traumes Auen
magst du Gräser schauen,
die mein Singen wiegt.

Rieselt Gold im Laube,
warʼs die Turteltaube,
die vom Zweige fliegt.

Ängstet dich ein Wasser,
und sein Blau wird blasser,
wenn der Mond es trinkt,

birgt dich vor dem Strahle
meiner Hände Schale
und das Irrlicht sinkt.

Gehen Tropfen nieder,
tun sich auf die Lider,
und dein Auge blaut.

Will ins Haus dich heben,
sanften Duftes Leben,
Veilchen, traumbetaut.

 

Mai 8 20

Abschied mag nicht schrecken

Abschied mag nicht schrecken,
fahler Lüfte Flaum,
steig er, greifbar kaum,
aus den Dämmer-Hecken.

Flechten, leicht zu winden,
schöner Zöpfe Band,
das ins Leere schwand,
soll er weich uns finden.

Wollen wir nicht lallen
nach der Erde Schoß,
wenn wir Hauche bloß
in die Bläue fallen.

Zart sei unser Sinnen,
Duft von Sommergras,
Tropfen wie auf Glas,
die ins Dunkel rinnen.

 

Mai 7 20

Der Kranz des Lieds

Wie Mondes Milch auf Schwellen schäumt,
ins Freie rufen Wind und Wetter,
hat weißer Blüten Licht umsäumt
zum Kranz sich windend Liedes Blätter.

Ihn hat des schönen Opfers Hand
sacht auf den Strom der Nacht gehoben,
er trägt ihn in ein fernes Land,
wo Lieder lächelnd Anmut loben.

Wenn wehem Blick die Feuchte glänzt,
hat goldnen Laubes Niederrauschen,
ein Widerhall das Wort ergänzt,
wie Ringe, die sich Freunde tauschen.

 

Mai 7 20

Stern auf unserm Blut

O die blauen Abendstunden,
und wir Hand in Hand,
was uns schien wie Liebeswunden,
war der Rosen Brand.

Und wir traten auf die Schwellen
nächtlich-grüner Flut,
fühlten süßen Lichtes Quellen,
Stern auf unserm Blut.

War wie weißer Knospe Neigen,
Wassers weicher Mund,
deiner Liebe großes Schweigen,
und das All war rund.

Sahen wir im Mondlicht fahlen
Lilien stolz und rein,
und wir hoben sie auf Schalen,
laß uns glücklich sein.

 

Mai 6 20

Nimmer will der Schmerz vergehen

O der Locken helles Wehen,
ging ein Wind so lau,
Auge, irisblau,
nimmer will der Schmerz vergehen.

Waren Gräser, leises Hauchen,
und sie tropften hin,
Schwäne, träumerisches Tauchen,
Leid von Anbeginn.

Schimmer über grünen Teichen,
Blumenodem Schnee,
daß die Nacht vergeh,
nimmer will das Unglück weichen.

Bleichem Herzen ist zum Weinen,
weil es schon vermißt,
was die weichen Lippen meinen,
Mohnes Dunkel ungeküßt.

O auf schwarzen Wassern treiben
Knospen, und ein Strahl
löst des Schwellens Qual,
unser Schmerz wird lange bleiben.

 

Mai 6 20

Wer weiß noch, wie er hieß?

Er hauste unter Tannen
in schiefer Balken Haus,
schwarzblaue Schimmer spannen
sich durch die Haare kraus.

Wo ist er hergekommen?
Geritztes Zeichen wies
von seiner Tür die Frommen.
Wer weiß noch, wie er hieß?

Und abends sah man Schatten,
die huschten übers Glas,
es überkam Ermatten,
wer seine Beeren aß.

In Nächten drangen Laute
so zauberisch ans Ohr,
ein Raunen, das sich staute
und sich im Wald verlor.

Ein Kind, das einst es hörte,
war ihm verfallen bald,
das Blut, das süß betörte,
so jählings aufgewallt.

Wer möchte ihn wohl küssen,
sein Mund ein wunder Schlitz,
wer würde ihn vermissen,
sein Blick ein blauer Blitz.

Doch grub sich in die Blüte
der Stachel seines Sangs,
und als sein Summen glühte,
erlosch sie dunklen Drangs.

Da er sie schuldhaft bannte,
sie ihm die Unschuld ließ,
wohl auch die Kate brannte …
Wer weiß noch, wie er hieß?

 



Neueste Einträge

Kategorien

Beliebte Einträge

Top