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Unser aller Poeta Laureatus

29.09.2013

Ein Zerrbild

Sollten wir den Mund halten, weil unser Atem nicht über den Abgrund der Gräber reicht?

Als entwirre sich die Rückseite des mit rührenden Szenen bestickten Wandbehangs als Schmähpamphlet.

Es ist die Häme, die, ein bitterer Speichel, von solchen Zeilen trieft.

Es ist diesem Worte-Speier ein höhnischer Genuss, ein Herz an tragikomischen Verwicklungen entzweibrechen zu lassen.

Ja, es ist ihm ein hämisch-höhnischer Genuss, sein eigenes Herz gleichsam durch das umgedrehte Opernglas der Verse in seelenloser Ferne entzweibrechen zu sehen.

Für solches Verse-Ausschneiden und Verse-Aussägen sind die Worte, die alten Worte, die zart verästelten Farne in den Versteinerungen des Gefühls – Kulissen, die so einer, gelehrig, emsig, behende, manches Mal auch verschwitzt, auf der Drehbühne seines Herzens herumschiebt und herumschubst. Während der gefallsüchtige Gefühlsabschneider die Kulissen schiebt und schubst, bleibt er geflissentlich von ihnen verdeckt – einzig zum Schlussapplaus schnellt er dreist und keck dazwischen an die Rampe, verschmitzt um ein Einverständnis zu herabgesetztem Preise zwinkernd.

Der Vampir, der seiner eigenen Sprache das Blut aussaugt, wähnt nicht anämisch werden zu können – und ist blass bis auf die Knochen.

Dass die beiden sich verlieren, ist ihm poetischer Gewinn. – Wenn jener sein Herz verliert, klimpert es in des Dichters Kasse.

Entkleide einmal jene Jünglinge und Mädchen von den parfümierten Epitheta verwester Romantik – und erschrick über dem Anblick hässlicher, warziger, unförmiger, ausgedörrter, aufgeschwemmter, hohlwangiger, triefäugiger Männlein und Weiblein, die – o weh – zu allem fähig sind, bloß nicht zur reinen Empfindung von Leidenschaft und Liebe.

Einer, der statt „Liebe“ Liebe schreibt – aber dabei stets „Liebe“ meint.

Das Rauschgift Ironie hat naturgemäß die zum „Weltschmerz“ euphemisierte Nebenwirkung.

Dieser kalte Rausch – so kalt, dass die Worte gefrieren und wie Glas zerspringen. – „Poetisch“ nennen, wenn einer sich am scharfen Klang dieses Zerspringens ergötzt.

Im Rausch der Ironie bilden die in den Frost gehauchten Worte Nebelschwaden.

Der Hochverrat: Die Verse so klappern und klackern, die Reime so mauzen und kauzen, die Metaphern so zweideutig rascheln zu machen, als hätte er Diotima auf die Gassʼ zu Frankfurt am Main hinab- und hinausgepeitscht, vor dem Vulgus des internationalen Messepublikums, zigeunerisch girrend und pariserisch flirrend, mit fliegenden Beinen und strapsenden Spitzen Cancan zu tanzen.

Solche Verse schlürfen sich wie Austern oder Schampus – sie machen süchtig, weil sie nicht satt machen. Ihre Erotik ist die des unendlichen Vorspiels, über dem die Geliebte am Ende einschläft, wenn der allein gelassene Liebhaber die dürftige Pointe abknallt.

Das Glas der Verse ist beschlagen – vom steten Perlen des Champagners. Auch jenes, in dem zerhackte Herzstückchen rötlich schimmernd schwimmen.

Es sind billige Gefühle, die hier nach oben drängen und sich in Talmiflitter teuer verkaufen wollen.

Es sind vulgäre Ansichten, die sich auf Kosten der mit Kot beworfenen Größe zu nobilitieren hoffen – vergebens, daher die ohnmächtige Rage des schäumenden Lästerns, Krittelns, Denunzierens.

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