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Die Leute von Äternien

29.12.2013

Eine Allegorie

Ein Expeditionskorps aus Geologen, Paläontologen und Anthropologen machte in einem bisher unerforschten Seitental des Himalaya seltsame Funde an Sedimenten: In den Versteinerungen erblickten sie verwitterte Spuren organischen Lebens, das vor etwa 0,6 Mio. Jahren infolge großer Erderschütterungen und Überschwemmungen untergegangen war, dessen genaue Klassifikation den Kennern vor Ort nicht gelingen mochte.

Zurück an den heimischen Lehr- und Forschungsstätten und Labors des Max-Planck-Instituts in Deutschland sowie der Smithonian Institution in Washington D. C. begann eine konzentrierte Suche nach der Herkunft, Abstammung und Lebensweise der versteinerten Wesen, die die maximale Größe einer Elle nicht zu überschreiten schienen. Die meisten Funde zeigten nur zersplitterte und zerfressene Bruchstücke, doch einzelne wiesen ganze oder halbe Organe und Körperteile auf, sodass man mit guter Hoffnung daranging, die unbekannten Organismen zu rekonstruieren. Mittels der 3D-Software wurde man bald einer einzigartigen organischen Struktur auf den Bildschirmen ansichtig, die die Forscher und bald darauf die weltweite mediale Öffentlichkeit in ungläubiges Staunen, ernste Verwunderung und große Beunruhigung versetzte.

Zunächst glaubt man ein von üppigen Laubblättern umschlossenes weißliches Wurzelknöllchen hervorschimmern zu sehen, in dem man ein vages Kindchenschema erahnt – bei näherer Betrachtung unter dem Mikroskop erwiesen sich die Blätter als echte zur Photosynthese geeignete Pflanzenteile, während der umhüllte milchig-blasse Organismus von den Anthropologen und Biologen als extreme Rückbildungsstufe eines Homo Sapiens  identifiziert werden konnte.  Die äußeren Extremitäten waren fast ganz verschwunden und in den Leib gleichsam zurückgeschmolzen, Sexualorgane und jedwede Anzeichen für einen geschlechtlichen Dimorphismus der Individualgenese fehlten, offensichtlich waren diese Wesen zur primitivsten Form der Vermehrung, der Klonierung, zurückgekehrt. Statt der Füße hatten sie insektenartige Greif- und Saugnäpfe ausgebildet, mit denen sie sich an den Stängeln ihrer Wirtspflanzen festklammerten, mit denen sie in Symbiose lebten. Und zwar dergestalt, dass die Pflanze die Hominiden mittels der Photosynthese mit Sauerstoff und Stärke versorgten, für die sich die Parasiten durch Abgabe von Kohlendioxid und Stickstoff dankbar erwiesen. Denn wirklich atmeten die seltsamen Wesen mit der ganzen Hautoberfläche, und ein wohl ziemlich ruhig gehendes Herz sowie ein Adern- und Venennetz zur Blutversorgung verteilten die über die Haut aufgenommenen Nährstoffe, deren unverwertbare Ausscheidungsprodukte ebenfalls über die Haut abgegeben wurden. Indes waren die gewöhnlichen Verdauungs- und Ausscheidungsorgane infolge der permanenten Funktionslosigkeit dank der Symbiose mit den Pflanzen fast gänzlich zurückgebildet.

Die physiologische Analyse ergab, dass der mund-, augen- und ohrenlose Schrumpfkopf ein Nervengeflecht enthielt, das in erster Linie die Haut der Tiere repräsentierte. Eine wissenschaftliche Sensation war zudem die Identifikation von Elektroplaxen in der Bauchhöhle, die wohl ebenso wie die elektrische Ströme von bis zu 1.000 Volt erzeugenden Organe von Zitterrochen und Zitterwels die Funktion einer energischen Feindabwehr hatten, die in vielen Fällen nicht nur zur Lähmung des Angreifers, sondern sogar zu seinem Tode führen konnte. Bei einer jedweden noch so sanften Berührung, bei jeder noch so zartsinnigen Annäherung eines fremden Wesens, ja auch wenn nur ein gewichtsloser Schatten über die hochempfindliche und gleichsam niemals schlafende, überwache Haut lief, krampften sich abertausende Kaskaden von bioelektrischen Zellen in der Bauchhöhle im Bruchteil einer Sekunde zusammen und entluden sich in einem bösartigen Stromstoß. Solcherart vergilt Natur: Sie hatte den unvernünftigen Willen nach möglichst bedingungsloser Sekurität und monadenhafter Abgeschlossenheit des Daseins mit dem schweren Tribut quittiert, den die Homunculi in Form unentrinnbarer Vereinsamung zu entrichten hatten.

Die DNA-Analyse bestätigte die Annahme, dass es sich bei den Tieren um degenerative Abzweigungen im Evolutionsstrang des Homo Sapiens handele, voll und ganz. Entsprechend der physiologischen Transformation waren die wichtigsten für die Humanentwicklung entscheidenden Genabschnitte wie das Fox-Gen, das das Sprachvermögen steuert, abgeschaltet und nicht mehr in der Lage, die zellbildenden Proteine codierenden Ribonukleinsäuren zu erzeugen.

Das offenbare Geheimnis der Lebensform dieser Wesen motivierte die Forscher, sie Äternier und ihre Gattung Homunculus aeternus zu nennen; offensichtlich hatten diese Lebewesen das Ziel einer dauerhaften stabilitas loci und einer scheinhaften Unsterblichkeit mittels steriler Klonbildung in wahrhaft pflanzlich stiller und gesicherter Ruhe und Unbeweglichkeit erlangt.

Die bedeutsamste wissenschaftliche Entdeckung auf Grundlage der DNA-Analyse des Homunculus aeternus betraf den Kern der Hypothesen der darwinschen Evolutionstheorie, wonach die Abwandlung und Neuentstehung der Organismen auf der Auslese solcher Mutanten beruhe, die am besten die zur Verfügung stehenden ökologischen Nischen füllen. Der Homunculus aeternus hingegen erwies das Gegenteil dieser unerschütterlich anmutenden Annahmen des darwinistischen Dogmas: Die menschenähnlichen Vorfahren dieser seltsamen Lebewesen wollten die große Utopie des friedlichen Daseins ohne tragischen Kommunikationsfehler, ohne Konflikte und ohne gewalttätige und kriegerische Auseinandersetzungen in die Tat umsetzen. Ja, ihr grotesker Eigensinn und ihr heroisch-komischer Wille legten die Schneise zu einer unerhörten biologischen Daseinsform, denn sie boten dem Schicksal des natürlichen Kreislaufs von Zeugung und Geburt, Kampf und Arbeit, Zerfall und Tod, den Pessimisten schon seit jeher als Fluch beschworen hatten, die Stirn. Freilich, um diese urmenschheitliche Utopie mit Leben zu füllen, bogen sie in eine Sackgasse der Evolution ein, deren steriles Ende sie nicht voraussehen konnten: Um tragischer und fataler Kommunikationsfehler zu entgehen, mussten sie auf echte Kommunikation ganz verzichten – statt zu riskieren, etwas Falsches, Ärgerliches oder Närrisches zu sagen oder anhören zu müssen, sagten sie gleich gar nichts mehr und verschlossen sich Mund und Ohren. Um sich der pflanzenhaften Stille des lichtlosen Innern ganz und gar hingeben zu können, verschlossen sie die Augen vor dem grellen Tumult und den erregenden Dramen der äußeren Natur. Und um Zerfall, Unfall und Tod zu vermeiden, gaben sie jede evolutionär werthaltige Fruchtbarkeit und jede produktive Auseinandersetzung mit dem Risiko des Irrtums und der Verletzung auf. Sie vegetierten hinfort in ewiger Stille.

Freilich entfiel nunmehr – außer in den seltenen Fällen einer Feindabwehr durch die probate Technik der Elektroplaxen – die große Last der Daseinsfristung und sie erfreuten sich der erwünschten Ruhe, einer an Stumpfsinn gemahnenden Gesundheit und einer ununterbrochenen Fortsetzung der öden Dauerserie ihrer Existenz. Die mühsame und riskante Lebensweise der Nomaden und Wanderer in unwirtlichen Steppen und unheimlichen Wäldern hatten sie zugunsten einer starren Einhausung in ihrer vegetabilischen Lebensnische aufgegeben. Sie begnügten sich mit einem immobilen Fortexistieren ohne alle Aufwallungen von Energie zu Absichten und Taten, ohne jedwede kulturstiftenden Ambitionen. Weder hatten sie die Kraft noch den Willen und die vorausschauende Intelligenz, eine kühne Tat, ein neues Unternehmen, die Eroberung einer neuen Welt ins Werk zu setzen.

Eintönigkeit, Langeweile und Stupidität waren demnach der Preis für die Erlangung der größten Utopie der Vorfahren. Unsterblich, aber blöde, ewig jung und gesund, aber ohne Anmut und Wagemut, gleichmütig und unerschütterlich, doch dafür dumpfsinnig und ohne Haltung, so hatten sie in einem verschlossenen Seitental des unzugänglichen Himalaya dahingelebt und dahingedämmert.

Welch seltsame Regung, wenn der Homunculus sein winziges zitterndes Köpfchen zwischen die Blätter wie in eine Schatulle einzog, da eine pralle Sonne ihn belästigte oder neckende Tropfen sein allzu müßiges Dasein bekrittelten.

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