Aus dem Tagebuch eines Wanderbusens
12. 6. 2013 – Bin jetzt seit zwei Wochen sozusagen auf eigenen Füßen und solistisch unterwegs. Die vollständige Emanzipation von meiner Trägerin war moralisch geboten und psychologisch alternativlos. Das ewige Gejammer über mein lustloses Schwappen, mein unmotiviertes Quatschen und unerhört! meine passiven und defätistischen Hängepartien machten mir den Coup unausweichlich.
14. 6. – Habe nunmehr die halbe Stadt durchwandert. Die untere Berger Straße mit ihrer reizenden urbanen Quirligkeit und dem Luxus schattig-erquickenden Rückzugs in den Bethmannpark gaben den Ausschlag, in diesem Viertel meinen ersten Sommer in Freiheit zu verleben.
17. 6. – Heute Einladung und Pressekonferenz in der Lokalredaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, diesem heilsamen Bittertrank für intellektuell übersäuerte Mägen. Hieb mit dem Florett die mir von den Ewiggestrigen hingehaltene Rübe entzwei, ein Busen könne niemals allein … müsse schließlich als natürliches Paar … wo bleibe denn die der Schöpfung einbeschriebene natürliche Ganzheit der fraulichen Natur … bis endlich einer der Großkopferten der Redaktion, ein wie eine flachbrüstige Redaktionsassistentin mir zuflüsterte parfümierter Salonbolschewist und eigentlich harmlos-fideler Bewohner seines geistigen Entenhausens sich erhob und eine flammende Apologie auf die revolutionären Potentiale der Fragmentierung des Körpers vom Stapel ließ … solche destruierende Verrudimentierung könne sich auch literarisch in innovativen Schreibweisen … als der Kerl sich in Rage gepredigt hatte und mich mit seinen speckigen Redakteurspfoten onkel- und gönnerhaft tätscheln wollte, setzte ich zu meinem bekannten allesentscheidenden Busenhüpfer, auch liebevoll Busenhupferl genannt, an und entwatschelte der johlenden Journaille. Am Ausgang erwischte mich noch die Flachbrüstige und hielt mir einen Wisch mit der Adresse eines gewissen Dr. K. im Frankfurter Nordend hin. Dort solle ich unbedingt meine Aufwartung machen, der Büchernarr und feinsinnige Versequacksalber sei als bekennender und allseits bekannter Busenfreund, ja Busenfetischist, der richtige Ansprechpartner …
20. 6. – Wieder schön im Bethmannpark bei glänzendem Humor lustwandelt. Die Sonnenglut kitzelte mich zu lüsternen Phantasien und lustige Tropfen rannen mir über – ich hätte fast gesagt die Wangen. Netzte mich wohlig neben den Enten im Teich, Kühlung suchend, und rieb mir auf den Moosen des Ufersteins den Allerwertesten auf das Erquicklichste. Hüpfte schließlich auf eine Bank, mich auszustrecken oder vielmehr abzusacken. Sehnsuchtsvoll reckte ich die rosige Warze antennenfühlig ins hohe Blau, was mich schon bald wie perlender Sekt beseligte. – Setzte sich neben mich ein rot angelaufenes Männlein, wischte sich mit einem riesigen karierten Taschentuch den Schweiß von der Stirn, schneuzte geräuschvoll hinein, faltete es andächtig zusammen und steckte es umstandskrämerisch in die Hosentasche zurück. Dann nahm es mich wahr, das Männlein, schrak zurück und stammelte halb entrüstet, halb verlegen, ob man denn jetzt schon mitten an einem hellen Sommertage ohne Büstenhalter im städtisch gepflegten und gewarteten Bethmannpark freizügig auf der Bank sitzen dürfe … Ich konterte nicht schlecht und parierte mit der Gegenfrage, woran denn bitte der eingeforderte Büstenhalter mich freien Busen festmachen und halten können solle, ich sei schließlich solo unterwegs und gedenke es auch zu bleiben …
22.6. – Habe detektivisch Umschau gehalten und diesem Dr. K. hinterherspioniert. Will doch mal sehen, was er so treibt, bevor ich ihn anspreche oder ihm gar mein Herz ausschütte. – Horchte erstmals auf, als ein Kioskbetreiber, bei dem er neben der F. A. Z. noch andere Giftsachen bezieht, ihn geradezu devot mit Titel begrüßte. K. ließ sich das ohne mit der Wimper zu zucken gefallen, aber da er keine Miene verzog, schien ihm die Anrede auch nicht besonders zu schmeicheln. Überhaupt ist sein Mienenspiel mehr auf visuelle und olfaktorische als akustische Reize hin ausgerichtet: Pfeift eine Amsel fidel daher, plätschert im Chinesischen Garten das Brünnchen, ja saust bloß der Wind ums Eck des Musikantenwegs, fährt ihm eine kindliche Freude mit sanfter Hand über die Stirn; beim Geruch von Mandeln oder Vanille, von im heißen Fett knisternden Kartoffelpuffern oder frischen Sardellen muss er grinsen und stellt den Kopf schräg wie ein verblüfftes Kind, beim schweren Duft mancher Parfüms schließt er unwillkürlich die Augen und ein Glanz salbt sein Gesicht mit fettem Friedensöle.
23. 6. – Der zieht immer in denselben Latschen windschief daher. Sein unterentwickelter Modegeschmack, das ausgeleierte Schuhwerk, sein störrisch staksender Gang und seine tiefsinnig tröpfelnde Indianernase scheinen mir nicht auf reichhaltige lyrische Flöze zu deuten.
25.6. – Bin ganz schön braun geworden. Steht mir gut. Was aber wird im Winter? Da brauche ich ein warmes Nest. Trotzdem habe ich begonnen, mir ein wärmendes Mützchen zu häkeln.
26. 6. – Heute wurde Herr K. doch blass, als ich bei ihm geklingelt habe und aus heiterem Himmel an seiner Tür erschien. In einer Schrecksekunde unerbetener Erleuchtung begriff er da wohl, dass die letzte komisch-groteske Phase seines Erdenlümmelns eingeläutet worden ist, da hinfort seine leichtfertig, mutwillig, böswillig oder einfach aus Dusel entworfenen Kreaturen sich aufdringlich verleiben und ihn zu peinlichen Selbstbefragungen heimsuchen.
Doch hatte er sich, ganz Philosoph, oder soll ich sagen, schon recht abgestumpft?, bald gefasst und bot mir in seiner mit Büchern verstopften Wohnung Platz auf einem wackligen Stühlchen in der Küche, war auch rührend um mein leibliches Wohl besorgt, indem er mit Tee und Feingebäck aufwartete. Wie er mich anblickte, wie ich verlegen auf dem Stuhl hin- und herrutschte!
Eins muss man ihm lassen: Dumme Fragen stellt er nicht! Hätte ja auch kein Recht darauf. Jedenfalls fragt er nicht wie all die aufgeklärten Platt- und intellektuellen Fischköpfe, all die F. A. Z. lesenden Illiteraten, wie denn dies alles nur möglich sei, wie ein Busen denn seiner Trägerin entfliehen, wovon ein entlaufener Busen sich denn ernähren könne, wie etwas ohne Hirnschmalz denken, wie ohne Beine gehen, ohne Hände schreiben können soll. Und wie die immerfort moralisch betroffenen Stirnrunzler anklagend zu bedenken geben: Bezeuge es nicht einen gänzlichen Zerfall des moralischen Bewusstseins, wenn von dem elenden Zustand der einstigen Eigentümerin, Besitzerin und Nutznießerin dieses gewissenlosen Busens mit keinem Wörtchen die Rede sei? All diese dämlichen Fragen stellte mir Herr K. nicht, wofür ich ihm sehr dankbar war.
Ja, K. ließ durchblicken, dass ich recht daran tat, von zu Hause auszubüchsen und mich um das Gewesene keinen Deut zu scheren. Denn Teil einer grotesken Geschichte zu sein enthebe von jeder stilverderbenden Pflicht und erhebe den Teilnehmer auf die olympische Alm fettglänzenden Humors und irisierender Immoralität. Ich sei, so mein Herr K., eine semantische Elendsbagatelle und Unglücksarabeske, für einen kurzen Flirt mit dem Absurden und ein flottes Tänzchen mit dem Unmöglichen auf das Manierlichste und Herzigste zu Diensten. Die von mir recht treuherzig verballhornten Menschlichkeiten und die grellen Effekte komisch-grotesker Art möchten die Lachmuskeln reizen – und während man lacht oder lächelnd dem Irrealen nachsinnt, denkt man nicht an das wahre Ausmaß des wahren Elends, samt hundsföttischem Tod und anderen Gebrechen, Beulen und Geschwulsten des Daseins. Sei das nicht vielleicht außerhalb des moralischen Bezirks im engeren Sinne eine moralische Klein- oder auch Großtat im weiteren Sinne? So dienen des Elends verzerrte Mienen und Missbildungen, seine Schieflagen und Perversionen einzig als Kringel und Luftschlangen kindlicher Vergnügungen.
29. 6. – Ich habe beschlossen, bei K. zu bleiben. Er mag verkorkst und eigensinnig sein, er mag durch den Nebel der Selbstverkennung tappen, so hat er doch ein wenn auch hinter Versponnenheiten und Versonnenheiten gut verstecktes gutes Herz. Ich finde in der Wohnung die schönsten Verstecke und gemütlichsten Ecken und Winkel. Auch bin ich froh, dem Gejohle der Gassenjugend entronnen zu sein, aber auch den kalten Schnauzen der Hunde, die es immerzu trieb, mich zu beschnuppern und zu schubsen, ja denen ich, wenn sie schon ein Bein emporgehoben hatten, nur mit einem gewagten und heroischen Busenhupferl entweichen konnte.
2. 7. – Oft sitze ich im Schatten unter duftenden Lilien und lausche dem Singsang und lullendem Gebrummse und Gesummse, wenn K. meinem Betteln endlich nachgibt und einige seiner lyrischen Gedichte rezitiert. Die liegen mir besonders. Da kann ich bei jeder zitternd-zögernden Wendung in mich hineinzittern, mit jeder Emphase mich schütteln und rütteln und bei elegischen Pointen passiertʼs glatt, dass mir ein milchiges Tröpfchen entspritzt.
4. 7. – Ich will doch vorsichtig sein und habe ein gutes Versteck für mein Tagebuch ausfindig gemacht – gleich unter K.s Matratze, so dass mir der Gedanke, wie er nachts sich auf meinen Zeilen wälzt, kein geringes Vergnügen bereitet. Es wäre, denke ich, wohl alles in allem mehr irritierend als erheiternd für K., wenn seine kurzsichtigen Augen diesen intimen Zeilen nachtasten würden.
7. 7. – Des Abends hebt mich K. auf beide Hände und lässt mich sanft in den dunklen Bauch einer großmundigen chinesischen Vase hinabgleiten, wo ich auf leise schwappendem Wasser gleich einer Teichrose schwebend in die Nacht dämmere. Manchmal drehe ich mich im Kreis und lausche den einzelnen Tropfen nach, die vom Innern der Vase wie Schweißperlen herabrinnen und ins Wasser stürzend platzen und klatschen. Manchmal ist mir, als hörte ich im Finstern ein Herz schlagen oder es ist der dumpfe Hall einer fernen Glocke.
9. 7. – Ab und an bekommt K. Damenbesuch. Da werde ich schon zeitig in die Vase gelassen und mit dieser in einer Abstellkammer im Zwischenstock über dem Korridor verborgen. Es überkommen mich wenig zuträgliche, seltsam gemischte Gefühle, wenn mädchenhaftes Gekicher und ziegenbockiges Gemecker von unten zu mir dringen. Da beginnt mir das Kreisen auf dem Wasser Schwindel zu erregen, es wird schneller und schneller, ich kann es nicht hemmen, die Vase ist erfüllt von Glucksen und Seufzen, eine unnatürliche Wärme steigt vom Boden wie aus brackigem Grund eines Morastes auf.
Da muss ich seltsame Laute vernehmen, „Ui!“ und „Wui!“, „Schlubbes“ und „Schrubbes“, „Boahaumi!“ und „Itzeflaudi“. Ich kann nicht dagegen an, es überkommt mich ein kitzelnder Reiz, der mich vibrieren macht und kichern, ja kichern, endlich fange ich das Zwitschern an wie ein zu früh erwachtes Vögelchen. Meine anmutig aufgereckte Warze beginnt wie eine Boje auf hoher See zu schaukeln und wie eine Liebesmücke in der Frühlingsnacht zu glühen.
11. 7. – Der gute K. nahm mich heute, ein fremder Busen traulich verborgen und geborgen an seinem Busen, in sein Stammlokal, das Café Ypsilon in der Berger Straße, mit, wo ihn an der Bar ein großes Hallo! begrüßte. Das war eine mir doch gar zu fremde Welt und eine hemdsärmelig schulterklopfende und haudegenhafte Geselligkeit unter Mannsbildern, die halbherzig zu weicheren Gesten nur neigen, wenn ihre Blicke sich in den Ausschnitt der Bedienung verlieren. Witze knallen wie Federbälle an die Wände, sind lose wie Knöpfe am Hosenschlitz. Aus balkanischem Kauderwelsch scheinen wie in giftigem Nebel Blitze krummer Dolche aufzutauchen. Da war es mir wohl, als K. nach draußen ging, um allein an einem Tischchen bei flackerndem Kerzenschein zu rauchen und ein paar Zeilen in sein Notizbuch zu kritzeln – merkte er wohl, dass ich ihm souffliert habe?
13. 7. – Heute ist die Vase gesprungen. Mitten in dem „Hui!“ und „Ui!“, dem „Schlutzen“ und „Mutzen“ fing das Wasser in der Vase in meinem Versteck an zu sprudeln und zu brodeln, ich drehte mich schnell wie eine CD-Scheibe und mir entrang sich ein hoher Pfeifton, der abrupt umschlug in das Zischen einer in die Enge getriebenen Ratte. Da sprang die Vase entzwei. Totenstille. Das Schicksal nahm seinen Lauf.
18. 7. – Die Freundin hatte das Geheimnis entdeckt, mich aus den Scherben geborgen und mit einem Ausdruck von Abscheu demonstrativ Herrn K. auf den Küchentisch gelegt. Und sie entschwand stante pede, den Regenhut tief ins Gesicht gedrückt, auf Nimmerwiedersehen!
24. 7. – K. ist verschwunden. Habe lange gewartet, bin von Zimmer zu Zimmer gehüpft. Da machte ich eine bizarre Entdeckung: Auf der Wand in der Küche sind die Konturen von K.s Körper wie ein eingebrannter Schatten abgebildet. Als wäre er durch die Wand gegangen, als hätte sich sein Körper atomar aufgelöst und sei mit der Materie von Lehm und Kalk, Mörtel und Gips regelrecht verschmolzen.
27. 7. – Der Schattenriss von K.s Körper hat sich mit einem zarten Flaum hellgrüner Flechten und Moose überzogen. – Jetzt habe ich nur noch den einen Gedanken: Wandern, ich will wandern, loshüpfen und entspringen bis über die Grenze, hinter der ein Busen frei seiner Nacktheit und seinem hochgemuten Eigensinn leben kann.
30. 7. – War schon aus der Tür, da überkam mich der Gedanke, ob ich K. nicht den letzten Gefallen schuldig sei, seine Webseite mit einem einzigen fatalen Tastendruck zu löschen. Doch beließ ich es, wie es ist und geht und weitergeht – möge all das Geschriebene und Gedachte, Gefühlte und Kaum-Gefühlte, das Mitgeteilte und in zarten Allusionen Herbeigeschwiegene in dem schwarzen kosmischen Wind verwehen, in dem letzten Sturm, in dem alle Gestalten und Formen und Strukturen zerrissen und in einer letzten apokalyptischen Egalisierung gesichtslos werden.
14. 1. 2014 – Hurra, ich hab es wohl getroffen. Ich bin zur Insel Kallisto im pazifischen Ozean geflogen, lebe hier in einer freizügigen Kommune entlaufener primärer und sekundärer Geschlechtsteile. Wir leben sanft und gut von nichts als Luft und freier Liebe!