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Überdruss am Paradies

01.04.2015

Die Menschenseele scheint von Natur aus dämonisch oder des Teufels, ihr Ausdruck Grinsen, ihre Sprache Geschrei, ihre Lust Vernichtung. Die Seele scheint den Ausdünstungen der irdischen Mächte zu entstammen, den Säften und elektrischen Nervenströmen, die den Körper bilden und durchpulsen: Ist sie der Dämon des Körpers oder der Ausbund aller Dämonen, die je ein Glied, einen Teil des Körpers, ob Auge oder Ohr, Hirn oder Geschlechtsteil, okkupieren und navigieren? Die Seele wäre also keineswegs der Hauch Gottes, vielmehr hätte der Atem des Heiligen sie kaum gestreift – sie aber wäre nur zurückgezuckt.

Das Heil ist der Seele zum Ekel wie dem Übersättigten ein ungesäuertes Brot. Wie also Rettung? Da müsste das Wunder geschehen! Das Christentum behauptet dieses Wunder in der Inkarnation, Kreuzigung und Auferstehung. Das Judentum leugnet dieses Wunder und verweist störrisch und schlau auf das Elend aller Tage.

Das Leben in Eden war eine falsche Idylle, eine verlogene Romantik, ein verruchter Kitsch.

Können wir nur gesunden, wenn die Dämonen getauft werden? Welche groteske Schar wuselnder Kleintier-Gespenster kuschte dann unter den Fittich des Cherubs!

Muss man nicht den Kadaver, dessen Gestank und üble Ausdünstungen den Aufenthalt in der Wohnung unerträglich gemacht haben, hinausschaffen und tief in der Erde bestatten, sodann die Fenster öffnen und duftende Blumen aufstellen und die Zimmer mit frischem Weihwasser besprengen?

Warum die Sorge, die Betrübnis, die kindlichen Bängnisse? Lassen wir alles liegen und stehen, verlassen wir alles, wie es steht und liegt, denn was haben wir schon zu verlieren? Diese halbherzigen Zeilen zum Beispiel, die in einem Labyrinth der Zeichen sich verlieren, aus dem es keine Wiederkehr gibt, können nur für den Augenblick, da sie geschrieben wurden, und für den Augenblick, da du sie liest, lebendig sein – lassen wir sie fahren dahin, wenn wir in unser eigenes Labyrinth uns zurückwenden, du in deins, ich in meins.

Als Adam den faulig-modrigen Geruch nicht mehr ertragen konnte, der sich zwischen den Blumen des Paradieses ausbreitete, sprach er zu Eva, seinem Weib: „Komm, lass uns diese öde Stätte der Langeweile und Sinnlosigkeit verlassen! Das Leben ist hier ohne Belang, ohne Ziel, ohne Inhalt. Gehen wir hin und pflanzen unseren eigenen Garten, gründen unser eigenes Leben, essen wir nur Früchte, die wir mit eigenem Schweiß und ehrlichen Tränen genährt haben! Erlauben wir dem Tod unser Schatten zu sein, auf dass unser Dasein im Gegenlicht eine scharfumrissene Gestalt erhält und unsere Angst ausgewogen werde vom Gewicht der Liebe, mit der wir uns Kinder zeugen!“

Als könne die Schrift die magische Spur ihres Ursprungs nicht verwischen, als verblieben noch in den kotigsten Versen, den stinkendsten Schlagzeilen Residuen der alten Beschwörungsmacht und Inkantation. Der wüsteste Schreiberling will sich der fremden Seele bemächtigen, will, dass für einen spitzen Moment die Seele des Lesers nach dem zappelnden Wurm seines Satzes schnappe.

Wer aber spricht nicht für sich und pro domo, nicht, um die Aufmerksamkeit der anderen zu fesseln, zu würgen, zu entselbsten? Jener Hirte, der im schwindenden Schatten seiner Liebe nachsang, jener Jünger, dessen Sprache durchkreuzt wurde, da er angesichts der blutigen Dornen verstummte?

Wenn wir den Pfahl, der uns im Fleische steckt und uns den Stoff unsrer Angst und unsres Wahns, den Stachel unsrer Zerstreuungen und Selbstüberwindungen gibt, aus missverstandener Fürsorge und Liebe uns gegenseitig herausziehen, fallen wir wie leere Hüllen in uns zusammen.

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