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Furchen und Runzeln

10.03.2015

Der Sandstrand scheint uns von weitem jungfräulich und ohne Spur, in Wahrheit wimmelt er von Einkerbungen und Schraffuren des Winds und der Krebstiere.

Es ist ein Missverständnis anzunehmen, dass unsere Gedanken aufgrund der Tatsache, dass sie eingebunden sind in eine Umgebung und eine Situation, notwendig verzerrt oder getrübt würden. Wenn die Ereignisse uns keine Spuren hinterließen, wäre die Welt für uns ohne Widerhall und leer.

Der Sturm der Ereignisse hat manches Gesicht verwittert und gegerbt. Die im Windschatten sich ängstlich bargen, wie gedunsen und konturlos blicken sie ins Alter.

Wie sind die Ideale verblasst, die roten, die blauen, die schwarzen. Als säßest du am Rande zwischen dem Abfall der Ikonen, bliesest blauen Dunst in die Leere, und den Passanten, der dir zuzulächeln scheint aus der Verlegenheit einer unklaren Erinnerung, erkennst du nicht – o, es war der Freund, der dich damals im Arm hielt, als …

Du zögerst, alte Namen, Namen, die du mit dem Mund der Seele aus dem Brunnen des Metternicher Gartens getrunken, noch einmal, einmal noch zu denken, geschweige denn aufzuschreiben.

Die, die noch umhergespenstern in der Wüste ihrer verlorenen Jugend, sind tot für deine Gegenwart. Die, die schon gestorben sind vor der Zeit, gespenstern umher in der Wüste deines verlorenen Alters.

Es ist mit den alten Sprüchen und ehedem brillierenden Sentenzen wie mit den Äpfeln und Birnen und Apfelsinen in der Schale: Sie wurden zu lange aufgespart als buntes, interessantes Dekor. Nun sind sie verhutzelt und verrunzelt, ungenießbar und wurmstichig geworden.

Ach, sie stinken, wirf sie weg – und schweige!

O, auch er wollte die große Verwandlung. Und du sahst ihn dämmern im urinstinkenden Heim, einen dicken Schal um den Hals bei sommerlicher Schwüle.

Betrogene Erben: Sie halten die schweinsledernen Bände in Händen, durchblättern die vergilbten Seiten mit den köstlichen Versen – die Sprache, in der sie geschrieben, wurde ihnen dank keimtötender Hermeneutik unentzifferbar.

Sie haben die Schmerzen des Pfluges erlitten, doch keiner säte in die aufgerissenen Furchen.

Als hätte die Krankenschwester das Fenster geöffnet und ihm mit der Geste „Noch ist alles möglich!“ das Leuchten der Landschaft gezeigt. Er aber wandte sich ab, schlüpfte wieder unter die Decke und legte die Stirn an die Wand.

In der Art, wie er die Altersflecken der Hand mit fahrigen Bewegungen zu kaschieren trachtete, lag keine Würde, nur Scham – und das Bedauern über die verlorene Nichtsnutzigkeit der Jugend.

Er hat ihm gedient und treu seine Manuskripte abgetippt, seine Abende vergoldet mit dem leisen Singsang seiner Rezitationen, seinen Garten geharkt und die Rosen beschnitten. Und als er darniederlag und schwächer wurde sein Schnaufen und Seufzen, erfuhr er durch die Presse, welch ein abgefeimter Plagiator und Scharlatan er gewesen sein soll.

Er habe seinen Telefonanschluss kündigen müssen, ständig sei er von Anrufern belästigt worden, die ihn mit fistelnd-dämonischer Stimme an Verfehlungen und Missetaten seiner frühen Zeit zu erinnern beauftragt waren, ja, selbst als er vor Scham und Widerwillen die Leitung abgezogen habe, hätten sich die schrecklichen Zeugen wider ihn weiter gemeldet und immer erneut das Band des Anrufbeantworters übergellt.

Jene scheinen von einem Stern geleitet, der nicht untergeht, jene, denen die göttliche Stimme Weisung gab über die Verwesung hinaus – oder zittern auch sie, wenn das Dunkel des ungelebten Augenblicks das ganze Zimmer durchdringt?

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