Gesichter und Masken
Dieser seltsame Wunsch, das Leben begreifen zu wollen, begreifen zu wollen, was das Leben ist. Und auch wenn er uns, bei nüchterner Betrachtung, unerfüllbar scheint, blickt uns einmal, in gehobener Stimmung oder bei einer kleinen Verirrung von der Hauptstraße, die uns auf einen stillen Platz aus der Vergangenheit führt, das Leben unvermutet aus den Augen eines Kindes an, das einem seine Hand entgegenstreckt, oder vom vergilbten Porträtfoto des Familienalbums der Onkel oder der Großvater, der oft verdrießlich dreinschaute, hier aber heiter lächelt.
Und welches Gesicht zeigen wir dem Leben? Es sollte uns weniger einerlei sein, denn wenn wir es von oben herab betrachten, schaut es uns klein und verdruckst von unten aus zurück.
Es ist eine Art Verhexung, zu wähnen und es zu fühlen, wie das Leben sich hinter Schleiern verbirgt und entleert. Wie viel verborgene Scham liegt darin! Als würdest du rechtens damit gestraft, dass zwischen dir und der Welt eine Fensterscheibe ragt, hinter der die Gestalten sich verzerren und die Laute dröhnen.
Im Alter springt es plötzlich ins Auge, die Maske der Rolle, an der man über Jahrzehnte gefeilt hat, wie die satirische Maske des alten Voltaire, oder das Gesicht der Sehnsucht und der Angst, die man über Jahrzehnte in sich zum Schweigen zu bringen versucht hat, wie vielleicht bei Nietzsches dementem Niedersinken in den Arm der Mutter.
Wenn man sich an eine Person erinnert, die man Jahre kannte und mit der man vertraulich umging, welches Gesicht aus welcher Epoche ihres Lebens schwebt einem vor – oder ist es das Gesicht eines Augenblicks, das sich einem als gleichsam untrüglich eingeprägt hat? Eines wirklichen oder geträumten Augenblicks? Und wie wenn man von derselben Person träumt? Gibt es das typische Traumgesicht? Und wie erst von einem selbst – ob nun in der Erinnerung an die eigene Vergangenheit oder im Traum, als welcher Schemen erscheinst du dir, mit welchen Augen?
Wie sieht einer in die Welt, von dem man sagt, er habe sein Gesicht verloren? Einer der durch das Leben schleicht, die Blicke der anderen meidet, sich im Dunklen an der Wand entlangdrückt. Man könnte sagen, er hat seine Würde verloren und seine Selbstachtung verspielt.
Wie seltsam, dass die Menschen das letzte Gesicht scheu betrachten oder numinos verehren. Die Toten- und Ahnenmasken der Römer, die dem Pompe Funèbre vorangetragen und dann an der Vesta aufgehängt wurden. Die Verehrung oder die mit Grauen gemischte Neugierde, mit der wir an Totenbetten saßen und bemerkten, wie das Leben hauchartig dahinschwindet und ein ganz zartes Leuchten über das erstarrende Gesicht streut.
Welche Bestürzung im Gefühl, langsam in einen gesichtslosen, anonymen warmen Brei herabzugleiten wie in gallertartiges und molluskenhaftes Leben ewig halbwacher, halbdösender Stumpfheit und Stummheit.
Das Scheren des Schädels besorgte in den Massenmenschhaltungen neben der Erfüllung epidemiologischer Absichten vor allem auch die Uniformierung der Gesichter. Wir lernten sie allerdings – paradoxerweise – in der Generation der Kinder und Enkel bei jenen kennen, die sich von ihren Vätern und Großvätern durch eine neue Form der Gesichtslosigkeit befreien wollten: durch das gewaltsam-ekstatische Abschütteln aller Herkunftsmerkmale. Dazu gehörte bei radikalen Gruppen auch der kahle Schädel, was besonders angesichts einst üppig behaarter weiblicher Mitglieder Schaudern und Entsetzen hervorzurufen pflegte.
Wir haben kein Abbild von IHM, außer jenem Schweißtuch der Legende. Doch wie geschähe uns, jenes Gesicht in die gnadenlose Leere zwischen uns zu imaginieren, auf dass die Rede von der Imago Dei erfüllt werde?
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