Aus der Schule geplaudert
Jenes Leben ist schön, auf dem der Segen ruht, der chlorophyllbegabten Blume gleich die graue Luft mit Liebesmolekülen zu purifizieren, zu schwängern, zu bläuen.
Wer aber verabreicht das Chlorophyll der Seele? Und so ungleich dosiert! Welche Bio-Theodizee möchte hier rechnen und rechten?
Das ärgere Weh tut gar nicht weh – wie nie wieder Schmerzen empfinden zu können ärger ist als jetzt einmal Schmerzen zu empfinden.
Die eingeschlafene Hand kann im dunklen Hausflur den Lichtschalter nicht ertasten. Wie erst die eingeschlafene Seele?
Es ist, als würde nachtlang unermüdlich mit knöchernem Finger an die fühllose Türe gepocht, die Tür, hinter der keiner mehr wohnt.
Die verschnupfte, verstopfte Nase denkt gleichsam immer nur an sich selbst. Und nun die freie Nase!
Plötzlich war alles klar. Und die schlichtesten, einfachsten, trivialsten Sätze reichten hin. „Es regnet.“ „Die Sonne scheint.“ „Wie es duftet!“
Der Schatten, der die Aussicht trübt, ist dein Schatten. Tritt nur etwas zurück oder beiseit!
Der Boden muss erst auftauen und atmen, dann können die Knospen ans Licht treiben. Der Spätfrost vernichtet die zarten Blüten. Taue also zur rechten Zeit auf, wenn die Sonne deine Keimlinge weckt und du der Kraft der Wärme, die du spürst, vertrauen kannst. Verhülle, verhässliche dich nicht zur Unzeit.
Pflanzen, die mit großen, lappig-weichen Laubblättern die Photosynthese bewerkstelligen, dauern auch im Schatten aus. Nicht so Pflanzen mit panaschierten Blättern. – Die seelisch buntscheckigen Menschen scheinen unterhaltender, mehr dem Spiele geneigt. Doch nur die großen Einfachen dauern, tragen, fruchten.
Üppige Blüher, deren Blütenpracht besticht, sind meist Hybriden aus artfremden Eltern. Ihre Schönheit ist steril. – Überzüchtete, verquollene oder überranke, exotische Beautés und Mannequins gewisser Spätstile der Kunst oder der Werbung für Dessous und Parfums und der Welt der Alta Moda (oft von de facto unfruchtbaren Halbmännern entwickelt) verblüffen mit solch grellen Reizen. Doch der blendende Eindruck hinterlässt keine bleibende Spur.
Bis die ersten Knospen durchbrechen, braucht es Zeit. Zeit für die Blumenknolle, ihr Werk im Dunkeln voranzutreiben. Zeit für dich, im Hellen zu jäten, zu harken, zu binden. Zeit für dich zu warten, dich in Geduld zu üben, zu sinnen. Je inniger du wartest, umso freudiger die Begrüßung des neuen Sprösslings. – Was du auf Biegen und Brechen erreichst, ist innerlich verbogen und zerbrochen, wird nimmer dir hold.
Der echte Ausdruck der Liebe ist Sorgfalt, Wachsamkeit, Geduld. – Das mag mit Blumen leichter gehen als mit Menschen.
Die Völker unterscheiden sich nicht nur in den Sprachen, sondern auch in der Lautstärke, mit der sie diese verwenden. Brüllende, krakeelende, kreischende, fiepende, zwitschernde, murmelnde, flüsternde Völker.
Die Empfindungsweise und -tiefe, die Assoziationsweite und -kraft, der Schönheitssinn, die Intuition für das Heilige und Göttliche, die Art zu träumen, das poetisch-musikalische Gehör, das Gefühl für Schwingung und Rhythmus, die Bildung von Vergleichen und Metaphern – all dies saugt urtümlich Lebenssaft aus dem Humus und Erdreich der frühen Siedler, Gründer, Kolonisten, nährt sich an den Früchten der Erde, der Sträucher und Bäume, schmeckt nach den süßen und scharfen Aromen der Küche, fängt die Spiele des Lichts, der Winde und Wolken ein, den Azur und das Gewitter des herrschenden Himmels und Horizonts – nicht zu vergessen den Knochenbau, den Wuchs und die Proportionen des Leibes, die Fleischlichkeit und das Inkarnat der Ureinwohner des Landes mit ihren Neigungen und Trieben, Instinkten und Sehnsüchten, ihrem eigenwilligen Humor und den Dispositionen zu Krankheiten des Körpers, der Seele und des Geistes.
Ob die Dichter mehr dem Wein, dem Bier, dem Likör, dem Absinth oder dem heilig-nüchternen Wasser zusprechen, gibt dir den ersten Einstieg in das Verständnis ihrer Dichtungen.
Die Hysterischen, die nervösen Eiferer, die sektiererisch Verhetzten wünschen sich die Welt nach ihrem Bild. Weiser ist es, Welt und Leben in ihrem Reichtum, der Tiefe und Mannigfaltigkeit ihrer Schichtungen und Sedimente gelten zu lassen – mit dem Schlechten und Pervertierten als hinzunehmendem Teil, ohne sich davon zu Exzessen moralischer Entrüstung und Kritik reizen zu lassen.
Wer unermüdlich gegen das Schlechte hetzt und fetzt, wird … ist ein Teil davon.
Wie viel Verwirrung hast du gestiftet, wie viel hast du beigetragen zur Klärung, Distinktion und Ordnung der Dinge?