Aus den geheimen Sitzungsprotokollen von Sigmund Freud, Wien
Dr. F.:
Warum sind Sie zu mir gekommen?
P.:
Ich weiß es nicht. Ich weiß es nicht mehr – als ich die Praxis betrat, wusste ich es noch.
Dr. F.:
Wenn Sie es jetzt nicht sagen können, dann vielleicht deshalb, weil es Ihnen peinlich ist, es mir zu sagen.
P.:
Aber es war mir nicht peinlich, es mir selbst einzugestehen – immerhin!
Dr. F:
Nun ja, Sie stehen sich selbst gleichsam näher als jedem anderen, selbst meiner Person.
P.:
So nahe nun auch wieder nicht. Gelegentlich pflege ich mich zu siezen oder nehme ironisch Abstand von meinem mückenkleinen Leben, indem ich mich aus hoher Warte mit einem Fernrohr beobachte.
Dr. F.:
So, so. Sie sehen sich also hin und wieder als Mücke die Wand entlangkrabbeln? Wie fühlt es sich an, eine Mücke an der Wand zu sein?
P.:
Das kann ich Ihnen klipp und klar sagen: Schon die Wand ist für mich winziges Insekt ja riesig, doch das Wissen, dass hinter der Wand wieder eine Wand ist und hinter dieser wiederum eine und so fort, dieses Wissen verursacht mir Übelkeit und Schwindel.
Dr. F.:
Hm, Übelkeit, Schwindel? Haben Sie noch andere Beschwerden?
P.:
Ich doch nicht, sondern dieses Insekt, als das ich dann und wann die Wand rauf- und runterkrabble.
Dr. F.:
Also gut, hat die Mücke noch andere Beschwerden als Übelkeit und Schwindel?
P.:
O ja, immer wenn seitlich ein Schatten einfällt, gerät sie in eine Heidenangst, jetzt könne der Zimmerbewohner mich bemerkt haben und ganz nahe hinter mir stehen, um mit der bloßen Hand oder der Fliegenklatsche zuzuschlagen!
Dr. F.:
So, so, mit der Fliegenklatsche. Sie befürchten also gleichsam ständig das Schlimmste, nämlich von einem bösen Fatum zermalmt und zermatscht zu werden?
P.:
Aber wohnt das Fatum nicht gleich nebenan und ist der treuherzig aussehende Nachbar? Und wenn man selbst schläft, ist er noch lange wach und bastelt an seiner Waffe?
Dr. F.:
Sie wollen also sagen, dass Sie Ihren Mitmenschen stets das Ärgste und Böswilligste zutrauen und ihnen deshalb mit größtem Argwohn und tiefstem Misstrauen begegnen?
P.:
Ich habe meinem Nachbarn einmal ein Buch mit unterhaltsamen Geschichten und amüsanten Anekdoten ausgeliehen. Gut, nach etlichen Nachfragen hat er es mir schließlich wieder ausgehändigt. Aber denken Sie bloß, das Buch hatte zwar noch denselben Umschlag und versprach auf dem Titel denselben Inhalt, doch als ich es wiederlas, musste ich zu meinem Entsetzen bemerken, dass mich keine einzige Geschichte mehr unterhielt und keine einzige Anekdote mehr amüsierte! Wie hat der Nachbar das bloß hingekriegt?
Dr. F.:
Sie meinen also, Ihre Mitmenschen verfügen über geheimnisvolle, magische Kräfte, mit denen sie unmittelbar und ohne dass Sie es merken oder gar verhindern könnten arglistig und auf negative, destruktive Weise Einfluss auf Ihr Bewusstsein und Ihre Gedanken nehmen können?
P.:
Wie recht Sie haben, Herr Dr. Freud, das passiert mir wirklich andauernd. Neulich, ich gab gerade eine meiner privaten Nachhilfestunden in Latein, hat mir doch mein Schüler, ein wahrer Satansbraten von querulatorischem und obstinatem Bengel, die Erinnerung an die Bedeutung einer lateinischen Vokabel mir nichts, dir nichts aus dem Kopf entwendet, sodass ich ihn ganz blöde angaffen musste und meine Ignoranz zum Himmel schrie, ja, wenn es zu sagen erlaubt wäre, zum Himmel stank!
Dr. F.:
Sie geraten also öfters in Situationen, in denen Sie sich einer offenkundigen oder verborgenen Schwäche wegen vor den Mitmenschen peinlich berührt, entblößt, beschämt und lächerlich fühlen?
P.:
Wenn ich einen Geist wie Leonardo da Vinci, einen Humor wie Rabelais und eine Potenz wie Don Juan hätte, fühlte ich mich dennoch öfters beschämt und lächerlich, ganz einfach, weil ich ein Mensch bin.
Dr. F.:
Aber Sie sind doch hier, weil Sie vergessen haben, was Ihnen peinlich ist und wessen Sie sich schämen? Mir geht es nur darum, Ihnen und Ihrem Erinnerungsvermögen auf die Sprünge zu helfen.
P.:
Sie haben gut reden, sie können feixen und Grimassen schneiden und ich sehe es nicht. Mich aber sehen Sie, wie ich hier langgestreckt auf dem Sofa liege!
Dr. F.:
Aber seien Sie getrost, Sie hören ja meine Stimme! Und weil Sie ausgestreckt liegen, müssen Sie keinen Muskel und keine Faser anspannen. Sie brauchen sich nicht rühren – Sie verfolgen keine Absichten, etwas zu tun, Ihr bewusstes Wollen ist gleichsam herabgedimmt. Sie geben sich ganz dem Strom Ihrer Gedanken hin, so wie sie zufällig vorbeischwimmen oder wie zappelnde Lachse hervorspringen. Erzählen Sie!
P.:
Ihre Stimme ist wie ein schlanker, hoher Turm in der freien Landschaft. Ich bin noch weit von dem Turm entfernt, möchte aber hin und in seinem Inneren die Stufen bis zum letzten Aussichtspunkt an der äußersten Spitze erklimmen.
Dr. F.:
Was können Sie von da oben wohl alles erblicken?
P.:
Nun, die offene Landschaft, vielleicht ist es eine Moor- und Marschengegend, vielleicht sehe ich in der Ferne die weißen Schaumkronen der Meeresbrandung.
Dr. F.:
Aha, Menschen sehen Sie wohl nicht – keine Dörfer, keine Spaziergänger, keine Bauern oder spielenden Kinder, nichts?
P.:
Doch, am Horizont taucht eine dicke Frau auf, sie schleppt einen vollgestopften Lederbeutel über der Schulter, die Haare hat sie zu einem komplizierten Turm aufgesteckt. Es ist eine dicke Frau, ich meine, sie hat so ein ausladendes Hinterteil. Ich glaube fast, jetzt winkt sie mir mit einem Taschentuch zu, einem Taschentuch aus Batist!
Dr. F.:
So, so, ein Taschentuch. Dann können Sie mir ja wohl auch sagen, was für ein Monogramm auf dem Taschentuch eingestickt ist.
P.:
O, das ist aus dieser Entfernung gar nicht so einfach. Warten Sie einen Moment, Dr. Freud, gleich habe ichʼs. S ist der erste Buchstabe, verdammt, der zweite ist ganz undeutlich, ah, jetzt sehe ich ihn besser, F, es ist ein F!
Dr. F.:
So, so, das Monogramm lautet also S. F. Das ist ja hochinteressant. Und wie kommt das Monogramm meines Namens auf das Batisttaschentuch dieser Dame, von der Sie mir erzählen?
P.:
Das weiß ich auch nicht. Vielleicht ist sie auch bei Ihnen in Behandlung und hat, das unverschämte Luder, Ihnen das Taschentuch wegstibitzt.
Dr. F.:
Um Ihnen nunmehr damit zu winken. Das ist ja allerhand!
P.:
Bitte verzeihen Sie, Dr. Freud, aber was kann man machen, die Frauenzimmer heutzutage werden immer dreister und nehmen sich Sachen heraus …
Dr. F.:
Sie scheinen schon länger in der Gunst der Bekanntschaft dieser Dame zu stehen. Oder soll ich vielmehr umgekehrt sagen, die Dame kenne Sie seit geraumer Zeit? Haben Sie schon öfters von ihr geträumt?
P.:
Ach nein, nur manchmal. Aber ich habe die Frau schon oft getroffen. Es ist ja die Bäckersfrau, bei der ich regelmäßig Brot und Brötchen und manchmal auch Kuchen und Torte kaufe. Sie hat mich stets zuvorkommend und ausgesucht höflich und freundlich bedient, das muss ich ihr lassen.
Dr. F.:
Und wann haben Sie von der Gnädigen das letzte Mal geträumt?
P.:
Ei nun, letzte Nacht halt. Plötzlich klingelt das Telefon, ich habe ihre Stimme sofort erkannt, trotz des Höllenlärms in der Bäckerei. Sie entschuldigte sich auch gleich, weil so viele Leute sie umdrängten, so sei das meist vor Weihnachten. Es seien bereits über 300 Menschen in der Bäckerei, klagte sie, und ich vernahm ein tosendes Gewirr von Stimmen. So ist das ja wohl, Herr Dr. Freud, wie Sie selbst in Ihrer „Traumdeutung“ richtig anmerken: Verrückte Zustände, verkehrte Dinge, völlig überzogene Maße werden im Traum als das Selbstverständlichste von der Welt hingenommen. Dann unterredeten wir uns ganz gut, ich meine, die Bäckerfrau und ich in meinem Traum, sie nannte nämlich den Anlass ihres Anrufs. Ich hatte ihr vor Tagen eine größere Bestellung an Kuchen und Gebäck für die Festtage auf einem Zettel ausgehändigt und nun vermeldete sie, die Sachen wären fertig und äußerst lecker und appetitlich geraten. – Dann aber plauderte die Frau immerfort weiter und ich bekam allmählich den Eindruck, die Sache mit den Kuchen und dem Gebäck sei nur ein Vorwand. Ich spürte nur zu gut, dass sie etwas im Schilde führe und die Absicht hege, mich heimlich zu treffen. Das war mir dann sehr peinlich, vor allem auch wegen des allzu ausladenden Teils. Da wurde ich am Telefon sachlich und beflissen, sprach sie mehrmals mit ihrem Nachnamen an und verwies sie auf ihre Rolle als Bäckersfrau, die sie in meinen Augen weiterhin spielen solle!
Dr. F.:
Hm, aha, sehr interessant! Das wollen wir uns etwas genauer von unserem bewährten Aussichtsturm aus ansehen, was meinen Sie?
P.:
Den Traum habe ich vielleicht erfunden.
Dr. F.:
Das macht nichts, was Sie erfinden, ist genauso viel wert wie das, was Sie träumen. Wir drehen beides durch denselben Wolf!
P.:
Sie meinen, betrachten wir von Ihrer hohen Warte, die zu besteigen mir vergönnt ist?
Dr. F.:
Den Turm zu besteigen trauen sie sich zu? Doch das Hinterteil der Gnädigen war Ihnen zu ausladend, gewaltig, wuchtig, wie? Diesen Berg würden Sie wohl nicht so leicht besteigen wie jenen Turm?
P.:
Sie machen da vielleicht sonderbare Anspielungen, Herr Dr. Freud. Da muss ich mich ja geradezu für Sie schämen!
Dr. F.:
Wer sich hier rechtens zu schämen hat und wofür und weshalb, darüber verschaffen wir uns in der nächsten Sitzung einen Überblick – von meiner hohen Warte aus selbstverständlich, wennʼs konveniert.
P.:
Wissen Sʼ was? Damit die Sache ein wahres Pläsierchen für beide Seiten wird, spitzel ich zwischendurch mal, ob nicht der Mann der dicken Frau meinem Vater, Gott hab ihn selig, charakteristisch ähnlich sieht!
Dr. F.:
Sapperlot nochmal!
Das Protokoll ist auf der unteren Hälfte der Seite angebrannt, der Rest ist unlesbar.