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Emser Pastillen

30.10.2014

Sie haben sich nicht gezeugt und wähnen, mit der Funzel ihres Verstands, mit dem Kerzenstummel ihrer Phantasie sich in des Lebens Tiefen heimleuchten zu können.

Als würde Michelangelos David rufen: „Ich bin müde, legt mich aufs Sofa!“ oder: „Ich bin es leid, verhüllt meine Lenden!“

Von den Mächten, die uns bannen und binden, lösen und lassen, kennen wir wie von unergründlichen Strömen nur das Kräuseln der Oberfläche. Oder spielen kindlich mit dem Treibgut, das sie ans Ufer unseres Daseins gespült haben.

Als Masken begegnen wir uns dort wieder, Schattenspieler eines seelenlosen Rokoko, mimen wir wie vor Fremden tiefe Verbeugungen, tauschen wir wie mit gewesenen Geliebten wohlgesetzte, kalte Phrasen.

Wer zeugungsfähig ist, hat damit noch nicht bewiesen, dass er Vater werden kann.

Nicht dass er als Mann figuriere, wird Gott in der Heiligen Schrift als Mann dargestellt, sondern damit er die Rolle des Schöpfers und Gesetzgebers, des Richters und Erlösers erfülle, wird er Vater genannt. Kurz: Nicht Mann wird Gott genannt, sondern Vater, und Mann nur, insofern in dieser Welt Väter Männer sind.

Das Chaos bannen wir durch den Logos, das Mögliche durch den Sinn. Dies bedeutet keine Einschränkung, sondern Erweiterung und Vertiefung. So gehen wir von den natürlichen ganzen Zahlen aus und gelangen durch Anwendung elementarer Rechenoperationen zu den negativen und den rationalen Zahlen.

Die dickfelligen Draufgänger, die – nennst du einen Autor, erzählst du eine Geschichte, erwähnst du einen schönen Ort – gleich hervorstoßen: „Kenn ich, weiß ich, war ich schon!“ Die dünnhäutigen Zauderer wundern sich, dass du diesen ihnen vertrauten Autor porträtierst, als wäre er ein ihnen unbekannter, diese ihnen bekannte Geschichte so erzählst, als würden sie erst jetzt ihre feine Pointe verstehen, diesen Ort erwähnst, wo sie einsam waren, als wäre er der Ort, glücklich zu sein.

Logik – die Kettfäden im Gewebe unserer Sätze, wie zufällig, wie grotesk sie sich auch zu Mustern und Ranken verbinden mögen – sie verhütet, dass es reißt.

Wir scheinen zu wissen, wie die Pflanze um die Richtung des Lichts zu wissen scheint, was wahr ist – aber nicht, was aus alledem folgt, was wir wahr nennen. Und doch hoffen wir, dass in diesen Folgerungen keine versteckt ist, die uns am bösen Ende die Zunge lähmt.

Das Heil komme von den Juden, steht geschrieben. Jedenfalls nicht von Parolen und Manifesten oder hehren Theorien. Aus eines Kindes unschuldigem Fleisch und Blut, die sich gnädig uns verwandeln – Brot, das Irdische zu stillen, Wein, die Zunge zu lösen.

Einfach Kräuterbonbons lutschen, wenn der Husten reizt, hilft bei weitem nicht so gut, wie es mit Emser Pastillen zu versuchen – als würde die Magie des Namens mitabsorbiert und das Blut um eine entscheidende Nuance aufgehellt.

Die schöne Seele verströmt, als wäre sie die Unschuld selbst, ihren süßen Duft – und lockt in der Nacht die fetten, samtschwarzen, hässlichen Motten.

Die Emblematik der Euro-Scheine – anämisch-blass, zeitlos-unecht, ein Albtraum gespensterhafter Un-Formen an gespenstischen Un-Orten zu gespenstischen Un-Zeiten, Orte ohne Lokalkolorit, ohne den goldenen Rauch der Sage und den blauen Dunst der Legende, Gebäude ohne Gesicht für die Verwaltung von toten Seelen, Namen ohne Fruchtfleisch und Duft – Zeugnisse für den Tod der alten lokalen Kulturen Europas durch Ersticken an Erbrochenem.

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