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Jan 2 26

Heimat, verschüttete Quelle

Heimat, verschüttete Quelle.
Seufzen weht bisweilen Nacht,
geisterhaft wie einer Nymphe,
die gezwängt in ihren Schacht.

Trauben, die geglüht, erloschen.
Schnee der Birke unter Ruß.
Nur ein Fetzen Blau winkt manchmal,
müder Veilchen Abschiedsgruß.

Vögel, die genistet heimlich
dort im alten Laubengang,
hin und her hör ich sie flattern,
doch verstummt ist ihr Gesang.

Abenddampfers bunte Schlieren,
Festtagsschleppen auf dem Strom.
Nun schwankt mir im Traumgewoge
bleich entgegen ein Phantom.

Nein, es waren andre Sonnen,
die mir dort den Sinn enthüllt,
andren Monden hab das Linnen
unter Tränen ich zerknüllt.

 

Jan 1 26

Spickzettel Philosophie

Früher dachte ich, das Denken bedürfe neuer Worte und
Wortbildungen. Inzwischen weiß ich, es gilt die verschüttete
Macht der einfachen Sprache wiederzufinden.

Martin Heidegger

 

Eine ganze Wolke von Philosophie kondensiert zu einem
Tröpfchen Sprachlehre.

Wir führen die Wörter von ihrer metaphysischen auf ihre
alltägliche Verwendung zurück.

Ludwig Wittgenstein

 

Wir: nicht innen.
Welt: nicht außen.

*

Die Rose des Gedichts,
sie duftet nicht.
Erinnerung hat kein Organ
für Rosenduft.

*

Nicht: der Körper beseelt –
die Seele verleibt.

*

Mythos Seele:
Dunstgestalten,
dem offnen Mund der Toten
jäh entweichend.

*

Du gibst das Wort,
Frucht vom Baum der Sprache,
den du nicht gepflanzt,
flugs abgepflückt.

*

Dichten,
denken:
Wort für Wort,
Punkt um Kontrapunkt.

*

Wort, es kann nicht meinen,
was du willst.

*

Haust du mit dem Hammer
auf noch so kleinen Wortes Sinn,
ob „ich“, ob „du“, ob „und“,
zerreißt die ganze Kette.

*

Das entstellte Wort,
Warze im Gesicht
der Heuchelei.

*

Bedeutung ist kein Klumpen Lehm,
vom reinen Geist geformt,
von einem, der versteht,
mit Leben überhaucht.

*

Beseelter Laut,
das Lied.
Musik,
geistreicher Klang.

*

Je klarer seine Wasser fließen,
je tiefer ist des Brunnens Nacht.

*

Am lichten Tage reift die Traube,
im dämmrigen Verlies der Wein.

*

Wer alle Farben blind vermischt,
dem bleibt nur trübes Grau-in-Grau.

*

Überm Bodenlosen
lächelnd schweben.

*

Subjekt und Gegenstand,
Name und Objekt,
Idee und Phänomen,
verworrene Gespinste,
die keine Fliege fangen,
keinen Tropfen Licht,
von der Stirn uns streifen.

*

Wie der Diener auf den Herrn,
wartet einer vor der Tür,
die eine Scheintür ist,
Attrappe bloß.

*

Wie Raum und Zeit
eins ins andre fließen,
so schäumt der Sinn
glänzend,
fahlend,
aus dem Nichts hervor.

*

Kippschaltern gleich
sind Ja und Nein,
Wahr und Falsch.
Ein Urstrom ist,
was uns zu denken gibt,
das Dichterwort,
ein leuchtendes,
ein dämmerndes
Vielleicht.

*

Die fremde Hand berührend,
fühlt die eigene
sich selbst.

*

Des Lächelns Gischt,
der übers graue Herz
uns sprüht.

*

Träne,
funkelnd
an der Wimper
Nacht.

*

Wer die Fichte Tanne nennt,
hat sich bloß geirrt.
Anders, wer im Zeichenwald
umsonst die Lichtung sucht.

*

Wer nicht rechnen kann,
ist dumm.
Narr, wer nicht weiß,
was Zahlen sind.

*

„Indianer“ –
kein faktischer Irrtum
des Kolumbus,
ein begrifflicher.

*

Je heller die Lampe der Angst,
umso drohender die Dunkelheit.

*

Arg ist, Mann und Frau verwechseln,
ärger, Sinn und Unsinn.

 

Dez 31 25

Wiedersehen mit Hündchen

Zwei Tahitiperlen, schwarze,
angefeuchtet, blitzen,
Hündchens Augen.

Es erkennt dich gleich, verharrt,
eine Glückssekunde lang.

Dann springt es schon,
wie an Sonnenfäden wippend,
an der Hüfte dir empor,
und die rote Zunge lechzt.

Du aber klaubst,
wo hast du sie noch aufbewahrt,
aus der Manteltasche
Hundekuchen.

Spitze helle Zähnchen,
fein geschliffenes Elfenbein,
kratzen sanft die winterrauhe Haut.

Aus lasziver Seide scheint das Fell,
schimmernd gleich dem Prunk,
der schweren Dufts aus Truhen
im Boudoir der Pompadour
allzu üppig quoll herauf.

Noch nicht satt, mein Lieber?
Umsonst wühlt seine Schnauze
in der hohlen Hand.

Zerzaust, doch ohne Anmut nicht
wedelt es von hinnen.

Auf dem Fenstersims thront
derweil eine Sphinx,
die Siamkatze,
wie ein Phantom
aus weißem Porzellan.

Der Gegenwart entrückt,
erstarrt
im eignen Rätselbild.

Nur der Augenschlitz
aus schwarzer Jade
hat sich jäh verengt.

 

Dez 30 25

Das fliegende Mäuschen

Da war ein leises Knispern,
ein lang sich schwänzelndes Wispern,
die Gräser haben mitgesäuselt:

„Wolke soll das Schwesterlein
in Lichtgespinste hüllen ein,
daß fröhlich es mag schweben!“

Wolke sprach: „Waarum denn nit,
ik nehm de kleene Duun geern mit,
will um de Dörpen still se dragen.

Will ok nit stiegen allto hoog,
anners mutt se spejen noch
an miener Kant, von miener Reling!“

Im Schlaf lag das Geburtstagskind,
die Schwestern hoben es gelind
aufs Boot, das weich im Schilf geankert.

Und schon segelt es im Blauen.
Mäuseschar, das Wunder zu beschauen,
reckt empor die spitzen Wuselmäulchen.

Da winkt herab, vom Sonnenstrahl erwacht,
die Maus, daß selbst die alte Katze lacht,
hat maliziös ein Schnurrhaar auch gezuckt.

Wie’s gelandet ist im Abendlicht,
das weiß der Dichter leider nicht,
vom süßen Fiepen ist er eingenickt.

 

Dez 29 25

Sei nicht bang, mein Kind

Hat’s an die Scheibe nicht gepocht?
Die Ranke war’s im Wind.
Sei nicht bang, mein Kind.

Hat die Diele nicht geknarrt?
Das war die schwarze Krähe.
Sie scheut des Menschen Nähe.

Hörst du, Mutter, wie es rauscht?
Das sind die weichen Wellen,
die aus Träumen quellen.

Weh, kann ich ja nicht schwimmen.
Wie dein Bötchen aus Papier
tragen sie dich fort von hier.

In Fernen, da ich dich vermisse?
Zu Inseln, wo noch Elfen leben,
die an Sonnenfäden schweben.

Ist Täubchen, das entflog, bei ihnen?
Ja, es hüllt dein Schwesterlein
dich in sein Gefieder ein.

Und gurrt leise, daß ich schlafe.
Ja, nun schlummre ein, mein Kindchen.
Morgen weckt dich auf das Hündchen.

 

Dez 28 25

Brot und Kot

Honig der Erinnerung
schenkten Verse,
früh erblühte.

Duftlos aber sind
am morschen Zweig
Scheinblüten
fast erloschenen Marks.

*

Lymphe der Erde,
Sperma des Lichts
floß in den Wassern
des Helikon.

Trübsal,
sternlose Lache
verdunstenden Lallens.

*

Funkelndes
Sternbild,
Schatten
erhabener Friese,
Bilder mythischen Daseins.

Nebel,
langsam sich verdünnend,
nach nichts schmeckende
Zeichen,
Flocken,
die rasch tauen.

*

Grüner Wogen
Heimkehrpfade,
von Homeros
blind gebahnt.

Dunkle Spuren,
wirr betupfter
Schnee des Schlafs,
vom Gestöber
bald verwischt.

*

Stilles Maßwerk, zarte Streben
um das Gnadenbild.
Unbeschnitten wuchern Reben
in ein Dunkel wild.

*

Magnum Mysterium,
Brot ward das Wort,
Heil glänzt im Wein.

Dichter lauschen stumm
auf dem Abort,
klatscht Kot hinein.

*

Ein Engel war’s, der es verkündet,
wie der Gesänge zarter Rauch
gelöst im Blau des Himmels mündet.
Hör, Dichter, du die Botschaft auch.

Verwirf das Wort, das eitel grinste.
Leg deine Verse auf den Strom
wie zarter Blüten Lichtgespinste,
schau, sie entschwinden, ein Phantom.

*

Keine Maske wird uns schützen
vor den Viren, die wir blind
schlürfen aus den Trübsal-Pfützen,
die Schleim kranker Seelen sind.

 

Dez 27 25

Tote Tiere

Damals,
als du noch forsch gewandert bist,
einsam immer
nach der Zeit der Fahrtenwimpel,
was war es nur,
Aas vom Fuchs,
Kadaver eines Rehs,
wie hat es dich gewürgt.
Du bist vorbeigehastet
an der Lichtung,
dem Abgrund unersättlich
tiefer Nacht.

Und als du einmal heimgekehrt
aus einer grauen Ferne,
schwamm in der Tasse Tee,
die schludrig du nicht abgeräumt,
ein selig Paar von Mäusen,
winzigen, wie erstmals aufgeschnellt
von kleinen warmen Zitzen.
Und drehten langsam sich im Kreis,
wie im leisen Sog von Träumen,
wie in Träumen.

Zähl nicht,
die unter deinem Schuh
erdrückt, zerquetscht, zermalmt,
Larven, Spinnen, Würmer,
und am bretonischen Strand
Seesterne, Muscheln.

Die in der Früh,
als du im Kinderbett
aus dumpfem Schlafe aufgeschreckt,
der Bauer aus dem Pferch getrieben
und in den engen Laderaum gezwängt,
quiekten, schrien, schrien,
als ob sie’s ahnten,
todgeweihte Schweine.

O schweig von abgenagten Flügeln,
Rippen, fetten Braten,
Schinken, all dem roten Fleisch,
das bleich zerkocht
doch deinem Dämon
hat gemundet.

Die Taube dann,
die in der Einfahrt lag,
von einer Krähe aufgerissen,
der weiße Flaum
rötlich überkrustet,
hast du ins Feuilleton gewickelt,
erlöst von der Lektüre,
und in die Abfalltonne
sacht hinabgelassen
das ausgegurrte Leben.

Und gehst an Gräbern du entlang,
wenn Flammen des Gedenkens
in der Dämmerstille flackern,
liest da und dort
die Namen, töricht-weise Sprüche
auf Steinen über Schädeln,
die aus Höhlen feuchten Glanzes
stille Blumen sahen,
die Glorie der Sonnen,
erloschener Sehnsucht Monde
und am Horizont ein Schwermutblau,
das sich dem Abendpurpur mischte,
staunst du über das Versinken
all der Kreaturen,
die keine Spuren hinterlassen,
derer keiner je gedenkt,
in dunkler Erde
anonymem Schlund.

 

Dez 26 25

Zwiegespräch über die Kerze

„Plötzlich war sie ausgelöscht.“
„Es schien, als wär’s ihr Wille.“
„Das Wachs war beinah aufgezehrt.“
„Ein Luftzug war’s, ein jäher.“
„Das tiefe Seufzen tat’s von einem, der nicht schlafen konnte.“
„Sie hat ja lange Zeit gebrannt.“
„Ob eine Woche, eine Stunde nur, gleichviel.“
„Und war ihr Dasein doch erfüllt …“
„… im Leuchten jener Augen, die in ihrem Schein geblickt
in nahe, ferne Augen …“
„… im wunderlichen Tanz der Schatten …“
„… im Wohlgefühl der Hand, die sich an ihr gewärmt …“
„… und in der Feuchte eines Blicks, der in ihrem Flackern
die eigne Unruh sah …“
„Ihr Leben war ein sanftes Sterben.“
„Ein Opfer eigenen Seins.“
„Honigduft, Erinnerung in einer Trauernacht.“
„Honig war ihr weicher Kern.“
„Ihr Wachs schien wie in tiefem Schlaf zu weinen.“
„Doch hat sich nicht ein Dunkelfalter in ihr Licht gestürzt?“
„Dies war ihr Wille nicht.“
„Doch schien die Flamme eine Lockung allzu tödlich.“
„Flamme, Leben gibt sie und vertilgt es auch.“
„Lebensflamme, die sich selbst verzehrt.“
„Was sie selber hat entzündet, auch dies muß Flamme sein.“
„So geht der Weg zurück in fernes, fernes Abgrundlicht?“
„Kein endlich Wesen kann sich selbst entfachen.“
„Woher das Feuer, das in Sonnen, Herzen ohne Zahl
aufflammt und kommt die Stunde rasch erlischt?“
„Die kleine Flamme kann den großen Weltbrand nicht begreifen.“
„Doch ist ein wahres Bild sie unsres Seins.“
„So magst du auch des Lichts gedenken, das in der hohen
Nacht, da schon der Stein vom Grab gewälzt, vom Sinn
der Auferstehung kündet.“
„Diese Kerze ist geweiht, und ewig scheint ihr Licht.“
„Entzündet ward sie aber vom Brand des Holzes,
Baum, der im Paradiese stand und auf Golgotha.“
„So wär der Brand der Hölle die Umkehr himmlischen Feuers.“
„Der Schrei der Marter verzerrtes Echo himmlischen Gesangs.“
„Ob ein Dichterwort geweiht ist, ob verflucht,
ob eines Dämons Flammen aus ihm singen oder
reine Feuerzungen, denn auch jene tönen engelhaft,
wer mag es unterscheiden?“
„Die Kerze, die Eros entzündet hat, zittert vom Seufzen
der Liebenden, die Kerze im Zimmer des Sterbenden
vom trunkenen Gelall der Einsamkeit.“

 

Dez 25 25

Schreiben, ehedem

Der Feder sanftes Kratzen
ward uns fortgenommen,
die Honigkerze des Gefühls –
verglommen.

*

Die Lücken im Gekrakel,
die somnambul wir füllten
mit krausen Dickichts Fratzen,
bevor das Versdebakel
wir jäh erwacht zerknüllten.

*

Und schienen uns verworren
im Schnee des Blatts
die hingetupften Tintenspuren,
wie eines bangen Hasen,
der im Zickzack springt,
ließen rasch wir Flocken schneien,
die sie bald verwischten.

*

Auch wenn sie rasch vergilbten,
wir bargen Blatt für Blatt,
als lieh uns Herbst den Schlüssel,
in der alten Eichentruhe,
daß zwischen Muschelhorn
und Odem von Lavendel
den Winter sie verschliefen.
Von manchen blieb,
ins Frühlingslicht gehalten,
nur ein blasses Wasserzeichen.

*

Blatt, eines, zart chiffriert,
legen wir auf eine Schwelle,
auf der es hinter uns
wie ein Boot auf dunkler Welle
schwankend sich im Dunst verliert.
Und wir bangen, hoffen,
daß es unterm Grinsen
eines trunknen Monds
an Riffen kentert, schroffen.

*

Manche Verse glitten, wie in Regenrinnen
leichte Boote, zierlich aus Papier.
Wohin? Weiß Gott. Sie waren schon entschwunden.
Manche sträubten sich, wie an der Angelrute
wilde Barsche, und wir ließen sie
wieder frei, hörten noch die Flosse klatschen.
Andre kamen uns entgegen, Kavaliere,
und sie pflückten eine Orchideenblüte
von der Veste, um sie uns galant zu reichen.
Mädchen aber, entzückt vom sanften Wiegen
unsrer Hand, beugten ihren Nacken,
und ein goldnes Vlies umgoß die Schrift.

*

Linierte Blätter. Um die Linien sprossen
lichte Büschel wie um zarte Gitter,
daß noch ferne Strahlen in sie flossen,
süß die Beeren wurden und nicht bitter,
die schwarze Tinte malte oder blaue.
Las sie wer, schoß Blut ins Herz, ins graue.

 

Dez 24 25

Der Dichter vor der Krippe

Magst noch aus dem Schatten treten,
kniend wieder kindlich beten
vor des Lächelns süßem Licht.

Will die Zunge dir versagen,
arme Hirten wollest fragen,
wie Gesang durchs Dunkel bricht.

Vers, er muß nicht überborden,
denn das Wort ist Fleisch geworden
in der Demut stillem Schoß.

Reim, er darf das Lied beleben,
Flocken wollen niederschweben,
feuchter Glanz im Krippenmoos.

Magst dich vor dem Segen beugen,
wird sein Zeichen auch bezeugen,
eins sind Glaube und Passion.

Wirst vorm Kreuz die Blicke senken,
stumm verstummten Worts gedenken
mit der Mutter vor dem Sohn.

Nun träum, wie die Hirten wandern,
wo die Ströme hell mäandern
und des Nachts die Flamme singt.

Streu von jenem Lächeln immer
auf dein Beet den Liebesschimmer,
bis die schöne Knospe schwingt.

 

Dez 23 25

Van Gogh, Sternennacht

Dahin also, jenseits stiller Bildbetrachtung,
in die Wirbel aufgepeitschten Abgrundlichts,
ausgespien von den Flammenzungen
der Zypresse, die ihr Dunkel selbst entfacht.

Hinter dir die Honigwaben goldnen Schlafs,
Furchenschrift des Krumenalphabets,
weicher Wipfel Wolle vor der Schur im Herbst
und der dünne Zeiger Angelusgeläut.

Dahin also, in die heiße Gischt der Auren,
denen Augenknospen, blinde, eingestickt
von der tödlich-liebestrunknen Parze,
in die Wirbel blauer Nacht zu sinken.

Hinter dir die Keime frommer Worte,
zartes Reis in Falten der Geduld,
jäh vom heißen Odem fortgetragen
zu den Sternen orphischen Gesangs.

 

Siehe:
https://www.youtube.com/watch?v=L642ejkVxWg

 

Dez 22 25

Wenn die grünen Verse gilben

Des Wassers Schwall
kam wie Gesang

Peter Huchel

 

Als wär das Goldene Vlies,
im dunklen Bauch der Argo
bald verblaßt, ergraut,
ans Uferlicht gebracht
nur mehr ein Trauerflor.

*

Mit dem Wanderstab des Ödipus
an verwaiste Pforten schlagend.

*

Ward einmal das Wort
ans Kreuz genagelt,
was fruchten Flammenzungen?

*
Dir blieb das Wasser nur,
Gesang, der nächtens rauscht
am schroffen Felsen
der Erinnerung.
Wenn seufzend seine Gischt
im Ufergrase stäubt,
fühlt wie entrücktes Leben
die von Schründen taube
Haut sie kaum.

*

Erstickten Mücken gleich
in einem Spinnenweb,
vom Sturm zerrissen,
was du empfunden einst
mit knabenheißem Blut.

*

Ins kalte dunkle All gesprüht
die frühen Liebesfunken.
O wär, was allzu rot geglüht,
nur bald im Wolkenguß ertrunken.

*

Silbergraue Fäden sind, die wehen
im Novemberwind.
Was ist deinem goldnen Haar geschehen,
frühlingsfrohes Kind?

*

Geh an Gräbern still entlang,
hier seufzt Gras, hier wissen Flammen,
Tod und Leben rankt zusammen
in des Orpheus Zaubersang.

*

Lichter sind noch im dämmernden Laub,
Stimmen wiegt noch das Blattwerk der Nacht.
Was Schwermut unterm Monde gedacht,
schreibt in die Bläue flimmernder Staub.

*

Nur eines tu, den Schritt verhalte,
hat er geknirscht auf Muschelton.
Nur tiefer atme roten Mohn,
daß sich geheime Schrift entfalte.

*

Blick offnen Auges und bleib still,
auch wenn die grünen Verse gilben.
Wie Mücken scheuch gereimte Silben,
daß einsam nur die Träne quill.

*

Gotische Madonna

Gotisch fein, mit rankenzarten Händen,
die nur kleine Sonnensamen halten
oder Beeren, die sie heimlich weiterschenken,
um die Lippen weicher Wehmut Falten.
Doch ins Ferne flehen ihre Blicke,
daß des Herren Ruf sie bald entrücke.

 

Dez 21 25

Ein Bild hielt uns gefangen

Ludwig Wittgenstein

Vor dem verwaisten Haus,
mit schrägen Brettern
in den Fensterhöhlen,
auf bemooster Schwelle,
ach, das Moos ist weich,
sinnlos warten.

*

Die verschlossene Tür,
vor der du stehst,
auf die du starrst,
suchst du vergebens
mit List und mit Gewalt
zu öffnen.

Die kleine Pforte
dir im Rücken,
sie ist unverschlossen.

*

An der Scheibe schwirrt,
aufwärts, abwärts,
eine träge Motte,
gebannt vom trüben Licht
aus deiner Leselampe.

*

An einen Mund gefesselt
wie an eine Quelle,
die einmal hat gerauscht,
die einmal hat getränkt,
und lange schon verstummt ist.

*

Auf jähem Abhang rutschen,
sich an Disteln klammernd,
Dornensträuchern,
vor Schmerz den letzten Halt
verlieren.

Oder waren diese Stacheln,
diese Dornen Nägel
blind ergriffener Hände?

*

Den Pfad des Worts
umrauscht ein dunkles Schilf.
Am Ufer bricht er ab,
im Sumpf des Urstromtals.

*

Die Inseln der Seligen
scheinen ferner zu rücken,
umso ferner,
je heißer wir die Ruder
im schwanken Boot
hymnischen Sangs
ins weiche Wasser tauchen.

*

Das Wort ist nicht der Falter,
vom Glas des Meinens,
des Selbstgefühls,
daran gehindert,
zum besonnten Dasein
hin zu flattern.

Noch stürzt er
dionysisch-trunken
in die Flamme
des Gemeinten.

*

Als hätte im Sprachgewebe
die Mücke des Gefühls
sich jäh verfangen,
die Spinne Verstand
sie schon erstickt.

*

Leise angerührt
von Eos’ Finger
rollt sich der Farn,
der wache Vers,
dem Licht entgegen.

*

Für den Rohen sind sie eitle Tropfen
einer Gischt, zu weich für taube Haut,
Reime, helle Kehren einer Brandung,
die zur Lust aufs Dunkel sich gestaut.

 

Dez 20 25

Ausgetretene Pfade

Die Pfade scheinen ausgetreten,
gefaltet Vers und Hemd.
Doch auf dem Schild der eigne Name
sieht fern dich an und fremd.

Du stehst am Fenster, um zu sehen,
wie einsam Venus glimmt,
wie trostlos summend eine Biene
im Schaum des Mondes schwimmt.

Und blätterst du im Band von Rilke,
der dir im Schlaf entfiel,
treibst du ein Kahn auf dunklen Wassern,
dumpf schluchzend ohne Ziel.

Und liest du in vergilbten Briefen,
fühlst zart noch ihre Hand,
die fahl gleich einer Wasserlilie
im Dämmerschilf entschwand.

So hülle, Dichter, dich ins Linnen.
Schlaf stäubt von weißem Mohn.
Birg dich in Traumes kühler Höhle,
das Herz pocht leiser schon.

 

Dez 19 25

Seufzer in der Winternacht

Daß sich verkehr der Weltenlauf,
am Dorn der Nacht die Blüte scheine,
von einem heilig-nüchtern Weine
die Stirn der Schwermut helle auf.

Und schienen Krüge wir, die leer
auf morschem Kellerbord verstauben,
o fülle Licht von goldnen Trauben,
der sie gebracht von Eden her.

Daß noch ein Lächeln Strahlen mild
in unsre graue Ödnis sende,
die reine Lippe Segen spende,
der aus des Lebens Fülle quillt.

Und schienen Waben wir, die leer
am kahlen Winterast sich härmen,
o laß um Knospen Bienen schwärmen,
der sie gelockt von Eden her.

 

Dez 18 25

Verse, Wellen, Veilchen

Sind es Wellen, sanfter Verse
dunkelgrünes Schimmern,
lassen wir zu Ufern,
südlicheren,
gern uns tragen.

Und wenn jählings sie verebben,
werden wir zu Muscheln
auf dem goldenen Sand,
tönen lange noch
ihrem Rauschen nach.

Sind es Düfte, weicher Verse
frühlingstrunkene Veilchen,
wollen wir von Auen,
heimatlichen,
wieder träumen.

Und wenn sie die Knospen schließen,
werden wir zu Tropfen
Taus an ihren Wangen,
die den Glanz der Nacht
lang noch widerspiegeln.

 

Dez 17 25

Auf Wassern schlafwandelndes Gedicht

Auf Wassern schlaf-
wandelndes Gedicht,
Knospe, aufgetan
dem Mond,
überflügelt schon
von Traumgesumm.

*

Du findest eine Mitte
im Grenzenlosen nicht.

*

Jeder zerrt
an seines Traumes
kurzer Kette.

*

Worte
in einen Schlauch
geschüttet
voller Risse.

*

Grauer Kiesel
Wort,
geglättet vom
Jahrtausendstrom.

*

Der Steg des Lieds,
umrauscht von Schilfen,
bricht jählings ab:
auf glattem Wasser
Blüten, still.

*

Der Liebe Blick,
nachtumwimpert.

*

Meeresqualle,
die durch blauen Dämmer pulste,
gebleicht im heißen Sand,
Versgespinst.

*

Wie sind, Mozart,
die Waben dir
mit Honig, goldnem,
angefüllt,
daß dein Lied
so hell und süß
in unser Dunkel quillt.

*

Vor der Töpferei, wo gebrannt
man einst den weichen Ton,
hast geblasen du den Schnee
von eines Kruges Mund.
Aufs leise Pochen deiner Hand
stieg ein Seufzen aus dem Grund,
wie ein Vers von Mallarmé,
halb erstickt von schwarzem Mohn.

 

Dez 16 25

Stumme Dinge, Dämmerungen

Mund und Zähne, nein.
Nicht das Beißen, Kauen, Schlingen.
Nicht Geschwätz und Faselei.

Über alles schweigen,
über alles
schweigen.

Stumme Dinge, ja.
Jenseits von Geschrei und Stille.
Mal und Inschrift, die verblaßt.

Zum Abgrund ohne Grund
sinken leer zurück,
leer zurück.

Kiesel, Dornicht, Wolke.
Schon die Strömung trügt
mit dem Schaumgeschluchz,
ihrem grauen Rauschen.

Blitz und Blicke, nein.
Nicht die jähe Seinserhellung.
Nicht das Staunen und Geglotz.

Licht und Bilder löschen,
Licht und Bilder
löschen.

Laubdach, Abendruhe.
Was sie mild durchbricht,
Glanz von süßen Tropfen,
tut schon weh, tut weh.

Dämmerungen, ja.
Diesseits von Licht und Dunkel.
Trunkner Seele Schattenspiel.

Zum Abgrund ohne Grund
sinken leer zurück,
leer zurück.

 

Dez 15 25

Gnadenfrist

Mag des Wortes Knospe
noch auf schwankem Stiel
Abendrot besonnen,
wenn schon manche Blüte
stumm ins Dunkel fiel.

Duft ist noch für Träume,
die empor sich winden
und im grenzenlosen
Sternenschaumgewoge
Thule nirgends finden.

Pflück sie, Dichter, nicht,
magst die Frist ihr lassen.
In kristallener Vase
wird das Haupt, das holde,
traumlos bald verblassen.

 

Dez 14 25

Das Schneehuhn

Es hat gebrütet,
Nestlinge gehudert.

Jetzt wendet sich das Jahr.
Ihm sprießt Gefieder weiß,
da flimmernd
in den Abgrund fällt
der Schnee.

Es scheint den scharfen Blick
von Adler, Bussard, Falke
zu trügen,
geheimnisvoll ihm eingeprägt,
Instinkt.

Wie’s geschieht,
was ihm die Schneise öffnet
ins karge Winterlicht,
weiß niemand.

Dir aber ward die Sprache kahl,
ein Schneefeld,
dann und wann ein grauer Strich,
fern von Sommers
blumenbuntem Psalm.

Über dir blaut matt
ein Porzellan,
das unter einer schwarzen Schwinge
jählings klirrt.

 

Dez 13 25

Ich steh versunken

Gezwitscher, leise, frühlingstrunken,
aus winterharten Azaleenbüschen.
Ich harre, steh versunken.

Ich frag sie: „Kannst auch du es hören?“
Sie lächelt, süß, verlegen,
als würd mich Geistersang betören.

Bleicher Lilien Jenseitsleuchten
über Malen, moosverdunkelt.
Mir ist, als würden sich die Augen feuchten.

Ich frag sie: „Kannst auch du es sehen?“
Sie schweigt. Es kann der Holdsinn ja
Schwermut nicht verstehen.

 

Dez 12 25

Unterm Flaum des Lieds

Das Dröhnen der Brandung,
nachts,
an Kaliforniens Küste.

Als schlüge der Dreizack
an Gaias Stirn.

Selbst im zärtlichsten Geflüster
hörst du es von fern.

*

Der jähe Riß
in Himmels mattem Schiefer,
durch den das Blau der Stille quillt.

Als habe Pan das ausgeseufzte
Rohr zerbrochen.

Unterm goldenen Flaum des Lieds
ertastest du ihn auch.

*

Der über Nacht den Schmerz
gehüllt
in weißes Linnen, Schnee.

Als hätte seufzend ihn herabgefleht
der nun schläft, Ganymed.

An Hängen der Erinnerung
siehst leuchten du ihn noch.

 

Dez 11 25

Angst vor der Leere

1

Die feinen Riefen
im formbar-losen Sand,
Spuren der Flut,
die sie sich schuf
und bald verwischt.

2

Dunkle Wolkenballung,
die rasch in Fäden
feuchten Schimmerns
niederweht,
lichten Knäueln,
vom Wind gesponnen,
aufgelöst vom Wind.

3

Unsichtbarer Finger
launenhafter Luft,
der übers Wasser streicht,
Wirbel drehend,
links herum,
rechts herum,
hohle Entitäten
aus schierem aufgeschäumten Nichts.

4

Verse,
bildnerischen Denkens
fein gebaute Waben,
gefüllt mit herbem Honig
der Erinnerung.

5

Was uns im Mittagslicht
das runde Volle dünkte,
die zauberische Wohlgestalt,
mit schönen Namen anzurufen,
verschwimmt
zur blauen Stunde
in trübe Flecken Wehgefühls,
unsäglichem.

6

Lächeln,
das sich selber trinkt.
Fächer,
der sich selber kühlt.
Vers,
der in sich selbst verweht.

7

Ball,
von heißen Händen
in der blauen Luft
gehalten.

Vers,
von dunklen Rhythmen
zum Zenit des Sinns
geschwungen.

8

Geruch nach Holz und Honig
einer Kerze, die schon zagend flackert.
Und das Ticken einer Uhr
zwischen Jetzt und Ehedem:
Aura einer Stube, wo die Muse
mit dem Kater hinterm Kachel-
ofen gern geschnurrt.

9

Angst vor der Leere,
dunkelfeuchtem Sumpf,
wo Orchideen gleich
an wilder Schönheit
die hohen Knospen sprossen,
mit ihrem Wunderduft
des Einen, Reinen, Wahren,
Abendlandes Mythen.

10

Den Vers versteht nur,
wer ihn singt,
das Leben,
wenn er’s atmend
weiterspricht.

11

Abgrund
zwischen Jetzt und Einst.
Haarriß
zwischen Wort und Sinn.
Schwermut,
Sonnenfinsternis.
Klage,
Mond im Dämmerlaub.

 

Dez 10 25

Traumgelall

Augen?
Nein.

Namen?
Nein.

Aschen-
glut.

*

Wirbel?
Ja.

Flocken?
Ja.

Aschen,
fahl.

*

Gingen wir ans Ufer dort?
Arm in Arm.

War mein Haar schon grau?
Schiefermatt.

Singst du noch das Lied?
Stummen Munds.

Ist sein Duft verweht?
Hauch um Hauch.

*

Vogelrufe?
Nein.

Blütenzweige?
Nein.

Schluchzen
trunknen Schilfs.

*

Birkenlichtung?
Ja.

Moosvergilbte Male?
Ja.

Erinnerungs-
gestrüpp.

*

Was ruft uns aus ferner Zeit?
Traumgeläut.

Wer hüllt uns ins goldne Vlies?
Sanfter Tod.

*

Rauschen?
Ja.

Worte?
Nein.

Wasser-
Psalm.

*

Bilder?
Nein.

Schatten?
Ja.

Spiegel,
blind.

*

Hörst du auch das Wehen?
Laub der Nacht im Wind.

Siehst du auch das Funkeln?
Tau der Nacht im Mond.

*

Seufzen?
Ja.

Worte?
Nein.

Traum-
gelall.

*

Menschen?
Nein.

Moose?
Ja.

Stiller
Quell.

 

Dez 9 25

Made in Aspik

Phrase, waberndes Aspik,
ohne Nährwert, fade,
ins Abstruse stich nur, stich,
er ist tot, der Geist, die Made.

*

Fast bescheiden weist der Killer
auf ein, zwei, die er abgeknallt.
Auf Bergen steht der Heilserfüller,
von stummer Asche Dunst umwallt.

*

Scharlatane, Schwerenöter,
feuchten Auges, wenn sie lallen,
sanfte Würger, Seelentöter
mit lackierter Phrase Krallen.

*

Schwermutblaue Melodie,
Abenddämmerlaubes Zittern,
Blüte, fahl an Schattengittern,
duftet dem Gesunden nie.

*

Heute Transvestitenschau,
untermalt von Jazzgedudel.
Morgen Seelendusche lau
unter Rilke-Kitsch-Gesprudel.

*

Wenn Gottes Aug ihn immer sieht,
fand Nietzsches Feinsinn das obszön.
Auch diese Wahrheit ist nicht schön,
daß Hinz und Kunz am Schopf uns zieht.

 

Dez 8 25

Der ertrunkene Knabe

Sanft strich eine weiße Hand
aus der Stirne mir die Locke.
Ach, es war die deine.

Und ich fühlte heiß den Hauch,
der mir Tröstung zugesprochen,
daß ich nicht mehr weine.

Seufzend schobst den Vorhang du
vor dem Mond zur Seite,
Traumgeflimmer mir zu bringen.

Hast die Tür nur angelehnt,
aus dem Wust der Stimmen sollte
deine reine zu mir dringen.

Doch die Stimmen wurden Wogen,
in bacchantischem Gebrause
war die deine bald versunken.

Und ich stürzte mich hinab,
dich aus trüber Flut zu retten.
Bin ich damals nicht ertrunken?

 

Dez 7 25

Inklusen

1

Mit Sternen funkelnd,
fahl am Tag,
geisterhafte Wortkristalle.

2

Im Bernstein eingeschlossen
frühen Sinnens
Dunkelfalter.

3

Zwischen Falten samtener Stimmen
einer Perle
stummer Glanz.

4

Keiner Sonne aufgetan
scheuer Liebe Knospe,
voll geheimen Dufts.

5

Dunkeln Abgrunds Blitze.
Leere, traumgefüllt.
Blauer Ton der Stille.

6

Verbergung, die sich zeigt.
Verhüllende Erscheinung,
Gnade des Verzichts.

7

Im Schattenwald
verirrter Liebe
leiht ein wenig Licht
das Lied der Nachtigall.

 

Dez 6 25

Lyrische Vignetten

1

Durchs Mauseloch
des Vorgefühls
für die Gefahr im Schattenlaub
mußt du dich winden,
das Salz des Traumes
aus den Wimpern reiben,
um in der Lichtung noch zu sehen,
wie friedlich äst
das scheue Wild.

2

Mußt dich zwängen
durch die enge Pforte,
die zur Aussicht lädt,
zur klaren, wahren, stillen,
über eine Wendeltreppe
bangen Fledermausgewühls.

3

In die dunkle Furche Angst
mußt dich schmiegen
auf dem Gottesacker,
um blitzen sie zu sehen
die tausend kalten Nägel,
gehämmert
in den schwarzlackierten Sarg
der Winternacht.

4

Gelassen magst
ins Gras dich strecken,
das vom Gesumm
der Bienen zittert,
wenn kühle Tropfen
Taus dir auf die Stirne rinnen.

5

Hat gereicht sie dir,
der überschäumt
von herbem Duft,
den Becher ihres Munds,
lehne dich zurück
im Safransamt
des Abendrots.

6

Des Lebens Linien,
verwischt
im Schwelen
trunkner Glut.

Das Bild der Heimat,
versunken halb
in der Erinnerungen
Schnee.

Der Freunde Ruf,
Adieu,
überweht schon
vom Gebraus der Gischt.

7

Karfreitagsstille.
Nur das harte Holz der Klapper ächzt.

Verhängt
mit einem schwarzen Bahrtuch,
wo Verlassenheit
geschrien fernem Gott,
das Kreuz.

Erstickt am eignen Hauch,
das bei obszönen Lallern
einen keuschen Mund gesucht,
das Wort.

8

Pfade, überwachsen, am blauen Totenmaar,
Ahnungen, aufgesprudelt aus dem Grund.
Fern hörst du singen blasser Knaben Schar.
Still, sei still! Geister haben keinen Mund.

Und liegst du müd an hohen Sommers Saum,
Erinnerungen, Duft von Heu, vor Tag gemäht.
Wolke, o himmlisch-vergänglicher Schaum.
Schlaf ein, schlaf! Es ist worden spät.

 

Dez 5 25

Poetologische Variationen

1

Du siehst sich winden
einen Wurm
und wirfst die Birne weg.

Doch unreifen Schwärmers
feuchter Funkelton
hat dich an den Rand geführt,
wo ein Dunkel blufft.

2

Ein Satz,
ein Kleid,
weich geschmiegt
um des Gedankens
nackten Leib!

Den Vers reiß auf,
wenn er sich üppig bauscht,
und wende dich
vor einem rachitisch
eingekrümmten Skelett.

3

Von den blassen Fasern
der aufgeplatzten Puppe
schließt du nicht
auf eines zarten Falters
schillernden Flug.

Drehst du den Teppich um,
ahnst du im Gewirr der Fäden nicht
der Wiese Blumenpracht,
worauf man steht.

4

Herz,
das angeschlagen,
schwingt sich auf
in Obertönen,
Seraphim,
die du nicht mehr hörst.

5

Die das Blut verschmähen,
Selenes Töchter,
lauschen bang
auf des Sonnenstiers
dumpf dröhnende Hörner.

6

Scheue Reime,
Tropfen Milch,
die an der Charis
weißer Lende
rinnen hin.

7

Ausgezehrten Wortes
mürbe Lippe,
nach einem Tropfen Wahrheit
dürstend.

Fetter Wanst,
in der Rhetorik seichtes Wasser
trübe Schäume
klatschend.

8

Schwankend
in der blauen Schale,
Knospe
Vers,
wie vor Scham
verschlossen.

Im Strahl
der untergehenden Sonne,
wenn du auf schwermutweichen
Kissen liegst,
geht ein Duft
durchs Zimmer.

9

Vers,
vor Durst
allzu gierig abgepflückte Frucht
des frühen Sonnentags,
wässrig noch.

Honig
aus der Erinnerung Waben
schmeckt erst süß.

10

Außen weich wie Schmand, doch innen trocken,
Blätterteig-Sonette, überstäubt
von gereimten Puderzuckerflocken,
hatten unsre Zungen schon betäubt.

Du gabst uns den Honig wilder Bienen,
Stachelbeeren, Quitten, rohe Kost,
und die sauer schmeckten, Apfelsinen –
da erquickte Liedes herber Most.

 

Dez 4 25

Ins Dunkel nachgehallt

Töne, die uns sanft bezwungen,
sind ins Dunkel nachgehallt.
Was die Muse vorgesungen,
Wehmut hat es nachgelallt.

Als am Ufer wir gegangen,
schluchzte uns die Welle nach.
Im Gespinst hat sich verfangen
Mond, der durch die Halme brach.

Hatte ich das Haupt gebettet
in der Liebe stummen Schoß,
schien ich vor mir selbst gerettet,
eitlen Wünschens Fessel los.

Und die Mauern der Verliese,
wo den Kopf ich schlug mir wund,
sanken hin vor einer Wiese,
wo die Quelle sang, dein Mund.

Aufgetan hat sich die Blüte,
die ich, Liebste, dir gebracht.
Als sie noch im Dämmer glühte,
war vollkommen Tag und Nacht.

 

Dez 3 25

Fetten Gurus Schwindsuchtseelen

Nicht sich schleppen mehr ins Graue
auf zwei krummen Haxen,
über sich hinaus ins Blaue
wollten sie nun wachsen.

Psalmodierte Wortkaskaden,
hoher Braue Bogen,
kühl in grünen Augen baden,
Bann, er ward gezogen.

„Müßt nur immer Traummus schlabbern,
flieht vor Wein und Würsten.
Eignes Mark nur wollet knabbern,
Mond stillt euer Dürsten.“

Und sie taten’s voll Entzücken,
wurden blaß und blasser,
huschten, dürr wie Geistermücken,
übers trübe Wasser.

Andre waren nur ein Flocken
Schnee auf Zitterstielen.
Keine Sonne konnte locken,
die ins Dunkel fielen.

Eine schwebte, zarte Fluse,
barsch gerupft im Schlummer
aus dem Haar von Sapphos Muse,
wie ein Traum, ein dummer.

Nur des einen Wanst, der pralle,
glänzte unterm Grinsen
vollen Monds, und seine Kralle
strich sie ein, die Zinsen.

 

Dez 2 25

Vor der unsichtbaren Wand

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

– Hier geht’s nicht weiter.

– Ist da eine unsichtbare Wand?

– Ja, unsere Art, zu denken und zu sprechen.

– Doch können wir nicht denken, was wir nicht sagen können; nicht das Unsagbare denken?

– Nur durch und mit und innerhalb der Sprache können wir uns gleichsam über ihre innere Grenze krümmen, in die Falte des Ungesagten schmiegen.

– Ja, die Wand ist die Metapher für die Sprache, die fensterlos wie die Monade ist und wie diese das Ganze der Welt in nuce enthält, allerdings nicht wie bei Leibniz in Form mehr oder weniger bewußter Wahrnehmungen, sondern als Totalempfindung oder Gestimmtheit, die wir nur durch paradoxe Bilder und Metaphern zum Ausdruck bringen können.

– Sehen wir das Morphem oder das Wort als subgrammatisches Teilchen, können wir es doch zugleich als Moment oder Funktion des Satzes, der grammatischen Welle, begreifen.

– Aber Teilchen und Welle, Wort und Funktion, Morphem und Struktur sind anders als ihre physikalischen Analoga einander ungleichartig und nicht äquivalent.

– Sage ich hier, muß ich dort sagen können, wenn wir ein Stück Weges gegangen sein werden; sage ich jetzt, muß ich auch soeben oder gestern oder vorgestern sagen können, wenn wir eine Weile weitergelebt haben werden.

– Aber wir können von keinem Außerhalb der grammatischen Funktion sprechen, mittels derer wir einen Ort oder einen Zeitpunkt festlegen.

– Doch dies können wir wohl sagen, daß sich außerhalb dieses gleichsam grammatisch-transzendentalen Rahmens nichts Sinnvolles sagen läßt.

– Paradoxerweise haben wir ein Wort für das Unsagbare, das wir vor den singulären Anfang der Zeit zu setzen pflegen: Ewigkeit; ähnlich dem Schweigen Gottes, das wir vor den Anfang der Welt durch die creatio ex nihilo im Wort zu setzen pflegen.

– Ja, das Schweigen, und diesem vor dem Sagen liegenden Nichtsagen entspringt wie eine geisterhafte Vakuumfluktuation das Wort, das wiederum nur als Wort-vor-dem-Wort zu begreifen oder eben nicht zu begreifen ist.

– Das Schweigen, jenes Schweigen, und das Wort, jenes Wort, sind gleichsam spinozistische Attribute der göttlichen Substanz, die Spinoza ja mit der Natur als natura naturans, also einer vorgeschöpflichen Natur, Natur-vor-der-Natur, gleichsetzt.

– Schweigen ist eine Metapher, die wie alle absoluten oder transzendentalen Metaphern an der Grenze unseres Sprachvermögens notwendig scheitert und zerschellt. Denn was wir schweigen nennen, ist ein Moment unseres Sagens, nämlich beispielsweise auf eine Frage nichts zu antworten. Ein außersprachlicher Begriff des Schweigens scheint uns unzugänglich; so auch das Schweigen Gottes. Es ist gleichsam ein Schweigen jenseits des Schweigens.

– So auch das Wort jenseits des Worts. Wir glauben zu kennen, was wir flüchtig benennen; während das schöpferische Wort dem Benannten gleichsam innewohnt, dem Blute gleich, das in ihm pulst und es belebt.

– Indes vom Schweigen jenseits des Schweigens, vom Wort jenseits des Worts trennt uns eine unsichtbare Wand.

– Es gibt hier keine Tapeten- oder Geheimtüren in ein Reich jenseits des Seins, und alle Spekulationen über dessen Landschaften und Bewohner sind metaphysische Variationen eines mentalen Tischrückens.

– Sicher. Aber dies mindert das Mysteriöse dessen, was wir unser Leben und Sterben unter den Gestirnen des Fatums nennen, keineswegs.

– Wir verspüren es umso schmerzlicher an den Beulen, die wir uns nach Wittgenstein bekanntermaßen einhandeln, wenn wir mit dem unbelehrbaren Kopf gegen die unsichtbare Wand schlagen.

– Ja, es ist wie mit der Wanderung durchs Gebirge; bei klarer Sicht steigen wir auf, doch dann irren wir orientierungslos im jählings aufgekommenen dichten Nebel umher, ständig in der Angst, in einen Abgrund zu stürzen.

– Sehen wir indes im Ungefähr ein Licht aufschimmern, tasten wir uns bis zum Eingang der Schutzhütte, wo wir Unterschlupf zu finden hoffen, wer weiß, bei welchen unterhaltsamen Verköstigungen.

– Das wäre eine allzu sentimentale Idee von einem sprachlichen Idyll, als wäre Poesie eine begrünte schwimmende Insel im Meer des Ungewissen.

– Gleichsam wie Vergils Insel der Seligen am Rand des Feuermeers der Hölle.

– Indes nicht sentimental, insofern die Seligen von ihrer Insel aus in der Ferne die Qualen der Verdammten durchaus wahrnehmen können – und vielleicht nur so erfahren, daß sie entronnen sind.

– Und der Nebel, den wir Wanderer aus dem Fenster der Hütte erblicken, ist ja durchaus Teil des Elements, das wir atmen, das uns nährt.

– Wenn er sich lichtet, erreichen wir wohl noch den Gipfel. Was sehen wir aber? Weitere Gipfel, ferne, unerreichbare, unersteigliche. Und darüber das Blau des Himmels, gleichsam die luftige Substanz, die sich mit noch so feinen Instrumenten unseres Denkens und Sprechens nicht zerlegen läßt.

– Die unsichtbare Wand.

– Die unsichtbare Wand, an der keine Geisterschrift erscheint, deren Sinn uns meinen könnte.

– Das Blau des Himmels, wenn es nicht nur ein meteorologisches Phänomen bezeichnet, sondern uns als Metapher für unsere sprachliche Existenz dient, mit der wir die gleichsam stofflich-unstoffliche Substanz der Welt bezeichnen.

– Sie mutet geisterhaft und rätselhaft an, wie der Nebel, der uns einhüllt und den wir durchdringen, aber wie die Struktur des sprachlichen Daseins nicht zerschneiden oder vollständig zerlegen und analysieren können; anders als das meteorologische Phänomen, das wir ohne weiters chemisch analysieren können.

– Darin gleicht die Metapher des Nebels dem, was der Dichter Heinz Piontek das Undurchschaubare nennt, und intuitiv hat er beides in dem Gedicht mit dem Titel Orakel verknüpft, in dem er ein bretonisches Dorf am Meer evoziert und sich aufgefordert fühlt, durch seine totenstillen Straßen zu gehen: Hinunter zum Meer –/wo Nebelbänke ankern,/das letzthin Undurchschaubare gewaltig/sich gelagert hat.

– Man könnte auch von der Fülle des Wohlklangs sprechen, die wie in Bachs Wohltemperiertem Klavier das Unaussprechliche, ohne es konkret auszusprechen, dennoch ausspricht.

– Oder von Variationen über ein geheimes Thema, das sich wie das Dunkel offenbart nur, wenn allererst ein noch so schwacher Lichtschein erlischt.

– Ja, ein Dunkel jenseits des Dunkels, das nicht vor der Sonne Platons zurückweicht, sondern ein wesentlicher Bestandteil der Dämmerung bleibt, die unserer sprachlich-existentiellen Situation entspricht.

– Es ist, als gingen wir über die transparente Fläche eines zugefrorenes Sees, in dem ein Unterwassermond sein fahles Licht auf seltsame unbekannte Gewächse wirft.

– Wir könnten sie Traumbildern vergleichen; nur, daß sie nicht wie die gewöhnlichen oder auch ungewöhnlichen einer Deutung zugänglich sind.

– Traumbilder, jenen Kafkas ähnlich, die wir nicht als leicht oder auch schwer zu dechiffrierende Symbole ansehen, sondern als kristallisierte Rätsel-Allegorien, kristallisiert und kondensiert aus dem trüben Dunst unseres sprachlichen In-der-Welt-Seins.

– Es ist, als hörten wir ein Knacken oder Rauschen in der Leitung und die uns bisher so vertraute Stimme klingt fern und fremd wie unter Wasser, dem Traumwasser in den kommunizierenden Röhren dessen, was nur Toren Medium der Mitteilung zu nennen pflegen.

– Wir könnten auch an das Flußbett denken, von dem Wittgenstein spricht: Fluß, der uns selber meint als sprachliches In-der-Welt-Sein, der von uns unbemerkt allmählich seine Ufer bildet und umbildet.

– Wir könnten vielleicht in den herausgehobenen Momenten lyrischen Sprechens fühlen, wie der Fluß etwas Unheimlich-Drängendes annimmt, je näher er der Mündung ins Meer kommt.

– Nun, löst er sich im Meer, in einem universalen Rauschen, nicht gänzlich auf?

– Gewiß, er fließt noch und scheint den ruderlosen Kahn unserer Existenz mit sich fortzutragen, doch in Wahrheit hat er sich immer schon im Grenzenlosen, im Unendlichen, im Rauschen oder Schweigen aufgelöst.

– Immer schon aufgelöst, und doch sind wir da, sehen uns an, reden in einiger Gelassenheit miteinander.

– Es ist, als sprächen lebende Wesen im Licht, doch in Wahrheit sind sie schon Schatten in jener Unterwelt, wovon ein Vergil, ein Dante spricht.

– Die Sprache wäre die Höhle nicht, die uns gefangenhält, sondern der raumzeitliche Hohlraum, der uns birgt, und die Schatten an der Wand unsre eigenen.

– Und das Licht, das sie wirft, strahlt nicht von der Sonne des Guten, sondern vom ewigen Weltenbrand.

 

Dez 1 25

Der Dichter und die Namen

Wie verehrte Namen,
goldnen Sommers Eichen,
kahl in Nebelschleiern
Wahngespinsten gleichen.

Die uns Sonnen schienen, Rosen
über grüner Feuchte Samt,
sanken bleich wie Sapphos Monde
hin zu Schatten, namenlosen.

Andre, die gleich Turteltauben
im Gebälk des Traums gegurrt,
ließen uns nur fahle Flusen
unter schwermutzarten Gauben.

Wälze, Dichter, blättre auf
märchenbunte Alben
und laß in die Bläue flattern
holde Namen, Sommerschwalben.

Auch ein Herz, das angeschlagen,
schwingt sich aus in Obertönen.
Auch der Anmut Blumenstille
gibt dir, Dichter, viel zu sagen.

Irdnen Liedes Schale schiebe
in der Quelle Flechtenbart,
daß sie tröpfelnd widerklingen,
Namen unnennbarer Liebe.

 

Nov 30 25

Am Saum des Unversäumten

τῶν δ’ ὅς τις λωτοῖο φάγοι μελιηδέα καρπόν
οὐκέτ’ ἀπαγγεῖλαι πάλιν ἤϑελεν οὐδὲ νέεσϑαι,
ἀλλ’ αὐτοῦ βούλοντο μετ’ ἀνδράσι Λωτοφάγοισι
λωτὸν ἐρεπτόμενοι μενέμεν νόστου τε λαϑέσϑαι.

Aber wer da gekostet des Lotos Früchte, die süßen,
will nicht Kunde bringen davon, nicht heimwärts mehr kehren,
sondern dort bei den Lotosessern will er stets bleiben,
um den Lotos zu pflücken, der Heimkehr aber vergessen.

Homer, Odyssee, 9. Gesang, 94–97

 

In Träumen irrest bang du umher
an potemkinschen Fassaden
unbekannter Städte,
durch Nebel fremder Sprachen
tastest vergebens du dich,
dem Hauch deines Mundes mißtrauend.

Aus dem Schalter des Bahnhofs
ertönt die Stimme der Sphinx:
„Wohin geht denn die Reise?“

Doch du weißt es nicht.
Kennst ihn nicht mehr,
der Heimatstadt trauten Namen.

In Wahrheit lebst du ja
schon lang nicht mehr dort.
Die trübe Woge deines Epos
spie an fremdem Ufer dich aus.
Da harrte deiner nicht Nausikaa.

Und jener Name ist wie eine blasse
Vignette am Rand von Traumnotizen,
ein Wasserzeichen auf dem Brief,
dem Niemandsbrief an keinen,
das manchmal vage schimmert,
hältst du ihn ins Gegenlicht
des Sonnenuntergangs.

In Wahrheit wärst du dort auch fremd –
fremder als Odysseus’ Weggefährten
auf der Lotosesser-Insel,
die nicht mehr wissen,
was Heimat ist und Vaterland.

Fremd auch dort und dort und dort,
was immer du am Schalter nennen magst,
ob Meßkirch oder Ilmenau,
Rom, Paris, Berlin.

Setz dich zu den Alten auf die Bank
am Saum des Unversäumten.

Denk dir, du drehtest langsam
die Lotosblüte in der Hand.

Eine Dohlenfeder tät es auch,
ein Zigarrenstummel.

Sieh die Häuserfronten rings
gleich Traumfassaden
oder eines stümperhaften Bühnenmalers
hohles Pappmaschee.

Laß Nebel um dich wallen.

Dunst der Muttersprache
kondensiert gen Abend
zu Tropfen Taus
von rätselhaftem Glanz.

(Doch du erwachst
in einen anderen Traum.
Nachts liegst du auf der Bank,
an Hand und Fuß gefesselt,
verschleiert ist der Blick
von beißenden Partikeln,
Flocken von Asche und Ruß
eines würgenden Idioms,
die langsam auf dich fallen.
Dann hörst du Schritte kommen
und Schnalzen, das schon
ätzend an dir niederrinnt.)

 

Nov 29 25

Laßt mich, ich will schlafen

Aus: Kindheit in Alt-Metternich

Der Waschtrog brodelt,
sie klatschen weiße Laken.
Winseln aus dem Hinterhof.
Laßt mich, ich will schlafen.

Wie ich blöde lausche,
halb erstickt im Blumenkissen,
gurren Tauben auf dem Sims.
Laßt mich, ich will schlafen.

Silberlöffel klirren,
Porzellane springen,
abgeschnitten wird mein Ohr
von ferner Säge Trance-Gesängen.

Sonnendunst-Wollustchimären,
gaumentaub Vokabeln büffeln,
amo, amas, amat.
Und die trunkne Biene summt.

Angelus-Geläute wehen
Weihrauch in das Schamgefühl,
daß ich mich verschlucke,
als wär’s der faule Krotzen Seele.

Abends unterm heißen Dach,
das sie nach dem Feindbeschuß
einst mit Planen deckten,
öffne ich die Sternwartluke.

Fremde Seele, kommst du, Mond,
um mich heimzusuchen,
oder mich zu tränken
mit keuscher Milch der Niemandsstille?

Auf seines Schuppens Stufe
hockt mit dem Harmonium
schon der Gnom, der Antipode,
spielt Zigeunerweisen.

Mutter sitzt im Dämmerschein
einer Wehmutkerze,
harrt des Manns, der mich gezeugt,
süßen Elends Waben füllend.

Schoß, o kalt gewordener Schmerz,
ohne Samt, das Haupt zu bergen.
Im Dornenhag, wo ich geboren,
blüht, um still zu schlafen, mir kein Mohn.

Nein, kein Rauschen, Ächzen nur
aus alter Linde Dämmerkrone.
Dunkles Scharren, Unheilsmuhen
im dunggewärmten Stalle.

Morgens Keuchen und Erbrechen,
traumgewürgte Atemnot,
blutig ist das Laken.
Laßt mich, ich will schlafen.

Flüstern, Fluchen, Weinen,
die Tür barsch zugeworfen.
Großmutter liegt im Sterben.
Weinen, Beten, Schreien.

Laßt mich, laßt mich schlafen.

 

Nov 28 25

Metamorphosen des Dichters

Was aus der Grotte Schädel ihm einst sproß
und wogte in den Nacken, wüste Strähnen,
verzwirnte Knäuel, schien ein Widerspiel
des wirren Sinnens, das im Dunkel floß.

Bald wand das Wuchern er zum Dichterschopf.
Im Jambenmaß sah man ihn heiter hüpfen.
War, was er sann, auch kraus, Wind strich durchs Gras,
schon rief im Versgebüsch ein Wiedehopf.

Dann glänzte jäh, ein Amazonenschild,
des blanken Schädels spiegelnde Rotunde.
Wahn knirschte bacchisch-nackt an Pontos Strand,
Blutnägel rupften Büschel wollustwild.

Auch diese hat ihm Schwermut abrasiert,
als ihm der Liebe Sternenlied erloschen,
er sah den Trauerbaum am Ufer kahl,
und wie der Sage grüner Strom gefriert.

Da wurden ihm die Augenbrauen grau,
und spröde, die einst weich gebebt, die Lippen.
Nur selten hing an Verses Wimpern noch,
ins Schweigen rinnend, matter Wehmut Tau.

Als man ins bleiche Bahrtuch ihn gehüllt,
hat fahl sein Antlitz wie ein Blatt geschimmert,
leer und vergilbt, als Wasserzeichen nur
trat stumm hervor ein Lächeln, mondlichtmild.

 

Nov 27 25

Der Erde treu

Ob Cirrus, Cumulus, ob Stratus: hehre
Metaphern eines alten Weltgedichts.
Luft, Feuchte, Strahlung, kristalliner Glanz:
Chimärenflug vor Himmels blauer Leere.

Der Erde treu geh mit dem Gang des Lichts,
denn hinterm Blau des Himmels blaut uns nichts.

Wir mögen nicht im Mittelpunkte stehen,
die Kunde hat gemindert nicht die Frucht,
ihr goldnes Schwellen, nicht der Knospe Drang,
sich aufzutun, wenn Eos’ Seufzer wehen.

Der Erde treu geh mit dem Gang des Lichts,
denn hinterm Blau des Himmels blaut uns nichts.

Traum Gaias: wieder blühen nach dem Welken.
Was Schweiß auf dem gequälten Angesicht,
ist an der Lilie zarter Lippe Tau,
des Dichters Wermut Bienen Seim von Nelken.

Der Erde treu geh mit dem Gang des Lichts,
denn hinterm Blau des Himmels blaut uns nichts.

Die Götterbilder: fluoreszierende Schwämme,
fern überm Meeresabgrund Ewigkeit.
Uns aber, Wandrern auf dem Grat der Zeit,
frißt immerfort die Brandung weg die Dämme.

Der Erde treu geh mit dem Gang des Lichts,
denn hinterm Blau des Himmels blaut uns nichts.

 

Nov 26 25

Später Gang zum Waldfriedhof

Nah ein Zwitschern, zwielichtbang,
nah ein Seufzen weicher Wasser,
um uns Rebenlaubgeflamm.

Fern der Birkenlende Splittern
und das Knirschen ihres Schnees
unterm Totentanz der Axt.

Harsch ins Dickicht brach das Holz,
und sein Ächzen hat erstickt
weicher Knebel Dunst.

Uns bogen sich die Schatten zart
um einer Quelle Felsenmund,
milden Träufelns Traumgelall.

Da hab den Vers ich hergesagt:
„Gesang der Flammen muß verrauchen.“
Hast jählings du geweint?

Durchs Dämmergrau des Waldfriedhofs
zog eine Schneise Veilchenlicht
Kuckucks trunkenes Geschluchz.

Moos rieb ich ab vom Mal und Farne,
und der Zwillingsvers schien auf:
„Duft stummer Blüten will ich hauchen.“

 

Nov 25 25

Wohin denn

Wohin denn! Tag ist ja zur Hälfte Nacht,
und an den Wimpern klebt die Dämmerung.
Nur jene Wolke, fern und weich und weiß,
gibt Ahnung uns von blauen Südens Licht.
Wir liegen einsam, dumpf gefällte Hölzer,
Scheiten gleich im Hinterhof der Nacht,
die auf die Glut des Herdes warten, einmal
bevor sie fahl zerfallen noch zu singen.
Doch keiner hebt uns auf zum letzten Dienst,
auf blasse Wangen Schimmer hinzustreuen,
zu spenden Augen, die schon dunkeln, Glanz.
Nein, wir treiben hin wie tote Blätter,
unser Sang ist trocknes Rascheln bloß,
und der Rest des fast ertaubten Fühlens
vager Traum von ausgerauschten Wipfeln,
da wir geatmet mit den Schwestern still,
den Sinn des Daseins herrlich zu begrünen.
Nein, Nebel sind wir schon und kalter Dunst,
der niedersinkt auf öde Fensterscheiben,
und bald gefriert im schneebetörten Wind
zu Blumen eines vorgetäuschten Lebens.
Daß wir seufzend bald doch niedertauten,
schwach noch glitzerten im Gnadenstrahl
eines Sommers, weit und reich und golden,
und im Dunkel nährten lichtes Grün.

 

Nov 24 25

Somnambule Blicke

Ein Fenster hat im Hof des Traums geklirrt.
Ins Dunkel taumelte
die Blüte einer Bougainville.

*

Schlafgemach,
wo Mondes Wehmuthauch
umsonst den Spiegel trübt,
der für die müde Seele lang schon blind.

*

Goldnen Hornes Ruf,
Herold, der unterwegs
die Botschaft schon vergaß
und sich im Rauschen
fahlen Laubs verlor.

*

Der am Saum des Tags gezagt,
weicher Tropfen Abendlicht,
fällt im Nu. Die Rose schließt,
das noch sonnenwarm, ihr Lid,
und der Schwermut Aug erglänzt.

*

Das durch Flammen ging,
reiner Liebe Kind,
steigt empor
ins Geflirre
hymnischen Gesangs.

*

Kaum ans Herz gestrichen,
Bogen sanfter Glut,
und schon rötet sich
samtenes Meer der Nacht.

*

Von Sternengischt umschäumt,
die Jade hoher Woge steht,
wie auf den Bildern alter Meister,
als wär erstarrt die Zeit.

*

Das Siechtum nickt,
gleich einer kranken Puppe,
in die unterste Lade
vom Überdruß gelegt,
und nuschelt zahnlos,
wenn auf dem Smartphone
flimmert
Menetekel,
Mene, Mene, Tekel.

*

Wollust, die sich windet
in unsichtbarer Boa
Würgegriff.

*

Ein Kokon baumelt
an Klothos Faden
in der Fensternische,
die Raupe starb darin.
Kein Flügel brach ins Licht
ihm, der hier einsam
hauste.

*

Auf den Kopf gestellte
Karyatide.
Weh, wenn der Architrav
die Ferse kitzelt.

*

Ein Kinderkopf trägt einen Turm,
da wohnen Eltern und Verwandte.
Ferner Ahn ruft von den Zinnen:
„Schlaf ein, mein Herz, schlaf ein!“

*

Auf dem Regal in ihrer Küche
in Reih und Glied
märchengrünen Schimmerns
Einmachgläser
mit niedlich eingeschrumpften
Embryonen.

*

Ein femininer Beau lehnt,
devot wippt sein Eunuchenschopf,
zwischen den Tatzen einer Tigerin,
schaut in ihr kaltes Raubtierauge,
das eigne feucht vor Dankbarkeit,
daß sie ihn hat noch nicht zerfetzt.

 

Nov 23 25

Früher Bilder Pracht

Dem Andenken an Johann Hilten

Der Bottich schien von Algen grün und Tang,
auf einem Blatt trieb glitzernd eine Mücke.
Warst du’s, der vor sich hin gen Abend sang
von Sommertags unnennbar süßem Glücke?

Wir Kinder haben um das Ohr geschmiegt
uns Büschel, schwer von Kirschen oder Beeren.
Der Quell der Freude war noch nicht versiegt,
was Abschied nahm, es wollte wiederkehren.

Nun ist verfault der Bottich in der Nacht,
der sternenlosen, die Bäume umgehauen,
verblichen ist der frühen Bilder Pracht,
trüb stiert der Abschaum auf geteerten Auen.

Verklungen ist, was weich getropft, und stumm
ins zarte Moos der Dämmerung geronnen.
Wo sich gebeugt des Ahnen Rücken krumm,
schwirrt toter Fittich unter fahlen Sonnen.

Weißt, Dichter, du noch jene Melodie,
die deiner Mutter Vater einst gesungen?
Hebt dich die Seele in die Elegie,
als liehe Atem sie den müden Lungen?

 

Nov 22 25

Lichter Schleier

Herabgesunken von Dianas Wangen
scheint einer Wolke lichter Schleier,
der langsam vor dem Saphirblau der Nacht hinschwebt,
als hätte ihn Vermeer gemalt.

Wir wollen noch ein wenig weilen,
wo uns herauf das Wasser tönt,
als wär’s in heimatlichen Auen
oder uns vertraut von Pindars Quell.

Auch von Schilfes dunklem Wehen
magst du sanfte Schauer fühlen,
wenn Glitzern, Tropfen trunkner Nacht,
daran herniederrinnt.

Wie eine Seele, die in stiller Andacht betet
für eine, die entschlafen ist,
blüht lilienfahl die Knospe Mond,
um dem Grabmal bald sich hinzuneigen.

Ein Funken sank in eine graue Lache
wie aus der Locke Berenikes.
Im Abendrot stieg aus dem Staub
der Anmut keusches Inkarnat.

Vom Schleier blieb ein Flaumgeflimmer,
als hätt’s der Knabe hold gezupft
von seiner Mutter jenseitsblauem Samt
auf einem Bildnis von Bellini.

 

Nov 21 25

Lacrimae rerum

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Sagen, wir, der eigentliche Gedanke entspreche der Fleisch- oder Fischeinlage mit einem gewissen Nährwert, das bedeutungsvoll klingende, aber inhaltsleere Gerede darum herum dem mit Gelatine gebundenen Gallert, wie man sie bei Aspikgerichten findet; berechnen oder taxieren wir jeweils das Verhältnis von geistiger Substanz und rhetorischem Blendwerk. – Bei etlichen Meinungsbekundungen sind wir, denn wir kennen die Verkünder, nicht überrascht, unter einer schillernden Hülle wabernder verbaler Schwellkörper nach mühsam-unappetitlicher Suche auf einen kümmerlichen Brocken und Bodensatz zu stoßen, der so nahrhaft ist, wie das Triviale tiefsinnig. – Das gilt allen anderen voran für Pastoren, Politiker, Journalisten und Zeitgeistdenker.

Der einst besonnene Löwe (Th. M.) ließ sich von der geifernden und blindwütigen Hyäne (A. H.) solchermaßen reizen, daß er den zwielichtigen Äther über der Wüste mit seinem erschreckend-monotonen Gebrüll erfüllte.

Die instinktive Scheu des Halbgebildeten vor dem linguistischen Kleinod namens Genitiv führt zu grammatischen Ungetümen wie „des Ereignis“, „des Nachlaß“ oder auch „des Geheimnis“, ja selbst „des Geheimnis’“ und entblödet sich nicht „den Opfern zu gedenken“.

Wo dem Bedeutungsschwindler der Atem schwillt, schwillt dem nüchternen Sprachkritiker der Kamm.

Der November 1918, spätestens der November 1938 trägt den Epocheneintrag „Ende der alteuropäischen Kultur“.

Er versprach ihr, sie auf Rosen zu betten, doch sie stachen Dornen.

Vom sogenannten kommunikativen Austausch in sogenannten sozialen Medien abgegriffene geistige Physiognomien.

Die da geheimnistuerisch Türen zu öffnen vorgeben, die vom Beben der Geschichte längst aus den Angeln gehoben sind.

Kein Morphem ohne Phonem, kein Sinn ohne Laut, keine Seele ohne Leib.

Den Klassikern nachtrottende Poeme, Gespenster, die vergebens zu lächeln versuchen.

Lacrimae rerum – Wimpern der Wehmut, an denen sie glänzen.

Nur gewässertes Holz kann man biegen; wie die von Tränen befeuchteten Zweige des elegischen Gedichts.

„Die Sprache spricht.“ – „Die Sprache lügt nicht.“

Die Lüge verrät sich im Mißbrauch der Sprache.

Das pseudoedle Geschwätz von „der moralischen Bestimmung der Menschheit“, „der Völkerversöhnung“, „der sozialen Gerechtigkeit“ und „der endlichen sozialen Befriedung durch Gleichheit“ kann uns hinter dem Ofen der Indifferenz, auch wenn seine Gluten längst erloschen sind, nicht hervorlocken.

Die Art des Sterbens wirft nicht immer dasselbe Licht auf das vergangene Leben und seine Werke – der Selbstmord des „Größten Feldherrn aller Zeiten“ und jener eines Georg Trakl.

Pseudologen, die uns aufgrund eines moralisch verbrämten geschichtsphilosophischen Epochenschwindels dekretieren, was und wie wir heute zu denken und zu empfinden, zu malen, zu komponieren und zu dichten haben – nach Kandinsky abstrakt, nach Schönberg atonal, nach Mallarmé und Rimbaud enigmatisch.

Es wandelt nicht grundlegend unser Fühlen, Sinnen und Trachten, ob wir glauben, die Sonne drehe sich um die Erde oder die Erde um die Sonne.

Die angeschlagene Saite des Verses bringt Obertöne zum Erklingen, die wir bewußten Sinnes nicht mehr vernehmen; doch etwas in uns schwingt ihnen nach.

Im Gerichtsverfahren mit der Sonne kann die Erde nur den Mond als schwachen, beschwichtigenden Zeugen ihrer Unschuld vorladen.

Ohne Sonne keine Wahrheit, ohne Mond keine Dichtung.

Am Abendhimmel, der noch im Untergang der Sonne blutet, blitzt manchmal die Sichel des Monds, als habe sie die Wunde geschlagen.

Die Treppe der Sprache führt tief hinab zum Ufer des Stroms, und um uns ist nur noch Rauschen.

Der Hüter des Seins liegt in der Dämmerung auf der Ottomane, als würde er auf dem grauen Meer der Ungewißheit treiben, und murmelt vor sich hin: „Nur noch ein Gott kann uns retten!“

Wort der Lichtung, Lichtung des Worts, Feuersäule, Brot und Wein, feste Burg, Stab und Stütze – und nun: Welle, die unterm Kiel eines ruderlosen Bootes emporseufzt.

„Was ist das Wesen der Welt, der Zeit, der Zahl, der Geschichte, des Menschen?“ – „Was ist das Wesen der Bedeutung?“ – Sinnlose Fragen, an deren Beantwortung man seine Lebenszeit verschleudert, sind wie das Jucken eines Mückenstichs, an dem man immer wieder zwanghaft kratzt.

Sunt lacrimae rerum et mentem mortalia tangunt. (Vergil, Äneis, 1, 462)
„There are tears at the heart of things.“ (Seamus Heaney)

Ob wir nun den Ausdruck lacrimae rerum als Hinweis auf das Bejammerns- und Beklagenswerte menschlicher Schicksale und insbesondere jener verstehen, die in kriegerische Konflikte verstrickt sind wie auf dem Wandbild im Juno-Tempel, das dahingegangene Heroen des trojanischen Schlachtfelds wie Agamemnon und Menelaos, Priamos und Achilleus zeigt, deren Anblick Äneas zu Tränen rührt, den Genetiv demnach als subjektiven deuten, oder objektiv, wie es der irische Dichter Seamus Heaney tut, gleichsam Gaia selbst uns als trauernde Witwe vor Augen führen, diese Zweideutigkeit in der Ausdeutung des Genitivattributs gehört zum poetologischen Reichtum der Dichtersprache Vergils.

Sprachlicher Kretinismus, eine Folge des das Zentralorgan zersetzenden Zeitgeistvirus, faselt ungrammatisch von den „Geflüchteten“ (von Verben wie flüchten, gehen, stehen oder regnen lassen sich ähnlich wie von reflexiven Verben wie sich flüchten, sich waschen, sich schämen keine sinnvollen Passivformen bilden; sie haben sich geschämt, sie wurden beschämt, aber sahen nicht aus der Wäsche wie Geschämte, höchstens wie Unverschämte) oder den „Forschenden“ und „Studierenden“ (das Partizip Präsenz drückt die Aktualität der genannten Tätigkeit aus), als gehörten diejenigen, die das Labor oder das Seminar nicht aufsuchen, weil sie den Termin verbummelt haben, nicht zur Gruppe der angestellten Forscher und immatrikulierten Studenten.

Die kleinen Götter der Italiker, der Etrusker, Sabiner, Osker, die noch keine Römer unter dem kulturellen Druck der Griechen waren, die Verehrung von Manen und Penaten, die religiöse Aura um die alltäglichen Dinge und Tätigkeiten, Pflug und Türschloß, Furchen des Ackers ziehen und die Türe auf- und zuschließen, läßt uns gleichsam in eine mysteriöse Zwischenwelt blicken, die uns von Dichtern wie Hölderlin und Rilke, aber auch Mörike und Hofmannsthal erschlossen werden kann.

Der allegorische Blick. Sehen, wie in der träumerisch-selbstvergessen Einherschreitenden Aglaia oder Euphrosyne erscheint. Die Dichtung kann ihn evozieren, doch nur bei jenen, die, ohne es hellen Sinnes zu bemerken, gleichsam schon eingeweiht sind.

Im zähen Fluß des Geredes offenen Augen dösen. Die harte Fügung oder die zweideutige Formel des Gedichts (lacrimae rerum), an dem der Fluß wie an einem Katarakt stockt und der Hörer in ein helleres, gleichsam aufgischtendes Fühlen gerückt oder entrückt wird.

Die Aufteilung der Welt in Lebendes und Totes, Himmel, Erde, Unterwelt, Gewesenes, Anwesendes und Kommendes, Heiliges und Profanes, Götter und Menschen, ist sie eine unwillkürliche Widerspiegelung des Ungesagten, der Struktur der indoeuropäischen Grammatik oder wie Heidegger meint, die Schickung der Moira im Ereignis? – Man könnte freilich auch die Sprache selbst als dieses schicksalhafte Ereignis auffassen.

Phänomenologie der Dämmerung. Zwischen Tag und Traum wandelt sich das Antlitz der Dinge; es wird wohl fahler, doch ausdrucksvoller. Die Stimme ist gedämpft, das Auge befeuchtet schon ein dunkleres Wasser, die Schritte tönen leiser, vager, verlangsamen sich, scheinen sich zu besinnen, als spürten sie, wie sie einen somnambul durchmessenen Kreis beschrieben haben. Ein Wind kommt auf, der kaum noch Duftpollen des verlöschenden Sommers mit sich trägt, dafür aber silberne Flocken aus den Tälern ausgerauschter Wasser. Und wir reden, als sprächen wir mit unserem Schatten, und wir schweigen, wenn er sich mit dem dämmernden Laub, dem Schatten der Stille, vermischt.

Gewiß, in der Abendstunde, im Dämmerlicht ahnen wir eher, was Heidegger unter Seinsverlassenheit verstanden haben mag. Doch ist in dieser Leere auch eine andere Fülle, der nicht die Leere eines Verlangens korrespondiert, sondern die voll ist wie die obere Schale eines Brunnens, die überfließt, um sich in die untere Schale zu ergießen, voll wie die Wabe des Tags, deren goldener Honig schon in die Ritzen und Furchen des Traumes herabrinnt.

 

Nov 20 25

Wo noch Kräfte Heils

Wo noch Kräfte Heils,
zwischen Mühlensteine
dumpfen Dröhnens
sich zu stemmen,
bevor Gesicht und Rosenwort
zermahlen sind.

Wo noch blauer Hauch,
Schnee des Bahrtuchs
aufzuwirbeln,
bevor es um der Sehnsucht Schlaf
gewickelt fahlt.

Wo noch Stromgesang,
uns zu feuchten
ausgedörrten Sinn,
bevor der Mnemosyne Bucht
versandet ganz.

Wo noch süßes Licht,
Purpurknospe Herz
uns zu öffnen,
bevor der Schöpfung edler Keim
im Finstern fault.

 

Nov 19 25

Stein und Zweig

Durchs Dickicht kriech ins Dunkel ein.
Berühr den Stein.
Berühr den Stein.

Fühl in den Adern Gaias Pochen,
leit in dein Mark es, deine Knochen.

Durch greiser Eichen Wipfel steig.
Ächz mit dem Zweig.
Ächz mit dem Zweig.

Reck deinen Kopf in Ariels Wehen,
in süßem Sang magst du vergehen.

Ob Leid, ob Liebe, einerlei.
Herz brach entzwei.
Herz brach entzwei.

Das Dunkel heile dich, die Helle,
aus Tiefen, Höhen quillt die Quelle.

 

Nov 18 25

Der Nacht entgegen

Keine Seele hat noch Odem
unter truggewebten Netzen,
und wenn scharfer Kalk und Schatten
sich auf Fühlens Poren setzen.

Käm wer, das Gewirr des Sirrens,
Krusten, die das Wort ersticken,
abzutun getrübte Linsen,
daß wir still in Fernen blicken.

Doch sie wollen, Somnambule,
irren Blicks und tauben Ohres
schleichen hin zu dumpfen Takten
eines Eumenidenchores.

Ihn, der wagt, an goldnen Fäden
sich ins Rauschen zu versenken,
dunklen Brunnens helles Quellen,
wird des Pöbels Wut ertränken.

Und wer gläubig sah ihn schweben,
Wunder kündend, den Kometen,
sein verklärtes Antlitz werden
stumpfe Stiefel blind zertreten.

Angeführt von Wahnpropheten
wankt die Schar der Nacht entgegen,
und Verzückung reckt die Zunge,
taumelt nieder Ascheregen.

 

Nov 17 25

Gaukler Mond

Was geseufzt die Wasser leise,
floß ins Schilf der Dämmerschneise,
da wir spät ans Ufer gingen.

Und ich sah ein sanftes Leuchten,
deine Blicke Tränen feuchten,
die an scheuen Wimpern hingen.

Als wir in den Kahn gestiegen,
uns dem Wogen anzuschmiegen,
ließen wir die Ruder sinken.

Schwäne hat ein Traum geschaukelt,
lilienfahl der Mond gegaukelt,
daß wir Duft der Ferne trinken.

Und wir wähnten ihn zu hören,
Sang von graziösen Chören,
die am andern Ufer harrten.

Doch der Kahn stieß seine Rippen
wund an kahlen Felsenklippen,
und die sich gewiegt erstarrten.

 

Nov 16 25

Ferner Schimmer

„Alle Sehnsucht will nun träumen“
Gustav Mahler, Das Lied von der Erde: Der Abschied

Still ging sie, still in der Hand
eine weiße Blüte,
leuchtend wie von Sapphos Strand
orphisch-trunkne Mythe.

Weher Duft wob in der Nacht
Licht im öden Zimmer.
Wie aus Traumes tiefstem Schacht
sahst du fern den Schimmer.

Als am Fenster du gelehnt,
Wasser rauschten leise,
hast ins Südland dich gesehnt,
wo sie sang die Weise.

Lauschtest in den Briefen lang
auf den Ton, den reinen.
Was sich deiner Brust entrang,
war nur stilles Weinen.

Unter Schatten müd vom Warten,
Herz, es wird ertauben.
Liebe weiß in einem Garten
goldne Frucht von Trauben.

 

Siehe:
https://www.youtube.com/watch?v=pupM0j67Rxo&list=RDpupM0j67Rxo&start_radio=1

 

Nov 15 25

Ausgelallte Zunge

Schleppe, Schnee auf matten Fliesen,
somnambule Schöne.
Unerlöste Nymphe,
Nebel, Schauer feuchter Wiesen.

Honig, Gold der Wehmutwaben,
schwarze Knäuel, Bienen.
Ausgelallte, taube
Zunge hat verschmäht die Gaben.

Heißen Schlafs zerknülltes Laken,
Traum voll süßer Rufe.
Namen, zart versenkte
Angeln mit den Widerhaken.

Grüne Augen, tiefe Maare,
Wolke, Purpurfransen,
die im Nachtwind zärtlich
flattern um des Mondes Bahre.

Nebel rissen auf die Zähne
einer wilden Sonne.
Nur ein Reif aus Silber
tönte nach im Schlaf der Schwäne.

 

Nov 14 25

Der Sommer war sehr groß

Dem Andenken an Rainer Maria Rilke

Hier der Vers, ein Strunk, gereckt
aus dem Schnee der Asche,
und mit Kalk dein Sinngrün
von Schlafwandlern überdeckt.

Kühlung sucht umsonst das Wild
unterm kahlen Aste.
Rauch ist und kein Wasser,
was aus Erdenschründen quillt.

Spiegelte nicht hier ein Teich
Silber der Plejaden,
sangen Nachtigallen
hier nicht trunkner Muse gleich?

Gingen sie nicht Hand in Hand,
Psyche leicht und Amor,
wo ein Blau entsprossen,
das dein müder Reim noch fand?

Wir vergehn gedächtnislos,
haben schon vergessen,
wie des Wortes Honig
tropft: Der Sommer war sehr groß.

 



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