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Dez 14 25

Das Schneehuhn

Es hat gebrütet,
Nestlinge gehudert.

Jetzt wendet sich das Jahr.
Ihm sprießt Gefieder weiß,
da flimmernd
in den Abgrund fällt
der Schnee.

Es scheint den scharfen Blick
von Adler, Bussard, Falke
zu trügen,
geheimnisvoll ihm eingeprägt,
Instinkt.

Wie’s geschieht,
was ihm die Schneise öffnet
ins karge Winterlicht,
weiß niemand.

Dir aber ward die Sprache kahl,
ein Schneefeld,
dann und wann ein grauer Strich,
fern von Sommers
blumenbuntem Psalm.

Über dir blaut matt
ein Porzellan,
das unter einer schwarzen Schwinge
jählings klirrt.

 

Dez 13 25

Ich steh versunken

Gezwitscher, leise, frühlingstrunken,
aus winterharten Azaleenbüschen.
Ich harre, steh versunken.

Ich frag sie: „Kannst auch du es hören?“
Sie lächelt, süß, verlegen,
als würd mich Geistersang betören.

Bleicher Lilien Jenseitsleuchten
über Malen, moosverdunkelt.
Mir ist, als würden sich die Augen feuchten.

Ich frag sie: „Kannst auch du es sehen?“
Sie schweigt. Es kann der Holdsinn ja
Schwermut nicht verstehen.

 

Dez 12 25

Unterm Flaum des Lieds

Das Dröhnen der Brandung,
nachts,
an Kaliforniens Küste.

Als schlüge der Dreizack
an Gaias Stirn.

Selbst im zärtlichsten Geflüster
hörst du es von fern.

*

Der jähe Riß
in Himmels mattem Schiefer,
durch den das Blau der Stille quillt.

Als habe Pan das ausgeseufzte
Rohr zerbrochen.

Unterm goldenen Flaum des Lieds
ertastest du ihn auch.

*

Der über Nacht den Schmerz
gehüllt
in weißes Linnen, Schnee.

Als hätte seufzend ihn herabgefleht
der nun schläft, Ganymed.

An Hängen der Erinnerung
siehst leuchten du ihn noch.

 

Dez 11 25

Angst vor der Leere

1

Die feinen Riefen
im formbar-losen Sand,
Spuren der Flut,
die sie sich schuf
und bald verwischt.

2

Dunkle Wolkenballung,
die rasch in Fäden
feuchten Schimmerns
niederweht,
lichten Knäueln,
vom Wind gesponnen,
aufgelöst vom Wind.

3

Unsichtbarer Finger
launenhafter Luft,
der übers Wasser streicht,
Wirbel drehend,
links herum,
rechts herum,
hohle Entitäten
aus schierem aufgeschäumten Nichts.

4

Verse,
bildnerischen Denkens
fein gebaute Waben,
gefüllt mit herbem Honig
der Erinnerung.

5

Was uns im Mittagslicht
das runde Volle dünkte,
die zauberische Wohlgestalt,
mit schönen Namen anzurufen,
verschwimmt
zur blauen Stunde
in trübe Flecken Wehgefühls,
unsäglichem.

6

Lächeln,
das sich selber trinkt.
Fächer,
der sich selber kühlt.
Vers,
der in sich selbst verweht.

7

Ball,
von heißen Händen
in der blauen Luft
gehalten.

Vers,
von dunklen Rhythmen
zum Zenit des Sinns
geschwungen.

8

Geruch nach Holz und Honig
einer Kerze, die schon zagend flackert.
Und das Ticken einer Uhr
zwischen Jetzt und Ehedem:
Aura einer Stube, wo die Muse
mit dem Kater hinterm Kachel-
ofen gern geschnurrt.

9

Angst vor der Leere,
dunkelfeuchtem Sumpf,
wo Orchideen gleich
an wilder Schönheit
die hohen Knospen sprossen,
mit ihrem Wunderduft
des Einen, Reinen, Wahren,
Abendlandes Mythen.

10

Den Vers versteht nur,
wer ihn singt,
das Leben,
wenn er’s atmend
weiterspricht.

11

Abgrund
zwischen Jetzt und Einst.
Haarriß
zwischen Wort und Sinn.
Schwermut,
Sonnenfinsternis.
Klage,
Mond im Dämmerlaub.

 

Dez 10 25

Traumgelall

Augen?
Nein.

Namen?
Nein.

Aschen-
glut.

*

Wirbel?
Ja.

Flocken?
Ja.

Aschen,
fahl.

*

Gingen wir ans Ufer dort?
Arm in Arm.

War mein Haar schon grau?
Schiefermatt.

Singst du noch das Lied?
Stummen Munds.

Ist sein Duft verweht?
Hauch um Hauch.

*

Vogelrufe?
Nein.

Blütenzweige?
Nein.

Schluchzen
trunknen Schilfs.

*

Birkenlichtung?
Ja.

Moosvergilbte Male?
Ja.

Erinnerungs-
gestrüpp.

*

Was ruft uns aus ferner Zeit?
Traumgeläut.

Wer hüllt uns ins goldne Vlies?
Sanfter Tod.

*

Rauschen?
Ja.

Worte?
Nein.

Wasser-
Psalm.

*

Bilder?
Nein.

Schatten?
Ja.

Spiegel,
blind.

*

Hörst du auch das Wehen?
Laub der Nacht im Wind.

Siehst du auch das Funkeln?
Tau der Nacht im Mond.

*

Seufzen?
Ja.

Worte?
Nein.

Traum-
gelall.

*

Menschen?
Nein.

Moose?
Ja.

Stiller
Quell.

 

Dez 9 25

Made in Aspik

Phrase, waberndes Aspik,
ohne Nährwert, fade,
ins Abstruse stich nur, stich,
er ist tot, der Geist, die Made.

*

Fast bescheiden weist der Killer
auf ein, zwei, die er abgeknallt.
Auf Bergen steht der Heilserfüller,
von stummer Asche Dunst umwallt.

*

Scharlatane, Schwerenöter,
feuchten Auges, wenn sie lallen,
sanfte Würger, Seelentöter
mit lackierter Phrase Krallen.

*

Schwermutblaue Melodie,
Abenddämmerlaubes Zittern,
Blüte, fahl an Schattengittern,
duftet dem Gesunden nie.

*

Heute Transvestitenschau,
untermalt von Jazzgedudel.
Morgen Seelendusche lau
unter Rilke-Kitsch-Gesprudel.

*

Wenn Gottes Aug ihn immer sieht,
fand Nietzsches Feinsinn das obszön.
Auch diese Wahrheit ist nicht schön,
daß Hinz und Kunz am Schopf uns zieht.

 

Dez 8 25

Der ertrunkene Knabe

Sanft strich eine weiße Hand
aus der Stirne mir die Locke.
Ach, es war die deine.

Und ich fühlte heiß den Hauch,
der mir Tröstung zugesprochen,
daß ich nicht mehr weine.

Seufzend schobst den Vorhang du
vor dem Mond zur Seite,
Traumgeflimmer mir zu bringen.

Hast die Tür nur angelehnt,
aus dem Wust der Stimmen sollte
deine reine zu mir dringen.

Doch die Stimmen wurden Wogen,
in bacchantischem Gebrause
war die deine bald versunken.

Und ich stürzte mich hinab,
dich aus trüber Flut zu retten.
Bin ich damals nicht ertrunken?

 

Dez 7 25

Inklusen

1

Mit Sternen funkelnd,
fahl am Tag,
geisterhafte Wortkristalle.

2

Im Bernstein eingeschlossen
frühen Sinnens
Dunkelfalter.

3

Zwischen Falten samtener Stimmen
einer Perle
stummer Glanz.

4

Keiner Sonne aufgetan
scheuer Liebe Knospe,
voll geheimen Dufts.

5

Dunkeln Abgrunds Blitze.
Leere, traumgefüllt.
Blauer Ton der Stille.

6

Verbergung, die sich zeigt.
Verhüllende Erscheinung,
Gnade des Verzichts.

7

Im Schattenwald
verirrter Liebe
leiht ein wenig Licht
das Lied der Nachtigall.

 

Dez 6 25

Lyrische Vignetten

1

Durchs Mauseloch
des Vorgefühls
für die Gefahr im Schattenlaub
mußt du dich winden,
das Salz des Traumes
aus den Wimpern reiben,
um in der Lichtung noch zu sehen,
wie friedlich äst
das scheue Wild.

2

Mußt dich zwängen
durch die enge Pforte,
die zur Aussicht lädt,
zur klaren, wahren, stillen,
über eine Wendeltreppe
bangen Fledermausgewühls.

3

In die dunkle Furche Angst
mußt dich schmiegen
auf dem Gottesacker,
um blitzen sie zu sehen
die tausend kalten Nägel,
gehämmert
in den schwarzlackierten Sarg
der Winternacht.

4

Gelassen magst
ins Gras dich strecken,
das vom Gesumm
der Bienen zittert,
wenn kühle Tropfen
Taus dir auf die Stirne rinnen.

5

Hat gereicht sie dir,
der überschäumt
von herbem Duft,
den Becher ihres Munds,
lehne dich zurück
im Safransamt
des Abendrots.

6

Des Lebens Linien,
verwischt
im Schwelen
trunkner Glut.

Das Bild der Heimat,
versunken halb
in der Erinnerungen
Schnee.

Der Freunde Ruf,
Adieu,
überweht schon
vom Gebraus der Gischt.

7

Karfreitagsstille.
Nur das harte Holz der Klapper ächzt.

Verhängt
mit einem schwarzen Bahrtuch,
wo Verlassenheit
geschrien fernem Gott,
das Kreuz.

Erstickt am eignen Hauch,
das bei obszönen Lallern
einen keuschen Mund gesucht,
das Wort.

8

Pfade, überwachsen, am blauen Totenmaar,
Ahnungen, aufgesprudelt aus dem Grund.
Fern hörst du singen blasser Knaben Schar.
Still, sei still! Geister haben keinen Mund.

Und liegst du müd an hohen Sommers Saum,
Erinnerungen, Duft von Heu, vor Tag gemäht.
Wolke, o himmlisch-vergänglicher Schaum.
Schlaf ein, schlaf! Es ist worden spät.

 

Dez 5 25

Poetologische Variationen

1

Du siehst sich winden
einen Wurm
und wirfst die Birne weg.

Doch unreifen Schwärmers
feuchter Funkelton
hat dich an den Rand geführt,
wo ein Dunkel blufft.

2

Ein Satz,
ein Kleid,
weich geschmiegt
um des Gedankens
nackten Leib!

Den Vers reiß auf,
wenn er sich üppig bauscht,
und wende dich
vor einem rachitisch
eingekrümmten Skelett.

3

Von den blassen Fasern
der aufgeplatzten Puppe
schließt du nicht
auf eines zarten Falters
schillernden Flug.

Drehst du den Teppich um,
ahnst du im Gewirr der Fäden nicht
der Wiese Blumenpracht,
worauf man steht.

4

Herz,
das angeschlagen,
schwingt sich auf
in Obertönen,
Seraphim,
die du nicht mehr hörst.

5

Die das Blut verschmähen,
Selenes Töchter,
lauschen bang
auf des Sonnenstiers
dumpf dröhnende Hörner.

6

Scheue Reime,
Tropfen Milch,
die an der Charis
weißer Lende
rinnen hin.

7

Ausgezehrten Wortes
mürbe Lippe,
nach einem Tropfen Wahrheit
dürstend.

Fetter Wanst,
in der Rhetorik seichtes Wasser
trübe Schäume
klatschend.

8

Schwankend
in der blauen Schale,
Knospe
Vers,
wie vor Scham
verschlossen.

Im Strahl
der untergehenden Sonne,
wenn du auf schwermutweichen
Kissen liegst,
geht ein Duft
durchs Zimmer.

9

Vers,
vor Durst
allzu gierig abgepflückte Frucht
des frühen Sonnentags,
wässrig noch.

Honig
aus der Erinnerung Waben
schmeckt erst süß.

10

Außen weich wie Schmand, doch innen trocken,
Blätterteig-Sonette, überstäubt
von gereimten Puderzuckerflocken,
hatten unsre Zungen schon betäubt.

Du gabst uns den Honig wilder Bienen,
Stachelbeeren, Quitten, rohe Kost,
und die sauer schmeckten, Apfelsinen –
da erquickte Liedes herber Most.

 

Dez 4 25

Ins Dunkel nachgehallt

Töne, die uns sanft bezwungen,
sind ins Dunkel nachgehallt.
Was die Muse vorgesungen,
Wehmut hat es nachgelallt.

Als am Ufer wir gegangen,
schluchzte uns die Welle nach.
Im Gespinst hat sich verfangen
Mond, der durch die Halme brach.

Hatte ich das Haupt gebettet
in der Liebe stummen Schoß,
schien ich vor mir selbst gerettet,
eitlen Wünschens Fessel los.

Und die Mauern der Verliese,
wo den Kopf ich schlug mir wund,
sanken hin vor einer Wiese,
wo die Quelle sang, dein Mund.

Aufgetan hat sich die Blüte,
die ich, Liebste, dir gebracht.
Als sie noch im Dämmer glühte,
war vollkommen Tag und Nacht.

 

Dez 3 25

Fetten Gurus Schwindsuchtseelen

Nicht sich schleppen mehr ins Graue
auf zwei krummen Haxen,
über sich hinaus ins Blaue
wollten sie nun wachsen.

Psalmodierte Wortkaskaden,
hoher Braue Bogen,
kühl in grünen Augen baden,
Bann, er ward gezogen.

„Müßt nur immer Traummus schlabbern,
flieht vor Wein und Würsten.
Eignes Mark nur wollet knabbern,
Mond stillt euer Dürsten.“

Und sie taten’s voll Entzücken,
wurden blaß und blasser,
huschten, dürr wie Geistermücken,
übers trübe Wasser.

Andre waren nur ein Flocken
Schnee auf Zitterstielen.
Keine Sonne konnte locken,
die ins Dunkel fielen.

Eine schwebte, zarte Fluse,
barsch gerupft im Schlummer
aus dem Haar von Sapphos Muse,
wie ein Traum, ein dummer.

Nur des einen Wanst, der pralle,
glänzte unterm Grinsen
vollen Monds, und seine Kralle
strich sie ein, die Zinsen.

 

Dez 2 25

Vor der unsichtbaren Wand

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

– Hier geht’s nicht weiter.

– Ist da eine unsichtbare Wand?

– Ja, unsere Art, zu denken und zu sprechen.

– Doch können wir nicht denken, was wir nicht sagen können; nicht das Unsagbare denken?

– Nur durch und mit und innerhalb der Sprache können wir uns gleichsam über ihre innere Grenze krümmen, in die Falte des Ungesagten schmiegen.

– Ja, die Wand ist die Metapher für die Sprache, die fensterlos wie die Monade ist und wie diese das Ganze der Welt in nuce enthält, allerdings nicht wie bei Leibniz in Form mehr oder weniger bewußter Wahrnehmungen, sondern als Totalempfindung oder Gestimmtheit, die wir nur durch paradoxe Bilder und Metaphern zum Ausdruck bringen können.

– Sehen wir das Morphem oder das Wort als subgrammatisches Teilchen, können wir es doch zugleich als Moment oder Funktion des Satzes, der grammatischen Welle, begreifen.

– Aber Teilchen und Welle, Wort und Funktion, Morphem und Struktur sind anders als ihre physikalischen Analoga einander ungleichartig und nicht äquivalent.

– Sage ich hier, muß ich dort sagen können, wenn wir ein Stück Weges gegangen sein werden; sage ich jetzt, muß ich auch soeben oder gestern oder vorgestern sagen können, wenn wir eine Weile weitergelebt haben werden.

– Aber wir können von keinem Außerhalb der grammatischen Funktion sprechen, mittels derer wir einen Ort oder einen Zeitpunkt festlegen.

– Doch dies können wir wohl sagen, daß sich außerhalb dieses gleichsam grammatisch-transzendentalen Rahmens nichts Sinnvolles sagen läßt.

– Paradoxerweise haben wir ein Wort für das Unsagbare, das wir vor den singulären Anfang der Zeit zu setzen pflegen: Ewigkeit; ähnlich dem Schweigen Gottes, das wir vor den Anfang der Welt durch die creatio ex nihilo im Wort zu setzen pflegen.

– Ja, das Schweigen, und diesem vor dem Sagen liegenden Nichtsagen entspringt wie eine geisterhafte Vakuumfluktuation das Wort, das wiederum nur als Wort-vor-dem-Wort zu begreifen oder eben nicht zu begreifen ist.

– Das Schweigen, jenes Schweigen, und das Wort, jenes Wort, sind gleichsam spinozistische Attribute der göttlichen Substanz, die Spinoza ja mit der Natur als natura naturans, also einer vorgeschöpflichen Natur, Natur-vor-der-Natur, gleichsetzt.

– Schweigen ist eine Metapher, die wie alle absoluten oder transzendentalen Metaphern an der Grenze unseres Sprachvermögens notwendig scheitert und zerschellt. Denn was wir schweigen nennen, ist ein Moment unseres Sagens, nämlich beispielsweise auf eine Frage nichts zu antworten. Ein außersprachlicher Begriff des Schweigens scheint uns unzugänglich; so auch das Schweigen Gottes. Es ist gleichsam ein Schweigen jenseits des Schweigens.

– So auch das Wort jenseits des Worts. Wir glauben zu kennen, was wir flüchtig benennen; während das schöpferische Wort dem Benannten gleichsam innewohnt, dem Blute gleich, das in ihm pulst und es belebt.

– Indes vom Schweigen jenseits des Schweigens, vom Wort jenseits des Worts trennt uns eine unsichtbare Wand.

– Es gibt hier keine Tapeten- oder Geheimtüren in ein Reich jenseits des Seins, und alle Spekulationen über dessen Landschaften und Bewohner sind metaphysische Variationen eines mentalen Tischrückens.

– Sicher. Aber dies mindert das Mysteriöse dessen, was wir unser Leben und Sterben unter den Gestirnen des Fatums nennen, keineswegs.

– Wir verspüren es umso schmerzlicher an den Beulen, die wir uns nach Wittgenstein bekanntermaßen einhandeln, wenn wir mit dem unbelehrbaren Kopf gegen die unsichtbare Wand schlagen.

– Ja, es ist wie mit der Wanderung durchs Gebirge; bei klarer Sicht steigen wir auf, doch dann irren wir orientierungslos im jählings aufgekommenen dichten Nebel umher, ständig in der Angst, in einen Abgrund zu stürzen.

– Sehen wir indes im Ungefähr ein Licht aufschimmern, tasten wir uns bis zum Eingang der Schutzhütte, wo wir Unterschlupf zu finden hoffen, wer weiß, bei welchen unterhaltsamen Verköstigungen.

– Das wäre eine allzu sentimentale Idee von einem sprachlichen Idyll, als wäre Poesie eine begrünte schwimmende Insel im Meer des Ungewissen.

– Gleichsam wie Vergils Insel der Seligen am Rand des Feuermeers der Hölle.

– Indes nicht sentimental, insofern die Seligen von ihrer Insel aus in der Ferne die Qualen der Verdammten durchaus wahrnehmen können – und vielleicht nur so erfahren, daß sie entronnen sind.

– Und der Nebel, den wir Wanderer aus dem Fenster der Hütte erblicken, ist ja durchaus Teil des Elements, das wir atmen, das uns nährt.

– Wenn er sich lichtet, erreichen wir wohl noch den Gipfel. Was sehen wir aber? Weitere Gipfel, ferne, unerreichbare, unersteigliche. Und darüber das Blau des Himmels, gleichsam die luftige Substanz, die sich mit noch so feinen Instrumenten unseres Denkens und Sprechens nicht zerlegen läßt.

– Die unsichtbare Wand.

– Die unsichtbare Wand, an der keine Geisterschrift erscheint, deren Sinn uns meinen könnte.

– Das Blau des Himmels, wenn es nicht nur ein meteorologisches Phänomen bezeichnet, sondern uns als Metapher für unsere sprachliche Existenz dient, mit der wir die gleichsam stofflich-unstoffliche Substanz der Welt bezeichnen.

– Sie mutet geisterhaft und rätselhaft an, wie der Nebel, der uns einhüllt und den wir durchdringen, aber wie die Struktur des sprachlichen Daseins nicht zerschneiden oder vollständig zerlegen und analysieren können; anders als das meteorologische Phänomen, das wir ohne weiters chemisch analysieren können.

– Darin gleicht die Metapher des Nebels dem, was der Dichter Heinz Piontek das Undurchschaubare nennt, und intuitiv hat er beides in dem Gedicht mit dem Titel Orakel verknüpft, in dem er ein bretonisches Dorf am Meer evoziert und sich aufgefordert fühlt, durch seine totenstillen Straßen zu gehen: Hinunter zum Meer –/wo Nebelbänke ankern,/das letzthin Undurchschaubare gewaltig/sich gelagert hat.

– Man könnte auch von der Fülle des Wohlklangs sprechen, die wie in Bachs Wohltemperiertem Klavier das Unaussprechliche, ohne es konkret auszusprechen, dennoch ausspricht.

– Oder von Variationen über ein geheimes Thema, das sich wie das Dunkel offenbart nur, wenn allererst ein noch so schwacher Lichtschein erlischt.

– Ja, ein Dunkel jenseits des Dunkels, das nicht vor der Sonne Platons zurückweicht, sondern ein wesentlicher Bestandteil der Dämmerung bleibt, die unserer sprachlich-existentiellen Situation entspricht.

– Es ist, als gingen wir über die transparente Fläche eines zugefrorenes Sees, in dem ein Unterwassermond sein fahles Licht auf seltsame unbekannte Gewächse wirft.

– Wir könnten sie Traumbildern vergleichen; nur, daß sie nicht wie die gewöhnlichen oder auch ungewöhnlichen einer Deutung zugänglich sind.

– Traumbilder, jenen Kafkas ähnlich, die wir nicht als leicht oder auch schwer zu dechiffrierende Symbole ansehen, sondern als kristallisierte Rätsel-Allegorien, kristallisiert und kondensiert aus dem trüben Dunst unseres sprachlichen In-der-Welt-Seins.

– Es ist, als hörten wir ein Knacken oder Rauschen in der Leitung und die uns bisher so vertraute Stimme klingt fern und fremd wie unter Wasser, dem Traumwasser in den kommunizierenden Röhren dessen, was nur Toren Medium der Mitteilung zu nennen pflegen.

– Wir könnten auch an das Flußbett denken, von dem Wittgenstein spricht: Fluß, der uns selber meint als sprachliches In-der-Welt-Sein, der von uns unbemerkt allmählich seine Ufer bildet und umbildet.

– Wir könnten vielleicht in den herausgehobenen Momenten lyrischen Sprechens fühlen, wie der Fluß etwas Unheimlich-Drängendes annimmt, je näher er der Mündung ins Meer kommt.

– Nun, löst er sich im Meer, in einem universalen Rauschen, nicht gänzlich auf?

– Gewiß, er fließt noch und scheint den ruderlosen Kahn unserer Existenz mit sich fortzutragen, doch in Wahrheit hat er sich immer schon im Grenzenlosen, im Unendlichen, im Rauschen oder Schweigen aufgelöst.

– Immer schon aufgelöst, und doch sind wir da, sehen uns an, reden in einiger Gelassenheit miteinander.

– Es ist, als sprächen lebende Wesen im Licht, doch in Wahrheit sind sie schon Schatten in jener Unterwelt, wovon ein Vergil, ein Dante spricht.

– Die Sprache wäre die Höhle nicht, die uns gefangenhält, sondern der raumzeitliche Hohlraum, der uns birgt, und die Schatten an der Wand unsre eigenen.

– Und das Licht, das sie wirft, strahlt nicht von der Sonne des Guten, sondern vom ewigen Weltenbrand.

 

Dez 1 25

Der Dichter und die Namen

Wie verehrte Namen,
goldnen Sommers Eichen,
kahl in Nebelschleiern
Wahngespinsten gleichen.

Die uns Sonnen schienen, Rosen
über grüner Feuchte Samt,
sanken bleich wie Sapphos Monde
hin zu Schatten, namenlosen.

Andre, die gleich Turteltauben
im Gebälk des Traums gegurrt,
ließen uns nur fahle Flusen
unter schwermutzarten Gauben.

Wälze, Dichter, blättre auf
märchenbunte Alben
und laß in die Bläue flattern
holde Namen, Sommerschwalben.

Auch ein Herz, das angeschlagen,
schwingt sich aus in Obertönen.
Auch der Anmut Blumenstille
gibt dir, Dichter, viel zu sagen.

Irdnen Liedes Schale schiebe
in der Quelle Flechtenbart,
daß sie tröpfelnd widerklingen,
Namen unnennbarer Liebe.

 

Nov 30 25

Am Saum des Unversäumten

τῶν δ’ ὅς τις λωτοῖο φάγοι μελιηδέα καρπόν
οὐκέτ’ ἀπαγγεῖλαι πάλιν ἤϑελεν οὐδὲ νέεσϑαι,
ἀλλ’ αὐτοῦ βούλοντο μετ’ ἀνδράσι Λωτοφάγοισι
λωτὸν ἐρεπτόμενοι μενέμεν νόστου τε λαϑέσϑαι.

Aber wer da gekostet des Lotos Früchte, die süßen,
will nicht Kunde bringen davon, nicht heimwärts mehr kehren,
sondern dort bei den Lotosessern will er stets bleiben,
um den Lotos zu pflücken, der Heimkehr aber vergessen.

Homer, Odyssee, 9. Gesang, 94–97

 

In Träumen irrest bang du umher
an potemkinschen Fassaden
unbekannter Städte,
durch Nebel fremder Sprachen
tastest vergebens du dich,
dem Hauch deines Mundes mißtrauend.

Aus dem Schalter des Bahnhofs
ertönt die Stimme der Sphinx:
„Wohin geht denn die Reise?“

Doch du weißt es nicht.
Kennst ihn nicht mehr,
der Heimatstadt trauten Namen.

In Wahrheit lebst du ja
schon lang nicht mehr dort.
Die trübe Woge deines Epos
spie an fremdem Ufer dich aus.
Da harrte deiner nicht Nausikaa.

Und jener Name ist wie eine blasse
Vignette am Rand von Traumnotizen,
ein Wasserzeichen auf dem Brief,
dem Niemandsbrief an keinen,
das manchmal vage schimmert,
hältst du ihn ins Gegenlicht
des Sonnenuntergangs.

In Wahrheit wärst du dort auch fremd –
fremder als Odysseus’ Weggefährten
auf der Lotosesser-Insel,
die nicht mehr wissen,
was Heimat ist und Vaterland.

Fremd auch dort und dort und dort,
was immer du am Schalter nennen magst,
ob Meßkirch oder Ilmenau,
Rom, Paris, Berlin.

Setz dich zu den Alten auf die Bank
am Saum des Unversäumten.

Denk dir, du drehtest langsam
die Lotosblüte in der Hand.

Eine Dohlenfeder tät es auch,
ein Zigarrenstummel.

Sieh die Häuserfronten rings
gleich Traumfassaden
oder eines stümperhaften Bühnenmalers
hohles Pappmaschee.

Laß Nebel um dich wallen.

Dunst der Muttersprache
kondensiert gen Abend
zu Tropfen Taus
von rätselhaftem Glanz.

(Doch du erwachst
in einen anderen Traum.
Nachts liegst du auf der Bank,
an Hand und Fuß gefesselt,
verschleiert ist der Blick
von beißenden Partikeln,
Flocken von Asche und Ruß
eines würgenden Idioms,
die langsam auf dich fallen.
Dann hörst du Schritte kommen
und Schnalzen, das schon
ätzend an dir niederrinnt.)

 

Nov 29 25

Laßt mich, ich will schlafen

Aus: Kindheit in Alt-Metternich

Der Waschtrog brodelt,
sie klatschen weiße Laken.
Winseln aus dem Hinterhof.
Laßt mich, ich will schlafen.

Wie ich blöde lausche,
halb erstickt im Blumenkissen,
gurren Tauben auf dem Sims.
Laßt mich, ich will schlafen.

Silberlöffel klirren,
Porzellane springen,
abgeschnitten wird mein Ohr
von ferner Säge Trance-Gesängen.

Sonnendunst-Wollustchimären,
gaumentaub Vokabeln büffeln,
amo, amas, amat.
Und die trunkne Biene summt.

Angelus-Geläute wehen
Weihrauch in das Schamgefühl,
daß ich mich verschlucke,
als wär’s der faule Krotzen Seele.

Abends unterm heißen Dach,
das sie nach dem Feindbeschuß
einst mit Planen deckten,
öffne ich die Sternwartluke.

Fremde Seele, kommst du, Mond,
um mich heimzusuchen,
oder mich zu tränken
mit keuscher Milch der Niemandsstille?

Auf seines Schuppens Stufe
hockt mit dem Harmonium
schon der Gnom, der Antipode,
spielt Zigeunerweisen.

Mutter sitzt im Dämmerschein
einer Wehmutkerze,
harrt des Manns, der mich gezeugt,
süßen Elends Waben füllend.

Schoß, o kalt gewordener Schmerz,
ohne Samt, das Haupt zu bergen.
Im Dornenhag, wo ich geboren,
blüht, um still zu schlafen, mir kein Mohn.

Nein, kein Rauschen, Ächzen nur
aus alter Linde Dämmerkrone.
Dunkles Scharren, Unheilsmuhen
im dunggewärmten Stalle.

Morgens Keuchen und Erbrechen,
traumgewürgte Atemnot,
blutig ist das Laken.
Laßt mich, ich will schlafen.

Flüstern, Fluchen, Weinen,
die Tür barsch zugeworfen.
Großmutter liegt im Sterben.
Weinen, Beten, Schreien.

Laßt mich, laßt mich schlafen.

 

Nov 28 25

Metamorphosen des Dichters

Was aus der Grotte Schädel ihm einst sproß
und wogte in den Nacken, wüste Strähnen,
verzwirnte Knäuel, schien ein Widerspiel
des wirren Sinnens, das im Dunkel floß.

Bald wand das Wuchern er zum Dichterschopf.
Im Jambenmaß sah man ihn heiter hüpfen.
War, was er sann, auch kraus, Wind strich durchs Gras,
schon rief im Versgebüsch ein Wiedehopf.

Dann glänzte jäh, ein Amazonenschild,
des blanken Schädels spiegelnde Rotunde.
Wahn knirschte bacchisch-nackt an Pontos Strand,
Blutnägel rupften Büschel wollustwild.

Auch diese hat ihm Schwermut abrasiert,
als ihm der Liebe Sternenlied erloschen,
er sah den Trauerbaum am Ufer kahl,
und wie der Sage grüner Strom gefriert.

Da wurden ihm die Augenbrauen grau,
und spröde, die einst weich gebebt, die Lippen.
Nur selten hing an Verses Wimpern noch,
ins Schweigen rinnend, matter Wehmut Tau.

Als man ins bleiche Bahrtuch ihn gehüllt,
hat fahl sein Antlitz wie ein Blatt geschimmert,
leer und vergilbt, als Wasserzeichen nur
trat stumm hervor ein Lächeln, mondlichtmild.

 

Nov 27 25

Der Erde treu

Ob Cirrus, Cumulus, ob Stratus: hehre
Metaphern eines alten Weltgedichts.
Luft, Feuchte, Strahlung, kristalliner Glanz:
Chimärenflug vor Himmels blauer Leere.

Der Erde treu geh mit dem Gang des Lichts,
denn hinterm Blau des Himmels blaut uns nichts.

Wir mögen nicht im Mittelpunkte stehen,
die Kunde hat gemindert nicht die Frucht,
ihr goldnes Schwellen, nicht der Knospe Drang,
sich aufzutun, wenn Eos’ Seufzer wehen.

Der Erde treu geh mit dem Gang des Lichts,
denn hinterm Blau des Himmels blaut uns nichts.

Traum Gaias: wieder blühen nach dem Welken.
Was Schweiß auf dem gequälten Angesicht,
ist an der Lilie zarter Lippe Tau,
des Dichters Wermut Bienen Seim von Nelken.

Der Erde treu geh mit dem Gang des Lichts,
denn hinterm Blau des Himmels blaut uns nichts.

Die Götterbilder: fluoreszierende Schwämme,
fern überm Meeresabgrund Ewigkeit.
Uns aber, Wandrern auf dem Grat der Zeit,
frißt immerfort die Brandung weg die Dämme.

Der Erde treu geh mit dem Gang des Lichts,
denn hinterm Blau des Himmels blaut uns nichts.

 

Nov 26 25

Später Gang zum Waldfriedhof

Nah ein Zwitschern, zwielichtbang,
nah ein Seufzen weicher Wasser,
um uns Rebenlaubgeflamm.

Fern der Birkenlende Splittern
und das Knirschen ihres Schnees
unterm Totentanz der Axt.

Harsch ins Dickicht brach das Holz,
und sein Ächzen hat erstickt
weicher Knebel Dunst.

Uns bogen sich die Schatten zart
um einer Quelle Felsenmund,
milden Träufelns Traumgelall.

Da hab den Vers ich hergesagt:
„Gesang der Flammen muß verrauchen.“
Hast jählings du geweint?

Durchs Dämmergrau des Waldfriedhofs
zog eine Schneise Veilchenlicht
Kuckucks trunkenes Geschluchz.

Moos rieb ich ab vom Mal und Farne,
und der Zwillingsvers schien auf:
„Duft stummer Blüten will ich hauchen.“

 

Nov 25 25

Wohin denn

Wohin denn! Tag ist ja zur Hälfte Nacht,
und an den Wimpern klebt die Dämmerung.
Nur jene Wolke, fern und weich und weiß,
gibt Ahnung uns von blauen Südens Licht.
Wir liegen einsam, dumpf gefällte Hölzer,
Scheiten gleich im Hinterhof der Nacht,
die auf die Glut des Herdes warten, einmal
bevor sie fahl zerfallen noch zu singen.
Doch keiner hebt uns auf zum letzten Dienst,
auf blasse Wangen Schimmer hinzustreuen,
zu spenden Augen, die schon dunkeln, Glanz.
Nein, wir treiben hin wie tote Blätter,
unser Sang ist trocknes Rascheln bloß,
und der Rest des fast ertaubten Fühlens
vager Traum von ausgerauschten Wipfeln,
da wir geatmet mit den Schwestern still,
den Sinn des Daseins herrlich zu begrünen.
Nein, Nebel sind wir schon und kalter Dunst,
der niedersinkt auf öde Fensterscheiben,
und bald gefriert im schneebetörten Wind
zu Blumen eines vorgetäuschten Lebens.
Daß wir seufzend bald doch niedertauten,
schwach noch glitzerten im Gnadenstrahl
eines Sommers, weit und reich und golden,
und im Dunkel nährten lichtes Grün.

 

Nov 24 25

Somnambule Blicke

Ein Fenster hat im Hof des Traums geklirrt.
Ins Dunkel taumelte
die Blüte einer Bougainville.

*

Schlafgemach,
wo Mondes Wehmuthauch
umsonst den Spiegel trübt,
der für die müde Seele lang schon blind.

*

Goldnen Hornes Ruf,
Herold, der unterwegs
die Botschaft schon vergaß
und sich im Rauschen
fahlen Laubs verlor.

*

Der am Saum des Tags gezagt,
weicher Tropfen Abendlicht,
fällt im Nu. Die Rose schließt,
das noch sonnenwarm, ihr Lid,
und der Schwermut Aug erglänzt.

*

Das durch Flammen ging,
reiner Liebe Kind,
steigt empor
ins Geflirre
hymnischen Gesangs.

*

Kaum ans Herz gestrichen,
Bogen sanfter Glut,
und schon rötet sich
samtenes Meer der Nacht.

*

Von Sternengischt umschäumt,
die Jade hoher Woge steht,
wie auf den Bildern alter Meister,
als wär erstarrt die Zeit.

*

Das Siechtum nickt,
gleich einer kranken Puppe,
in die unterste Lade
vom Überdruß gelegt,
und nuschelt zahnlos,
wenn auf dem Smartphone
flimmert
Menetekel,
Mene, Mene, Tekel.

*

Wollust, die sich windet
in unsichtbarer Boa
Würgegriff.

*

Ein Kokon baumelt
an Klothos Faden
in der Fensternische,
die Raupe starb darin.
Kein Flügel brach ins Licht
ihm, der hier einsam
hauste.

*

Auf den Kopf gestellte
Karyatide.
Weh, wenn der Architrav
die Ferse kitzelt.

*

Ein Kinderkopf trägt einen Turm,
da wohnen Eltern und Verwandte.
Ferner Ahn ruft von den Zinnen:
„Schlaf ein, mein Herz, schlaf ein!“

*

Auf dem Regal in ihrer Küche
in Reih und Glied
märchengrünen Schimmerns
Einmachgläser
mit niedlich eingeschrumpften
Embryonen.

*

Ein femininer Beau lehnt,
devot wippt sein Eunuchenschopf,
zwischen den Tatzen einer Tigerin,
schaut in ihr kaltes Raubtierauge,
das eigne feucht vor Dankbarkeit,
daß sie ihn hat noch nicht zerfetzt.

 

Nov 23 25

Früher Bilder Pracht

Dem Andenken an Johann Hilten

Der Bottich schien von Algen grün und Tang,
auf einem Blatt trieb glitzernd eine Mücke.
Warst du’s, der vor sich hin gen Abend sang
von Sommertags unnennbar süßem Glücke?

Wir Kinder haben um das Ohr geschmiegt
uns Büschel, schwer von Kirschen oder Beeren.
Der Quell der Freude war noch nicht versiegt,
was Abschied nahm, es wollte wiederkehren.

Nun ist verfault der Bottich in der Nacht,
der sternenlosen, die Bäume umgehauen,
verblichen ist der frühen Bilder Pracht,
trüb stiert der Abschaum auf geteerten Auen.

Verklungen ist, was weich getropft, und stumm
ins zarte Moos der Dämmerung geronnen.
Wo sich gebeugt des Ahnen Rücken krumm,
schwirrt toter Fittich unter fahlen Sonnen.

Weißt, Dichter, du noch jene Melodie,
die deiner Mutter Vater einst gesungen?
Hebt dich die Seele in die Elegie,
als liehe Atem sie den müden Lungen?

 

Nov 22 25

Lichter Schleier

Herabgesunken von Dianas Wangen
scheint einer Wolke lichter Schleier,
der langsam vor dem Saphirblau der Nacht hinschwebt,
als hätte ihn Vermeer gemalt.

Wir wollen noch ein wenig weilen,
wo uns herauf das Wasser tönt,
als wär’s in heimatlichen Auen
oder uns vertraut von Pindars Quell.

Auch von Schilfes dunklem Wehen
magst du sanfte Schauer fühlen,
wenn Glitzern, Tropfen trunkner Nacht,
daran herniederrinnt.

Wie eine Seele, die in stiller Andacht betet
für eine, die entschlafen ist,
blüht lilienfahl die Knospe Mond,
um dem Grabmal bald sich hinzuneigen.

Ein Funken sank in eine graue Lache
wie aus der Locke Berenikes.
Im Abendrot stieg aus dem Staub
der Anmut keusches Inkarnat.

Vom Schleier blieb ein Flaumgeflimmer,
als hätt’s der Knabe hold gezupft
von seiner Mutter jenseitsblauem Samt
auf einem Bildnis von Bellini.

 

Nov 21 25

Lacrimae rerum

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Sagen, wir, der eigentliche Gedanke entspreche der Fleisch- oder Fischeinlage mit einem gewissen Nährwert, das bedeutungsvoll klingende, aber inhaltsleere Gerede darum herum dem mit Gelatine gebundenen Gallert, wie man sie bei Aspikgerichten findet; berechnen oder taxieren wir jeweils das Verhältnis von geistiger Substanz und rhetorischem Blendwerk. – Bei etlichen Meinungsbekundungen sind wir, denn wir kennen die Verkünder, nicht überrascht, unter einer schillernden Hülle wabernder verbaler Schwellkörper nach mühsam-unappetitlicher Suche auf einen kümmerlichen Brocken und Bodensatz zu stoßen, der so nahrhaft ist, wie das Triviale tiefsinnig. – Das gilt allen anderen voran für Pastoren, Politiker, Journalisten und Zeitgeistdenker.

Der einst besonnene Löwe (Th. M.) ließ sich von der geifernden und blindwütigen Hyäne (A. H.) solchermaßen reizen, daß er den zwielichtigen Äther über der Wüste mit seinem erschreckend-monotonen Gebrüll erfüllte.

Die instinktive Scheu des Halbgebildeten vor dem linguistischen Kleinod namens Genitiv führt zu grammatischen Ungetümen wie „des Ereignis“, „des Nachlaß“ oder auch „des Geheimnis“, ja selbst „des Geheimnis’“ und entblödet sich nicht „den Opfern zu gedenken“.

Wo dem Bedeutungsschwindler der Atem schwillt, schwillt dem nüchternen Sprachkritiker der Kamm.

Der November 1918, spätestens der November 1938 trägt den Epocheneintrag „Ende der alteuropäischen Kultur“.

Er versprach ihr, sie auf Rosen zu betten, doch sie stachen Dornen.

Vom sogenannten kommunikativen Austausch in sogenannten sozialen Medien abgegriffene geistige Physiognomien.

Die da geheimnistuerisch Türen zu öffnen vorgeben, die vom Beben der Geschichte längst aus den Angeln gehoben sind.

Kein Morphem ohne Phonem, kein Sinn ohne Laut, keine Seele ohne Leib.

Den Klassikern nachtrottende Poeme, Gespenster, die vergebens zu lächeln versuchen.

Lacrimae rerum – Wimpern der Wehmut, an denen sie glänzen.

Nur gewässertes Holz kann man biegen; wie die von Tränen befeuchteten Zweige des elegischen Gedichts.

„Die Sprache spricht.“ – „Die Sprache lügt nicht.“

Die Lüge verrät sich im Mißbrauch der Sprache.

Das pseudoedle Geschwätz von „der moralischen Bestimmung der Menschheit“, „der Völkerversöhnung“, „der sozialen Gerechtigkeit“ und „der endlichen sozialen Befriedung durch Gleichheit“ kann uns hinter dem Ofen der Indifferenz, auch wenn seine Gluten längst erloschen sind, nicht hervorlocken.

Die Art des Sterbens wirft nicht immer dasselbe Licht auf das vergangene Leben und seine Werke – der Selbstmord des „Größten Feldherrn aller Zeiten“ und jener eines Georg Trakl.

Pseudologen, die uns aufgrund eines moralisch verbrämten geschichtsphilosophischen Epochenschwindels dekretieren, was und wie wir heute zu denken und zu empfinden, zu malen, zu komponieren und zu dichten haben – nach Kandinsky abstrakt, nach Schönberg atonal, nach Mallarmé und Rimbaud enigmatisch.

Es wandelt nicht grundlegend unser Fühlen, Sinnen und Trachten, ob wir glauben, die Sonne drehe sich um die Erde oder die Erde um die Sonne.

Die angeschlagene Saite des Verses bringt Obertöne zum Erklingen, die wir bewußten Sinnes nicht mehr vernehmen; doch etwas in uns schwingt ihnen nach.

Im Gerichtsverfahren mit der Sonne kann die Erde nur den Mond als schwachen, beschwichtigenden Zeugen ihrer Unschuld vorladen.

Ohne Sonne keine Wahrheit, ohne Mond keine Dichtung.

Am Abendhimmel, der noch im Untergang der Sonne blutet, blitzt manchmal die Sichel des Monds, als habe sie die Wunde geschlagen.

Die Treppe der Sprache führt tief hinab zum Ufer des Stroms, und um uns ist nur noch Rauschen.

Der Hüter des Seins liegt in der Dämmerung auf der Ottomane, als würde er auf dem grauen Meer der Ungewißheit treiben, und murmelt vor sich hin: „Nur noch ein Gott kann uns retten!“

Wort der Lichtung, Lichtung des Worts, Feuersäule, Brot und Wein, feste Burg, Stab und Stütze – und nun: Welle, die unterm Kiel eines ruderlosen Bootes emporseufzt.

„Was ist das Wesen der Welt, der Zeit, der Zahl, der Geschichte, des Menschen?“ – „Was ist das Wesen der Bedeutung?“ – Sinnlose Fragen, an deren Beantwortung man seine Lebenszeit verschleudert, sind wie das Jucken eines Mückenstichs, an dem man immer wieder zwanghaft kratzt.

Sunt lacrimae rerum et mentem mortalia tangunt. (Vergil, Äneis, 1, 462)
„There are tears at the heart of things.“ (Seamus Heaney)

Ob wir nun den Ausdruck lacrimae rerum als Hinweis auf das Bejammerns- und Beklagenswerte menschlicher Schicksale und insbesondere jener verstehen, die in kriegerische Konflikte verstrickt sind wie auf dem Wandbild im Juno-Tempel, das dahingegangene Heroen des trojanischen Schlachtfelds wie Agamemnon und Menelaos, Priamos und Achilleus zeigt, deren Anblick Äneas zu Tränen rührt, den Genetiv demnach als subjektiven deuten, oder objektiv, wie es der irische Dichter Seamus Heaney tut, gleichsam Gaia selbst uns als trauernde Witwe vor Augen führen, diese Zweideutigkeit in der Ausdeutung des Genitivattributs gehört zum poetologischen Reichtum der Dichtersprache Vergils.

Sprachlicher Kretinismus, eine Folge des das Zentralorgan zersetzenden Zeitgeistvirus, faselt ungrammatisch von den „Geflüchteten“ (von Verben wie flüchten, gehen, stehen oder regnen lassen sich ähnlich wie von reflexiven Verben wie sich flüchten, sich waschen, sich schämen keine sinnvollen Passivformen bilden; sie haben sich geschämt, sie wurden beschämt, aber sahen nicht aus der Wäsche wie Geschämte, höchstens wie Unverschämte) oder den „Forschenden“ und „Studierenden“ (das Partizip Präsenz drückt die Aktualität der genannten Tätigkeit aus), als gehörten diejenigen, die das Labor oder das Seminar nicht aufsuchen, weil sie den Termin verbummelt haben, nicht zur Gruppe der angestellten Forscher und immatrikulierten Studenten.

Die kleinen Götter der Italiker, der Etrusker, Sabiner, Osker, die noch keine Römer unter dem kulturellen Druck der Griechen waren, die Verehrung von Manen und Penaten, die religiöse Aura um die alltäglichen Dinge und Tätigkeiten, Pflug und Türschloß, Furchen des Ackers ziehen und die Türe auf- und zuschließen, läßt uns gleichsam in eine mysteriöse Zwischenwelt blicken, die uns von Dichtern wie Hölderlin und Rilke, aber auch Mörike und Hofmannsthal erschlossen werden kann.

Der allegorische Blick. Sehen, wie in der träumerisch-selbstvergessen Einherschreitenden Aglaia oder Euphrosyne erscheint. Die Dichtung kann ihn evozieren, doch nur bei jenen, die, ohne es hellen Sinnes zu bemerken, gleichsam schon eingeweiht sind.

Im zähen Fluß des Geredes offenen Augen dösen. Die harte Fügung oder die zweideutige Formel des Gedichts (lacrimae rerum), an dem der Fluß wie an einem Katarakt stockt und der Hörer in ein helleres, gleichsam aufgischtendes Fühlen gerückt oder entrückt wird.

Die Aufteilung der Welt in Lebendes und Totes, Himmel, Erde, Unterwelt, Gewesenes, Anwesendes und Kommendes, Heiliges und Profanes, Götter und Menschen, ist sie eine unwillkürliche Widerspiegelung des Ungesagten, der Struktur der indoeuropäischen Grammatik oder wie Heidegger meint, die Schickung der Moira im Ereignis? – Man könnte freilich auch die Sprache selbst als dieses schicksalhafte Ereignis auffassen.

Phänomenologie der Dämmerung. Zwischen Tag und Traum wandelt sich das Antlitz der Dinge; es wird wohl fahler, doch ausdrucksvoller. Die Stimme ist gedämpft, das Auge befeuchtet schon ein dunkleres Wasser, die Schritte tönen leiser, vager, verlangsamen sich, scheinen sich zu besinnen, als spürten sie, wie sie einen somnambul durchmessenen Kreis beschrieben haben. Ein Wind kommt auf, der kaum noch Duftpollen des verlöschenden Sommers mit sich trägt, dafür aber silberne Flocken aus den Tälern ausgerauschter Wasser. Und wir reden, als sprächen wir mit unserem Schatten, und wir schweigen, wenn er sich mit dem dämmernden Laub, dem Schatten der Stille, vermischt.

Gewiß, in der Abendstunde, im Dämmerlicht ahnen wir eher, was Heidegger unter Seinsverlassenheit verstanden haben mag. Doch ist in dieser Leere auch eine andere Fülle, der nicht die Leere eines Verlangens korrespondiert, sondern die voll ist wie die obere Schale eines Brunnens, die überfließt, um sich in die untere Schale zu ergießen, voll wie die Wabe des Tags, deren goldener Honig schon in die Ritzen und Furchen des Traumes herabrinnt.

 

Nov 20 25

Wo noch Kräfte Heils

Wo noch Kräfte Heils,
zwischen Mühlensteine
dumpfen Dröhnens
sich zu stemmen,
bevor Gesicht und Rosenwort
zermahlen sind.

Wo noch blauer Hauch,
Schnee des Bahrtuchs
aufzuwirbeln,
bevor es um der Sehnsucht Schlaf
gewickelt fahlt.

Wo noch Stromgesang,
uns zu feuchten
ausgedörrten Sinn,
bevor der Mnemosyne Bucht
versandet ganz.

Wo noch süßes Licht,
Purpurknospe Herz
uns zu öffnen,
bevor der Schöpfung edler Keim
im Finstern fault.

 

Nov 19 25

Stein und Zweig

Durchs Dickicht kriech ins Dunkel ein.
Berühr den Stein.
Berühr den Stein.

Fühl in den Adern Gaias Pochen,
leit in dein Mark es, deine Knochen.

Durch greiser Eichen Wipfel steig.
Ächz mit dem Zweig.
Ächz mit dem Zweig.

Reck deinen Kopf in Ariels Wehen,
in süßem Sang magst du vergehen.

Ob Leid, ob Liebe, einerlei.
Herz brach entzwei.
Herz brach entzwei.

Das Dunkel heile dich, die Helle,
aus Tiefen, Höhen quillt die Quelle.

 

Nov 18 25

Der Nacht entgegen

Keine Seele hat noch Odem
unter truggewebten Netzen,
und wenn scharfer Kalk und Schatten
sich auf Fühlens Poren setzen.

Käm wer, das Gewirr des Sirrens,
Krusten, die das Wort ersticken,
abzutun getrübte Linsen,
daß wir still in Fernen blicken.

Doch sie wollen, Somnambule,
irren Blicks und tauben Ohres
schleichen hin zu dumpfen Takten
eines Eumenidenchores.

Ihn, der wagt, an goldnen Fäden
sich ins Rauschen zu versenken,
dunklen Brunnens helles Quellen,
wird des Pöbels Wut ertränken.

Und wer gläubig sah ihn schweben,
Wunder kündend, den Kometen,
sein verklärtes Antlitz werden
stumpfe Stiefel blind zertreten.

Angeführt von Wahnpropheten
wankt die Schar der Nacht entgegen,
und Verzückung reckt die Zunge,
taumelt nieder Ascheregen.

 

Nov 17 25

Gaukler Mond

Was geseufzt die Wasser leise,
floß ins Schilf der Dämmerschneise,
da wir spät ans Ufer gingen.

Und ich sah ein sanftes Leuchten,
deine Blicke Tränen feuchten,
die an scheuen Wimpern hingen.

Als wir in den Kahn gestiegen,
uns dem Wogen anzuschmiegen,
ließen wir die Ruder sinken.

Schwäne hat ein Traum geschaukelt,
lilienfahl der Mond gegaukelt,
daß wir Duft der Ferne trinken.

Und wir wähnten ihn zu hören,
Sang von graziösen Chören,
die am andern Ufer harrten.

Doch der Kahn stieß seine Rippen
wund an kahlen Felsenklippen,
und die sich gewiegt erstarrten.

 

Nov 16 25

Ferner Schimmer

„Alle Sehnsucht will nun träumen“
Gustav Mahler, Das Lied von der Erde: Der Abschied

Still ging sie, still in der Hand
eine weiße Blüte,
leuchtend wie von Sapphos Strand
orphisch-trunkne Mythe.

Weher Duft wob in der Nacht
Licht im öden Zimmer.
Wie aus Traumes tiefstem Schacht
sahst du fern den Schimmer.

Als am Fenster du gelehnt,
Wasser rauschten leise,
hast ins Südland dich gesehnt,
wo sie sang die Weise.

Lauschtest in den Briefen lang
auf den Ton, den reinen.
Was sich deiner Brust entrang,
war nur stilles Weinen.

Unter Schatten müd vom Warten,
Herz, es wird ertauben.
Liebe weiß in einem Garten
goldne Frucht von Trauben.

 

Siehe:
https://www.youtube.com/watch?v=pupM0j67Rxo&list=RDpupM0j67Rxo&start_radio=1

 

Nov 15 25

Ausgelallte Zunge

Schleppe, Schnee auf matten Fliesen,
somnambule Schöne.
Unerlöste Nymphe,
Nebel, Schauer feuchter Wiesen.

Honig, Gold der Wehmutwaben,
schwarze Knäuel, Bienen.
Ausgelallte, taube
Zunge hat verschmäht die Gaben.

Heißen Schlafs zerknülltes Laken,
Traum voll süßer Rufe.
Namen, zart versenkte
Angeln mit den Widerhaken.

Grüne Augen, tiefe Maare,
Wolke, Purpurfransen,
die im Nachtwind zärtlich
flattern um des Mondes Bahre.

Nebel rissen auf die Zähne
einer wilden Sonne.
Nur ein Reif aus Silber
tönte nach im Schlaf der Schwäne.

 

Nov 14 25

Der Sommer war sehr groß

Dem Andenken an Rainer Maria Rilke

Hier der Vers, ein Strunk, gereckt
aus dem Schnee der Asche,
und mit Kalk dein Sinngrün
von Schlafwandlern überdeckt.

Kühlung sucht umsonst das Wild
unterm kahlen Aste.
Rauch ist und kein Wasser,
was aus Erdenschründen quillt.

Spiegelte nicht hier ein Teich
Silber der Plejaden,
sangen Nachtigallen
hier nicht trunkner Muse gleich?

Gingen sie nicht Hand in Hand,
Psyche leicht und Amor,
wo ein Blau entsprossen,
das dein müder Reim noch fand?

Wir vergehn gedächtnislos,
haben schon vergessen,
wie des Wortes Honig
tropft: Der Sommer war sehr groß.

 

Nov 13 25

Nun ist’s Zeit

Knospen, die als blauen Gruß wir sandten,
bleiche Wehmut sieht sie grau.
Verse, die von Liebesflammen brannten,
kühlen ihren Schmerz im Tau.

Was als Kinder wir zu wissen schienen,
eine Sphinx starrt es uns an.
Was in Waben wir geschmiegt gleich Bienen,
süßer Reime Seim zerrann.

Blank die Tenne, wo die Körner sprangen,
aufgezehrt das warme Brot.
Was vorm Grauen noch die Ahnen sangen,
fahlt, ein stummes Abendrot.

Nun ist’s Zeit, zum Quell des Lieds zu gehen,
still zu lauschen Gaias Mund,
an Sternbildern hoher Nacht zu sehen,
schön quillt menschenferner Grund.

 

Nov 12 25

Wogen dunkler Schollen

Wogen dunkler Schollen,
Pflug, o harter Kiel.
Sonnensänge, Schaum,
Brunnennacht entquollen.

Sank in Gaias Wunde
Samen, nährt ihr Blut.
Ähren rauschen sacht,
Gold der Abendstunde.

Schnitten rauhe Hände,
lasen sanfte Korn.
Glocken, Weiheklang,
daß wer irrt heimfände.

Auf dem Schneelichtlinnen
Brot und irdner Krug.
Glanz im Laub des Traums,
Reime, die verrinnen.

Tiefer noch wird dringen
Wasser, das geweiht,
Feuervogel Herz
höher auf sich schwingen.

 

Nov 11 25

Schwestern eines Geschicks

Schwermut steht am Fenster lang,
in den braunen Herbst zu schauen.
Von erloschenen Sonnenauen
kommt ein einsamer Gesang.

Ist die Seele ihr verwandt
und besingt, was sie verloren?
Klagt wer vor verschlossenen Toren,
von des Herdes Glut verbannt?

An demselben Fenster stand
jüngst die Schwester, und sie lauschte,
was im Laubwerk Sommer rauschte,
blau schlang sich durchs Haar ein Band.

Liebe war es, und ihr Blick
ward erhellt vom Glanz der Auen,
weich vom Tau verliebter Frauen,
ahnungslos um ihr Geschick.

Wie ihr Arm in Arm nun geht
Pfade, die sich fernhin winden,
davon mag ein Dichter künden,
der jetzt an dem Fenster steht.

 

Nov 10 25

Dichter, pflück den Mohn

Müde lehnst du an der Linde,
und ein lichtes Blatt
taumelt dir zu Füßen,
krümmt sich und wird matt.

Siehst den Mond du untertauchen
in das schwarze Maar,
steigen auf die Schreckensschreie
einer Krähenschar.

Gehst du auf verfallenen Wingerts
Kreuzweg hügelan,
starrt, ans kahle Holz genagelt,
ein verlassener Mann.

Geh nicht weiter in den Abend,
Dichter, pflück den Mohn,
bette dich ins Laub der Linde,
Schatten rufen schon.

 

Nov 9 25

Verhallendes Echo

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

„Alles fließt.“ – „Doch dies steht fest?“

Analysieren wir die Tat bis hinab zu den kleinsten determinierenden Momenten, verflüchtigt sich der Täter.

Es ist trügerisch, im selben Sinn vom Ursprung des Universums wie vom Anfang einer Geschichte zu reden. Unser Reden von Zeit, Ereignis, Geschichte ist auf unterschiedlichen Skalen und Registern abzutragen.

Was wir wirklich oder real nennen, ist ein integraler Bestandteil semantischer Verknüpfung; es wird indes dadurch nicht unwirklich oder irreal.

„Es regnete“ – im Tagebuch mit Orts- und Zeitangabe verzeichnet oder in einer fiktiven Erzählung.

„So geschah es“ – elementare grammatisch-semantische Synthesis.

Die Symmetrie von Kristall, Rose und Auge; und die Mächte der Auflösung wie Hitze, Sturm und Verwesung.

Wir unterscheiden Grade der Bewußtheit und der Egoität; Wach-Ich und Traum-Ich.

Das Geheiß, die Gründe der Tat und die Abgründe des Daseins zu erhellen, ist apollinisch; das Ergebnis, wie die Selbsterforschung des Ödipus bekundet, dionysisch-tragisch: die Entdeckung eines ursprünglichen Schattens.

Der Vergil der Äneis ist der Tiefenpsychologe des antiken Mythos.

Wir stehen am sich auflösenden Saum der Begegnung von christlicher und hellenisch-römischer Kultur.

Rhythmische Urintuitionen – wir unterteilen das Fallen von Tropfen unwillkürlich in Takte, rhythmische Einheiten. Muster des Gehens, Laufens, Zögerns, Verweilens in Jambus, Trochäus, Daktylos, Adoneus und Bakcheus.

Physiognomische Urmuster; das Kind malt einen Kreis und darin drei Punkte für Augen und Mund.

Die grammatische Morphologie und Musterbildung erzeugt die Morphologie des Sinns.

Sätze über die Form von Sätzen sind metasprachliche Schein-Sätze.

Der Schatten des Kreuzes, den das gleisnerische Licht der Aufklärung nicht aufzulösen vermochte, liegt noch auf dem Schnee unseres geistigen Winters.

Der Herrscher von Theben, Ödipus, hinkt.

Die anmutig-züchtige junge Muslima stand vor mir in der Warteschlange und las in ihrem Buch der Bücher, einer Ausgabe des Koran mit ornamental umrankten Schriftzeichen. Kaum vorstellbar, ihre christliche Schwester täte desgleichen mit unserem Buch der Bücher in der Hand.

Ich gedachte des wahren, wenn auch wahnhaften Leidens eines Pavese und der unheimlichen Tiefe, die es seinem mürben Geist verlieh, verborgene Schichten des antiken Mythos zu berühren.

Genius der Sonne und Anima des Monds. – Goethe war beides.

Die sich in den Wellen der ligurischen Küste spiegelnden einsamen Säulen hohen klassischen Stilempfindens – Phantasmagorien der Geschichte.

Jeder lebt seinem Mythos nach, ohne Hoffnung auf endgültige Entschlüsselung.

Aus den vergossenen Tropfen Bluts ihres Geliebten Adonis läßt Aphrodite Rosen entsprießen.

Die Glieder der Sprache verrenken heißt die Mutter schänden.

Die ihn gebar, bleibt stumm angesichts des Leidens ihres Sohns am Kreuz. – Wie anders? Sie selber ist der Stamm, der ihn trägt.

Die Wahrheit läßt sich nicht photographieren.

Mach einen Schnappschuß – die Geste der wahren Empfindung bleibt, so gestochen scharf die Bildauflösung sein mag, verwischt.

Die klassischen Autoren waren wie die Gelehrten, die Historiker, die Politiker in den humanistischen Fächern geschult, allem voran in der Rhetorik. Doch Vergil, der Meister der epischen Sprache, versagte als Redner.

Wer hätte noch unter den Sprachbildnern den erhaben-demütigen Antrieb, sein Werk einer höheren Macht als Gabe auf den Altar zu legen (so wie Wittgenstein beabsichtigte, es Bach nachzutun und das seine unter das Motto zu stellen: Ad maiorem gloriam Dei)? – Schon Wittgenstein scheute wie vor einer Anmaßung davor zurück; wie lächerlich würde uns heute die Tollkühnheit eines Zeitgenossen anmuten, der sich dessen erdreistete.

An allem irre geworden, was harmonisch resoniert und architektonisch wohlgefügt ist, lassen sie sich für die Pervertierung und Herabwürdigung dessen feiern, was Goethe das Vortreffliche nannte, auch wenn es an Leichenfledderei gemahnt.

Der vernunftfromme, kartesianisch gesinnte Freud ward angesichts der schwellenden Brüste der Erdmutter Gaia impotent und mythenblind.

Die wir gestern sahen, die Spuren des Wilds, hat der Neuschnee verwischt.

Gedichte, allmählich verlöschende Nachbilder des Traums.

Das Echo der Rufe aus dem Abgrund der Zeit, das an den kahlen Wänden einer müden Gegenwart verhallt.

Der ausgeschöpfte Brunnen der Erinnerung.

Die in Abwasserkanäle geleiteten Ströme des Helikon.

Die feinhörige Hand des Chirurgen und Physiognomikers tastet den Verwachsungen unter den verhornten Hautschichten nach; das überlärmte Ohr des Zeitgenossen findet für die leisen Zwischentöne im Vers des Vergil keine Resonanz.

Eine Erschütterung, ein Erdbeben läßt die Wände der römischen Villa erzittern; da bröckelt der Putz wie aufgeklatschte Tünche, und die farbigen Mosaike einer untergegangenen Welt treten ans Licht.

Ich hörte. wie Großvater im wuchernden Gras des Felds die Sense dengelte, Knabe, der auf dem Dach des Schuppens lag, und mir war, als stiegen geisterhafte Stimmen aus dem heiß geschabten Eisen.

Von den herbstlichen Feuern stoben Funken in den dunkelblauen Samt des Abends und brannten Löcher in den Vorhang, durch die sich schon der schwarze Schaum der Nacht ergoß.

Was Nachtwind ins Gras geschrieben, die Seele liest es, eine Eule, die nach ihrer Schwester ruft.

Der Dichter sah im Schnee die Spuren und ihm war, sie müßten von einer verwandten Seele stammen, einem Sternenbruder in der Winternacht, und ging ihnen nach; doch kam er dunkel kreisend an die Stelle zurück, von der er ausgegangen.

Wer abgewichen ist vom ausgetretenen Pfad des Sagens, sieht sich jählings einsam unter fremden Sternen, und die Blüten rings, das grüne Leben scheint ihm unbenannt nur schwach zu atmen, schwach zu duften. Nur eines Orpheus Huld kann ihm den Zauber leihen, die Dinge wieder zu beleben, daß sie ihm mündig geworden neue Namen künden.

Der Sinn des Todes entblößt den Wahn der universellen Machbarkeit und Verfügbarkeit.

Die Behausungen und Gehäuse, vom Haus bis zum technischen Gestell, können uns nur vorübergehend bergen; die Angst und der Tod schlüpfen durch das Schlüsselloch, nisten in den Fugen und Gelenken unserer blitzenden Geräte, wo unheimlich zu knacken und knirschen beginnt, was schließlich zerbricht.

Die natürliche Sprache ist historisch-kontingent und kulturrelativ; sie kann nicht am Reißbrett entworfen und mittels Algorithmen aufgebaut werden.

Der Geist der natürlichen Sprache weht uns an, belebt oder ängstigt; die Sprache der künstlichen Intelligenz atmet nicht.

Wir werden skeptisch gegenüber dem Wunsch nach Unsterblichkeit, wenn uns das Schicksal des Tithonos zu dauern beginnt, dem die Gemahlin Eos dank Zeus zu ewigem Leben verhalf, der aber alt geworden immerdar weiter vergreiste, verschrumpelte und den Zikaden gleich stets schriller seine Stimme erhob, weil ihm ewige Jugend nicht vergönnt war.

 

Nov 8 25

Flüchtige Epiphanie

Aufgeschimmert war ein Antlitz
an der kahlen Mauer.
Und ein Lächeln ließ erzittern
die erstarrte Trauer.

Und wie Knospen, die sich öffnen,
wenn die Schatten weichen,
schrieben Blicke in die Herzen
lichte Wunderzeichen.

Die es fühlten, knieten nieder,
bange Lippen lallten,
wie noch hohe Mächte Trunkne
nah am Abgrund halten.

Und ein Stern begann zu glimmen
überm Haupt der Holden.
Schlafes Gaze schien zerrissen,
graue Wolke golden.

Als sie abends Kränze brachten,
kindlich-fromm gewunden,
Kerzen, dem Gesang zu leuchten,
war das Bild verschwunden.
 

Nov 7 25

Quelle, Strom, Gesang

Dem Andenken an Cesare Pavese

Nur ein Lidschlag, der es jäh entscheidet.
Ihrer ist’s, und er verhext.
Du, der unter Wimpernschatten leidet,
bist der Frucht gleich, die nicht wächst.

Bohrt ihr Schweigen Löcher ins Entzücken,
stopft sie schwarzen Rauschens Samt.
Scheite schleppst du auf gekrümmtem Rücken,
und sie singen, Herz, es flammt.

Wein ist sie, im Südland aufgesprossen,
Traube, die dem Durst sich reicht.
Du der Brunnenmund, der ausgeflossen,
noch bevor ihr Mark erweicht.

Sie ein Strom aus blauer Nächte Quellen,
in das Delta hingedehnt.
Unterm Eis willst du, ein Rinnsal, schwellen,
Schluchzen, das Gesang ersehnt.

Öde Karste, milde überflutet,
leuchten fern von sattem Grün.
Und du hast vergebens nicht geblutet,
sieh, Adonisrosen blühn.

 

Nov 6 25

Trinke, Dichter, goldnen Wein

Taube, die gegurrt hat dumpf
auf der Balustrade,
flattert zu den Schwestern heim,
Einsamkeit schmeckt fade.

Durch das offne Fenster weht
lauer Hauch aus Gärten,
die verschollen lange schon,
Ruf von Weggefährten.

Zitternd glimmt die Lampe spät
in der Milchglasscheibe,
so als harrte sie noch bang,
da ich ferne bleibe.

Sanfte Muse, traurig-froh,
die des Nachts gesungen,
und mir war, ein Porzellan,
ist das Herz zersprungen.

Treibe nicht mit Blüten hin
stumm ins Uferlose,
neige müde nicht das Haupt,
fahle Winterrose.

Trinke, Dichter, goldnen Wein,
golden wird die Kehle,
lösche mit dem süßen Sang
düstre Glut der Seele.

 

Nov 5 25

Sehnsucht träumt

Deiner Blicke süße Funken
machten mich wie trunken.
In den Wogen deiner Locken
bin ich gern versunken.

Sehnsucht träumt, sind wir verlassen.

Sangst du, wollten helle Flocken
mich ins Weite locken,
und aus grünen Teichen klangen
heimatliche Glocken.

Sehnsucht träumt, sind wir verlassen.

Als wir durch das Schilf gegangen,
sah auf deinen Wangen
ich den Tau der Wehmut glimmen,
Nachtigallen sangen.

Sehnsucht träumt, sind wir verlassen.

Nun bedrängen Geisterstimmen
mich hinauszuschwimmen,
und das Ufer, wo dich Feen
bargen, zu erklimmen.

Sehnsucht träumt, sind wir verlassen.

Einmal will ich dich noch sehen
zwischen Blumen gehen,
Asphodelen, die erblassen,
weil sie dich verstehen.

Sehnsucht träumt, sind wir verlassen.

 

Nov 4 25

Das Grauen vergilischer Nacht

Äneis, 7. Buch, 389 ff.

Wie ins Laub der Unschuld glitt die Schlange,
die voll Gifts des Orkus Wahnsinn spie.
Daß Vergil nicht mit Mänaden schrie,
wand er Thyrsosranken dem Gesange.
Schwachen Atems aber, Dichter, flieh,
zischt im Versgestrüpp des Chaos Schlange.

Lose darf das Haar im Nachtwind wallen,
wenn der Vers sich auf die Wunde preßt,
Mund, der nicht von blinden Küssen läßt,
bis ins Dunkel Tropfen Lichtes fallen.
Du indes, halt sie am Fenster fest,
siehest du ihr Haar im Nachtwind wallen.

In die Wildnis zog der Vers voll Grauen,
aufzustöhnen Bakcheus Evoe.
Und er sank in Mondes stummen Schnee,
den Bellonas Blutstrahl bald wird tauen.
Schwankt dir, Dichter, noch ein Kahn am See,
eil dich, um zu flüchten aus dem Grauen.

 

Nov 3 25

Stimme, goldne, süße

Orchislippen, weiche,
streifen dich im Traum.
Glanz an Schlafes Wimpern,
Flocken fühlst du kaum.

Glockenklang, versunken
in der Heimat Maar,
wo ins Blaue steigen
Chöre, Lerchenschar.

Flammenzungen flüstern,
Briefe heißer Hand.
Geisterhafte Funken,
Herz, das sich verbrannt.

Stimme, goldne, süße,
Honiglicht verfließt,
wenn die Dämmerpforte
sacht Selene schließt.

Linnen, Schneegeflimmer,
monden-fahle Glut,
wenn des Mundes Knospe
seufzend auf sich tut.

Trunkner macht als Eos
blasser Rosen Duft
Herz an Herz zu atmen
blauer Nächte Luft.

 

Nov 2 25

Geh hinaus, es war ein Traum

Pflücken Winde Blüten leicht,
weh mit ihnen, Ichgespinst.
Schnee, den kühles Mondlicht bleicht,
Tauwind kommt, und du verrinnst.

Blatt, getaumelt jäh im Schlaf,
war vergilbt es, war es rot,
als es kalt die Stirn dir traf,
glaubtest du die Liebe tot.

Und entsetzt bist du erwacht,
aus dem Fenster weit gelehnt,
sahest du bestirnt die Nacht,
Venus auch, vom Gram ersehnt.

Eos träufte Rosen Tau,
bis die Knospen Glanz erfüllt.
Doch du flehtest nach dem Grau,
das dir Glut und Gold verhüllt.

Geh hinaus, es war ein Traum,
Blatt des Schlafs verweste schon,
geh bis an des Sagens Saum,
wo dir purpurn sprießt der Mohn.

 

Nov 1 25

Dichters Gaben

Von des Pindar Quelle
geisterhafter Schaum.
Von Vergilschen Herden
süß betauter Flaum.

An des Sagens Säumen
Rilkes Enzian.
Wasser grüner Stille,
wiegend Gertruds Schwan.

Am Altar die Chöre,
Fackeln in der Nacht.
Feuchter Trauben Bronze,
Bacchus dargebracht.

Gras, das unter Linden
beugte Walthers Reim.
Rose, die’s gelitten,
Glut von Sesenheim.

Nah beim Dorf die Eichen,
Rauschens voll das Laub.
Was vorm Grabe Loerke
sah an Glanz im Staub.

Aus dem Fenster Rufe,
bang um Hölderlin.
Eingetunkt in Wermut,
weh, Verlaine, dein Spleen.

Von Novemberrosen
Sehnsucht nach dem Schnee.
Trakls Trauerweide
am umschilften See.

Aus dem Haar der Sappho
Spange oder Kamm.
Eines Grautiers Scheu vorm
scheuen Francis Jammes.

 

Okt 31 25

Die feurigen Dämonen

Wir sind durchs Schilf der Dämmerung gegangen,
als Aschenrauch mich machte jäh benommen.
Für wilder Blicke Düsternis erglommen,
rann heißes Glitzern ihr auf blassen Wangen.

Und gierig schob ihr die behaarte Kralle
ein Dämon unters Hemd, der andre spuckte
ins Haar ihr Funken. Lippe schwoll und zuckte,
den Schoß durchpulste eine Feuerqualle.

Drei Schatten tanzen um ein Kreuz im Sand,
wo Glut von Scheiten fahl zerfallend kündet:
„Den dunklen Kien, den reckte die Mänade,

hat leiser Verse Anmut nicht entzündet.
Nun hat ihn angefacht Dämonenhand.
Des Chaos Flamme frißt das Holz der Gnade.“

 

Okt 30 25

Die rächenden Engel

Die Engel gingen neben uns schon lange.
Es raunten fremde Zungen, doch dazwischen
stob in das Dunkel funkenhelles Zischen.
Da strich ein kühler Flügel meine Wange.

Du hast noch vag nach meiner Hand getastet,
schon hatten sie dich jäh emporgehoben.
Selbdritt umschlungen schwebtet ihr nach droben.
O dunkler Fluch, der einem Joch gleich lastet.

„Sie ist dem Dunstkreis deines Geists entronnen,
die Schwester, die wir gnädig dir gesandt.
Du hast sie nicht erschaut, die edle Blume,

die sich nur auftut makellosen Sonnen.
In deiner Schwermut Düsternis gebannt,
sog sie nach Tau umsonst in karger Krume.“

 

Okt 29 25

Um ihren Abgrund kreisen alle Dinge

Wer lange schreit, dem wird die Kehle heiser.
Wer hoch getönt, spricht leise, immer leiser,
der Welle gleich, die morgens gischtend sprang,
die Schilfe schüttelte und zarte Reiser
und seufzend ebbt im Sonnenuntergang.
Wer lange schreit, dem wird die Kehle heiser.

Um ihren Abgrund kreisen alle Dinge.
Der Tropfen fällt, es schwellen, schwinden Ringe.
Die Verse auch, geflochten zart zum Kranz,
zerrupft wie unter dunklen Dämons Schwinge
Mänade heiß in bacchisch-wildem Tanz.
Um ihren Abgrund kreisen alle Dinge.

Uns bleibt als Nachbild schwaches Traumgeflimmer
an leerer Wand im öden Krankenzimmer.
Die Rosen uns ans kahle Bett gebracht,
ihr süßer Name stürzt ins Schmerzgewimmer,
ihr Antlitz blaßt dahin im Mond der Nacht.
Uns bleibt als Nachbild schwaches Traumgeflimmer.

 

Okt 28 25

Flügelnd zwischen Traum und Tag

Schneit es Flocken, sind es weiße Blüten?
Feuchten Augs verschwimmt dir Bild und Zeit.
Knistert Glut, wo Hirten Herden hüten,
stürzen Flügel durch die Ewigkeit?
Worte, zweifelnd zwischen Tag und Traum,
glitzern wie der Tau im Schwanenflaum.

Sind es Trauben, die im Dunkel glühen?
Sie zu pflücken ist dein Vers zu schwach.
Rosen, die für Mnemosyne blühen,
und ihr weher Duft hält dich noch wach?
Faltern, taumelnd zwischen Schmelz und Staub,
wird der Hoffnung zarter Fühler taub.

Nein, es waren Rosen nicht noch Trauben,
Sehnsucht loderte im grauen Dunst.
Traumes Bild verblaßt vorm Grün der Lauben,
übergoldet von Kybeles Gunst.
Verse, flügelnd zwischen Traum und Tag,
ziehen zwitschernd in den Sonnenhag.

 

Okt 27 25

Das heitere Abschiedslied

Da wir entrückten Freundes still gedachten,
glomm einer Kerze honigsüßer Schein,
uns aber war, erglüht von goldnem Wein,
daß Engel über uns im Dämmer wachten.

Und einer hob zu singen an, ganz leise,
alsbald erkannten wir das letzte Lied,
das er gedichtet hat, bevor er schied.
Da floß ins Dunkel hell die heitre Weise.

„Laßt sanft, o Freunde, mich bei euch ermatten,
war dornig auch der Pfad bis an die Schwelle,
die einsam ich erklomm auf harten Stufen,

weich sind, den Schmerz zu kühlen, Abendschatten,
mild ist der Trank elysisch-reiner Quelle
im Hain der Ahnen, die nun nach mir rufen.“

 

Okt 26 25

Traum, des Armen Dichtung

Der Traum, des Armen Dichtung, ist ein Boot,
das ruderlos auf Schlafes Wogen treibt.
Die Angst vorm Scheitern, die ihm einverleibt,
wähnt nah ein Eiland, das kein Sturm bedroht.
Kaum sieht er grüner Insel Schilfe winken,
fühlt schwer von eigner Last das Boot er sinken.

Doch kühnen Dichters träumerischer Kahn
dringt in das Schilf der Dämmerzonen tief,
leicht wie die Lust, nach der ein Schimmern rief,
der Hesperiden Frucht, ein süßer Wahn.
Kaum hat gelangt er nach dem goldenen Flitter,
weckt auf ihn ein Geschmack so faul, so bitter.

 



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