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Lüge und Schwulst

26.08.2015

Was die Lüge in der menschlichen Gemeinschaft und im Gespräch der Menschen, ist der Schwulst in der Kunst. Die Lüge verstellt mit Arglist die Wahrheit, so daß der Belogene der Angeführte und Angeschmierte ist, wenn er glaubt, was der Lügner ihm weismacht: daß das Haus auf festem Grund gebaut, die Perlen echt und das Geld sicher angelegt seien, daß Liebe und Treue die ernsten Gefühle und Absichten des Charmeurs und Heiratsschwindlers darstellen.

Die Lüge stellt im Kunstwerk sich dar als Schwulst, als Wülste, als überquellendes Fett des Dekorums, der Metaphern, des metaphorischen Zierrats, als all das Sicht- und Wahrnehmungsblendwerk, das die schartigen und brüchigen Stellen, die angekränkelten und fauligen Weichteile und Gelenkstellen im Aufbau des Gebäudes, des Gemäldes, des Gedichts schamvoll oder vielmehr schamlos verdeckt und bemäntelt.

Wenn wir nicht uns glauben machen wollen, alles sei erlaubt, alles gleichgültig, jeder könne mit jedem, erkennen wir mit einem Mal und großem Schrecken, daß wir in einer Welt voller Gefahren leben. Unterschiede zu mißachten ist die Gefahr der Gefahren. Der Kitsch ist die billige Methode der hasenfüßigen Menschheitsfrömmler, die Fugen zwischen den Begriffen, die Falten und Verwerfungen der kulturellen Landschaften, das jähe Gefälle der Sprachen und Kulturen zuzukleistern und zu vernebeln.

In den ästhetischen Phänomenen Kitsch und Schwulst diagnostizieren wir Symptome der verfehlten Angstbewältigung und der Verdrängung der Gefahr. Das Kind hat sich bei Einbruch der Dämmerung im Wald verlaufen und singt oder pfeift ein lustiges Lied vor sich hin. Die unterlegenen Indigenen verklären die Kolonisten, die ihre Tempel zerstören und ihre heiligen Schriften verbrennen, zu Abkömmlingen der Götter, die eine neue glanzvolle Epoche einläuten. Die dem Untergang geweihten Spätlinge der Antike verleugneten sich mehr und mehr bis zur Verklärung des Feindes und überhöhten in der Brutalität und rohen Kraft der Goten und Vandalen den Anspruch, ihre verfeinerte Kultur und verzärtelte Lebensart mutwillig, in nihilistischer Ekstase wie eine zierliche, mit erotischen Finessen behauchte Vase an der Wand zu zerschmettern.

Sie kamen über Nacht und machten hinfort keine Anstalten, in ihre angestammte Heimat zurückzukehren. Sie nisteten sich, eine Großfamilie, mit all ihren Kandelabern, Zinnkrügen und Teppichen in seinem Haus ein. Und es war nicht irgendeines Menschen Haus. Die seine Okkupation von langer Hand vorbereiteten und betrieben, wußten, was sie taten, denn sie nutzten wohlweislich den glänzenden Namen des Großschriftstellers und Nobelpreisträgers, der sich in seinen Büchern und zahllosen Interviews immer schon für die unantastbaren und nicht einzuschränkenden Daseins- und Ausbreitungsrechte der Nomaden mit den Goldzähnen, der Vagabunden mit den Ohr-Brillanten und der Zugvögel von Niger und Nil mit dem großen Appetit auf Frankfurter Würstchen und blonde Zöpfe eingesetzt hatte. Ihn also galt es besonders tief zu demütigen, ihn mit ganzer Konsequenz seine Schönfärberei ins Gesicht zu schlagen. Also machten sie sich bei ihm breit und setzten ihre Zeichen, nachdem sie seine Bilder, seine Embleme, seine Bücher herabgerissen, zerschlagen, verbrannt hatten. Ihm blieb ein Verschlag, sie ließen ihm die Vorratskammer, wo er wie ein Hündchen gehalten wurde, dem man ab und an einen Brocken hinwirft. Er aber verfaßte Hymnen auf die Eindringlinge, als hätten sie ihn endlich vom Geschwür seiner Herkunft geheilt, Hymnen, die den Schmerz der Überwältigung als Lust der Erlösung von eigener Schuld feierten, als Entlastung von der Bürde, unwilliger Angehöriger des eigenes Volkes zu sein.

Denken wir an den roten Schwulst und die Aureolen um Verbrecher und Aufwiegler wie Che Guevara oder die Megären und Mordbuben der RAF. Wie imponierend, daß der Erzfeind, der Gefangene vor dem Volksgericht, Hans-Martin Schleyer seinen Mördern nicht zu Kreuze gekrochen und Verständnis für ihr sogenanntes Anliegen geheuchelt hat. Wie viele Geiseln haben am Ende ihre Häscher zu wahren Befreiern idealisiert!

Wir bemerken, daß Dummheit ihr äußerstes Maß in der Verkennung der Gefahr erreicht und Kitsch und Schwulst dazu dienen, die Angst und ihre Quellen zu verleugnen und die mehr oder weniger kurze Frist, die der Dummheit vor dem Untergang gewährt ist, mit minderwertigen Reizen und Reizabfuhren dahinzubringen.

Er trug sein Machwerk vor wie ein Psalmodist, ein ekstatischer Künder weltstürzender Wahrheit, ein Jeremias der Weltennot – nachher beim dritten Bier in der Kneipe kippte er die Aschenreste seiner obszönen Gewaltphantasien in den Bierkrug des Nachbarn.

Ein Ach! und ein O! zuviel, und die Wahrheit der Untreue, des Ehebruchs, der Lieblosigkeit tritt zutage.

Auch theatralisches Jammern, falsche Tränen, gedungene Klagechöre gehören zu den Requisiten und Attrappen, die die nichtswürdige Wahrheit verstellen – Gleichgültigkeit, Kaltherzigkeit, verhärteten Sinn.

Der aalglatte Snob gefällt sich in Dichtungen, die nach exotischer Pomade duften und die Zeilen- und Gedankensprünge mit wulstigen Seidenkissen geblähten Gefühls abfedern. Daß ihm seine kalte, zynische Schnauze dareinfährt, sucht er durch den Einsatz brutaler Inszenierung zu tarnen, als würde echtes Blut aus lebendigen Adern fließen und ein fröhliches Schlachten die Welt erneuern, wo metaphorische Messer gewetzt und die Unschuld allegorisch aufgeschlitzt wird.

Der modische Brutalismus – das mutwillige Zerschlagen der Form und das Zerkratzen des Wortsinns – ist die ästhetische Maske der Selbstverachtung und das Eingeständnis, daß man den Boden unter den Füßen verloren hat und im luftleeren Raum baumelt.

Wortgirlanden, Metaphernnebel, die Gaze verwehter Zitate – und dahinter nichts als Geschwüre, pubertäre Pickel oder Altersflecken.

Zu glauben, ein ganz verkommener Kerl, ein Messerstecher, ein Frauenmörder, ein Satanist und Tierquäler könne sich zum Verfassen großer Dichtung aufschwingen, die der Menschheit eine dringend entbehrte Wahrheit offenbart, ist eine besonders degoutante Form des sauren Kitsches.

Sirup auf einem Elendshäuflein verdorbenen Puddings.

Der Dichter, der das Loch, durch das sein Selbstgefühl ausfließt, mit Füllseln stopft – Mythen von den bösen Mächten, die es mit urzeitlichen Hauern und Stacheln, mit Beleidigungen und Traumatisierungen geschlagen haben.

Gedichte wie Perücken oder Gesichtsmasken oder gezinktes Verpackungsdesign oder Kondome oder Vollkörperschleier, die nur Augen freilassen, die blitzen: „Ich bin ein anderer.“

Gedichte, die hinter einem Bombast greller Bilder verhüllen, daß sie nichts weiter meinen als die Schlagzeilen heute und gestern und morgen.

Dichter, die rhythmisch schmieren, was unrhythmisch die Angestellten der Lüge, vulgo Journalisten.

Nicht zu lügen bedeutet Triebverzicht. Immer weiter zu dichten, bis der Atem schwindet, Perversion.

Schwulst hindert den rhythmischen Lauf der Verse. Dichten heißt, den Worten auf die Beine helfen wie einem Kind, das gehen lernt.

Den Phallus des Geistes wundreiben, und das Ejakulat ist unfruchtbar.

Schwulst ist Eitelkeit, auf ihn verzichten Zeichen der Demut.

Demut heißt eingestehen, daß die Muse singt, daß Kunst Dienst, daß Sprechen Empfängnis ist.

Schwulst ist die rhetorische Ränke des Teufels, uns darüber hinwegzutäuschen, daß er in den unausgeleuchteten Fettecken sein Unwesen treibt.

Der Wanst beklagt den Hunger der Welt, der Wirrkopf die Ordnung der Schöpfung, der Schwerhörige den leisen Gesang der Engel, das trotzige Kind den Tau, der die kristalline Chiffre auf dem Fenster schmilzt.

Wir waren als schlanke Flammen vor dem Altar gemeint und rußen vom Fett unsrer Seelen.

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