Wir, dunkles Volk in Gosen
Dem Andenken an Stefan George
Schwebt noch von deinem Duft ein Molekül,
von deinen Dolden noch ein zarter Pollen,
blieb vom Gesang, dem treuen Moos entquollen,
ein Schauer uns, ein wehes Nachgefühl?
Die Luft ist trüb, verblaßt der Wolken Blau,
öd liegt der Park, wo wir den Kranz gewunden
im grünen Dämmergold der Abendstunden,
Ruß überdeckt der Birken weiches Grau.
Wo atmen wir noch Hauch zu hohem Leben,
wenn deiner Verse Astern, späte Rosen,
von Purpur herbstlich leuchtend dein Gedicht,
hinwelkten unter bräunlich-kranken Reben?
Wir sind verbannt, ein dunkles Volk in Gosen,
das nichts mehr weiß von Edens süßem Licht.
Anmerkungen zum Verständnis:
„Öd liegt der Park“ und die zitathaften Anspielungen beziehen sich naturgemäß auf Georges berühmtes Gedicht „Komm in den totgesagten Park und schau“.
„Gosen“ bezeichnet in der Lutherbibel den östlichen Distrikt im altägyptischen Reich, in dem die ausgewanderten Hebräer gleichsam im Dunkel historischer Nichtexistenz vor dem Exodus überwinterten.
„Süßes Licht“ ist eine existentielle Grundmetapher im dichterischen Werk Stefan Georges, die eine schwingende Brücke zur deutschen Sehnsucht nach dem Südland und der von ihr genährten Utopie („Das neue Reich“, das Gegen-Reich zum dritten) schlägt.
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