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Aug 29 23

Die verwaiste Hütte

Dort blitzten immer blank die schmalen Scheiben
durchs Blattgerank von Efeu und von Wein,
an Wintertagen goß der Kerzenschein
ein Weihnachtsschimmern in das Flockentreiben.

Weißt du es noch, als wir vorübergingen,
die Fenster waren auf, das Abendrot,
wie es im Schnee des Linnens hat geloht,
da hörten wir sie wie in Träumen singen.

Die Hütte steht verwaist, die Ranken blassen,
Schutt, wo Tomaten sie und Bohnen zog,
und wie die Schwalbe, die gen Süden flog,
hat über Nacht das Nest auch sie verlassen.

Muß auch das Lied wie Vogelruf verstummen,
im Dichterherzen bleibt ein dunkles Summen.

 

Aug 28 23

Die Rosen dämmern schon

Die Rosen dämmern schon im blauen Kruge,
ihr Rot scheint wie gefrorene Sonne fahl.
Ein welkes Blatt löst ab sich unsrer Qual,
ein Flaum, herabgetaumelt wirrem Fluge.

Die dunkle Luft, die wir am Fenster trinken,
schmeckt fad wie abgestandener Festtagswein.
Der Mond liegt auf dem Grab der Nacht, ein Stein,
der immer tiefer will zum Leichnam sinken.

Als würden Nattern in den Kissen lauern,
graut uns vor Irrsalsträumen Nacht um Nacht.
O Flamme, die einst Liebe angefacht,
laß einmal noch das graue Herz erschauern.

Hauch, Dichter, deinem späten Vers noch Funken,
belebe, denen Hermes schon gewunken.

 

Aug 27 23

Über die Verpflichtung

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Verpflichtungen sind der Kitt, der die soziale Ordnung zusammenhält. Wenn er bröckelt, bricht auch diese allmählich in sich zusammen.

Verpflichtungen müssen, um ihre normative Rolle spielen zu können, straf- und sanktionsbewehrt sein.

Einer schaut zu Boden, wenn der ehemalige Freund an ihm vorbeigeht; er hat sein Versprechen, das ihm geliehene Gut wieder auszuhändigen, mutwillig gebrochen.

Der Vertragsunterzeichner weiß um die Kosten des Vertragsbruches; der Untreue um die Kosten des entdeckten Ehebruchs. Freilich, wem es nichts ausmacht, die Vertragssumme zu begleichen oder sein Gesicht zu verlieren, kann nur mit härteren Bandagen an die Waage des sozialen Gleichgewichts gebunden werden.

Blutsbande und ethnische Verwandtschaft sind Planken über dem schwankenden, morastigen Boden der sozialen Beziehungen. – Die Mutter muß es nicht lernen, wie sie das Kind versorgt und hütet. Der Familienvater sichert die Schwelle vor ungebetenen Zudringlichkeiten. Der Bruder eilt der kleinen Schwester zu Hilfe, die von Fremden belästigt wird.

Die jüdischen, polnischen, italienischen Zuwanderer scharen sich in der Metropole in eigenen Vierteln zusammen wie ehemals die weißen Siedler in ihren Wagenburgen.

Der fromme Jude wird die Einladung der Goijm zum Abendessen ausschlagen, denn die es zubereiten, wissen nicht um die Verpflichtungen, welche ihm die rituellen Vorschriften der mosaischen Speisegesetze auferlegen.

Je entfernter der rassische, ethnische, kulturelle Bezug, umso tiefer – und berechtigter – das Mißtrauen.

Die Muttersprache ist eine der sichersten Brücken über dem glucksenden Sumpf der sozialen Unsicherheit.

Das Straf- und Sanktionsregime, das soziale Verpflichtungen bewehrt, ist eine unmittelbare Folge der anthropologischen Tatsache, die Kant mit der berühmten Wendung andeutet, der Mensch sei aus krummem Holz geschnitzt.

Das Strafrecht ist die Legalisierung und formale Institutionalisierung des Sanktionsregimes, das mehr oder weniger unausgesprochen und informell die gegenseitigen Verpflichtungen einer sozialen Gruppe bewehrt.

Der rechtgläubige Moslem wird dem Rechts- und Strafregime der Ungläubigen entweder die Normen des Korans und der Scharia vorziehen oder zumindest mit einem gerüttelten Maß an Mißtrauen gegenüberstehen.

Die Sprache ist ein Ordnungssystem sui generis; sie erlegt den Sprachteilnehmern Verpflichtungen und normative Ansprüche auf, wie dies jedes soziale Ordnungssystem zu tun pflegt, desgleichen Sanktionen, wenn sie ihnen nicht gerecht werden oder entscheidend davon abweichen.

Die Sanktion, die sich dem Aphasiker auferlegt, besteht in der sozialen Isolierung.

Die Korrektheit und Disziplin in der Verwendung der sprachlichen Mittel ist eine Überlebensnotwendigkeit der sprachlich-kulturellen Gruppe.

Der ins Scheinwerferlicht der Zeitgeistforen stotternde Pseudo-Poet mag seine degenerierte Umwelt in dumpfe Erregung versetzen, die Nachwelt gedenkt seiner nicht.

Der dekadente Autor, der sich mutwillig oder tollwütig am Leib der Muttersprache durch Mißachtung ihrer Normen vergreift, wird den geistigen Inzest in Form der damnatio memoriae büßen.

Sokrates nennt die Törichten weise, um mittels Ironie zu enthüllen, in welchem Ausmaß die vorgeblich Weisen töricht sind; die geistigen Verführer, die das Gegenteil dessen meinen, was sie sagen, wollen nur verwirren oder Unruhe stiften.

Die Wahrheit zu leugnen mag auf der verwilderten Spielwiese der Akademien ein wenn auch befremdliches selbstverliebtes Gebaren sein, im Ernst des Lebens kann es gefährliche Folgen haben.

Etwas wahr zu nennen ist eine Form ontologischer Verpflichtung, nämlich für die Annahme des als existent Behaupteten einzustehen, sie zu belegen oder ihre Negation zu widerlegen.

Einmal sein Versprechen nicht zu halten, obwohl keine äußeren Hindernisse zur Entschuldigung aufgeboten werden können, mag noch auf das Konto von Schusseligkeit oder Vergeßlichkeit einzahlen; es mehrmals und immer wieder zu tun, kostet das Strafgeld sozialer Ächtung.

Bedeutungsblindheit ist eine Form geistiger Erkrankung, die den Betroffenen unfähig macht, die sprachlichen Verpflichtungen – Wahrheit, Klarheit, Angemessenheit des sprachlichen Ausdrucks – zu erfüllen. – Als würde man wie in einer Erzählung Kafkas in einem fremden Land aufwachen, dessen Bewohner eine unverständliche Sprache sprechen, die zu erlernen unmöglich oder verboten ist.

Man kann den vielfach mißbrauchten und geschändeten Begriff der Liebe nur restituieren, wenn man in ihm die unter dem Abfall einer entfesselten erotischen Glossolalie verborgenen Formen der Verpflichtung freilegt; angefangen von der instinktgebundenen mütterlichen und väterlichen Fürsorge bis zur genetisch verwurzelten und kulturell eingehegten Liebe zum Vaterland.

Das erloschene Charisma mancher Begriffe kann nur mittels ihrer Reinkarnation in unschuldigen, gleichsam kindlich-anmutigen, Körpern wieder zum Leuchten gebracht werden.

Der sudelnde, spuckende und furzende Gast wird nicht mehr eingeladen; freilich, japanische Männer schlürfen und prusten, wenn sie beim Abendessen ihren Reiswein in sich hineinschütten, daß es nicht zu sagen ist; aber sie sind ja unter sich.

Dagegen ist es kein Zeichen schlechter Manieren und einer verdreckten Kinderstube, wenn einer vor der Trauergemeinde obszöne Witze reißt, sondern ein Zeichen moralischer Verkommenheit oder einer Bedeutungsblindheit, die geistiger Erkrankung entspringt.

Wir sind nicht verpflichtet, vor dem Zeitgeist in die Knie zu gehen und etwa vor einer als Kunstwerk ausgestellten und medial gefeierten trüben Schmiererei in ehrfürchtiges Schweigen zu versinken.

Einen, der bei Alban Bergs Violinkonzert („Dem Andenken eines Engels“) obszön kichert, wird man kaum unter die feinsinnigen Musikästheten rechnen.

Die religiöse Offenbarung äußert sich in kultischen Formen, die zur Einhaltung ritueller Handlungen verpflichten.

Der Priester ist der charismatische Wächter und Hüter der Reinheit der kultischen Handlungen.

Das alte, vorkonziliare Missale Romanum, mit all seinen Vorschriften und Vorgaben für die eucharistische Feier im Verlauf des heiligen Jahres, ist die Essenz der Offenbarung der Heiligen Schrift.

Die sakrale Sprache erwächst aus der Rühmung der schöpferischen und erlösenden Taten Gottes an seinem auserwählten Volk und enthält die Verpflichtung, den Namen Gottes nicht zu entweihen.

Die Unterscheidung des Heiligen und Profanen errichtet die Schwelle, die ungeläutert oder niedrigen Sinnes nicht überschritten werden soll.

Die religiösen Vorschriften zu brechen oder zu verhöhnen, der üble Spaß der vom Geist Verlassenen, ist keine Form des Tabubruchs, sondern Sünde.

Wenn das Kind lernt, das heilige Buch nicht zu beschmutzen oder zu zerfleddern, wie man es meist ungestraft mit anderen Büchern machen kann, gelangt es unter den Abglanz der religiösen Offenbarung.

Das ehrfürchtig-gemessene Schreiten des Chors, wie wir es aus den lyrischen Partien der Tragödien des Sophokles kennen, findet ein fernes Echo in den Kantaten und Oratorien Bachs.

Die musische Offenbarung äußert sich in dichterischen Formen, die zur Einhaltung rhythmischer Gestaltungen und metaphorischer Umschreibungen verpflichten.

Das Kriterium normativer Ästhetik ist das dem Gemeinten Angemessene; so will Platon allzu ausschweifende und exotische Melodien und Rhythmen aus dem rühmenden Gesang ausscheiden; so Horaz auf die Tilgung von Vulgarismen aus dem hohen Stil der Ode verpflichten.

Der abgegriffenen Münze muß sich auch gehobene Prosa nicht schämen; verblaßte Metaphern und trübe Bilder aber verdunkeln selbst die schlichten Formen des Lieds.

Pindar weiß sich in seinen Epinikien wohl dem Rang seines Auftraggebers verpflichtet, aber mehr noch dem Geist seiner edleren Manen.

Walter von der Vogelweide erfüllt die Ansprüche der hohen und entzieht sich nicht einmal den geringeren Erwartungen der niederen Minne; doch in seinen Sprüchen erhebt er die Stimme bis an die Schwelle und den Thron des universalen Herrschers.

Hölderlins elegische Klage um Diotima weitet sich zum Preis künftiger Wiederkehr unter göttlich-festlichen Vorzeichen; in seinen Hymnen aber beschwört er eine kommende Gemeinschaft, die sich allererst bei der Rückkehr der Götter vollendet.

Die Pfeile, die heute auf die kümmerlichste, die letzte Wagenburg des abenteuerlichen Aufbruchs der weißen Siedler, die Klause und die Bücherwand des Dichters, hinter der er Zuflucht gesucht hat, abgeschnellt werden, sind giftig nicht vom Pflanzengift der Indianer, sondern vom Natterngift der eigenen Volksgenossen, den Parolen, Phrasen, Schlag- und Totschlagwörtern des Zeitgeistes, die den Geist lähmen und die Seele versklaven.

Der in den Wüsten der Städte dem Durst nach wahrer Schönheit keine Quelle zu finden vermag, dem lyrischen Dichter der Gegenwart, der sich nicht als von künstlicher Intelligenz geleiteter Ingenieur im Labor informativer und kommunikativer Rede versteht, bleibt nur die dichterische Sprache selbst, als die unter den pestilentiösen Ausdünstungen des Zeitgeistes hinwelkende Blume des Mundes, deren Wurzeln aus den halbverschütteten Brunnen der Tradition zu wässern und so Gott will für zukünftige Generationen lebendig zu erhalten er sich verpflichtet fühlt.

 

Aug 26 23

Beug dich ins Rauschen

Um den von fremden Sternen Lüfte wehen,
im Turm aus Muschelschaum und Elfenbein
bangt um des Wortes kristallines Sein
der abwärts muß zum Schilf der Dämmerung gehen.

Lichtwort, er will es sanfter Liebe künden,
die ihres Herzens Knospe aufgetan,
sie aber, fremden Monden untertan,
läßt es wie Tau im Moos der Erdnacht münden.

Er gibt die Münze mit dem Leidenssiegel,
die Charon prüft, ob golden sie, ob bleich,
fährt er zu Schatten, blauem Inselreich,
das Auge hüllt des Engels schwarzer Flügel.

Ist, Dichter, der Kristall dir auch zerronnen,
beug dich ins Rauschen traumentquollner Bronnen.

 

Aug 25 23

Die Schatten jäten

Mag auch des Winters Wunderblume tauen,
die uns der Frost gezaubert auf die Scheibe,
die Sonne sagt: „Wollt meinem Gang vertrauen,
ich kehr zurück, wenn ich auch nirgends bleibe.“

Brahms aber sprach: „Anmutig tanzt die Schöne,
wenn ich der Klänge warmen Wulst beschneide,
sind transparent die leicht gewirkten Töne,
sieht reizend man ein Schimmern unterm Kleide.“

Des Lebens Pfade dunkeln unter Ranken,
und tastend halten wir uns bei den Händen,
es geht ein Wehen, und die Lauben schwanken.
O Glück, wenn Sterne stille Helle spenden.

Laß, Dichter, deine Furchen nicht verwildern,
die Schatten jäte vor den lichten Bildern.

 

Aug 24 23

Die Schrillen und die Stillen

Das hohle Wort, gepreßt durch Megaphone,
wird dichter sich mit hohem Sinn nicht füllen.
Die ihre Nullität ins Weltall brüllen,
stürzt stiller Parze Schnippen vom Balkone.

Lang hat gekreißt der Berg, laut war das Stöhnen,
und fiepend blickt ein Mäuslein aus der Ritze.
Horazisch leise zucken Geistesblitze,
Scheinriesen, Stirn und Steiß gespalten, dröhnen.

Die eitlen Wahnes Sinn und Form zerfetzen,
sie prangen nur mit angemalten Wunden.
Der Enzian, am Gipfelkreuz gefunden,
mag weichen Taus auch unser Wehsal netzen.

Laß, Dichter, deinen Schmerz im Vers nicht schreien,
still ihn mit Worten, die vom Himmel schneien.

 

Aug 23 23

Das eingetunkte Wort

Die Knospen, die auf schwarzen Wassern gleißen,
unsichtbar sich mit Wurzelsprossen tasten,
sie schweben leicht, wenn schon die Düfte lasten
und tief Aufatmende ins Dunkel reißen.

Und Stimmen sind, der Lauben süßes Singen,
gleich goldenen Tropfen in die Nacht geschüttet,
sie haben manchen großen Geist zerrüttet,
wie Gläser, die am hohen Ton zerspringen.

Die Schwäne, die auf grünem Abgrund stehen,
und ihr Gefieder ist ein Schnee, der blendet,
sie sind wie Blüten, in sich selbst vollendet,
und es verstummen, die vorübergehen.

Laß, Dichter, deinen Vers dem Schwane gleichen,
das Wort ihn tunken und das Herz erweichen.

 

Aug 22 23

Das zerfetzte Herz der Nacht

Die lange vor dem spröden Blatt gekauert,
gefesselt im Gerank von Hieroglyphen,
die Seele ist im Tau hinweggeschauert,
die Schrift verwischt wie in benetzten Briefen.

Des Dichters Eichen auf umwölkten Graten,
die rauschend ihm den Vers betört zu lallen,
sind in die Stadt gewandert, Partisanen,
die ihre harten Früchte auf die Köpfe knallen.

Maschinen, die das Herz der Nacht zerfetzten,
vom Blut der Angst, von Zornes Öl getrieben,
zermalmen, die sie rohen Sinns vergötzten –
o Blumenauen, stille Falter, stilles Lieben.

Laß, Dichter, uns von deinen Efeublättern
Tau tropfen auf der Liebe zarte Lettern.

 

Aug 21 23

Ins Gras gesunken

Spät ging am Ufer ich entlang, im Wasser brannten
schon Knospen zart dem Abendrot entgegen,
als ob mir Tropfen süße Namen nannten,
hat es von Blatt zu Blatt gerieselt wie im Regen.

Bald war der Ort dem müden Blick entschwunden,
verhüllt von Schleiern, dunkler Weiden Trauer,
hab ich das helle Fenster nicht gefunden,
die Hoffnung, glimmend unterm Efeuschauer.

Wunddumpf ins Gras gesunken, kühl gebettet,
war mir, als ob noch einsam eines sänge,
das sich ins sanfte Laub der Nacht gerettet,
ungreifbar für des Sonnenfalken Fänge.

Laß, Dichter, sich der Verse Dickicht teilen,
den Abendstern bei Hoffnungslosen weilen.

 

Aug 20 23

Bilder milden Abschieds

Die Tränen, die aus blauen Tiefen quollen,
im Tau der Veilchen wollen sie mir leuchten,
daß mir, die von der starren Wimper rollen,
die spröde Lippe einmal noch befeuchten,

um mild im Abschied, süßer noch zu sagen,
war schwer der Gang auch unter fahlen Sonnen,
es schäumte auf an goldenen Gnadentagen
Gesang aus der Erinnerung tiefen Bronnen.

Muß, Heimat, ferner Traum, ich von dir scheiden,
im Frühling sei’s, vom Fliederdufte trunken,
wie Schwäne unter licht begrünten Weiden
will ich den Schmerz ins weiche Wasser tunken.

Laß, Dichter uns zum Abschied leise Töne,
auf dunklem Strom hingleiten Blütenschöne.

 

Aug 19 23

Unerweckte Keime

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Wir stehen und gehen leichten Fußes auf Treibsand.

Manche, die Hohen, Edlen, Schönen, vermögen im Taumel zu tanzen, im Fallen zu lächeln, im Sturz noch zu danken.

Erst ist es ein Brausen, was den Geist erregt, dann das Morendo eines dunkel-süßen Geigentons.

So können wir den ästhetischen Geschmack bilden, auch wenn wir nicht zu definieren wüßten, was dies ist, Geschmack; wohl aber merken, wer ihn hat und wer nicht.

Der Geist, in dem einer etwas sagt, ist nicht das Gesagte – ja, scheint ihm bisweilen zu widersprechen.

Die modisch-schicken Gelehrten, die uns die Bücher der Genesis gern als blasses Abziehbild der mesopotamischen Mythen vorführen, verstehen den Geist nicht, in dem sie geschrieben sind. – Der Geist, der sich darin manifestiert, daß Gottes Wort das Licht ins Dasein ruft.

Wir mögen diesem und jenem recht geben, doch seine uns willkommenen Meinungen oder überzeugenden Argumente fließen aus einem geistigen Quell, der uns fade schmeckt – oder sauer.

Der große Dichter verwendet die poetische Form intuitiv.

Gewiß hat der Schüler Hölderlin die poetischen Formen der antiken Oden- und Hymnenstrophen auf den Klosterschulen von Denkendorf und Maulbronn anhand der Lektüre von Alkaios, Pindar und Horaz gepaukt, doch der reife Dichter verwendet sie, ohne mühsam die Metren an den Fingern abzuzählen.

Wir wissen, was das ist, ein Satz; und auch der Dummkopf bedient sich seiner grammatischen Struktur. Doch es brauchte Jahrtausende, bis es Gottlob Frege gelang, seine logische Form zu dechiffrieren.

Wir glauben dem Dichter, der bekennt, daß er sein Gedicht nicht zur Gänze versteht.

Der Bericht des Propheten, ein Engel habe ihm glühende Kohle auf die Zunge gelegt, macht uns seinem Wort gewogener als der akademische Nachweis des Theologen seiner Deutung.

Denken, am Viel-Wissen erstickt.

Das dichterische Wort, das verführt, entstammt der unwillkürlichen Anmut des Dichters, der um ihre erotische Ausstrahlung nicht weiß.

Und sprichst du mit dir selbst, kann – immerhin – ja keine Türe knallen, daß einer wütend geht, der andre aber verdutzt oder vergrämt ins Schweigen sinkt.

Man selbst zu sein ist keine Form des Wissens.

Nicht einmal der Debile, der den eigenen Namen vergessen hat, hört auf, er selbst zu sein.

Man kann die Verwendung des eigenen Namens und des Fürwortes „ich“ erlernen, nicht aber, man selbst zu sein.

Der Delinquent kann das objektive Urteil des Richters, diese und jene strafwürdige Tat begangen zu haben, sich zu eigen machen, ohne sich doch schuldig zu fühlen – wenn er sich beispielsweise mittels der sophistischen Scheinargumente seines Anwaltes darauf beruft, die Tat sei das zwar bedauerliche, aber unausweichliche Ergebnis seiner schrecklichen Kindheit oder welch einer traumatischen Erfahrung auch immer gewesen.

Wie der Blinde mit dem Stock tasten wir mit dem Fühlorgan der Intuition durch das Dickicht der Sprache.

Die Satzform ist wie eine Leiter, die am Boden liegt; erst wenn wir sie erfüllen, hebt sie uns ein wenig – und manchmal können wir über die Mauer sehen.

Wir denken, der Satz sei tot, wenn wir ihn nicht verstehen, wir müßten, daß er lebe, die Augen gegen uns aufschlage, ihn mit unserm Geist behauchen.

Wahrheit und Falschheit lassen keine Steigerung zu; die Wahrheit der Tautologie, daß es regnet, wenn es regnet, ist schlicht trivial.

Absolute Differenzen lassen keine Steigerung, keine Vergleiche zu. Leben und Tod, Wahrheit und Falschheit, ich und du.

Wenn die Wahrheit eines Satzes ein Faktum beschreibt, kann der Satz selbst kein Faktum darstellen, das wiederum von einem höher geordneten Satz auf der Metaebene beschrieben werden könnte.

Wahrheit und Falschheit degenerieren in diesem Falle zu Scheinobjekten in einer Scheinontologie, zu der sich der große Frege wohl hat verleiten lassen.

Wie Wahrheit und Falschheit ist auch, was wir mit „ich“ meinen, kein Objekt, wie es der Eigenname der Person erfaßt, über dir wir gesprächsweise reden oder die wir mittels objektiver Kriterien wie der DNA identifizieren. Wenn wir Peter heißen und kein Kleinkind mehr sind und sagen: „Peter hat Zahnschmerzen“, sagen wir nicht dasselbe, wie wenn wir sagen: „Ich habe Zahnschmerzen.“

Die geistige Atmosphäre, die einer um sich verbreitet, ist da, sie läßt sich auf Dauer nicht trotzig oder schamhaft verbergen, wie ja auch Schweißgeruch endlich die dünne Hülle des Parfums durchbricht.

Forcierte Allegorien gelangen an die Grenze des Sagbaren; man kann wohl vom Theater der Welt oder vom Leben als Traum reden, doch nicht weiter fragen, wer hier noch Regie führt oder als welche Person sich der Erwachte verstünde.

Das Phänomen ist eine ursprüngliche Totalität dessen, was erscheint, und dessen, dem es erscheint. – Wir verwenden den Ausdruck „heiter“ in analogem Sinne, wenn wir vom heiteren Wetter und von der heiteren Laune sprechen, die es uns erweckt.

Nur wer mit dem Zeitgeist gebrochen hat, ist wach.

Plötzlich schlägt das Wetter um. Eben noch heiterer Laune und in angeregter Unterhaltung, verfinstert sich seine Miene und er verfällt in ein düsteres Schweigen.

Esperanto oder die weltumspannende Sprache der Hoffnungslosen: das anonyme, staubige Grün, das aus dem Asphalt der Hinterhöfe in Berlin und Chicago sprießt.

Angesichts der glänzenden Larven, die sich heute auf ihn berufen, um den Untergang des Reiches zu begeifern, hat jener sich umsonst geopfert, dessen letzte Worte im Kugelhagel das geheiligte Deutschland beschworen.

Hat man den genialen Keim in dem bläßlichen Knaben erfühlt, müßte man ihn heute von allen Gymnasien und Hochschulen fernhalten, auf daß die Hoffnung auf seine Erweckung und sein Erblühen nicht im Morast der Scheinbildung ersticke.

Wer tausende Jahre höfischer Kulturen im Umkreis aristokratischer und monarchischer Herrschaft überblickt, ist davor gefeit, vor dem Pöbelgeschmack der Massendemokratien in die Knie zu gehen.

Das Genie erkennt man an der dünnen, eisigen Luft, die um den Gipfel seiner wesentlichen Einsamkeit weht.

Der einsame Bewohner des Elfenbeinturms ist immun gegen die Bazillen des Zeitgeistes, die allenthalben die Fieberanfälle und hysterischen Krämpfe seiner falschen Propheten hervorrufen.

Was geschieht ihm, der die großen Illusionen, aus eigener Kraft das jenseitige Ufer erreichen zu können oder von Gottes gnädigem Strom aus der Wüste der Salzflut ans Ufer seliger Inseln getragen zu werden, wie einen verschimmelten Ballast über Bord geworfen hat? Leichter geworden, schwankt unter herrischen, dämonischen Wogen sein Kahn. Er aber läßt auch die Ruder fahren und streckt sich aus, den tieferen, grenzenloseren Himmel zu schauen, aus dem Gestirne noch im Erblassen Sternsagen alter Völker dem Sinnenden ins Gedächtnis rufen.

Er ist immer diesen Weg gegangen und an der Weggabelung nach rechts abgebogen; doch heute geht er geradeaus weiter. – „Die Linien des Lebens sind verschieden, wie Wege sind.“ – Wir können Entscheidungen nicht aus allgemeinen Gesetzen oder einem Kanon des Wissens ableiten.

Das Irrationale, das wir nur intuitiv erfassen können, ist eben jene Instanz, die von sich in der ersten Person spricht.

Die Schneeflocke schmilzt im ersten Anhauch des Frühlings; der Hypersensitive wird von einem Blick, einem Wort, einem Schatten aufs tiefste gekränkt und zieht sich in die Bastion des Schweigens oder eines masochistischen Dünkels zurück.

Manchmal rotten sich die vom Leben Gekränkten zusammen und gründen Sekten wie die Gnostiker, die Chiliasten, die Anarchisten. – Einige werden Dichter und ihre Verse verströmen den süßlich-fauligen Duft wurmstichiger Früchte.

Die übernationale staatliche Klammer zerbricht, die unter ihr in Zwangsehe zusammengeschweißten Völker und Ethnien schlagen sich die Köpfe ein und bereinigen die von ihnen mit Blut, Schweiß und Tränen gedüngten Fluren, bis endlich und bis auf weiteres die von nationalstaatlich geprägten Ordnungen herbeigeführte Ruhe eintritt. So nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches, so nach der Zerschlagung der Donaumonarchie, so nach der Auflösung Jugoslawiens.

Wer aus entscheidender Warte es unternimmt, Angehörige einander fremder, gar feindseliger Rassen und Kulturen zusammenzupferchen, müßte für die unseligen Folgen wie Vergewaltigungen, Tötungen, Aufruhr eigentlich zur Verantwortung gezogen werden; aber die Entscheider ziehen sich kalten Blutes auf ihre gesicherten Wohnsitze zurück und berufen sich auf die angeblich hohen, in Wahrheit hohlen Ideale von Gleichheit und Gerechtigkeit.

Angesichts der natürlichen Ungleichheit und der angeborenen Ressentiments zwischen Angehörigen verschiedener Rassen ist Apartheid nicht das Problem, sondern die Lösung.

Die Trennung der Lebensbezirke und Erziehungswege, die Apartheit der Geschlechter nach dem Modell alter Kulturen, mag sich bisweilen der Bewohner des Elfenbeinturms angesichts ihrer von Gleichheitsideologen angepeitschten Spannungen herbeiphantasieren.

In seiner Ars poetica (202–219) gibt Horaz eine bemerkenswerte Skizze vom Phänomen der Dekadenz anhand der musikalischen Untermalung der Tragödie; kaum daß sich die Macht Roms durch militärische Siege ausdehnt, werden auch die weniger Gebildeten, ja die Dörfler, vor die Orchestra gelockt. Ihnen muß das üppiger wuchernde und süßer schmelzende Flötenspiel Laune machen; seine Maße und Melodien werden gegenüber der ursprünglichen Reinheit, Einfachheit und Strenge, die einem frugal lebenden, bescheidenen und sittsamen Publikum (frugi castusque verecundusque) entsprachen, zu sinnlicher Überreizung gelockert, zerfasert, aufgeschwollen. – Man vergleiche dies mit der Auseinandersetzung des enttäuschten und ernüchterten Nietzsche mit der von ihm als Dekadenzphänomen diskreditierten Musik Wagners.

Den Epigonen bleiben die ins Sublime gezüchteten Orchideen und sinnlich-übersinnlich duftenden Rosen im geschützten Garten der Muse; doch aus dem Dunst einer längst erloschenen Morgenröte ragen in erhabener Größe mit lichtdurchflossenen Kronen die einsam-freien Eichbäume auf den fernen Hügeln der Mnemosyne. „Aber ihr, ihr Herrlichen! steht, wie ein Volk von Titanen/In der zahmeren Welt und gehört nur euch und dem Himmel,/Der euch nährt’ und erzog, und der Erde, die euch geboren.“ Hölderlin, Die Eichbäume

 

Aug 18 23

Der zerfetzte Hölderlin

Umsonst, in Jauchegruben Reinheit suchen,
aus Babels Spuk erwecken Gottes Bild.
Der Lyra Harmonien gilt ihr Fluchen,
der Muse, die aus Perlmuttschalen quillt.

Des Vaterlandes Auen zu beschwören,
sang er mit Rhein und Ister, Hölderlin.
Doch jenen, die nur dumpfes Brausen hören,
sprießt aus dem Asphalt anonymes Grün.

Zerfetzt, verschüttet liegt im Schützengraben
der Band und der Soldat – nun, gute Ruh.
„Gesang des Deutschen“ sollen sie nicht haben,
für die das Herz der Völker ein Tabu.

Nicht treibe edle Knospe auf Kloaken,
wo trüb zu laichen ekle Kröten quaken.

 

Aug 17 23

Im Dickicht der Sprache

Fern gehen die Ströme, zu münden im Grenzenlosen,
und die uns Keime geweckt aus dunkelnden Krumen,
daß wir Altäre schmückten mit flammenden Rosen,
die Strahlen verglommen in nächtlichen Geisterblumen.

Die Pfade, die wir tags durchs Dickicht der Sprache
uns bahnten, überwucherte Nacht jäh mit Farnen,
die Lichtung blühender Verse ward staubige Brache,
Gras starrte, umwickelt von tauumzitterten Garnen.

So sind wir schweigend zum Uferschilfe geschritten
und streuten, was uns geblieben, der Lilie Leuchten
aufs Wasser, als hätte Liebe umsonst nicht gelitten,
wenn Scheideblicke die bleichen Wangen ihr feuchten.

Laß, Dichter, den Vers auf Wassern, nachtgrünen, hinschweben,
die scheue Blüte von Mondes Küssen erbeben.

 

Aug 16 23

Träum ich hinaus

Träum ich hinaus in früher Gärten Fülle
und wirble auf den goldenen Pollenstaub,
winkst du mir lächelnd aus der Blütenhülle,
verbirgst du schelmisch dich im Schattenlaub.

Tast ich hinan bemooster Sehnsucht Stufen,
beglückt, wie Dämmer Morgenschimmern wich,
hör ich dein Jauchzen in den Vogelrufen
und seh in feuchten Veilchen weinen dich.

Umklammert meine Schläfen Dämons Zange,
und wühl in Kissen ich nach Dunkelheit,
kühlt mich die Blume deiner weichen Wange,
versinkt mein Schmerz, von Zärten überschneit.

Schenk, Dichter, dem Verlornen sanfte Bilder,
mit Moosen mach den rauhen Pfad ihm milder.

 

Aug 15 23

Die Wolke Schweigen

Wie Silberdunst löst sich die Wolke Schweigen
im Abendlichte auf, müd seufzt der Wind
dem Zittergras und huldvoll sich zu neigen
den Knospen, die voll Tau und Schlummer sind.

Die Wasser wogten durch das Gras zu Tale
und fanden keinen Halt dem wilden Schaum
als in des Teiches moosig-grüner Schale,
wie Unbehauste Ruh an Edens Saum.

So quoll dem Sommer Licht aus dunklen Bronnen,
ins Blaue stiegen Funken, Lerchensang,
nun fahlt im Schnee die Majestät der Sonnen,
der volle Mond schwebt matt im Traubenhang.

Mag, Dichter, sich dein Vers wie Efeu ranken,
sein Glanz dem Tag, der Nacht sein Rauschen danken.

 

Aug 14 23

Die Muse am Pfahl

Der Dunkle hat dich an den Pfahl gebunden,
hat ritsch, die Kleider, ratsch, dir abgerissen,
sein Terrier grinsend vor dir hingeschissen.
Dein Lid schloß sich, o Fittich über Wunden.

Mit einer Scherbe kratzte er dir Zeichen,
ruchlose Runen, in den Schnee der Lenden,
die solltest du in süße Laute wenden,
ob sie den Stein in seiner Brust erweichen.

Doch troff aus schiefem Munde nur ein Lallen,
und als die Wolke vor den Mond geglitten,
hat er das Herz dir aus dem Leib geschnitten,
ließ vor dem fletschenden, dem Hund es fallen.

Flieh, Dichter, aus dem Lande der Barbaren,
im Schrein des Herzens birg der Sprache Laren.

 

Aug 13 23

Grüner Nacht Opale

Der Mond geht auf, duftlose Lotosblüte,
die auf dem blauen Teich der Herbstnacht schwimmt,
von jener Schönen, deren Rouge verglühte,
blieb ihr die Milch nur, die wie Schneelicht glimmt.

Vergossen ist der Schmelz der Nachtigallen,
das edle Wild hat sich im Schilf versteckt,
ein goldenes Horn hört dunkel es verhallen,
ist süß der Klang, es ward zu Tod erschreckt.

Nun rollen Augen geisterhaft im Laube,
die Waldmaus huscht ins rettende Verlies,
schon lockt im Morgenrot die junge Taube,
ist tödlich auch die Frucht im Paradies.

Scheu, Dichter, häuf auf Liedes zarte Schale
der Trauben Gold und grüner Nacht Opale.

 

Aug 12 23

Heller Waldnacht Schauer

Die Rose Schönheit schwimmt mit wilden Schwänen,
ihr Schmerz trinkt Nacht, wenn sie die Häupter tunken,
doch unser Schmerz ist toten Lichtes trunken,
nicht waschen ab den Gram noch Liebestränen.

Im Wald Verwestes sinkt in stille Tiefen,
ein Fest dem Wurm, den Wurzeln laue Lymphe,
Erhellung quillt dem trüben Aug der Sümpfe,
der Gott weckt Sonnen, die in Gräbern schliefen.

Doch in die Fenster ziehen Fäulnisschwaden,
der Dunst der Trübsal und der Langeweile
gilbt in Gardinen, faul riecht jede Zeile
der Siechen, die im Pfuhl der Phrase baden.

Flieh, Dichter, den Verfall in grauen Mauern,
erquick den Vers in heller Waldnacht Schauern.

 

Aug 11 23

Die geringe Geste

Gering ist deine Geste, wenn auch schön:
die Knolle in die Krume und sie gießen.
Doch kommt ein Strahl aus unerreichten Höhn,
die Blume kann im Dunkel ja nicht sprießen.

Erheitert sich dein Blick am Knospenrund,
das Auge ward, das helle, dir gegeben.
Uns trägt ein unergründlich dunkler Grund,
in Liedes Rhythmen fühlen wir ihn beben.

Die Sprache lockt uns, Waldes lichte Nacht,
in dem wie Kinder wir uns gern verirren
und staunen ob der düstern Wipfel Pracht,
in denen Stimmen hin und wider wirren.

Streu, Dichter, Samen aus, die namenlosen,
fern gehn sie auf, Phlox, Mohn und prunkend Rosen.

 

Aug 10 23

Die Abendsonne

Gleich Tropfen Bluts, auf schwarzem Samt vergossen,
sind Purpurknospen, weich gewiegt von Wellen.
Die Abendsonne ist hinabgeflossen,
blaß schimmern noch im Dunkel Immortellen.

Und grüne Schilfe sind voll Schlaf wie Schatten
von Seelen, die um Lethes Lippen drängen.
Die Lüfte, flüsternd fahlem Laub, ermatten,
kein Zweig ist mehr, zu schwingen von Gesängen.

In kalten Mauern flackern zarte Scheiben,
hoch über ihnen Mondes Lotosblüte,
die einsam und geschwisterlos müßt bleiben,
wenn ihr das Herz der Schwermut nicht erglühte.

Sä, Dichter, Tropfen Bluts auf kahle Krumen,
siehst du sie auch nicht mehr, die Flammenblumen.

 

Aug 9 23

Schwanengesang

Wie reife Früchte sich ins Wasser neigen,
ihr Bild verglüht im Wolkendämmerlaub,
sinkt auch das Lied, das herbstliche, ins Schweigen,
und Lethe wäscht vom Blatt den Silberstaub.

Nicht hat umsonst die Ranken aufgewunden
der Winzer und gekeltert süßen Most.
Ein Honig tropft aus Waben dunkler Stunden,
in Seufzen schmelzen Geistes Gram und Frost.

Es eilen Kinder heiß, vom Zweig zu pflücken
Purpur der Beeren und der Birnen Gold.
Zu blauen Buchten will der Strom entrücken,
der durchs Geäder sanfter Küsse rollt.

Flockt, Dichter, auch der Schnee auf müde Schwingen,
laß Schwäne noch von letzter Süße singen.

 

Aug 8 23

Der Gang über das Eis

Wir gehen stumm auf transparentem Eise,
und unter uns weht Nacht mit lichten Fächern,
Milch fließt um Nymphen aus kristallnen Bechern,
wir gehen stumm, die Schritte knirschen leise.

Aus blauem Dunkel taumeln weiche Flocken,
ein Leichentuch verhüllt die Stromgewalten,
die in der Tiefe sich zu Monden ballten
und Früchten, die in Zaubergärten locken.

Du hältst mich bei der Hand, den bangen Knaben,
du weißt das Ufer, siehst die hellen Scheiben,
wo, Schwester, wir bei guten Seelen bleiben,
wo Waisen eine neue Heimat haben.

Laß, Dichter, in der Nacht uns Lichter sehen,
wie Kerzen, die an fernen Fenstern stehen.

 

Aug 7 23

Lebens wilde Anmut

Wir stiegen im ersten Strahle hügelan,
noch troff die Nacht vom schwarzen Glanz der Beeren.
Des Lebens wilde Anmut uns zu lehren,
hat sich die Herbstzeitlose aufgetan.

Dem Rosen prangten wie auf grünem Fluß,
der Seidenschal ward dir am Dorn zerrissen.
Nichts soll dein hoher Lebenstag vermissen,
hat dir mein sanfter Blick gesagt, mein Kuß.

Als müde ich die Stirn ans Kreuz gedrückt,
das einsam auf der kahlen Höhe ragte,
war es dein Weinen, das mir schimmernd sagte,
das tote Holz grünt neu, vom Tau entzückt.

Laß, Dichter, Liebende die Fülle finden,
den Vers im Delta blauen Schweigens münden.

 

Aug 6 23

Im frühen Park und Garten

Jetzt müßten in dem Garten, jenem frühen,
Walnüsse auf dem kleinen Weiher schwimmen,
Tautropfen in den Himbeerbüschen glimmen,
im Garten, den es nicht mehr gibt, dem frühen.

Wo wir auf Pfaden gingen, kieselweißen,
im Park der Amoretten und der Schwäne,
zerging das Wort im Schäumen der Fontäne,
auf Pfaden, die in Träumen nur mehr gleißen.

Wie lose Blüte auf moosgrünen Wellen
hat Mondes Milch dein Antlitz übergossen,
zu fernen Ufern ist es hingeflossen,
wie lose Blüte auf moosgrünen Wellen.

Mag, Dichter, sich dein Vers ins Dunkel recken,
nie wird sein Kuß die bleichen Lider wecken.

 

Aug 5 23

Tau des Abends

Limonen, grüner Schale warmes Schimmern,
und goldenes Fleisch zerteilter Apfelsinen,
in Tropfen Bernstein eingeschlummert schienen
die Abendröten in herbststillen Zimmern.

Am Fenster gaukelten im Lufthauch Ranken,
von denen kühlen Glanzes Perlen fielen,
ein Seufzen war in zarten Schattenspielen,
wie in verlassener Liebe Traumgedanken.

Die bleiche Hand, besät von Altersflecken,
hielt noch den Kamm, die Flut der grauen Locken
war schon in Nacht geebbt, die Glocken
des Angelus zu fern, um noch zu wecken.

Zeig, Dichter, uns den Tod, den sanften, stillen,
laß Verses Knospe Tau des Abends füllen.

 

Aug 4 23

Beim Wort genommen

Philosophische Sentenzen und Aphorismen

Talmiglanz – den wurmstichigen Apfel mit Goldflitter umwickeln. – Manche mit der gehörigen Chuzpe machen damit gute Geschäfte, sowohl auf finanziellem wie ideologischem Gebiet.

Aureole um eine dämonische Fratze.

Das Charisma kann in Fäulnis übergehen, wie am gegenwärtigen Zustand der Kirche ablesbar.

Fatal ist, das Leuchten der Aureole mit dem schwitzigen Glimmen um die heißen Schläfen von Weltuntergangspriestern zu verwechseln.

Die Aureole bringt den Erwählten ans Marterholz, das Fäulnisglimmen seiner Phrasen den falschen Propheten zu Ruhm und klingelnder Münze.

Als funkelte der Edelstein des Wahren im Scheinwerferlicht der Propaganda.

Faszination, die vom schimmernden Grünspan der Phrase ausgeht.

Existenz ist kein Prädikat – und am wenigsten eine Metapher.

Die logische Strenge des Denkens beruht auf der Einsicht in den nichtmetaphorischen Sinn der Ausdrücke „wahr“ und „falsch“.

Es gibt bildliche Ausdrücke und Figuren, es gibt Metaphern, aber keine metaphorische Art zu existieren. – Der metaphorische Ausdruck „Heilige Nacht“ setzt allerdings die Realität der Nacht voraus, in welcher der Erlöser geboren wurde.

Man kann nicht alle Rede auf metaphorischen Sprachgebrauch, und sei er ins Vorbewußte verblaßt, zurückführen, wie Herder und Nietzsche wohl angenommen haben.

Von Horaz zu sagen, daß er ein Dichter des augusteischen Zeitalters war, heißt zu behaupten, jemand habe zur Zeit des Augustus die uns überlieferten vier Odenbücher verfaßt, und dieser Mann habe Horaz geheißen. Existenz ist an die Identität dessen gebunden, dem wir sie mittels Formen der Identifikation zusprechen.

Von Achill zu sagen, daß er im trojanischen Krieg Hektor getötet hat, heißt nicht zu behaupten, es habe einen trojanischen Krieg gegeben und in diesem habe ein Mann Hektor getötet und dieser Mann habe Achill geheißen. Denn für eine solche Identifikation können wir uns auf kein historisches Zeugnis stützen, sondern nur eine mythische Erzählung nacherzählen.

Der physische Durst wird durch Wasser gestillt; der metaphysische durch das Blut Christi. Weder unsere Alltagssprache noch die heilige Sprache hat Metaphern zur Basis. Denn gemäß der Lehre von den Sakramenten und dem Dogma der Transsubstantiation ist auch die Rede vom Blut Christi wörtlich zu nehmen.

Der Unterschied zwischen Mythos und christlichem Glauben läßt sich am Unterschied des metaphorischen und wörtlichen Sprachgebrauchs verdeutlichen: Die antiken Heroen wie Herakles und die Dioskuren werden ins Licht des Olympos oder zu den Sternen erhoben; doch verlieren Personen ihre Identität, wenn sich ihr Körper in andere Medien auflöst oder transformiert. Der Apostel Thomas berührt die Wunde Christi und bezeugt damit den wörtlichen Sinn der leiblichen Auferstehung.

Die Metzgereiverkäuferin reicht dem Kunden die gewünschte Ware; dieser physische Akt ist überlagert von einem rechtlich-sozialen derart, daß die ausgehändigte Ware gewissen vertraglich bindenden Qualitätskriterien zu entsprechen und der Käufer sie durch eine vertraglich festgelegte Gegenleistung, die bestimmte Summe Geldes, zu quittieren hat. Reklamiert der Käufer die Ware aufgrund der Tatsache, daß er statt Würstchen zu Hause Buletten aus der Tüte kramt, kann die Verkäuferin nicht wie Kinder, die ihre Rollenspiele in einem fiktiven Kaufladen treiben, auf eine metaphorische Ebene ausweichen und beispielsweise behaupten, sie spiele heute zum ersten Mal die Rolle der Verkäuferin und sei darin noch nicht geübt.

Nichtmetaphorisch drücken wir aus, was und wer wir sind oder sein sollen; die Mutter, die ihre Kinder sträflich vernachlässigte, hat nicht die Rolle der Mutter schlecht gespielt, sondern als Mutter versagt.

Der Bräutigam hat sein Jawort vor Zeugen gegeben; damit sind der Sprechakt des Eheversprechens und der Rechtsakt des Ehevertrags gültig. Er kann ihn am nächsten Tag nicht etwa mit der Behauptung zurücknehmen, er habe zwar ja gesagt, aber nein gemeint; mündliche vertragliche Vereinbarungen sind solche, bei denen wir die Kontrahenten beim Wort nehmen.

Wenn Augustus in seinem Tatenbericht, wie das Monumentum Ancyranum dokumentiert, von sich behauptet, er habe diese und jene Tat veranlaßt, etwa den Apollontempel auf dem Palatin errichten oder die Flügel des Janusbogens schließen lassen, können wir die Behauptungen beispielsweise aufgrund archäologischer Funde überprüfen. – Dichterische Aussagen, wie die Äußerungen des lyrischen Ich, haben einen anderen ontologischen Stellenwert und Rang; sie lassen sich nicht extern anhand von neutralen Zeugnissen in ihrem Sinngehalt verifizieren, sondern nur hinsichtlich der Stimmigkeit und Kohärenz mit der näheren und ferneren internen Textumgebung einordnen; sind diese Stimmigkeit und Kohärenz absichtsvoll unterbrochen, kann die Aussage eine gewisse Steigerung ins Hyberbolische oder Groteske erzeugen.

Wenn das Ich in der Ode des Horaz (Carmina 3, 4) von sich behauptet, es habe sich als Kind aus der Hut der Amme in die nahen Auwälder davongeschlichen, sei dort in bukolischer Umgebung eingeschlummert und von Tauben mit Lorbeerzweigen bedeckt worden, handelt es sich um den metaphorischen Sprachgebrauch eines imaginären Subjekts zum Ausdruck seiner imaginären Dichterweihe durch die Musen, auch wenn seine Suggestion so stark ist, daß wir der Versuchung, dieses Subjekt mit dem historischen Horaz unmittelbar zu identifizieren, kaum widerstehen können.

Die Bedeutung eines Namens ist nichts, was sich der Sprecher dabei denkt; sonst wäre die Äußerung „Horaz war ein Dichter des augusteischen Zeitalters“ falsch, wenn der Sprecher glaubt, Augustus habe im 1. Jahrhundert nach Christus residiert. – Vielmehr bleibt der Satz richtig, auch wenn er vom automatischen Schreibprogramm einer KI erzeugt und verlautbart wird, die sich weder bei seiner Erzeugung noch seiner Kundgabe etwas denkt.

Könnte eine KI den Unterschied zwischen metaphorischem und wörtlichen Sprachgebrauch systematisch erfassen und von Fall zu Fall sinnvoll zur Anwendung bringen?

Gemalte Rosen duften nicht; wir können sie nicht verschenken, nur das Gemälde, das sie darstellt.

Die Blumen des Gedichts können eine arkadische Landschaft evozieren, in der sich der Klang der Flöte des Hirtengottes mit dem Plätschern des Wildbaches mischt, eine mythische Landschaft, in der niemand je war und die dennoch die dichterische Phantasie des Abendlandes mit dem imaginären Duft ihrer Kräuter und dem ebenso imaginären Schein imaginärer Sonnenuntergänge genährt hat.

„Et in Arcadia ego“ ist die Aussage eines imaginären Ich über einen imaginären Ort und eine imaginäre Zeit.

„Ich ging im Walde so für mich hin“ ist auch eine Aussage über den imaginären Wald der dichterischen Sprache, durch den wir nicht wie im echten auf vorgezeichneten und durch Wegmarken gekennzeichneten Pfaden zu einem vorbedachten Ziel gehen, denn wie Goethe weiter sagt: „Und nichts zu suchen, das war mein Sinn.“

„Ach ja, ich vergaß, jetzt ist es bei euch schon Nacht“, sagt jemand, der von Berlin aus mit New York telefoniert. – „Bei dieser Arbeit müssen Sie Nachtschichten in Kauf nehmen.“ – „Der Nachtbus war verspätet.“ – „Die Polizei verfolgte den flüchtigen Täter mit Hilfe eines Nachtsichtgeräts.“ Wir gehen von der wörtlichen Bedeutung als Grundlage alltäglicher Verständigung aus. Dabei wird uns nicht abverlangt, für die verwendeten Begriffe Definitionen zur Hand zu haben; beispielsweise für Nacht: „die Zeit zwischen Sonnenuntergang und Sonnenaufgang“ oder „die Zeit vom Erscheinen des Abendsterns bis zum Erscheinen des Morgensterns“. Wir gebrauchen den Wortsinn der meisten Ausdrücke intuitiv.

In der Theogonie des Hesiod ist die Nacht eine Gottheit und wie ihre Geschwister Gaia, Tartaros, Eros und Erebos eine spontane Ausgeburt des Chaos. In Homers Ilias ist die Nacht die Mutter des Schlafs und des Todes. Bei Aischylos ist die Nacht die Mutter der Eumeniden, der Moiren und Erinnyen. – Wir finden demnach in mythisch-poetischen Texten den nichtwörtlichen Gebrauch des Ausdrucks Nacht, wenn sie als göttliches Wesen gedacht ist.

Die Personifikation natürlicher Mächte und basaler emotionaler und mentaler Phänomene sowie sittlicher Institutionen wie Erde und Himmel, Tag und Nacht, Fluß und Berg, Meer und Wind, Geburt und Tod, Schlaf und Traum, Freude und Angst, Lust und Scham, Ehe und Freundschaft, Sippe und Stamm, Nation und Staat ist die allegorische Grundlage der antiken Poesie. Dazu müssen wir die Sprache elementarer natürlicher Phänomene einschließlich derjenigen unserer Leiblichkeit ernst und statt sich in unverbindlicher Metaphorik verflüchtigen zu lassen, beim Wort nehmen.

Der gestische und mimische Ausdruck hält dafür Beispiele bereit; die Deixis des Fingers und der Hand will nicht auf den Finger und die Hand aufmerksam machen, sondern auf das Ding oder Geschehen, worauf sie weisen; der verächtliche Gesichtsausdruck weist das zudringliche Ansinnen des Gegenübers ab und ist somit semantisch gehaltvoll, etwa im Sinne der Äußerung: „Dazu bin ich mir zu schade!“

Wir können die „poetische Religion“ und damit Dichtung und Kunst der Antike nur begreifen, wenn wir die Idee der göttlichen Offenbarung weiter fassen, als im biblischen Rahmen vorgeschrieben. Einen Fingerzeig gibt uns die seltsame semantische Tatsache, daß gewisse heilsame oder schadenbringende Mächte von der mythischen Sprache als Kollektiva aufgefaßt werden: die Eumeniden und die Erinnyen, die Moiren und die Keren, die Parzen und die Nornen, die Manen und die Laren.

Wir verspüren ein Unbehagen, wenn wir die Rede vom Lebensfaden, seiner Zuteilung und seines Abschneidens durch die Parzen, nur als metaphorischen Ausdruck für Beginn, Verlauf und Ende der menschlichen Existenz auffassen.

Die Nacht (und all die anderen personifizierten Naturerscheinungen) als Wesen, ja als göttlich-dämonische Wesen zu sehen, aufzufassen, zu empfinden – dies gehört zur Propädeutik der Lehre von der antiken Dichtung und Kunst.

Wir finden in der abendländischen Dichtung zwei bedeutsame Stränge des metaphorischen und symbolischen Gebrauchs des Begriffes Nacht: der dem Mythos entstammende Bildbereich, der Phänomene feindlicher und bedrohlicher Natur wie Unheil, Tod und Verhängnis umfaßt, und den christlichen Sinnhorizont, der mit dem Ausdruck „Heilige Nacht“ für die Zeit der Geburt des Erlösers beschworen wird. Diese Formen der Nachtmetaphorik durchdringen die poetischen Lieder und Anrufe im Verlauf der Heiligen Meßfeier wie der Weihnachts- und der Osternacht und sodann über Luthers großes Übersetzungswerk die weltliche Dichtung bis zu Goethe und Mörike, verdichten sich in der Romantik wie bei Hölderlin, Eichendorff und Novalis („Hymnen an die Nacht“) und erlangen einen letzten Grad der Übersteigerung und Sublimierung im Symbolismus wie bei Mallarmé, George und Trakl.

„Du dunkle Nacht, du dunkles Herz.“ „Du bist in tiefer Mitternacht.“– Gewiß speist sich Trakls „Gesang zur Nacht“ aus der basalen Erfahrung, welche die Menschheit seit Urzeiten mit dem kosmischen Phänomen der Nacht, ihren Gefahren, unheimlichen Gewalten und Abgründen gemacht hat; wie vom Laub der Schatten im verwilderten Garten gespenstische Tropfen des Mondlichts rinnen; wie das Gesträuch im Wind dunkle Omina flüstert; wie auf schwarzen Wellen des Meeres geisterhafte Schäume aufblühen und jäh verschlungen werden; Blitze, die das Grabtuch des Himmels zerreißen; oder wie über dem monotonen Sand der Wüste abertausend funkelnde Nägel in den schwarzen Samt der Leere eingeschlagen zu sein scheinen.

„Das Dunkel löschte mich schweigend aus. Ich ward ein toter Schatten im Tag.“ – Trakl konzentriert die dichterische Beschwörung der Nacht auf die existentielle Erfahrung der Wesenlosigkeit und Verlorenheit menschlichen Daseins unter dem Mond. Alte Bilder mythischer und biblischer Herkunft werden zu diesem Zwecke evoziert; so erscheint die Nacht als verzauberter Garten oder wird als Schmerzensmutter angerufen. – Wir können nicht sagen, die barocke Fülle metaphorischer Bilder der Nacht schwebe hier wolkenhaft an uns vorbei und wir blieben empfindungslos für die brennenden Blutstropfen, die sie auf die Poren der Aufmerksamkeit herabregnet. Wir können nicht sagen, der metaphorische Sprachgebrauch dieser Dichtung bewahre uns davor, sie beim Wort zu nehmen.

„O Nacht, ich bin bereit.“ „O komm, du hohe Zeit.“ Gewiß, nur das gequälte Kaspar-Hauser-Leben eines Depressiven, eines süchtigen Psychopathen und sozial Unbehausten konnte sich ein dichterisches Ich fingieren, das wie dieses die Nacht besingt. Doch verfehlten wir die Deutung, würden wir sie auf das Zeugnis von Psychopathologien und sozialen Stigmatisierungen verengen und vereinseitigen.

Ob die Metaphorik des Monds, die sich von Sappho über Goethe und die Romantiker bis zu Baudelaire, Mallarmé, Verlaine und Trakl zieht, seiner Eroberung durch die technische Zivilisation und seinem Verblassen im Dunstkreis der Metropolen widerstehen wird, können wir nicht voraussagen; möglich, daß dies in der westlichen Hemisphäre bei der zunehmenden Eindämmung und Verschmutzung ihres Überlieferungsstromes durch das Einbringen von zeitgeistigem Müll und den Abwässern aus den Kloaken des Kulturbetriebs der Fall sein wird, in der östlichen könnte sie auf dem Hintergrund der buddhistisch geprägten chinesischen und japanischen Dichtung und Kunst ihre spirituelle Funktion vielleicht aufrechterhalten.

 

Siehe auch:
https://www.youtube.com/watch?v=ljccIdMT4lw

 

Aug 3 23

Arkadisch-grüne Nacht

Golden ist des Mondes Brücke
und arkadisch-grün die Nacht.
Sprich von Liebe, Tau im Blicke,
auf der Brücke quer die Nacht.

Beug herab dich nicht zum Flusse,
wo am Fels die Welle stockt.
Fühle vor dem weichen Kusse,
der vom andern Ufer lockt.

Hörst du rauschen wild die Tiefe,
sei des eignen Lieds getrost,
wär’s auch, daß Undine riefe,
hast Arkadien erlost.

Und du siehst auf jenen Weiten
röten sich Aurora schon,
quälen dich noch Dunkelheiten,
Heidekraut glüht dort und Mohn.

Faßt dich Schwindel, jähes Schwanken,
wenn des Mondes Blume blaßt,
halte fest an dem Gedanken,
daß die Liebe dich nicht haßt.

Wird kein Fittich auch dich tragen,
sinkst du in den leeren Raum,
Herz des Dichters wird nicht klagen,
daß Arkadien nur Traum.

Muß der Brücke Gold sich schwärzen,
und du tauchst ins Dunkel ein,
trinken Lethe sich die Schmerzen,
Liebenden quillt sie wie Wein.

 

Aug 2 23

Halme grüner Verse

Mohnfelder, Flammen, die das Herz zerkochten,
ein Kuckuck rief dem Gott der Hirten nach.
Du gingst, ins Haar des Herbstes Gold geflochten,
es blich im Mond, der durch die Wipfel brach.

Uns fröstelte vom heißen Schrei der Grille,
und jäh war er verstummt, doch nicht die Qual,
die in uns bettelte um Schlaf und Stille,
den Tau des Efeus am bemoosten Mal.

Im Dämmer glänzten schwarz Holunderbeeren,
sanft preßten wir das Schweigen, Hand in Hand,
süß war es uns, der dunklen Glut zu wehren,
die einst in roten Küssen war entbrannt.

Laß, Dichter, Halme grüner Verse sprießen
am Rinnsal, wo des Abschieds Tränen fließen.

 

Aug 2 23

William Shakespeare, Sonett 17

Who will believe my verse in time to come,
If it were filled with your most high deserts?
Though yet heaven knows it is but as a tomb
Which hides your life, and shows not half your parts.

If I could write the beauty of your eyes,
And in fresh numbers number all your graces,
The age to come would say ‘This poet lies;
Such heavenly touches ne’er touched earthly faces.’

So should my papers, yellowed with their age,
Be scorned, like old men of less truth than tongue,
And your true rights be termed a poet’s rage
And stretched metre of an antique song:

But were some child of yours alive that time,
You should live twice, in it, and in my rhyme.

 

Wer glaubt noch meinem Vers in künftigen Welten,
der ganz von deinem hohen Wert erfüllt?
Der Himmel sieht, er kann als Grabmal gelten,
das dich verbirgt, dein wahres Sein verhüllt.

Könnt deiner Augen Schönheit ich beschreiben,
all deinen Liebreiz singen Maß für Maß,
die Nachwelt riefe: Dichter übertreiben,
kein Mensch, der Engelsschöne je besaß.

So wird mein Buch, vergilbt, mit Altersschorfen,
mißachtet, gleich dem Greis, der Unsinn lallt,
dein Lobpreis als Poetenwahn verworfen,
zerdehnter Vers bemooster Klanggestalt.

Doch strahlte noch aus Kindes Blick dein Licht,
du lebtest zwiefach, in ihm und dem Gedicht.

 

Aug 1 23

William Shakespeare, Sonett 16

But wherefore do not you a mightier way
Make war upon this bloody tyrant, Time?
And fortify your self in your decay
With means more blessed than my barren rhyme?

Now stand you on the top of happy hours,
And many maiden gardens, yet unset,
With virtuous wish would bear you living flowers,
Much liker than your painted counterfeit:

So should the lines of life that life repair,
Which this, Time’s pencil, or my pupil pen,
Neither in inward worth nor outward fair,
Can make you live your self in eyes of men.

To give away yourself, keeps yourself still,
And you must live, drawn by your ownsweet skill.

 

Doch magst du Waffen, schärfere, noch recken
im Feldzug gegen den Tyrannen Zeit,
dein Siechtum hinter Mauern wohl verstecken,
die dichter sind als meiner Verse Kleid.

Nun stehst du auf dem Turm von hohen Tagen,
rings mancher Frauen Gärten, bar der Saat,
vom Wunsch beseelt, dir Lebens Flor zu tragen,
dir ähnlicher als Bildes Inkarnat.

Des Lebens Linien schreibe Leben fort,
was flüchtig Zeit und dünn mein Pinsel malen,
der Quell der Seele und ihr schöner Hort,
dein Lächeln muß mit solchen Blättern fahlen.

Wenn du dich hingibst, nur dann wirst du bleiben,
dir ist die Kunst, im Bild dich zu verleiben.

 

Aug 1 23

Des Laubes Grazie

Scheint wund dir vom Gewicht der Welt der Rücken,
ist ein Gespenst nur, was du torkelnd trägst.
So wirf es ab, wenn du ins Gras dich legst,
im hohen Blau Lichtfäden zu erblicken.

Will dir der Staub des Tags die Kehle stopfen,
o atme ein, die Herbstzeitlose bebt,
der Schleier perlt, den lächelnd Venus hebt,
und atme aus, geküßt von weichen Tropfen.

Birgst du dich abends unter Rankengittern,
ist alles stumm, es singt kein Vogel mehr.
Noch rauschen südwärts Schwäne übers Meer,
fühl, Duft des Lotos läßt ihr Herz erzittern.

Doch ekelt das verschnittene Terrain,
o fern des Laubes Grazie bei Lorrain.

 

Jul 31 23

Schatten unter Schatten

Nachts hört er Läuten österlicher Glocken
aus dem Morast versiegter Ströme steigen,
und mag sein Traum sich über Brunnen neigen,
sind Stimmen, in die Tiefe ihn zu locken.

Er wandelt hin ein Schatten unter Schatten,
die giftig zischen, Zungen fremder Sippen,
ihm hat die Rede ausgedörrt die Lippen,
am Hauch des Wahns, das Wort, es muß ermatten.

Will abseits er aufs dunkle Moos sich betten,
zu strömen in die Nacht, die sternenlose,
quält ihn Erinnerung, o Duft der Rose,
als könnten ihn der Heimat Gärten retten.

Doch schwitzt Asphalt, wo seine Rosen blühten,
erloschen sind, die grünem Dämmer glühten.

 

Jul 30 23

William Shakespeare, Sonett 15

When I consider every thing that grows
Holds in perfection but a little moment,
That this huge stage presenteth nought but shows
Whereon the stars in secret influence comment;

When I perceive that men as plants increase,
Cheered and checked even by the self-same sky,
Vaunt in their youthful sap, at height decrease,
And wear their brave state out of memory;

Then the conceit of this inconstant stay
Sets you most rich in youth before my sight,
Where wasteful Time debateth with decay
To change your day of youth to sullied night,

And all in war with Time for love of you,
As he takes from you, I engraft you new.

 

Betrachte ich, wie jedes Ding gedeiht
und einen Augenblick nur blüht in Fülle,
wie dieses Schauspiel nichts als Possen reiht,
umglänzt von der Gestirne Geisterhülle,

seh ich, wie Menschen wachsen blumengleich,
der sie erquickt, der Himmel läßt sie schmachten,
des Prangens Purpursaft rinnt talwärts bleich,
verschlissnes Festkleid, keiner wird sein achten:

So wird mir klar, wie alle Vesten schwanken,
du schwebst vor mir in voller Jugend Pracht,
wo Nichter Zeit und Fäulnis um dich zanken,
zu stoßen deinen Glanz zum Pfuhl der Nacht.

Um dich kämpft Liebe bis zur Todesstunde,
ein Reis propf ich dich, und es blüht die Wunde.

 

Jul 30 23

Einsam torkelnd

Und einsam torkelnd durch die Schattenschluchten,
fühl einen Stich ich schwach, wenn Seelen streifen.
Wo Früchte ihr, die Gott aus Eden reifen,
ihr Monde, Lotos über blauen Buchten.

Schnitt mir ein Sägeblatt des Lärms die Wunde,
will ich die Knospe Blut in Aschen wühlen.
Wo Quellen ihr, die Schläfe mir zu kühlen,
ihr Seufzer, rieselnd aus bemoostem Munde.

Ich sah dem Maskendickicht sich entwinden
ein Lächeln, und sein Licht schien mich zu meinen.
Verschlungen von den Wogen, die verneinen,
die Blume Anmut muß ins Dunkel münden.

Daß Cherubim vor meiner Türe wachen,
mit Flammenschwertern, oder Höllendrachen.

 

Jul 29 23

O schlafen, schlafen

Und geh ich abends einsam über Felder,
wo bittre Tropfen an den Halmen nagen,
seh ich das Kreuz auf fernem Hügel ragen
und sehne mich ins Dunkel tiefer Wälder.

Den Pfad zum Uferschilf, wo trübe Wellen
den braunen Kahn, den schon bemoosten, wiegen,
ihn meid ich noch, solange Schwalben fliegen
und trunken sirrend mir den Weg erhellen.

Doch blüht zur Nacht des Mondes blasse Blume,
streck ich mich aus ins Seufzen weicher Moose
und träume von dem Duft der Alpenrose,
die du mir einst bewahrt in feuchter Krume.

Erloschne Rose kann kein Kuß entfachen,
o schlafen, schlafen, und nicht mehr erwachen.

 

Jul 28 23

Sonett des Witwers

Dein Lächeln war wie einer Welle Schaum,
der Möwe Schatten ist es weggeflogen,
o Träne, du hast zitternd Glanz gesogen,
und er rann hin auf dunklen Schweigens Saum.

Wie Ranken, weich benetzt vom Abendtau,
im jähen Winde Silbertränen weinen,
sie sprühen aus an schiefergrauen Steinen,
hab ich geweint, ein Mann um eine Frau.

Wie Vögel, die geheime Macht betört,
zu wandern aus in ferne Paradiese,
im Schlaf noch zwitschern, wiegt sie Meeresbrise,
verklang, was tief gebeugt nur Schwermut hört.

Laß, Dichter, Efeu um das Grabmal dunkeln,
das Gold der Inschrift unter Kerzen funkeln.

 

Jul 27 23

Die Obszönen

Die durch ihr bloßes Dasein schon verhöhnen,
die Blicke Gier, der Wulst der Worte feucht,
gleich Schaben, die kein Sonnenlicht verscheucht,
gekrochen aus dem Ausguß, die Obszönen.

Mollusken ohne Rückgrat, die nicht hecken,
sind fruchtbar immerhin, rhythmisch verzweigt,
doch hat des Dämons Sperma blind gezeugt,
die eitel nur ihr Spiegelbild belecken.

Schwarmgeister, die der Ahnen Saat befielen,
sie fressen sich den eignen Untergang,
die abgeschüttelt Scham und Maß und Rang,
sie streuen Spreu, den Samen der Sterilen.

Laß, Dichter, Lava aus den Versen wallen,
worin die Larven schrumpeln und zerfallen.

 

Jul 26 23

Katakombennacht

Daß uns aus Wolken fielen noch Ikonen,
vom Engel namens Raffael gemalt.
Als müßten wir in Gottes Schatten wohnen,
schon lange ist kein Gnadenblick erstrahlt.

Es blieben uns nur abgeblühte Namen,
die Geisterhand auf öden Karst verstreut,
und trugen doch der schönen Seele Samen,
o Sommerblau, wie uns dein Lächeln reut.

Die wir noch bebend Kerzen angezündet,
zu suchen Trost in Katakombennacht,
nicht sahen wir, was hoher Geist verkündet,
wie Licht des Lebens aus dem Grab erwacht.

Laß, Dichter, dunklen Wortes Wimpern zittern,
daß uns ein Auge glänzt wie zwischen Gittern.

 

Jul 26 23

William Shakespeare, Sonett 14

Not from the stars do I my judgement pluck;
And yet methinks I have Astronomy,
But not to tell of good or evil luck,
Of plagues, of dearths, or seasons’ quality;

Nor can I fortune to brief minutes tell,
Pointing to each his thunder, rain and wind,
Or say with princes if it shall go well
By oft predict that I in heaven find:

But from thine eyes my knowledge I derive,
And, constant stars, in them I read such art
As truth and beauty shall together thrive,
If from thyself, to store thou wouldst convert;

Or else of thee this I prognosticate:
Thy end is truth’s and beauty’s doom and date.

 

Nicht sammle ich von Sternen Kunde ein,
und dennoch will ich Sternendeutung wagen,
berichte freilich nicht von Glück und Pein,
von Seuchen, Dürren oder Wetterplagen.

Ich lese nicht dem Schicksal aus der Hand,
jedwedem Donner, Regen, Sturm zu künden,
noch ob das Glück von Prinzen hab Bestand,
wenn Himmelsstrahlen in die Zukunft münden:

Nein, deine Augen sind mein Wissensquell,
Fixsternen gleich, ich weiß, darin zu lesen,
wie Wahres blüht im schönen Abbild hell,
kannst du von Eigenliebe nur genesen.

Was sonst geschieht, ich kann es dir verheißen,
das Wahrbild Schönheit wird dein Tod zerreißen.

 

Jul 25 23

Blitzt aber Gott

Subtile Fiederung, belehrt vom Wind,
daß Mittagsbläue furchen fromme Schwingen.
Der Nachtigallen zauberisches Singen,
daß Arme reicher als die Satten sind.

Der Blüten Mimikry, die Falter kirrt,
daß Süße saugend Leben sie verschwenden.
Erinnerungen, die den Kreis vollenden,
hat Abendlicht das Knäul des Tags entwirrt.

Der Mythen Schnee, im Hauch des Lieds getaut,
Perlmutt in Muscheln meerumschäumter Bilder,
erglänzen unterm vollen Monde milder,
wie Tränen auf der Sanftmut matter Haut.

Blitzt aber Gott in Rhythmen dunklen Lebens,
der Phrase Aaslicht flackerte vergebens.

 

Jul 24 23

Wechselgesang der Abgeschiedenen

„Als könnte ferner Hauch mich noch erreichen,
der Knospen deiner Huld entflossen ist,
vertändelt habe ich die schmale Frist,
des Sommertages goldne Bilder bleichen.“

„Was du in feuchter Auen Glanz gesungen,
als ich Holunderschnee uns hab gepflückt,
wie Vogelruf, vom Abendrot entzückt,
ist es im schwarzen Laub der Nacht verklungen.“

„Die wie Kristalle heiß das Herz zerstochen,
die flockenblinden Küsse sind getaut.“
„Wenn aus dem Schilf der Sehnsucht Nebel graut,
seh ich des Mondes Porzellan zerbrochen.“

Laß, Dichter, sich in süßem Reim vereinen,
die abgeschieden umeinander weinen.

 

Jul 23 23

William Shakespeare, Sonett 13

O! that you were your self; but, love, you are
No longer yours, than you your self here live:
Against this coming end you should prepare,
And your sweet semblance to some other give:

So should that beauty which you hold in lease
Find no determination; then you were
Yourself again, after yourself’s decease,
When your sweet issue your sweet form should bear.

Who lets so fair a house fall to decay,
Which husbandry in honour might uphold,
Against the stormy gusts of winter’s day
And barren rage of death’s eternal cold?

O! none but unthrifts. Dear my love, you know,
You had a father: let your son say so.

 

O, bliebst du, Lieber, eins mit dir, doch bist
du’s länger nicht, solang du hier mußt leben:
Das Ende naht, benütze diese Frist,
dein süßes Bildnis andern mitzugeben.

So wird die Schönheit, dir verliehen zur Pacht,
hinfällig nicht, du darfst ins Lichte ragen,
du selbst, sank auch dein altes Selbst in Nacht:
Mag süßer Sproß dein süßes Antlitz tragen.

Wer gäb ein Haus, so schön, preis dem Ruin,
ein weiser Sinn erhielte es in Ehren,
wenn auch des Winters wilde Winde schrien
und ewigen Eises Tode an ihm zehren.

Ach, nur Verderb! Weißt, Lieber, du den Namen
des Vaters noch? So rufe dich dein Samen.

 

Jul 23 23

Vergeblicher Rat

Haus ein dich hinter harten Eisentoren,
sagt wunden Geistes uns der Fahrensmann.
Wir treiben Blüten blaß in Mondes Bann
auf Wassern hin, dem frohen Tag verloren.

Verbirg dich in des Abends Dämmerlauben,
rät uns vom Strahl versengt der Venus Magd.
Steigt schon der Sonnenfalke, der sie jagd,
uns girren Morgenlicht die Turteltauben,

Daß nicht die Seele flieht, verschließ die Lippen,
sagt wohl der Fromme, Wortes Eremit.
Uns heißt zu sagen, was die Liebe litt,
das wilde Brausen im Verlies der Rippen.

Vergebens ist, den Irrenden zu raten,
die somnambul der Gischt entgegenwaten.

 

Jul 22 23

Melpomene

sed quae Tibur aquae fertile praefluunt
et spissae nemorum comae
fingent Aeolio carmine nobilem.

Horaz, Oden, 4, 3, 10–12

 

In Wassern, die bei Tivoli geflossen,
hat süß sie dir gerauscht, Melpomene,
in Haines Lauben, im Holunderschnee
hast fern der Welt die Stille du genossen.

Uns aber ward die Lippe spröd im Staube,
den aufgewirbelt asphaltgrauer Wind,
in grellen Bildern trieb das Auge blind,
an Überdruß verblutete der Glaube.

Der Jugend Chor hat feierlich gesungen
dein Lied zum Ruhm besonnter Tempelpracht,
gelähmt hat uns, zu stolpern in die Nacht,
der Pfeil, tonlos ins Herz des Worts gedrungen.

Daß uns der Efeu an der Friedhofsmauer
noch rühre geisterhaft der Muse Schauer.

 

Jul 21 23

Das zerbrochene Maßwerk

Die tätowierte Haut der Phantasie,
schmerzvoll zerstochne fratzenhafte Leere.
Es zischt, die feuerspeiende Chimäre
reibt feuchten Blickes sich an Gauklers Knie.

Die blind im Schleim des Ungereimten schmatzt,
die Made Unzucht ist ins Wort gekrochen,
das Maßwerk des Gedichtes liegt zerbrochen,
obszöner Stachel hat das Bild zerkratzt.

Was sich wie Hefe aus dem Abgrund hob,
hat ätzend die Ikonen überquollen,
die Lilien und die Rosen sind verschollen,
der Dankgesang und schöner Formen Lob.

Bau, Dichter, Treppen uns aus dunklen Schluchten,
beglänzte Zeilen an mondstillen Buchten.

 

Jul 20 23

Vertane Lektüren

ego apis Matinae
more modoque

grata carpentis thyma per laborem
plurimum circa nemus uvidique
Tiburis ripas operosa parvus
carmina fingo.

Horaz, Ode 4, 2, 27–32

 

Ach ja, hoch flog der große Pindaros,
ein Schwan, himmlische Musen zu betören,
doch was mich graue Schulmaus stets verdroß,
das stumme Buch ließ mich kein Rauschen hören.

Ein Sturzbach, der da braust, pries ihn Horaz,
in wilden Gischtes Schäume mich zu locken,
wo aber, Wonnen blauen Hymnen-Bads,
Papier, es brauste nicht und blieb staubtrocken.

Zart hat der Römer es uns anvertraut,
nicht stürze er, ein Schwan, in blaue Tiefen,
umsumme, niedre Biene, Quendelkraut,
bis seine Carmina von Nektar triefen.

So hab ich mich ins Sommergras gelegt,
der Ode Ton war schon im Traum verklungen,
ein dunkles Brummen kam herangefegt,
ein Stich, und ich bin schreiend aufgesprungen.

 

Jul 19 23

Ungeheuer

Auf Kreuzes Balken seufzt ein Schaum von Flocken,
verkrustet ist die Wunde von Kristall,
die Nacht ist hell wie vor dem Sündenfall,
nichts zischt, sie aus dem Schlaf des Schnees zu locken.

Schon spielt die blaue Luft mit starren Halmen,
stumm aus verharschtem Uferschlund gebleckt,
zu singen hat der Strahl den Schmerz erweckt,
und Zapfen weinen grünem Wasser Psalmen.

Zur Rose sagt die Liebe, küß mich, Feuer,
zum Mohn der Dichter, färb das Wort mir rot,
kehrt auch die Blätter von der Bühne Tod,
fad wär das Schauspiel ohne Ungeheuer.

O die das Blütenblatt ins Album pressen,
bald haben sie des Namens Duft vergessen.

 

Jul 18 23

William Shakespeare, Sonett 12

When I do count the clock that tells the time,
And see the brave day sunk in hideous night;
When I behold the violet past prime,
And sable curls, all silvered o’er with white;

When lofty trees I see barren of leaves,
Which erst from heat did canopy the herd,
And summer’s green all girded up in sheaves,
Borne on the bier with white and bristly beard,

Then of thy beauty do I question make,
That thou among the wastes of time must go,
Since sweets and beauties do themselves forsake
And die as fast as they see others grow;

And nothing ‘gainst Time’s scythe can make defence
Save breed, to brave him when he takes thee hence.

 

Hör ich den Glockenschlag Vergängnis künden
und seh den frohen Tag vergrämt im Trauerkleid,
erblick am Veilchen ich die Fülle schwinden
und schwarze Locken silbern überschneit,

seh ich, wie hohem Stamm die Blätter starben,
Schirm, der das Vieh vorm Sonnenstich bewahrt,
die lichten Grannen starr in dumpfen Garben,
vom Karren weht ihr struppig-weißer Bart,

dann macht dein schöner Leib mich bang erzittern,
daß er im Wüstensturm der Zeit verdorrt,
denn Schönheit welkt und Süße muß verbittern,
blüht andres schon, Tod reißt sie mit sich fort.

Sinnlos, vorm Sichelklang sich taub zu stellen,
doch mag aus Kindesmund dein Lied noch quellen.

 

Jul 18 23

Dichters Grab

Die Gräber grünen fahl, im grauen Mond
siehst du noch Lichter, die dich zitternd fragen,
ob auch Gedächtnis bei den Engeln wohnt,
an deren Flügeln bittere Wasser nagen.

Kein Engel schwebt um Dichters schmales Grab,
kein Fittich rauscht ihm nach die Nachtgesänge,
nur eine Weide senkt ihr Haupt herab,
daß sie mit weichem Tau das Mal besprenge.

Nur einmal knirschte aus dem Schlaf der Kies,
ein altes Weib blieb vor dem Schriftzug stehen:
„Mich quälte Duft aus fernem Paradies“,
trüb war ihr Blick, sie konnte ihn nicht sehen.

Bald stinkt das Grab von brandig-faulen Saaten,
es einzuebnen, blitzen schon die Spaten.

 

Jul 17 23

Der weiche Schauer

Tropft durch das Laubendach der Dämmerungen
kein Sternenlicht, kein Tau auf unseren Schmerz,
vergebens wär, was Dichter uns gesungen,
ein Schattenspiel, ein selbstverliebter Scherz.

Die es wie Schicksal tragen, Blattwerk stummer Trauer,
gleich Zweigen starr gereckt in Düsternis,
erweckt nur hoher Muse weicher Schauer,
ein Himmel rinnend durch der Seele Riß.

Die weißen Blüten, die es aufgelesen,
das Kind streut lächelnd sie aufs Wasser hin.
Von dunkler Zweifel Fieberwahn genesen,
schenkt uns der Geist im Liede Licht und Sinn.

Mag, Dichter, dich ein sanftes Tröpfeln lehren,
daß noch Gesanges Wolken wiederkehren.

 



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