Sonett vom magischen Bild
Gespenstisch-blaue Schatten, kahler Raum,
ein Spiegel nur, barock mit Goldvoluten,
in seiner Nacht erglänzen dunkle Fluten,
und weicher Wellen Last ist lichter Schaum.
Ruht nur dein Blick, kannst du die Augen sehen,
jäh aufgetaucht wie Inseln aus dem Meer,
ihr graues Flackern ruft dich: „Komm, komm her!“
Du weißt nicht, ob sie drohen, ob sie flehen.
Ein Dämon ist es, der dich angeschaut,
du bist es selbst, der immer sich entrückte,
die Seele, der vor ihrer Wahrheit graut.
Da krümmt ein Purpurstrich sich, eine Wunde,
wie einer Beere Blut, die man zerdrückte.
Die Augen schließ: Es seufzt aus diesem Munde.
Orpheus renatus
Nichts konnte ihre Stunde mehr verklären,
da knospenhell der Mond aus Nebeln stieg,
ihr Blick ihm sagte, was der Mund verschwieg.
Doch schwamm er schon auf Flüssen fremder Sphären.
Bald kniete er vorm Kreuz auf Demutmoosen,
an dem ihr Name, matten Schimmers, stand.
Warum noch zögern an des Abgrunds Rand,
nicht taumeln in den Schlaf, den blütenlosen?
Wach hält ihn unerlöster Liebe Rufen,
wie Asche, die von fahlen Feuern weht.
Zu pflücken aus dem Dickicht ihren Schatten,
steigt abwärts er die stygisch-feuchten Stufen,
daß lächelnd sie ihm folgt, dem blinden Gatten,
wenn er des Orpheus Gang zu Ende geht.
Die Nacht war lau
Dem Andenken an Hildegard Hilten
Sie lag dem Lärm entrückt in einem Tale,
wo einst der Leprakranken harter Schrei,
ihr Silberglöckchen keinen rief herbei.
Ihr Auge war gefroren, Schnee die Haare.
Der unerschöpflich quoll von schrillen Tönen,
den trocknen Mund hast öfters du getränkt.
die Stirn, gerunzelt meist, vom Tag gekränkt,
war glatt, als könnte Dunkel sie versöhnen.
Ihr Sterben war ein Abschied ohne Klagen,
vielleicht war sie vom Rauschen noch gebannt,
vorm Fenster floß der Strom der hohen Sagen.
Dann klafften zwischen Atemzügen Klüfte,
bis ihre Seele keinen Steig mehr fand.
Die Nacht war lau, voll zarter Frühlingsdüfte.
Die Umkehr
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Unser Ziel: durch die zerklüftete Karstöde der radikalen Sprachskepsis in die grünende Auenlandschaft des schlichten Liedes gelangen.
Der Strom des Hexameters mäandert durch die heroische Landschaft des Epos; aufgrund des Wechsels von Daktylen und Spondäen, dank der unterschiedlichen Zäsuren im Vers bewirken seine Schlingen und Schleifen spielerische Variationen im Inneren einer erhabenen Monotonie.
Aus dem Kelch der Bitterkeit, den der Erwählte im Garten Gethsemane erblickte, tropfte ein Tropfen herab, und aus der erwachten Erde sproß die Wunderblume empor, deren Duft den Trauernden tröstet, deren Tau den Verwundeten heilt.
Wären Sätze nur sinnvoll, wenn sie entweder wahr oder falsch sind, wäre dieser Satz sinnlos.
Die Dimension des Sinns ist der Dimension der Wahrheit vorgeordnet.
Wir können uns nicht an den Methoden und Ergebnissen der Wissenschaft orientieren, wenn wir den Sinn unseres Daseins erfassen wollen.
Das Wasser des Musenquells auf dem Helikon der Gegen-Erde, das nicht wie das unsere aus H2O besteht, sondern aus XYZ, stillt den Durst des Gegen-Hesiod genauso wie das hiesige den Durst Hesiods.
Der wie besessen gegen die Türe hämmert, um am Ende entkräftet und ohnmächtig an ihr herabzusinken, hat nie bemerkt, daß sie nicht abgeschlossen war.
Die in der Nacht schreit, die verlassene Seele, kann die Erinnerung an den Gute-Nacht-Kuß der Mutter nicht trösten.
Der Spiegel der Sprache, der den Sinn seitenverkehrt abbildet.
Das Kind tritt vor Wut gegen das Tischbein, an dem es sich gestoßen hat; der Entgeisterte zerschlägt den Spiegel, der ihn in seiner Nacktheit und Erbärmlichkeit gezeigt hat.
„Die Substanz ist … (Wasser, Feuer, Atome, Leere, Geist)“ – Verführung des Verstands durch die Suggestionskraft der Grammatik.
Ich könnte sagen, die Sonne kreise um die Erde, ohne zum ptolemäischen Weltbild zurückkehren zu wollen.
Wie von der Palette des Malers könnten wir von der Farbpalette des dichterischen Stiles sprechen.
Wenn wir jemandem Sehvermögen attestieren, meinen wir damit schlicht, daß er nicht blind ist. Aber wenn wir von Denkvermögen sprechen, meinen wir damit nicht, einer könne 2 und 3 addieren, sondern er könne sehen, daß 2 + 3 dasselbe ist wie 3 + 2.
Die Zahlen von 1 bis 100 zu addieren ist einfach, wenn auch mühsam; aber zu sehen, daß 1 + 100 und 2 + 99 und 3 + 98 und so weiter dieselbe Summe ergeben und damit das Muster und die Gaußsche Formel der Addition, ist nicht ganz so einfach – aber auch eine Form des Sehens.
Jemandem Hörvermögen zuzusprechen heißt schlicht zu sagen, er sei nicht taub; und die Unterschiede von leise und laut, andante und allegro zu hören ist einfach. Nicht ganz so einfach ist es, den Krebsgang der Tonfolge in einer Bachschen Fuge oder am Tristanakkord zu hören, was wir sein Schweben, gleichsam seine lustvolle Unerlöstheit nennen können.
Die gedankliche Umkehr, die Umkehr des philosophischen Sinns hat eine Analogie in dem, was das Evangelium Metanoia nennt.
Die hohe Luft, in der die Erlösten atmen, nährt sie mit einer Unbekümmertheit und Heiterkeit, die sich vom Zeitlichen nicht mehr gänzlich aufzehren läßt („Laßt die Toten die Toten begraben.“ – „Seht die Vögel des Himmels …“).
Die Beruhigung, die uns zuteilwird, wenn wir vom unseligen Verlangen, das Geheimnis des Lebens zu ergründen, ablassen.
Sätze, die sich gleichsam selber tragen, wie die Verse großer Dichtung. – Von ihrer eigenen Aura ins Schweben gebrachte Ikone.
„Können Sie das beweisen (begründen, ableiten)?“ – so stürmt der Theoretiker alter Schule auf den von der Begründungsobsession kurierten Schüler Wittgensteins ein.
In der Sonntagspredigt für philosophische Konvertiten heißt es: Alles ist da, alles ist sichtbar, alles ist vernehmbar, für den, der Augen hat zu sehen, Ohren hat zu hören.
Nur der Stumpfsinn sieht sich genötigt, auf einen Fortschritt des Denkens zu setzen.
Nur Frauen gebären Kinder, nur Männer zeugen sie, keine Gender-Chimären. – Der Mißbrauch der Worte, der philosophische und der ideologische, schüttet Gift in die klare Quelle unserer sprachlichen Gewißheiten.
Der Zweifel am Sinn des alltäglichen Sprachgebrauchs, der sich von Descartes an wie eine Erbkrankheit bis zu den deutschen Idealisten und ihren zeitgenössischen Nachfolgern ausgebreitet hat, kann nur durch eine radikale gedankliche Umkehr gebrochen werden.
Wir bedürfen keiner wissenschaftlichen Bestätigung und Rechtfertigung unseres alltäglichen Sprachgebrauchs. – Mag die Erde um die Sonne kreisen, unsere Rede vom Sonnenuntergang wird dadurch nicht angefochten. Die poetische Imagination von unserer Herkunft aus dem Garten Eden wird durch erdgeschichtliche und evolutionsbiologische Forschung nicht widerlegt.
Der Sinn der Worte wird dunstig, verschwommen, leer, wenn wir sie vom Nährboden ablösen, aus dem sie ihre Lebensstoffe saugen, ähnlich der in fremde Erde verpflanzten Blume; der Sinn des Begriffs „Liebe“ wird pervertiert, wenn wir ihn vom Nährboden mütterlicher Hingabe und väterlicher Fürsorge ablösen.
Aus welcher Angst erwächst die zwanghafte Suche des Philosophen nach Sätzen, die eine absolute Gewißheit ausdrücken sollen? – Angst des Kindes, das sich in einem hohen Baumwipfel verstiegen hat und am letzten Zweig sich festklammernd erstarrt.
„Dies ist meine Hand!“, ein Satz, den der Philosoph Moore als Ausdruck absoluter Gewißheit verkündete. Aber im Gewühl des Spiels, bei dem Kinder ihre Hände aufeinanderklatschen, kann eines zurecht ausrufen. „Das ist nicht meine Hand!“
Fichte wähnte die Bedeutung von „Ich“, aus allen alltäglichen Umgebungen abgetrennt, als absoluten Nullpunkt philosophischer Gewißheit fixieren zu können; aber was ist fluider, fließender, gleitender als der Gebrauch des Pronomens der ersten Person: „Hab ich das gesagt? Da war ich noch ein anderer Mensch.“ – „Ich kann meinen Gefühlen nicht mehr trauen.“ – „Dies ist ein Ding, das keiner voll aussinnt,/Und viel zu grauenvoll, als daß man klage:/Daß alles gleitet und vorüberrinnt./Und daß mein eignes Ich, durch nichts gehemmt,/Herüberglitt aus einem kleinen Kind/Mir wie ein Hund unheimlich stumm und fremd.“
Der Zuckerstein der absoluten Gewißheit des Fichteschen Ich löst sich im Tee der Alltagsrede auf, den er versüßen mag, aber den Kenner ungesüßt zu sich zu nehmen pflegen.
All die abgetrennten, anämischen, atemlosen Worte, von denen die Phrase des Ideologen zeugt: „Gerechtigkeit“, „Gleichheit“, „Freiheit“, „Fortschritt“, „Zukunft“.
Die Lebensmächte, die jene köstlichen Früchte reifen lassen, nach denen wir langen, entziehen sich unserer Verfügungsmacht.
Der Liebesscheue dichtet die große Liebe der Dido, der Stammler die große Rede der Gottheit.
Wir suchen Antworten auf Fragen, die keine Antwort zulassen oder keiner Antwort bedürfen.
Die Suche aufgeben heißt anzukommen.
Die Welt, das Leben sind, wie sie sind. Dies ist ein ebenso profaner wie esoterischer, ein ebenso trivialer wie mystischer Satz.
Die Scheibe der Bedeutung war infolge metaphysischen Nebels beschlagen; wir rätselten über die Dinge, die sich dahinter nur undeutlich und verschwommen zeigten. Dann wird sie von der Hand einer nüchternen Reinigungskraft abgewischt, und wir sehen klar.
Einer geht scheinbar zielgerichtet und schnurstracks vorwärts. Dann reißt ihn etwas um und zurück, ein Gedanke, eine Erinnerung. Er dreht sich um und setzt den Gang in umgekehrter Richtung fort, in der Richtung, aus der er gekommen ist.
Die Umwendung mutet wie eine Verwirrung an; in der Rede wie ein plötzliches Stottern oder Verstummen.
Hat einer vergessen, was er tun wollte, tut er etwas anderes; ohne etwas zu vermissen.
Das Verschwinden der Neurose ist wie die Umkehr des gedanklichen Systems. Als würde es um seine Achse gedreht.
Der von seiner Verwirrung Geheilte sieht, was er sieht, fühlt, was er fühlt, sagt, was er sagt, ohne es wie zuvor im Zustand gnadenloser Anfechtung prinzipiell in Frage zu stellen. – Natürlich wird er zugeben, daß er sich irrte, als er vermeinte. eine Fichte zu sehen, obwohl es sich um eine Tanne handelte. Doch er wird seiner Wahrnehmungsfähigkeit nicht mehr grundsätzlich mißtrauen, gleichgültig, ob es sich um eine reale oder photographierte Fichte oder Tanne handelt.
Es geht nicht darum, seine Meinung im Lichte dieser oder jener Theorie (oder Ideologie) zu bilden oder zu ändern; es geht darum, ohne vorgefaßte Meinungen und Theorien auszukommen.
Die therapeutische Wahrheit der pyrrhonischen Skepsis. Nicht ihre metaphysische Wahrheit.
Wir können nicht sagen, der Zufall sei uns Notwendigkeit oder Schicksal genug – nicht sagen, wir hätten einen anderen Mann zum Vater, eine andere Frau zur Mutter haben können; denn in diesem Falle wären wir nicht, der wir sind.
Die Umkehr der Denkrichtung befreit uns von allzu hohen, übertriebenen Erwartungen, sie ernüchtert, doch zu einer Nüchternheit, die der Dichter heilig nennt.
Im Herbstlicht der Erinnerung
„Gras, es schäumt, und Knospen, wie sie schwingen,
warum noch weilen auf verwaisten Schwellen,
hörst du sie nicht, homerisch-grüne Wellen
von frohen Fahrten, Blumeninseln singen?
Doch nahe sind auch Wasser, minder tiefe,
die unter Schwanenflügeln sanft sich falten.
Fühlst du sie gleiten nicht, die Traumgestalten,
als ob der Mond sie in die Schilfe riefe?“
„Ich bin zu alt, um nochmals aufzubrechen,
zu mürb, um Frühlings bittres Mark zu saugen.
Ich kann nur leise noch mit Schatten sprechen,
die mein im Herbstlicht der Erinnerung harren.
Es fleht zu mir der feuchte Glanz von Augen,
die durch das Uferschilf des Schlafes starren.“
Hauptseminar „Goethe“
Der Feinsinn in der letzten Reihe schwimmt
ein loses Blatt auf grauen Rauschens Wellen.
In dem, was jene Troglodyten gellen,
ist nicht ein Funke, der nachts weiterglimmt.
Er schweigt, denn nur wer faselt, wird gerühmt.
Wer Goethes Iphigenie gendernd schändet,
ihm, dem Kretin, wird wild Applaus gespendet.
Mit Zoten sagt man, was der Schalk verblümt.
Die Schönheit halten sie für flach, für fade,
ein trocknes Stroh, das noch kein Blitz entflammt.
Die Unbehauchten kennen keine Gnade,
der Anmut, deren feuchte Wimper zittert,
hat man die nachtgeneigte Stirn zerschrammt.
Der Kelch, der uns sein Licht geschäumt, zersplittert.
Halt im Untergang
Verstummte Muscheln, die wie Monde bleichen,
um Hüften heißer Dünen giftet Kraut.
Und eines Himmels schmutzig-welke Haut
scheint tätowiert mit rätselstarren Zeichen.
Da ist ein Meer, ein Schäumen auch von Wogen,
als schluchze Lymphe, übersprengt mit Blut.
Es steigen Wolkenkraken aus dem Sud
und schlürfen blind der Sterne lichten Rogen.
Halt gönnt dir noch im Untergang ein Schwingen
von Gittern reinen Klanges aus Kristall,
der Nachtigallen somnambules Singen,
als wär es Frühling in verwaisten Gärten.
Doch fällst du, fällst ins blütenlose All.
Da wachst du auf vom Kusse des Gefährten.
Die Aura des Leibes
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Die natürliche Intelligenz ist die conditio sine qua non der künstlichen. – Doch natürliche Intelligenz vollzieht sich nach anderen Prinzipien als maschinelle, denn sie ist in die leibhaftige Gegenwart des Menschen und ihrer Rhythmen, Gesten und Zeichen eingebunden.
Ein Roboter hat keine Überzeugungen, keine Erwartungen, Befürchtungen, Absichten und Erinnerungen, keine Gefühle von Dankbarkeit oder schuldhafter Verfehlung, der Stoff, von dem wir uns geistig ernähren. – Eine rein algorithmische Maschine kann nicht glauben, daß sie von verwandten und doch fremden Mächten erzeugt worden ist, daß sie einst nicht existiert hat und auch einmal nicht mehr existieren wird. Ein Roboter macht keine Fehler, sondern funktioniert nicht auf Befehl, er stirbt nicht, sondern geht kaputt.
Das Rind zeugt ein Rind, der Mensch einen Menschen, aber der Staat den Leviathan.
In der degenerierten Kulturbetriebsschickeria schillert der Abschaum, der aus den Abwasserkanälen der Vulgarität und Perversion aufgestiegen ist.
„Am Knochen haben wir keinen Befund“, sagt der Orthopäde zum Patienten, „demnach rühren die Schmerzen von den Muskeln“ – Nein; sie könnten auch Symptom geistiger Erkrankung sein.
Wenn Ähnliches nur Ähnliches hervorbringt, wie hätte Gott die Welt und den Menschen erschaffen können, ohne eine Spur seines Wesens zu hinterlassen?
Satan, sollte er, was angesichts seiner monströsen Taten und Untaten nicht unwahrscheinlich ist, bei der Erschaffung des Menschen hineingepfuscht haben – war er dabei Gottes hämisch grinsender Assistent oder sein demiurgischer Gegenspieler?
Das Wort ist herabgesunken zum flatus diaboli.
Die Sprachquader römischer Inschriften, eines Horaz, eines Caesar und Tacitus bedürfen keines rhetorischen Mörtels.
Der große, der gepriesene Name wird zum Gespenst seines Trägers, das nach seinem Ableben unter den Dächern der Gelehrten und Geliebten umgeht.
Manche Frauen wirken bekleidet nackter als unbekleidet.
Der Wind spricht anders mit den Dünen, anders mit den Schilfen des Strands.
Tiere und Roboter können sich nicht selbst mißtrauen, verachten und hassen.
Die Aushöhlung der Mechanismen der Auslese führt zur Verdummung der Eliten und zur allgemeinen Nivellierung des ästhetischen Geschmacks.
Cultura facit saltus.
Der Charakter des Mannes spiegelt sich im urtümlich-anonymen Gewimmel der luxuriös verschwendeten Samenzellen; der Charakter der Frau in der physiologischen Hut und der beschränkten Anzahl der zur Befruchtung vorgesehenen Eizellen. – Aggressivität, Heroismus und Abenteuerlust des Mannes sind ebensowenig ein kulturelles Konstrukt wie die Vorsicht, Sanftmut und Liebes- und Bindungsfähigkeit der Frau.
Flatus diaboli. Was Kain verübte, kann nicht ohne Einflüsterung Satans geschehen sein.
Das Mal der Seele läßt sich nicht wegschminken.
Die tausendfach bezeugte Tatsache des Ethnozids bestätigt die Bedeutung ethnischer Identität.
Mors ultima Musa.
Mittels eines Pakts mit dem Satan wähnt der vertriebene Mensch, ihm werde das Tor zum Garten Eden wieder aufgetan.
Klingt die dämonisch inspirierte Musik eines Adrian Leverkühn nicht himmlisch?
Das Spezifikum der Conditio humana bekundet sich in der Tatsache, daß nur der Mensch, nicht aber das Tier (geschweige denn der Roboter) geisteskrank werden kann.
Die Geisteskrankheit und die Neurose gleichen der zerrissenen oder durchlöcherten Aura des menschlichen Leibes.
Große Dichtung ist durchhaucht von der Aura des menschlichen Leibes, ihre Rhythmen sind seine Rhythmen.
Der gestörte, unterbrochene, diffus gewordene Rhythmus, ob des menschlichen Leibes oder der Dichtung, ähnelt dem Stottern und allmählich verstummenden Glucksen einer Quelle.
Enttäuschte kindliche Gemüter wähnen, vor dem gänzlichen Erlöschen der christlichen Glaubensglut zu den alten heidnischen Gottheiten flüchten zu können. Doch wie lächerlich, im Zeitalter forstwissenschaftlich gehegter Wälder und globaler Elektrifizierung in die Haine Dianas zurückkehren oder im Donner wieder das Grollen Thors vernehmen zu wollen.
Die neuheidnischen Bewegungen der vorletzten Jahrhundertwende gipfelten entweder in wenig graziösen Tänzen nackter Vegetarier oder mündeten im Judenhaß.
Im Jammertal wird das Holz des Heiles nicht ergrünen.
„Komm!“, „Geh weiter!“, „Hier entlang!“, „Achtung, dort lauert der Feind!“ – solche und viele Aufforderungen und Mitteilungen dieser Art vermag die menschliche Geste stumm auszudrücken; sie in Worte zu fassen scheint dann nur wie ein kleiner Sprung.
Der Abstand, den wir unwillkürlich von Mensch zu Mensch einzunehmen pflegen, ist instinktiv vorgeprägt; im natürlichen oder konventionellen Umgang zwischen Mutter und Kind, Freunden und Liebenden oder Arzt und Patient verringert er sich auf ein Minimum, ohne daß die Leine der Scham, der Ehrfurcht oder Angst an uns zerren würde.
Lesen wir Puschkins „Eugen Onegin“, „Väter und Söhne“ von Turgenjew oder die Erzählungen von Tschechow, meinen wir, Rußland gehöre zur europäischen Kultur; verstört und bezaubert von den „Brüdern Karamasow“ oder den „Dämonen“ Dostojewskis fühlen wir uns in asiatische Steppen versetzt.
Zeichen titanischer Europäisierung war die Gründung von Petersburg durch seinen Namensgeber Zar Peter den Großen; Zeichen der Rückkehr zu den asiatischen Ursprüngen war die Umbenennung der Stadt unter den roten Zaren.
Zeichen der Abkehr von der Rezeption der Antike in Architektur, Dichtung und Kunst sind der Verfall des künstlerischen Geschmacks in den Betonwüsten der Städte und die Verkümmerung des Studiums der antiken Sprachen und Kunstwerke an Schulen und Hochschulen sowie die zunehmende Mißachtung oder Diskreditierung klassischer Autoren, deren Formenstrenge sich am Vorbild von Ode und Elegie maß.
Wer an Gestalten wie Rudolf Borchardt, Gottfried Benn oder Ernst Jünger misogyne, homophobe und bellophile Wirkungen des Giftes toxisch-weißer Männlichkeit diagnostiziert, darf sich der berechtigten Hoffnung hingeben, hohe mediale Aufmerksamkeit oder akademische Würden zu erlangen.
Insekten bilden nur in einem schwachen analogen Sinne Staaten, nicht im faktischen; denn ihren Gemeinschaften fehlt die Institution des staatlich verankerten und sanktionierten Gesetzes. Die wachhabende Ameise, die ihren Staat nicht mehr wehrhaft unter Einsatz ihres Lebens vor feindlichen Eindringlingen verteidigt, begeht im Gegensatz zum Politiker, Soldaten und Offizier keinen mit der Kapitalstrafe zu ahndenden Hochverrat, sondern leidet unter einem den Instinkt beeinträchtigenden physiologischen Defekt.
Tugend impliziert die Möglichkeit des Lasters.
Sind Bienen fleißig? Ist ihr Verhalten als Emsigkeit und Opferbereitschaft zu beschreiben, wie es Vergil in seinen Georgica tat, um es als Vorbild römischer Staatsethik zu verklären? – Wären Bienen fleißig,
könnten sie tun, was ihnen ihr Instinkt verwehrt, nämlich, sich auch einmal am Nektar der Blüte egoistisch gütlich tun, statt ihn unversehens ins Nest zu transportieren, sie könnten einen Tag lang den lieben Gott einen guten Mann sein lassen, ohne die Quelle ihres heimlichen Genusses den Schwestern getreulich und dienstbeflissen mitzuteilen.
Die Dummheit der Evolutionspsychologen wird nur noch übertroffen von der Begriffsblindheit der naturalistischen Philosophen.
Die Bedeutung eines sprachlichen Ausdrucks kann nicht in Aussagen über physische und neuronale Muster übersetzt werden.
Der Affe im Zoogehege weiß nicht, daß sein Pfleger lächelt, auch wenn er die veränderten Gesichtszüge wahrnimmt, auch dann nicht, wenn er sich auf eine Weise verhält, als wüßte er es.
Naturalistische Philosophen verwechseln sprachliche Kommunikation mit Verhaltensreaktionen auf visuelle oder akustische Wahrnehmungsreize. – Sie unterstellen, die Wahrnehmung des Klingeltons interpretiere der Hund als Zeichen, daß es etwas Leckeres zu fressen gebe. Doch wenn der erwartete Leckerbissen ausbleibt, fragt sich der Hund nicht, ob er das Zeichen mißverstanden oder sich seine Bedeutung geändert hat.
Die Absonderung von Speichel ist keine Form der Erwartung, sondern das Symptom des bedingten Reflexes. – Erwarten wir den Besuch eines Freundes, sind wir nicht enttäuscht, wenn statt seiner ein Bekannter klingelt und uns mitteilt, der Freund könne nicht kommen, denn er liege krank danieder, sondern wir sind besorgt. Wir sagen nicht: „Ach, wie dumm!“, sondern: „Laß uns gemeinsam einen Krankenbesuch machen!“
Wir klären die Begriffe, indem wir sie gleichsam in modellartigen Versuchsanordnungen anwenden.
Der Versuch, Begriffe aus der Sphäre der Sittlichkeit wie Tugend und Laster oder des Rechts wie Vergehen und Strafe auf natürliche Tatsachen und Ereignisse anzuwenden, muß begriffsnotwendig scheitern; es sei denn, es handele sich um Formen des Mythos oder um dichterische Metaphern.
Das Licht der Wahrheit hat keine Wellenlänge.
Die Sonne der dichterischen Welt haben wir nur im farbigen Abglanz metaphorischer Wendungen und Bezüge, das Licht der poetischen Aussage erfassen wir im wandernden Schatten übertragener Bedeutungen.
Die Wahrheit des menschlichen Daseins enthüllt sich uns in den Formen und Mustern, in denen sich unsere leibgebundene Gegenwart kundtut.
Die Seele ist die Aura des Leibes.
Ihr war seine Gegenwart wie ein lastender Schatten; betrat sie den Raum, schien es heller zu werden.
Sein glasig-abwesender Blick schien alles Bitten und Flehen von sich abgleiten zu lassen.
Wir können, was menschliches Leben bedeutet, nicht physiologisch ableiten, allenfalls physiognomisch.
Der Geschmack der Madeleine, der Proust unwillkürlich die Erinnerung an seine Kindheit aufschließt, ist nicht der Geschmack der Speise, die unser Heißhunger hinabschlingt.
Der Schmerz um die verlorene Liebe ist dem Phantomschmerz nicht unähnlich.
Die Rose süßen Lichts
Dort flackern leise Lichter, angezündet
von scheuer Trauer. Sanft sind ihre Hände,
sie wölben Stille um die Totenspende,
bis die umhegte Flamme Atem findet.
Die Anmut kniet, vom Marmor Moos zu schaben,
damit die Inschrift wieder reiner scheine.
Es ist, als ob ein weiches Veilchen weine,
als tropfe lichter Tau aus Perlmuttwaben.
Des Dichters Name, Frucht vom Vers umrankt:
„Was mir zur Nacht erhellt den Fluß der Reime,
die Rose süßen Lichts, sie sei bedankt.
Aus tiefer Liebesblicke Born geronnen,
die Tränen nährten mir die dunklen Keime,
sie sproßten auf zu Knospen fahler Sonnen.“
Auf verlorenem Posten
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Denunziatorisch gesinnte Banausen lesen keine Bücher, sie schnüffeln darin.
Sagt man „Kafka“, kommt als konditionierter Reflex aus dem Mund des braven Schülers und Adepten des Zeitgeists: „Ach, der tyrannische Vater!“ Gregor Samsa, der Käfer – „Symbol der Entfremdung menschlicher Beziehungen in der patriarchalischen Familie“ (oder ebenso glatt von der Zunge „der kapitalistischen Gesellschaft“).
Die Kulturbetriebsschickeria sendet ihre Schnüffler, Scharlatane und Denunzianten aus, um aus dem Schrank eines Kafka die schmutzige Wäsche herauszuwühlen, unter der ledernen Zwangsmaske des Tübinger Psychiaters Autenrieth Hölderlin nachzufühlen und nachzuäffen und vor der Schwarzwaldhütte bei Todtnauberg den Abdruck des Klumpfußes aufzuspüren.
Wie den Ursprung der Sprache verkennt, wer ihn in der Wortgebung des Schreis oder der Interjektion zu finden meint, banalisiert und trivialisiert einer denjenigen der Dichtung, der sie als bloßen Ausdruck der Leidenschaft und des Gefühls oder gar einer gefühlvoll metaphorisch ummäntelten moralischen Haltung betrachtet.
Sine ira et studio – das Gebot der Enthaltsamkeit von spontanen Sympathien und Ressentiments gegenüber den dargestellten Akteuren oder moralisch imprägnierten Stellungnahmen hinsichtlich der dargestellten Entscheidungen und Begebenheiten des nüchternen Historikers.
Soll man aufdringlich betonen, es habe sich um die Entscheidung eines grausamen, niederträchtigen und blutrünstigen Gewaltherrschers gehandelt, die zur Hinrichtung der Widerstandsgruppe um Claus Schenk Graf von Stauffenberg führte? Allerdings: Konnte man von diesem Herrscher anderes erwarten, etwa, daß er, moralisch erschüttert durch die heroische Tat dieser Männer, sich eines Besseren besonnen hätte und vom Amt zurückgetreten wäre? Dies scheint ebenso lächerlich wie das erstere eitel.
Das Gedicht kann als Form der von den Romantikern so genannten „Gemütererregungskunst“ wirken, ohne daß sein Verfasser sich solcher Erregung hingegeben haben müßte.
In eine Maus verwandelt gibt das Wort der Dichtung, bang vor der Katze der öffentlichen Meinung, nur noch ein leises, unverständliches Fiepen von sich.
Zwei, drei Generationen, von Catull über Horaz und Vergil bis Ovid, das war der Höhepunkt der lateinischen Dichtung im Goldenen Augusteischen Zeitalter. Ziehen wir sodann die Linie vom Göttinger Hain bis zur Weimarer Klassik und fragen: Ist dies eine Analogie im Sinne der historischen Morphologie eines Oswald Spengler? – Erhebliche Zweifel melden sich an, angesichts der Unvergleichbarkeit der Sprachen und Kulturen ebenso wie der grundverschiedenen poetischen Darstellungsmittel.
Klopstock hat die antiken Odenmaße der deutschen Sprache einzuverleiben gestrebt, aber anders als die harmonische und sinnfällige Übertragung der griechischen Metren in die lateinische Sprache durch Horaz drückte die deutsche bisweilen der enge Schuh, sodaß sie in freien Rhythmen das Weite suchte.
Man kann Dichtung nicht einzig auf der Grundlage von historisch-biographischen Daten ableiten und verstehen. – Wir haben nur dürftige und oft fragwürdige Splitter aus der Überlieferung über das Leben der Sappho; doch verstehen wir, obwohl es sich wie meist um ein Fragment handelt, jene Verse, in denen das dichterische Ich in einer priesterlichen Maske die Göttin Aphrodite hymnisch anruft, sich in dem Hain zu offenbaren, wo Apfelbäume und Rosen blühen, Weihrauch auf Altären emporsteigt und edler Wein für sie bereitsteht, den die Göttin selbst mit Nektar vermischt den Eingeweihten des Thiasos einzuschenken aufgefordert wird.
Nennt man vollmundig Kafka einen Dichter der Moderne, mag man vielleicht darauf hinweisen, daß in der Tat der Landvermesser im „Schloß“ zu einer neuesten technischen Errungenschaft, dem Telefon, greift; doch was er vernimmt, wenn er in die Muschel lauscht, sind geisterhafte Stimmen. – Schon die antiken Dichter vernahmen solche oder ähnliche Stimmen im Rauschen des Wassers und im erregten Laubwerk der Bäume.
Wir Kinder wähnten, im Summen der Hochspannungsleitungen die Stimmen fremder Sprachen aus Übersee zu erlauschen.
Das Ende der Dichtung ist besiegelt, wenn die technokratische Herrschaft des Weltimperiums, um das Ideal der Gleichheit zu verwirklichen, den Säuglingen nach der Geburt einen Chip ins Hirn implantieren läßt, der sie im Fühlen, Denken und Sprechen mit den Angehörigen ihrer jeweiligen sozialen Gruppe auf gleiche Wellenlänge einstimmt.
Das auditive Gedächtnis des Dichters – der Bienenkorb eines kaum durch den Schlaf unterbrochenen Summens und Singens fremder Stimmen, des Seufzens und Klagens der Abwesenden und Toten.
Ein wenig Klarheit oder der Anschein von Verständlichkeit stellt sich ein, wenn sich eine Stimme vordrängt und diktiert, was der überwältigte oder überrumpellte Schreiber demütig oder resigniert zu Papier bringt.
Der sublime dichterische Stil eines Vergil und Horaz nährt sich von der syntaktischen Sperrung von Hauptwort und Bezugswort, zwischen denen sich der Ausblick auf fernere Lichter, Schatten, Stimmungen der Seele auftut. Die Sperrung kann auch wie ein sprachlicher Kontrapunkt wirken, wenn in den Zwischenräumen Bedeutungen auftauchen, die einen Schatten auf das Ausgesagte werfen.
Die wallende Gewandung und ihre wechselnde Färbung und Musterung in den metrisch gezügelten oder gelockerten Rhythmen eines Goethe oder Brentano und das fadenscheinig-blasse oder steifleinene Vers-Hemd zeitgenössischer Literaten.
Heute, nach Dezennien der Schmähung und Diskreditierung der väterlichen Autorität und der sogenannten bürgerlichen Familie als Hort der Finsternis und des Traumas, mutet uns Kafkas Erzählung „Das Urteil“, wenn man sie, wie von geistlosen Literaturwissenschaftlern oder ideologischen Moralisten nicht anders zu erwarten, auf den außerliterarischen Stoff reduziert, abgestanden und fade an. – Anders ihr sprachlicher Ausdruck, insofern er mit dem Rätselhaften und vom Verstand nicht Faßbaren ringt.
Aufgrund der Überzüchtung des Verstandes, wie sie die zeitgenössischen Curricula in Schule und Hochschule im Zeichen von Digitalisierung und KI vorantreiben, verkrüppeln das Gemüt und die intuitiven Begabungen des Menschen auf Insektenmaß.
Manche Verse, wie von Verlaine oder Trakl, sind geflügelten Küssen gleich, Falter, die an exotisch-fremdartigen Blüten saugen, um trunken zur Erde zu stürzen und zu sterben.
Eine Wanze, durchs Mikroskop betrachtet, wirkt monströs.
Auch die Grenze des Verstehbaren können wir fühlbarer, rätselhafter, bedrohlicher auf uns wirken lassen; etwa als nur zeigbare, nicht sagbare Grenze der Sprache oder als Deus absconditus.
Die Sprache bietet mehr Möglichkeiten, vom lichten Pfad des Verstehens und der Verständigung in das dunkle Dickicht und den Wald voller Rätsel abzuirren, als uns guttut.
Maße des dichterischen Rhythmus finden wir im Herzschlag, im Atemholen, im Wechsel von Wachen und Schlafen, von Gedanke und Traum, von Tag und Nacht, von Ebbe und Flut, von Frühling, Sommer, Herbst und Winter, in der Spannung von Schwerkraft und Licht, Nähe und Ferne, in den Mondphasen und Sternenzyklen, in der Wechselrede von Herz und Hirn und vielem mehr.
Das seiner Umgebung allzu entrückte Wort beginnt zu schillern, setzt eine Art metaphysischen Grünspan an und wird unverständlich wie „Bedeutung“, „Sinn“, „Sprache“ und „Geist“.
Die römischen Begriffe populus und natio spiegeln einander; sie sind vorstaatliche Prägungen des sozialen Lebens. Völker gründen Staaten, Staatsangehörigkeit kann ethnische Identität nicht tilgen; die Kurden sind ein Volk, auf drei Staaten verteilt, das sich zu behaupten und einen eigenen Staat zu gründen bestrebt ist.
Das ethnische Substrat der Völker bildet ein eigentümliches individuelles Ethos aus, das ihre Lieder, ihre Mythen, ihre Epen färbt und ihre malerischen und plastischen Erzeugnisse atmosphärisch umhüllt: die ionische Färbung der homerischen Epen; die ethnisch-kulturelle Aura der griechischen Säulenordnung – dorisch, ionisch, korinthisch.
Mag es uns allgemeines Stirnrunzeln der erwachten Gutmenschen einbringen, wenn wir der Idee der Weltgesellschaft unter der Herrschaft der Trikolore mit Mißtrauen begegnen, die Bedeutung des ethnischen Substrats und der Polarität der Geschlechter als Bedingung der sinnvollen Rede vom Volk und der Liebesdichtung vom Minnesang bis Goethe und des romantischen Lieds nicht abzuschütteln vermögen oder den Gipfelschnee der poetischen Achttausender zu betreten nur den Bergsteigern vorbehalten, die sie unter Inkaufnahme hoher Risiken erklimmen, wir wissen, wir stehen auf verlorenem Posten, es mutet an wie der heroisch-imaginäre Kampf des Don Quijchote: komisch, grotesk und vergeblich.
An der Schneegrenze überrascht den einsamen Wanderer der Enzian mit seiner wundersamen Pracht, deren Schönheit gleichsam dem menschlichen Auge abgewandt ist.
Schiller konzipierte seine Gedichte in Prosa, die sich oft schon in versrhythmische Kola gliederte, doch flocht er die Reime zumeist nachträglich ein; Goethe strömten die Reime unwillkürlich wie Seerosen auf den Wellen des Rhythmus dahin.
Die lyrische Dichtung ist anders als das Epos strophisch gegliedert; die reichste Entfaltung deutscher Strophik der Neuzeit vom vierzeiligen Volksliedton über die sechszeilige Strophe bis zur achtzeiligen Stanze finden wir bei Goethe und den Romantikern; bei Heine schon und später im Expressionismus sehen wir den Formenreichtum auf meist vierzeilige Gebilde geschrumpft oder gänzlich überwuchert und aufgelöst. – Die Strophe aber ist keine äußerliche Klammer, sondern hat ein eigenes Ethos, eigene Aussage- und Strahlkraft; anders der fließende Volksliedton bei Eichendorff und Brentano, anders die schweren Quader der Marienbader Elegie Goethes.
Mehr nicht
Mehr nicht als zu zweien gehen
unter wolkenweißen Schlehen,
und der Anmut sanfter Blick.
Mochten harte Schnäbel schreien
in das blütenweiche Schneien,
deine Stille war das Glück.
Glück auch, deinem Singsang lauschen,
dunklen Puls mit hellem tauschen,
hat sich Herz an Herz gepreßt.
Und dem flatternden Verlangen,
blind im Netz des Blicks verfangen,
bot des Haares Nacht ein Nest.
Heiß gepflückt am blauen Morgen,
Frucht, sie hab ich nachts geborgen
in der weißen Schale Lust.
Was als feuchter Glanz geronnen
aus geheimen Schmerzensbronnen,
Träne war es, unbewußt.
Herbst gab uns sein Leuchten stiller,
langes Dulden, Traumerfüller,
goldne Trauben wurden Wein.
Doch als sich die Schatten längten
kalt das Abendrot verhängten,
blieb ich mit dem Traum allein.
Einsam will ich auf verschneiten
Stufen in die Höhe schreiten,
wo das Holz des Leidens ragt.
Und die ich entzünde, Lichter,
machen stumm den alten Dichter,
dem wie Nacht der Morgen tagt.
Der letzten Reime Laich
Es tönet uns kein Rauschen mehr von Wellen,
wie einst im Glanz von Hellas Nacht Homer,
verstummt sind unterm Asphalt, unterm Teer,
die Sapphos Verse netzten, Heiltumsquellen.
Dem sich verklärt der Dunst zur Morgenröte,
in buntem Abglanz gab der Vers zurück
des hohen Geistes sonnentrunknen Blick,
irrt als Gespenst durch Phrasenschwaden: Goethe.
Uns narrt im Ohr der Seele, dem verstopften,
obszönes Kichern und letales Keuchen,
und scheint es endlich still, ist uns, als tropften
Erinnyen Eiter in die Musengrotte,
um grünen Liedes Weiher zu verseuchen,
daß auch der letzten Reime Laich verrotte.
Perlmutt und bunter Schaum
Perlmutt wie matt, der bunte Schaum verschwunden,
Barock der Sommer, Herbst ein Rokoko.
Weißt du, wieso die stille Anmut floh,
die mit den Blüten, keck ins Haar gewunden?
Sie nahm im Park beim Rauschen der Fontänen
aus einer Schale Obst in Karamell,
ein kleiner Hund, ein Spitz mit weißem Fell,
hat leis geknurrt, Schnee blendete von Schwänen.
Die zart sie hob aufs Wasser, Orchideen,
sind lang versunken, und ihr Haar ward grau.
Dir blieb, auf winterkahler Trift zu gehen,
die lieblich sang, ward keines Dichters Frau.
Hat sie den Spielgefährten stumm begraben,
quoll Süße noch aus des Erinnerns Waben?
Ein Tag der Liebe
Da rosig schon Magnolienblüten prangen
und Duft wölkt wie der Veilchen Frühgebet,
hat Schauer auch den Efeu überweht,
ein Tag der Liebe scheint uns aufgegangen.
So magst du wohl, als wär dein Fuß beflügelt,
leicht streifen Tau von Halm und zartem Gras,
der Wassersturz, wie hell zerklirrend Glas,
ruft uns zum Teich, wo still ein Schwan sich spiegelt.
Ich streue nur von Versen schwache Funken
dem Pfad, der deinen Schritten Anmut windet,
doch wenn die Dämmerung herabgesunken,
sind sie wie Mücken, die verworren kreisen,
sie glimmen noch, doch ihre Seele schwindet.
Mag uns der Venus Glanz den Heimweg weisen.
Goldener Bilder Verlöschen
Aus einer Nische Dämmerung und Staub
schaut noch ein Engel auf die Trümmer nieder,
der Schwestern Flügel und zerbrochne Glieder,
es rankt um ihn schon dunklen Efeus Laub.
Die Hymne, die mit Weihrauchwolken stieg,
ist wie die Glut, die stirbt, kurz aufgelodert,
die Zungen des Gesanges sind vermodert,
der Irrsinn schreit, der lang im Zwielicht schwieg.
So müssen, Liebe, wir denn Abschied nehmen
von goldner Bilder kindlich-reinem Trost,
und wandeln durch die Nacht wie leere Schemen
in hohen Dämmers Schilf am Lauf der Lethe,
den Trank zu trinken, der uns zugelost,
des Dufts vergessen, der im Psalm uns wehte.
Aus den Angeln
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Sinn: weder Faktum noch Konstrukt.
Jemand, der trotz faktischer Zugehörigkeit zum männlichen Geschlecht als Frau angesprochen zu werden wünscht, ist entweder krank oder der deutschen Sprache nicht mächtig.
Wir werden einen, der eine Fichte als Tanne bezeichnet, aufgrund des Hinweises auf gewisse botanische Merkmale eines Besseren belehren.
Benennungen oder im Jargon gesprochen performative Sprechakte sind korrigierbar.
Zu glauben, performative Sprechakte machten, was sie benennen, allererst zu einem Faktum, gilt nur bei Benennungen bestimmter sozialer Institutionen, beispielsweise der Freundschaft; nenne ich Hans nicht mehr meinen Freund, ist es mit der Freundschaft vorbei. – Ansonsten, wie im Falle physikalischer und biologischer Tatsachen, ist die Annahme, der Name bringe das Benannte ans Licht der Welt, eine Form magischen Denkens.
Was wir Sinn, Bedeutung und Norm nennen, ist keine natürliche Tatsache; der Evolutionsbiologe, mag er auch eine weltweit anerkannte Koryphäe seines Fachgebietes sein, der behauptet, aus der Lehre Darwins folge, daß der Sinn des Lebens, also auch des menschlichen, in der Optimierung der biologischen Fitness bestehe, ist ein philosophischer Kretin.
Wenn die polygame Lebensweise des Mannes darwinistisch betrachtet von größerem biologischem Vorteil ist als die monogame (mit mehreren Frauen können eben mehr Nachkommen desselben genetischen Musters erzeugt werden), folgt daraus nicht, daß wir, eingeschüchtert durch das pseudophilosophische Geschwätz eines die Grenzen seines Fachgebiets hochnäsig überschreitenden Meisterdenkers, am sozialen Sinn der abendländischen Errungenschaft der Einehe verzweifeln müßten.
Wären normative Gehalte wie Treue, Fürsorgepflicht, Verantwortung und Opferbereitschaft nichts als ein Ausdruck natürlicher Anlagen, müßten sie nicht in Gesetzestafeln gemeißelt, in moralischen Kodizes aufgeführt, gelernt und verinnerlicht werden.
Erwiesen sich die Zurückhaltung und Rücksichtnahme eines Menschen als Ausdruck pathologischer Schüchternheit oder als Form von Masochismus, wären wir ihm nicht zur Dankbarkeit verpflichtet.
Die menschliche Sprache ist ein sowohl faktisches wie normatives Gebilde.
Das grammatische Faktum der deutschen Sprache zu leugnen, daß Substantivbildungen wie „der Lehrer“, „der Arzt“, „der Kunde“, „der Fahrer“ oder „der Bürger“ das natürliche Geschlecht der jeweils benannten Person nicht markieren, ist entweder ein Ausdruck von Dummheit oder ideologischer Verblendung. Ausdrücke dieser Art künstlich und zwanghaft zu sexualisieren („die Büger:innen“) verformt das grammatische Skelett der Sprache und ist somit normwidrig.
Die obszöne Sexualisierung der Sprache ist keine konventionelle Bereicherung ihres Wortschatzes, sondern eine Deformation ihrer grammatischen Struktur.
Der Sprachgeist, der uns gegenwärtig anweht, ist giftig und verursacht Brechreiz.
Der lyrische Rhythmus haucht dem alltäglichen Wort Anmut und Würde ein.
Dichtung vermag das gewöhnliche Wort in eine außergewöhnliche, ja transzendente Atmosphäre zu tauchen.
Der heutzutage beliebte unreine Reim ist ein Ausdruck der Verlegenheit und der Resignation angesichts der Verschmutzung der medial geschändeten Sprache.
Das grammatische Genus für ein geschlechtliches Wesen zu halten blieb den illiteraten Narren des Zeitgeistes vorbehalten.
Allgemeinbegriffe wie Verantwortung, Feindschaft oder Liebe sind Verdichtungen und Kristallisationen von Tätigkeiten. So ist ja Liebe, was Eltern tun, die sich um ihre Kinder kümmern.
Das alte Rom hatte einen sublimen Sinn nicht nur für Abstraktionen, sondern auch für ihre Personifikation. – „Bonus Eventus“ bezeichnet eine ländliche Gottheit, der man für einen guten Ernteertrag Dankopfer darbrachte.
Dummheit folgert aus der Nachricht, daß der Bankräuber eine Geisel genommen habe, es müsse sich dabei um eine Person weiblichen Geschlechts handeln.
Allerdings, als mythische Wesen und als Gottheiten personifizierte Allgemeinbegriffe wie „die Horen“, „die Musen“. „die Parzen“, „die Eumeniden“ oder Allegorien wie „Caritas“, „Bona Fides“, „Spes“ und „Iustitia“ sind Feminina – und diese grammatische Eigenschaft verdankt sich gewissen natürlichen Eigenarten des weiblichen Geschlechts.
Die neuronale Struktur der Sprachzentren des menschlichen Gehirns hat keine Ähnlichkeit mit der grammatischen Struktur der menschlichen Sprache.
Grammatiken sind keine bloß konventionellen Gebilde, auch wenn die artikulierten Laute in Bezug auf die gemeinten realen oder irrealen Gegenstände mit Ausnahme der Onomatopoesien konventionell sind. Sie wurzeln tiefer, beispielsweise im Thymos, im Ethos und der Weltsicht der Sprecher.
Es gibt gereimte und ungereimte Gedichte; aber es ist kein Zufall, daß die antiken Sprachen aufgrund der quantitativen Silbenmessung die ungereimten lyrischen Gattungen der Ode, der Elegie und des hexametrischen Epos ausgebildet haben, die akzentuierenden germanischen und romanischen Sprachen aber den Stabreim und den Endreim.
Grammatische Formen ermöglichen uns, nicht nur konkrete und abstrakte Gegenstände und Ereignisse zu bezeichnen, sondern auch, sie in temporale, modale und logische Bezugssysteme einzuordnen.
„Die gestrige Examensprüfung hat der Student bestanden.“ – „Daß der Geselle die morgen anberaumte Meisterprüfung bestehen wird, darf er wohl hoffen, weil er sich hinreichend darauf vorbereitet hat.“ – „Obwohl er fleißig gebüffelt hat, wurde dem Schüler die Klausur zu einem Debakel.“ – „Hätte der Kandidat nur eifrig gepaukt, wäre er nicht durch die Prüfung gefallen.“
Insbesondere die grammatische Möglichkeit zur Bildung des irrealen Konditionalis ist ein Eckstein für das philosophische Leistungsvermögen unserer Sprache. – Beispiel: Wären die Anfangsbedingungen der Entstehung des Kosmos um ein Jota von den tatsächlichen abgewichen, würden wir nicht existieren.
Je stärker das Gefälle, umso heller rauschend der Strom. – Die Steigerung des dichterischen Ausdrucks ist eine Funktion der Beschränkung seiner metrisch-rhythmischen Bedingungen.
Wir können das Präsens als unmarkiertes Tempus verwenden; so wenn wir sagen: „Wir sind miteinander befreundet“ oder „Ich pflege in der Nacht zu schreiben.“ In der Dichtung finden wir den Gebrauch des Präsens als Form der Evokation einer unbestimmten, unwirklichen, ja traumhaft zeitlosen Gegenwart, wie etwa bei Stefan George:
Der hügel wo wir wandeln liegt im schatten ·
Indes der drüben noch im lichte webt ·
Der mond auf seinen zarten grünen matten
Nur erst als kleine weisse wolke schwebt.
Die Dichtung vermag die Sprache gleichsam aus den Angeln der temporalen und logischen Alltagsverortung zu heben. – Daher ist sie den Zwängen und Engen der Alltagsprosa entrückt, deren Pforten leicht zu öffnen, aber auch zu schließen sein müssen, aus welchem Grund sie in den festen Angeln grammatisch-logischer Strukturen aufgehängt sind.
Wenn indes prosaische Geister die Sprache aus den Angeln der Grammatik heben, ist das Ergebnis alles andere als poetisch.
Die Sprachquader eines Livius, Caesar, Sallust oder Tacitus; der Quark, der aus den Spalten der Gazetten quillt.
In vielem ähneln die Psychiatrie und die Psychoanalyse einer rationalisierten Form des Exorzismus.
Die Pschoanalye ist der vergebliche Exorzismus jener Geister, die sie selbst heraufbeschworen hat.
Es sind die alten, aus dem gelichteten Wald der Aufklärung geflohenen Geister und Dämonen, die im Dickicht kranker Nerven und im verhedderten neuronalen Netzwerk des Psychotikers Unterschlupf gefunden haben. Dort hört er sie wimmern und klagen oder muß schmerzhaft fühlen, wie sie verzweifelt an seinen Empfindungsfasern zerren.
Die groteske Epiphanie der Musen im Stimmenhören des Wahns.
De multa desperationis nocte
Hat nachts gepocht wer an das Fenster?
Es war ein Zweig, vom Wind zerbrochen.
Hat unterm Dach nicht wer gesprochen?
Geschwätzig sind die Angstgespenster.
Es löst sich ab der Silberfaden,
der deinen Geist einst fest umwickelt,
du siehst dein eigen Bild zerstückelt
von einem Richter sonder Gnaden.
Sind Quellen noch dem Hoffnungslosen,
die unterm Kuß Selenes singen,
sind Knospen übrig, Hauch zu schwingen,
ward kalt dir auch die Glut der Rosen?
Nein, niemand kommt, mußt einsam liegen,
umsonst den Schwamm Erinnerung pressen,
der Liebe harte Kruste essen,
kein Vers rauscht, mit dir aufzufliegen.
Something beautiful
(Gospel, Autoren: Gloria/Bill Gaither)
Something beautiful, something good,
All my confusion He understood.
All I had to offer Him was brokenness and strife
But he made something beautiful of my life.
If there ever were dreams
That were lofty and noble,
They were my dreams at the start,
And hopes for life’s best were the hopes
That I harbor down deep in my heart.
But my dreams turned to ashes
And my castles all crumbled, my fortune turned to loss.
So I wrapped it all in the rags of life
And laid it at the cross
Der Gnade Strahl verklärt mein Angesicht,
und meines Irrsals Dunkel macht Gott licht.
Scherben, Splitter nur konnt ich Ihm geben,
Er fügt den Krug, gießt ein mir neues Leben.
Und wurden Träume je geträumt,
die edle Knospen auf ins Blaue sprossen,
so waren’s meine, Saat aus goldnem Korn.
In Ströme, die ins Fruchtland flossen,
quoll mir der Hoffnung tiefer Born.
Ein Sumpf der Quell, die Blüten bittre Aschen.
Sturm hat mein Heim verheert, die Tenne leergefegt.
Ich hatte nur noch Spreu in meinen Taschen
und hab sie unters Kreuz gelegt.
Siehe auch (mit variiertem Text):
https://www.youtube.com/watch?v=T3Qb829-kZM
Verblaßte Blume
Der weiche Dunst der Dämmerung war Schnee,
im Schlaf ein kaltes Knirschen wie von Kufen,
dann hörtest du in heißem Zwitschern rufen,
bald taue auf der zugefrorene See.
Die Sonne, ein Rubin auf blauem Samt,
geschliffen wie Dionysos zum Ruhme,
du aber dachtest an die Purpurblume,
wie sie in ihrem schwarzen Haar geflammt.
Ein Seufzen zwischen Schilfen war der Mond,
wo ihr in hoher Sommernacht gegangen,
die dunkle Parze hat euch nicht verschont,
auch wenn von Wiederkehr die Wellen sangen.
Die Blume blaßt, gepreßt im Buch der Lieder,
ein toter Glanz geht deine Sonne nieder.
Die Besessenen
Es sind die Geister, Götter und Dämonen
geflohen aus dem aufgeklärten Wald,
mit ihnen zog der Mythen Bildgewalt,
als Irrlicht in der Seele Nacht zu wohnen.
Dem Kranken tropft es von der Schädeldecke,
der Nymphe hörbar, nicht dem Stethoskop,
wem Fluch und Zischen in die Rede stob,
ahnt nicht, daß ihn des Bacchus Schlange necke.
Der Kriegsgott ward zum Flammenmenetekel,
das ins Gehirn von Somnambulen zuckt,
und Venus läßt erbrechen sich vor Ekel
den edlen Sinn, der Genderbrei geschluckt.
Die Seele, die der Quelle Glanz vergessen,
siecht hin, von Schatten ihrer selbst besessen.
Ruina venustatis
Die weiße Orchidee im schwarzen Haar,
hat zart die Knospe Anmut dir geschwungen,
still lächelnd hast du vor dich hin gesungen,
aus blauen Quellen trank dein Blick sich klar.
Und was du sagtest, war wie grünes Laub,
wenn Blätter unter Tropfen dunkel zittern,
in lauer Luft von Sommernachtsgewittern
stob, was du fühltest, auf im Blütenstaub.
Ich sah dich wieder, und dein Haar war Schnee,
die Sklavin eines Stocks bist du gehumpelt,
die Wimpern grauten, Schilf an trübem See.
Gleich einer Frucht, im Dämmerlicht verschrumpelt,
troff müden Seufzens Schaum von deinen Lippen.
Ein leeres Nest hing hinter kalten Rippen.
Auf dem Kreuzweg
Da wir den alten Kreuzweg nachtwärts schritten,
Relief gab Kerzenflackern dunkler Qual,
ist unter uns ein Seufzen hingeglitten
vom Laub, das einst gegrünt am rohen Pfahl.
Und jeder Dorn an des Erwählten Schläfe
stach in der Lauheit taubgewordne Haut,
es war, als ob sein lichter Blick uns träfe,
was uns betäubte, Kaltsinn wär getaut.
Wo aus der Wunde Blut des Heils geronnen,
schien eine weiße Lilie aufgeblüht,
die roten Tropfen wären Gnadensonnen,
die unser kaltes Antlitz überglüht.
Wir küßten wie im Traum das Totenlinnen,
wir fühlten feuchten Glanz ins Dunkel rinnen.
Finis gloriae
Zerfressen liegt der Mumie Verband,
gesalbt und eingewickelt für Äonen.
Unsichtbar sinkt der Bau der Pharaonen,
in Gottes Auge lang schon Sand im Sand.
Der Jungfrau Schritte auf dem Palatin,
wie rasch verhallt, zu Asche ward das Feuer.
Es bröckelt auch der Oden Prunkgemäuer,
zersprengt von Lärm und Disteln, vor sich hin.
Der Krummstab, der den Weihbezirk gerahmt,
was heilig vom Profanen abzuscheiden,
ist in der Unzucht Fäulnisschlamm erlahmt.
Stumm ist der Mund, der einst den Segen sang,
die Schlange zischt, wo keine Hirten weiden.
Am Baum des Lebens nahm das Wort den Strang.
Die entlaufenen Hühner
Wer ließ sie flattern aus dem dumpfen Stalle,
daß überall ihr Scharren öd und schrill
ihr albernes Gegacker widerhalle?
Laut ward das Huhn, der Gockel aber still.
Der Hahn hat selbst den Kamm sich abgeschnitten,
den stolz geschwellten, sich gekappt den Sporn,
als Schatten seiner selbst nur noch gelitten,
kräht er nicht mehr, ein Heros ohne Zorn.
Daß Füchse auf die unbewachten lauern,
die Hühner, schwärmen sie Mänaden gleich,
das graue Herz des Hahns wird es nicht dauern,
schwirrt auch Gefieder bacchisch rot statt bleich.
Wer wieder schließt sie in des Pferches Schranken,
burleske Epen sollen um ihn ranken.
Aus dem Abgrund Rosen
Wie traurig-schön floß uns die Melodie,
als aus der Knospen somnambulem Wogen
das Abendrot noch süßen Duft gesogen,
du aber legtest mir dein Haupt aufs Knie.
War es die Stimme, die um Nacht gefleht,
den Schmerz im Tau des Mondes sich zu kühlen,
entquoll ein Lied aus brunnendunklem Fühlen,
daß über ihm der Stern der Liebe steht?
Du hobst den Blick zu mir, den wehmutfeuchten,
als würde nie ein Tag uns wieder leuchten.
weil Düsternis das blaue Lied erstickt.
Und aus dem dunklen Abgrund sind gestiegen,
um sich um Eos holde Stirn zu schmiegen,
die Rosen, und du lächeltest entrückt.
Sapphos Frühlingslied
Sie selbst, sie lädt die hohe Göttin ein,
mit ihr zu feiern unter Blüten, weißen,
auf Marmorsitzen, die wie Monde gleißen,
der Sonne Frucht zu trinken, goldnen Wein.
Ein Wehen geht, und Himmelsanmut schneit
um jene, die aus Purpurschaum geboren.
Gestalt des Lichtes ist sie reinen Toren,
Dunst Epigonen, die nicht eingeweiht.
So dringt der Sappho Frühlingslied wie Duft
durch Ritzen unsrer dumpfen Schattengruft,
vom Garten Eden einer fremden Erde.
Wir denken uns ein Schwingen von Kristall,
der Quellen nächtlich-blauen Widerhall,
doch keiner ahmt sie nach, die Dankgebärde.
Stern der Liebe
Die Mücken schwirren, glänzen schwarz und blau,
magst, Sommertag, ein spätes Glück bescheren.
Der Herbstwind wird die hohle Spreu noch kehren
von manchen Herzens Tenne, kalt und grau.
Komm, streifen wir am Uferschilf entlang
und biegen Halme uns zum warmen Schatten.
Damit wir unter Küssen nicht ermatten,
ertönt der Ruf des Kuckucks schluchzend-bang.
Gleich einem Lampion, den man vergaß,
beglänzt der Mond den Tau im hohen Gras.
Ach, wie du zitterst, weht der Wind so kühl,
der dunkle Rückweg, macht er dich verzagt:
Es ist ein Stern, der uns von Heimkehr sagt,
im Dunst wohl fahl, doch flammend im Gefühl.
Tot ist Endymion
Blaß schwebt der Mond, tot ist Endymion,
an kalter Schönheit Glanz ist er erfroren,
die Erde hüllte ihn in schwarzen Mohn,
o Blume, meinen Versen auserkoren.
Sitz einsam ich auf einem Ahnenstein,
im Dickicht lauern maskenstarre Schrecken,
hoff ich umsonst, mir bergen Trauben Wein,
ein trüber Dunst nährt Disteln nur und Quecken.
Und les ich dort Eklogen des Vergil,
ist mir, des Hirten süßes Flötenspiel,
dem Dunkel eine Seele einzuhauchen,
zerrinnt wie Tau an Lethes Ufergras –
als wär die Dichtung wie ein Zauberglas,
das graue Herz in grüne Nacht zu tauchen
Hundehüttenkleine Stanzen
Das Hündlein liegt nicht an der Kette, nein,
es hat ein Hüttchen wohl, doch steht’s im Warmen,
dort schlummert es auf Seidenkissen ein,
tät’s räumen gar, sich meiner zu erbarmen.
Ein müder Dichter will gern kynisch leben,
leis winselnd von der Muse Kunde geben.
Doch freudig wedelt mir das Hündelein,
ich hoff, der Sommertag mag freundlich werden.
Laß, krummes Holz, die Fünfe grade sein,
die Sonne soll mir kreisen um die Erden.
Ward auch verschluckt der Ball vom hohen Grase,
sie spürt ihn auf, die feine Schnüffelnase.
Am Ufer ist gut sitzen, weich umspült
der Fuß und auch der Seele trockne Rinde,
ihr ist, als ob sie Jugendfrische fühlt,
dreht sich ins Leere auch das Herzgewinde.
Das Hündchen aber kaut an einem Stecken,
bis er zerbröselt, müssen Zähne blecken.
Zieht auf der Welle träumerisch hinab
ein Blütenkelch, denk ich der Zeit, der frühen,
da sie die Lippen mir zu trinken gab
und feuchter Glanz ertränkte dunkles Glühen.
Wie dankbar bin ich, weckt mich heißes Kläffen,
daß bleiche Larven mich nicht länger äffen.
Der volle Mond hängt schon im Busch und glotzt,
nun geht’s nach Haus, wo niemand unser harret.
Hab ich dem Tag noch Verse abgetrotzt,
tief ist das Grab, wo sie die Nacht verscharret.
Wie lieblich klingt dem Schlaflosen das Keuchen,
wenn Schatten einen Hund im Traume scheuchen.
Schatten-Madrigale
Was abwesend, mag ins Wort noch scheinen,
lieber Schatten, den wir hören weinen,
und ein goldner Tropfen ist, der schwimmt
über einer Zeile grünen Saum.
Schwach im Dunkel unterm Blattwerk glimmt,
was dem Sinn verloren, Schaum.
Daß verloren sei kein Hauch der Frühe
und das Wort im Abendrot erglühe,
ist ein Vers von Reben zart umrankt,
wo der Reim herabtropft gleich dem Tau,
wo die Traube goldner Stille schwankt,
bis die Nacht kommt, veilchenblau.
Bleibt auch duftlos, was auf schmalem Raine
des Gedichtes keimt, es blüht zum Scheine,
wie der Mond auf weich beschneitem Hang,
doch was unter Frühlingsschauern quillt,
ist wie ferner nächtlicher Gesang,
der den leeren Abgrund füllt.
Wenn Unzucht malt
Traurige Madrigale
Wenn Unzucht phantasiert und malt,
verschmiert den Blick sie, der noch strahlt,
mit trübem Brei,
dem dumpf-sterilen Einerlei,
das bangen Hoffens Adern stopft,
wo dunkel noch ein Puls geklopft.
Und was an kalten Schimmern sie verspritzt,
hat sie dem trocknen Hirn sich abgewitzt.
Es kennt der Liebe Tränen nicht
das spöttisch grinsende Gesicht.
Und wo versiegelt hat das Wort den Mund,
zischt züngelnd eine Schlange aus dem Schlund.
Wenn Unzucht deliriert und schreibt,
beugt sich der Sinn, den Worten einverleibt,
in einen Abgrund leerer Zeit,
aus dem der Dämon der Verneinung schreit:
„Ich drehe alles Wahre um,
das Salz ist schal, die Liebe dumm.“
Und was sie lodern läßt in toter Nacht,
sind Opfer, Satan dargebracht,
Ikonen hoher Schau,
der Blüten reines Blau,
bis auf den Zeilen graut
verkohlten Wortes Haut.
Hüter der Schwelle
Die, was unberührbar, sollen wahren,
rufen Heilige an und Engelscharen,
daß der hohe Geist mit ihnen sei.
Und sie hüten des Altares Schwelle
vor der Trübsal seufzend-grauer Welle
und gemeinen Jammers Litanei.
Still verborgen unter Schattenlauben
schwellen süßen Liedes goldene Trauben,
und die Perle schläft im Muschelschaum.
Nur erwählte Hand darf sie uns pflücken,
nur dem Meister kann die Kelter glücken,
und das Kleinod ziert der Schönsten Saum.
Pöbelgeist soll nicht den Duft verseuchen,
Unzucht nicht bei Hymnenknospen keuchen,
so verschleiert Weisheit ihren Blick.
Denen Efeu an den Klagemauern
Lüfte blauer Tiefen überschauern,
Frommen zieht den Schleier sie zurück.
Es vermaßen feierlich Auguren
mit dem Krummstab die geweihten Fluren
für den Tempel, das geheime Bild.
Gläubig bitten Schatten nicht vergebens
um das lichte Wort erfüllten Lebens,
Licht, das aus der Liebe Wunde quillt.
Erweckt aus Finsternissen
Gesichter, rissiger Lehm und matter Ton,
die bangen bröckeln und die dumpfen starren,
die einen wie die andern Todes Narren,
der leere Blick spricht vollem Munde Hohn.
Doch jene straffte, hellte auf ein Strahl,
das Lied, das sie erweckt aus Finsternissen,
und goldener Glanz wie Tau auf Blütenkissen
hat sie gelockt zum abendlichen Mahl.
Die ausgebleichten Larven fallen ab,
wenn Flügel dunkler Engel Nachtwind fächeln,
die Sonnengeste läßt die Frommen lächeln,
da Brot sie ihnen, Wein der Liebe gab.
Schab, Dichter, ab den Grind der trocknen Silben,
laß unbeweint die Knospe Lied nicht gilben.
Flucht in die Wüste
Die Wüste glüht, dann kühlt des Mondes Glanz.
Es engt den Dichter im Metaphernkleide,
sieht funkeln er der hohen Nacht Geschmeide,
den Prunk des Nichts, verzückter Sonnen Tanz.
Huscht auch die Wüstenmaus, kreuzt der Skorpion,
wischt zuckend eine Schlange ihre Kreise,
das Sandmeer rauscht wie Dichters Verse leise,
weit vom Geschrei der Schlacht um Ilion.
Vers-Wandel ist wie Dünung monoton,
sieht er auch manchmal wie in grünem Glase
fern Palmen wehen: eine Wahn-Oase –
ihm hat den Durst gestillt der Nachttau schon.
Schneid, Dichter, ab den medialen Faden,
geh einsam auf den Spuren von Nomaden.
Der Teufel als Dichter
Ein Falter klebst du dumpf an Blumenlippen,
da schon das Gift brennt zwischen Herz und Rippen.
Der Dämon tändelt, bis sein Kotmund küßt.
Wenn Feuerzungen deine Stirn umschnalzen,
mußt bald ins Abseits du mit Schatten walzen.
Wild ist der Wirbel, daß du dein vergißt.
Und hängst dem Gaukeldenker du am Munde,
träuft lichte Tropfen er in deine Wunde,
die dunkler gluckst, in stummer Nacht allein.
Diabolos mag mit Metaphern protzen,
den Widersinn dem wahren Sinn abtrotzen.
Was schön, verblaßt, was schmutzig, leuchtet rein.
Im Hecheln und im Sirren soll nicht dauern
der reine hohe Ton, soll niederkauern
vorm grellen Stimmenwirrwarr Babylon.
Den Spiegel zu zerschlagen blauer Stille,
den Vers in bunte Splitter ist sein Wille,
er quetscht das Wort wie ein Akkordeon.
Von Todesschwulst siehst du den Versfuß schleimen,
ein Popanz will auf Talmiglanz sich reimen:
Der Teufel schäumt, ein Dichter dionysisch.
In süßem Schwindeln dreht sich aus der Mitte
der Sinn des Worts, als ob’s zum Orkus glitte.
Besessenen duftet Vers-Dung paradiesisch.
Spät auf dem Dornenpfad
Dem Andenken an Charles Baudelaire
Spät ächze ich noch auf dem Dornenpfad,
allein, gesanglos, ohne Weggefährten.
Verfallen sind der Ahnen Rebengärten,
der Wein des Einsamen, er schmeckte fad.
Aus der Erinnerung dumpfem Fluidum,
wie wölken auf die Bilder, gleisnerische:
Die Schatten dort an ländlich-kargem Tische,
sie bricht das Brot, er küßt die Stirn ihr stumm.
Und wie die Schöne mir das Bild gezeigt,
das Marterbild, den Dichter der Franzosen.
Der Mutter Antlitz, hell vom Brand der Rosen,
und war ihr Herz ins Dunkel schon geneigt.
Laß wölken hin, der Pfad steigt himmelan,
daß ich vom Rand noch mag im Abgrund schauen
den Strom der Heimat in der Dämmerung grauen,
weiß nicht, wann mir zu rauschen er begann.
Weiß nicht, wann mich das Rauschen hat betäubt
und konnte nicht der Worte Sinn mehr fassen,
den Faden, der mich hielt, mußt fahren lassen,
und ward ein Sproß, von fremdem Keim bestäubt.
Und komm ich dann zur Höhe, atemlos,
glänzt sie wie eine Muschel, mondenhelle,
im hohen Grase noch, die Waldkapelle –
das Haupt, o birg es in der Jungfrau Schoß.
Hinabgestoßen
Was dir das Aug hat überfeuchtet,
du weißt es nicht und fühlst es kaum.
Mir aber hat es noch geleuchtet
in einem wirren, bangen Traum.
Wie Münzen matt und abgegriffen
sind Worte um- und umgewandt.
Die Sinnkristalle, lichtgeschliffen,
hat überweht des Chaos Sand.
Das Gras, da wir ihn sahen rinnen,
den goldnen Tau, ist abgemäht.
Der Rosen purpurrote Minnen
zerriß die Hand, die sie gesät.
Umrankte Runen, unlesbare,
ergrauten Herzens Jugendschrift.
Des Liedes Zug ins Heiter-Klare,
erlahmt auf überwachsner Trift.
Wie Muscheln, die sich nächtlich schließen,
wer weiß, ob eine Perle reift,
stößt uns hinab ins dunkle Fließen
der Meergott, der, was glänzt, ergreift.
Zürnen, wem Zorn gebührt
Die uns ständig auf der Nase tanzen,
was wir denken sollen und wie sprechen,
uns zu dekretieren sich erfrechen:
Bonzen, Parasiten, Medien-Schranzen.
Die obszön vor uns die Glottis schlagen,
schamlos uns bedrängen, all dem abzuschwören,
was wir Papageno haben singen hören,
Mephistopheles soll sie zum Blocksberg jagen.
Geistig Pervertierte, die uns zwingen,
das Gesetz polarer Zeugung zu verneinen,
daß nur Mann und Frau sich echt vereinen,
sollen in den Abort der Chimären springen.
Die das Muttertum, die Ahnenehre ächten,
Unfruchtbare, die den Trost bespeien,
den sich gleichen Schoßes Schößlinge verleihen,
sollen einem Mannweib Zöpfe flechten.
Und die Kinder pädagogisch schänden,
Schamgefühles zarte Haut zerfetzen,
ihren holden Sonnensinn zersetzen,
mögen wie die Hex im Märchen enden.
Die in edlen Geistes blaue Venen
der Gemeinheit Lymphe injizieren,
daß der Dichter kriecht auf allen Vieren,
werfen wir zum Fraß vor den Sirenen.
Die uns Fusel in den Wein der Dichtung kippen,
was wie Stromgesang noch konnte gleißen,
mit barbarischem Gekreisch zerreißen,
stoßen wir von Lores schroffen Klippen.
Fragen magst du, was der Herr wohl dazu meinte:
War sein Zorn das Rückgrat nicht der Güte?
Denk, was ihm gemäß den Pharisäern blühte,
wenn er auch, was uns versagt, um Zion weinte.
Das späte Glück
Es rieselt über Moos und Steine,
dir ist, als ob die Waldnacht weine,
weil ihr kein Mond geschienen hat.
Am Quietschen ferner Straßenbahnen,
dem Knattern morscher Wetterfahnen
hört sich die Wehmut niemals satt.
Auf Kindheitsfotos zu betrachten,
wie die geschminkten Masken lachten,
es macht dich froh und etwas bang.
In Jugendbriefen zu entziffern
die albern-süßen Liebeschiffern
läßt fühlen dich verklungnen Klang.
Vernimmst du die chinesische Flöte,
den Zauberton von Hafis-Goethe,
bist du erfüllt vom Augenblick.
Gehst du im Abendrot selbander
mit ihr in stillem Traummäander,
umhaucht es dich, das späte Glück.
Das Verstummen der Gesänge
Wie in der Dämmerung Wasser singen,
als wollten sie uns Kunde bringen
von reinen Ursprungs dunkler Qual.
Die Blüten, die auf ihnen treiben,
sind wie Geliebte, die nicht bleiben,
und ihre Wangen werden fahl.
Und in den Nächten rieseln leise
durch zartgebognen Grases Schneise
Gesänge, hell und rätselsüß.
Die wunde Liebe will sie deuten,
den Schaum der Linderung erbeuten,
und sinkt ins stumme Herz-Verlies.
Gestalt des Lebens
Du siehst an Baum und Blatt, an Blütenblicken
kein Zeichen, das ins Grübeln will verstricken,
ob die Gestalt des Lebens sich verneint.
Mag heißer Strahl, die Peitsche Sturm es quälen,
kein Leben mag den Schatten sich vermählen,
auf daß es liebeskrank sich selbst beweint.
Wenn Schicksal eine Pfote auch zerfetzte,
der treue Hund reckt hin die unverletzte,
und offen glänzt sein Auge deinem Blick.
Der Dorfidiot, dem nie ein Weib sich schenkte,
fand Trost, wenn sich der Pferdenacken senkte,
ein Schnauben hielt vorm Abgrund ihn zurück.
Doch die ihn suchen, werden ihn nicht finden,
der Sinn kann sich nur wie die Ranke winden
um einen Stamm, den dunkle Erde nährt.
Die eitel eignes Mark zerdachten, fliehe,
ihm danke, daß er dich ins Blaue ziehe,
dem Duft des Worts, der allen Zweifeln wehrt.
Wie träumerisches Blumenstecken
Wie durch das Riedgras weich die Schneise
entführte dein Gesang uns leise,
als gaukelte der Mond im Ried.
Das Gras hat aufwärts sich gebogen,
als wär es aus dem Nest geflogen,
entschwand es uns, das süße Lied.
Wie träumerisches Blumenstecken,
mit dunklem Mohn die Rose necken,
war, was du sagtest, schwerelos.
Und mußten all die Blüten fallen,
das lichte Wort mit Schatten wallen,
es blieb der Nacht Tauglanz im Schoß.
Wie Kinder sich im Nebelgrauen
auf dunklem Pfad nicht weitertrauen,
schien uns, daß wir verloren sind.
Doch sahen wir die Schleier reißen
und Blüten rings, die blau und weißen,
trug fernen Sang uns zu der Wind.
Gezählte Takte
Wer wie der Dichter sieht mit wachen Ohren,
der weiß, des Lebens Takte sind gezählt,
nicht geht das Jawort ihm, das Ach verloren,
wenn sich die Liebe mit dem Tod vermählt.
Verzückter Seelen gleichgestrichne Saiten,
smorzando führt den Bogen er, Zigan.
Die in das Schilf der Dämmerung muß gleiten,
der Welle Elegie, sie schäumt dem Schwan.
Des Orpheus Leier, treibend auf den Fluten,
tönt noch, am Strahl des Silbermonds erwacht.
Die Rosen Rilkes scheinen zu verbluten,
als tropften Verse aus der Wunde Nacht.
Reiß, Dichter, zwischen Ja und Nein die Lücke
aus blauer Stille, daß sie uns entrücke.
Das Heil in der Flucht
Wir rütteln Sankt George auf im Grabe,
ob er ein Heilkraut für die Schwären habe,
wovon die Muttersprache faulig näßt.
Ein müder Wink kommt nur, es sei vergebens,
er habe schon die Glut des Dichterlebens
umsonst auf den Gespenstermund gepreßt.
So müssen wir das Kauderwelsch ertragen,
wenn irre girrend sie die Glottis schlagen,
hinunterschlucken, was zum Speien reizt,
verschleiern Herthas nordisch-blonde Locken,
daß keine dumpfen Zwitterhaften stocken,
wenn sie mit Funken nicht und Blicken geizt.
Vielleicht, daß wir mit jenen kindlich Frommen
in das Verlies, das dämmernde, entkommen,
wo lichtes Wort die Dunkelheit bezwingt,
daß wir auf fernen unentweihten Auen
wie Eremiten graue Zelte bauen,
dort, wo der Wind dem Grase Psalmen singt.
Vor und hinter den Kulissen
Der Himmel veilchen- oder fliederblau,
Hügel davor, zerlaufene Soufflés.
Nicht auch ein Bach? Ach was, ein Teich,
Blumen von Monet? Nein, von O’Keeffe.
Der Junge liegt im Gras. Im Heu? Im Gras.
Die Waden nackt, die Bluse offen, liest.
Kleines weißes Knäuel gleich daneben,
Hündchen, das nach Mücken schnappt.
Was mag der Bub wohl lesen?
Der Titel ist verdeckt, muß heiter sein,
das Büchlein, hin und wieder
hört man ihn lauthals lachen.
Hinrollt das Knäuel und es bellt
herzzerreißend im Diskant.
War’s ein Hase, der vorbeigehoppelt?
Das Dickicht ist recht hoch. Lugt dort ein Löffel?
Kleine weiße Wolke auf azurnem Grund,
sie färbt sich langsam rot.
Es will, scheint’s, Abend werden, Vers um Vers,
peu à peu, auch ohne Reim.
Geht denn der Junge nicht nach Haus?
Noch nicht. Kramt einen Apfel
aus der Tasche, reibt ihn am Ärmel ab.
Hört man das Fruchtfleisch knacken?
Nein, den lauten Biß deckt Rauschen zu,
das nun durch Büsche geht und Bäume. Verschluckt
sogar das Schlabbern, wenn die rote
Hundezunge übers weiche Wasser leckt.
Da, er wirft den Grotzen hinter sich,
das Knäuel pest gleich hintennach.
Der Junge aber pfeift durch seine Finger.
Es rast, der Butzen fällt ihm aus dem Maul.
Sie gehen heim, zwei Kameraden,
die Tasche baumelt an der Schulter.
Dann und wann springt das Tier danach,
alle Viere in die Luft gestreckt.
Endlich nimmt der Bub etwas heraus.
Der Hund sitzt andachtsvoll und gibt die Pfote.
Er hält’s ihm hin. Ein Würstchen? Wir können’s
aus so weitem Abstand nicht erkennen.
Jetzt sind sie nur noch kleine Flecken
in der Ferne. Da muß das Dorf sein
mit dem Zwiebelturm der Kirche. Ob Früh-,
ob Spätbarock, zu spät, die Dämmerung obsiegt.
Wie Tropfen Milch, die man in dicker
brauner Schokolade hat verrührt,
im dunklen Trank verschwinden,
sind sie verschwunden.
Das Weltbild
Wie Pulse von des Lebens Fülle künden,
muß seine Strahlkraft im Geheimnis gründen,
was wir bezeugen, sang in unserm Blut.
Das blanke Wasser kann getreu uns spiegeln,
der Wolke Schatten wird das Bild versiegeln,
der Pfeil des Blicks, er kehrt zurück und ruht.
Aus Nebeln tauchen Spiele, Rituale,
im Abendlicht erglänzt die Opferschale,
und goldner Tropfen rinnt zur Erdennacht.
Das zähe Wort löst sich in Traumgesängen,
gedämpfter Flötenklang aus Tempelgängen,
dem Starren ward ein weicher Hauch entfacht.
Ein Dichter-Philosoph mag es erschauen:
Wie Ströme sind wir, die durchs Dunkel blauen,
die Welle, sie begrünt und sie zernagt.
Ans Ufer schwemmen wir die fremden Keime,
wie an der Verse Ränder leise Reime,
bis uns das Schilf des Dämmers überragt.
Dämmern, Zögern, Säumen
Wir wandeln Pfade nun, die sacht sich winden,
wie Ströme, die in blaue Tiefe münden,
und was wir fühlen, ist so leicht wie Luft.
In uns ist Nacht, umstrahlen uns auch Sonnen,
wir schweigen, rauschen dunkel ferne Bronnen,
und was wir sagen, schwindet hin wie Duft.
Und mögen Worte uns wie Laubwerk streifen,
wir sehen nicht die Frucht des Lichtes reifen,
wir zögern, wenn die Dämmerung noch singt.
Die zarten Blüten mag nur Gluthauch pflücken,
ihr Schneien kann den Säumenden entzücken,
wie heller Ton, wenn Porzellan zerspringt.
Geduld des Dichters
Wie fauler Fusel nach dem Saufgelage
stinkt jedes Wort, vom Ahnengeist geliehen,
das sie gegurgelt und dann ausgespien,
im Abort schäumen Mär und Wundersage.
Barbaren, die auf Herthas Veilchen spucken
und Romas edlen Lorbeer niederreißen,
Gedichte, die wie Schnee auf Gipfeln gleißen,
und sich nicht in ihr Phrasendickicht ducken.
Doch sagt ein Wehen schon vom Ungewitter,
und stumme Blitze sind wie Götterboten,
daß auferstehen aus der Nacht die Toten,
hell blühen wird das Wort am Schattengitter.
In Katakomben harre mit den Frommen,
bis, Dichter, deine Engel wiederkommen.
Indianer spielen
Sie strahlten blau und rot und grün, die Federn,
wie eine Aureole um dein Haupt.
„Howgh!“ rufen, das war damals noch erlaubt,
verzierter Tomahawk, ein Gürtel, ledern.
Von Mutters Schminke bronzen Stirn und Backen,
darauf geritzt die Runen edlen Stamms,
und Fransen flatterten am Kriegerwams,
auf Ärmeln und Schlaghosen wilde Zacken.
O Tanz-Geheul ums wachtraumhelle Feuer,
das Herz des Wandlungszaubers hat gebrannt.
Von Sittenwächtern ward der Spaß verbannt:
Indianer spielen – Frevel ungeheuer.
Wir wollen fesseln sie an Marterpfählen,
den Skalp von ihren hohlen Schädeln schälen.
Tau des Nachtgesangs
Wenn wir dem Leid des Tags nachsinnen,
hat’s auch in Farben sich zerstreut,
schenkt Dämmerung uns Trost erneut,
mag Tau des Nachtgesanges rinnen.
Gedenken wir, die von uns schieden,
gleich Blüten, barsch vom Wind gepflückt,
blieb uns ein Duft, der sanft berückt,
zu wähnen, daß sie ruhn in Frieden.
Wenn wir sie niedersinken fühlen
des Lebens hohe Knospe auch,
mag währen noch ein süßer Hauch,
ein Vers, das heiße Herz zu kühlen.
Noch lauschen wir dem leisen Tropfen
in schwanken Schlafes Schattenlaub,
doch Wirbel sind wir, trunkner Staub,
wenn dunkler Erde Adern klopfen.
Neueste Einträge
Kategorien
- Auswahl älterer Gedichte
- Gedichte
- Gedichte in Prosa
- Gedichte und poetische Texte über Frankfurt am Main
- Gedichte und poetische Texte über Koblenz, Koblenz-Metternich, die Eifel und den Rhein
- Gedichte zur Zeit
- Komische und groteske Gedichte
- Liebesgedichte
- Lyrisch-philosophisches Spiel
- Lyrische Gedichte
- Oden
- Philosophische Essays
- Philosophische Gedichte
- Philosophische Sentenzen und Aphorismen
- Poetologische Gedichte
- Prosa
- Radiofeature und TV-Dokumentation
- Religiöse Gedichte
- Sonette
- Übersetzungen und Nachdichtungen
- Wittgenstein-Sonette