Der Torso
Es bangt uns um die königliche Seele,
daß Schwermut sie verdunkelt, Hohngeschrei,
und sie herab sich stürzt ins Einerlei
getünchter Mienen von der Schmerzensstele.
So liegt ein Torso unterm Staub der Schritte,
zersprungne Maße einer reinen Hand,
die jenen Ton dem stummen Stein entband,
der lieblich spielt um eine strenge Mitte.
Nun gehen stumpfe Sklaven drüber hin,
Verächter jeder Größe, aller Ränge,
die sie für böser Triebe Trugbild halten.
Doch sind noch Dichter von erlauchtem Sinn,
sie finden unterm Lärm sublime Klänge
und zwischen wüsten Fratzen Lichtgestalten.
Robert Frost, Dust of Snow
The way a crow
Shook down on me
The dust of snow
From a hemlock tree
Has given my heart
A change of mood
And saved some part
Of a day I had rued.
Staub aus Schnee
Wie in der Allee
vom Ast eine Krähe
den Staub aus Schnee
geschüttelt mir jähe,
hat mich geweckt
ein Flügelschlag,
der bitter geschmeckt,
süß ward mir der Tag.
Der Palimpsest
Erinnerungen, Blatt auf Blatt, wie Schiefer,
der unterm schweren Schritt des Winzers bricht.
Als hätten selbst die Schatten ein Gewicht,
sinkt die verstummte Seele immer tiefer.
Das Epigramm, in schwarzen Stein gehauen,
es rühmte wohl ein hohes Menschenlos,
verdämmert unter Flechten, schläft im Moos.
Was mag des Herzens Goldschrift übergrauen.
Doch manchmal tönt ein Zwitschern aus dem Nest,
das wie ein Spiel des Winds am Ast gebaumelt.
Es hört ein Dichter, wenn die Schwalben ziehen,
den Widerklang entrückter Elegien.
Und mancher war erschüttert, ist getaumelt,
las er die eigne Schrift als Palimpsest.
Robert Frost, Nothing Gold Can Stay
Nature’s first green is gold,
Her hardest hue to hold.
Her early leaf’s a flower;
But only so an hour.
Then leaf subsides to leaf.
So Eden sank to grief,
So dawn goes down to day.
Nothing gold can stay.
Kein Gold, das dauern mag
Natur streut Gold ins Grün,
so wirkt kein Ton zu kühn.
Früh leuchtet auf ihr Blatt,
doch bald schon ist es matt.
Dann wird das Leben lahm,
auch Eden sank in Gram.
Frührot weicht grauem Tag,
kein Gold, das dauern mag.
Siehe auch die Interpretation durch Dana Gioia:
https://www.youtube.com/watch?v=k2TVfvpYLPk
Geflüster in der Winternacht
„Daß wir noch einmal Sonnenpfade gehen,
wo weiße Kiesel knirschen und Kaskaden
Licht schäumend kecke Amoretten baden,
noch einmal uns betört ein weiches Wehen,
in dem von Lauben goldne Tropfen fallen,
und was kein Mund vermag uns Blüten künden,
die sich aufs neu am Abendrot entzünden,
ins Dunkel Funken singen Nachtigallen.“
„Ach, Freund, wir sind zu krank und lebensmüde,
wir könnten kaum den hohen Strahl ertragen,
Glut aber, die erlischt, läßt uns erbleichen.
Ein süßer Duft, er mag uns noch erreichen.
herbeigeweht aus fernen Sommertagen,
tut sich die Knospe auf in deinem Liede.“
Dana Gioia, Planting a Sequoia
All afternoon my brothers and I have worked in the orchard,
Digging this hole, laying you into it, carefully packing the soil.
Rain blackened the horizon, but cold winds kept it over the Pacific,
And the sky above us stayed the dull gray
Of an old year coming to an end.
In Sicily a father plants a tree to celebrate his first son’s birth–
An olive or a fig tree–a sign that the earth has one more life to bear.
I would have done the same, proudly laying new stock into my father’s orchard,
A green sapling rising among the twisted apple boughs,
A promise of new fruit in other autumns.
But today we kneel in the cold planting you, our native giant,
Defying the practical custom of our fathers,
Wrapping in your roots a lock of hair, a piece of an infant’s birth cord,
All that remains above earth of a first-born son,
A few stray atoms brought back to the elements.
We will give you what we can–our labor and our soil,
Water drawn from the earth when the skies fail,
Nights scented with the ocean fog, days softened by the circuit of bees.
We plant you in the corner of the grove, bathed in western light,
A slender shoot against the sunset.
And when our family is no more, all of his unborn brothers dead,
Every niece and nephew scattered, the house torn down,
His mother’s beauty ashes in the air,
I want you to stand among strangers, all young and ephemeral to you,
Silently keeping the secret of your birth.
Eine Sequoia pflanzen
Den ganzen Nachmittag haben meine Brüder und ich im Obstgarten gearbeitet,
wir hoben diese Grube aus und legten dich hinein, die Erde sorgfältig schichtend.
Der Horizont war schwarz vom Regen, doch kalte Winde hielten ihn überm Pazifik zurück,
und der Himmel über uns bewahrte das matte Grau
eines alten Jahres, das zu Ende geht.
Auf Sizilien pflanzt ein Vater einen Baum, um die Geburt des erstgeborenen Sohnes zu feiern – einen Oliven- oder Feigenbaum – ein Zeichen dafür, daß die Erde noch ein Leben zu tragen hat. Ich hätte dasselbe getan und stolz einen frischen Keim in den Garten meines Vaters gelegt, einen grünen Schößling, auf daß er inmitten der krummen Apfelbaumzweige sprieße,
die Hoffnung auf neue Früchte in künftigen Herbsttagen.
Doch heute knien wir uns nieder in der Kälte und wir pflanzen dich, unseren heimischen Riesen, wir kehren die alte Sitte unserer Väter um und hüllen in deine Wurzeln eine Haarlocke, einen Teil der Nabelschnur, alles, was auf der Erde übrigbleibt von einem erstgeborenen Sohn, ein paar verstreute Atome, den Elementen zurückerstattet.
Wir geben dir, was wir haben – unsere Mühe und unseren Boden,
Wasser, aus der Erde geschöpft, wenn sich die Himmel verschließen,
Nächte, duftend vom Nebel des Ozeans, Tage, milde vom Gewimmel der Bienen.
Wir pflanzen dich im Winkel des Hains, umspült vom Licht aus dem Westen,
einen zarten Sproß gen Sonnenuntergang.
Und wenn es unsere Familie nicht mehr gibt, all ihre noch ungeborenen Brüder tot,
die Nichten und Neffen zerstreut sind, das Haus abgerissen wurde,
seiner Mutter Schönheit als Asche in die Luft stieg,
dann, hoffe ich, ragst du unter Fremden empor, jung alle und Tagwesen gegen dich,
der du das Geheimnis deiner Geburt schweigend bewahrst.
Trügerische Seufzer
Seelen sind, die blumenhaft sich weiten
den Strahlen ferner unsichtbarer Sonnen.
Von fahler Gaze ihres Schlafs umsponnen,
sind Blüten, die auf dunklen Wassern gleiten.
Und Worte sind, woran noch Tränen zittern,
da wir wie Veilchen sie und Mohn gewunden
in einen Kranz geheimnisvoller Stunden,
bis sie verblaßten hinter Schweigegittern.
Doch Seufzer, die aus fernen Quellen dringen,
wir konnten sie in keine Schale bannen,
und hielten wir auch hin die Schale Herz.
Da hob das Licht des Tages an zu singen,
und sie, die schon im feuchten Moos zerrannen,
erschienen uns wie falscher Nymphen Scherz.
Dana Gioia, Emigre in Autumn
Walking down the garden path
From the house you do not own,
Once again you think of how
Cool the autumns were at home.
Dressed as if you had just left
The courtyard of the summer palace,
Walk the boundaries of the park,
Count the steps you take each day –
Miles that span no distances,
Journeys in sunlight toward the dark.
Sit and watch the daylight play
Idly on the tops of leaves
Glistening overhead in autumn’s
Absolute dominion.
Nothing lost by you excels
These empires of sunlight.
But even here the subtle breeze
Plots with underlying shadows.
One gust of wind and suddenly
The sun is falling from the trees.
Auswanderer im Herbst
Gehst du auf dem Gartenpfad
vom Haus aus, das du nicht besitzt,
denkst du wieder, wie doch so kalt
der Herbst in deiner Heimat ist.
Gekleidet, als kämst du geradewegs
aus dem Innenhof des Sommerpalasts,
geh am Rande des Parks, er ist weit,
von den Schritten des Tags zähle die Zahl –
Entfernung, die dir die Nähe nicht nimmt,
Reisen im Licht bis zur Dunkelheit.
Sieh von der Bank, wie müßig der Strahl
über die Haut der Blätter hin spielt,
wie es droben glitzert, wie absolut
die Herrschaft des Herbstes ist.
Nichts, was du verloren, überragt
diese Reiche des Sonnenlichts.
Doch auch hier verschwört sich subtil
der Hauch mit den Schatten unter ihm.
Es kommt ein Fallwind wie aus dem Nichts,
und die Sonne, sie stürzt von den Bäumen herab.
Nänie
Als hörtest du, wenn dumpf die Schloßen schlagen,
und lägest unter Decken auch, zerknüllten,
die Stimme noch, das halberstickte Klagen,
das keine Krume Wort und keine Sänge stillten.
Sich zu entrinnen, mochte Schwermut tauchen
ins Nymphengrün, mit Blüten leicht zu schweben,
die blind ins Leere Duft und Dank verhauchen.
Last dunkler Rätsel zog hinab das Leben.
Du wandle barfuß auf bemoosten Auen,
wo Zwitschern Süße träuft ins Abendgrauen,
im Grase liegend sieh, es blüht der Mond,
des stillen Abschieds trunkne Asphodele,
laß flattern hin die eingesperrte Seele,
wo sie bei der geliebten Schwester wohnt.
Dana Gioia, Do not expect
Do not expect that if your book falls open
to a certain page, that any phrase
you read will make a difference today,
or that the voices you might overhear
when the wind moves through the yellow-green
and golden tent of autumn, speak to you.
Things ripen or go dry. Light plays on the
dark surface of the lake. Each afternoon
your shadow walks beside you on the wall,
and the days stay long and heavy underneath
the distant rumor of the harvest. One
more summer gone,
and one way or another you survive,
dull or regretful, never learning that
nothing is hidden in the obvious
changes of the world, that even the dim
reflection of the sun on tall, dry grass
is more than you will ever understand.
And only briefly then
you touch, you see, you press against
the surface of impenetrable things.
Erwarte nichts
Erwarte nicht, blättert der Wind in deinem Buch,
daß auf der aufgeschlagenen Seite
ein Satz dir sagt, dieser Tag wird anders,
oder daß die Stimmen, die er an dein Ohr trägt,
wenn er über das gelblich-grüne
und goldne Zelt des Herbstes streift, zu dir sprechen.
Die Dinge reifen oder verdorren. Das Licht spielt
auf der dunklen Fläche des Sees. Jeden Nachmittag
wandert dein Schatten neben dir über die Mauer,
und die Tage ducken sich langsam und schwerfällig
unter das ferne Geräusch der Erntemaschinen.
Auch dieser Sommer ist vorüber,
und du lebst weiter, so oder so,
dumpf oder voll Reue, und du lernst doch nie,
daß sich unter dem sichtbaren Auf und Ab der Dinge
nichts verbirgt, daß selbst der matte
Widerschein der Sonne im hohen, trocknen Gras
mehr ist, als du je begreifen wirst.
Und nur obenhin
berührst und siehst und preßt du die Haut
von Dingen, die undurchdringlich sind.
Traum in Traum verstrickt
Das Zwitschern steigt ins Abendrot,
die Sänger aber sieht man nicht.
Wir teilen uns das Wort, das Brot,
du spiegelst mein, ich dein Gesicht.
Doch zwischen uns klafft schon die Nacht,
in der kein Stern zum andern blickt.
Kein Lot ermißt den tiefen Schacht,
und Traum in Traum sind wir verstrickt.
Zerrinnt, was schwach im Mond gegleißt,
fühl ich, was in den Angeln ächzt:
das Schicksal, das dich mir entreißt,
den Trübsinn, der nach Dunklem lechzt.
Dana Gioia, Pity the Beautiful
Pity the beautiful,
the dolls, and the dishes,
the babes with big daddies
granting their wishes.
Pity the pretty boys,
the hunks, and Apollos,
the golden lads whom
success always follows.
The hotties, the knock-outs,
the tens out of ten,
the drop-dead gorgeous,
the great leading men.
Pity the faded,
the bloated, the blowsy,
the paunchy Adonis
whose luck’s gone lousy.
Pity the gods,
no longer divine.
Pity the night
the stars lose their shine.
Hab Mitleid mit den Schönen
Hab Mitleid mit den Schönen,
den Püppchen und edlen Füllen,
den Süßen mit den herben Bossen,
die ihnen jeden Seufzer stillen.
Hab Mitleid mit den Beaus,
den Abgüssen Apollos,
Goldjungen, denen
stets das Glück fällt in den Schoß.
Den umwerfend Attraktiven,
die auserlesen scheinen
und allen den Atem benehmen,
den Großen, umschwärmt von den Kleinen.
Hab Mitleid mit den Verblühten,
aufgedunsenen Gecken,
dickwanstigen Adonissen,
die umsonst Fortunas Klaue lecken.
Hab Mitleid mit den Göttern,
ohne Nimbus sind sie kahl,
Hab Mitleid mit den Nächten,
das Licht der Sterne, es wird fahl.
Einführung und Rezitation durch den Autor:
https://www.youtube.com/watch?v=tQb7BNsuYc4
Schmerzliche Auskunft
„Geh einmal noch mit mir durch jene Gärten,
wo golden Früchte leuchten, Kelche prangen,
gefiederte Sänger sind die Weggefährten,
daß abtun wir das Zagen und das Bangen.
Ich will dir Zweige auseinanderbreiten,
daß wir die blaue Ferne nahe schauen.
Wo Wolken trunken in den Abend gleiten,
will ich das Wort, das heilt, dir anvertrauen.“
„Mein Freund, gern folgte ich dir auf den Pfaden,
die uns zu Bildern süßer Fülle führen,
als wäre, was verloren, noch zu finden.
Der Dämon, der mich lähmt, ist ohne Gnaden,
mein schwermutstarrer Sinn will sich nicht rühren.
Du aber geh, mir einen Kranz zu winden.“
Dana Gioia, California Hills In August
I can imagine someone who found
these fields unbearable, who climbed
the hillside in the heat, cursing the dust,
cracking the brittle weeds underfoot,
wishing a few more trees for shade.
An Easterner especially, who would scorn
the meagerness of summer, the dry
twisted shapes of black elm,
scrub oak, and chaparral, a landscape
August has already drained of green.
One who would hurry over the clinging
thistle, foxtail, golden poppy,
knowing everything was just a weed,
unable to conceive that these trees
and sparse brown bushes were alive.
And hate the bright stillness of the noon
without wind, without motion.
the only other living thing
a hawk, hungry for prey, suspended
in the blinding, sunlit blue.
And yet how gentle it seems to someone
raised in a landscape short of rain—
the skyline of a hill broken by no more
trees than one can count, the grass,
the empty sky, the wish for water.
Kalifornische Berge im August
Ich kann mir Leute vorstellen, die diese Gegend
unerträglich finden, wenn sie in der Gluthitze
die Hügel erklimmen und den Staub verfluchen,
das mürbe Gehölz knackt unter ihrem Tritt,
und nach mehr Schatten von Bäumen lechzen.
Jemand von der Ostküste würde wohl höhnen
über die Dürftigkeit des Sommers, die trocknen,
krummen Gestalten der dunklen Ulme,
Eichengestrüpp und Gesträuch, Landschaft,
vom August schon allen Grüns entleert.
Einer, der hineilte über die hier haften,
die Distel, den Fuchsschwanz, den goldenen Mohn,
und meint, all das sei ja bloß Unkraut,
ohne zu begreifen, daß diese Bäume,
diese spärlichen braunen Büsche leben.
Verhaßt wär ihm die leuchtende Stille des Mittags,
da kein Wind sich regt, alles erstarrt,
das einzige andere lebende Wesen
ein Falke ist, auf der Jagd, schwebend
in der blendenden lichtdurchfluteten Bläue.
Wie köstlich wär dies einem, der in einer Gegend
aufwuchs, wo es selten regnet:
die Silhouette des Bergs, durchbrochen
von Bäumen, die man zählen kann, das Gras,
der leere Himmel, der Wunsch nach Wasser.
Als glühten Chiffren
Ein süßer Duft schien morgens uns zu wehen,
als tät sich eine Knospe auf, ein Wort,
Im Abendgrauen war es schon verdorrt,
wir mußten stumm ins Blütenlose gehen.
Der lange Aufstieg machte uns ermatten,
wir sahen in der Ferne rot den Brand.
Zum Mond gereckt hat es uns nur gebannt,
das morsche Kreuz, mit einem fahlen Schatten.
Wir legten uns erschöpft ins dürre Gras,
ich fühlte deine Hand in meine gleiten,
dem Tiere gleich, das Bergung sucht im Nest.
Mich fror, da ch im Sterngefunkel las,
als glühten Chiffren, die uns überschreiten,
als gäbe sich das Dunkel selbst ein Fest.
Dana Gioia, Rough Country
Give me a landscape made of obstacles,
of steep hills and jutting glacial rock,
where the low-running streams are quick to flood
the grassy fields and bottomlands.
A place
no engineers can master–where the roads
must twist like tendrils up the mountainside
on narrow cliffs where boulders block the way.
Where tall black trunks of lightning-scalded pine
push through the tangled woods to make a roost
for hawks and swarming crows.
And sharp inclines
where twisting through the thorn-thick underbrush,
scratched and exhausted, one turns suddenly
to find an unexpected waterfall,
not half a mile from the nearest road,
a spot so hard to reach that no one comes–
a hiding place, a shrine for dragonflies
and nesting jays, a sign that there is still
one piece of property that won’t be owned.
Rauhes Land
Gib mir eine Landschaft nur aus Hindernissen,
von schroffen Hügeln und vereisten Felsen,
wo tiefströmende Flüsse die grünen Wiesen
und die Auentriften rasch überfluten.
Ein Land,
das Ingenieurskunst nicht bemeistert, wo die Straßen
sich gleich Ranken winden an steilen Wänden
und schmalen Graten, bis Findlinge den Weg versperren.
Wo hohe dunkle Stämme vom Blitz versehrter Kiefern
durchs wirre Grün aufschießen, gut zum Schlafplatz
für Falken und Krähenschwärme.
Und jähe Senken,
wo du durchs dornige Unterholz dich schlängelnd,
zerkratzt und außer Atem, dich plötzlich wendest
und unversehens auf einen Wasserfall triffst,
keine halbe Meile von der nächsten Straße,
ein Ort, so unzugänglich, daß kein Mensch auftaucht –
ein geschützter Ort, ein Schrein für Libellen
und nistende Häher, ein Zeichen, daß es noch
Anwesen gibt, die keinem je gehören.
Der Wächter
„Du sei der Wächter, halt die Schwelle rein,
daß nicht ein Dämon an der Pforte schabe.
Der nachthin tastet mit dem Hirtenstabe,
den Sterngesandten, ihn nur lasse ein.
Wir aber wollen vor dem hohen Bild
im Dämmerlicht der Kerzen niederknien
und lauschen, wie der Kelch, den er geliehen,
vom süßen Licht des Wortes überquillt.“
„Gern will ich einsam wahren meinen Posten,
doch hab ich nicht die Flammen der Seraphen,
auch will der Schwermut Wunde mir nicht heilen.
Drum gebt mir von dem Gnadenkelch zu kosten,
so werde ich die Ankunft nicht verschlafen,
kommt er, der Hirt, bei seiner Schar zu weilen.“
Dana Gioia, Pentecost
After the death of our son
Neither the sorrows of afternoon, waiting in the silent house,
Nor the night no sleep relieves, when memory
Repeats its prosecution.
Nor the morning’s ache for dream’s illusion, nor any prayers
Improvised to an unknowable god
Can extinguish the flame.
We are not as we were. Death has been our pentecost,
And our innocence consumed by these implacable
Tongues of fire.
Comfort me with stones. Quench my thirst with sand.
I offer you this scarred and guilty hand
Until others mix our ashes.
Pfingsten
Nach dem Tod unseres Sohnes
Weder der Schmerz am Nachmittag, beim Warten in der Trauerhalle,
noch die schlaflose Nacht bringt Linderung, wenn die Erinnerung
ihre Anklage wiederholt.
Noch der Schmerz am Morgen über die Illusion des Traums, noch Gebete, einem unerkennbaren Gott vorgespielt,
können die Flamme ersticken.
Wir sind nicht mehr, die wir waren. Der Tod war unser Pfingsten,
und unsere Unschuld wurde aufgezehrt von diesen unerbittlichen Feuerzungen.
Gib mir den Trost der Steine. Lösche meinen Durst mit Sand.
Ich reiche dir diese vernarbte und schuldige Hand,
bis andere unsere Asche vermengen.
Kristalle in der Nacht
Es tönen fern Kristalle in der Nacht,
wenn trostlos wir am offnen Fenster stehen.
Die Klänge, die uns aus dem Dunkel wehen,
sie steigen hehr und fallen demutsacht.
Es rankt sich Ton an Ton um hohes Licht,
das milde sie betaut mit feuchten Funken.
Die Herzen, die aus diesem Kelch getrunken,
sie flammen auf, doch sie verbrennen nicht.
Setz, Dichter, deinen Vers auf solch ein Fluten,
wie eine Knospe auf der Schwermut Wogen,
die weiße Blüte, heimlich noch gesprossen
dir zwischen Schatten, unter Dornenruten,
hat sie vom Jenseitslicht sich vollgesogen,
schenkt uns den Traum, von wehem Duft umflossen.
Dana Gioia, Marriage of Many Years
Most of what happens happens beyond words.
The lexicon of lip and fingertip
defies translation into common speech.
I recognize the musk of your dark hair.
It always thrills me, though I can’t describe it.
My finger on your thigh does not touch skin—
it touches your skin warming to my touch.
You are a language I have learned by heart.
This intimate patois will vanish with us,
its only native speakers. Does it matter?
Our tribal chants, our dances round the fire
performed the sorcery we most required.
They bound us in a spell time could not break.
Let the young vaunt their ecstasy. We keep
our tribe of two in solemn secrecy.
What must be lost was never lost on us.
Nach vielen Jahren Ehe
Was geschieht, geschieht meist jenseits von Worten.
Das Wörterbuch von Zungen- und Fingerspitze
trotzt einer Übersetzung in die gewöhnliche Sprache.
Ich verstehe den Wohlgeruch deines schwarzen Haars.
Er erregt mich stets, doch kann ich ihn nicht beschreiben.
Mein Finger auf deinem Schenkel berührt nicht Haut –
er berührt deine Haut, und ihre Wärme durchströmt mich.
Du bist eine Sprache, die ich im Schlaf noch sprechen kann.
Diese intime Mundart wird mit uns aussterben,
sie hat nur eingeborene Sprecher. Sollte uns das kümmern?
Unsere Stammeslieder, unsere Tänze ums Feuer
sie stifteten uns die Magie, derer wir so dringend bedurften.
Sie sind uns der Zauberkreis, den die Zeiten nicht zerbrechen.
Laß die Jugend ihre Ekstase rühmen, Wir wahren
unseren Stamm zu zwein in festlicher Verborgenheit.
Bei allem Verlust, etwas bleibt uns unverloren.
Rezitation durch den Autor:
https://www.youtube.com/watch?v=xoJ88z0d6p4
Dana Gioia, Sunday Night in Santa Rosa
The carnival is over. The high tents,
the palaces of light, are folded flat
and trucked away. A three-time loser yanks
the Wheel of Fortune off the wall. Mice
pick through the garbage by the popcorn stand.
A drunken giant falls asleep beside
the juggler, and the Dog-Faced Boy sneaks off
to join the Serpent Lady for the night.
Wind sweeps ticket stubs along the walk.
The Dead Man loads his coffin on a truck.
Off in a trailer by the parking lot
the radio predicts tomorrow’s weather
while a clown stares in a dressing mirror,
takes out a box, and peels away his face.
Sonntagnacht in Santa Rosa
Der Karneval ist vorüber. Die großen Zelte,
die Paläste der Nacht, werden zusammengelegt
und abtransportiert. Ein Verlierer hoch drei
wirft das Rad der Fortuna über die Mauer. Mäuse
wühlen im Müll neben dem Popcornstand.
Ein betrunkener Riese schläft an der Seite
des Jongleurs ein, und der Hundskopf-Junge schleicht
davon, um mit der Schlangen-Dame die Nacht zu verbringen.
Wind fegt Fahrkartenschnipsel über den Weg.
Der Tote Mann lädt seinen Koffer auf den Laster.
Aus einem Container am Parkgelände
schallt die Wettervorhersage für morgen,
während ein Clown in einen Ankleidespiegel starrt,
eine Schachtel herausnimmt und die Schminke entfernt.
Epigramme auf finsteren Steinen
Pochend aufs Recht geht er durch, der Mensch, und einzig durch Pflichten
hält man ihm noch im Zaum seinen wild schnaubenden Trieb.
*
Unheil schwelt aus Schwärmerei, Gewürm der Dämonen,
das ihnen Tag und Nacht schmatzend die Hirne zernagt.
*
Lallt ihre Phrasen er nach, heften dem Dichter Juroren
Orden an seine Brust, Grab der erloschenen Glut.
*
Knospe und Flamme, sie waren die Zeichen erhabener Dichtung,
Überdruß löschte die Glut, Gähnen zerpflückte den Kelch.
*
Einstmals schritten wir hin auf dem Teppich des Worts, dem geblümten,
wie uns die Schwermut gedämpft Duft eines himmlischen Sinns.
*
Besser der bittere Trank aus dem Steinkrug der Wahrheit
als jener süßliche Schleim, der aus den Lautsprechern trieft.
*
Einst war die Dichtung ein Hort für die Sprossen der Liebe,
nun eine Wildnis, in der niemand die Namen mehr kennt.
*
Wo wir einst gingen, im Abendlichte weich rankender Zeichen,
ist gerodet der Hain, stumm glänzt der graue Asphalt.
*
Spuren im Schnee gleich nächtlichen Chiffren, undeutbar dem Tage,
was du geschrieben, sieh, wie es jäh schmilzt unterm Strahl.
*
Irrsinn trieft aus Mündern, die von der Gnade verlassen,
doch es dünket sie gut, was ihre Lippen zerfrißt.
*
Fast zerbissen von Zähnen des Lärms, erflehen wir Stille,
doch einem Grabstein gleich lastet sie dann auf der Brust.
*
Bilder schreienden Lichts, sie sind wie blutige Stacheln,
die nur der Tod aus dem Fleisch endlich uns endlich uns zieht.
*
Wem den Geist hat verbrannt der Strahl der wachsenden Wüste,
sehnt sich zum Schattenhain, kühlender Quelle des Lieds.
Was Blitze künden
Der Farn hat sich gerollt, der Geist ist blind,
ins Dunkel zieht das Rauschen kalter Quellen.
Des Himmels Blick will sich uns nicht erhellen,
uns, die zu wandern schon zu müde sind.
Erinnern ist ein aufgewirbelt grauer Staub,
der wieder sinkt, die Bilder zu verhüllen.
Kein Vogelsang mag uns die Leere füllen,
vom Talg des Grams ist unsre Seele taub.
Es künden Blitze jäh von hohen Wettern,
das Tuch der Dämmerung, es liegt zerschnitten,
der Odem Gottes weckt das Ungemeine.
Die Verse zittern gleich zerwühlten Blättern,
ans Licht kommt, was wir liebten, was wir litten,
die Runen lies auf regennassem Steine.
Dana Gioia, The Burning Ladder
Jacob
never climbed the ladder
burning in his dream. Sleep
pressed him like a stone
in the dust,
and when
he should have risen
like a flame to join
that choir, he was sick
of travelling,
and closed
his eyes to the Seraphim
ascending, unconscious
of the impossible distances
between their steps,
missed
them mount the brilliant
ladder, slowly disappearing
into the scattered light
between the stars,
slept
through it all, a stone
upon a stone pillow,
shivering, Gravity
always greater than desire.
Die brennende Leiter
Jakob
hat nie die Leiter erklommen,
die in seinem Traum gebrannt. Schlaf
drückte ihn wie einen Stein
in den Staub,
und als er
sich hätte erheben sollen
wie eine Flamme, dem Chor
sich zu einen, war er krank
vom Unterwegssein
und schloß
seine Augen vor den Seraphim,
die emporstiegen, ohnmächtig
angesichts der ungeheuren Abstände
zwischen ihren Schritten,
schlief
ununterbrochen, ein Stein
auf einem steinernen Kissen,
zitternd, Schwerkraft
überwiegt stets das Verlangen.
Die Somnambule
Ihr Herz glüht wie das Blatt herbstlicher Reben,
ihr Blick, aus Wassern taucht er dunkelgrün,
was er berührt, scheint wieder aufzublühn,
und hätte welkend es sich aufgegeben.
Und was sie sagt, kommt nicht aus lauten Zonen,
wo sich des Willens Saite überspannt,
es trieft wie Schaum im faltigen Gewand
der Nymphen, die in stillen Grotten wohnen.
Nein, weine nicht, sie kann ja nicht verweilen,
da schon auf Mondes zitternden Spiralen
ein heller Tau von Sternenauen rinnt.
Sie kehrt traumwandelnd auf umrankten Zeilen
des Lieds zu dir zurück. O küß die Strahlen,
die sie um ihres Tanzes Knospe spinnt.
Dana Gioia, Unsaid
So much of what we live goes on inside–
The diaries of grief, the tongue-tied aches
Of unacknowledged love are no less real
For having passed unsaid. What we conceal
Is always more than what we dare confide.
Think of the letters that we write our dead.D
Ungesagt
Im Innern staut sich viel von unserem Leben –
die Tagebücher des Grams, die stummen Schmerzen
unerwiderter Liebe sind nicht weniger wirklich,
blieben sie auch ungesagt. Was wir verbergen,
ist mehr stets als das mutig Anvertraute.
Denk an die Briefe, die wir unsern Toten schreiben.
Rezitation durch den Autor:
https://www.youtube.com/watch?v=mVcidx0Kpdk
Das Blut des Heils
„Fühlst du es auch, wie taumelnd wir hinleben,
wie jedes Wort mit unserm Atem schwindet,
an feuchtem Glanz ein jeder Blick erblindet?
Sieh, wie im Dämmerlichte Veilchen beben.
Strömt Abschied nicht in allen warmen Venen?
Der Arm, vom Schnee der Küsse überzittert,
ist schon, ein morscher Ast, von Moos verwittert,
Sieh, bleich im Zwielicht, Morgenrot-Verbenen.“
„Laß uns noch einmal auf den Hügel gehen,
und birgt er auch verblichene Gebeine,
ein zartes Gras ist schon dem Mark entsprossen.
Laß, Dichter, vor dem Kreuz uns schweigend stehen.
Dann zünd das Licht der Liebe an und weine.“
Ist denn das Blut des Heils umsonst geflossen?
Dana Gioia, Prayer
Echo of the clocktower, footstep
in the alleyway, sweep
of the wind sifting the leaves.
Jeweller of the spiderweb, connoisseur
of autumn’s opulence, blade of lightning
harvesting the sky.
Keeper of the small gate, choreographer
of entrances and exits, midnight
whisper travelling the wires.
Seducer, healer, deity or thief,
I will see you soon enough—
in the shadow of the rainfall,
in the brief violet darkening a sunset—
but until then I pray watch over him
as a mountain guards its covert ore
and the harsh falcon its flightless young.
Gebet
Echo des Glockenturms, hallender Schritt
auf der Gasse, Wind-
stöße, die das Laubwerk durchsieben.
Juwelier des Spinnenwebs, Genießer
herbstlicher Fülle, blitzende Sense
bei der himmlischen Mahd.
Wächter der kleinen Pforte, Choreograph
der Auftrtte und Abgänge, Mitternacht-
flüstern, das durch die Leitungen schwirrt.
Verführer, Heiler, Gottheit oder Dieb,
bald schon seh ich dich, bald –
im Schatten des Regenschauers,
im Streifen Violett am Saum des Abendrots –
bis dahin, fleh ich zu dir, behüte ihn,
wie der Berg das verborgene Erz,
wie der herbe Falke sein Junges im Nest.
Siehe auch Rezitation durch den Autor:
https://www.youtube.com/watch?v=_S8cfaEyNVA
Die Flucht der Dichter
Sonnt sich das krumme Holz in eitlem Recht,
es wird kein blühend Reis mehr an ihm sprossen.
Ins Nichts sich blähend Hybris hat gegossen,
in Gnomen-Hirne Dämon, Gottes Knecht.
Reißt von der Leine sich der Grobian,
wird er die Anmut, wird die Schönheit schänden.
Es rieselt Talmigold von klammen Händen
dem Künder neuen Werts, dem Scharlatan.
Darf Dummheit dreist durch Megaphone brüllen,
die Perversion nackt auf den Straßen tanzen,
muß Scham und frommer Sinn das Haupt verhüllen.
Sie wollten Licht aus reinen Quellen schöpfen,
die Dichter fliehen nun in dunkle Stanzen
vom Markt der Schreier mit den Lügenkröpfen.
The stars now rearrange themselves above you
but to no effect. Tonight,
only for tonight, their powers lapse,
and you must look toward earth. There will be
no comets now, no pointing star
to lead where you know you must go.
Look for smaller signs instead, the fine
disturbances of ordered things when suddenly
the rhythms of your expectation break
and in a moment’s pause, another world
reveals itself behind the ordinary.
And one small detail out of place will be
enough to let you know: a missing ring,
a breath, a footfall or a sudden breeze,
a crack of light beneath a darkened door.
Nun wechseln die Sternkonstellationen,
doch bleibt die Wirkung aus. Heute Nacht,
nur heute Nacht geht ihre Kraft ins Leere,
du mußt den Blick zur Erde richten. Nun fällt auch
kein Komet, kein Leitstern
weist dir den Weg, den du zu gehen hast.
Schau eher nach kleineren Zeichen, die schöne
Verwirrung in der Ordnung der Dinge, wenn jählings
die Rhythmen deiner Erwartung springen
und im augenblicklichen Stillstand eine andere Welt
sich, jenseits der gewöhnlichen, offenbart.
Nur ein kleines Etwas, fremd am Ort, genügt,
dich wissen zu lassen: ein verlorener Ring,
ein Atemzug, ein hallender Schritt, ein überraschender Lufthauch,
ein Lichtspalt unter einer verdunkelten Tür.
Siehe auch Rezitation durch den Autor:
https://www.youtube.com/watch?v=CgOjqfoLuis
Feuer in der Nacht
Die Wolke schwebt, von zartem Hauch getragen.
Die Knospe mag vom Tanz der Biene schauern,
auf schwanken Fingers Kuppe kann sie dauern.
Uns hemmt, die Hand am Türgriff, das Verzagen.
Der Hund scheint, japsend nach dem Ball, zu fliegen.
Wie unverdrossen gurren Turteltauben,
der Amselschlag, er zeugt von tiefem Glauben.
Uns reut, daß wir vor Kummer nicht geschwiegen.
Was, Dichter, kann den Vers ans Licht dir heben,
irrst du im Dickicht blütenloser Zeichen,
Gestrüpp, wo nachts nur blinde Mücken glimmen?
Das Feuer sieh, dort, wo noch Hirten leben,
ihr trunknes Singen, eil, es zu erreichen,
bevor des Wachtraums Bilder dir verschwimmen.
Was die Katze denkt
Du dünkst, o Mensch, dich einzig hier,
und blickst voll Schwermut, ist ein Funken
aus meinem in dein Aug gesunken.
du Taggespenst, halb Geist, halb Tier.
*
Du stellst mir den zermatschten Schmaus
in einem Napf stolz vor die Nase.
Doch dämmert es. lieg ich im Grase
und fang sie mir, die ganze Maus.
*
Nichts eint dein fahriges Verlangen
mit meinem sichern Wohlgefühl.
Ich bin im Augenblick am Ziel,
dir zittert noch die Lust vor Bangen.
*
Ich bin daheim, wenn deine Hand
mich streichelt, träumerisch und mild.
Dir ist die Heimat unbekannt,
steht auch dein Name auf dem Schild.
*
Ich bin die wahre Gott-Natur,
das Stirb und Werde eines Goethe.
Im Schnee der Nacht bist du die Spur,
die hinschmilzt in der Morgenröte.
Dana Gioia, Insomnia
Now you hear what the house has to say.
Pipes clanking, water running in the dark,
the mortgaged walls shifting in discomfort,
and voices mounting in an endless drone
of small complaints like the sounds of a family
that year by year you’ve learned how to ignore.
But now you must listen to the things you own,
all that you’ve worked for these past years,
the murmur of property, of things in disrepair,
the moving parts about to come undone,
and twisting in the sheets remember all
the faces you could not bring yourself to love.
How many voices have escaped you until now,
the venting furnace, the floorboards underfoot,
the steady accusations of the clock
numbering the minutes no one will mark.
The terrible clarity this moment brings,
the useless insight, the unbroken dark.
Schlaflosigkeit
Nun hörst du, was das Haus zu sagen hat,
Rohre scheppern, Wasser, das im Dunkel fließt,
die verpfändeten Wände rucken voll Unbehagen,
und Stimmen schwellen an, ewiges Brummen
und kleines Klagen, so klingt Familienleben,
das all die Jahre du zu überhören lerntest.
Nun mußt du Dingen lauschen, die dir eigen,
für die geschuftet du die letzten Jahre,
es murmelt dein Besitz und sein Verfall,
die losen Teile, die noch unerledigt blieben,
und die zerknüllten Laken erinnern an all die
Gesichter, die zu lieben du unfähig warst.
Wie viele Stimmen dir bislang entgingen,
Ventilatoren, Knarzen, tritt wer auf Dielen,
die unermüdlichen Anklagen einer Wanduhr,
Minuten zählend, doch zählt niemand mit.
Die schreckliche Klarheit dieses Augenblicks,
die nutzlose Einsicht, Dunkel, das nicht wich.
Siehe auch Rezitation durch den Autor:
https://www.youtube.com/watch?v=6uJ6v43wrpk
Dana Gioia, The Lost Garden
If ever we see those gardens again,
The summer will be gone—at least our summer.
Some other mockingbird will concertize
Among the mulberries, and other vines
Will climb the high brick wall to disappear.
How many footpaths crossed the old estate—
The gracious acreage of a grander age—
So many trees to kiss or argue under,
And greenery enough for any mood.
What pleasure to be sad in such surroundings.
At least in retrospect. For even sorrow
Seems bearable when studied at a distance,
And if we speak of private suffering,
The pain becomes part of a well-turned tale
Describing someone else who shares our name.
Still, thinking of you, I sometimes play a game.
What if we had walked a different path one day,
Would some small incident have nudged us elsewhere
The way a pebble tossed into a brook
Might change the course a hundred miles downstream?
The trick is making memory a blessing,
To learn by loss the cool subtraction of desire,
Of wanting nothing more than what has been,
To know the past forever lost, yet seeing
Behind the wall a garden still in blossom.
Der verlorene Garten
Wenn je wir diese Gärten wiedersehen,
verging der Sommer – zumindest unser Sommer.
Und andre Drosseln singen Serenaden
in jenen Maulbeerbäumen, andre Reben
erklimmen steil die Wand, bis sie entschwinden.
So viele Pfade, die den alten Grund gekreuzt –
glanzvollerer Epochen Land der Anmut –
so viele Bäume, Zwielicht dem Kuß, dem Zwist,
die Fülle Grüns für eine jede Stimmung.
Welch ein Vergnügen, traurig hier zu wandeln.
Im Rückblick jedenfalls. Sogar der Kummer
scheint ja erträglich, betrachtet aus der Ferne.
Und sprechen wir von unserm eignen Leiden,
birgt schon den Schmerz, die gut ausgeht, die Fabel,
als handle sie von einem gleichen Namens.
Selbst dein gedenkend, spiel ich gern ein Spiel.
Was, hätt uns einmal andrer Pfad verlockt,
ein kleiner Störfall unsern Schritt gewendet,
dem Kiesel gleich, der in den Bach geschleudert,
im fernen Tal den Flußlauf ändern mag?
Trost aus Erinnerung schöpfen ist die List,
und am Verlust die Subtraktion des Wunsches
die kalte, lernen, nur wollen, was geschah,
wohl wissen, vergangen heißt für immer, und
doch hinter Mauern den Garten blühen sehen.
Siehe auch Rezitation durch den Dichter;
– https://www.youtube.com/watch?v=HMg05f7hrMI
Hoffnung für Dichter
Ist es schon Herbst, hier liegen Blätter, fahle.
Ich hab so lang geschlafen und mir war,
der volle Mond stand überm Totenmaar,
ein Blütenblatt sank in die runde Schale.
Als könnte noch ein süßes Wort mir reifen,
schien eine Frucht im dunklen Laub erglüht,
ein starrer Schatten, der umsonst sich müht,
konnt ich nach ihrer Lebensglut nicht greifen.
Duftloses Blühen wie an blauen Scheiben,
bizarres Ranken mag dich Verse lehren,
die wie der Schwermut schwarzes Blut gerinnen.
Doch sollst du, Dichter, nicht im Finstern bleiben:
Wenn ihn die Küsse jungen Lichts verzehren,
wird dir der Vers im Blumentau zerrinnen.
Proserpinas Bote
Wie Veilchenschlummer will der Himmel scheinen,
Erinnerung steigt schon im Duft der Wiesen
aus lang begrabnen Kindheitsparadiesen,
der Lerchen Jubel macht mich weinen.
Gewiß, nur Wasser sprudelt aus der Quelle,
und doch ist mir, als sänge eine Tote,
wie Proserpinas schwermuttrunkner Bote,
süß flüsternd auf des Schlafes banger Schwelle:
„Laß, Dichter, dich von meinem Schaum berücken.
Wie einst an mütterlich gewährten Brüsten
magst du Vergessen aus der Quelle trinken.
Ich will des Liedes Knospe sanft zerpflücken.
Mit weißen Blüten, still vom Mond geküßten,
sollst du in meine dunkle Schale sinken.“
The apparition of these faces in the crowd:
Petals on a wet black bow.
In einer Metrostation
Sie scheinen auf, Gesichter in der Menge:
Blüten eines Zweiges, naß und schwarz.
Siehe auch die Interpretation durch Dana Gioia:
https://www.youtube.com/watch?v=V5QGdlGAQBM ab 18:09
Der Engel des Propheten
Gleich Fenstern, wenn sie trübe Dünste flecken,
ist uns die Sicht vom eignen Hauch verschwommen.
Vom eitlen Pochen unsres Bluts benommen
kann uns der Hymnen Anruf nicht mehr wecken.
Wie jene Jünger, die am Ölberg dösten,
da bittern Trank der Meister hat getrunken,
vergaß das Herz, in fahlem Traum versunken,
die Worte, die es aus dem Banne lösten.
Hörst, Dichter, du das Knirschen nicht der Bohlen,
die Schritte auf dem Gang, die aufgewehten
nicht an die Scheibe schlagen, Efeuzweige?
Daß deine Lippen mit der Glut von Kohlen
entsiegle jäh der Engel des Propheten,
dein Haupt sich seinem Flügelrauschen neige!
Fronleichnam
„Ihr Huldigungen, Anmut der Gebärde!
Wenn Kinder Blüten streuen auf den Wegen,
den Blumenteppich breiten hohem Segen,
der Licht bringt in die Sündennacht der Erde.
Wir ziehen wie einst Wanderer durch Wüsten
dem Schimmer nach, dem Wunderprunk der Wolke.
Das Brot des Heiles flockte hin dem Volke –
daß einmal Engel uns am Tor begrüßten!“
„Siehst du am Rand den bleichen Dichter stehen,
gehüllt ins Dämmergrün der Weidenruten?
Er neigt sich wohl solch mystisch-heiterm Bildnis,
doch ist zu krank, gen Eden mitzugehen.
Ihn rufen schon im Traum der Lethe Fluten,
darauf kein Blatt mehr schwimmt, die Schattenwildnis.“
Laß Tränen sprechen
„Es war wohl Sommer, grünen Lichtes Weben,
da gläubig wir uns Blick an Blick gehalten,
die keine Schatten werfen, Traumgestalten,
schien uns ein süßer Duft emporzuheben.
Und hörten wir nicht aus der Höhe tönen
die weiße Muschel einer Waldkapelle,
als strömten Hymnen aus azurner Quelle,
uns mit der Nacht der Schwermut auszusöhnen?“
„Nun, Liebster, da der Winter uns geschieden
und zwischen uns gehäuft sind weiße Hügel,
sind nah wir uns, wenn die Kristalle tauen.
Laß Tränen sagen, ruh in Gottes Frieden.
Es rausche noch Gesanges sanfter Flügel,
daß meine Blüte bebt auf lichten Auen.“
Der Aufflug aus dem Lärm
„Geschrei, Gedudel, Klirren und Gepolter,
wer kann vorm Lärm des Lebens sich verkriechen,
versickert dort das Röcheln eines Siechen,
quillt Schluchzen hier in dunkler Lüste Folter.
Und wähnst du in der Nacht die Seele sicher,
als könne Traumes Talg das Ohr versiegeln,
hörst du Lemuren über Leichen flügeln,
und, dich zu foppen, Amors Wahngekicher.“
„Nur in der Dichtung Maß, der Metren Fuge,
kann sich des Lebens Wirrklang jählings lichten,
sich läutern trüber Ton zu blauer Woge.
Des Azurs Schaum teilt es im hohen Fluge,
doch auf die Heimkehr muß das Lied verzichten.
Fern tönt sie schön, die Flöte der Ekloge.“
Stäbe für die Blinden
„Das Herz, den Puls fühl ich, den Vers erlahmen,
beim Wandern, einsam, durchs Gebirg der Zeichen,
kein Helikon kann mir den Quelltrunk reichen,
kein Zion mir die Inschrift hoher Namen.
Das Beste wäre wohl nicht weitergehen,
sich hinzulegen in den Abendschatten,
den Geist in süßem Singsang zu ermatten,
im Rauch erloschner Feuer hinzuwehen.“
„Es ist zu suchen nichts und nichts zu finden,
die Zeichen sind nur schwachen Odems Brücken,
und unter ihnen strömt die graue Lethe.
Das A und O sind Stäbe für die Blinden,
ins Dunkel vorzutasten Seelenkrücken,
nie glänzt der Reim wie Tau im Blumenbeete.“
Gang ins Abendrot
Ins Abendrot, wenn sich die Schatten längen,
ist uns ein Gang zu zweien noch beschieden,
als blaue Abgrundtiefen Gottes Frieden,
als tropfe goldnes Licht in Abschiedssängen.
Das Ungesagte quillt wie Tau der Rose
in deiner Augen Dunkelglanz und Feuchte,
daß wieder mir dein sanftes Lächeln leuchte,
tut sich der Himmel auf, die Herbstzeitlose.
Hat auch die Bläue Wolke überquollen,
macht dunkles Brausen Laub und Gräser zittern,
scheint Mondes zarte Barke wie verschollen,
wir halten eins am andern uns gleich Ranken,
die fromm sich kreuzen wie zu Schweigegittern,
wenn ihre Blüten auch im Winde schwanken.
Traum im Schnee
Als könnte nie das Herz dir wieder tauen,
als wehten Flocken, tote Sporen Lichts,
stapfst du im Schnee der Nacht durchs helle Nichts,
der Heimat fern, fern von den Sonnenauen.
Da ist kein Wort, das dir noch könnte dienen
zu Stab und Stecken in der blinden Hand,
kein Bild, zu leuchten dir als Unterpfand,
daß deiner Heimkunft Rebenblätter grünen.
Und jählings hörst du im Gestöber Singen,
als würden Kinder fröhlich Blüten streuen,
dem Heil der Welt den Teppich hinzubreiten.
Du schläfst im Schnee, umhüllt von warmen Schwingen,
dir träumt, wie Sprossen sich im Licht erneuen
und Herzen sich wie Rosenknospen weiten.
Der Asphodele Widerschein
Schief sitzt der Alte auf der Bank, der schmalen,
allein und wartet, wartet auf das Abendrot,
das oft ihm schon den Trank der Stille bot.
So trinkt das Dunkel auch der Rose Strahlen.
Und in der Tiefe scheint der Strom entzündet
von dieses Sommerabends Abschiedsglut.
Ihn drängt das Herz zu sagen, es ist gut,
doch flieht das Wort ihn, das die Lippen ründet.
Erloschen ist die Sonne, ist die Rose,
und wie am Jenseitsfluß die Asphodele
geht auf die Knospe Mond, die hoffnungslose.
Ihm ist, als ob er bald den Schatten träfe,
der scheidend ihn zerschnitt, die Schwesterseele.
Schon kühlt ihm Nacht, die heiß geklopft, die Schläfe.
Der Liebe zarter Schatten
„Ich hoffte jenen Garten noch zu finden,
wenn feucht vom Abendhauch die Blüten schauern.
Verschlossen liegt er hinter hohen Mauern,
wo sich des Efeus Krüppelstrünke winden.
Als hätte deine Stimme ich vernommen,
verhielt den Schritt ich, um ihr nachzulauschen,
doch schwand sie in ein dumpfes Blätterrauschen,
das Sonnenlaub, vom kalten Mond beklommen.“
„Zu hoffen nichts und nichts mehr zu erwarten,
so klafft uns Stille auf, die dunkle Wunde.
Wie süß ist es, an diesem Schmerz ermatten.
Fern tönt ein Quell, Geschluchz aus einem Garten,
das Abendrot erlischt, die späte Stunde,
und er verschwimmt, der Liebe zarter Schatten.“
Der Träumer hinter Mauern
Nicht Hecken, rundgeschnitten, nicht Fontänen,
die im Minutentakte Gischt versprengen,
uns leuchte jählings zwischen Laubengängen
auf blauen Wassern Schnee, Gesang von Schwänen.
Kein Kies soll knirschen uns auf Sonnenpfaden,
die sich um Plastik-Amoretten winden,
die Nymphe löse unser Tagempfinden,
wenn wir im Licht von Mondsonetten baden.
Hat schon erstickt Asphalt die weichen Moose
und schwitzt das Blech vor eingezäunten Teichen,
dir hauche, Dichter, kühlen Schlaf die Rose,
es glänze dunkles Blattwerk unter Schauern,
ein Singsang tropfe hell im Wald der Zeichen,
träumst du auch hinter schwermutkahlen Mauern.
Blauer Ton von Hirtenflöten
Will der Wolke Schaum sich röten,
dunkelt es im Garten schon,
Nacht erweicht ein blauer Ton
wie von fernen Hirtenflöten.
Blieben uns auch nur die Bilder
aus Gedichten von Verlaine,
süße Stimmen von der Seine
machen unsre Trauer milder.
Hat ermattet uns sein Strahlen,
nachtwärts rollt der Feuerball,
und er taut, der Schmerzkristall,
schimmernd rinnen hin die Qualen.
Perlmutt unter Aprikosen,
goldner Schlaf im Dämmerschnee,
wie ein Vers von Mallarmé
tropft der Tau von weißen Rosen.
Einer Knospe trunknes Schweben
über schwarzen Wassern bleich,
Trost aus einem stillen Reich
bringt der Mond dem müden Leben.
Das Erblinden des Worts
Wie konnte nur, kaum angeschaut, zerrinnen
der Liebe Angesicht? Was du verehrt,
das Blumenwort, des hohen Odems wert,
ein trüber Traum mit grauem Garn umspinnen?
Die Farben auch, sie müssen endlich blassen,
als wäre schon der Knospe Tag verblüht
und unterm schweren Lid die Iris müd,
sie mag nur Schatten, keinen Strahl mehr fassen.
Wird auch das Wort im Dämmerlicht erblinden,
das mittags noch vom Blut der Rose schwoll,
kann es das Schwesterwort noch wiederfinden,
mit ihm zu wandeln über Mondes Brücken,
zu flechten Vers um Vers geheimnisvoll,
bis Reimes Blüten in das Dunkel blicken?
Auf den Tod eines Sperlings
Keiner ist, es zu hüten, ein kleines Leben, scheu flügelnd
einsam in sternloser Nacht, hat es sich blindlings verirrt.
Spät erst hast du’s gehört, das klägliche, kindliche Fiepen,
das durch das Regenvlies drang, dunkel hinströmenden Samt.
Angelockt wohl vom dunstigen Schein deiner Lampe,
stürzte das flatternde Nichts, war doch ein Fenster gekippt,
in deine Loggia. Gefangen, sucht es, sucht es vergebens
sich einen Ausweg und fliegt aufwärts, sinkt abwärts zurück.
Du aber konntest zur Flucht ihm nicht mehr verhelfen,
hat auch zerrissen das Herz wieder und wieder sein Schrei.
Jählings, wie ward alles still, so still wie die orkische Tiefe,
wenn die Schatten gestillt Lethe mit bitterem Trank.
Und du gabst es verloren, bis im grauenden Dämmer,
ach. seine Schwestern so süß stimmten ihr Morgenlied an.
Da, als wollte er einmal, noch einmal mit ihrem verschmelzen,
tönte er schwach, sehr schwach, Sperling, dein sterbender Ruf.
Mittags endlich hast du dich doch überwunden und suchtest,
suchtest, bis du es fandst: Winzig, ein flauschiger Fleck,
lag das verendete Tier, schief ragte der gelbliche Schnabel,
der das Erdreich durchwühlt, Körner gepickt und den Wurm
der noch gestern im Grünen vom luftigen Dasein gezwitschert,
doch die Kralle, sie stach rätselstarr in die Luft.
Herz, sich selber genug, eine Welt, unter Federn verborgen,
zart wie die Knospe aus Schaum, grubest ins Erdreich du ein.
Neueste Einträge
- Zwielichts Schattenspiele
- Georges Rodenbach, La lampe dans la chambre
- Fleck auf der grauen Wand des Traums
- Veni, Sancte Spiritus
- Als wär ich nicht allein
- Stéphane Mallarmé, Le tombeau d’Edgar Poe
- Euterpes Traum
- Yves Bonnefoy, La lumière du soir
- Georges Rodenbach, Dans l’air fraîchi
- Hoffnungslose Fragen
Kategorien
- Auswahl älterer Gedichte
- Gedichte
- Gedichte in Prosa
- Gedichte und poetische Texte über Frankfurt am Main
- Gedichte und poetische Texte über Koblenz, Koblenz-Metternich, die Eifel und den Rhein
- Gedichte zur Zeit
- Komische und groteske Gedichte
- Liebesgedichte
- Lyrisch-philosophisches Spiel
- Lyrische Gedichte
- Oden
- Philosophische Essays
- Philosophische Gedichte
- Philosophische Sentenzen und Aphorismen
- Poetologische Gedichte
- Prosa
- Radiofeature und TV-Dokumentation
- Religiöse Gedichte
- Sonette
- Übersetzungen und Nachdichtungen
- Wittgenstein-Sonette