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Schleim und Ambrosia

14.03.2015

Dass sie noch leben, fragst du, wo sie doch seit so langer Zeit sich von nichts als der dünnen Suppe leerer Phrasen ernähren? Bei Idioten wirkt dieser Schleim wie bei Göttern Ambrosia.

Wer die Gefahr nicht sieht oder zu sehen leugnet, wird selbst zur Gefahr.

Was ist die größte Gefahr? Deinen eigenen Namen zu vergessen. Vergisst du ihn, erlischt der Name deiner Eltern, deiner Ahnen. Und wie? Gelangst du mit den Ahnen nicht am Ende zu Adam? Und mit Adam stehst du vor Gott.

Die Botschaft kam zu dir. Du bist eingeladen zu einem hohen Fest im Kreis edler Geister. Der Gastgeber hat dir einen geschmückten Platz bereitet, da brennen Kerzen, schimmern Gläser. Du aber verwirfst die Einladung. Du hältst dich für zu fein, als dass du es nötig hättest, dir Glanz von der Aura dieses verschmockten Salonlöwen zu borgen. So wirst du für immer von der Gästeliste des Gastgebers gestrichen. Oder du verwirfst die Einladung, weil du dich nicht für fein genug hältst, mit deinem schäbigen Anzug, deiner üblen Laune, deinem schlechten Gesicht in den Glanz eines solchen Fests treten zu dürfen. So erhältst du hinter deinem Namen auf der Gästeliste ein Ausrufezeichen, zum Zeichen, dass deiner demnächst eine Privataudienz harrt.

Manche meinen, der Gesichtsausdruck glücklicher Leute wirke ein wenig dämlich. Also achten sie trotz sanguinischen Naturells darauf, möglichst ernst, missmutig, traurig dreinzublicken. Und ehe sie es sich versehen, sind sie ernst, missmutig, traurig geworden.

Den eigenen Namen zu vergessen! Und so im Großen: das Dorf, die Stadt, das Land.

Parteipolitiker sein heißt ja zur Lüge verdammt sein. Denn die Wahrheit ist ihre eigene Partei.

Unter jenen Augen schienst du dir wie das Lamm, das von der Existenz des Wolfes nichts ahnt. Daher der Argwohn, die ständigen Zweifel, das Misstrauen und am Ende der Hass: Ist doch diese Geborgenheit nicht real, sondern imaginär. Am Ende wirst du doch gefressen.

Um seiner Unruhe Herr zu werden, zog er in die Fremde. Er erlernte die fremde Sprache wie im Fieberwahn. Seine Muttersprache entglitt ihm wie das Papierschiffchen, das Kinder auf das strömende Wasser des Baches setzen. Anfangs träumte ihm noch in seinem Dialekt. Dann verlor sich auch dies. Ich habe ihn kürzlich getroffen: eine stattliche Erscheinung, ein gemachter Mann. Zufrieden, verständig, kalt.

Einstmals hatten sie sich auf das zärtlichste umhaucht, auf das heißeste umfaucht, nun saßen sie sich in dem Café gegenüber und zogen sich mühsam fade Floskeln aus der Nase, wie jene Puppen, denen man mit einer Schnur aus dem Bauchnabel immer denselben mechanisch quiekenden Spruch entlockt.

Der Schlafwandler fällt in dem Augenblick vom Dach, da er erwacht.

Sie wähnten, unbehelligt, ungeschoren zu bleiben, wenn sie sich tot stellten, so als gäbe es sie gar nicht.

Tiere führen ein perfektes Leben – sie können es ja nicht verfehlen.

Angesichts der unwidersprechlichsten, unbestreitbarsten Wahrheiten wird am heftigsten geleugnet und gelogen – so in den Gedenksprüchen der Todesanzeigen.

Die Armen sind das große Kapital des Moralisten, von dem er pünktlich die Zinsen seines guten Gewissens kassiert. Natürlich ist er alles zu tun bereit, so seine tägliche Bergpredigt, die Armut der Armen aus der Welt zu schaffen – und sollte die Welt bei diesem Experiment draufgehen. In Wahrheit hasst er nichts so sehr wie den Gedanken einer Welt ohne die Armen, Flüchtenden, Darbenden – dann wäre es ja um die Legitimation seiner eigenen Existenz und die Dringlichkeit seines hochmögenden Geschwätzes schlecht bestellt.

Wenn man die Armen reich macht, wem wird dann das Himmelreich gepredigt?

Denjenigen, denen es so sehr am Herzen liegt, die Armen zu bereichern, indem sie den Reichen die Köpfe abschneiden und bestehlen wollen, sind die Objekte ihrer moralischen Guerilla eigentlich gleichgültig. Sie wollen bloß in die Annalen eingehen als Leute, die am meisten Radau gemacht haben und am wenigsten zimperlich waren.

Hut ab vor jenen, die den Flüchtling auf ihre Kosten bei sich beherbergen. Schande über all die anderen, die ihn scheinheilig im Namen aller bewillkommnen und auf Kosten derer durchfüttern, die nicht gefragt wurden, ob sie Gäste haben möchten, geschweige denn, welche.

Man hat vielfach die Handschrift auf altem Pergament abgerieben und das Blatt neu beschrieben. Die raffinierte Technik der Philologen und Paläographen macht es heute möglich, die überschriebenen Zeilen wie durch magische Beschwörung wenigstens in Teilen wieder lesbar und entzifferbar zu machen. Doch die Texte auf einer Festplatte, die neu formatiert oder mit Kauderwelsch überschrieben wurde, sind dahin. So wie die verklungenen Lieder der Südseeinsulaner, die Märchen der Etrusker, die Gebete der Guanchen.

Die salbungsvollsten Migrationsgewinnler, die zumindest moralisch in die eigene Tasche wirtschaften, sind zugleich die infamsten, trachten sie doch, durch vermeintliche Rettung fremder Völker das eigene dem Untergang zu weihen.

 

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