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Im Labyrinth des Dämmers

22.05.2026

Der Vates war es, der die Wege wies.
Er hat die Schneise in die Nacht geschlagen,
daß heller wurde unser vages Sagen,
wenn es den hohen Sinn des Lichtes pries.

Er hat der Trauben Purpurgold gepflückt
und sie gekeltert für die Sonnwendfeier.
Er wob aus Sonnenfäden lichte Schleier,
die uns dem Wirrsal unsrer Angst entrückt.

Wie sollen wir die sanften Strahlen finden,
wenn wir im Labyrinth des Dämmers irren,
den Ruf zum Azur hören in Verliesen –

was können uns noch müde Bienen künden,
wenn sie in Falten fahler Gaze schwirren,
was grauer Tropfen Klang auf kahlen Fliesen?

 

Anmerkungen zum Verständnis:
Vates, -is, m u. f: Wahrsager, Seher, Prophet, Sibylle, gottbegeisterter Sänger und Dichter; vates Maeonius: Homer; vates Lesbia: Sappho; vates Aeneidos: Vergil.
Pons, lateinisch-deutsches Wörterbuch

„Vātes“, das … vielleicht aus dem Gallischen entlehnt ist, gehört samt dem altirischen Etymon „fáith“ und dem kymrischen „gwawd“, dem mittelirischen „fáth“ (Gedicht, Komposition; prophetische Weisheit) zu einer indogermanischen Wurzel „*uāt-“, die etwa „geistig erregt sein, inspiriert sein“ bedeutet und im Deutschen „Wut“, aber auch im Namen des germanischen Wind- und Inspirationsgottes Wōđan (nord. Óđinn) vorliegt. Der „vātes“ ist also der vom höheren Wissen Angehauchte. [...] Kymrisch „dewin“ ist eine römerzeitliche Entlehnung aus lat. ‚dīvīnus‘ (göttlich).
J. M. Jones: A Welsh Grammar. Oxford 1913, S. 233.

 

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