(Übersetzungsvariante)
Towery city and branchy between towers;
Cuckoo-echoing, bell-swarmèd, lark charmèd, rook-racked, river-rounded;
The dapple-eared lily below thee; that country and town did
Once encounter in, here coped and poisèd powers;
Thou hast a base and brickish skirt there, sours
That neighbour-nature thy grey beauty is grounded
Best in; graceless growth, thou hast confounded
Rural, rural keeping—folk, flocks, and flowers.
Yet ah! this air I gather and I release
He lived on; these weeds and waters, these walls are what
He haunted who of all men most sways my spirits to peace;
Of realty the rarest-veinèd unraveller; a not
Rivalled insight, be rival Italy or Greece;
Who fired France for Mary without spot.
Das Oxford des Duns Scotus
Turmreiche Stadt, wo zwischen Türmen Zweige grünen.
Rufe des Kuckucks, Schwärme von Glocken, lerchenverzückt, krank von Krähen, vom Strom umschmiegt,
unter dir Lilien gesprenkelten Ohrs. Land und Stadt hat es genügt,
in dir zu zerfließen, hier maßen sich Mächte, einander zu dienen.
Der dich ziert, der kurze Rock aus Ziegeln, birst vor Wüten,
daß nachbarlich Natur so gut die graue Schönheit dir gewiegt
so lang. Vor Gier nach Größe gnadenlos hast du das Ländliche besiegt,
ländliches Hüten – Bauern, Bienen, Blüten.
O noch ist mir zu atmen diese Luft beschieden,
die ihn genährt. Diese Weiden und Wasser, diese Wälle, dies war,
wo er geweilt, der vor allen meinen Geist umkränzt mit Frieden.
Des Wirklichen feinst-geäderter Entwirrer. So klar
von unbestrittener Einsicht, die Italien selbst und Griechenland nicht mieden.
Er, Mariens Flamme, der fleckenlosen, in der Franken Schar.
Siehe auch:
http://www.luxautumnalis.de/gerard-manley-hopkins-duns-scotuss-oxford/
(Übersetzungsvariante)
I wake and feel the fell of dark, not day.
What hours, O what black hoürs we have spent
This night! what sights you, heart, saw; ways you went!
And more must, in yet longer light’s delay.
With witness I speak this. But where I say
Hours I mean years, mean life. And my lament
Is cries countless, cries like dead letters sent
To dearest him that lives alas! away.
I am gall, I am heartburn. God’s most deep decree
Bitter would have me taste: my taste was me;
Bones built in me, flesh filled, blood brimmed the curse.
Selfyeast of spirit a dull dough sours. I see
The lost are like this, and their scourge to be
As I am mine, their sweating selves; but worse.
Erwachend fühl des Dunkels Fell ich, keinen Tag.
Stunden düster, wie düster mußten wir bestehen
diese Nacht! Was, Herz, du schauen, welche Wege gehen!
Und weiter noch, streift tiefer Lichtes Flügelschlag.
Ich kann’s bezeugen. Aber wenn ich sag
Stunden, mein ich Jahre, ein ganzes Leben. Und mein Flehen
sind Schreie ungezählt, Schreie, wie Briefe, die verlorengehen,
an den Geliebtesten, der wohnt, ach fern, im hohen Hag.
Galle bin ich. Inneres Brennen. Gottes grausames Gericht
ließ Bitterkeit mich schmecken: Und ich schmeckte mich.
Bein sein Gebild, Fleisch füllt den Fluch, Blut läßt ihn wallen.
Geistes Kern ein dumpfer Sauerteig. Schauerlich
schau ich Verschollene, und wie meine Geißel ich
ist ihre Blutschweiß eigner Seele. Doch tiefer geht mein Fallen.
Siehe auch:
http://www.luxautumnalis.de/gerard-manley-hopkins-wake-feel-fell-dark-day/
Aus: Vergers
Ô mes amis, vous tous, je ne renie
aucun de vous ; ni même ce passant
qui n’était de l’inconcevable vie
qu’un doux regard ouvert et hésitant.
Combien de fois un être, malgré lui,
arrête de son oeil ou de son geste
l’imperceptible fuite d’autrui,
en lui rendant un instant manifeste.
Les inconnus. Ils ont leur large part
à notre sort que chaque jour complète.
Précise bien, ô inconnue discrète,
mon coeur distrait, en levant ton regard.
O ihr Freunde, keinen laß den Schatten ich zurück,
selbst jenen nicht, der im Vorübergang
des unfaßbaren Lebens süßer Blick
nur war, offen und ein wenig bang.
Wie oft hält einer, eh er sichʼs versieht,
mit einem Blick, einer Gebärde
den andern an, der schon vorüberflieht,
daß ihm ein Augenblick der Wahrheit werde.
Die Namenlosen. Sie ebnen dir, auf daß du lebst,
den Pfad des Schicksals, das ein jeder Tag vollendet.
Entwirre mir, o Fremde, die sich scheu schon wendet,
die Fäden des Gefühls, indem den Blick du hebst.
Der Vers als Bleibe
Ein Veilchen hast geweint du stumm
unter Mondes fühlloser Scheibe,
daß frei er sei von Odium,
dient deinem Duft mein Vers zur Bleibe.
Schien dir der Funkentanz zu kühn
auf rankenden Verses Brücken,
will ich, bei Schatten noch zu blühn,
zu Asphodelen dich entrücken.
Und blendet dich das rühmende Bild,
wenn Feuerknospen sprießen,
soll, was von dunklen Quellen quillt,
Gelispel dir die Lider schließen.
Ist schon mein Abendlied so leis
wie dünnen Dochtes Knistern,
lösch ich das zuckende Gegleiß
und fülle deinen Traum mit Flüstern.
William Butler Yeats, The Cold Heaven
Suddenly I saw the cold and rook-delighting heaven
That seemed as though ice burned and was but the more ice,
And thereupon imagination and heart were driven
So wild that every casual thought of that and this
Vanished, and left but memories, that should be out of season
With the hot blood of youth, of love crossed long ago;
And I took all the blame out of all sense and reason,
Until I cried and trembled and rocked to and fro,
Riddled with light. Ah! when the ghost begins to quicken,
Confusion of the death-bed over, is it sent
Out naked on the roads, as the books say, and stricken
By the injustice of the skies for punishment?
Der kalte Himmel
Plötzlich sah ich den Himmel kalt, umschwärmt von Krähen,
es schien, als brenne Eis und wurde Eis doch immer mehr,
als müßten Geist und Herz gemeinsam untergehen
in Wildheit, kausales Denken lief ganz leer
und ließ mir nur Erinnerung, sinnlos im Schnee,
aus heißem frühen Blut, da Liebe einmal glückte,
ich tat im Rausch der Reue selbst mir weh,
bis ich aufschrie und zitterte, mich Schmerz entrückte,
von Licht durchsiebt. Will wieder, ach, dem Geist es tagen,
nach Sterbebettes Wirren, jagt man mit nackten Füßen
ihn durch Gassen, wie die Schrift es sagt, geschlagen
von der Ungerechtigkeit der Himmel, um zu büßen?
William Butler Yeats, Broken Dreams
There is grey in your hair.
Young men no longer suddenly catch their breath
When you are passing;
But maybe some old gaffer mutters a blessing
Because it was your prayer
Recovered him upon the bed of death.
For your sole sake — that all heart’s ache have known,
And given to others all heart’s ache,
From meagre girlhood’s putting on
Burdensome beauty — for your sole sake
Heaven has put away the stroke of her doom,
So great her portion in that peace you make
By merely walking in a room.
Your beauty can but leave among us
Vague memories, nothing but memories.
A young man when the old men are done talking
Will say to an old man, ‘Tell me of that lady
The poet stubborn with his passion sang us
When age might well have chilled his blood.’
Vague memories, nothing but memories,
But in the grave all, all, shall be renewed.
The certainty that I shall see that lady
Leaning or standing or walking
In the first loveliness of womanhood,
And with the fervour of my youthful eyes,
Has set me muttering like a fool.
You are more beautiful than any one,
And yet your body had a flaw:
Your small hands were not beautiful,
And I am afraid that you will run
And paddle to the wrist
In that mysterious, always brimming lake
Where those that have obeyed the holy law
Paddle and are perfect. Leave unchanged
The hands that I have kissed,
For old sake’s sake.
The last stroke of midnight dies.
All day in the one chair
From dream to dream and rhyme to rhyme I have ranged
In rambling talk with an image of air:
Vague memories, nothing but memories.
Traumscherben
Da ist Grau in deinem Haar.
Junge Männer halten jählings nicht den Atem an,
wenn du vorübergehst.
Mag sein, ein Alter murmelt einen Segensspruch,
weil dein Gebet es war,
daß er den Todeskampf gewann.
Für dich allein – die alle Seelenqual erfahren,
und schuf den andern alle Seelenqual,
das magere Mädchen schon hat gern getragen
die Last der Schönheit – für dich allein
hat abgewandt der Himmel seinen Schicksalsschlag,
so himmlisch war des Friedens Schein,
der um deinen Gang ins Zimmer lag.
Deine Schönheit kann uns einzig lassen
vage Erinnerungen, nichts als Erinnerungen.
Ein junger Mann, tritt er zu alten in die Runde,
spricht einen Alten an: „Erzähl mir von der Frau,
was uns in Leidenschaft erstarrt der Dichter sang,
dem sonst das Alter längst gekühlt das Blut.“
Vage Erinnerungen, nichts als Erinnerungen,
doch wird aus Gräbern alles, alles neu erstehen.
Gewißheit, diese Frau dereinst zu sehen,
wie sie sich neigt, steht oder geht,
in lieblich aufgeblühter Fraulichkeit,
mit meiner jungen Augen Liebesglut,
ließ murmeln mich, als wär ich nicht gescheit.
Schöner bist du ja, als alle andern sind,
doch ein Makel blieb dir nicht erspart:
Deine schmalen Hände sind nicht schön,
und ich fürchte, du brichst auf geschwind
und ruderst, bis dir wund die Hand am Rist,
in jenem See, der mystisch ewig überquillt,
wo rudern, die dem heiligen Gesetz willfahrt,
nun heilig selbst. Wahr dir, damit kein Anschein trügt,
die Hände, wie ich sie geküßt,
und früher Segen sich erfüllt.
Der Stundenschlag zur Mitternacht verklungen,
den ganzen Tag in meiner Dichtergruft
hab ich von Traum zu Traum, von Vers zu Vers gefügt,
im schweifenden Gespräch mit einem Bild der Luft,
vage Erinnerungen, nichts als Erinnerungen.
Blumen
Ihr Augen, Spiegel nur,
und nur für Traumgesichte.
Ihr Blicke, die nicht fordern,
nicht entblößen oder stellen,
sondern weilen, gehen lassen.
Ihr hebt die Zeit in leichtem Bogen
herabgeschwiegenen Lichts
über unsre Ungeduld hinweg.
Getreue dunkel-stummer Mitte,
macht treu uns eigenem Geschicke.
Und sagen wir ein trübes Wort
mit gramdurchwalkter Zunge,
umhüllt ihr gnädig es mit Duft,
o Duft aus fernem süßen Innen,
und tragt es, von sich selbst gelöst
wie von mütterlichen Küssen,
ins blaue Schweigen fort.
Wie trunkener Muse ist die Anmut,
da eure Blütenkronen zittern
vom Tau des Morgenrots,
doch Pollen sind wie Spuren,
verschollener Kindheit Glück,
die unverhofft wir abends
aus hingegossenen Locken pflücken.
Die ihr nicht tastet ungescheut
nach verworrener Herzen Saum,
den, der vorübergeht, kaum merklich streift
und gnädig dämpft die hochgereckte Pracht,
daß ihm der Dämmerung
fahler Schimmer Kühlung schenkt,
wenn Schwestern schaut der Schmerz
in Wasserrosen,
die ihre blassen Lider senken.
Die ihr nicht tönt nach Menschenart
mit Lauten, die sich schamlos stehlen
in die fensterlose Kammer,
wo sterbensmüd wir liegen.
O seid es, Blumen, die uns gönnt
jähen Stillstand nach dem Ächzen
heißgelaufenen Lebensrads.
Ihr überhöht das Kunstgebilde
der kristallenen Vase
mit dem Rätselschaum des Lichts,
dem Sohn der großen Nacht.
Ihr Veilchen Sapphos,
ihr Rosen des Horaz,
und Lilien ihr,
keuscher Wange hingeschmiegt,
ihr Hüterinnen
rein entsprungenen Worts,
daß eure Lippen noch
im Abschied beben:
„Dichter, kehr zurück!“
Dantestraße
Die Namen Wittgenstein und Frege,
sie waren bloß ein zwittriges Gerücht,
auf solch verschneitem Höhenwege
im Lackschuh schritt ein Liebrucks nicht.
*
Sie wähnten sich im Zeitzenith,
Kopernikus war nichts dagegen,
doch war ihr Wirbel ohne Segen,
die alte Sonne hielt nicht Schritt.
*
Die kluge Spinne Sprache webt
und webt die Fäden in den Zweigen.
Sieh, wer noch zitternd daran klebt,
ein Denker, der vergaß zu schweigen.
*
„Substanz das Subjekt“, alter Zopf,
dem alles Puder weggeblasen,
er baumelte dort manchem Tropf
am nackten Hintern hohler Phrasen.
*
Und Blicke dann, die angezündet
noch manches abgedroschne Stroh,
und Lippen dann, die sich geründet,
zog ab mit DER DA Gigolo.
*
Ja, Freiheit! der Enthemmte schreit
und bricht entzwei das edle Glas,
er weiß nicht, daß nur eins befreit,
Gesetz des Rhythmus, lichtes Maß.
*
Die Marxologen, Scharlatane,
die wider Staat und Sitte stritten,
sie rollten ein die rote Fahne
und wurden Volkes Parasiten.
*
Die Bäurische verfiel dem Stenz,
dem Singsang eines stets Bekifften,
er wälzte nieder ihren Lenz,
sie hauchte Duft in seine Schriften.
*
Hegelianer, vom Glitzerfaden
magischer Formeln ins Nichts entrückt,
geht im Branden des Chaos baden,
hat das Herz ihm Liebe umstrickt.
Sieg des Absurden
Wie töricht ist das Wort des Philosophen,
das bauen rät auf eigenen Verstand.
Gilt es ja auch für alle Doofen –
so töricht war der kluge Kant.
*
Die Schwafeln als Diskurs anpreisen,
Geschwätz, das keine Grenze ehrt,
sind Philosophen, die gern reisen,
von keiner Fremde je versehrt.
*
Wie dumm, für alles Gründe geben,
doch das versteht kein Habermas,
wie ohne Gründe alles Leben
erblüht und wieder sinkt zum Aas.
*
Und der gekrächzt im Hörsaal laut,
Vernunft nur könne uns beschneiden
des Widersinnes Runzelhaut,
ein Hutzelweib sah man ihn scheiden.
*
Arg auch die Adorniten,
die mit gespitztem Mund
die zarte Frucht aufschnitten,
die Frucht, so rot und rund,
und zeigten, wie inmitten
begrifflos reinen Seins
der Wurm fraß und verhöhnte
die Opfer süßen Scheins.
Und nichts blieb, was versöhnte.
*
Die Sinn mit Widersinn gepaart,
die Fichte, Hegel und Konsorten,
ach, blieben Träumern sie erspart,
die kopflos knien vor hohen Worten.
*
Wir scheuen nicht den Dorn der Frage,
weshalb der Widersinn uns bannt,
des Aberwitzes Fliegenplage
noch keine kalte Klatsche fand,
warum den Maulwurf wir ernähren,
der Wortes Knospe peitscht zu Staub,
warum die Spinne wir verehren,
die uns verklebt das heitre Laub.
Vor Bildern, die kein Ding mehr zeigen,
nur eines Albtraums schwarzen Fleck,
vorm Fetisch sollen wir uns neigen,
wurmstichig Holz, gesalbt mit Dreck.
Nein, lassen wir uns nicht mehr kirren
vom Unsinn, der sich eitel spreizt,
wir wollen nicht geblendet irren,
wo Aftersinn die Sinne reizt.
Herbstliche Pfade
Und lichtet sich der Staub,
bleibt nur ein stilles Sinnen,
ein unscheinbares Laub
auf Wassern, die verrinnen.
Verebbt der Lärm der Wildnis,
tritt schimmernd aus dem Dunst
des Abends blaues Bildnis
im Spiegel reiner Kunst.
Ist zögernd auch der Gang
den müde Knospen säumen,
bezaubert uns ein Sang
von Vögeln, die schon träumen.
Und hoffen Herbstzeitlosen,
daß früh ein Flügel schwärmt,
hat uns von späten Rosen
noch sanfte Glut erwärmt.
Nach dem Gewitter
Nun ist der Sturm verrauscht, die Wolken flocken
wie weißer Flaum ins neu erblühte Blau,
wenn ferne auch noch Blitze kühlend zucken
und Grollen an die dunkle Macht gemahnt.
Verschonte taumeln wir in grüne Mulden,
wo uns das dunkle Moos von Seufzern trieft.
Aus feuchten Locken pflücke ich dir Sporen
und küsse nasses Glitzern auf vom Nacken,
der braun und weich sich wölbt wie eines Rehs.
Wir schauen, wie der Abend sich verklärt
in einem roten Gold, das zarte Knospen
auf transparente Nebelgaze streut.
Und zaghaft dringt aus dem Gesträuche Zwitschern,
als wäre kleinen Daseins Mund erfrischt
vom Tau, aus dumpfem Traum erwacht das Lied.
Der Strom der Heimat aber trägt die Schimmer
zerflossener Schauer vor den fahlen Mond..
So wandeln abwärts wir die Pfade, säumend,
wo reif die Traube glüht, wie müde Falter,
wenn zitternd eins des anderen Flügel streift.
Frühlingstag am Eifelmaar
Wo Krokus rot und golden Ginster blüht,
auf unsern süß umsummten Frühlingsgängen,
wo blasse Wasser eilen zu den blauen –
dort wollen wir uns in die Augen schauen,
bis sich verschlungne Schatten zögernd längen
und im Saphir des Maars der Mond erglüht.
Du packst aus deinem Rucksack Brot und Wein,
aus meinem ich den Divan unsres Goethe,
so kosten wir des Lichtes Wunderfrüchte –
erhitzt vom Geist der flammenden Gesichte,
kühlt uns der Vögel abendlich Geflöte,
und ferne rauscht ins Meer hinab der Rhein.
Durch die Rinde des Schlafs
Hauch des Abends blättert dich auf,
Strahl der zögernden Sonne
liest dich, streift langsam über dein Aug,
das Maar versinkender Funken,
die zitternden Wimpern des Schlafs.
Laub der Dämmerung hält dich noch wach,
rieselnd von Tropfen des Wohllauts,
dunkelnd von seufzenden Schatten,
umsonst wischst du, was Zwielicht gewebt,
Gespinste vom lallenden Mund.
Stern der Nacht treibt seinen Nagel
dir durch die Rinde des Schlafs,
und dem Mark, das schwieg über Tag,
entsickert das Harz eines Worts,
sein Duft ist herb, dunkel sein Glanz.
Dichterisch wohnet der Mensch
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Wo tut es weh? – Oben, im rechten Schneidezahn, Herr Doktor.
Wir können ungefähre Orte für den Ursprung unserer Schmerzen, Lust- und Unlustempfindungen, kurz unserer Leibgefühle, ausmachen.
Doch die Lokalisierung von Empfindungen gehorcht nicht einer spezifischen Geometrie, sei es der euklidischen oder sonst einer. – Wenn wir in eine Stadt reisen, die von unserem Wohnort etwa 350 km entfernt ist, würden wir, wenn wir im Hotel eingetroffen von Zahnschmerzen heimgesucht werden, nicht sagen: „Der Ort meiner Schmerzempfindung ist 350 km von meinem Heimatort entfernt.“
Das Kind hat zwei Kästchen, jeweils mit Buchstaben und Zahlen aus Holz gefüllt. Fragst du es, wo die Buchstaben sind, zeigt es auf das eine Kästchen, fragst du es, wo die Zahlen sind, zeigt es auf das andere.
Fragst du Platon, wo die Zahlen sind, antwortet er: „Dort drüben im platonischen Himmel, sie wohnen gleich neben den platonischen Ideen!“
Fragst du den wissenschaftlichen Linguisten, wo die Buchstaben sind, nach dem Ort unserer Sprache, weist er auf bestimmte Hirnregionen.
Doch was wäre prinzipiell auf der symbolischen Ebene anders, als es nun einmal ist, hätte sich herausgestellt, daß der berühmte Mathematiker Gauß oder der große Dichter Goethe statt grauer Zellen Zuckerwatte unter der Schädeldecke beherbergten?
Erst meinen wir mit dem Kind, Zahlen seien wie Murmeln Dinge, die wir in Kästchen füllen können. Dann merken wir, daß die Anzahl der Dinge endlich, die der Zahlen unendlich ist; es gibt ja zum Beispiel so viele Einsen, Zweien, Dreien, wie es das Herz begehrt. Endlich stutzen wir und merken, daß die Identität von Dingen anderer Natur ist als die Identität von Zahlen (oder Bildern, Vorstellungen, Ideen): Hans hat nur diese eine Prachtmurmel, Petra hat eine, die ihr wie ein Ei dem anderen gleicht, aber es ist eine andere. Doch die Zahl 3, die Hans zur Zahl 4 addiert, ist dieselbe Zahl, die Petra erhält, wenn sie 4 von 7 subtrahiert.
Wir können von Zahlen (Empfindungen, Vorstellungen, Ideen) nicht auf dieselbe Weise reden wie über Dinge. Das aber heißt nicht, Zahlen (Empfindungen, Vorstellungen, Ideen) seien im Gegensatz zu Dingen, die wir für physisch, wirklich, konkret, einmalig, an Raum-Zeitstellen lokalisierbar und identifizierbar erachten, metaphysisch, unwirklich, abstrakt und in einem mentalen oder metaphysischen Pseudo-Raum angesiedelt. Daß wir über Zahlen (Empfindungen, Vorstellungen, Ideen) nicht wie über Dinge reden können, bedeutet, daß die logische Grammatik der Sätze, mit denen wir über Zahlen reden, eine andere ist als die logische Grammatik der Sätze, mit denen wir über Dinge reden.
Wir können die Zahlen nach Kategorien ordnen, wie natürliche, rationale oder Primzahlen; doch die Zahl 5 als Element der Reihe der natürlichen Zahlen betrachtet ist keine andere als die Zahl 25/5 als Element der Reihe der rationalen oder als Element der Reihe der Primzahlen betrachtet.
Das Gedicht Baudelaires in der Originalsprache und seine Übersetzung durch Stefan George sind zwei verschiedene Gedichte; ich kann das eine nicht auf das andere abbilden, wie ich eine geometrische Figur durch Projektion auf eine andere abbilden kann.
Das Gedächtnis ist kein Behälter, Speicher oder Vorratsraum, in dem wir unsere Erinnerungen aufbewahren.
Die Analogie des Gedächtnisses mit einem digitalen Speicher (auf dem Rechner) führt uns in Hinsicht der logisch-semantischen Eigenschaften der Sätze, mit denen wir über unsere Erinnerungen reden, systematisch in die Irre.
Erinnerungen an Dinge, Personen und Ereignisse sind nicht die Schatten oder Abziehbilder von Dingen, Personen und Ereignissen, die wir im Speicher oder Katalog unseres Gedächtnisses abgelegt, eingeklebt oder abgeheftet haben.
Für ein historisches Werk können wir im Anhang einen Index von den Namen all der Dinge, Personen und Ereignisse (Orte, Zeiten) einrichten, jeweils unter Angabe der Seiten, unter denen wir das jeweils vom Historiker Berichtete finden. Doch so funktioniert, was wir Erinnerung nennen, nicht; wir schlagen nicht „im Kopf“ das Buch oder die Annalen unseres Gedächtnisses auf und finden dort mithilfe beispielsweise des Lemmas „Mutter“ all die Seiten, die Berichte über Ereignisse aus dem Leben unserer Mutter enthalten.
Der Vorname unserer Mutter wird zufällig erwähnt; und wir denken unwillkürlich an das junge Mädchen dieses Namens und an eine Episode seiner Jugendzeit, die uns die Betrachtung von alten Fotos vor Augen geführt hatte, Zeit harter Arbeit auf den Feldern oder ausgelassener Feste, lange bevor diese Frau mit uns schwanger ging.
Wir suchen die Erinnerung nicht im Speicher unseres Gedächtnisses auf, sie findet uns wie von selbst. Auf solche Weise schlummern unsere Erinnerungen, wie es Proust so köstlich beschrieben hat, gleichsam in den sich unvermutet öffnenden Schalen unserer gewöhnlichen Wahrnehmung, in einem Duft, einem Klang, einem unerwarteten Wechsel der Atmosphäre.
Wie wurden unsere Erinnerungen wach? Wir können nicht sagen, wir hätten sie geweckt.
Wir können Erinnerungen nicht willkürlich heraufrufen; könnten wir es, wären sie uns schon vorab bewußt.
Wir lernen sprechen und schreiben, aber nicht uns zu erinnern. Wenn die Ampel auf Grün schaltet, erinnern wir uns nicht an die Bedeutung des Signals „Gehen!“, sondern gehorchen gleichsam einem bedingten Reflex, der an die Assoziation der Farbe mit der Bedeutung des Signals geknüpft ist.
Freilich erlernen wir Techniken, andere Personen an uns zu erinnern; wir schreiben eine E-Mail oder eine Einladungskarte.
„Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ – Aber auch wenn wir der Feier solchen Angedenkens mit der gebührenden Hochachtung beiwohnen, kann uns die Erinnerung böse Streiche spielen (indem wir unwillkürlich an das berühmte Gemälde von Leonardo da Vinci denken und uns in seiner ästhetischen Betrachtung verlieren, statt zu beten).
Die Gruppe herrscht über ihre Mitglieder mittels Abrichtung ihres Gedächtnisses. Kalender, Festtage, rituelle Begehungen. Aus der Gruppe erwächst der Staat mit seiner echten Kultur des Gedenkens oder einem ideologischen Mummenschanz sogenannter „Erinnerungskultur“.
Wir stellen fest, daß die rote Rose etwa fünf Meter von uns entfernt ist. Aber der Roteindruck, den wir durch sie haben, ist nicht fünf Meter von uns entfernt. Wir können nicht sinnvoll fragen, wo er ist.
Unsere Sinneseindrücke und Wahrnehmungen, unsere Empfindungen und Erinnerungen befinden sich, gemessen an der objektiven Maßgabe von wissenschaftlichen Geometrien oder Orts- und Zeitmessungen, nirgends, an keinem spezifischen Ort. Die von uns wahrgenommene Farbe haftet weder an der Rose noch an der Retina noch im neuronalen Sehzentrum.
Wir hören das Thema einer Sonate und sehen das Klavier, mit dem es angeschlagen wird; das Klavier steht etwa 20 Meter von uns entfernt auf dem Podium, aber der Höreindruck ist nicht 20 Meter von uns entfernt, er ist weder im Ohr noch im Kopf, er ist uns auch nicht ganz nah auf den Leib gerückt. Wir können nicht sinnvoll fragen, wo er ist.
Wir erhalten die amtliche Mitteilung, uns dann und dann bei der Behörde einzufinden; wir haben die Bedeutung der Mitteilung richtig aufgefaßt. Doch die Bedeutung ist weder das Schriftbild der Mitteilung noch eine mentale Entität in unserem Kopf, die wir wie einen Merk- oder Spickzettel im Kalender unseres Gedächtnisses ablegen oder anheften könnten.
Wir sind, was wir sind, als diejenigen, die Gestalt-, Farb- und Klangeindrücke wahrnehmen und Bedeutungen aus Mitteilungen dechiffrieren, um danach zu handeln. Aber was für die Eigenschaften der Sätze gilt, die über Empfindungen, Wahrnehmungen, Vorstellungen und Erinnerungen sprechen, nämlich, daß ihre Logik und Grammatik eine andere sind als die von Sätzen, die über Dinge, Personen und Ereignisse sprechen, gilt a fortiori auch für uns selbst als sogenannte subjektive Wesen: Wir sind als solche genausowenig Bezugspunkte in einer euklidischen oder nichteuklidischen Geometrie, wie es unsere Empfindungen, Wahrnehmungen, Vorstellungen und Erinnerungen sind.
Was wir meinen, wenn wir „ich“ sagen, hat keinen spezifischen Ort in der physikalischen Raumzeit.
Da wir aber als physische Körper Dinge neben unzähligen anderen Dingen und also Bezugspunkte eines raumzeitlichen Koordinatensystems sind, neigen wir zu der irrigen Ansicht, als subjektive Wesen müßten wir Bezugspunkte eines metaphysischen Universums, gleichsam surreale Schatten der realen Dinge, sogenannte Seelen, sein.
Doch die Tatsache, daß wir über uns nicht reden können wie über rein physische Dinge und Ereignisse (es sei denn wir sprechen mit unserem behandelnden Arzt über unsere Wunde an der Hand), bedeutet, daß die Sprache, in der wir über uns angemessene Aussagen treffen, eine andere Logik hat als die Sprache, in der wir über das Wetter, den Autounfall oder die Börsenkurse reden.
Die Sprache der Dichtung ist von dieser Art. Sie hat eine andere Logik und Grammatik als die Sprache über Dinge und Ereignisse, die wir objektiv, sachbezogen oder realistisch nennen, weil wir mittels ihrer Grammatik durch Namen und deskriptive Ausdrücke Dinge und ihre Eigenschaften in der Raumzeit identifizieren können.
So können wir mit Hölderlin in einem starken, präzisen, nicht romantisch verschwommenen Sinn sagen, daß der Mensch „dichterisch wohnet“. Wohnen meint hier nicht, sich da und dort zeitweise oder auf Dauer aufhalten, auf der Erde, in Behausungen, in Räumen, die wir mittels eines physikalisch interpretierbaren Koordinatensystems bestimmen können; auch wenn dieser raumzeitliche Aspekt unseres Daseins mitgemeint ist. Wohnen heißt vielmehr, eine Welt, eine Gegend, eine Sprache und Kultur bewohnen, in einer Landschaft historisch verwurzelt sein, ihr Licht und ihre Schatten, ihre Farben und Düfte genießen und benennen.
Dichterisch wohnen meint, dem unseligen Drang zu widerstehen, die Welt, das eigene Leben, das Leben der anderen als begriffliches oder soziales Konstrukt nach dem immer herrischer faszinierenden Muster des technischen Machens und Herstellens vorzustellen und zur Sprache zu bringen, der Sprache der Technik, der Wissenschaft, der Verwaltung.
Die Räume, die wir bewohnen, sind keine objektiven, geometrisch projizierbaren und technisch nach dem Plan unseres individuellen oder eines kollektiven Willens gestaltbaren faktischen oder sozialen Strukturen, sondern Gegenden und Bauten des über die Sprache uns überkommenen Sinns oder eben des schreienden, kläglichen, trostlosen Unsinns.
Zu sagen, daß wir das Haus der Sprache bewohnen, heißt nicht, das Dasein der stummen Dinge zu leugnen, sondern es allererst als Schatten des Hauses der Sprache, als Horizont unseres Daseins unter der Sonne, als Linie unter den Linien des Lebens zu vergegenwärtigen.
So ist die Zeit unseres Daseins weder im Bild der gleichförmig strömenden Bewegung des Flusses noch nach dem Muster der gleichförmigen Bewegung der Gestirne und Atome oder der ungleichförmigen von subatomaren Teilchen zu fassen und zu ermessen, also mittels klassischer oder moderner Zeitmesser und Uhren; vielmehr nach der Erfahrung dessen, der ungeduldig auf die Wiederkehr eines geliebten Menschen wartet, der den Tag im Lichte der Erfüllung oder des Verzichts, des Zuspruchs oder der Entsagung, der alltäglichen Sorge oder der Erwartung einer festtäglichen Freude anzuschauen sich bemüht.
Ein wesentlicher Aspekt der Zeit unseres Daseins erschlösse sich der Meditation über die Zeile Goethes: „Warte nur, balde/ruhest du auch.“ Denn Warten mit seinen Schattierungen und Nuancierungen der Geduld und Ungeduld, hellhöriger Aufmerksamkeit oder dumpfer Zerstreuung und Langeweile, von Ahnung eigener Sterblichkeit oder billiger Tröstung mittels scheinbar unverweslicher Werke, Zukunftsvisionen und Menschheitsprojekten – Warten, im eigentlichen oder im defizienten Sinn, ist ein Grundmodus unserer Zeitlichkeit.
Herbstabend am Rhein
Wir haben Steine ja am Ufer, Brocken
aus Basalt, von Moos begrünte, drauf
in Ruhe noch zu sitzen und zu schauen,
wie Strahlen überm Wasser sich in Gold
verzücken, wie Schatten, unser beider Schatten,
sanft zitternd ineinander übergehen.
Dort an den schroffen Hängen, wo die Burg
sich aus dem Felsen steigert, glänzt die Nässe,
als wär auf braunen Nacken sie getropft,
und drüber hin ein Himmel, der noch zögernd
des Abschieds veilchenblaue Fahne schwenkt,
die unser Wappen schmückt, der blasse Mond.
Ich kam von hier und du vom andern Ufer,
du brachtest mir die Früchte, ich die Schale,
in grünem Schoß den roten Herbst zu tragen.
Und was gesummt du hast, das leise Lied,
es war die Brücke, hin und wider schwingend,
was drunter rauschte, kam von fernem Quell.
Nun sitzen Fremde wir am Heimatstrome,
und was zu sagen ist, tut schweigend kund
mir deine Hand, die sich in meine schmiegt,
dir meine Hand, die sich um deine wölbt.
Und steigt aus Stromes Nacht uns das Geläute
von Glocken, die bei Ahnengeistern schliefen,
mischen wir entrückter Herzen Gong
in jenen Ton, bis er im Schilf versiegt.
Herz so klein und heiß
Herz so klein und heiß.
Will der Schweif dich narren,
drehst du dich im Kreis.
Wie die Pfötchen scharren!
Was dort liegt vergraben,
Herz so klein und heiß,
Hündchen muß es haben.
Auge, tiefer Teich.
Magst aufs Knie mir legen
deine Pfote weich,
Wasser will sich regen.
Was dort glänzt voll Schweigen,
Auge, tiefer Teich,
Hündchen will es zeigen.
Fell, schneeweißes Vlies.
Pflück ich ab die Pollen,
die der Wind ihm blies,
magst ein wenig schmollen.
Hand soll sanft durchwühlen
Fell, schneeweißes Vlies,
Hündchen wird es fühlen.
Herz so klein und heiß,
hörtest auf zu glühen.
Pflanze dir ein Reis,
schneeweiß soll’s erblühen,
dir und mir, uns beiden.
Herz so klein und heiß.
Bitter ist das Scheiden
Spiegelschrift
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Auch Flocken, die schweben, fallen.
*
Er wähnt, mittels hochtrabenden Geschwätzes zu faszinieren und zu bannen, sie schlägt die Augen auf und alle Knappen knien.
*
Dichtung, die nicht tröstet und lindert und erleuchtet (auch wenn sie schneidet oder sticht oder Schleier webt), bliebe besser ungeschrieben.
*
Der aufgeklärte Simpel meint, Philosophen wüßten mehr als der Alltagsverstand.
*
Wer sich in einen falschen Körper und ein fremdes Geschlecht verhext glaubt, lebt in einem bösen Zauber, von dem ihn auch kein Medizinmann befreien kann.
*
Das Unerreichbare zu wünschen – Quelle des Kummers (wie die Stoiker und Weisheitslehrer wußten); und doch Adelszeichen auf einer von der Muse geküßten oder doch gestreiften Stirn.
*
Und dennoch, törichtes Menetekel auf den Mauern des Campus, damals: „Exigeons l’impossible“.
*
Enttäuschung durch Erfüllung.
*
Ein Mann kann keine Frau werden; das Kriterium des Frauseins besteht in der Fähigkeit, empfangen und gebären zu können.
*
Das Gehirn des Mannes ist anders aufgebaut und vernetzt als das Gehirn der Frau (vom hormonellen Kreislauf zu schweigen); würden die Neuroingenieure sich aber dahin versteigen, Gehirne zu transplantieren, wüßten die Opfer nicht mehr, wer sie waren.
*
Man redet sich selber nicht mit „Ich“ an. – Man fragt nicht nach sich.
*
Man fragt sich wohl: „War ich vor zwei oder drei Tagen im Park?“ Oder: „War ich vor drei Tagen im REWE oder im Aldi?“ Aber nicht: „War ich es, der vor zwei oder drei Tagen im Park war?“ – „War ich es, der vor drei Tagen im REWE oder Aldi war?“
*
Kennt die Physik auch kein natürliches Vakuum, die Dichtung weiß von der leeren Zeit und dem unerfüllten Augenblick.
*
Wie jäh der Blitz des Blickes, wie lang der Wunde Brand.
*
Schatten des Gefühls, Erinnerung.
*
Hoher Schnee, der die Nacht erhellt. Dunkel das glucksende Wasser der Tiefe.
*
Zeus zieht die Brauen hoch. Der Aphrodite Wimpern zucken.
*
Großvater ging mit mir den Weg „Überm Rath“ nach Güls zu den Moselfischern. Das Schäumen und Klatschen der Flossen im Bottich. – In der Badewanne die sich träge zu Tode ringelnden Schatten.
*
Ares und Eros: Die Grenzen zwischen Tag und Traum, zwischen Grausamkeit und Glanz, Verbrechen und Ruhm verschwimmen.
*
Dem Kurzsichtigen wird alle Ferne ein vages Ungefähr, er blickt verstohlen zur Seite, ruft eine unbekannte Gestalt ihm von der anderen Straßenseite zu.
*
Zu weich das Schülerherz für solche Küsse.
*
Zu herb das Dichterherz für solche Phrasen.
*
Genrebild mit Mutter als junges Mädchen. Spätsommernachmittag, im Arm hängt der geflochtene Korb mit frisch gepflückten Birnen, Äpfeln. Sie wischt sich mit der freien Hand die Locken aus der heißen Stirn, verlegenes, kokettes Lächeln.
*
Freizeitlatschen, Jogginghose. Er geht zu den steinernen Delphinen des Brunnens im Park, aus deren gestülpten Lippen der saumselige Strahl herniederplätschert. Er zückt sein Smartphone, hält es kurz hin, und schleicht von dannen, ohne etwas gesehen, etwas gehört zu haben.
*
Barbarisierung der Sinnlichkeit durch Technik. Schnelle Fahrten, optische Strudel und visuelle Siphons, von denen die Bilder der Landschaft verschluckt werden. Das äonenlange Rauschen der Motoren, sein Sieg über das Rauschen des Wassers, der Brunnen, Sieg des Pfeifens der Fabriksirenen über das Schluchzen der Nachtigall. Der Triumpf des Asphalts über das Gedächtnis der Gräser. Das kalte Flackern der Bildschirme, seine zersetzend-verödende Wirkung auf die Anschauung der Bildnisse alter Meister.
*
Die Anmut Mozarts ist keine artistische Allüre, kein musikalisches Konstrukt, keine Erfindung.
*
Der Schatten wandert mit den Sonnenuhren, und mit ihm, daß wir Wehmut fühlen, Erleichterung atmen, die Schönheit, der Schrecken.
*
Cäsar hat den Ruhm der Romania, Napoleon den Makel des brennenden Moskau.
*
„Nachtigall“ ist die allgemeine zoologische Bezeichnung einer Vogelart und die poetische Evokation einer singulären Empfindung.
*
„Gender“ ist nicht der Name eines Begriffs, sein hemmungsloser, mit gesinnungsterroristischen Sanktionen bewehrter Gebrauch ist vielmehr das Kennzeichen einer kollektiven Hysterie.
*
In der Spätromantik gab es hierzulande das seltsame Phänomen der Sonettenwut, ausgetragen unter alten bärtigen Barden wie dem Schulmeister Voß und den gelehrten Schulfuchsern der Gebrüder Schlegel, die so rasch erlosch, wie sie aufgeflammt war; in Japan ereifern sich allerorts schon die kleinen Kinder, sich im Verfertigen der subtilen Gedichtform des Haiku zu übertreffen.
*
„Freie Presse“, „objektive Medienberichterstattung“, „der Wahrheit verpflichteter Journalismus“ – contradictiones in adiecto. Es sind die Götzen und Schibboleths der meist verbeamteten Vertreter einer parasitären Kaste, die desto mehr sich als unverzichtbare Avatare der höheren Moral ins Rampenlicht stellen und die eigenen Fleischtöpfe füllen, je mehr sie ihre Berichte über das Elend der anderen mit scharfen rhetorischen Gewürzen garnieren oder unter geschickter Verwendung zweideutiger Bilder und Phrasen zu ihre höchsteigene Betroffenheit ausstellenden Sensationen hochstilisieren.
*
Wo die Medien, Theater und Ausstellungshallen, die Kindergärten, die Schulen und Hochschulen, vor allem die angeblich freier Künste, staatlicher Aufsicht und ideologischer Kontrolle unterliegen, steigen aus den Sümpfen niederer Begabungen die widrigen Dämpfe der Vulgarisierung des Geschmacks, der Verwilderung handwerklichen Könnens und der pubertären Verunglimpfung der Überlieferung empor.
*
Als es noch keine Presse gab und keine sogenannte Vierte Macht im Staat, schrieb Horaz seine Oden und Vergil die Aeneis, als es jedenfalls keine freie Presse gab, Goethe den Faust II und Hölderlin seine Hymnen. – Der nicht der Zensur, sondern einer Hofintrige zum Opfer gefallene und ans Schwarze Meer verbannte Ovid schrieb dort seine „Tristia“.
*
Wege, die durch eine imaginäre Wildnis führen, kennen wir weniger aus der Prosa als der Dichtung; wir meinen die weinfarbenen Wogen, in die der Kiel des homerischen Hexameters seine schäumenden Furchen zieht, oder die schwarzblauen Strudel im Haar der Geliebten, dessen betörendem Duft der Vers des Dichters nicht widerstehen kann, sich auf die Inseln der glücklichen Hesperiden entführen zu lassen.
*
Der Hund ist der Gefährte des Erzählers auf den schön gebahnten Wegen ihrer gemeinsamen Wanderungen, und pfeift das Herrchen, läuft er freudig herzu und legt ihm einen Tannenzapfen aus der nahen Schonung oder eine wohlduftende Nuß aus dem Gras der heimischen Erde zu Füßen. Die Katze ist die Gefährtin des Dichters, streicht sie auch gern ihm ums Knie und liegt ihm bisweilen, wenn er schreibt, im Schoß, bleibt sie doch anders als der Hund im Wesen ungezähmt und fremd, denn spricht Treue aus den Augen des Hundes, so ein dunkles Rätsel aus denen der Katze, ein Rätsel, das demjenigen des lyrischen Gedichts nicht von ungefähr ähnelt.
*
Der Dichter liest die Seele der Welt in der Spiegelschrift des Wassers; anders als der Himmel der Wolken ist das Blau des Wassers Innerlichkeit und Traum, und in seiner unwirklichen Tiefe sind das Seufzen des Sommergrases und das Stöhnen des Novemberwinds schon verstummt. Und jene Augen, die ihm am Ufer des Sees, beugt er sich tiefer herab, entgegenblicken, erkennt er nicht als seine eigenen, sondern als die einer abgelebten Gestalt seines Daseins, und die Träne, die ihr rinnt, ist nicht das Zeichen der Trauer, sondern der Ergriffenheit der Wiederbegegnung mit einem verloren Geglaubten. Wie das Bild verschwimmt, wenn sie fällt, zählt auch er sich den Verlorenen zu.
Gedämpfter Schmerz
Dein Blick umschleiert,
als löschten Tränen Glut –
gedämpfter Schmerz.
*
Im Schnee der Nacht
Knirschen
rätselheller Schritte.
*
Scherbe auf dem Samt
der Finsternis,
zerbrochner Glanz.
*
Sieh dich im Wasser,
ein Tropfen –
und das Bild verschwimmt.
*
Hohe Trauerfeier,
ein Fenster offen –
Zirpen lauer Sommernacht.
*
Auf dem Friedhof.
„Hol die Kanne!“ –
Grüner Fäulnishauch.
*
Weihrauch blaut.
„Zu meinem Angedenken.“ –
Schwalbe fliegt zur Apsis auf.
*
Holunderbusch,
weißer Schaum
knistert in deinen Schlaf.
*
Das Wort, ein Stich. –
Die Biene stirbt,
das Gift, es kreist und kreist.
*
Wir gehen bis zum Fluß.
Schilf, es bebt.
Still deine Hand in meiner.
*
Der Krug mit Wein,
umgestürzt –
Mücken taumeln.
*
Ging die Kerze aus –
Liebe singt
ihr Licht ins Dunkel.
*
Du wischst vom Stein
Grünspan ab und Moos –
unsre Namen, fremd.
*
Tau an Traumes Wimpern,
Mohn des Abendrots,
Verse, dunkler Duft.
*
Male Grau auf Blau
diese Abendstunde –
ein Grün wär schon zu hell.
*
Langsam wird dein Schritt,
gehst du auf dunklem Moos,
Veilchen, und du weilst.
*
Die Schwalben rufen dich,
der Brunnen blaue Nächte –
dem Wissen sag ade.
*
Kuckucksruf –
und Waldes Odem
überhaucht dein Leid.
*
Hier, des Abschieds Schwelle –
Gedächtnis grünt am Stein,
o treues Moos.
Dreiklang, Einklang
O die Flamme
des Gesanges,
die in Blütenschalen schläft.
*
Dreiklang,
Einklang,
Haiku.
*
Efeu kriecht ins Dunkel,
Eichenstamm
hebt ihn ins Licht.
*
Sich ins Blaue wimpernd,
sich ins Dunkel weinend,
sieht mein Vers, ist blind.
*
Dem Silberweiden flüstern
und das Schilf des Lieds,
Fluß, er sickert trübe.
*
Trippelschritt in Seide,
Blicke feuchter Glut,
Verse, unfruchtbar.
*
Rosen, Flammenhauch,
Lilien, keuscher Tau,
duftlos blaut mein Veilchen.
*
Opal des Meeres, Ode,
maarschwarzer Onyx, Elegie –
Dreivers, grauen Rinnsals Kiesel.
*
Ihr hobt den bloßen Fuß
im runden Takt der Zymbeln –
die Blicke Schmelz von Rehen.
*
Vers, des Farns Gefieder
und Wehens dunkle Rhythmen,
rinnt silbern Tau herab.
*
Die Schleife sanft gelöst
von lauen Windes Lippen –
ein Wasserfall von Locken.
*
Wie lang sind wir gestiegen
hinan zum Gipfelschnee –
und unter uns die Wolken.
*
Sie singt im vollen Mond,
furchtlose Nachtigall,
wir beben schon wie Schatten.
*
Getaucht ins grüne Wasser
fühlt sich die Hand gerettet
vorm Feuer in der Brust.
*
Durch die Nacht der Kiefern
ein Saphir fern, der schmilzt,
das Blau der Adria.
*
Fremd am nächtigen Ufer
plätschert uns noch der Brunnen
im Paradies des Klosters.
*
Flecken im Schneefeld, Krähen,
und leer das Nest des Schlafs –
o Duft der Sommernacht.
*
Stumm und rätselstarr,
Vers, wie eine Mücke
im Bernstein eingesargt.
*
Mein Lied, es wandert
einsam übers Moor –
ein Knochen tönt ihm nach.
Flügelschläge
Hündchen, Kletten im Fell,
hechelnd vom Jagen des Hasen,
legt sanft dir die Pfote aufs Knie.
*
Wo wir im Uferschilf lagen –
wob der Mond ein Netz
für die Seufzer des Wassers.
*
Tropfen
am Faden des Abendlichts –
Perlenschnur des Erinnerns.
*
Apfelbaum, kahl,
gekrümmt
unterm gefrorenen Blau.
*
Abschiedslied,
dem Blatte gleich,
vom Herbst überflammt.
*
Worte duften ja nicht –
zwei Silben, Rose,
glühen um Mitternacht.
*
Flaum im Moos,
Gesang,
o ausgerissenes Herz.
*
Das Kind vergaß die Murmel –
sie schimmert im Sand,
da sich sein Blick schon trübt.
*
Flügelschläge,
der Sommer entflieht –
eine Feder nur ließ er zurück.
*
Trauriger Pfad,
gespenstisches Dickicht –
Veilchen, sie lächeln.
*
Zähne am Zaun –
zersplissener Knäuel,
tändelnder Wind.
*
Wasser im Moos,
kaum hörbar
Schluchzen.
*
Muschel, Inseln
rufen dem Knaben
ins Ohr: „O komm!“.
*
Lied, es tunkt,
wie ein Falter,
seinen Fühler ins Herz.
*
Ahnenmal,
unlesbar die Schrift
unter so viel Dornen.
*
Eines Hähers Schatten
überm Finkennest –
süßes Gezwitscher.
*
Schnee fällt auf Schnee,
Wort um Wort
dichtere Stille.
*
Rufe des Kuckucks
hallen und hallen
im Wald meiner Schwermut.
*
Der Leierkasten der Lüste,
das Hupen der Hast –
ein Kissen über den Kopf!
*
Morgens ein Schrei,
mittags ein Sermon,
abends ein Ach.
*
Der Rosen streut
aufs dämmernde Grab,
schnitt sie aus Flammen.
*
Der Himmel bedeckt,
Heliotrop, es weiß
um die Wege der Sonne.
*
Greis, an den Stock genagelt
Plaketten all der Orte
seiner Amouren.
*
Tausend Blumen,
tausend Namen,
du nur blühst namenlos.
*
Von Düften genährt,
von köstlichen Farben,
im Ödland verhungert.
*
Chrysanthemen,
ihr Lichter der Lust –
mir dunkelt das Gras.
*
Ihr Ozeane,
jubelnd von Gischt –
still meine Maare.
*
Wenn stiller die Kerze tropft –
Großmaul, es quatscht
immer dazwischen.
Wasser –
Spiegelschrift –
klar und rätselhaft.
*
Bunte Blätter,
Windgespiele –
rascheln, ruhn.
*
Gemalte Schale,
weiße, gelbe Blüten –
duftlos und betörend.
*
Getuschte Woge,
lautlos schäumend –
ihr Echo ist mein Lied.
*
In den Schlaf gelallt
von der Litanei
fallender Tropfen.
*
Aus nächtlichen Rissen
taumeln Kristalle
silbernen Lichts.
*
Verschneit die Pfade,
die Gärten im Dunkel –
Stern, er weist den Weg.
*
Im Zwielicht
bilden Kartoffeln
giftige Triebe.
*
Novembermorgen –
Rauhreif auf Dächern
glimmt in der Sonne.
*
Auf verwaister Schwelle
Moos, als grünte
Erinnern.
*
Das Gespinst der Zeit
wischst du ab –
nicht das Erschrecken.
*
Herbstgeruch im Tal –
auf den Hügeln Rauch –
dein Kuß hat noch Sommer.
*
Schnee schimmert im Schlaf.
Die Uhren schweigen. –
Im Boden gluckst es.
*
Richtest du die Blumen,
schneidest an das Brot –
Anmut, traumverloren.
*
Dein Blick trinkt den Tau
am rötlichen Blatt –
fern der Kraniche Schrei.
*
Blaßt das Gold der Tage,
und die Rose verlischt –
leg deine Hand in meine.
*
Schleicht ein Seufzen
durch dämmernde Räume –
Hündchen springt an dir hoch.
*
Stehst allein am Fenster,
Nacht kriecht in das Herz –
Mond, Lampion im Baum.
*
Vase schwebend im Dunkel,
die du schnittest, Rosen –
Gluten, rätselfahl.
Deutsche Haiku
Über das Wasser
ziehen leuchtende Wolken.
Schwan, er schwankt im Schlaf.
*
Nacht, flockenbestäubt.
Im Schilf am Ufer des Sees
gluckert das Dunkel.
*
Blau, Rätsel aus Luft.
Wir atmen es ein und aus,
keiner, der es löst.
*
Gefrorener See,
Schlaf. In der dunklen Tiefe
blitzt es von Flossen.
*
Wie aber Heimat?
Im Schnee der Nacht keine Spur.
Hell ein Fenster, fern.
*
Abend, roter Mohn.
Langsam rinnt nieder der Tau,
bis die Glut verlischt.
*
Den niedertrat ein
tumber Fuß, unscheinbarer
Halm steht wieder auf.
*
Molke schüttend in
Krüge der Nacht, stummer Mond
vollendet den Vers.
*
Ein Frosthauch genügt,
und am Fenster die Fächer,
die Farne des Lichts.
*
Das Lied ist verweht.
Die Pollen des Sommertags,
fanden sie Obdach?
*
Ihr lächelt dem Licht,
Maßliebchen, habt Tränen ihr
auch, wenn es dunkelt?
*
Unpflückbar leuchten
schön am Zweig der Dämmerung
Äpfel der Kindheit.
*
Wie das Haupt des Schwans,
den Schaum des Monds zu kosten,
taucht der Flaum des Worts.
*
Kristall des Frühlichts
tönt purpurn im Gipfelschnee,
gläserne Rosen.
*
Ruderlos ein Boot,
von grüner Welle umseufzt,
treibt mein Lied dahin.
*
Vom Regen gewiegt,
schweben die Teichrohrsänger
im Schilfrohr des Schlafs.
*
Tropfen zerspringen,
helle Laubserenade,
Blatt für Blatt ein Ton.
*
Die Tür geschlossen –
durchs Schlüsselloch schlüpftest du
in meine Träume.
Lose taumeln Traumes Flocken
Und wird das Wasser Dunst und Schleier,
bricht heiter sich der späte Strahl.
Blind tappt der Sänger von der Feier,
die Treppe des Gefühls, wie schmal.
Und die sich glatter Wege rühmen
vom Dorfteich bis zum Weltenmeer,
sie schöpfen mit Wortungetümen
nicht eine kleine Pfütze leer.
Sie leimen roh zitierte Brocken,
die bleckend Mäkelmaul zerfetzt.
Und lose taumeln Traumes Flocken,
daß sich des Verses Knospe netzt.
Nach Tropfen, die im Nebel glimmen,
lechzt schon der Erde mürbe Haut.
Mag leicht das Blatt auf Wassern schwimmen,
o Vers, der dunklem Schwanken traut.
Daß eine Blüte uns noch bleibe
Hörst, Liebe, du das sanfte Rieseln,
als seufze auf des Waldes Nacht,
siehst du den bunten Schaum auf Kieseln,
vom scheuen Kuß des Lichts entfacht?
O dämmerbange Feuchte,
daß eine Blüte uns noch leuchte.
Fühlst, Liebe, du die hohe Stille,
als atme aus der dunkle Wald,
ist dir aus knospenroter Hülle
der Hauch der Nacht ums Herz gewallt?
O vollen Mondes Scheibe,
daß eine Blüte uns noch bleibe.
Hast, Liebe du im Traum gesprochen,
als hätte dir ein jäher Wind
der süßen Früchte Zweig gebrochen,
ich tappe, sie zu bergen, blind?
O ferner Heimat Auen,
daß reife Beeren uns noch blauen.
Wo kein Vogel singt
Das Lied des Wassers, es verklang
im dunklen Farn, das Wort ward trocken,
der Wind des Abgrunds aber wrang
die Feuchte aus den Wolkenlocken.
Wie du im warmen Schiefer schliefst,
als stünden still die Sonnenuhren,
schien es im Traum dir, daß du liefst
nach Schatten heimatlicher Fluren.
Und hab ich, Liebe, dich geweckt
mit einer Feder weichen Daunen,
und zucktest auf du, tatst erschreckt,
war feucht dein Blick, ein blaues Staunen.
So stiegen wir, vom Wind beschwingt
durch Laubes Flüstern zu den Brachen
der Höhe, wo kein Vogel singt,
fremdländisch klang, was wir dort sprachen.
Leises Tröpfeln, scheuer Glanz
Das leise Tröpfeln auf das Fenstersims
nach einem wilden Regen,
es ist mit einemal verstummt,
und du bist eingeschlafen.
Und Wolken sind wie Schaum,
der von späten Strahlen glüht,
am Brunnenrand des Abends
schwimmt ein Rosenblatt.
Und der verlassen geht und redet
vor sich hin, der Hinkende,
ihm glitzert Tau im wirren Haar,
den Hauch der Nacht ihm zugeweht.
Dir aber, Dichter, quillt im Moos
des Schlafs ein scheuer Glanz,
und beugst du dich zum Trunk herab,
dunkelt er und du erwachst.
Der Enzian
Ja, es genügt, dem schmalen Pfad zu folgen,
und schwindelt es uns auch am jähen Hang,
will auch uns Schwankende zur Tiefe reißen,
was wie aus Nächten klagt, das dunkle Brausen.
Doch hält uns ja einander Blick um Blick,
daß wir Gestirne hinter Nebeln ahnen.
Ist nicht, was Anmut schmiegt um deine Locken,
Liebe, aus blauen Abgrunds Geist ein Hauch,
und fühlt sich deine Schläfe nicht geküßt,
wenn dir von Zweigen rinnt des Himmels Tau?
Doch ist der Gipfel fern, wenn schon ein Glänzen
von Kristallen ins Genist des Schlafes fiel.
Wir stehen auf und schütteln ab den Glitter,
und hören wir sie aus dem Tale rufen,
der ferngerückten Heimat Zwillingsglocken,
quält wieder uns der Augen grauer Durst,
zu stillen sich am Blau des Enzians.
Doch nicht nur wir sind fast am Staub des Worts
erstickt, verschmachtet fast am Schaum des Bilds,
wir suchen sie, die Wunderblume, nicht
für uns allein, vorm Tore sprach der Engel,
die jetzt im Tal noch schlafen, wachen auf,
strömt ihnen, was an holdem Duft wir bringen.
So, Liebe, scheuen wir die Dornen nicht,
und der uns streift im Todesfluge, lautlos,
der Eule nachtgetränkten Fittich kaum.
Und lädt uns auch das weiche Moos, lockt Zwitschern,
in Träumen zu verweilen, wir steigen, steigen,
bis uns der harsche Schnee, der ewige,
entgegenleuchtet, droben, wo Silber klirrt,
der Erde Stirne furcht ein schwarzer Wind.
Und riefest du: „Dort schimmert sie, o dort!“
und gingest hin, mit deiner zarten Hand,
den Enzian zu pflücken, ich aber läge,
ermattet vor dem hohen Ziel, voll Liebe
rief ich dir nach: „Du tu das Werk, mich aber
laß ruhen hier im dunklen Glanz der Höhe,
entschlummern lasse mich, laß mich im Rauschen
des Flügels, der aus Wolken niederweht.“
Milde Schauer
Seufzer sind nur schwer zu lesen –
wie der Atem einer Eiche,
wie das Flüstern dunkler Teiche
haben sie kein festes Wesen.
Verse ranken über Mauern –
wie an lichten Gittern
feuchte Rosen zittern,
öffnen sie sich milden Schauern.
Küsse kleben nicht an Zungen –
wie versprühte Pollen,
die zum Fruchtkelch wollen,
sind sie schon ins Herz gedrungen.
Herzen schlagen nicht im Leeren –
wie der einen Glocke Schwingen
andre mag zum Schwingen bringen,
wollen sie den Abgrund queren.
O Frucht, die uns geleuchtet
Und kann uns nicht mehr tragen
wie weiße Blütenkronen
ein dichterisches Sagen,
welkt hin das Herz, verwittert
in stummen Todeszonen.
O Blüte, wie sie zittert.
Und können uns nicht weisen,
wo fern die Ströme blauen,
der Dichtung lichte Schneisen,
verwildert uns und dunkelt
die Schrift der Uferauen.
O Ferne, wie sie funkelt.
Und können wir nicht pflücken
in Dichters Paradiesen
die Trauben, die entrücken,
wie glänzt, vom Mond befeuchtet,
der Gram auf harten Fliesen.
O Frucht, die uns geleuchtet.
Und kann uns nicht mehr zeigen,
wo sich die Rosen winden,
bacchantisch wilder Reigen,
laßt uns, ins Gras gebettet,
wie Tau ins Dunkel schwinden.
O Duft, der uns gerettet.
Ausgelöschte Kerzen
Mit „Lebe wohl!“ scheint alles ja gesagt.
Es schwemmt schon eine schlammige Welle
den trunkenen Schimmer von des Festes Schwelle.
Zu tief das Dunkel, als daß man harrt und klagt.
Sie haben, Prunkende, sich Kerzen angezündet,
und in ihr Flackern flüsterten geflammte Blüten,
es blieb kein treues Herz, den Glanz zu hüten,
den Honig, der in Bitternis gemündet.
Und seufzte Abendrot im laubichten Gang,
ertönten Glocken verschollen wie aus Maaren,
es blieb kein holdes Herz, den Ruf zu wahren,
der wie ein schmerzlicher Kristall verklang.
„Adieu!“ und aller Atem scheint versiegt,
zerstreut die Blüten, ausgelöscht die Kerzen,
Wem geht das leise Winseln noch zu Herzen
des kleines Hunds, der vor der Türe liegt?
Die schöne Form
Mögen sie dir ihre Meinung geigen,
du hülle, Dichter, dich in Schweigen.
*
Die Blumen welkten an dem wüsten Ort,
ihr Hauch, er haftet noch am Dichterwort.
*
Der Denker hat die Wahrheit nur als Frage,
dem Dichter glänzt sie fern in goldner Sage.
*
Wie eine Mücke eingeschlossen in den Stein
schläft uns ein dunkles Rätsel im Gemüt.
Ein Dichter fühlt, erweckt von goldnem Wein,
wie es in seinen Versen summt und glüht.
*
Die zarten Muster im Gedicht-Gewebe
sind einer Blumenseele Ornament,
und daß der Morgenhauch es sanft erhebe,
gefleckter Flügel dünnes Pergament.
*
Sie waren Hirten, die am Feuer saßen,
ein süßer Hauch war ihres Mundes Blume,
Vaganten zogen sie die Heeresstraßen,
und Psalmen sangen sie vorm Heiligtume.
Sie wurden unterm Rauschen der Motoren
zu Schreibmaschinen, die das Maß verloren.
*
Die schöne Form – vom Brunnenmund
der Tropfen holdes Niederfunkeln
in einer zweiten Schale Rund,
wo Schaum an Schaum sie sich verzehren,
zur dritten, wo im Moos sie dunkeln –
sie wird dem Vers sein Glück nicht wehren.
Leg dich ins Gras
Im Laub der Dämmerung zu sehen
geheime Funken niederwehen
sei deinem wilden Weh genug.
Geliebte Schatten, die dir winken,
und die aus späten Kelchen trinken,
des Eros Falter sind schon Trug.
Versinken dir die frühen Klänge
im Dickicht dunkler Abschiedsgänge,
tönt Abendrot wie zartes Glas.
Geht zögernder der Schattenweiser,
klopft alter Sehnsucht Ader leiser,
verweile hier, leg dich ins Gras.
Zwielicht-Terzinen
So müssen wir im Zwielicht Wege bahnen
durch Brachen blumenlos und Furchen grau,
und unter Tränen nur in Dünsten ahnen
der fernen Ströme ausgerauschtes Blau.
Uns ist, als wehten Seelen in den Winden
und sprühten Geister kühlen Abschiedstau,
als könnten wir den Heimweg nicht mehr finden,
der Hoffnung Lampe hinter warmen Scheiben.
Uns scheint der Liebe Auge zu erblinden,
ein Teich, wo toten Mondes Blüten treiben,
duftlose, die sich zu blassen Schäumen ballen,
sie küssen sich und müssen einsam bleiben.
Und was wir sagen, ist wie trunknes Fallen
von schweren Tropfen auf die Stirn der Nacht,
sind Flügelschläge, die im Flug verhallen –
im Fluge, der die Ferne endlos macht.
Was die Zeilen füllt
Eines Somnambulen Gang,
Tau im Haar, der Nacht entquollen.
Was dem Brunnenmund entsprang,
war im Herzen schon verschollen.
Aus den Ritzen im Asphalt
drängt der Halm, das Licht zu grüßen.
Ist der Geist noch ungestalt,
Falter blauen, Verse fließen.
Zwitschern im Holunderstrauch,
aus dem schwanken Nest gestiegen,
Funken hat die Liebe auch,
wenn die hellen Käfer fliegen.
Sehen wir, wie niederflockt
Asche aus verkohlten Himmeln,
wissen wir doch, es entlockt
Fäulnisodem buntes Wimmeln.
Mag mit seinem weißen Tuch
Schnee die scheue Spur verhüllen,
schließt der Schlaf uns auch das Buch,
Traum, er wird die Zeilen füllen.
Stimmen einer hellen Nacht
Rotes Blatt,
vom Zweig getaumelt,
fortgesprochen
von der Dunkelheit,
als ob ihr glühte
noch ein kleines Herz.
Weicher Tau,
herabgeperlt
vom Blütenmund
zum dunklen Schoß,
als hellte ihn
ein Seufzen auf.
Grauer Flaum,
aufs Fenstersims geweht,
als brüteten,
im Traum geschaukelt,
warme Nester
noch ein Zwitschern aus.
Bergkristall,
dem Schnee gepaart,
als lösten Stimmen
einer hellen Nacht
den kalten Schmerz
in Funken auf.
Rosen blendeten zu sehr
Der stummen Halme Schattenheer,
der Wicken träumerisches Beben,
und Trauben, dunkelnde, an Reben –
Rosen blendeten zu sehr.
Grau-blau geschecktes Himmelsfell,
und denen Blumenlippen lallen,
Tropfen, die auf Blüten fallen –
Schaum des Monds war schon zu grell.
Des schwarzen Wassers Jaspisglanz,
wenn Abendlüfte müder streichen,
wie Schwanenflaum die Lilien bleichen –
Wunden stach der Strahlenkranz.
Wir sinken ohne Wiederkehr,
die aus bemoostem Borne quollen,
die Wundersagen sind verschollen –
Hauch der Nacht erstickte Teer.
Kleines Welttheater
Der eine rollt gepeitscht, kaum daß es tagt,
und was er von sich gibt, ist wie das Pfeifen
des Schlauchs, worin ein böser Nagel nagt.
Und jener kann nur ungebunden schweifen,
ihm haftet wohl an Sohlen Korn und Samen,
doch mag kein Bildnis ihm im Vagen reifen.
Kein Azur lockt, die aus den Wettern kamen
und sich in dämmerfeuchten Höhlen ducken,
kein Stern ruft mehr die bangen Wunderlahmen.
Andre schwirren schon beim leisen Zucken
des Morgenrots wie ausgesprühte Pollen
in Fernen, wo sie Blumenzungen schlucken.
Manche, denen Eros zwinkert, schmollen,
sie stechen sich mit Dornen und sie schütten
den Wein aus Kelchen, kauen bittre Knollen.
Die hausen namenlos in Gartenhütten,
sie trinken Most und abends kühlen Hauch,
und achten Schnösel sie für Troglodyten,
aus ihrem blauem Krug trinkt Orpheus auch.
Unterm Laub der Dämmerung
Wir lagen unterm Laub der Dämmerung,
dein Mund das Siegel, das mein Mund geküßt.
Es brach ein wenig auf, in leisem Sprung,
ein Murmeln quoll hervor, süß und trist.
Und küßte ich, das zitterte, dein Lid,
hat ihren feuchten Glanz die Nacht gezeigt,
das scheue Rinnsal, das mein Mund vermied,
hat sich, o Strom, in meiner Brust verzweigt.
Was wir uns sagten, pflückte Abendhauch,
wie Blütenblätter eines Mädchens Hand,
das zählt und seufzt: „Liebt er mich auch?“
Mein lautes Schweigen hat es dir bekannt.
Und als du eiltest, fiel auf mich dein Schal,
ich lag getroffen wie von einem Hieb,
stumm war die Luft, die Wolken hingen fahl,
das Murmeln aber dunkelte und blieb.
Abends allein
Das trunkne Bauschen der Gardine,
des Lichtes Seufzer streicht sie glatt.
Die zweifelnd weilen, Abendwolken,
ins Wasser schäumt ihr Perlmutt matt.
Des Amseltons Oboen-Strömen,
wie müde macht das süße Lied.
Dort unterm Kissen lag die Spange,
so zwackte zart Abwesenheit.
Die Zwiebel- und Kartoffelschalen,
sie aufzufegen tat dir leid.
Der Veilchen dunkelblaue Augen,
der weiche Hauch, wie macht er müd.
Hier unter ächzenden Hämmern
Hier unter ächzenden Hämmern
krümmte ich mich und vergaß,
wo fern in laubichtem Dämmern
Anmut verlieh uns ein Maß.
Nachtwind zerstob all die Sagen,
als sich die Blüte verschloß,
Pollen, o fliegt zu den Tagen,
da sich der Lichtkelch ergoß.
Dort, wo die Augen noch feuchtet
Sang, der die Schneise uns zieht
tief in das Dunkel, daß leuchtet
voller der Mond durch das Ried.
Kann ich dorthin auch nicht finden,
Seele, sie starrt wie entlaubt,
Kinder, sie kommen, sie winden,
leicht mir den Efeu ums Haupt.
In die Nachtluft gefragt
Der Heimat Glockenton versinkt
ins Rauschen eines fremden Stroms.
Der Schatten dort im Dämmerschilf,
bist du es, Liebe, die mir winkt?
Die Weide zittert noch im Licht,
doch ihre Wurzeln saugen Nacht.
Wer schüttelt mir den Schlaf vom Blatt,
das Silber auf die Brache Stirn?
Ein Tropfen in der Muschel, Zeit,
so ward mein Perlmutt milchig-matt.
Knirscht nicht der Ufersand im Traum,
wer bückte sich und hob sie auf?
Vom Wind gesät erblühte Schaum
und blaßt im Mondesschatten fahl.
Quillt schon wie Tau vom Blütensaum
der Schmerz ins stille Moos hinab?
Die vergessene Kiste
In grünes Packpapier gewickelt, Puppen
des kindlich-frommen Spieles, eingesargt
in einer Kiste unterm Dach, im Schuppen,
so lange schon. Daß keiner nach euch fragt!
Der Ochs ruht bei dem Esel, an die Hirten
das Lamm, das Schaf sich traulich schmiegt,
das leuchtete, daß sie sich nicht verirrten,
des Sternes Gold hat dunkles Vlies besiegt.
Und fragst du nach dem Gnadenkinde,
es reckt ins Dunkel hin die Segenshand,
daß bange Kreatur noch Milde finde,
hat eine Maus die Nacht zu ihm gesandt.
O geistbehauchte edle Wunderrose,
Mariens keusche Wange aber blaßt,
das Licht der Lilie sank ins Bodenlose,
als hätte allen Duft das Holz verpraßt.
Den Engeln aber, die das Loblied sangen,
hat Staub und Scham den Mund verstopft,
den Weisen sind die Gaben ausgegangen,
der Andacht süßer Honig ist vertropft.
Schon fallen auf die Schindeln weiche Flocken,
doch die Figuren wickelt keine Seele aus,
zu keiner Mette rufen weihnachtliche Glocken,
des Engels Flügel birgt die tote Maus.
À part
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Motto nach vierzig Jahren pädagogischer und medialer Dressur zu Toleranz und Fremdenfreundlichkeit: Du sollst deinen Nächsten hassen wie dich selbst.
*
Die Rache eines gewissen hinkenden, brüllenden und zeugungswütigen deutschen Scheusals: Ein vulgärer, dabei nicht einmal ungebildeter Gettojude mistet den Literaturbetrieb der Gojim von der Jauche und dem Dung des Abgestandenen und Reaktionären, alles Goethisch-Hölderlinisch-Rilkehaften aus.
*
Ein Muskel allein kann nichts machen (oder lachen).
*
Ein sentimentaler Pseudo-Büßer und Wanderprediger ersteht auf dem Trödel in Kazimierz eine Kippa und würzt seine Vorträge fortan mit einem Mauscheln, das unbeleckte Ohren für jiddische Brocken halten.
*
Journalisten: Parasiten fremden Unglücks.
*
Während sie sich lässig auf die Brüstung der Medienloge lehnen, malen sich geheucheltes Entsetzen und gekonnte Empörung auf den Gesichtern der Voyeure, die sich am blutrünstigen Schauspiel mit dem Titel „Gog und Magog wider den Heilsbringer“ delektieren.
*
Mit frühem Rilke gepudert, elegisch überzuckert: sentimentaler Brei für zahnlose Greise.
*
Lieber der von Knut Hamsun ausstrahlende kalte Schauer, der scharfe Pfiff eines Emil Cioran oder gar der Faustschlag eines Louis-Ferdinand Céline als das faulig-betäubende Blumenwasser der Dame Dichterin.
*
Kehren wir also zu den Vorsokratikern zurück und formen Verse aus Lehm und Spucke, Sperma und Licht, Feuer und Eis, Schaum und Perlmutt.
*
Was wir meinen, wenn wir etwas sagen, ist eben das, was wir sagen, nicht, was wir uns dabei denken; es sei denn Schweigen wäre ausdrucksvoll genug.
*
Die Kleingeister und die Fanatiker, beide hängen fixen Ideen an.
*
Manche meinen: Wir wissen, daß wir allein sind; daher der Glaube an Götter. – Auch die schrecklichen, auch die Dämonen seien der Leere vorzuziehen, da sie den Erschrockenen mit Pathos und Bedeutungsschwere beladen.
*
Allzu viele Erlebnisse, Ausflüge und Affären zermürben den Charakter. Mancher reift aufgrund von Erfahrungsarmut.
*
Mitleid, das sich ausstellt und nicht sich in verborgenen Werken entäußert, ist eine Form der Herabwürdigung.
*
Der Gedanke ist kein Schatten des Gedachten. – Die Erinnerung ist kein Echo des Erlebten. – Die Erwartung keine Treppe, die schon knarrt, als wäre der Erwartete im Anmarsch.
*
Horaz unterläuft – monumentum aere perennius – die verräterische Transfiguration dessen, was von der Flüchtigkeit des Hauches ist, des Gedichts, ins ihm ganz fremde Element der erzgegossenen Plastik. – Hier soufflierte – non omnis moriar – der Tod. – Doch auch wenn schon lange der Pontifex nicht mehr gemeinsam mit der tacita virgo die Stufen zum Kapitol hinanschreitet, blieb ihm der Lorbeer, den ihm Melpomene einst wand. Der Lorbeer freilich ist aus anderem Stoff als Erz.
*
Gedicht: Wort, in dem das Gegen-Wort schon mitklingt; wie mit der angeschlagenen Saite die sich ins Geisterhafte verlierenden Obertöne; wie bei der Klaviersonate in der Zweitstimme der linken Hand die dunkle Welle anschwillt, auf der die flüchtige Blüte des von der rechten vorgebrachten Themas fortgetragen wird.
*
Woran wir uns erinnern, woran wir denken, was wir erwarten, ist nicht der Gegenstand unserer Erinnerung, unseres Gedankens, unserer Erwartung; wir erinnern uns nicht an den Park, in dem wir gestern spazieren gingen, sondern daran, daß wir gestern im Park spazieren gingen; nicht die Dämmerung ist das, woran wir gerade denken, sondern daß es nun Abend und dunkel wird; nicht der Freund ist der Gegenstand unserer Erwartung (oder Befürchtung), sondern die mögliche Tatsache, daß er bald kommt (oder auch nicht kommt).
*
Nicht Gegenstände, sondern Sachverhalte, die wir im Deutschen mittels der Konstruktion eines von einem mentalen Verb wie „sich erinnern“, „an etwas denken“ und „etwas erwarten“ abhängigen daß-Satzes oder einer indirekten Aussage ausdrücken, sind die eigentlichen Inhalte unserer geistigen Tätigkeit.
*
Wir können uns nicht in dem Sinne selbst belügen, wie wir unseren Freund belügen; denn wenn wir lügen, wissen wir um den wahren Sachverhalt. – Was ist es aber für eine Form des Selbstbetrugs, der uns das krumme Holz, aus dem wir geschnitzt sind, als eleganten, in gotische Himmel ragenden Pfeiler ansehen oder anpreisen läßt?
*
Wir können nicht beides, erwarten, daß der Freund kommt, und erwarten, daß er nicht kommt; hier müssen wir den Widerspruch meiden. Aber wir können hoffen, daß entgegen all dem, was wir von des Freundes Unzuverlässigkeit und aus bisheriger enttäuschender Erfahrung mit ihm wissen, er doch noch kommt.
*
Im Gedicht freilich können wir etwas sagen und im nächsten Vers einschränken oder zurücknehmen; ja, sagen, daß wir lieben und zugleich hassen; daß das Leben sublim wie eine Rosa mystica duftet und zugleich stinkt wie ein widerwärtiger Haufen Dung; daß der zarte Purpur des Abends uns die Dinge verklärt und zugleich sich in ihm die Finsternis ankündigt, die alles entstellt, zerreißt, vernichtet.
*
Die Riten, Gewohnheiten und abgenutzten Floskeln des Alltags binden uns zurück an kaum mehr ins Bewußtsein fallende Institutionen, die uns einigermaßen sicher wie Planken über das Moor des Ungewissen gehen lassen, wie die Arbeit, die Freundschaft, das vertraulich-intime Gespräch oder die sachlich-professionelle Unterredung. Doch dann geschieht es, daß wir stutzen, wie einer, der einen Handschuh überstreifen will, der ihm nicht paßt (oder den linken über die rechte Hand); das Vertraute schaut uns abwesend oder mit diabolischem Lächeln an, die Riten laufen leer wie Räder in der Luft, die Gesten scheinen uns groteske Mechaniken eines Puppenspiels, dessen Regeln wir nicht kennen und dessen Dramaturgie von feindseligen Mächten dirigiert wird, die Worte dünken uns Schalen ohne Kern oder wurmstichige Früchte. Welche Wahrheit diese erschütternde Erfahrung hat, ist nicht immer klar, ihr ist kein Kriterien des Wahren oder Falschen auf die Stirn geschrieben: Ist sie, was Heidegger als Erfahrung der Angst und entscheidendes Existential beschreibt oder der Psychiater als Einbruch der Psychose?
*
Plötzlich sind wir keine Akteure im großen Welttheater mehr, sondern reden, aber konfus, hart an den Bühnenrand getreten beiseite, à part, teils weil wir nicht wollen, daß die anderen mitbekommen, daß wir halb schon ausgestiegen sind, ja unseren Text, unsere Rolle vergessen haben, teils weil unsere Verlautbarungen schon in die Flüche, Derbheiten und Wortexzesse der klassischen Komödie auszuarten beginnen.
*
Plötzlich merken wir, daß alles schwankt, wir selbst, was wir fühlen, was wir denken, was wir sagen, als trügen uns die heiklen Planken eines alten Seglers, der uns, wir wissen nicht wie, in die grenzenlose Wüste des Ozeans verbracht hat.
*
Wir können das windige Element aus unserer Existenz nicht wie einen Abszess unter der Haut herausoperieren; dieser Abszess dient mittlerweile schon unserer elementaren Blutversorgung.
*
Wir können auch sagen, wir tauchen in ein anderes Licht, eine andere Atmosphäre ein; so wie wir in der Kippfigur plötzlich statt der Ente den Hasen sehen; so wie die kleine Neckerei wider Erwarten in einen ernsthaften Streit ausgeartet ist; oder wie der Albatros, der eben noch majestätisch im blauen Abgrund schwebte, nun, auf dem Vordeck des Schiffs, von den rüden Matrosen gefoppt, seine großen Flügel wie Trauerschleppen ungelenk durch den Kehricht zieht.
*
Die Bedeutung des Kunstwerks und des Gedichts erfassen wir eher als am dargestellten Sujet an der Art der Beleuchtung, die ihm Prägnanz oder Clair-Obscure, köstliche Schimmer oder lastende Schatten verleiht.
*
Gewiß, ja ist nicht nein; doch ein Lächeln, ein Duft, ein feuchter Schimmer unter halbgeschlossenen Augenlidern kann für den heillos Verliebten die schlüpfrige Schwelle ins Verderben sein.
Embleme dichterischen Worts
Wort, durchschimmernde Meduse,
wildes Herz, das lichtwärts zuckt
durch das grüne Meer der Muse,
die mit Rauschen dich umgluckt.
Blumenwort, dein Sinn ist Stille,
aufgetan dem Stern der Nacht
zittert dir an weicher Hülle
Tau, der uns noch Glanz gebracht.
Silberfaden, schlafentsponnen,
wehst du hin am dunklen Blatt,
Augen werden dir zu Sonnen,
zwischen Herzen bist du Naht.
Deiner Hostie sanftes Glimmen
in der Seelendunkelheit
will auf frommen Zungen schwimmen,
lösen sich in Heiterkeit.
Pollenflug
So fliegen Dichterwortes Pollen,
die keine Blüte sich hier fanden,
zu den homerischen Atollen,
wo Hexen häuten, die dort stranden.
Da küssen sie die feuchten Narben,
des grünen Schoßes Fühlorgane,
daß nachts er glänzt in Wunderfarben,
ein Spiegelbild der Ozeane.
Schon keimt es Frucht und Beeren,
wo Tränen Traum an Traum entquillen,
als würde Angst das Mark verzehren
und Pech der Pflanze Adern füllen.
Die blauen Vögel aber picken
das rosa Fleisch, die Sonnenkerne,
durch ihr Gefieder strahlt Entzücken,
in ihren Kehlen schluchzt die Ferne.
Dichters Maiandacht
Muß vor dir, du Wunderrose,
blassen auch mein Reim,
fällt er wie ein Pollen lose
deinem Schoß anheim.
Verse, noch vom Schlaf befangen,
weckt mir auf dein Hauch,
Lerchen, die ins Blaue drangen,
zwitschern wild sie auch.
Lilienknospe lichtentsprungen,
öffne dich mir mild,
ist der Duft erst eingedrungen,
Wort, es strömt und quillt.
Kelch der Abendröte, Rose,
gießt du mir dein Blut
in die Nacht, die namenlose,
Vers, er hat noch Glut.
Das Dunkel spricht
Was du auch sagst,
das Dunkel spricht.
Schlaftrunken Falter
sinkt mit dem Licht.
Dort leiht die Muschel
noch zarte Schimmer.
Perlmutt verschluckt
das Meer für immer.
Was du berührst,
ertaubt von Schatten.
Kaum angehaucht
will es ermatten.
Der Iris Gruß,
er gilt dir nicht.
Was du auch sagst,
das Dunkel spricht.
Am Grab des Dichters
Laßt uns zum Grab des Dichters gehen.
Wir wischen ab den Staub vom Stein.
Wir wollen mit der Flamme flehen,
daß Liebe uns noch leuchte ein.
Wir pflanzen Veilchen, weiße Nelken,
begießen den Wacholderstrauch.
Um Blüten aber, die nicht welken,
laßt beten uns im Stillen auch.
Gebein und Mark, sie sind vermodert,
der Schmelz der Zunge Wurmes Fraß.
Doch blieb dein Vers, der abends lodert
wie Ginster zwischen wildem Gras.
So fasse uns vorm Grab kein Grausen,
es schöpft noch Odem dein Gedicht
von hohen Himmels blauem Sausen
und lebt von unsrer Liebe Licht.
Malvenduft
Vom Monde rinnt ein grünes Schäumen
in deines Duldens Dunkelschacht.
Du hast nichts zu versäumen.
O Malvenduft der Frühlingsnacht.
An Blütenwimpern glimmt das Zagen,
bevor ins Moos der Tropfen quillt.
Es bleibt dir nichts zu sagen.
Der Tränen Kelch hat sich gefüllt.
Ein Glockenton aus blauen Höhen
hat Kühlung deinem Blut gebracht.
Du mußt nicht weitergehen.
O Malvenduft der Frühlingsnacht.
Neueste Einträge
Kategorien
- Auswahl älterer Gedichte
- Gedichte
- Gedichte in Prosa
- Gedichte und poetische Texte über Frankfurt am Main
- Gedichte und poetische Texte über Koblenz, Koblenz-Metternich, die Eifel und den Rhein
- Gedichte zur Zeit
- Komische und groteske Gedichte
- Liebesgedichte
- Lyrisch-philosophisches Spiel
- Lyrische Gedichte
- Philosophische Essays
- Philosophische Gedichte
- Philosophische Sentenzen und Aphorismen
- Poetologische Gedichte
- Prosa
- Radiofeature und TV-Dokumentation
- Religiöse Gedichte
- Sonette
- Übersetzungen und Nachdichtungen
- Wittgenstein-Sonette