Nachtgang zum Maar
Dort hüllten uns die Schatten und was klang
wie Rieseln kühlen Wassers zwischen Gräsern
und Zwitschern aus den Zweigen, windgewiegt,
kam aus dem Quell des Traums, dem Herzgenist.
Damit im Dämmerwald wie Kindern uns
nicht bange ward, hast du vom süßen Brot
die Krümel ausgestreut, und Vögel kamen
um zu picken, ach, ihr trautes Rascheln
und ihr warmes Flattern gab uns Halt.
So gingen wir zum Ufer, wo das Schilf
der runden Bucht im Morgenwind gezittert,
er kam von Süden schon, sein Hauch war lau,
und Schaumgekräusel wogte auf dem Maar
wie zarte Spitzen, die er blind geklöppelt
und wieder löste, wenn er höher klomm
und Federn klaubte aus den Wolkenkissen.
Wer warst du denn, die Blüte aufzuheben,
die rötlich schimmerte am Ufersaum,
vielleicht Hibiskus, vielleicht Oleander,
wer war ich denn, sie dir ins Haar zu flechten,
worin noch perlend troff der nächtige Tau.
Daß wir es waren, die den Kahn bestiegen,
der geisterhaft im Röhricht hat geschwankt,
und trieben ruderlos auf einem Abgrund
eingeschreinten Feuers, und du schmiegtest
an meine Wange deine Wange. Glocken-
klänge, die vom andern Ufer wehten,
als riefen mütterlich sie uns zurück,
o innig angeschlagne fromme Bronzen.
Daß wir die Rufe hörten, wir sie hörten!
O grüne Nacht
O grüne Nacht der Jugendzeit. O Rinnen
von lichten Wasserkugeln über Locken,
die sich mänadentrunken ausgeschüttelt,
da lau in Binsen blies der Sommerwind.
Und Stimmen, Stimmen, liebesschwanker Nester,
gewiegt von Wellen, weichumflaumtes Lied,
o Wirbel, purpurn, in durchsummter Luft,
und auf den Wasserrosenblättern gingen
in seidnen Schnabelschuhen bunten Lichts
die Boten Edens, nackt und kußumwölkt.
Und Lippen waren, feuchte Siegel, rot
geflammt von gnadenfroher Psalmenlohe,
die süß durch Gras und Strauch geknistert
ein Lächeln über dunkle Wogen sprühte.
Wie ist all dies herabgesunken, bröckelt
wie welker Putz von Vorkriegsziegelmauern
im tristen asphaltierten Hinterhof,
wenn wankend wir am Fenster stehen, weiß
das Haar und grau das Herz, der schwarze Samt
der Nacht befleckt vom Grünspan eines toten
Steins. Und was da aus den Winkeln steigt,
aus dem Morast des abgetanen Lebens,
ist es das bange Fiepen einer Maus,
um die sich schon die kalte Tatze schmiegt?
Ist es der Wehruf der Erinnerung,
die einer Glucke gleich, die ihre Küken
um sich schart, und fühlt den Schatten schon,
den tödlichen, bevor er niederstürzt?
Begriffliche Klärungen II – Prüfen
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Die sittliche Norm kann sich auf natürliche Tatsachen stützen, aber wird durch diese nicht gerechtfertigt; wie sich die Zügelung des Eros durch die familiäre Liebe und die monogame Ehe auf die natürliche Tatsache stützen kann, daß nur ein Mann und eine Frau Kinder zeugen können, doch ist die eheliche Gemeinschaft eine kulturelle Einrichtung, keine natürliche Tatsache.
Wer in geselliger Runde oder in intimem Tête-à-Tête munter und unbefangen erzählt, tut dies ungezwungen und beiläufig; keinem seiner Worte geht ein bewußter Willensakt oder eine rationale Entscheidung voraus, und dennoch beugt er sich mit jedem Wort und jedem Satz unter das sanfte Joch syntaktischer Wohlgeformtheit, grammatischer Korrektheit und semantischer Deutlichkeit der natürlichen Sprache, sofern er der Höflichkeit, die dies ihm abverlangt, durch seine Geistesgegenwart und sprachliche Begabung nachzukommen vermag.
Die menschliche Sprache ist eine hybride Entität aus natürlicher Tatsache und kultureller Institution.
Ein grammatischer Fehler darf gerügt, eine Schwäche des verbalen Ausdrucks oder ein schiefes metaphorisches Bild können nur bemängelt oder bedauert werden.
Der Ausruf „Halt, es ist Rot!“ hat die natürliche Fähigkeit der Farbwahrnehmung und die kulturelle Konvention der Signalgebung zur Grundlage (wenn letztere sich auch wiederum auf die natürliche Assoziation der Farbe Rot mit der Ahnung oder Wahrnehmung einer Gefahr stützen mag).
Die Begriffsfelder, die unser Dasein als natürliche Wesen und unser Dasein als sprachlich-kulturelle Wesen umfassen, sind nicht deckungsgleich, sondern überschneiden sich, aber nicht im Sinne eines simplen Natur-Umwelt-Dualismus.
Wir sprechen von natürlicher Anmut und schreiben sie bevorzugt Haltungen, Gangarten, Gesten des weiblichen Geschlechts in der Zeit der Mädchenblüte zu. Gewiß ist der üppige Haarbusch, der im Rhythmus ihres tänzerischen Schrittes wippt, ein mütterliches Erbteil; doch die schelmisch-verführerische Art, wie die Kindfrau die Wimpern niederschlägt und die vollen Lippen schürzt, hat sie der gekünstelten Mimik ihres angebeteten Starlets abgeschaut.
Das biologische Schicksal irrt durch das Labyrinth des sozialen Lebens. – Der geistig minderbemittelte Dorftrottel schlich an den Häuserfronten entlang, verdingte sich bei den Bauern als Knecht beim Einfahren der Ernte oder beim Holzhacken; meine Großmutter reichte ihm durch das Fenster der Wohnstube ab und an eine Schmalzstulle; natürlich hatte er kein Mädchen, keine Kinder, nicht einmal einen Hund, aber manchmal saß er abends auf der Bank unter der großen Linde vor der Kirche und spielte auf der Mundharmonika. Und waren seine Melodien auch abgehackt und kunstlos, es ging doch eine Art schmerzlichen oder wehmütigen Zaubers von ihnen aus.
Nur Mozart hatte dieses mozartisch-überfeinerte Ohr, das sowohl die silbern perlenden Tropfen am Bug des Schiffs in der neapolitanischen Nacht vernahm als auch das Glucksen und Schluchzen der Schicksalswogen in der Nacht der eigenen Seele.
Die Tränen der Kleinen, deren Puppe sich ein Bein brach, künden uns von der verletzlichen Welt der menschlichen Seele; die Tränen Vergils, sunt lacrimae rerum, von der Tiefe dichterischen Empfindens.
Der Hund ist betrübt, wenn sein Herrchen ihn verläßt; aber nur Menschen trauern um den Verlust ihrer Liebsten, nur Menschen errichten auf den Fundamenten eines natürlichen Gefühls die kulturellen Mahnmale des Totengedenkens.
Auch wenn sein Herz schon heimlich für das Idol einer neuen Leidenschaft brannte, der Witwer trug nach lange die schwarze Binde am Ärmel.
Der Bahnbedienstete prüft unter Vorgabe einer amtlichen Liste über die zulässigen Werte die Angaben auf dem Wagenzettel.
Der Laie überprüft die Gültigkeit des Schemas eines Schlusses oder einer Formel, indem er probeweise die Variablen durch Argumente und spezifische Daten ersetzt, der Fachmann, indem er sie aus anerkannten Axiomen ableitet.
Die Mannigfaltigkeit von Prüfverfahren: die Elastizität und Tragfähigkeit einer Schnur durch Dehnen und Belasten prüfen; den Zustand der Räumlichkeiten in Augenschein nehmen; die Identität des Täters mittels Gegenüberstellung, anhand von Indizien, aufgrund eines DNA-Abgleichs in der Datenbank ermitteln; die Zuschreibung eines Manuskripts aufgrund eines Vergleichs mit anerkannten Autographen bestimmen; den vorlauten Schüler einer geharnischten Prüfung seiner Grammatikkenntnisse im Lateinischen unterziehen; den Agenten, den Kameraden, den Freund hinsichtlich ihrer Zuverlässigkeit, Loyalität und Treue auf Herz und Nieren prüfen.
Das nüchterne Geschäft des Philosophen oder desjenigen, der in seine Fußstapfen tritt: Begriffe auf ihre Anwendbarkeit, Aussagekraft, Kohärenz und Konsistenz prüfen.
Aus der Tatsache, daß wir den Begriff einer Seele nicht auf physische Entitäten anwenden oder mittels Gehirnscan verorten können, zu folgern, er sei ein Scheinbegriff ist ebenso verfehlt und töricht, wie aus der Unsichtbarkeit dessen, was wir eine Fähigkeit oder Disposition nennen, wie die Fähigkeit, Gleichungen zu lösen, oder die Disposition, auf visuelle oder auditive Signale sachgemäß zu reagieren, auf ihre Irrealität und Scheinexistenz zu schließen.
Die Adäquatheit der Anwendung eines Begriffs zu prüfen erfordert seine Einordnung in ein Begriffsfeld, dessen einfachstes Modell aus dem Begriff und seinem Gegenbegriff besteht.
So scheinen wir mit dem Begriff der Lust und seinem Gegenbegriff Unlust ein einfaches Modell zur Interpretation tierischen und menschlichen Verhaltens in Händen zu halten; so glaubten es jedenfalls antike Denker wie Epikur, Platon und Aristoteles und neuzeitliche wie die englischen und französischen Empiristen und Aufklärer, aber auch Freud und seine Schüler.
Doch bei näherer Betrachtung zerfällt der Begriff der Lust in eine Mannigfaltigkeit von Begriffsschattierungen und Bedeutungen, die wir nicht mehr in ein polar aufgespanntes Begriffsfeld einordnen können: Menschen kennen jedenfalls, um nur diese Varianten zu nennen, das sinnliche Vergnügen aufgrund der Befriedigung eines physischen Mangels als auch das ästhetische Vergnügen bei der Betrachtung eines Kunstwerks oder beim Hören von Musik.
Das sinnliche Behagen und ästhetische Vergnügen des Gourmets an den verlockenden Gerichten der Haute Cuisine und dem sublimen Geschmack des Rheingauer Weines ist keine bloße Variation und Modifikation des schmatzenden Behagens, mit dem sich ein ausgehungerter und durstiger Mensch über eine Schmalzstulle und ein Glas Wasser hermacht.
Wir gehen nicht ins Konzert, um einen ästhetischen Mangel zu beheben, wie wir ins Restaurant gehen, um unseren Appetit zu stillen.
Wir haben einen guten Grund, ins Konzert zu gehen, wenn wir uns die Interpretation der Klaviersonate durch den vielgepriesenen neuen Virtuosen zu Gemüte bringen wollen; doch ein solcher Grund ist nicht mit dem triebhaften Verlangen des Säuglings nach der Mutterbrust zu vergleichen.
Weil normative Begriffe wie die Verpflichtung, das Versprechen, die Verantwortung oder die Loyalität ein autonomes Begriffsfeld aufspannen, kann das sogenannte Lustprinzip kein allgemeiner Begriff sein, unter den sich alle Formen und Varianten menschlichen Verhaltens als Arten und Unterarten subsumieren ließen.
Wer dem sinnlichen Behagen nicht widerstehen konnte, das ihm das weiche Kissen und die wärmende Decke spendeten, war schlicht zu faul, sich aus den Federn zu erheben, um seiner Verpflichtung und Verantwortung als Lehrer, Krankenschwester oder Busfahrer nachzukommen, und wird von uns zurecht getadelt.
Wären Lust, Vergnügen und sinnliches Glück, ja Glück überhaupt und sans phrase, dasjenige, was Menschen zu ihrem alleinigen Zweck und Ideal erheben sollten (wie es in der Tat die allgemeine Erklärung der Menschenrechte und die amerikanische Verfassung vorsehen), fänden wir allerdings Erfüllung in jenem amoralischen Utopia des letzten Menschen, dessen Gehirn vom Rest des Körpers befreit in einer klinischen Nährlösung für eine technisch eroberte Unsterblichkeit aufbewahrt und von einer raffinierten künstlichen Intelligenz mit allen erdenklichen Reizen stimuliert wird, denen halluzinatorische Bilder, Klänge und Düfte von paradiesischer Schönheit unmittelbare Erfüllung und Entspannung gewähren.
Freude unterscheiden wir von Lust, insofern ihr ein Moment überwundener Mühe oder Angst, gleichsam ein Sieg über die Schwerkraft, innewohnt.
Die Perversion ist nicht das bloße Übermaß sinnlicher Genüsse, sondern ihre Ablenkung von fruchtbaren Zielen durch die mehr oder weniger starke Beimischung des Sterilen, Destruktiven und Bösartigen. So ist die Schadenfreude die Perversion der echten uneigennützigen. Fetischismus, Voyeurismus und Exhibitionismus sind Scheinbefriedigungen am Surrogat und imaginären Objekt, Masochismus und Sadismus Formen der Entpersönlichung und Entstellung im Schmerz, den man sich selbst oder anderen zufügt.
Die philosophische Betrachtung der Perversionen führt uns wie überhaupt die Psychopathologie zur Vertiefung, Differenzierung und Erweiterung des Begriffsfelds, in dessen Zentrum der Begriff einer Person steht.
Pervers können wir (und dies ist im hohen Grade bemerkenswert) sowohl mit den biblischen Autoren als auch mit Sigmund Freud das vom letzten Ziel der Fruchtbarkeit abgelenkte Begehren nennen; freilich ist Perversion kein deskriptiver, sondern ein normativer Begriff, er orientiert sich daher nicht am Regulativ der natürlichen Neigung zwischen Mann und Frau, sondern an den kulturellen Rollen von Vater und Mutter, auch wenn diese nur auf dem Hintergrund der natürlichen Funktionen von Zeugung und Geburt definiert werden können.
Bekanntlich heißt Vater zu sein mehr als gezeugt zu haben; väterliche Autorität in liebender Fürsorge und weiser Vorsorge auszuüben geht über die natürliche Mitgift väterlicher Zuneigung hinaus.
Das Erbrecht ist die Bahnung zur Hochkultur.
Geschichte beginnt, wenn der Sohn über dem Grab des Vaters ein Mal errichtet.
Idealistische und religiös inspirierte Denker von Platon und Augustinus bis zu Descartes und Kant stützten die Idee der Unsterblichkeit der Seele auf den Begriff ihrer Unteilbarkeit; was wie Materie geteilt werden kann, falle der Auflösung und Vernichtung anheim, die Seele aber, als bestünde sie aus einer ätherischen Substanz, sei unteilbar. Farb- und Klangeindrücke, die uns ständig geschehen, sind freilich nicht in einem irgend plausiblen Sinne teilbar, sie vergehen, verlöschen, verklingen. Der Begriff der Teilbarkeit und Unteilbarkeit ist auf das, was wir Seele nennen, nicht anwendbar. Folglich gibt uns das Argument ihrer Unteilbarkeit keinen Grund, ihre Unzerstörbarkeit und Unsterblichkeit anzunehmen.
Der Satz des Pythagoras, der Modus ponens und die Gültigkeit der binomischen Formeln können nicht anhand empirischer Belege überprüft, bestätigt oder widerlegt werden.
Wissenschaft ist die Aufstellung von Hypothesen zur Erklärung und Voraussage von Sachverhalten; sie können anhand empirischer Belege überprüft, bestätigt oder widerlegt werden.
Menschen sind keine Verbindungen von Seele und Leib, Körper und Geist, sondern Personen, denen wir seelische, geistige und körperliche Zustände zuschreiben.
Personen sind raumzeitlich lokalisierbar, nicht aber ihre seelischen und geistigen Zustände, auch wenn wir ihre neuronalen Korrelate lokalisieren können.
Der Begriff einer Person gehört verschiedenen, sich überschneidenden Begriffsfeldern an wie denen des Rechts, der Psychologie oder Kriminologie. Ihre Einheit resultiert aus der Möglichkeit, Personen anhand spezifischer Kriterien zu identifizieren wie der von ihnen durchlaufenen Raum-Zeit-Kurve, ihrer DNA oder der Eindrücke, die sie bei anderen Personen hinterließen, wenn diese auch nur den Wert von Hypothesen haben und problematisch bleiben.
Wir haben, ernüchtert durch das Geschäft begrifflicher Klärungen, keine ewigen metaphysischen Wahrheiten oder grandiosen Ausblicke auf eine geläuterte Menschheit zu verkünden, keine Gewißheiten zu bestätigen, keine Ideologien zu vertreten. Der Geschichtsphilosoph marxistischer oder hegelianischer Provenienz ist uns fremder als ein sibirischer Schamane, der Diskursethiker und Moralphilosoph kantianischer Prägung fremder als ein antiker Gnostiker, der postmoderne Ekstatiker nietzscheanischen Zuschnitts fremder als ein Dionysospriester des Altertums.
Begriffsjongleure sind keine Denker, sondern käufliche Artisten auf dem lärmenden Markt der gängigen Meinungen.
Man wittert die Absicht und wendet sich ab von dem süßlichen Geruch des Menschelns und Scharwenzelns, um das Freie zu suchen. Bläst dort auch der kalte Wind der Einsamkeit, er bringt uns doch die unentbehrliche Frische und Kühle geistiger Klarheit.
Die verschollene Knospe
Wenn Wasser schimmern unter Weidenranken
von einem Mond, der schon verrinnt,
will unser Schmerz auf trunknen Wellen schwanken
mit Knospen sacht im Abendwind.
Es schwirren noch im Röhricht heiße Stimmen,
ein Kuckuck ruft sein „Komm zurück!“,
die Knospe mag ins süße Dunkel schwimmen,
verschließen ihren Sehnsuchtsblick.
Und kommt die Nacht mit sanft erhellter Stille,
kann Venus selbst nicht mehr verstehn,
daß ihr im Traum die bleiche Träne quille.
Das Herz vergaß, weshalb, um wen.
Magst rosenfingrig nach ihr tasten wollen
im Laubwerk, Eos, um den See,
die Knospe hoher Dichtung ist verschollen,
Schmerz taute auf den Blütenschnee.
Was ins Leere pocht
Da ist die Decke, dich zu hüllen,
das Kissen für das müde Haupt,
sind Rosen, wo noch Tropfen quillen,
bist selbst verdorrt du auch, entlaubt.
Die Tauben sind nicht mehr gekommen,
die oft, was du gestreut, gepickt,
des Herbstes Farben sind verglommen,
Schnee hat die Glut der Frucht erstickt.
Wie Schatten geisterhaft aufwehen,
tropft einer Kerze Honigdocht,
und hörst du dumpfe Schritte gehen,
dein Herz ist, was ins Leere pocht.
Gedachtest du der Jugendtage,
da dir umsungen hat den Kiel
die Woge lichter Liebessage,
wie schmerzlich-süß war das Gefühl.
Nun ist in hoher Nacht erschienen
Gestirn, das dich ins Schweigen weist,
der Flamme glaubtest du zu dienen,
kalt ist der Geist, ist schon vereist.
Die beiden
Er barg in seiner Hände weiße Schale
das Angesicht, das knospengleich
so trocken ward und welk und wüst vom Strahle,
und war einmal im Lächeln weich.
Sanft hat herab die Hände sie gebogen
wie Zweige, und wo Laub noch war,
ist helles Flattern hin- und hergeflogen,
der Küsse kleine Vogelschar.
Und streckte er ins Gras die müden Glieder,
den hohlen Bienenkorb, das schwanke Haupt,
das Summen, nein, das süße kommt nicht wieder,
die Waben, sie sind ausgeraubt.
Sie hat, als wär es Staub von Schmetterlingen,
ihr Mal gehaucht auf seine Stirn,
und schlief er schon, er hörte sie noch singen,
wie Wasser schluchzt, taut auf der Firn.
Begriffliche Klärungen I
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Zuerst kommt die Beobachtung der Tag- und Nachtfolge, der Bestimmung des Monats anhand der Mondphasen, des Jahres anhand der Jahreszeiten und des Wechsels in den Tagesdauern; der reinen Beobachtung folgt die immer verfeinerte Zeitmessung anhand von technischen Erfindungen und Meßgeräten von der Sonnenuhr und Sanduhr über die feinmechanische Uhr bis zur Atomuhr.
Vom Begriffsfeld der Chronometrie unterscheiden wir dasjenige, in dem sich unser Umgang mit Zeit niederschlägt: Zeit und keine Zeit haben, sich sputen, die Zeit vertrödeln, die Zeit einteilen, Zeit schinden, Tagebuch führen, Jahresberichte und Annalen anlegen, nach dem Terminkalender leben, von Termin zu Termin hetzen, der Muße pflegen, sich langweilen.
Vom Chronos und Kairos der Griechen bis zur Subjektivierung der Zeit als inneres Erlebnis beu Augustinus, als reine Form der Anschauung, der Zeit als innerer Sinn bei Kant, des Zeitbewußtseins bei Husserl und gleichsam wieder zurück zum Chronos und Kairos im Seinsereignis bei Heidegger.
Die Subjektivierung der Zeit als Ablesung gleichsam einer inneren Uhr folgt der trügerischen Fährte der Modellierung des menschlichen Geistes anhand epochaler Techniken: vom Modell des Uhrwerks über das Modell der telefonischen Schaltzentrale bis zum Computermodell.
Das Begriffsfeld, in das wir die historische Zeit einteilen, beruht auf den Begriffen, die uns die Arten der Zeiterfassung und die Chronologie bereitstellen, aber seine Bedeutung ist davon unabhängig.
Die Vereinheitlichung der Weltzeit ist ein Niederschlag des Siegs der europäischen Kultur und der westlichen Technik über den Rest der Welt. – Sie könnte mit dem Zerfall der westlichen Zivilisation selbst zerfallen, und die lokalen und regionalen Chronologien, wie wir sie bei Juden und Arabern finden, könnten wieder zur Geltung kommen.
Uns betört der schluchzende Gesang der Nachtigall, und seine süßen Töne hallen wider in der Dichtung des Abendlands. – Der Evolutionsbiologe erklärt uns, daß ästhetische Qualitäten oder das, was wir schön nennen, der Steigerung von männlicher Attraktivität bei der sexuellen Selektion und Partnerwahl durch die Weibchen dienen, also der Optimierung der genetischen Fitness. – Gut und schön. Aber Keats schrieb sein Gedicht an die Nachtigall nicht, um welche Frau auch immer von seiner genetischen Fitness zu überzeugen.
Den Dichter fasziniert der Gesang der Vögel gerade deshalb, weil er in ihm eine Form der absichtslosen Mitteilung und des rational nicht gebundenen Ausdrucks findet.
Die Funktion erklärt nicht die Bedeutung.
Die Funktion der Verehrung von Gottheiten und des Charismas des Heiligen, erklären uns die Aufklärer von Epikur und Lukrez bis zu Feuerbach und Freud, ist psychologisch die Bannung der Todesangst und soziologisch die Stabilisierung der Gruppenidentität. – Aber Johannes vom Kreuz reißt den Frommen in die Nacht der Seele und der heilige Franz führt seine Schar aus den schützenden Mauern der Civitas unter den freien Himmel barfüßiger Pilgerschaft.
Philosophieren besteht nicht in der Ausbildung von Theorien.
Theorien sind Hypothesen über das Zustandekommen und Funktionieren eines bestehenden Sachverhalts und die Suche nach empirischen Belegen für ihre prognostische Aussagekraft. – Die physikalische Theorie erklärt die bekannten Eigenschaften von Wasser mit der Annahme, daß es aus Molekülen mit zwei Wasserstoffatomen und einem Sauerstoffatom besteht. Die Theorie erklärt die Tatsache, daß Wasser unter 0 Grad Celsius gefriert, mit der Annahme, daß sich unter diesen Bedingungen die Atome des Wassers kristallförmig anordnen.
Der Ökonom erklärt die Veränderungen des Preises einer Ware auf dem freien Markt der Konsumgüter im Lichte der Annahme, daß Marktteilnehmer Konsumenten und damit bedarfsorientierte Wesen sind, die beispielsweise im Winter einen höheren Bedarf an Mänteln, Schals und Handschuhen oder Heizmitteln haben als im Sommer; bei gleichbleibendem Angebot steigen aufgrund gestiegener Nachfrage die Preise. Der Preisanstieg veranlaßt wiederum die Produzenten und Lieferanten von Mänteln, Schals und Handschuhen oder Heizmitteln, mehr Güter dieser Art auf den Markt zu werfen; aufgrund des gestiegenen Angebots aber fallen die Preise und stabilisieren sich auf einem mittleren Niveau.
Der Philosoph hat dem Physiker oder dem Ökonomen und anderen Vertretern wissenschaftlicher Theorien nicht dreinzureden und ins Handwerk zu pfuschen.
Wenn ihm allerdings der Evolutionspsychologe mit der Theorie kommt, das Schönheitsempfinden sei eine evolutionäre Zutat bei der sexuellen Selektion oder die Monogamie sei eine evolutionäre Strategie, die Menschen einem polygamen Verhalten deshalb vorziehen, weil sie bessere Aufzuchtbedingungen für den Nachwuchs bietet, weist er ihn rechtens in die Schranken, indem er auf begriffliche Konfusionen in seiner Theoriebildung hinweist: Denn die Bedeutung der Dinge, die wir als schön oder ästhetisch wertvoll erachten, läßt sich nicht auf ihre sexuelle Funktion reduzieren, und Monogamie ist kein Begriff einer natürlichen Tatsache, sondern einer sittlichen und rechtlichen Norm.
Der Philosoph bedarf zu seinem Geschäft der begrifflichen Klärung keiner empirisch-wissenschaftlichen Theorie, er vertraut auf die genaue Beobachtung und kritische Beleuchtung des Sprachgebrauchs und der Analyse begrifflicher Felder, ihrer Kongruenzen und Differenzen..
„Philosophische Theorie“ – schon steigt der rhetorische Nebel aus den Sümpfen in Fäulnis übergegangener Begriffe.
„Philosophen“ erklären uns, was wir Ich, Selbst, Bewußtsein und Selbstbewußtsein nennen, sei eine von neuronalen Prozessen verursachte Illusion und hausgemachte Selbsttäuschung. Aber wenn wir sagen „Ich verspreche dir, das geliehene Geld am Ende des Monats wieder auszuhändigen“, unterliegen wir keiner Illusion und Selbsttäuschung; es sei denn, wir täuschen uns über die Aufrichtigkeit unserer Intention oder wir täuschen den anderen, wenn wir von Anfang an die unlautere Absicht hegen, unsere Zusage zu brechen.
Von Täuschung und Illusion können wir nur im Rahmen eines Begriffsfeldes sprechen, in dem auch die korrespondierenden Begriffe wahrer Einsicht und korrekter Darstellung ihren konzeptuellen Ort und ihre systematische Stelle haben.
Wir sehen, der visuelle Cortex sieht nichts; seine neuronale Aktivität ist die conditio sine qua non, daß wir etwas sehen.
Der Philosoph, der eine Theorie über das Bewußtsein oder den menschlichen Geist entwirft und den Geist als Bewohner des Körpers (oder Kopfes) oder als Epiphänomen der Hirnaktivität beschreibt, verkennt die wesentlichen begrifflichen Unterschiede: Ich sage „Ich habe Kopfweh“ oder „Mein Kopf tut weh“, nicht aber: „Hier ist ein Kopf, der Schmerzen hat.“
Bios und Ethos, biologische und moralische Begriffe bilden Begriffskreise, die sich schneiden, aber nicht deckungsgleich sind.
Wäre die vaterrechtlich verfaßte Monogamie eine uns eingepflanzte natürliche Neigung, warum fühlte sich Augustus berufen, der Zersetzung der Ehe in den besseren Kreisen seiner Zeit mittels verschärfter Ehegesetze Einhalt zu gebieten, warum finden wir Völker, die ihre Verwandtschaftslinien nicht patrilinear ausrichten?
Wenn uns natürliche Scheu vor der Blutschande abhält, ist die Theorie über den Ödipuskomplex inkonsistent.
Das Gebot „Wachset und mehret euch!“ ist kein biologischer, sondern ein messianischer Auftrag an Abrahams kleine Schar, es galt dem Wachstum des einen Stammes, auf daß er das edle Reis, die einzigartige Blüte hervorbringe.
„Philosophen“ wie Habermas vermischen auf unzulässige, aber seriös anmutende Weise pseudowissenschaftlichen Jargon mit politisch-moralisch korrekten Bekenntnissen. Daher das trügerisch Schillernde ihrer Diktion, die sich von wissenschaftlichen Theorien wie denen der Soziologie unverdiente Lorbeeren abgreift und sie mit dem Weihrauch pseudoreligiöser Verkündigungen und Prophetien auf eine von den Lastern des Kapitalismus und den zweckrationalen Diskursen des Bourgeois zur Endlos-Talk-Show befreite Menschheit umwölkt. Daher auch ihr ungeheurer Erfolg bei der leichtgläubigen Menge.
Schon immer haben Philosophen, den Theologen darin nicht unähnlich, dem Alltagsleben, den Technikern, den Naturkundlern oder Historikern auf unlautere Weise Methoden und Konzepte entwendet und sie begriffsblind auf Felder übertragen, wo sie nicht anwendbar sind und versagen müssen; man denke nur an den Seelenwagen Platons, die Atomtheorie mentaler Vorgänge wie des Sehens bei Epikur und Lukrez, die zwischen Geist und Körper korrespondierende Drüse des Descartes, das monadologische Uhrwerk bei Leibniz, den sich in historischen Persönlichkeiten wie Cäsar oder Napoleon verkörpernden und sich in übergesetzlichen und übermoralischen Staatsaktionen austobenden Weltgeist eines Hegel, den Élan vital eines Bergson, die Kausaltheorie der Wahrnehmung bei Russell, die pseudowissenschaftliche Metaphysik eines Whitehead, die Computertheorie des Geistes der Funktionalisten, das egoistische Gen, die Biomaschine und die Meme eines Dawkins oder die Identität von Geist und Gehirn der Neurophilosophen.
Ich schreibe meinem Freund eine Mail in der Absicht, ihn zu einem Treffen einzuladen; die Aktivitäten der Neuronen in meinem Gehirn, die diesen Vorgang als eine conditio sine qua non begleiten, sind nicht die Ursache meiner Absicht; sie wäre sonst keine Absicht, sondern eine kausale Folge dieser Aktivitäten.
Absichten sind keine mehr oder weniger wahrscheinlichen Voraussagen über zukünftiges Handeln.
Wäre mein Geist mein Gehirn, müßte ich, nachdem ich die Mail geschrieben habe, mir die offenkundig absurde Frage stellen können, ob ich mit ihrer Abfassung die Absicht verfolgt habe, meinen Freund einzuladen.
Begriffe wie Absicht, Wunsch, Erwartung, Erinnerung, Hoffnung oder Enttäuschung sind keine wissenschaftlichen Begriffe, keine theoretischen Terme.
Wäre mein Geist mein Gehirn, hätten alle Worte, die ich äußere, die Bedeutung der Laute, die ein Papagei nachplappert, nämlich keine.
Die Behauptung, Kunstwerke seien zumindest all jene Werke, die einer Ausstellung in einer Galerie oder einem Museum für wert befunden worden sind, ist ebenso töricht wie jene, zur geistigen Elite zählten zumindest all jene Personen, die eines akademischen Titels für würdig befunden worden sind; doch daß viele von diesen bei ihrer Examensarbeit oder ihrer Dissertation bloß zeitgeistigen Jargon abgesondert, gepfuscht oder abgeschrieben haben, ist längst kein Geheimnis mehr.
Das Gedächtnis ist keine mentale Galerie von Erinnerungsbildern und kein Archiv von Dokumenten über vergangene Ereignisse; es ist die Fähigkeit, einmal Erfahrenes, Gelerntes, Gewußtes zu vergegenwärtigen.
Erinnerung ist nicht die kausale, neuronal markierte Folge vergangener Ereignisse, sonst wäre der Schmerz in meinem Fuß, den ich mir vor Tagen bei einem Unfall gebrochen habe, eine Erinnerung an den Unfall.
Fake-Philosophen fragen, um zu erklären, was wir mit „Erinnerung“ meinen, nach dem Ort des Gedächtnisses im Gehirn. Aber Fähigkeiten und Dispositionen haben keinen Ort; Hirnregionen wie das Kleinhirn und die frontalen und temporalen Lappen sind die conditio sine qua non für unsere Fähigkeit, uns zu erinnern, wie der motorische Kortex und die Beine für unsere Fähigkeit, zu gehen und zu rennen.
Nicht: „Mein visueller Cortex sah“, nicht: „Meine Augen sahen“, sondern: „Ich sah.“
Die Zutaten der Suppe, die wir ein Leben lang auszulöffeln haben, entstammen der Hexenküche der Biologie, wie die Tatsache, daß wir Männer oder Frauen, intelligent oder begriffsstutzig, feinfühlig oder stumpfsinnig, draufgängerisch oder ängstlich, introvertiert oder extrovertiert sind. Ist auch der Grad der Fähigkeit, moralisch zu handeln, uns in die Wiege gelegt?
Wir können nur sagen, daß Normen, die sich in Gesetzen, Vorschriften, Regeln oder Direktiven manifestieren, nicht zum Begriffsfeld erklärender Hypothesen und statistischer Wahrscheinlichkeiten gehören. Die Hypothese über mangelnde oder ausreichende Begabung erklärt das Versagen des einen und den Erfolg des anderen Schülers. Der begriffsstutzige Schüler vermag die Gleichung nicht zu lösen, Tadel ist in seinem Falle nicht nur zwecklos, sondern unangebracht; der intelligente, der es könnte, ist zu faul oder renitent und kann aus diesem Grund getadelt werden.
In der Welt der Maschinen, ob zweckdienlicher Roboter oder administrativer Staatsmaschinen, gibt es keine Moral.
Die Fähigkeit, eine moralisch angemessene oder unangemessene Entscheidung zu treffen, sprechen wir der einzelnen Person, keinem Kollektiv und keinem Apparat zu.
Moralisch wertvolle Taten können durchaus spontan sein; der aufmerksame Passant, der das Kind, kurz bevor es in das heranrasende Auto gerannt wäre, auf den Bürgersteig zurückriß, ließ seiner Tat keine zeitraubenden moralphilosophischen Überlegungen vorangehen, er hat nicht aufgrund wohlweislicher Erwägung eine Entscheidung getroffen, er hat gar keine Entscheidung getroffen und spontan oder instinktiv gehandelt. Auch was wir spontan oder instinktiv tun, kann sich a posteriori als moralisch richtig erweisen. Wir können nicht jede moralische Tat zuvor auf ihre Konsistenz mit dem moralischen Imperativ eines Immanuel Kant prüfen.
Wäre der aufmerksame Passant ein Mafioso und erkennte in dem gefährdeten Kind den Sprößling des Chefs der mit der seinen auf Leben und Tod verfeindeten Bande, des Anführers, der kürzlich seinen jüngeren Bruder auf heimtückische und bestialische Weise ermordet hat – wir scheuen uns, das Entsetzliche zu notieren. – Daraus aber folgt, daß selbst der Anteil unseres moralischen Empfindens, der sich in spontanen Handlungen kundtut, nicht tief im menschlichen Geist oder ungleich tief in verschiedenen Individuen verwurzelt ist.
Dem vom grauen Star Heimgesuchten legt sich ein Schleier über die Farben des Lebens. Der vom trüben Geist des baudelaireschen Ennui Heimgesuchte hat den lebendigen Bezug zu ihnen verloren, und habe er auch auf die Inseln der Seligen und in das üppige Prangen der tropischen Paradiese gefunden.
Wir können uns im Farbwert des Gesehenen täuschen, aber nicht darin, daß wir etwas sehen.
Zu sagen, alles, was wir sehen, ist eine Illusion, denn die wahre Realität, die aus Atomen und Quanten besteht, sehen wir nicht, ist in etwa so töricht, wie zu sagen, wir könnten nie wissen, was ein anderer mit dem meint, was er sagt, weil die Bedeutung, die er den Worten gibt, von derjenigen, die wir ihnen geben in einem Maße abweichen kann, das uns für immer verschlossen bleibt.
Wir töricht, der Paradoxie in der Behauptung nicht inne zu werden, unser mentales Leben sei das notwendige Produkt einer unhintergehbaren Selbsttäuschung.
Ich habe keinen Grund für die Äußerung zu vermelden, daß ich Schmerz empfinde; dagegen kann ich den einen oder anderen Grund nennen, warum ich von einem anderen sage, offensichtlich habe er Schmerzen oder er simuliere nur Schmerzgebaren.
Ich vermag echte von Krokodilstränen zu unterscheiden; aber nicht, weil die ersten unmittelbar aus der Innenwelt des anderen rinnen, während die zweiten sie verbergen. – Die falschen Tränen sind nicht weniger aussagekräftig als die echten.
Wir wissen nicht oder verkennen, was andere im Schilde führen, die ihre Absichten und Regungen geschickt vor uns verheimlichen. – Aber ein falsches Lächeln, ein Versprecher, eine schiefe Geste können ihre geheimen Absichten schlagartig zutage fördern.
Der Heiratsschwindler bedient das gleiche Repertoire an Gesten der Zuwendung in erniedrigender Absicht, das den Liebhaber in den Augen der Angebeteten zu erhöhen vermag.
Der Physiker kann voraussagen, wie sich die Eigenschaften und Aggregatzustände von Wasser unter modifizierten Bedingungen verändern; doch die statistischen Annahmen des Ökonomen lassen keine Voraussage über das Verhalten der einzelnen Marktteilnehmer zu; der eine kauft bei einbrechender Winterkälte Handschuhe, Schal und Mantel, der andere verkriecht sich hinter den Ofen.
Die Äußerungen und das Gebaren anderer sind uns oft unzugänglich und rätselhaft, doch nicht, weil die mentalen Zustände ihres Geistes im Gegensatz zu unseren eigenen uns nie zu unmittelbarer Kenntnis gelangen, sondern weil sie etwa selbst nicht wissen, was sie meinen und was sie wollen, weil sie sich über ihre Absichten im unklaren sind oder sich über ihre Gefühle und Antriebe täuschen.
Der Unsichere vollführt schlackernde, fahrige, zweideutige Bewegungen.
Wäre der Hund in der Lage, eine Autobiographie zu schreiben, sein Herrchen würde sich darin nicht wiedererkennen.
Tiere leben nicht in der Zeit des Menschen; der Hund könnte sich nicht sagen: „Hoffentlich kommt Herrchen morgen nicht wieder so spät nach Hause!“
Den Toten ein Zeichen zu setzen, ein Mal zu errichten, markiert den Anfang der menschlichen Kultur.
Das Mißtrauen sieht die klaren Farben des Lebens durch einen dunstigen Schleier.
Der Empfindliche hört noch einen verächtlichen Ton im leicht hingeworfenen „Lebe wohl!“.
Der Paranoide schmeckt im Kuß das Gift.
Der Wirrwarr und die Unaufgeräumtheit der menschlichen Seele, von denen die alten Theologen meinten, sie entstammten der Ursünde, geben uns den Stoff und die Motive sowohl der Komödien als auch der Tragödien, die in unseren Wohn- und Schlafzimmern stattfinden.
Im Laub der Dämmerung
Das Lied, das dunklem Grund entquollen
und hat geglänzt im Morgenrauch,
im Laub der Dämmerung verschollen
ist uns sein Licht, sein Laut, sein Hauch.
Die Blüten, die an Zweigen sprossen,
die sich dem grünen Strom geneigt,
ein Raub des Winds sind sie geflossen
in Fernen, wo die Muse schweigt.
Die Freunde, die am Feuer sangen
und küßten sich mit feuchtem Blick,
ins Südlicht sind sie fortgegangen,
als Schatten kehren sie zurück.
Dir, Liebe, ist im Schlaf geronnen
die Träne vom entrückten Lid,
und war er dunkel auch, der Bronnen,
sie hat im fahlen Mond geglüht.
Laß uns mit den Flüssen eilen
Laß uns mit den Flüssen eilen
bis zum offnen Ozean,
laß im blauen Glanz uns weilen,
Tropfen auf dem Enzian.
Liegt das Veilchen auf der Schwelle,
hast es du mir ja gepflückt,
ich gab dir die Mirabelle,
daß ihr Leuchten dich entzückt.
Laß uns mit den Nebeln steigen
ins azurne Mittagsblau,
laß im Abendrot uns schweigen,
träumend rinnen mit dem Tau.
Mußte auch das Veilchen blassen
und die Wange ward dir bleich,
süße Glut hat uns gelassen
Fleisch der Frucht, von Sonnen weich.
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Wie ein Nasenstüber sei, was uns weckt und zu denken anregt.
Opposition und Widerspruchsgeist stabilisieren die Zustände.
Der Opponent ähnelt nach und nach dem, wogegen er anrennt.
Der Fromme gleicht mehr und mehr dem Unhold, den er bekämpft, in Grund und Boden predigt, mit Weihrauch zu ersticken sucht, vor dem er das Kreuz schlägt.
Ah, die Schlingen des Begriffs abwerfen, Subjekt und Objekt, Wesen und Erscheinung; doch selbst darin noch, im Abwerfen und Loswerden, welches Würgen, welches Röcheln.
„Der Schein trügt: Auch wenn er ein korrektes Deutsch spricht, von Haus aus ist er Engländer, und seine Muttersprache ist das Englische.“ Hier geht alles mit rechten Dingen zu, und was wir auf solche und ähnliche Art äußern, ist sinnvoll, wenn auch trivial.
Dagegen: „Du bist wohl ein Mensch, aber in Wahrheit bist du eine von einem genetischen Programm aufgebaute und von neuronalen Prozessen gesteuerte biologische Maschine.“ – Auf diese Weise können nur Philosophen die Sprache mißbrauchen.
Der Säugling schreit, sein Schreien, sagen wir, ist ein unmittelbarer und unwillkürlicher Ausdruck seiner Befindlichkeit, von Hunger, Durst, Unbehagen, Angst. – Die Mutter eilt herbei, um ihn zu stillen, zu säubern, zu wiegen, zu beruhigen. Dieser Vorgang wiederholt sich. Schließlich sind wir geneigt zu sagen: Der Säugling schreit nach seiner Mutter, er schreit, damit seine Mutter zu ihm komme.
Aber diese Deutung geht fehl, solange das Schreien des Säuglings das Verhalten der Mutter unwillkürlich und nicht durch eine willkürliche Signalisierung auslöst.
Wenn unsere Verlautbarungen und Sprechakte das Verhalten anderer willkürlich oder willentlich aufgrund ihrer zweckdienlichen Ausrichtung und Formung auslösen, treten wir in den semantisch-logischen Raum des sprachlichen Handelns, in dem gilt: Wir hätten auch schweigen können.
Wir können voraussagen, daß der Säugling, bedrängt vom Gefühl des Mangels, schreien wird; wir können nicht voraussagen, ob der Angeklagte vor Gericht reden oder schweigen wird.
Wenn der Angeklagte die Absicht hegt, vor Gericht zu schweigen, macht er keine Voraussage über den Eintritt eines mentalen Zustandes, der ihm die Rede verunmöglicht; denn nicht sprechen können heißt nicht schweigen.
Das Wörterbuch kann als Instrument der Verständigung, aber auch als Repräsentation des Sprachschatzes zweier natürlicher Sprachen betrachtet werden.
Die topographische Karte kann als Instrument und Mittel der Orientierung, aber auch als projektive Abbildung einer bestimmten geographischen Fläche betrachtet werden.
Das Gedicht kann als Mittel betrachtet und benutzt werden, den Hörer oder Leser in einen bestimmten mentalen Zustand, eine seelische Gestimmtheit, zu versetzen; aber unabhängig von jeder konkreten kommunikativen Situation betrachtet ist es ein Gewebe von mehr oder weniger ungewöhnlichen Wörtern und Wendungen, die in einen eigentümlichen Rhythmus eingebettet sind, der sich von Vers zu Vers und Strophe zu Strophe wiederholt.
„Ich bin hier“ ist die Grundaussage sprachlicher Pragmatik.
„Ich bin hier“ – töricht zu fragen, ob sich der Sprecher nicht vielleicht irre, sinnlos, Zeugen für das Gesagte ausfindig machen zu wollen.
„Ich war dort“ ist die Grundaussage sowohl des autobiographischen Berichts wie der erzählenden Prosa.
„Ich war dort“ – hier können wir, wenn es sich um einen autobiographischen Bericht handelt, nach den zeitlichen und räumlichen Koordinaten fragen, aber auch nach Zeugen, die eine solche deskriptive Aussage bestätigen oder nicht bestätigen.
„Auch ich war in Arkadien“ – hier erfassen wir den imaginären Charakter mythischer Raum-Zeit-Koordinaten und zugleich den fiktiven Charakter der Sprecherposition des Gedichts. Töricht, nachprüfen zu wollen, ob der Sprecher wirklich dort gewesen ist, wo niemand gewesen sein kann.
Wir können aus den Beschreibungen im sechsten Buch der Äneis eine Karte der mythischen Jenseitslandschaft mit ihren Wegen und Flüssen, Sümpfen, Hainen und Inseln der Seligen mit denselben Darstellungsmitteln entwerfen, die wir für die Erstellung einer topographischen Karte Irlands verwenden. Der Unterschied liegt in der Art ihrer Verwendung: Die Karte der mythischen Unterwelt dient uns zur Orientierung bei der Lektüre Vergils, die Karte Irlands der Orientierung bei unserer Wanderung von Dublin nach Connemara.
Ich glaubte, gestern auf der anderen Straßenseite Peter zu erkennen; doch wie sich herausstellte, war es sein Zwillingsbruder Paul. Dagegen ist es unsinnig sich vorzustellen, Odysseus sei bei den Phäaken nicht Nausikaa, sondern ihrer Zwillingsschwester begegnet.
Dem Astronomen hilft sein Wissen über den Mond keinen Deut, um Goethes Gedicht „An den Mond“ zu verstehen.
Der Physiologe, der den neuronalen Hintergrund der Bewegungen unserer Sprechwerkzeuge untersucht, und der Physiker, der die von ihnen hervorgebrachten Luftschwingungen und Klangfrequenzen analysiert, helfen uns keinen Deut bei der Erhellung unserer Fähigkeit, die Bedeutung des Verlautbarten zu verstehen.
Die Erklärung der Bedeutung von Aussagen durch ihre psychologische Funktion ist nicht falsch, sondern unsinnig und verfehlt.
Die Erklärung der Bedeutung eines Gedichts durch seine psychologische Funktion, etwa eine Stimmung, ein Gefühl, eine visuelle Vorstellung hervorzurufen, ist nicht falsch, sondern verfehlt.
Wäre sie falsch, könnte man an den Psychologen die unsinnige Erwartung richten, eine bessere Erklärung zu finden.
Das Auge ist ein Teil der Welt, die es sieht.
Was Augen sehen, das Ding, die Landschaft, das Bild, ist weder im Auge noch im Kopf. Es ist gleichsam nirgendwo.
Wo ist, was Ohren hören, der Klang, das Wort, der Satz? Nicht in den Schwingungen der Luft, nicht in den Schwingungen des Trommelfells, nicht im Feuern der Neuronen.
Wir bewohnen das Haus, aber nicht unseren Körper.
Nur kleine Kinder glauben, sie werden unsichtbar, wenn sie die Augen schließen.
Wir können nicht sagen, wir hören den Klang und das Wort, wir verstehen den Satz, ohne daß ein anderer sagen könnte, er hört den Klang und das Wort und versteht den Satz.
Wir können die Tatsache, daß es regnet, nicht verstehen, ohne den behauptenden Satz, daß es regnet, bilden zu können. Freilich, wir können die Hand zum Fenster hinausstrecken und Regentropfen auf ihr empfinden. Doch die Empfindung der Nässe auf der Hand ist nicht die Feststellung der Tatsache, daß es regnet.
Freilich gelangen wir ohne die Empfindung der Nässe oder die Wahrnehmung der fallenden Regentropfen nicht zur Feststellung der Tatsache, daß es regnet.
Tatsachen existieren nicht ohne das Korrelat der Sätze, die ihre Existenz aussagen. Freilich, ihre Bestandteile wie Regentropfen existieren unabhängig davon, ob wir sagen, daß es regnet.
Der Zusammenhang von Empfindung und Wahrnehmung mit der Bildung von Sätzen, die einen bestehenden oder nicht bestehenden Sachverhalt ausdrücken, ist nicht kausal – also nicht naturwissenschaftlich mittels kausaler Erklärung ableitbar.
Wir hören Tropfen rieseln und denken, daß es regnet; aber der Nachbar im ersten Stock gießt seine Blumen auf dem Balkon.
Wir stellen bedauernd fest, der Freund sei trotz seiner Zusage nicht zu unserer Verabredung gekommen. Was nicht eingetreten ist und nicht existiert, die Tatsache, daß der Freund nicht erschienen ist, kann keinen kausalen Einfluß auf das ausüben, was wir sagen.
Wären wir nichts als durch genetische Codes aufgebaute und von neuronalen Prozessen gesteuerte biologische Maschinen, müßte nicht nur die sprachliche Kompetenz überhaupt, sondern die aktuelle Bildung und Äußerung von Sätzen mit rein naturwissenschaftlichen Methoden erklärt werden können. Aber der Satz „Wir können die Bildung und das Verstehen von sprachlichen Bedeutungen mit naturwissenschaftlichen Methoden kausal erklären“ kann mittels einer naturwissenschaftlichen Methode nicht kausal erklärt werden. Daraus folgt, daß wir keine rein biologischen Maschinen sind.
Wir können Sätze bilden, die Sachverhalte, die nicht bestehen, als bestehend behaupten; solche Sätze sind entweder falsch oder weder wahr noch falsch, sondern Bestandteile von fiktionalen Texten wie Märchen und Fabeln, in denen Tiere sprechen, wie Mythen, in denen Götter mit Menschenfrauen Halbgötter zeugen, wie Legenden, in denen Tote lebendig werden, oder wie Gedichte, in denen Quellen klagen und Blumen seufzen.
Die Annahme, die Muse habe Homer inspiriert, ist keine erklärende Hypothese für die in der Ilias verwendeten Sätze, die weder wahr noch falsch sind, weil sie dem Bereich mythischer Rede angehören. In welchem Labor, mit welchem Experiment sollte sie erhärtet oder widerlegt werden?
Um zu verstehen, was ein Sprecher meint, wenn er sagt: „Vorsicht, Stufe“, müssen wir die Äußerung als Warnung interpretieren; wenn er sagt „Die Sonne scheint“, je nach Kontext als Einladung zu einem Spaziergang oder als Feststellung einer Tatsache auf dem Hintergrund beispielsweise jener Tatsache, daß es soeben noch geregnet hat.
Doch der begriffliche Rückgang auf die Sprecherintention ist kein Universalschlüssel für jede Art sprachlichen Verstehens. Mag der Freund, der uns darüber aufklärt, daß dieser Baum keine Fichte ist, wie von uns angenommen, sondern eine Tanne, die Absicht haben, uns zu belehren, wir verstehen, was er meint, auch ohne Rückgriff auf die Sprecherintention.
„Jeder Mensch ist ein Künstler.“ – „Das An sich wird zum Für sich.“ – „Alle Menschen werden Brüder.“ – „Die Zahl 1 ist definierbar als die Menge aller Mengen, die nur ein Element enthalten.“ – „Der sinnvolle Satz ist ein Bild eines möglichen Sachverhalts.“ Wir können die Falschheit oder Sinnlosigkeit von Sätzen verstehen, ohne die Intention dessen zu kennen, der sie äußert.
Das expressive und das appellative Moment unserer Verlautbarungen (das nach der Mutter schreiende Kind) haben wir mit den Tieren gemein.
Anzunehmen und zu versuchen, Natur, Geschichte und Kultur mittels einer universalen Methode zu Leibe zu rücken und zu erklären, führt zu einem Mißbrauch der Sprache, mag er auch die Errichtung eines grandiosen Kartenhauses inspirieren wie bei Hegel; ein Hauch von philosophischer Sprachkritik, und es fällt in sich zusammen.
Mag die Vermehrung und Ausbreitung von Pflanzen und Tieren mittels darwinscher Prinzipien der Fitnessoptimierung hinreichend erklärbar sein, die Tatsache, daß gewisse Menschengruppen auf dem Höhepunkt der Vorsorge und Lebenssicherung durch Wohlstand und Technik ihre Fortpflanzungsbereitschaft mehr und mehr einschränken, entzieht sich diesem Typ naturwissenschaftlicher Erklärung.
Es ist absurd und zeugt von begrifflicher Konfusion anzunehmen, daß die Entdeckung des zyklischen Umlaufs der Erde und der Planeten um das Zentralgestirn der Sonne, die kopernikanische Wende, einen kausalen oder internen Zusammenhang mit unseren Lebensfragen habe; denn ob nun die Sonne um die Erde oder die Erde um die Sonne kreist, Fragen wie die nach dem, was wir für gut, richtig und schön oder für das Gegenteil ansehen, werden davon nicht berührt.
Nicht die Sprache überhaupt, sondern die Fähigkeit, bestehende und nicht bestehende Sachverhalte oder ontologisch irrelevante logische Relationen und mythische Sphären sprachlich und symbolisch darzustellen, ist das spezifische Humanum.
Was wir mit „Denken“ meinen, kann weder psychologisch noch neurologisch erfaßt, geklärt und erklärt werden.
Überkommen mich Zweifel, heißt dies nicht, daß gewisse Neuronen schwächer feuern (vielleicht im Gegenteil).
Wenn ich an jemanden denke, ist die Wahrheit oder Falschheit meiner Erinnerungen an die Person unabhängig von dem Motiv, das mir die Erinnerung eingeflößt hat.
Gedanken sind keine unsichtbaren seelischen Vorkommnisse oder mentalen Entitäten, keine Modifikationen einer ätherischen Substanz in einer für andere unzugänglichen Innenwelt.
Wir können sehen, was einer denkt.
Jemand geht unruhig auf und ab, schaut immer wieder auf die Uhr, wirft einen nervösen Blick aus dem Fenster, setzt sich hin, blättert in einem Buch, läßt es rasch wieder fahren, geht erneut im Zimmer auf und ab. Wir sehen, daß er wartet, einen Besucher erwartet, und was immer ihm dieser mitbringen mag, es scheinen keine Blumen zu sein.
Der Säugling, der nach der Mutter schreit, wird als kleines Kind gelernt haben, seine Mutter zu rufen.
Der durch den Nasenstüber zum Denken Erwachte wird den Drang, nach jemandem zu rufen, hinunterschlucken, auch wenn er im Sterben liegt.
Über Nacht ist Schnee gefallen, die Stille, Weite, Frische des Eindrucks. Erlöst vom Zwang, etwas zu sagen, etwas zu verstehen. Dann gewahrst du die feinen Risse, die Mulden der ersten Tropfen, das aus dämmernder Tiefe glucksende Wasser.
Der Abglanz heller Innigkeit
Daß stille Kerzen uns noch schenken
den Abglanz heller Innigkeit,
wenn wir der Liebenden gedenken,
und was sie trennte, Dunkelheit.
Und Schatten geistert an die Wände
der Nachtwind, schauernd mit dem Schein,
wir wölben ihnen Segenshände,
daß sie nicht ruhlos sollen sein.
Daß lichte Trauben uns noch schwingen
in krokusblauem Frühlingshauch,
gedenken wir des Dichters Singen,
und was ihn würgte, Aschenrauch.
So pflanzen wir auf seinem Grabe
den Enzian vom Gletscherfels
und netzen ihn mit heller Labe,
den Tropfen eines keuschen Quells.
Diurnum philosophicum III
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Die leisen Gesten, die uns vom Geheimnis sagen, Geheimnis, das wird sind, nicht kennen, sind wie zarte Schimmer im jungfräulichen Schleier über morgenkühlen Teichen.
Die das Wort traktieren, die Popularen, schwadronieren von großen Dramen, die uns läutern, uns in die Peripetie einer letzten Entscheidung reißen.
Doch werden wir ganz undramatisch von Wellen, die uns wiegen, von Klängen, die uns lösen, gleichsam uns selbst zurückgegeben.
Freilich sind wir Tropfen nur in einer Welle, die steigt und fällt und fällt und steigt, mag sie bisweilen auch in einer öden Wüstenei versickern.
Was zwischen Geburt und Tod uns widerfährt, ist dramatisch nur in der Wiederkehr uralter Rituale, der Rites de passage zwischen Kindheit und Jugend, Jugend und Reife, Reife und Alter.
Der philosophische Trug, das Proton Pseudos, beginnt mit dem dämonischen Glauben an die wahrheitskonstitutive Macht der Geschichte, mit Hegel und Marx.
Die Torheit im Glauben an das, was sie Freiheit und Entwurf nennen, Fichte, Hegel, der frühe Heidegger, Sartre, als könnten wir den formlosen Teig des Lebens in die selbstentworfene Plastik unserer eitlen Selbstvergötzungen transfigurieren.
Der individuelle Entwurf führt zur Erstarrung und den Karikaturen des amusischen und akademischen Daseins, der kollektive mündet in Terror oder dem Wahnwitz des computergesteuerter sozialen Lebens.
Sie hassen oder verachten das Provinzielle, das in überlieferte sittliche Ordnungen ruhig eingebettete Dasein; der rastlose Trieb wütet in ihnen, durch den Goethe Mephistopheles sich in die große Staatsaktion hat stürzen lassen, vor deren Fortschrittssegnungen die zeitlos-schlichten Gestalten von Philemon und Baucis zu weichen hatten.
Die Progressiven hassen oder verachten den freien Bauern, den schweigsamen Winzer mit dem ewigen Grind unter den Fingernägeln, die ernst, fromm und streng eingefügt leben in die Rhythmen der ewigen Wiederkehr der Jahreszeiten, von Aussaat und Ernte, und mit dem eigenen Land, Wingert und Erbe der Macht der Überlieferung huldigen.
Die Revolutionen sind die epileptischen Anfälle und Krämpfe des Molochs Stadt.
Wer dem Fortschritt, ob zur egalitären Demokratie oder zum Thermitenstaat des Kommunismus, beide sind ja in ihrer Art totalitär, rein aufgrund seines provinziellen Gebarens im Tun und Reden auch nur den Schatten eines Widerspruchs entgegenhält, wird bald vom gnadenlosen Strahl der höheren moralischen Wahrheit ihrer herrschenden Eliten ausgetilgt.
Wie Hegel der Kunst nur die befremdlich-museale Schönheit abgeworfener Schlangenhäute zubilligte, während der Weltgeist schon innerlichere Gemächer zur Behausung aufgesucht habe, verwirft der Fortschrittler die plumpen, ranzigen und etwas ungut riechenden alten Kulturen, ihre rätselhaften Sitten, ihre abergläubischen Frömmigkeitskulte, Litaneien und Wallfahrten, ganz zu schweigen von ihrem Gallimathias an unverständlicher Rede.
Ihre gesinnungsethisch reingewaschenen Pädagogen wittern den geringsten Rest von Dung und provinzieller Schlacke, der dir am Fuß, und sei es am Versfuß, kleben mag.
Der provinzielle Dung und der unaustilgbare Schmutz des Lebens sind der Einspruch wider den moralischen Purismus der Aufklärung und die Sozialhygiene der technisch verwalteten und überwachten modernen Welt.
Der Argot, die Zigeuner- und Gaunersprache machen dem Dichter noch ein wenig Hoffnung.
Die rhetorischen Nebel eines unfruchtbaren grauen Lifestyle-Jargons senkten sich über den dichterischen Geist, er atmete noch, doch vernahm man nur mehr ein rhythmisches Röcheln.
Die Karikatur und Parodie des religiösen Heilsgedankens in den messianischen Prophetien einer revolutionär erhitzten pubertären Jugend.
Sprache dient nicht nur und nicht einmal hauptsächlich der Verständigung. Du nimmst ein Wörterbuch zur Hand, um dich im fremden Land verständlich zu machen und was geredet wird zu verstehen; das Wörterbuch dient dir zur Verständigung, aber es ist mehr als ein Instrument der Kommunikation, nämlich eine Repräsentation einer beliebig großen Anzahl von Wörtern der fremden und der eigenen Sprache. Ähnlich der topographischen Karte, anhand derer du einen Weg zu einem bestimmten Ziel zurücklegen kannst: Sie ist mehr als ein Instrument der Orientierung, nämlich die projektive Abbildung einer Gegend mit ihren Straßen und Wegen, Orten und Sehenswürdigkeiten, Wäldern und Flüssen mittels ikonischer und symbolischer Kennzeichnungen.
Wir geben mit Äußerungen wie dem Schmerzensausruf und der Klage, der Freude und des Behagens unserem Befinden Ausdruck, wir nehmen mittels performativer Sprechakte wie der Aufforderung, der Frage, des Hinweises gezielt und zweckgerichtet Einfluß auf den Willen und die Willensbildung unserer Gesprächspartner; das ist angesichts unserer biologischen Konstitution und unserer sozialen Einbettung nicht weiter verwunderlich. Doch daß wir etwas verlautbaren, sagen und aufschreiben, was bedeutsam und sinnreich anmutet, aber unmittelbar keinem Zwecke dient und keine Absicht verfolgt wie einen Erinnerungs- oder Traumbericht, eine Anekdote, eine Fabel, ein Gedicht, dies ist das eigentliche Wunder der menschlichen Sprache.
Sine ira et studio, sagt Sallust, und er meint eben dies: historische Objektivität des Berichts und eine möglichst genaue und ausgewogene Geschichtserzählung.
Das Gedicht ist wie jeder literarisch-fiktionale Text kein Mittel der Verständigung, sondern ein Spiel mit Worten.
Manchmal gleicht es der einsam gelegten Patience, manchmal dem munteren Ballspiel der Kinder, bei denen es keine Gewinner und Verlierer gibt, aber Kombinationsgabe, wacher Sinn für Anspielungen und Andeutungen sowie Freude an der Eleganz und Anmut der Bewegungen gefordert und gern gesehen sind.
Der Geist des Spiels weht bereits als kleine Brise oder duftiger Hauch in die Täler unserer gewöhnlichen Unterhaltung, wenn wir sie durch einen Witz, ein Bonmot, eine Anekdote würzen oder durch eine Erinnerung, eine kleine Geschichte, eine Fabel erhellen.
Die Sprache ist nicht die ancilla rationis, die Dienstmagd der Vernunft.
Die Vernunft ist nur ein Zweig am großen Baum des Lebens, und wenn er Blüten treibt, werden sie von Wurzeln genährt, an die sie nicht heranreicht.
Das Leben hat wohl Ursachen, die uns Biologie und Genetik vor Augen führen, aber es muß sich nicht durch Gründe rechtfertigen wie Hypothesen, die nach der Rechtfertigung ihrer Plausibilität und Wahrscheinlichkeit verlangen.
Sprache ist wie ein pflanzlicher Organismus eigenen Gepräges, der je nach dem fruchtbaren Boden, dem er entwächst, sehr verschiedene, immer aber einzigartige Blüten und Früchte hervorbringt.
Wir können die Wörter einer fremden Sprache mit denen unserer Muttersprache übersetzen, aber nicht die grammatische Struktur, an der sie hängen wie Früchte an rätselhaft verschlungenen Ranken.
Die vermessene Dummheit, an den Formen der grammatischen Struktur einer Sprache herumzulaborieren, gleicht jener, die sich an der Erbsubstanz zu schaffen macht.
Die ins Unbewußte des organischen menschlichen Lebens eingesenkte Sprache ist seine kulturelle Erbsubstanz.
Der von rationalen und moralischen Absichten geleitete Eingriff in die sprachliche Erbsubstanz erzeugt Monster und Chimären.
Der echte Dichter kann nur seiner eigenen Sprache dienen, keinem Globalesisch oder einem gesinnungsethisch gereinigten Esperanto.
Der echte Dichter inspiriert sich an den großen Dichtungen zumindest der alten europäischen Völker, und doch muß er, um die eigene Stimme zu finden, ein sprachlicher Nationalist und Liebhaber seines mütterlichen Idioms sein oder er bleibt ein hohles Windei.
Das Geschwätz der Parlamente vermag nur Einfaltspinsel oder das Projekt der Moderne feiernde Philosophen darüber zu täuschen, daß es von Sprechpuppen im eigenen Interesse geführt wird, das mittels hochtrabender Phrasen von Menschenrechten und Zukunftsvisionen geschickt als Allgemeinwohl getarnt und verkauft wird.
Das tumultuarische, verräucherte Palaver der Stammkneipenrunde, die diskrete Unterredung der Attachés und Diplomaten, das Gemauschel der Teppich- und Diamantenhändler, die Besprechung zwischen Richter und Staatsanwalt, das heimliche Geflüster der Liebenden und tausend andere Dialogsituationen zeigen: Es gibt kein allgemeines, einheitliches oder allein verbindliches Schema und Ethos des Diskurses und Gesprächs; jeder Dialog hat sein eigenes Lokalkolorit, seinen eigenen psychosozialen Hintergrund, sein eigentümliches Idiom.
Es gibt keinen rationalen Dialog zwischen Habermas und seinen Opponenten wie Lyotard, Foucault und Deleuze, die ja die Idealität des herrschaftsfreien Diskurses in Frage stellen.
Welches Grauen oder welche Lachanfälle überkommen einen angesichts von pseudomephistophelischen Visagen oder verlogenen Frömmigkeitsmasken solcher, die sich rühmen, sich selbst verwirklicht zu haben.
Normen wie die des Ausgleichs, der Vergeltung, der Wiedergutmachung oder der Ahndung des Unrechts hat nicht Vernunft in steinerne Tafeln gemeißelt, sondern entspringen der Verletzlichkeit der Lebenssubstanz. Vernunft kann sie nicht begründen, sondern nur praktikable Folgen und angemessene Mittel ableiten, die der Durchsetzung von Normen dienen, wie Arten der Vergeltung oder der Bestrafung.
Nur der einzelne Täter trägt seine individuelle Schuld, freilich im Mythos und bei den Deutschen auch die Eltern, die ihn zeugten, oder seine Nachbarn, ja seine ganze Sippe, auch wenn sie der Tat nicht einmal beiwohnten.
Aus deiner Verpflichtung, mir das geliehene Geld zurückzuerstatten, folgt mein Recht, es einzufordern, solltest du den ausbedungenen Rückgabetermin verstreichen lassen. – Aus der Pflicht folgt das Recht, nicht umgekehrt.
Je mehr Rechte man der von archaischen Impulsen getriebenen und von Aufrührern leicht entzündbaren Masse einräumt, umso mehr verwildert der amtlich gepflegte öffentliche Garten der Pflichten.
Die moderne Demokratie hat keinen singulären Anspruch auf Rechtsstaatlichkeit, auch die Sklavenhaltergesellschaft der Römer, das imperiale England und das über Pickelhauben thronende Preußen waren Rechtsstaaten.
Gut, ich bin immer noch verpflichtet, dem Nachbarn, der mir Geld geliehen hat, die Summe wie ausbedungen zu erstatten; nicht aber, nachdem er mich als arbeitsscheuen Parasiten bei Krethi und Plethi und meinen Freunden verleumdet hat, ihm mit Hochachtung zu begegnen; habe ich meine Schuldigkeit getan, besteht meine Form der Anteilnahme an seinem Schicksal darin, ihn zu ignorieren.
Die angeblich allgemeine Norm, die mich dazu verpflichtet, Hinz und Kunz in gleicher Weise wie meinen Freund und Wohltäter zu achten, haben lebensfremde Theologen oder doktrinäre Gesinnungsethiker wie Kant und Habermas ausgebrütet.
Gott bewahre uns vor dem Weltethos eines Hans Küng oder Jürgen Habermas, denn es ist die alle Lebensfrische und schöpferische Lust erstickende Gärung über der kulturellen Einebnung der lokalen und nationalen Kulturen. Ach nein, es ist nur der süßliche Fäulnishauch über der Verrottung der eigenen nationalen Kultur.
Die Athener hatten ihren Ostrakismos, der die Verbannung des Verurteilten nach sich zog; unser Scherbengericht besteht in der Ächtung der Person und ihren Ausschluß aus der medialen Öffentlichkeit. – Dem Scherbengericht freilich, das Jürgen Habermas über Ernst Nolte einberief, folgte allerdings nicht nur seine Ächtung und sein Ausschluß aus der Öffentlichkeit, sondern auch sein Exil.
Wer dem hohen Ethos der Eliten nicht willfahrt, wird zunächst zur Persona non grata abgestempelt, dann für einen Geisteskranken erklärt, mit dem ein vernünftiges Gespräch zu führen ganz unmöglich sei.
Hegel und Marx: die Paten; Lenin, Mussolini, Hitler, die Enkel und Erben.
Die zugleich absurde und faszinierende Idee: Das Ich, der Geist, die Menschheit durchlebe und durchleide das Drama der Entäußerung und Entfremdung bis zum höchsten Grade des Selbstverlustes, der die Peripetie, den Umschwung der Wiederaneignung in der absoluten Selbsterkenntnis oder der befreienden Tat der Avantgarde einleitet. Die Avantgarde und ihre Schergen können dann, vom Weltgeist oder dem Gesetz der Geschichte autorisiert, getrost darangehen, den leider noch verbliebenen Rest an Äußerlichkeit und Fremdheit, der den reinen Selbstgenuß verdirbt und verhindert, den Bourgeois, den Kulaken, den Juden auszumerzen.
Was uns an Versen blieb
Das Glück war uns wie Mondes Schwanken
auf Wellen, die ins Dunkel gleiten,
ein goldner Wink aus Rebenranken,
daß wir zur Waldkapelle schreiten.
Und war die Schwelle auch geborsten,
die Lilien welk, verrußt das Bildnis,
noch stiegen Nebel aus den Forsten,
noch rann der Purpur in die Wildnis.
Und ward die Heimat uns genommen,
da unter Lauben wir gesungen,
spät ist ein Schwan ins Schilf geschwömmen,
die Knospe Lächeln aufgesprungen.
Was uns an Versen blieb, der Schauer
von Nachttau in der irdnen Schale,
er wölkt zu Efeus trunkner Trauer,
verzehrt vom gnadenlosen Strahle.
Mit Flammenzungen singen
Daß wir mit Flammenzungen singen,
der Sang sich wölkend moduliert,
wenn Ambra wir und Weihrauch bringen,
noch Glut die Abschiedshymne schürt.
Frag nicht, woher die Flammen nehmen,
schläft unterm Schnee das Herz vereist,
ob Blitze fahren in die Schemen,
die uns ersticken Mut und Geist.
Daß wir in Sommernächten schwanken
mit Knospen, die sich aufgetan
dem vollen Mond, sich Stimmen ranken
sanft um den weißen Muschelkahn.
Frag nicht, ob uns das Dunkel weiten
noch Rosenlicht und Fliederschaum,
ob Schimmer auf dem Wasser gleiten,
rinnt Mondes Tau im Schwanenflaum.
Wir sind ein Faden nur
Wir sind ein Faden nur, gesponnen
in bunten Teppichs Rankenspiel.
Wir sind ein Tropfen nur, zerronnen
in dunklen Strömen ohne Ziel.
Der Teppich, dem zum Zwirn wir dienen,
zeigt goldner Knospen Wiederkehr,
bald glänzen Siegel voll Rubinen,
bald schatten Reben, traubenschwer.
Es heben uns die hohen Wogen
für Augenblicke an das Licht,
für Augenblicke schäumt der Bogen,
bis ihn der Teer der Nacht verpicht.
Sind es die Musen, sind es Moiren,
die uns verweben in das Bild,
schmilzt Schnee auf Gipfeln, ungeheuren,
von denen unser Dasein quillt?
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Der Irrwitz triumphiert nicht trotz seiner Absurdität, sondern wegen ihrer.
Je absurder die Idee, umso faszinierender und wirkmächtiger.
Die Idee, daß die Bedeutungen der Wörter die Schatten der Dinge sind, die sie bezeichnen, die Idee, daß wir aus dem Gebaren des anderen erraten, was wir an uns selbst mit Gewißheit erfahren, die Idee, daß wir immer wieder in Selbstgespräche verwickelt als Monaden existieren, die Idee, daß es eine innere Erfahrung gebe, die wir mittels derselben Methoden und Metaphern beschreiben können wie die äußere Erfahrung.
Man kann vor dem eigenen Schatten erschrecken. Dann gewahren wir, daß er stets mitwandert, und beginnen wie mit einem treuen Begleiter mit ihm zu sprechen, ja ihm die intimsten Geständnisse zu machen. Schließlich haben wir den Gipfel erklommen, und im Zenit des Mittags schwindet er für selige Augenblicke dahin – wir verstummen. Die Sonne zieht weiter, der Schatten taucht wieder auf, und wir setzen das Zwiegespräch fort. Die Sonne sinkt, der Schatten wird länger, fragiler, zerfranst an den Rändern und verschwimmt endlich in der einbrechenden Dämmerung mit all den anderen Schatten, bis wir, selbst Schatten unter Schatten, uns im Schilf der Nacht verirren.
„Wer hält mit Wache?“ – „Ich!“ Nicht das eitle Geschwätz in Ich-Erzählungen zählt, sondern das Wort, zu dem einer steht.
„Ich fühle mich matt“, „Ich habe Peter gestern im Park getroffen“, „Ich erinnere mich nicht an den Namen meines ehemaligen Lehrers“ – diese Sätze versteht jeder, der sie oder ihnen ähnliche bilden und aussprechen könnte.
Wenn wir mit einiger Gewißheit annehmen, daß es sich bei dem Sprecher um keinen Simulanten handelt, können wir davon ausgehen, daß er mit dem Satz „Ich fühle mich matt“ ausdrückt, was er meint.
Aber teilt er uns damit eine unbezweifelbare Wahrheit oder unerschütterliche Gewißheit mit? – Nein, denn es gibt keine unbezweifelbaren Wahrheiten oder unerschütterlichen Gewißheiten, es sei denn, es handele sich um schlichte Tautologien; aber dieser Satz ist nicht tautologisch.
Wir können nicht sagen, daß uns jemand, der ein bestimmtes Empfinden oder eine bestimmte Wahrnehmung ausspricht, etwas Wahres mitteilt. Der Satz „Es hat geregnet“ kann wahr oder falsch sein, die Äußerung „Ich glaube, es hat geregnet“ entzieht sich dieser Alternative.
Wir können aus dem wahren Satz „Es hat geregnet“ folgern, daß die Straße naß ist. Aus dem Satz „Ich fühle mich matt“ können wir dagegen nichts folgern.
Derjenige, der den wahren Satz „Es hat geregnet“ äußert, tut etwas kund, was er weiß. Wissen bedeutet, über eine wahre Information verfügen, eine Information freilich, die uns auch entgangen oder vorenthalten und verschwiegen worden sein könnte, eine Information, die wir auch hätten in den Wind schlagen können. Mit der Äußerung „Ich fühle mich matt“ tun wir nichts kund, was wir wissen, und also auch nicht wissen könnten. Denn wir äußern mit diesem Satz keine Information, die uns auch hätte entgehen oder vorenthalten und verschwiegen werden können, keine, die wir in den Wind hätten schlagen können.
Es ist eine absurde, freilich von Philosophen gern aufgegriffene und verbreitete Idee, Äußerungen in der Ich-Form als informative, deskriptive oder wahrheitsfähige Sätze zu nehmen und sie in Analogie zu jenen Sätzen zu behandeln, mit denen wir kundtun, was wir wissen oder zu wissen glauben.
„Ich weiß, daß p“ ist kein informativer Satz über p, sondern über eine Glaubensgewißheit des Sprechers; denn es könnte auch gelten: nicht-p.
Man vergißt, daß „ich“ kein Begriff für ein etwas, sondern ein Wort der Umgangssprache zur durch Deixis geleiteten Orientierung im sprachlichen Lebensraum ist. „Wer hat das Heft verloren?“, fragt der Lehrer vor der Klasse. „Ich!“ Oder, was damit kongruieren kann und auf den Spielraum der Übersetzbarkeit von Äußerungen der ersten und dritten Person verweist, Hilde antwortet: „Peter!“
„ich“ ist kein Substantiv, es vermehrt seine Bedeutung nicht dadurch, daß wir es substantivieren.
„ich“ ist kein Nomen, sondern ein Pronomen.
Wir unterscheiden die Ich-Funktion als biologisch bis ins urzeitliche Leben reichende Leistung sowohl vom Bewußtsein als auch von der Sprache. Schon der Einzeller, die Amöbe, lebt gleichsam im Schatten der Ich-Funktion, wie jeder Organismus, der durch osmotisch atmende Hautgrenzen vom System seiner Umwelt unterschieden und im ununterbrochenen chemischen und sensorischen Austausch mit ihr im Gleichgewicht oder gleichsinnig mit ihr ist.
Es gibt keinen originären Anfang des Denkens, man kann mit jedem beliebigen Ding beginnen. Du nimmst einen Krug zur Hand und wandelst mit ihm durch Räume und Zeiten, vom Symposion Platons bis zur Hütte Heideggers.
Ich bin immer irgendwann irgendwo, aber nicht „in mir“, „im Kopf“ oder „in einem mentalen Zustand“. – Bin ich freilich im mentalen Zustand des Erinnerns, dann bezieht er sich auf ein Ereignis in der Welt, an dem ich irgendwann irgendwo Anteil hatte. Davon kann ich berichten; mein Freund aber kann einwenden: „Nein, damals waren wir nicht am Bodensee, sondern am Walchensee.“
Sätze, die mit „Ich“ anfangen oder in der Ich-Form auftreten, sind meist nicht aus sich selbst heraus verständlich. „Veni, vidi, vici“ verstehen wir erst, wenn wir wissen, wer es bei welcher Gelegenheit gesagt hat.
Das präreflexive Moment an dem Wörtchen „ich“ ist nur der Niederschlag der Tatsache, daß wer es spielend-leicht wie aufgrund subkutaner Intuition ausspricht, seinen korrekten Gebrauch der in früher Kindheit ausgereiften biologischen Ich-Funktion verdankt.
Erst sagt der kleine Peter: „Peter müde!“, später dann „Ich bin müde“; dies verweist auf keinen Zuwachs an Einsicht, sondern an Beherrschung der Normalsprache.
Wir sprechen uns keine aktuellen mentalen Zustände zu, sondern haben sie.
Wir sagen: „Ich bin zu müde, um weiter in dem Buch zu lesen“; dagegen: „Gestern war ich zu müde, um weiter in dem Buch zu lesen“; in diesem Falle berichten wir von jener Person (und sprechen ihr den betreffenden mentalen Zustand zu), die gestern hätte sagen können: „Ich bin zu müde, um weiter in dem Buch zu lesen.“
Unsere Empfindungen sind mehr oder weniger intensiv, aber sie entbehren im Unterschied zu unseren Wahrnehmungen der Kriterien von richtig und falsch. Ich sage „Das ist eine Fichte!“; der botanisch beschlagene Freund korrigiert: „Das ist eine Tanne.“
Das Grundübel des deutschen Idealismus, das sich der Phänomenologie und dem Existenzialismus weitervererbt hat, sein Ausgang vom welt- und sprachlosen Subjekt, ist seinerseits ein Erbe der kartesianischen ontologischen Differenz zwischen res cogitans und res extensa. Hier ist die Sprache, die sprachliche Lebenswelt, unterschlagen. Ich lerne ja die Dinge benennen, und kann darin korrigiert werden, statt Tanne Fichte zu sagen. Doch bliebe ich meinem Fehler verhaftet, vertiefte sich mein Kontakt zu den Dingen nicht aufgrund der Rede der Sprachgemeinschaft, der ich angehöre.
Daß die Bedingung, der Grund, der Reflexion nicht wiederum Reflexion sein kann, diese logisch-epistemische Trivialität wird uns als tiefe Einsicht verkauft.
Welche absurde Mystifikation, welch ein Taschenspielertrick liegt in der Annahme, das sogenannte Ich habe sich selbst „gesetzt“. – Als habe man das Sophisma von der Selbsterzeugung Gottes vom Himmel der Transzendenz ins Zwielicht der Immanenz verlegt.
Das fatale Wirken schiefer Bilder und verfehlter Metaphern: als wäre meine Aufmerksamkeit darauf, was mir widerfährt, wenn mich eine Empfindung beeindruckt, dem Sehen mit einem inneren Auge zu vergleichen.
Freilich schenken wir dem, was wir für uns so treiben wie Lesen oder Schreiben oder eine Rechenaufgabe lösen, mehr oder weniger große Aufmerksamkeit. Wir lesen einen Satz Fichtes wie „Dem Ich ist ein Auge eingesetzt“ und fühlen, wir haben ihn nicht verstanden, wir lesen erneut mit größerer Aufmerksamkeit; allerdings vergebens – oder vielmehr, wir verstehen, es dämmert uns, weshalb er unverständlich ist.
Mit der Fähigkeit, ich zu sagen, betreten wir den sozialen Raum der Kontrolle, Normierung, Verpflichtung und Verantwortung. Deiner Zusage, mir das geliehene Buch morgen auszuhändigen, muß der korrespondierende Sprechakt in Form der ersten Person vorausgegangen sein. Die psychotische Störung dieser Fähigkeit entlastet den Sprecher, auch wenn er den korrekten Sprechakt geäußert haben sollte, von seiner Verantwortung, sollte er seine Zusage nicht eingehalten haben.
Der sprachliche Lebensraum, in dem wir Ich-Sätze äußern, ist alles andere als subjektiv, nämlich der intersubjektive Raum der gemeinsamen Sprache und der sprachlich übermittelten Bedeutungen sowie die objektive Lebenswelt der materiellen und immateriellen Güter, der sozialen Gepflogenheiten und Institutionen.
Weil sie die erhabenen und tröstlichen Gefühle, die der alte Glaube oder ihr Kinderglaube vermittelt hat, auch nach seiner Zersetzung durch Bibelkritik und Aufklärung nicht ganz missen wollen, finden gewisse Philosophen im trüben Verlies der Innerlichkeit ein winziges Oberlicht, in das bisweilen die Sonne heiterer Jugendtage hineinzublinzeln scheint.
Aber diese Sonne strahlt nur auf einer kitschigen Tapetenwand in der Rumpelkammer der Erinnerung.
Wie töricht, danach zu fragen, wie das Ich wahrzunehmen oder zu erkennen sei! „Ich“ ist eben jene Instanz, der wir das Wahrnehmen und Erkennen zusprechen.
Ich nehme nicht MICH wahr, sondern beispielsweise die Bewegungen meiner Hand, wenn ich einen Schnürsenkel binde.
Wie anders töricht wiederum, Ich und Bewußtsein unmittelbar zu verbinden: Der Rezeptionsraum meines Empfindens ist groß genug, daß ich noch an seinem Rand (dem Rand des Gesichtsfeldes, des Hörfeldes, des Tastfeldes) winzige Lichtflecken, verschwebende Klangfarben oder minimale Temperaturschwankungen bemerke, von denen ich allerdings nicht sagen könnte, daß ich sie bewußt wahrgenommen habe.
Es ist Unsinn, das Modell der Wahrnehmung und speziell der visuellen Wahrnehmung (der Beobachtung) auf das zu übertragen, was wir Selbstgefühl nennen; was wir erleben, wenn wir uns die Finger verbrennen oder der Wein uns mundet. Das Schmerz- und das Lustempfinden sind unmittelbar mit dem, nicht abtrennbar von dem, der sie hat.
Selbstwahrnehmung und Selbsterkenntnis sind philosophische Chimären.
Man lernt sich nicht kennen, wenn man die Augen schließt.
Ich erkenne meinen Freund Peter auf der anderen Straßenseite anhand der Wahrnehmung seiner individuellen Gesichtszüge und seines eigentümlich schleppenden Ganges; aber es ist unsinnig zu sagen, daß ich mich anhand meiner individuellen Gesichtszüge oder dem eigentümlichen Leberfleck am Hals im Spiegel erkenne.
Man kann Peter mit Paul verwechseln, wenn beide eineiige Zwillinge sind; aber man kann sich selbst nicht mit einem anderen verwechseln.
Die mathematische Gleichung zeigt uns, daß der Wert links vom Gleichheitszeichen identisch mit demjenigen rechts vom Gleichheitszeichen ist; doch die Formel Ich = Ich, die hochtrabende Rede von der Selbstidentität oder von der Einheit des Bewußtseins mit sich selbst sind philosophischer Nonsense.
Wie lernt man sich kennen? Nun, seine Fähigkeiten, indem man eine neue Sportart oder Sprache erlernt; seine Empfindungsfähigkeit, indem man sich dem Genuß exotischer Weine oder chinesischer Gedichte hingibt; seine intellektuellen Möglichkeiten und Grenzen, indem man wieder einmal Wittgensteins Traktat liest.
Was Philosophen Bewußtsein und Selbstbewußtsein nennen, ist nicht das Ergebnis einer Erkenntnis, die sich auf einen ominösen inneren Beobachtungsgegenstand bezieht; solche Benennungen sind nur eine hochgestochene Redeweise, ein rhetorischer Nebel um die schlichte Tatsache, daß ich auf die Frage: „Hast du gesehen, daß die Ampel auf Rot gesprungen ist?“ mit „Ja!“ antworte und damit meine: „Allerdings, das ist mir nicht entgangen.“
Es gibt nichts, dessen ich gewahr oder mir bewußt sein könnte, ohne die korrespondierende Empfindung oder Wahrnehmung; es ist daher unsinnig zu behaupten, ich wäre meiner selbst in einem absoluten Sinne, unabhängig von aller Erfahrung, bewußt.
Ich ziehe meine Hand instinktiv zurück, um sie vor dem Feuer zu schützen; ich könnte mir eine siamesische Lebensform mit einer anderen Person ausmalen, bei der ich die Hand dieser mit mir neuronal verdrahteten Person spontan vor dem Feuer zurückziehe. Aber handelt es sich dann noch um IHRE Hand?
Der Unterschied zwischen meinem Schreibtisch und meinem Körper besteht darin, daß jener mein Eigentum, dieser aber ein Teil meiner fühlenden und empfindenden Person ist.
Du hast mir das Buch zurückgegeben: Das Buch ist wieder im Besitz dessen, der als Eigentümer von Dingen die Person ist, die einzig von ihnen sagen kann: „Sie gehören mir.“ Dagegen sagen wir nicht von Gliedern unseres Körpers, daß sie uns gehören, höchstens, daß sie zu uns gehören (wie wenn Kinder „Hände-Übereinanderklatschen“ spielen).
Wenn wir den Satz äußern „Das Buch gehört mir“, setzen wir eine ganze sprachliche Lebenswelt von rechtlichen Institutionen und juridischen Sprechakten voraus, innerhalb deren Personen auftauchen, die sagen können: „Ich kaufe das Auto“, „Ich leihe dir das Buch“, „Ich erhebe Anspruch auf Wiedergutmachung“ und tausend andere Wendungen mehr.
Wer „ich“ sagt, hat noch gar nichts gesagt.
Die Rede vom Selbstverhältnis gehört zu den Mystifikationen der idealistischen Philosophie. Ich mag ein heimliches Verhältnis mit meiner Nachbarin haben, ich habe vielleicht ein gebrochenes Verhältnis zu bestimmten Personen aus meiner Vergangenheit, aber ich habe kein Verhältnis weder mit mir noch zu mir.
Statt sich in gestelzter Rede ein problematisches Selbstverhältnis zuzuschreiben, könnte einer sagen: „Als ich sie mit ihrem neuen Geliebten sah, wollte ich im Erdboden versinken“, „Mir ist, als würde ich mit Prothesen fühlen“, „Früher wußte ich, was ich wollte, heute bin ich ein Schatten meiner selbst“ oder „Allem, was ich tue und sage, fehlt die lebendige Frische.“ – Hier müßten sich Betrachtungen über die pathogene Macht von Gefühlen und Haltungen wie Scham, Willensschwäche und Schwermut anschließen; ohne Rückgriff auf objektive Daten der sozialen und sprachlichen Lebenswelt aber sind sie nicht zu leisten.
Wenn wir vor den Sophismen des Subjektivismus zurückschrecken, lockt uns nicht das angeblich sichere Fundament einer objektiven Wissenschaft oder das abstruse Projekt einer Naturalisierung des Subjekts und des Bewußtseins; vielmehr öffnet sich uns das weite Spielfeld der sprachlich aufgebauten und mitgeteilten Bedeutungen.
Eines Tages entdeckten wir, daß Walfische keine Fische, sondern Säugetiere sind; wir mögen sie weiterhin Walfische nennen, aber setzen das Wort gleichsam in Anführungszeichen. Könnte Philosophen etwas ähnliches mit dem Wörtchen „ich“ widerfahren?
Die elbische Nacht
Wenn abendblaue Schatten gleiten
auf schneeverwehtem Teich,
willst du ans Ufer mich geleiten,
still schwebend, schwanengleich.
Ich wußte nicht, woher noch füllen
das Wort, den hohlen Krug,
den Brunnen, die den Sommern quillen,
war Schneelicht nicht genug.
Du hast mit Schmelz von zarten Flocken
gesalbt mir Stirn und Mund,
mein Fühlen glühte, unerschrocken,
Nacht tönte hell im Grund.
Und bist du elbisch auch entschwunden
im mondgeküßten Dunst,
das Schweigen hast du mir entbunden,
den tiefen Quell der Kunst.
Diurnum philosophicum II
Philosophische Sentenzen und Aphorismen
Schritt, Trab und Galopp, die drei Gangarten des Pferdes. Der überzüchtete Mensch kennt deren mehr, wie das Staken des Mannequins, das feierliche Schreiten des Priesters, den Stechschritt des Soldaten, Wandeln, Gehen, Hasten, Laufen, Rennen, Springen, Sprinten, Schleichen, Pirschen, Schlurfen, Schlendern, Stolzieren …
Gewisse Insekten mit Facettenaugen sehen in Farbräume, die uns für immer verschlossen sein mögen. Doch welche andere Gattung erfand Farbpaletten wie die eines Tizian, Tintoretto, Pontormo Rubens oder Monet?
Der Schwerttanz männlicher Kampfesfreude, der Schwanentanz weiblicher Anmut.
Die mythisch-expressive Polarität von Schilfrohr und Schildkrötenpanzer, Flöte und Laute, Pan und Apollo, Musik und Dichtung.
Zwei Arten von Dummheit, die des Instinkts und die des Verstandes; die erste weiß nicht, wohin sie will, die zweite nicht, wie sie dahin gelangt.
Die erste Art ist die gravierende, obwohl die zweite in den Formen von Schusseligkeit, Zerstreutheit, Vergeßlichkeit und Borniertheit eher ins Auge sticht. Denn nicht zu wissen, was man will, ist ein Kennzeichen der Entwurzelung und Degeneration, wogegen kein Kraut gewachsen ist; dem auf dem Weg Verirrten kann durch eine gute Wanderkarte ein Licht aufgesteckt werden.
Der Mann unterliegt bekanntlich mehr der Gefahr, Zweck, Sinn und Ziel seines Treibens aus dem Auge zu verlieren, als die Frau, die stärker unter den gleichsam konventionellen Formen von Dummheit zu leiden pflegt.
Die instinktíve Gewißheit bedarf keiner Gründe der Rechtfertigung, während sie von der intellektuellen meist eingefordert werden können.
Wir üben gestische und verbale Formen der Begrüßung; wer fragt, warum, wird rechtens mit der Antwort abgespeist: „Weil wir Höflichkeit für eine Tugend halten.“ Wer weiter fragt, macht sich lächerlich.
Das helle Tier wittert die Gefahr, zumal im widrigen Gestank verrotteten Fleisches, wenn es sich nicht gerade um Aasfresser handelt; der degenerierte Mensch wird vom Fäulnisgeruch des Untergangs wie die Fliege vom glitzernden Dung angelockt.
Die Schärfe männlichen Verstandes ist eine Funktion taktiler und visueller Orientierung; so gelang die frühe Meisterung der Jagd- und Kriegstechniken oder der Geometrie.
Der tödliche Pfeil Apollos trifft ins Herz, ebenso der anders tödliche, der Pfeil des Eros.
Das Flechtwerk, die gewebten Muster, die fluiden Ornamente rinnen rhythmisch aus weiblicher Hand, ihr Kennzeichen: Sie haben nicht Anfang noch Ziel, sie kehren in sich selbst zurück.
Die sehende Hand des Töpfers und Malers, die fühlende der Liebkosung, die sprechende der Gestikulation.
Das Zeigen ist ein Äquivalent des Sprechens.
Der unendliche Dialog zwischen Auge und Hand ist nicht sokratisch-dialektisch; hier werden keine überflüssigen oder Wesensfragen gestellt, die Hand folgt der Führung durch den Blick , das Auge ist der Hand immer einen Sprung, einen Deut voraus; doch manchmal überläßt das Auge die Hand auch ihrer blinden, gleichsam somnambulen und traumtänzerischen Fühlungnahme und Handhabe der Dinge oder den Routinen und Automatismen des Werkzeuggebrauchs. Das Thema der Unterredungen zwischen Auge und Hand sind die zu handhabenden Dinge wie Messer und Gabel, Schnürsenkel und Türklinken, Schlüssel und Tasten, Seife und Handtuch und die zu bewältigenden Stoffe (oder Substanzen) wie Wasser, Erde oder Feuer, Teig, Leim oder Holz.
Der Schlüssel muß ins Schloß passen, öffnet nur rohe Gewalt die Tür, ist das Schloß zerstört.
Es ist fatal, statt auf die Bremse auf das Beschleunigungspedal zu treten; unklug, die Dame im Schachspiel ohne Deckung zu lassen; blamabel, die ironische Frage als wörtliche mißzuverstehen.
Es ist töricht, wenn auch verbreitete philosophische Unart, anzunehmen, ähnliche Wörter würden auf dieselbe oder analoge Art und Weise Bedeutung vermitteln oder verleihen; aber Herr Müller ist kein Müller, das Bewußtsein ist kein Sein, Ich ist kein Name, die Farbe hat keine Ausdehnung, das Bild ist nicht sein Gegenstand.
Man wird nicht leichter, wenn man sich wie eine Balletteuse auf die Zehenspitzen stellt.
Man wird nicht verständlicher oder glaubwürdiger, wenn man statt mit der platten Wahrheit herauszurücken einen rhetorischen Spitzentanz aufführt.
Der eingebildete Kranke ist krank; nur leidet er nicht an der körperlichen Krankheit, die sich seine Hypochondrie ersann, sondern einer seelischen.
Ein Dichter, der nie den Vers hinschreibt, den er eigentlich schreiben wollte; und so schreibt er weiter.
Das Farbspektrum, das die Physik Newtons zerlegt, ist eigentlich unsichtbar.
Zu fragen, wie die Welt des Tastbaren, Fühlbaren, Sichtbaren, Hörbaren, kurz die Welt der Empfindung, unsere Welt, in die farblose, unsichtbare, stumme Welt der Objekte paßt, ist ähnlich unsinnig wie die Frage, wie man mit toten Figuren wie denen des Schachs ein geistreiches Spiel spielen kann.
Unsinnig, wie zu fragen, was toten Buchstaben den lebendigen Hauch verleiht, sodaß wir verstehen, was wir lesen.
Der Irrtum Kants, daß Anschauung und Begriff verschiedenen kategorialen Ordnungen angehören. Ich sehe keinen Farbklecks, der sich mir mithilfe des Verstandes als Rose entpuppt, sondern eine Rose, und weiß ich nicht, um welche Blumenart es sich handelt, doch eine Blume.
Es gibt kein geistiges Mysterium derart, daß ein an sich unsichtbares, gestaltloses, farbloses, geruchsloses, stummes Etwas sich in eine duftende Rose oder einen verständlichen Lautkomplex verwandelt.
Es gibt kein An sich, das sich in ein Für mich verwandelt. Dies ist der Irrweg der idealistischen und existentialistischen Denker von Hegel bis Sartre.
Wir wissen nicht, ob „Gott“ Gott bedeutet, so wie wir wissen, daß „Mond“ den einzigen planetarischen Trabanten der Erde bedeutet und Wasser H2O.
Die Erde ist zu groß, das Leben zu abgründig, die Sprache zu komplex, als daß wir begreifen oder auf den Begriff bringen könnten, was wir hier treiben.
Homer hatte keine Ahnung davon, daß er in der antiken Welt lebte; wie können wir uns vermessen, anzunehmen, wir lebten in der Neuzeit, der Moderne, der Postmoderne?
Du mußt nichts Besonderes sein oder anstellen – du atmest weiter, solange der Atem nicht aussetzt.
Das kleine Mädchen sagt: „Die Puppe schläft“ und meint damit, wir sollen leise sein, um sie nicht aufzuwecken. Sie zeigt auf ihr schlafendes Brüderchen: Meint sie dasselbe, wenn sie sagt: „Peter schläft“?
Wir verstehen unter „schlafen“ einen Zustand, aus dem man erwachen kann. Meint das Kind dies, wenn es die Puppe mit dem intelligenten Mechanismus hochhebt, der sie die Augenlider aufschlagen läßt, und sagt: „Jetzt ist die Puppe wach!“?
Es gibt keinen Dietrich für alle Zimmer im Grand Palais Abgrund, keinen Universalschlüssel für alle Fragen des Lebens.
Ähnlich wie der Name Berlin an sich nichts bedeutet, sondern Bedeutung erst in Sätzen annimmt wie „Berlin liegt an der Spree“, verhält es sich mit den Personalpronomina, allen voran dem der ersten Person; denn „ich“ und seine deklinierten Formen bedeuten nichts, es funktioniert als Bedeutungsträger erst in Sätzen wie „Ich gehe jetzt nach Hause“, „Gib mir doch bitte Deine Telefonnummer“, „Ich habe Schmerzen“ oder „Ich erinnere mich nicht an seinen Namen.“
Wenn ich sage, daß ich Schmerzen habe, spreche ich, wie Wittgenstein betont, keinem obskuren Wesen eine spezifische Empfindung zu; darin könnte ich mich irren. Nicht aber in meinem Schmerzempfinden.
Wir können den deskriptiven, also wahrheitsfähigen Satz „Er hat Schmerzen“ nur jener Peter genannten Person zuschreiben, wenn wir davon ausgehen, daß Peter nach seinem Befinden gefragt sagen könnte: „Ich habe Schmerzen“, aber auch „Mir geht es gut.“
Wir schreiben Peter spezifische mentale Zustände zu; Peter nicht sich selbst.
Die Fähigkeit, ich zu sagen, weist per se und unmittelbar auf nichts Höheres, Tieferes, Metaphysisches hin, wie die Idealisten und Dieter Henrich meinen, sondern ist das Kennzeichen für die Tatsache, daß ein mit Wahrnehmung und Empfindung begabtes Lebewesen perspektivisch zentriert ist. Diese Tatsache muß auch für Tiere gelten; auch wenn sie nicht in unserem Sinne über Sprache verfügen, wird ihr Wahrnehmen und Empfinden bis zu einem vielleicht schattenhaft-rudimentären Grade zentriert sein.
Es ist kein metaphorischer Gebrauch des Reflexivpronomens, wenn wir sagen: „Der Hund freut sich, sein Herrchen wiederzusehen“, „Die Maus flüchtet in ihr Erdloch, denn sie fürchtet sich vor der Wildkatze“ oder „Die Katze gähnt und langweilt sich.“
Wir drücken mit der Interjektion „Aua!“ aus, was der getretene Hund durch sein Gewinsel kundtut.
Nur Verrückte oder Philosophen haben, was man ein einheitliches Weltbild nennt; der Paranoiker glaubt, daß alle ihm an den Kragen wollen, ja, daß Gott ihn in diese Welt voller Gefahren und Anfechtungen verbracht hat, um ihn zu bestrafen oder zu seinem eigenen voyeuristischen Vergnügen zu foltern; die paranoische Methode dechiffriert alle Erfahrung auf diesen trüben, armseligen Gehalt. Hegel wähnte, der Weltlauf sei eine zwar vertrackte und verwackelte, aber mit der dialektischen Methode zu dechiffrierende Verlaufsbahn von Ereignissen, die in seiner eigenen Existenz mündet.
Die ursprüngliche Mannigfaltigkeit der Methoden zur Bewältigung und Lösung von Schwierigkeiten, Problemen, Fragen: Wegmarken und Karten führen den Wanderer an sein Ziel, mit der veralteten Karte bleibt er stecken; mittels des Umwegs von Einsetzungen und Umstellungen lösen wir die Gleichung, bloßes Raten führt hier nicht weiter; durch Abgleich mit ähnlichen Stellen im Gesamtwerk des lateinischen Dichters vermag der Philologe die Lücke im Manuskript zu schließen, reine Intuition kann ihn in die Irre leiten.
Die natürliche Ungleichheit der menschlichen Individuen zeigt sich nicht nur an der Singularität des Fingerabdrucks, der Handschrift oder der Gehirnwindungen, sondern offensichtlicher noch an der weiten Skala unterschiedlicher Fähigkeiten, Begabungen und Neigungen – von den motorischen Leistungen über die Grade der Aufmerksamkeit bis zu sexuellen Vorlieben und Perversionen; jeder hat sein spezifisches Sensorium, jeder seine eigenwillige Idiosynkrasie.
Dichter, nicht Schriftsteller, ist jener zu nennen, der mit einer Sonderbegabung hinsichtlich der Wahrnehmung von Düften, Farben, Klängen, Gestalten und Rhythmen ausgestattet oder auch geschlagen ist. Indes, wenn ihm die alltäglichen Worte und Wendungen wie Pilze im Mund zerfallen, bleibt er Dichter nur, wenn er eben diese Sprachnot wie Hofmannsthal in seinem berühmten Brief an Lord Chandos in geistreicher und ausdrucksvoller Weise kundzutun vermag.
Zigeunerspuk
Sie, deren Lieder uns gezogen
hinab zu leuchtenden Korallen,
wie Geister sind sie aufgeflogen,
uns blieb nur schiefergraues Lallen.
Der Liebe nachtbetaute Daunen,
wie glänzen sie in Mondes Mulden.
O wollet unsrer Öde raunen,
ihr wehmutdunkler Jugend Hulden.
Und die um Flammengarben stampfen
mit den nomadennackten Ballen,
laßt Seufzer aus den Kehlen dampfen,
in weiche Herzen Triller krallen.
Mit zarten Muschelgriffen Klingen,
die wie vereiste Schmerzen blitzen,
sie schneiden durch die Luft und singen,
und Schatten flackern, die sie ritzen.
Uns aber faßt ein süßes Grausen,
wenn mennigrote Brüste starren,
uns bannt ein somnambules Brausen
von Hirtenflöten und Gitarren.
Im Wind der Seidenfächer scherzen
der trunknen Blicke Schmetterlinge,
sie taumeln um den Kelch der Herzen,
und wenn sie schlürfen, stäubt die Schwinge.
Wir schmecken bittrer Wollust Schauer,
wenn ihre Becher klirrend kreisen.
Die kaum sich aufgetan, die Trauer,
senkt ihre Knospe, da sie reisen.
Auf dem Pilgerpfad
Wie ist das Sternbild uns verhangen,
im Dickicht unsrer Angst entrückt,
es hüllt kein Schimmer unser Bangen
von Rosen, die das Lied gepflückt.
Doch sehen wir, daß Tropfen flossen
von Blüten, erdwärts schon gebeugt,
und ewig in sie eingeschlossen
den Glanz, der hohen Sinn bezeugt.
Ward uns der Strahl, der Geist, genommen,
das Rauschen ferner Quellen auch,
scheint fahl ein Mond, im Dunst verschwommen,
im dürren Grase seufzt ein Hauch.
Wie fühlen wir uns ganz verlassen,
auf sternenlosem Pfad allein,
wir können Duldens Sinn nicht fassen,
Moos dunkelt um den toten Stein.
Wir fanden keine Weihestätte,
nicht Kelch noch Kreuz, nicht Gral noch Grab,
wo uns gegrünt, geblühet hätte
der eingesenkte Pilgerstab.
So mögen uns die Wellen tragen
zu Ufern ohne Wiederkehr,
wo blasse Asphodelen ragen
in einen Himmel wüst und leer.
Ein Tropfen Licht
Es ist ein Zittern nur, ein Tropfen Licht
an nächtlich blauem Glase,
es ist ein Mund, der sich ins Dunkel spricht
in schmerzlicher Ekstase.
Die Blüte, die den lichten Tropfen trank,
will einmal noch sich röten,
das Wort sagt monderhellten Quellen Dank,
die es zum Lied erhöhten.
Es ist ein Seufzen nur, ein Hauch der Nacht
in schwanken Uferschilfen,
es ist ein Herz, das bang im Dunkel wacht
bei Ariel und seinen Sylphen.
Undine, sanft vom Abendstern geküßt,
sie mag noch einmal weinen,
das Herz, das geisterhafter Sang umfließt,
will sich mit ihr vereinen.
Diarium philosophicum I
hilosophische Sentenzen und Aphorismen
Was versteht der Blindgeborene, der ein gutes Deutsch gelernt hat, wenn du sagst: „Ah, dort über dem bewaldeten Hügel steht der Vollmond.“?
Das Kleinkind hat schon die sprachliche Stufe erreicht, auf der es Komparative wie „wärmer“, „schwerer“ oder „schöner“ verstehen oder anwenden kann; dann sagt es aber statt „besser“ „guter“ – ein solcher und andere Fehler sind ein Indikator für die Tatsache, daß eine strukturelle Komponente der grammatischen Struktur aktiviert ist.
Unsere Fähigkeit, bestimmte Fehler zu machen, zum Bespiel Rechenfehler oder grammatische Patzer, dokumentiert bisweilen einen mehr oder weniger hohen Grad von Intelligenz.
Die Einwortsätze des Kleinkindes sind keine Interjektionen, sondern der Ausdruck eines Gedankens, wie der Einwortsatz „Mama“ die Bedeutung haben kann: „Hier ist sie ja, die Mama!“ oder „Es wäre schön, wenn Mama da wäre!“
Was wir Willensfreiheit nennen, zeigt sich in der grammatischen Möglichkeit zur Bildung von irrealen Bedingungssätzen: „Hätte ich nicht so lange getrödelt, wäre mir der Bus nicht vor der Nase weggefahren.“
Denken heißt nicht bloß, an etwas denken; wenn ich an den verreisten Freund denke, impliziert dies ja den Gedanken, daß er verreist ist.
Denken heißt ebensowenig, einen wahren Gedanken haben; denke ich an den verreisten Freund, könnte es sich herausstellen, daß er in diesem Moment schon wieder nach Hause zurückgekehrt ist.
Nehmen wir also an, denken heiße, an einen möglichen Sachverhalt denken, wie an den Freund, von dem ich annehme, er sei verreist, obwohl er schon wieder zurückgekehrt ist.
Könnte indes der verreiste Freund nicht gleichsam einen Doppelgänger losschicken, der „statt seiner“ die Heimreise angetreten hat.
Wir zweifeln, ob wir Freund Peter I, der noch in London weilt, in seinem Doppelgänger Peter II, der an unserer Tür geklingelt hat, ansprechen sollen und identifizieren können.
Im Unterschied zum Kleinkind vermischen wir nicht den realen mit dem fiktiven Namen, nicht den Wolf im Tiergehege mit seinem fiktiven Doppelgänger namens Isegrim aus dem Märchen.
Die Semantik des Namens „Gott“ ist noch nicht geschrieben.
Würde der von Geburt Blinde, der die Blindenschrift erlernt und die Gedichte Eichendorffs und Brentanos gelesen hat, wenn er durch ein Wunder in der Nacht seine Sehkraft erlangte und den Schein des Mondes im Fenster gewahrte, ausrufen können: „Ah, das ist also der von den Dichtern vielbesungene und von den Hunden vielbejaulte Mond!“?
Es ist eleganter Unsinn zu behaupten, „luna“ oder „la lune“ oder „the moon“ bedeute „der Mond“, während die schlichte, aber schwer zu fassende Wahrheit in der Aussage ausgedrückt wird: „luna“, „la lune“, „the moon“ und „der Mond“ bedeuten den Mond oder den einzigen planetarischen Trabanten der Erde.
Hermeneutische Frömmler und Sinnpietisten, die das Wort zwar nicht wie ehedem die Schriftgläubigen ins Kloster, aber dafür in die labyrinthischen Verliese der Texte und Texte über Texte, der Bücher und Bücher über Bücher stecken, aus dem es bei Strafe des Sinnverlustes kein Entrinnen geben könne.
Sie schwätzen nach, was der Herr Papa (der Lehrer, der Priester, der Doktorvater) schon immer gesagt hat, um sich als würdig zu erweisen, seinen Posten zu übernehmen. Oder sie widersprechen dem alten Herrn in einem fort auf schnoddrige und impertinente Weise, um sich pubertär aufzuspreizen und trotzig sich in jene Büsche zu schlagen, vor deren Dunkel der senile Angsthase stets gewarnt hat. – Aber im Dickicht wird ihnen nicht bange, denn hier warten schon jene Brüder der Horde, von der Doktor Freud nicht zu unrecht viel Aufhebens gemacht hat; der Horde, die die alte Elite um den realen oder symbolischen Kopf kürzer zu machen gedenkt.
Abertausende in abertausend Generationen müssen den Mond gesehen und gesagt haben „Dort geht der Mond auf“, damit endlich der Astronom mit der Feststellung aufwarten kann: „Der Mond ist der einzige planetarische Trabant der Erde.“
Daraus folgt: Die Subjektivität des Wahrnehmungsurteils, die durch den deiktischen Ausdruck „dort“ angezeigt wird, ist die Voraussetzung der objektiven kosmologisch-physikalischen Aussage.
Nur Organismen mit spezifischen sensorischen Fähigkeiten kommen zu Aussagen wie „Das fühlt sich rauh an“, „Der Ton ist schrill“, „Das Bier schmeckt fade“, „Da geht der Mond auf“. Das verhindert nicht, nein, ist sogar die Voraussetzung dafür, daß dieselben Organismen Wissenschaft treiben, womit sie ihren subjektiven Wahrnehmungen einen objektiven Gehalt verschaffen.
Aber verschafft uns der objektive Gehalt von Begriffen wie Mond, Stern, H2O und Aussagen wie der Pythagoräische Lehrsatz den Ruhm, den Horaz beanspruchte, weil seine Stirn das Funkeln der ewigen Sternbilder gestreift habe?
„Dem halb Ertaubten klingt der Ton, der dir schrill vorkommt, aber weniger schrill, ja sanft.“ – Nun gut; doch hat er noch eine auditive Wahrnehmung, die er entsprechend qualifizieren mag.
Die Rose duftet, „Rose“ nicht.
Seine Musik hat sich auf den Klang des Namens Mozart wie durch einen seltsamen magischen Zauber übertragen.
Herr Grieskram könnte sich eine solche magische Aufladung seines Namens durch noch so große Liebenswürdigkeit und Zuvorkommenheit wohl kaum erwerben.
Das Muster der Tapete, das man im Katalog besieht, sieht der Tapete zum Verwechseln ähnlich. Ja, es ist öfters ein Stück derselben Tapete, die man schließlich käuflich erwirbt und zu Hause an die Wand klebt. Wir werden aufgefordert, einen Probeschluck des delikaten Weins zu wagen, und was wir schmecken, unterscheidet sich in keiner Weise von dem uns kredenzenten vollen Becher, Das Musterhaus ist so, wie das Haus, das man erwerben kann, nur daß hier keiner wohnt.
Das Schema der Sonate, der Fuge, des Sonetts, der Terzine ist keine Sonate, keine Fuge, kein Sonett und keine Terzine. Freilich ähnelt das Schema der Sonate der echten von Schubert im Aspekt einer spezifischen Projektion ihres formalen Aufbaus.
Der Name Berlin bedeutet nichts, es sei denn wir verwenden ihn in Sätzen wie „Berlin liegt an der Spree.“ Und nur ein solcher Satz beglückt uns mit einem sinnvollen Gedanken.
Daraus folgt die semantische Sigularität unserer Art, sprachlich in der Welt zu hausen: Nur mittels grammatisch korrekt geformter Sätze öffnet die Aussage ihr Negligé, zumindest soweit, um das Schimmern ihres köstlichen Inkarnats zu erhaschen.
Der deutsche Idealismus ist eine hybride Scheinfrucht aus der Vermischung der echten und trivialen Verwendung von Begriffen wie „Ich“, „Bewußtsein“ und „Geist“ und ihrer mystifikatorischen in Schein-Aussagen wie „ich ist Ich“ oder „Im menschlichen Bewußtsein kommt der Weltgeist zu sich selbst.“
Man kann nicht alles nach derselben Methode behandeln, wie der Quacksalber Hegel meinte.
Man kann natürlich ein Grafikprogramm entwerfen, mit dem sich eine topographische Karte erzeugen läßt, auf der der Name „Berlin“ neben einem Symbol für Großstadt und der Name „Spree“ neben einem Symbol für Fluß steht; aber für das Programm hat der Satz „Berlin liegt an der Spree“ keine Bedeutung.
Welchen Reichtum an Typologien des weiblichen Geschlechts enthüllt uns der antike Mythos: Nymphe, Dryade, Sirene, Megäre, Mänade, Moira, Muse, Bacchantin, Sylphe, um nur diese zu nennen, oder welchen Reichtum an weiblichen Charakteren die Epen und Dramen, Penelope und Helena, Antigone und Klytämnestra, Elektra, Andromache, Ariadne … Das Ergebnis der urbanen Zivilisierung und Emanzipation des weiblichen Geschlechts ist seine Verflachung, Banalisierung, Entzauberung.
Zu den letzten Kennern der archaischen und mythischen Dimension des weiblichen Geschlechts zählen Baudelaire, Hugo von Hofmannsthal, Knut Hamsun und Friedrich Georg Jünger.
Der gelehrte Mann, das Idol der Aufklärung, ist kurzsichtig, rachitisch, ohne feineren Geschmack für Nuancen, abgedichtet im Verlies der Bibliotheken sowohl vom Blumenhauch wie vom Sturmwind des Lebens. Was soll man über gelehrte Frauen sagen …
Die Katze Baudelaires, die Sylphe Mallarmés und die fade Sinnlichkeit einer Madame Bovary.
Dummheit muß man sich erst leisten können, als Studienrat oder Feuilletonchef beispielsweise, denn sie zeugt vom Mangel und einer Verkümmerung des Instinkts, der in der Wildform des Daseins den stumpfen, vom Knäckebrot der Moral genährten Magersinn, der die Gefahr nicht erkennt, schon vor dem Schatten eines Schattens zurückschrecken läßt, angesichts der Herrscher der Straße, den neuen Nomaden und ihrem keifenden Anhang mit devoten Verbeugungen scharwenzelt und zurückweicht, um in den nächstbesten Gully zu stürzen.
Nicht einmal das jeden scharfen männlichen Syllogismus schlagende Argumentum ad hominem der Frauen, Tränen, lassen sie mehr gelten.
Die Liebesgedichte, die nach der großen Zeitenwende durch die Entdeckung der Alterität und Willkür der sexuellen Zuschreibungen geschrieben werden, wissen sich keinen Reim mehr auf das zu machen, was die großen Dichter der Vergangenheit als Passion und Verhängnis, Treue und Verrat, Faszination und Steigerung aus dem bipolaren Dunkel ans Licht ihrer Sonette und Elegien gehoben haben.
Der elegante Unsinn, dem ganze Generationen zum Opfer gefallen sind, drückt sich in Scheinsätzen aus wie: „Alles ist Interpretation.“ Wie wäre aber dieser Satz zu interpretieren? Nun, er müßte eine Wahrheit zutage fördern, die selbst keiner Interpretation mehr unterläge – und auf diese Weise sich selbst ad absurdum führen.
„Achtung!“, „Vorsicht!“, „Geh zurück!“ sind Ausrufe, die in der entsprechenden Situation von Bedrohung und Gefahr geäußert unmittelbar verständlich sind. Natürlich deuten sie wiederum auf eine propositionale Wahrheit, die sich in Sätzen darstellen läßt wie: „Von links rast ein Auto heran“, „Hier ist eine steile Stufe“ oder „Das ist kein Weg, sondern ein Holzweg.“
Daß objektive Wahrheiten wie die Wahrheit, daß Berlin an der Spree liegt, ihre Relevanz allererst gewinnen, wenn sie in subjektiven Kontexten Verwendung finden, mindert ihre Objektivität nicht im geringsten.
Als Titanenrufe gehandelte Sätze der Philosophie wie „Alles fließt“, „Alle Menschen streben nach Glück“, „Homo homini lupus“ „Gott ist tot“ – wie verflacht, ausgehöhlt und schäbig werden sie alle infolge ihrer Verramschung auf dem Markt der Meinungen.
Widerlegt mittels Zitierung. – Am gründlichsten widerlegt scheint, was am häufigsten zitiert wird.
Der Hase rettet sich vor dem Rachen des Wolfs, indem er einen großen Hymnus auf seinen Erzfeind anstimmt, sich in immer phantastischere Beschwörungen seiner Schönheit, Weisheit und Güte steigert, sodaß Isegrim zunächst aufs höchste geschmeichelt die Pfoten kreuzt und in seiner Eitelkeit gekitzelt den Schweif behaglich hin- und herwiegt, dann aber von der unversieglichen Lobpreisung seiner Tugenden zwar bis zu Tränen gerührt, aber auch gelangweilt und ermüdet wird, schließlich zu gähnen beginnt und träumerisch-versonnen das Haupt senkt und einschläft.
Versunkenes Leben
Wenn aber Schleier niederwehen,
geküßt vom Abendlicht,
kannst du den blauen Schatten sehen,
der sich um deinen flicht.
Wie Rieseln in verschneiten Auen
umwölkt dich Traumgelall,
du willst wie Schnee der Liebe tauen,
o schmelzender Kristall.
Und Hauch hebt an die Schneegirlanden,
die blind der Mond gewebt,
du hörst in fernen Meeres Branden,
wie eine Stimme bebt:
„Wir lauschten nachts dem Spiel der Wellen,
dem Lockruf aus dem Grund,
die Worte schwirrten wie Libellen
an stummem Blumenmund.
Mit Muscheln hast, mit weißen Steinen,
die Namen du gesät,
daß sie zur Inschrift sich vereinen,
doch war es schon zu spät.
Ich tauchte in den Schaum der Wogen,
in der Korallen Bann,
die grüne Nacht hat mich getrogen,
dein Traum zog mich hinan.“
O daß die Schleier weicher weben,
von Wehtau hold genährt,
jungfräulich um versunknes Leben,
bis es der Tod verklärt.
Im Wald der Sprache
Wenn es im Wald der Sprache dunkelt,
wie blicken staunend wir empor,
hat wunderbar Gestirn gefunkelt
durch Laubes zarten Dämmerflor.
Uns spricht das geisterhafte Brausen
noch von Dianas Einsamkeit,
wir starren voller Urzeit-Grausen,
wenn über uns die Eule schreit.
Und hören wir aus kühlen Gründen,
wie eine Quelle selig singt,
will unser Vers in Auen münden,
wo süßen Hauchs die Knospe schwingt.
Doch plötzlich bricht sich dumpfes Ächzen,
ein Splittern in die Versgestalt,
titanisch scharfe Messer lechzen
nach Klarheit im Metaphernwald.
Es stürzen Ulmen, Buchen, Eichen
für odemlosen Teerbelag,
die hellen Herzen müssen weichen
vor einem trüben Menschenschlag.
Ob weiße oder schwarze Hände
zersägen ihr das lichte Bein,
nur Liebe pries der Birke Lende,
nur deutscher Vers trug Laub so rein.
Abendlichtes Schneise
Folg nur des Abendlichtes Schneise
ins Dunkel, das da ewig währt.
Was du noch sagst, o sag es leise,
verhüll die Wunde, die noch schwärt.
Im Schilf des Ufers magst du liegen,
wo träumend schwankt der schmale Kahn,
der grauen Wasser Sang soll wiegen,
o wiegen dich, du blasser Schwan.
Will Mond sein Silberhorn ausgießen
ins schmachtend rieselnde Gerank,
mußt, das vergebens späht, du schließen,
das Aug, vom Tau der Wehmut krank.
Mag sanfte Hand dich Blinden leiten
zum Kahn, der deiner harrt. O Hand
der Liebe, die in abgelebten Zeiten
den Kranz von Mohn und Veilchen wand.
Verwehte Spuren
Spuren, frisch im Schnee, wo Hasen sprangen,
und wieder Schnee, das Bild wird blind.
Lieder, die uns milde Flammen sangen,
die Seele taut, der Tau verrinnt.
Muscheln hat der Mond zum Strand getragen,
sie blassen, wenn die Sonne sinkt.
Bunten Schaumes Knistern, was wir sagen,
der Schaum des Lichts, den Trübsal trinkt.
Blitzend schält die Schneide Aprikosen,
kühl ist der Griff von Elfenbein.
Ach, dein Lächeln brachte mir noch Rosen,
die späte Glut im Schattenhain.
Birkenanmut wurde umgehauen,
das Gras erstickte im Asphalt.
Fahle Himmel, wollet nicht mehr blauen,
das Herz ist grau, die Lippe kalt.
Die Knospe Hoffnung
Laß fliehen uns zur Waldkapelle,
noch thront sie droben muschelbleich,
ward brüchig auch die Marmorschwelle,
der Benedeiten Blick ist weich.
Du, Liebe, magst im Stillen sinnen,
ich zünde uns zwei Kerzen an,
und wenn an ihnen Tropfen rinnen,
mag schmelzen auch der Schwermut Bann.
Uns hüllen huldvoll Schattenranken,
worein der Schein des Mondes bricht,
wir fühlen uns auf Wassern schwanken,
umgeistet hold von Rosenlicht.
Und gehen wir durch Dämmerungen,
wird uns zum Abendstern das Lied,
von zarten Sängers Schmerz gesungen,
das Dunkel küß, bis Liebe sieht.
Uns ist, als hab sich süßem Wehen
die Knospe Hoffnung aufgetan,
daß wir im Tal noch schimmern sehen
wie Schnee im Schilf der Nacht den Schwan.
Geknetet und behaucht
Geknetet und behaucht wird warm
der Lehm in schmutzig-kleinen Händen.
Wie Falten Wassers glänzt der Charme
an transparenten Verses Lenden.
*
Heiß in Muscheln, Formen und Figuren
pressen Kinderhände feuchten Lehm.
Streicht durch Zeilenklüfte und Zäsuren
Odem, flötet schon das Urphonem.
*
Daß sie trocknen, schlafen nasse Ziegel
in Gelassen winddurchseufzter Darren.
Dichter, noch ein Kuß, dein feuchtes Siegel,
daß die weichen Verse nicht erstarren.
*
Töpferscheibe muß sich, muß sich drehen,
und die schlanke Vase wächst heran,
Lüfte sanft durch Blüten wehen, wehen,
durchs Gerank der Zeilen schwimmt ein Schwan.
*
Wasser, sprach der anmutfrohe Weise,
magst du, Dichter, träumerisch dir ballen,
doch er wand sich selbst in dunkler Schneise
Flammenkränze, um im Licht zu wallen.
*
Geformt aus Lehm, ein wahres, schlichtes Bild
für unsre schwache, sterbliche Gestalt.
Daß aber Othem Gottes darin quillt,
macht uns bestürzt, wir taumeln ohne Halt.
*
Die Woge schwillt, die Woge schäumt,
ein Seestern zackt und schwappt am Strand.
Der Stern, den sich ein Vers erträumt,
im nächsten ist er schon verbrannt.
*
Es schüttet seinen goldenen Wein
aus klirrenden Kristalles Schalen
der Abend hin, du trinkst allein,
doch zittern nach die Traumspiralen.
*
Brackwasser läuft in lehmige Mulden
auf Muschelhorn und Ammoniten.
Gefäße, die nur zarte Schatten dulden,
sind in des Urschlamms Nacht geglitten.
Wie Schwalben ziehen
Wie Schwalben ziehen zu den milden Strahlen
an veilchenblauer Buchten Meer,
streu Irisblüten ich in irdne Schalen,
doch kommst du, Liebe, kommst nicht mehr.
Und Stimmen sind, in Purpurwolken schwebend,
wie fernes Zittern von Kristall,
mir aber tönt, aus dunklen Grotten bebend,
ein Gong, ein dumpfer, aus Metall.
Wie jene kehren heim und rupfen Gräser
und flattern auf und ab im Spiel,
stell auf den Tisch ich hin zwei Gläser,
doch eins ist, Liebe, eins zu viel.
Und Düfte sind, die dunkle Süße quillen,
um Buch und Lampe Traumgerank,
mir aber will den Durst, den heißen, stillen
die Nymphe mit dem bittern Trank.
Bündisch, einst
Erinnerung an den Nerother Wandervogel
Wehen, Brüder, euch noch Fahnen
in die Ferne bunt voraus,
hört ihr noch den Ruf der Ahnen,
überall sind wir zu Haus?
Bündisch einte uns ein Fühlen,
wenn des Nachts die Flamme sang,
Herz, es konnte kaum uns kühlen
Traube Mond im Rebenhang.
Glitzern, Schwestern, euch noch Locken,
überhaucht von Sternentau,
sagen euch noch Blütenglocken,
Liebesblicke leuchten blau?
Bündisch einte uns ein Glauben,
über dunkler Wogen Schaum
bringen uns der Anmut Tauben
grüne Zweige, Silberflaum.
Siehe auch:
http://www.luxautumnalis.de/eifelpfade-xxvii
Leiser Widerhall
Du früher Quellen leiser Widerhall,
muß ich auf dürren Pfaden schreiten,
du weißer Apfelblüten Taumelfall,
die mir aufs Nachtmoos Schneelicht breiten.
Wenn ich im Winter aus dem Fenster seh
zum Milchfleck Mond, das Herz gefroren,
ergreift mich fernen Dufts ein süßes Weh,
von Inseln her, wo du geboren.
Und streune einsam ich am Ufer lang,
das Schilf, es seufzt, das Herz muß schweigen,
hör ich, wenn Wogen schäumen, deinen Sang
aus grünem Schmelz von Muscheln steigen.
In tausend Blicken, traumblind aufgetaucht
im Einkaufsgetto, such ich einen,
von Liebreiz blau, von Unschuld überhaucht,
der mich erheitern könnte: deinen.
Dunkle Grotte, Rosenhelle
Und manchmal hört man in den Nächten weinen,
als wäre in der dunklen Waldesgrotte
erwacht die Nymphe auf bemoosten Steinen,
die längst verstummte vor dem lichten Gotte.
Dann magst du, Dichter, in die trocknen Furchen
das sanfte Rieseln und das Seufzen leiten,
mag noch mit Schlangen, mit gescheckten Lurchen
das Lied dir lispeln und durch Gräser gleiten.
Bisweilen kratzen auf des Schlafes Schwelle
die schrillen Töne einer Traumzikade,
und Eos hält zurück die Rosenhelle,
wenn Liebe schmerzt der Schmelz der Blütenpfade.
So magst du, Dichter, dich mit Ruten schlagen,
die dunkle Liebe aus dem Strauch geschnitten,
der süß erblühte in den Sommertagen,
wie Grillen schreien, was das Herz gelitten.
Die fahlen Sonnen der Erinnerung
Wenn fahle Sonnen in den Zweigen schweben,
der Aprikosen Licht im Tal
Erinnerung, ein Traubengold von Reben –
wie schmecken alle Worte schal.
Laß trinken mich von deiner Anmut Ranken
den feuchten Schimmer Morgenlicht,
mich auf dem Plätschern deines Singsangs schwanken –
ein Falter schwirrt noch ums Gedicht.
Wo wir den Weinbergschiefer leicht erklommen
und schauten in der Tiefe blau
den Strom, wo abendrötlich Rosen glommen –
wie werden alle Bilder grau.
In Halme, aus dem bittern Löß gezogen,
flicht deine süßen Veilchen ein,
mit Kerzen heb den Kranz auf weiche Wogen –
zu leuchten auf dem dunklen Rhein.
Die verlassene Braut
In Zwiedunst ist sie hingesunken,
die goldne Sonnenaprikose,
die schon vom Tau des Traums getrunken,
die Dämmerfäden wirren lose.
Und aus dem blauen Abgrund steigen,
dem Flackern gleich von Rätselchiffern,
Gestirne, kalt wie Gottes Schweigen,
nicht einer ist, sie zu entziffern.
Du hast den öden Pfad verlassen,
und bist gen Süden aufgebrochen,
ich muß im Ried wie Monde blassen
und wähnte Sonnen mich versprochen.
Wenn aber in der Morgenstunde
durchs Fenster zarte Stimmen fließen,
blüht auf sie mir, die dumme Wunde,
ich fleh um Nacht, sie zu verschließen.
Und hör ich nachts in seinem Bauer
den Sittich an das Gitter prallen,
lieg starr ich an der Schlaflos-Mauer,
wie einer Fremden klingt mein Lallen.
Und träume ich, dann von den Gärten,
wo zwischen duftenden Narzissen
ins Gras sich betten die Gefährten,
zu süßem Sang und ach zu Küssen.
Seufzt auf, wo du mir sprachst, der Weiher,
zerrinnt das Witwentuch, der Schnee,
und unterm Strahle schmilzt der Schleier.
Ergrüne, Pfad, auf daß ich geh!
Jamben auf die Pseudo-Dichter
Die Pseudo-Dichter dichten nicht mit Worten bloß,
sie borgen sich ein Charisma,
den ausgebeulten Nimbus des Poète maudit,
als sei im Blitzlicht wer verfemt,
doch sind sie auch von einem Nachtmahr heimgesucht,
der ihrer Sprache Mark zernagt,
sie mimen Baudelaire mit seinem Pansgesicht,
Verlaines Trübsal, auch nicht schlecht,
wie er betrunken greint „Rimbaud, du Schuft!“
Ja, ein Passionsspiel, close-up, das
verkauft sich gut, schäumt nur die Wunde hell,
die man sich coram publico
an bleicher Dichterstirn hat theatralisch auf-
geschlitzt mit einem zarten Schnitt.
Doch jene litten wahrhaft an der Syphilis
des Geistes, seelischem Skorbut,
in Nächten gottverlassner Obdachlosigkeit,
wo diese Bier am Messestand,
Prosecco labt. Und all das Fördergeld vom Staat:
Da hurt man mit dem Zeitgeist gern.
Wenn heuchlerisch die Wehleidsträne auch
den Schluder-Vers verschmiert,
Unleserliches geht als Hermetismus durch,
der Rhythmus katatonisch starr
sich in den Anus eines Chiffrenfetischs krallt,
erglänzt nur der Furunkel Nichts,
den eingeweihte Interpreten als Symptom
der Krankheit namens Abendland
zu deuten wissen. Doch der Reim, der Blütenkelch
an lichter Strophe grünem Zweig,
gilt ihnen als Anathema, steht unter Kitsch-
verdacht, bigottes Feigenblatt
verhehlter Schwären, die sich beim Geschlechtsverkehr
mit feiler Muse Eichendorff
einst eingebrockt hat oder Goethes geiler Knecht
im hohen Gras bei Ilmenau.
Gottlob, den Lyrik-Mädchen wallt noch rhythmisch frisch
getönt das Haar zum Nymphensteiß,
sie lassen gerne sehen, wie sie in den gold-
gerahmten Spiegel sehen, in-
krustiert mit Muscheln, das Gedicht, wie zart behaucht
von ihrem feuchten Blumenmund,
und Melusine glitzert aus dem Wörterdunst,
es glänzt die Haut vor Selbstgefühl.
Nie traute sie dem muskulösen Arm sich an,
der sie ins trockne Versmaß zieht.
Vorm Knalleffekt schreckt auch la fille sans merci
im Internet heut nicht zurück:
Sie löscht das Licht, ins Schweigen aber, ins Mystère
final, das Liebesdickicht, tropft
mit einem Mal ein Glucksen, wie getauten Schnees:
Sie weint! Nein, uriniert.
Letzter Küsse Waldarom
In den Rosen seufzt ein Schimmer,
der von deinen Lippen sank,
nur ein Schatten bleibt im Zimmer,
der von deinen Blicken trank.
Rosen in kristallner Vase
mit der Hüfte weichem Schwung,
glitzernd wie der Tau im Grase,
da uns stillte Dämmerung.
Auf den Gängen eilen Schwestern
hin, wo eins im Sterben liegt.
War’s vor Zeiten, war es gestern,
daß uns Lichtgerank gewiegt?
Von den Wänden fließen Schlieren,
fährt man spät noch hin und her.
Schlafen, o im Hain bei Tieren,
Herz, von Glanz und Bildern leer.
Doch sie läßt nicht ab zu schwingen,
Unruh einer kranken Uhr.
Wie von Kindern geht ein Singen
durch den leeren Klinikflur.
Gluten, die auf Wassern schwelen,
letzter Küsse Waldarom.
Fahler Traum seid, Asphodelen,
leise rausche, dunkler Strom.
Satans Mühle
„Mach endlich Schluß mit diesen Abgesängen!
Des Efeus Schlurfen auf den Friesen klingt
wie Rasseln in verschleimten Atemgängen.
Und jenen Quell, der dürrem Vers entspringt,
laß nur verschütten von Betonidioten,
kein Melancholiker ward je beschwingt,
dem du das trübe Wässerchen entboten.
Schließ den Reliquienladen mit Gebeinen,
in Blech-Hyperbeln eingefaßt, maroden,
Kein frisches Weib wird Talmischmuck nachweinen,
den du aus fahlem Pergament geschnitten,
ihr Auge glänzt ins Blau von Saphirsteinen.
Verhülle nicht, die leuchten, Sonnenquitten,
mit dunkler Verse Laubesüberhängen,
die nur verbergen, was du nicht erlitten.“ –
„Wer bist du denn, mich unwirsch zu bedrängen,
und mir den goldnen Becher zu verwehren,
wenn sich des müden Daseins Schatten längen?
Soll ich die fade Lust von Geistern mehren,
die faulend sich um Fäulnisgötzen ranken,
heiß wetzen, die um Lilien klappern, Scheren,
versagen mir, auf schwarzem Samt zu schwanken
mit Knospen, die sich stumm dem Mond aufschließen,
soll krank ich lallen mit den Geisteskranken?
Soll ich, die mir am Versfuß schüchtern sprießen,
die Veilchen für die Höhnenden zerdrücken,
die Säure auf der Anmut Lächeln gießen?
Wer bist du denn, den Vers mir zu zerpflücken?“ –
„Ich bin dein Gegen-Ich und schlafe neben
dir, um das Traumgesicht dir zu zerstücken.
Ich bin die schwarze Laus in deinen Reben,
die schmatzend frißt und frißt, bis ich es fühle,
kein Traubengold wird deinen Most beleben.
Zart eingefädelt tropft die Hirnkanüle,
und Bilder bröckeln, Wort zersetzt ein Keim,
Ich bin, dein Mark zu mahlen, Satans Mühle,
die bacchisch kreischt, zertrümmert sie den Reim.
Der erstickte Quell
Zwischen den zerbrochenen Amphoren
seufzen Gräser, Mythensplitter
hüllt, was früher Hymnen Glanz beschworen,
fahler Mond in Schattengitter.
Und die Hirten, die mit Flammen sangen,
Schmerz der Gluten, Liebesfunken,
sind zu fremden Göttern fortgegangen,
Pan und Nymphe sind ertrunken.
Gnadenquell, der heiße Stirnen kühlte,
unter Sternen Psalmen lallte,
daß ein müdes Herz noch Ferne fühlte,
sie erstickten Wahnasphalte.
Und die Dichter, die vom Quell empfangen
Licht, zu lösen dumpfe Zungen,
sind zu dunklen Mächten fortgegangen,
Sternensänge sind verklungen.
Der Schmerzgefährte
Gezwitscher war herabgeflossen,
verglommen Abendpurpurgold,
o, Liebe, wandle unverdrossen,
Tau sei, des Laubes Nacht dir hold.
Und dämmern ferne auch die Gärten,
wo reines Wasser weicher tönt,
du triffst bald auf den Schmerzgefährten,
der dich mit deinem Schmerz versöhnt.
Er ist vom Kreuz hinangestiegen
und fand den Himmel wüst und leer,
magst dich an seine Seite schmiegen,
die alte Wunde glänzt nicht mehr.
Sind alle Pfade auch verdunkelt
und münden in den Karst der Nacht,
ein Stern ist, der noch einsam funkelt,
der Sängern einst den Sang entfacht.
Die Liebe hält den Schmerz umschlungen,
die Augen feuchtet Liebeskuß,
sie steigen nieder, schilfumsungen,
zur Taufe in den dunklen Fluß.
Die Fäden rissen
In Mondes dunstig aufgeflockter Molke
ein schwanker Kelch, ins Dämmervlies gehüllt,
von hellen Tönen einer Purpurwolke
wardst, Nature morte, du huldvoll angefüllt.
Umwimpert noch von Schatten, bangen,
hat sich die scheue Knospe aufgetan,
was du an Strahlen gläubig eingefangen,
gibst du zurück, o Blicke, diaphan.
Es wehen Silberfäden, feuchte Funken
dir um die leere Mitte ein Gefühl,
wie Liebende dich in das Wasser tunken,
du Anmut hauchst in kahler Flammen Spiel.
Die Fäden rissen und sie wirren lose,
Gespinst am ausgeseufzten Efeublatt,
im Aschenrauch glüht eine letzte Rose,
o trunknes Lied, das keinen Duft mehr hat.
Der ausgespuckte Kern
Dies Helle „Rose“ und dies Dunkle „Tod“,
als solltest du zum ersten Mal es nennen.
Die Rose auf dem Grab, blüht sie nicht rot?
Dein wundes Herz scheint sich nicht auszukennen.
Hast du sie leichthin Lächeln nicht genannt,
vertraute Züge, die dir heiter schienen?
Als stünden Sphingen um den Brunnenrand,
verdunkelt sich der Muschelschaum der Mienen.
Liegt es nicht auf der Zunge dir, das Wort,
das einzig wahre? Jene Purpurbeere,
erglüht in früher Kindheit Dämmerhort,
die Traube, o von dunklen Süßen schwere,
gepflückt einst unter lang erloschnem Stern.
Doch plötzlich schmeckst du Bitterkeit im Munde,
und spuckst ihn aus, den abgenagten Kern,
gerötet wie im Fruchtkelch einer Wunde.
Den schwermutgrauen Herzen
Wundersam, wie Töne fließen, süße,
in eine Welt voll Bitternis und Grauen,
wie sachte streifen unbeschuhte Füße
vereiste Blumen, und sie tauen.
Als ob ein Schnee von Gipfeln leuchte, gehen
schweigend wir hinan zur kargen Stätte,
wo unterm Kreuze kleine Flammen flehen,
daß Liebestod die tote Liebe rette.
Wie lichte Tränen hingeronnen
sind in das Dunkel Lobgesänge,
der Schwestern nannte ferne Sonnen,
schritt barfuß durch die Dornengänge.
Als ob sich fern die Heimat lichte, gehen
singend wir hinab zur Gnadenquelle,
wo um ein keusches Wasser Lilien stehen,
zu schöpfen schwermutgrauen Herzen Helle.
Da du vorübergingst
Sonniges Blau marokkanischer Fliesen
lag, da du vorübergingst,
in deinem Lächeln, deinem Grüßen,
und mir war, mir war, du singst.
Von Topasen, dämmerfeuchten,
kam, wie aus dem Schilf der Nacht,
aus den Augen Meeresleuchten,
und ich schwankte, schwankte sacht.
Weicher Knospe abendliches Neigen
war des Mundes Rosensinn,
weicher noch sein Duft, das Schweigen,
und er riß, er riß mich hin.
Mond, der über Wellen zittert,
schien mir deine Seele lind,
Fenster, efeuübergittert,
meine war schon, war schon blind.
Die Märtyrer der Endzeit
So viele exzessive Posen, allzu dick
die Phrasenschminke, die verläuft,
wenn aus fanatisch grellen Augen Feuchte rinnt,
obszön vor einer Kamera.
Sie dünken Zeugen sich der Wahrheit, jenes Wals,
gejagt, gehetzt wie Moby Dick
auf allen Meeren dieser Welt von Satanas,
sie schreien, Ahab, Ahab hat
den Leib durchsiebt, den edlen Leib des Muttertiers,
das huldvoll Jonas trug ans Licht.
Ein Dämon ist der Feind, und die Harpunen, die
er schleudert, heißen geile Gier,
patriarchale männlich-toxische Gewalt,
perverse Lust auf Talg und Tran.
So sieht man spröde Mädchen, Knaben mädchenhaft,
wie trunken von der Heilsvision,
auf Plätzen sich, auf Straßen kleben fest mit Leim,
der Lymphe ähnlich, womit fromm
die Schnecke an dem Blatt von Mutter Erde klebt,
auf allen Vieren, wie Voltaire
gehöhnt, doch müssen sie nicht ein Martyrium
wie jene Zeugen dunkler Zeit
erleiden, die meineidig wurden Gott, dem Staat,
die warf man wilden Bestien vor,
und züngelte die Flamme, war es ein Gesang.
Behutsam birgt man sie, o nein,
man amputiert sie nicht, die kriminelle Hand,
wie’s gern geschieht in Allahs Reich,
woher sie edle Sprossen dieser feinen Kunst
des Lebens gern dem morschen Stamm
der Dichter und der Denker pfropfen, bis am End
ihn fälle Genosuizid,
nein, die auf Bilder alter Meister Schleim und Quark
geschmiert als tristes Menetekel,
daß alles Schöne in die Sintflut sinkt, sie schickt
man gnädig an das Mikrophon,
damit sie vor der Meute geifernder Journaille,
Kassandra gleich vor Trojas Fall,
schrill ihr Lamento psalmodieren, bald, schon bald
versänk Elysium im Meer,
wenn nicht der weißen Phallokraten Sünderschar,
kastriert zum Heil der Welt,
eunuchenhaft Blaustrümpfen Soja-Trank kredenzt.
Das Dogma, ihnen offenbart
allein, thront als Arkanum über dem Gesetz.
Ein infantiles Charisma,
es blendet selbst Frau Lockenstolz, Herrn Bierschmerbauch,
klagt, irren Blicks, den Tränen nah,
psychotisch zappelnd noch im elterlichen Netz,
die Kindfrau vor dem Heuchlerrat,
wir könnt ihr’s wagen, uns die Zukunft, uns die Luft
zu rauben, und es braust Applaus.
Verführtes Kind, Verführerin, kehrt Greta heim,
wo gleich sie in den Käfig schaut,
doch war zu lange sie auf Welterlösungsfahrt,
der Sittich, er verstarb derweil.
Der kleine Stoiker
Da hüpft er, Mick, mein Mickilein, von weitem hat
er mich erkannt, der treue Hund.
Und wedelnd kreist er um sich selber, wie er blinkt,
der onyxschwarze Augenstern.
Ja, ja, schon springst du hoch und kratzt und tapst und schniefst,
die Schnauze in der Tasche fast
vergraben, wo ein Leckerli für meinen Mick
schon lang auf sein Gejapse harrt.
Was dir begegnet, kleiner Stoiker, dünkt dich
genug, du überschnüffelst nicht
mit deiner feinen Nase, was die Welt begrenzt,
die du bewohnst. Das weißt du nicht,
daß über Fluß und Tal und Berg ein andrer Hund
gelebt, dir ähnlich ganz, wie du
gerufen Mick von einem guten Frauchen, das
dem deinen ähnelte, doch fand
man sie vor Wochen kalt und bleich in ihrem Bett,
der kleine Mick, der Zwillingshund,
lag auf dem Kissen neben ihr, war schon ganz ab-
gemagert und er keuchte schwer,
starb auch dahin, als man die Alte hob zum Sarg.
Du kennst, o Glück, nur einen Tag,
vom ersten Strahl des Morgens bis zum Abendrot,
vom Frühling bis zum weichen Schnee,
doch wüßtest du zu raten und zu sagen nicht,
wär dir die Zunge auch gelöst,
ob diese blütenweißen Flocken Winterzeit,
ob jener Schnee nicht Lilien meint,
den Abgrund zwischen einst und jetzt, ihn füllt dir auf
das dunkle Rieseln deines Schlafs.
Von Tür zu Tür, von Duft zu Duft, von Strauch zu Strauch
durchwandelst du den engen Kreis,
und doch erhellt in deinen Adern sich das Blut
von einem Tropfen Himmelslicht.
O leuchte Herz, das in des Lebens Dunkel pocht,
bleib wach für deinen leichten Traum.
Und fühlst du, wie die Bilder blassen, wie der Blick,
der mütterlich dich oft geküßt,
verschwimmt, leg dich ins Gras, die Augen schließ, laß still
verwehen letzten Sommers Hauch.
Und geht sie dir voraus, die dich umsorgt, geliebt,
und machte dir ein Bett aus Flaum,
magst du ihr folgen und nicht schmachten vor dem Grab,
wo weicher Tau von Veilchen rinnt.
Einer saß am Straßenrand
Einer saß am Straßenrand,
glotzte auf die Flimmerscheibe,
hielt das Handy in der Hand,
frug sich, wo die Liebe bleibe.
Und er hatte auf der Bank
aufgeschichtet Ahornblätter,
Liebe liegt darunter krank,
hofft nicht mehr auf ihren Retter.
Blatt um Blatt aus feuchtem Gold
fiel zur Nacht, der sternenlosen,
war der Sommer ihr auch hold,
Liebe blich mit Herbstzeitlosen.
Hielt das Handy er ans Ohr,
ob es wie die Muschel klinge,
was sich, Schaum des Lichts, verlor,
Äthernacht ihm wiederbringe.
Doch ihm riß ins Trommelfell
Löcher trostlos-kaltes Klirren,
Dunkelheit wird nicht mehr hell,
Liebe, mußt bei Schatten irren.
Und er hob den Blätterstoß,
warf ihn unwirsch auf die Gasse,
o der Tod lockt mehr als Schoß,
fühlt die Liebe, daß sie blasse.
Vespertina spes
Über Wolken hoch, verworrnen Wegen
blauer langgedehnter Abendklang,
als gewähre unverhofften Segen
grauen Herzen himmlischer Gesang.
Sag mir, sind es Glocken, die noch schwingen
im verschneiten Wald der Weihezeit,
ist es milder Flammenzungen Singen,
das ein heiles Antlitz benedeit?
Auf den Wassern tief, den hohen Matten
blindlings hingeküßter Abendstrahl,
als beglücke, die verseufzen, Schatten,
Traum zu trinken aus dem Gnadengral.
Sag mir, sind es Knospen auf den Hängen,
die im Hauch des Monds sich aufgetan,
sind es Funken aus den Sterngesängen,
hellen Tones wie von Porzellan?
Wie im eignen Grab
Wieder sah ich dich nicht, wieder verlosch der Mond
hinter Türmen der Stadt, ohne den Trost, den mir
deiner Anmut Gestalt und
lieblich duftend dein Wort gewährt.
Einsam geh ich noch aus, mottendumpf schwirrt der Blick
über funkelndes Blech, wie es mich graust, seh ich
durch Gardinen den Spuk, das
tragikomische Schattenspiel.
Hockt noch murmelnd ein Weib, reckt mir den Napf und grüßt,
so vertraulich wie dreist. Endlich, der Abend schweigt,
und die Pforte ist auf, die in den Garten führt,
wo wir beide zur Sommerzeit
plaudernd saßen allein, und aus dem Laube troff
weich gefiederter Sang, schimmerndem Schleier gleich
floß dein Lächeln um mich und,
o Hauch, südlicher Meere Schaum
war darin und die glüht, dämmert Dianas Hain,
der Zitrone Geruch. Ich aber schlich zurück,
fand verriegelt das Tor, barg
mich im Gras wie im eignen Grab.
Der Tropfen Reim
Wie im zarten Morgenlicht
Traumes Ranken bleichen,
tut sich auf dein Angesicht,
Knospe ohnegleichen.
Wicken schüttelt wach der Wind
an verschlungnen Gittern,
Wimpern, die noch trunken sind,
Azur küßt, sie zittern.
Wie ein Hauch die Halme wiegt,
summt des Sommers Süße,
Mund, von weichem Mund besiegt,
öffnet seine Schließe.
Was er kündet, scheint geheim,
Duft aus dunklem Moose,
bis er glänzt, der Tropfen Reim,
an der Purpurrose.
Was dein Lächeln scheu verhüllt,
blauer Blicke Feuchte,
hat den Vers mit Tau gefüllt,
daß die Blüte leuchte.
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